Chapter 25 of 27 · 3898 words · ~19 min read

Part 25

»Was der gegenwärtige Hilfszug an Menschenleben und Geldopfern kosten kann, ist nicht zu ermessen und wird vollständig zwecklos sein; die Unschlüssigkeit unserer Regierung ist an allem schuld. Hätte man von Anfang an gesagt: ›Es geht uns nichts an und wir regen keinen Finger, wenn die Besatzungen im Sudan umkommen‹, hätte man nichts gethan um Tokar zu entsetzen, hätte man mir nichts von Entsatz telegraphiert (s. Telegramm vom 5. Mai, Suakim, und vom 29. April, Massaua), statt dessen vielmehr die drei Worte: ~Hilf dir selber!~ dann könnte kein Mensch sich beschweren. (Gordon fügt in Parenthese bei, daß, während einerseits Baring im Namen der Regierung telegraphierte, daß britische Truppen zum Entsatz Berbers ~nicht~ bewilligt würden, der englische General Graham andererseits Befehl erhielt, den Osman Digna anzugreifen.) Aber die Regierung wollte das nicht sagen, daß sie die Besatzungen im Stich zu lassen gesonnen sei, und darum unterblieb das ›Hilf dir selber‹. Das ist's, was uns die Hände gebunden hat. Hätte ich die Flucht ergriffen, so wäre ich selbst unserer Regierung gegenüber ein Deserteur gewesen; andererseits freilich hat mein Bleiben den gegenwärtigen Hilfszug nötig gemacht. Baring meldete mir klar und deutlich den Befehl, nicht ohne spezielle Erlaubnis der Regierung an den Äquator zu gehen. (Wenn Gordon sich nämlich hatte retten wollen, so wäre das sein Ausweg gewesen.) Ich rechte durchaus nicht darüber mit der Regierung, daß sie den Sudan hat fahren lassen. Es ist ein erbärmliches Land und nicht wert, daß man es halte; aber das sage ich: die Regierung hätte im März den Mut haben sollen zu sagen: ›Hilf dir selber!‹ Damals hätte ich es thun können; jetzt bin ich Ehren halber an dies Volk gebunden, nachdem sechs Monate in unnützem Widerstand hingegangen sind ... Ich sage dies, weil niemand die Geld- und Menschenopfer dieses Hilfszugs mehr beklagt als ich, und niemand kann die Schwierigkeiten besser ermessen als ich; nach allem aber was hinter uns liegt und dank der Unschlüssigkeit unserer Regierung haben wir keine andere Wahl. Es handelt sich für uns jetzt darum, wie wir mit unserer Ehre und mit möglichst geringen Opfern am besten davon kommen. Gebt das Land den Türken, das ist die einzige Lösung der Frage. Hoffentlich denkt niemand, daß ich aus Eigensinn Schwierigkeiten mache; wollte Gott, ich wäre glücklich fort von hier, wo ich seit Februar keine ruhige Stunde gehabt habe! ... Bis vor kurzem waren wir völlig im dunkeln, ob die Regierung die Besatzungen im Stich lassen will oder nicht. Hätte ich meinen Posten verlassen, so hätte man mich als Deserteur darum zur Verantwortung ziehen können, weil ich die Dampfer und Kriegsvorräte in des Mahdi Hand hätte fallen lassen. Denn wenn ich Reißaus nehme, so dauerte es keine fünf Tage und der Mahdi wäre hier ... Ich wiederhole, die englische Regierung wäre, sofern es mich betrifft, aller Verantwortung ledig, hätte man mir nur den Entschluß übermittelt: ›Hilf dir selber, wir lassen die Besatzungen im Stich.‹ Dann hätte ich gewußt, woran ich bin, hätte den Leuten sagen können, daß auf Hilfe nicht zu rechnen ist, und hätte keine sechs Wochen gebraucht, um den Äquator zu erreichen. Und ich hätte das in Ehren thun können; denn sobald es einmal feststand, daß man uns im Stich ließ, mußte mein Hierbleiben darauf hinauslaufen, daß ich mit den Khartumern eingeschlossen würde, was ihre Lage nicht bessern konnte, im Gegenteil den Mahdi nur um so mehr aufbringen mußte.«

Wir geben diese Stellen gern ausführlich, weil die Anklage damit am besten widerlegt ist, die hin und wieder gegen Gordon laut geworden, er habe sich die Folgen seines Bleibens selbst zuzuschreiben.

Weiter sagt er:

»Hätte ich einen Versuch gemacht mich zu retten, so hätten die Leute hier etwa so geurteilt: ›Sie sind zu uns gekommen, und wir vertrauten Ihnen; wären Sie nicht gekommen, so hätte wohl mancher von uns sein Heil in der Flucht versucht, so aber verließen wir uns darauf, was Sie für uns thun würden. Wir haben seit Monaten Entbehrung über Entbehrung gelitten, um die Stadt zu halten. Wären Sie nicht gekommen, so hätten wir uns dem Mahdi ergeben; jetzt aber, nach unserm langen Widerstand, haben wir keine Barmherzigkeit von ihm zu erwarten, und er wird das vergossene Blut bitter an uns rächen. Sie haben unser Geld entlehnt und uns versprochen, es solle uns sicher wieder gegeben werden; wenn Sie uns verlassen, so ist alles verloren. Es ist Ihre Pflicht und Schuldigkeit, bei uns zu verharren und unser Los zu teilen. Wenn die englische Regierung uns im Stich läßt, so ist das kein Grund, daß Sie uns im Stich lassen, nachdem wir uns all die Zeit her an Sie gehalten haben.‹ ›Und darum,‹ fügt Gordon mit Nachdruck hinzu, ›~erkläre ich ein für allemal, daß ich den Sudan nicht verlasse, bis jeder sich hat retten können, der's nötig hat~, bis eine Regierung hier aufgerichtet ist, die mich meiner Pflicht entbindet. Und wenn jetzt ein Befehl kommt, der mich gehen heißt, ~so werde ich nicht gehorchen, sondern bleibe hier und falle mit der Stadt und teile ihre Not~.‹«

Er giebt anderswo zu:

»Ich fürchte, ich bin ein allzu selbständiger Offizier, aber so bin ich und kann's nicht ändern. Ich habe nicht einmal Verstecken mit meinen Vorgesetzten gespielt! Wenn ich die Regierung wäre, würde ich so einen, wie ich bin, nie anstellen; denn ich bin unverbesserlich.«

Aber er sagt auch:

»Ich bin mit dem Auftrag abgesandt worden, den Sudan zu räumen, und nicht um Reißaus zu nehmen und die Besatzungen im Stich zu lassen.«

Mit andern Worten, zu einem ehrlosen Auftrag hätte er sich nicht bereit finden lassen, und nachdem er einmal abgesandt war, will er die Hand zu einer Ehrlosigkeit nicht bieten. Sehr richtig macht er auch darauf aufmerksam, daß, wenn die Regierung mit ihrer langen Saumseligkeit recht hatte, es dann auch recht gewesen wäre, dabei zu verharren.

»Das ist mir ein Rätsel,« sagt er, »wenn es jetzt wohl gethan ist, uns zu Hilfe zu kommen: warum war's nicht recht, das früher zu thun? Es ist ganz schön von den Schwierigkeiten der Regierung zu reden, aber das läßt sich nicht leicht wegerklären, daß eine stille Hoffnung im Hintergrund war, ein Zuhilfekommen könnte durch unsern Fall erspart werden! Was mich persönlich angeht, so will ich niemanden Vorwürfe machen; aber es ist mir nicht sehr darum zu thun, mit Verehrung von Leuten zu reden, seien sie wer sie wollen, die sich mit solchen Hintergedanken abgeben können ... Ich weiß in der ganzen Weltgeschichte kein Beispiel von ähnlicher Handlungsweise, wenn ich nicht etwa auf David mit Uria dem Hethiter Bezug nehmen will, und da war eine Eva im Spiel -- eine Entschuldigung, die im vorliegenden Fall meines Wissens nicht existiert. Ich wiederhole, ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn man den Besatzungen nicht helfen will, ich verdamme nur die Unschlüssigkeit. Man hatte nicht den Mut ehrlich zu sagen: wir lassen euch im Stich; man verhinderte es, daß ich an den Äquator ging, mit dem stillen Vorsatz, mir nicht zu Hilfe zu kommen, und -- soll ich sagen mit der Hoffnung? ... (›März, April u. s. w. ~sechs Monate~! hält er noch immer aus?‹) ja, das ist's, was ich der Regierung vorwerfe.«

Es ist schwer, den Machthaber in London ein gerechteres Zeugnis über ihr Verhalten zum Sudan auszustellen, als Gordon es hier thut, und der Leser hat hoffentlich genug Beweise davon in diesem Buch, daß Gordon nicht aus persönlichen Rücksichten so redet; für sich selbst begehrt er nichts; er will heute sein Leben hingeben, wenn es sein muß, aber schwarz will er nicht weiß nennen und Unehre nicht für Ehre gelten lassen, und er wird nur gegen die bitter, die solches von ihm zu erwarten scheinen. Er ist sich selbst treu geblieben, und das kostete ihn sein Leben. Daß er nie wieder nach England zurückkehren und keinen Heller Entschädigung annehmen werde, spricht er mehr denn einmal in seinen Tagebüchern aus. Er hätte diesen Entschluß ohne Zweifel auch ausgeführt.

Daß des Mahdi Machtentfaltung auf den Fanatismus des Volks zurückzuführen sei, giebt Gordon nicht zu; er sagt vielmehr, seiner Erfahrung nach gebe es selbst in jenen fanatischen Ländern heutzutage nicht viel reinen Fanatismus mehr. Es handle sich bei den meisten Leuten vielmehr lediglich um den irdischen Besitz; es sei eher eine Art Kommunismus unter der Flagge der Religion. Und Gordons alter Humor macht sich geltend, als er erfährt, daß nicht einmal der Mahdi ein ehrlicher Fanatiker, sondern ein »Humbug« sei. Ein aus dem feindlichen Lager entronnener Grieche erzählte ihm nämlich, daß der Mahdi Pfeffer unter den Fingernägeln habe, damit ihm Thränen zu Gebot stünden, wenn er Audienz gebe. Auch begnüge er sich, wo er gesehen werde, mit ein paar Körnlein Durra, in den verborgenen Räumen seiner Wohnung aber lebe er herrlich und in Freuden und versage sich selbst geistige Getränke nicht.

»Ich muß gestehen,« sagt Gordon, »seit ich das weiß, habe ich allen Geschmack am Mahdi verloren; bis jetzt konnte man sich doch wenigstens damit trösten, daß man es mit einem anständigen Fanatiker zu thun habe, der an seine Sendung glaubt. Wenn einer sich aber mit Pfeffer unter den Fingernägeln abgiebt, so ist's wirklich eine Demütigung, sich ihm ergeben zu sollen! ...«

Da übrigens Thränen doch im allgemeinen als ein Beweis der Aufrichtigkeit gelten, so setzte Gordon hinzu, das Rezept lasse sich vielleicht auch Staatsministern empfehlen.

Unter den Mohammedanern seiner nächsten Umgebung, nämlich seinen Dienstboten, machte er ähnliche Entdeckungen.

»Wenn sie nicht mit Essen beschäftigt sind, dann sind sie am Beten; und wenn sie nicht beten, dann schlafen sie oder sind krank. Man hat wirklich Mühe, sie in den Zwischenpausen zu kriegen; es ist schlechterdings nichts mit ihnen anzufangen, wenn sie auf eine dieser vier Festungen sich zurückziehen, essen, beten, schlafen oder krank sein, und sie wissen es. Man wäre ja ein Bengel, wenn man sie daraus verjagen wollte (was ich übrigens doch manchmal thue). Es gilt einen Befehl abzufertigen, man sieht sich nach seinem Diener um, und der Mensch hält seine Andacht. Ich muß sagen, es ist ein prächtiges Land, um einen Geduld zu lehren! Es ist auch höchst seltsam, aber so oft ich Ursache habe aufgebracht zu sein, was wohl täglich mehrmals vorkommt, ist die ganze Dienerschaft mit ihren Gebetsverrichtungen beschäftigt. Ihre Religion folgt sozusagen der Tonleiter meiner Stimmungen. Sowie ich guter Laune bin, sind sie Heiden.«

Gordons natürliches hitziges Temperament machte sich bis zuletzt geltend; aber seine Zornausbrüche sind von so viel Gutmütigkeit erfüllt, daß ihnen der Stachel genommen ist. Wie er selbst einmal bemerkte, schienen ihn die Leute gerade dann am liebsten zu haben, wenn ihm, wie das Sprichwort sagt, der Gaul durchging. So ereignete es sich zwei Monate vor dem Ende, daß eines Abends spät durch drei Sklaven die Nachricht nach Omderman gebracht wurde, die Araber gedächten am folgenden Morgen einen Angriff zu machen. Es wurde nach Khartum gemeldet, aber der Telegraphist meinte, es wäre auch am andern Morgen noch Zeit, dem Generalgouverneur die Depesche vorzulegen. In der Frühe wurde Gordon durch ein heftiges Schießen bei Omderman geweckt, die Araber hatten in der That einen bedeutenden Angriff gemacht, und Gordons Dampfer mußten erst noch geheizt werden. Es folgten mehrere Stunden, die, wie er sagte, ihn um Jahre älter machten -- es war das heißeste Gefecht, das die Belagerten bis dahin ausgehalten hatten. Als Gordon vernahm, daß der Telegraphist eine Hauptschuld trug, dem es oft genug eingeschärft worden war, zu jeder Stunde Gordon nötigenfalls zu wecken, bestrafte ihn dieser mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen, die ihn aber alsbald reuten und ihn veranlaßten, dem Geohrfeigten fünf Thaler zu schenken. Er dürfe ihn totschlagen, erwiderte der Telegraphist, ein schwarzbrauner Jüngling, denn er sei ja sein Vater! Ein andermal handelte es sich darum, einen neugebauten Dampfer zu taufen. Die Leute wollten ihn »Gordon« nennen, was er mit dem Bemerken ablehnte, es sei keine Gefahr vorhanden, daß die Stadt ihn je vergessen werde, habe er doch die meisten von ihnen auf alle mögliche Weise seinen Zorn schon fühlen lassen; sie sollten den Dampfer lieber »Sebehr« heißen!

Daß Gordon durch die ganze schwere Belagerungszeit dem Ausgange ruhig entgegen sah, wissen wir; daß es nicht ohne viel innerliches Leiden abging, spiegelt sich wieder und wieder in den Tagebüchern ab. Merkwürdig ist folgende Stelle:

»Oft, seit wir eingeschlossen sind, haben wir die Frage aufgeworfen, ob es wirklich unmännlich ist, sich zu fürchten, wie die Welt sagt. Ich sage offen, daß ich fortwährend in Furcht schwebe und zwar recht gründlich. Ich fürchte die möglichen Folgen der Gefechte. Todesfurcht ist's nicht, die habe ich gottlob ja längst überwunden; aber ich fürchte Niederlagen und was sie bringen. Man spricht von ruhigen Leuten, die sich durch nichts anfechten lassen -- es giebt keine, d. h. es giebt Leute, die es äußerlich nicht zeigen, was sie innerlich fühlen. Daraus folgere ich, daß ein Heerführer nicht in vertrautem Umgang mit seinen Offizieren leben soll, denn sie beobachten ihn mit Luchsaugen und nichts ist ansteckender als Furcht. Mich hat es schon fuchswild gemacht, wenn ich etwa vor Besorgnis nicht essen konnte und dann merkte, daß es meinen Tischgenossen ebenso ging.«

Wenn Gordon auch nicht Furcht im gewöhnlichen Sinn, so doch Besorgnis in reichlichem Maße kannte, so ist's kein Wunder. Er hat es öfters ausgesprochen, daß es eine Art Verhängnis in seinem Leben war, in all seinen Kriegsunternehmungen es mit mehr oder weniger wertlosen Truppen zu thun zu haben. Das Jahr in Khartum setzte auch in dieser Hinsicht seinem Leben die Krone auf; und was die Zivilverwaltung betrifft, so stand es damit nicht besser. Wenn etwas geschehen sollte, so mußte er selbst darnach sehen, und die Last eines jeden Departements lag auf seiner Schulter.

»Einen jeden Befehl, und wo sich's doch um das Interesse der Leute selbst handelt, muß ich zwei-, dreimal wiederholen. Ich kann wahrlich sagen, ich bin des Lebens müde; Tag und Nacht, Nacht und Tag ist's ~eine~ fortdauernde Plage.«

Von den Baschi-Bosuks, die ihm ja von jeher ein Dorn im Auge waren, kann er zuletzt nur noch sagen, er werde sie in Watte einwickeln und aufheben; all seine übrigen Ägypter, die Offiziere nicht ausgenommen, ist er bereit, den heranziehenden Engländern zu schenken in der Hoffnung, daß er sie dann nie wieder sehen möchte. Nachdem der »Abbas« seine Gefährten davon getragen hatte, war nicht ein Mensch in der Stadt, auf den er sich verlassen konnte; er nennt es eine peinliche Lage. Der österreichische Konsul Hansal war zwar noch da; als Gordon aber hörte, derselbe beabsichtige sich mit seinen sieben Frauenspersonen zum Mahdi zu schlagen, hatte er nur die eine Antwort: »Ich hoffe, er wird es thun!«

Noch am 3. Dezember entwirft Gordon ein Programm, wie zu helfen sei, und wenn auch von zweifelhafter Moral, so wäre es doch für die Engländer der kürzeste Weg aus der Patsche:

»Die britische Entsatz-Expedition kommt, um britische Unterthanen aus der Not zu retten, ~lediglich aus diesem Grunde~; man findet, daß einer dieser Unterthanen hier Befehlshaber ist; man rettet ihn, und ehe er sich retten läßt, setzt er, an der Genehmigung des Khedive nicht zweifelnd, Sebehr als seinen Nachfolger ein, dem es zufällig verstattet worden war, sich als Privatmann in Familienangelegenheiten nach Khartum zu begeben. Wer kann da der britischen Regierung einen Vorwurf machen -- kein Mensch. Sie hat den Sebehr nicht eingesetzt, und des Thewfik Regierung geht sie nichts an; man ist nur gekommen, um die eigenen Unterthanen zu retten, und Gordon ist der Mann, der die Ernennung Sebehrs zu verantworten hat! Nicht einmal Thewfik hat eine Verantwortung in der Sache, denn Gordon hat es auf seine eigene Verantwortung hin gethan! Ist das nicht ein prächtiger Plan? Denn erstens reinigt er die britische Regierung von aller Schuld, zweitens legt er mir die Schuld auf, und in dem Wetter, das über mich ergehen wird, werde ich so gründlich übergossen werden, daß man -- ich will nicht schimpfen, noch die Monate zählen -- sagen wir, daß man den bisherigen Verzug dabei ganz übersehen wird. Ja man wird am Ende gar die Regierung noch tadeln, einem solchen Subjekt von britischem Unterthan überhaupt zu Hilfe gekommen zu sein. Das Ministerium kann sich dann ins Fäustchen lachen, und die Fabel bleibt aufrecht erhalten, daß der Sudan oder Ägypten uns nichts angeht. Der Gegenpartei wird's der reine Verdruß sein, wenn die Regierung auf eine so anständige Weise aus ihrer Patsche kommt, während die Gesellschaft zur Unterdrückung des Sklavenhandels und alle Tugendhelden in Europa die Schalen ihres Zorns über mich ausgießen. Und ich entgehe auf diese Weise allen Ehren und Belohnungen, denn man wird höhern Orts nur zu gern die Gelegenheit ergreifen und sagen: ›Nach solch niederträchtiger Handlungsweise kann man den Mann ja nimmer anstellen,‹ als ob sie nicht wüßten, daß er »Belohnungen« so wie so nicht annähme! Es kann mir überhaupt gleichgültig sein, was über mich gesagt wird, denn da ich nicht wieder nach England zurückkehren will, so kann viel in die Zeitungen geschrieben werden, was ich nicht sehe. Es ist in jeder Hinsicht ein vorzügliches Programm!«

Und weiter meint er, er wisse wohl, was über ihn gesagt werden würde, jedenfalls ~einen~ wisse er, der ausrufen werde:

»Mein lieber Gordon, wie kann man so handeln -- ~wären~ Sie doch lieber gestorben, ehe Sie sich so weit vom Pfad der Rechtlichkeit verirrten!«

»Vergnügte Weihnachten!« setzte er trocken hinzu.

Am Tag, da er dies schreibt, berichtet er von drei Schlachten, während die Stadt fortwährend beschossen wird; und abends nach sieben fingen die Araber noch einmal an, weil die Zinkenisten in der Stadt das ›Salaam Effendina‹ (das ägyptische ›Heil unserm Fürsten, Heil!‹) aufspielten. Am 5. Dezember beschließt er einen Ausfall, um dem Fort Omderman zu Hilfe zu kommen, das in bedrohter Lage war.

»Ich habe nun fast alle Hoffnung aufgegeben, die Stadt zu retten,« sagte er, »dieser Ausfall ist ein letzter Versuch, um die Verbindung mit Fort Omderman wieder herzustellen.« Am folgenden Tage schrieb er: »Ich habe den Gedanken aufgegeben, eine Landung bei Omderman zu bewerkstelligen, wir haben keine Möglichkeit es zu thun.« Am 7. Dezember: »Heute der zweihundertundsiebzigste Tag unseres Eingeschlossenseins. Die Araber haben von ihren Kanonen bei Guba acht Bomben abgeschossen, eine fiel in der Nähe des Palastes, richtete aber keinen Schaden an.«

Daß Gordon am zweihundertundsiebzigsten Tag seiner hoffnungslosen Verteidigung der Stadt nicht leichten Herzens sein konnte, bedarf gewiß nicht des Nachweises; dennoch kann er seine Belagerungsnotizen an jenem Tag mit dem Satz unterbrechen:

»Mein Truthahn hat eines seiner Weiber umgebracht, Grund unbekannt; wahrscheinlich geheime Korrespondenz mit dem Mahdi, oder sonst eine Haremstreulosigkeit.«

Es war Gordons Art und Weise, einen unliebsamen Gegenstand mit einem Gewaltsprung zu verlassen, als ob er einen Scherz machen müßte, um der Sorge Herr zu werden. Gold aber wird durchs Feuer bewährt; auch Gordon mußte hindurch. Was mag er innerlich gelitten haben im Blick auf die ihn umgebende Not einerseits, in Gedanken an seine Landsleute und ihr Verhalten andererseits! »~Der Allmächtige hilft mir durch!~« schreibt Gordon. Hätte dies tapfere Herz nur gewußt, wie England, ja, wie die ganze weite Welt in jenen Tagen um ihn sorgte -- aber es war ihm versagt. Er stand im Feuer in großer Einsamkeit, der Allmächtige allein war bei ihm.

Die Belagerung stand nun im zehnten Monat, und nicht nur sah man der Erschöpfung der Lebensmittel entgegen, sondern, was fast noch schlimmer war, auch der Schießbedarf ging auf die Neige. Zwar wurde unter Gordons Aufsicht Pulver bereitet und sein Arsenal lieferte täglich mehrere tausend Patronen -- der Verbrauch aber war zu groß. Am 11. Dezember bringt sein Tagebuch die Notiz:

»Ich habe der ganzen Besatzung Extralöhnung für einen Monat gegeben, nachdem sie bereits solche für drei Monate erhalten hat; ja ich würde nicht zögern, ihnen zwei Millionen Mark zu bewilligen, wenn ich dächte, es hielte die Stadt.«

Das sind inhaltsschwere Worte, nur noch mit Geld oder Geldversprechungen war seine Mannschaft bei der Fahne zu halten!

Am 14. Dezember schließen die Tagebücher folgendermaßen -- es ist Gordons letzte Botschaft an seine Landsleute:

»Die Araber haben heute früh zwei Bomben auf den Palast abgefeuert. Vorrat: 546 Ardeb Durra und 83525 Oke Zwieback! Halb elf Uhr -- die Dampfer sind bei Omderman mit den Arabern im Gefecht, und ich sitze auf Kohlen. Halb zwölf Uhr -- die Dampfer sind zurück; den Bordeen traf eine Bombe in die Batterie; nur ein Mann der Unsrigen verwundet. Morgen soll der Bordeen mit diesem Tagebuch abgehen. Hätte ~ich~ zweihundert Mann vom Entsatzzug zu befehligen, mehr sind nicht nötig, so würde ich gerade unterhalb Halfaja die Araber angreifen und dann nach Khartum vorrücken. Ich würde mich dann mit dem Nord-Fort in Verbindung setzen und weiteres Handeln von den Umständen bestimmen lassen. ~Das merkt euch~, wenn der Entsatz, und ich verlange nicht mehr als zweihundert Mann, nicht in zehn Tagen hier ist, kann ~die Stadt fallen~; und ich habe gethan, was ich konnte, für die Ehre unseres Landes. Lebt wohl.

C. G. Gordon.«

Er hat die Stadt nicht zehn, sondern noch dreimal zehn Tage gehalten; aber was nach dem 14. Dezember geschehen, wird schwerlich je in völlig authentischer Weise bekannt werden. Ohne Zweifel hat er bis zum letzten Tag seine Notizen niedergeschrieben, aber sein siebentes Tagebuch ist entweder in die Hand des Mahdi geraten oder in der allgemeinen Zerstörung zu Grunde gegangen.

Gordon wußte wohl, daß die Besatzung zum äußersten gebracht war. Allerlei Anzettelungen in der Stadt und geheime Unterhandlungen mit dem Mahdi nahmen überhand. Es ist bemerkenswert, daß Gordon, selbst eine redliche Seele wie wenige, sein Leben lang immer wieder die Erfahrung machen mußte, daß andere ihn im Stich ließen oder gar mit Treubruch ihm begegneten. Es bringt ihn zu dem Geständnis, daß der Mensch von Natur ein trügerisches Geschöpf sei. Psalm 116, 11 lautet in der englischen Übersetzung: ›Ich sprach in meiner Eile (Übereilung): alle Menschen sind Lügner‹; das hätte der Psalmist auch mit Bedacht sagen können, schrieb Gordon im September 1884. Ob die Stadt durch direkten Verrat fiel, wie man in der ersten Zeit nach der Katastrophe allgemein annahm, ist nicht klar erwiesen, so viel nur ist gewiß, daß die ausgehungerte Besatzung zur Übergabe bereit war, daß Gordon also allein stand in der großen Not. Der Mahdi war durch Überläufer aufs genaueste von allem unterrichtet, und es war seine Absicht, die Stadt zuletzt ohne Schwertstreich durch Hunger zu bezwingen.

Gordons Tagebuch unterm 14. Dezember enthielt die letzte bestimmte Nachricht über Khartum. Die Lage der Stadt war schon damals eine äußerst kritische, »sie kann in zehn Tagen fallen,« schrieb er. Den noch vorhandenen Mundvorrat giebt er an jenem Tage auf 83525 Oke Zwieback und 546 Ardeb Durra an. Nach seinen fast wöchentlichen Angaben der Vorräte läßt sich berechnen, daß bei Einschränkung der Durra-Rationen die Verabreichung des Zwiebacks an die Truppen bis zum 14. Dezember nicht geschmälert worden war, und daß der an diesem Tag erwähnte Vorrat allein durch den Bedarf der Truppen in etwa achtzehn Tagen erschöpft sein würde. Aber schon am 22. November hatte Gordon den Armen der Stadt 9600 Pfund Zwieback verabreichen müssen. Er bemerkte dabei: »Ich bin entschlossen, daß wenn die Stadt fällt, der Mahdi blitzwenig hier zu essen finden soll.« Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß es von da ab nötig war, den ärmeren Einwohnern Rationen zu bewilligen, und selbst bei größter Sparsamkeit mußte der Vorrat mit dem 1. Januar 1885 so ziemlich auf der Neige sein.

Man versetze sich in die Lage der von allen Seiten eingeschlossenen Stadt an jenem 14. Dezember, dem 277sten Tag ihrer Not! Es war fast auf die Stunde zu berechnen, wie lang die letzten ärmlichen Nahrungsmittel noch ausreichen konnten, schon jetzt ist Hunger die tägliche Losung, Entkräftung der Mannschaft und drohender Verrat sein Gefolge. Keine Nachricht vom Entsatzheer, wie ängstlich man desselben auch harrt, und täglich schwächer wird die Hoffnung, daß es rechtzeitig eintreffe, täglich geringer wird der Mut der Mannschaft und täglich giebt's Überläufer zum Feind.