Part 19
Was für Anstrengungen machen die Menschen, um körperliche Leiden zu heilen, was für Summen läßt man es sich kosten. Welche Krankheitsdiagnosen werden gemacht und doch -- selbst die wirksamsten Arzneien können das sichere unausbleibliche Ende nur um ein kurzes hinausschieben. Wahrlich, wenn man es sich so angelegen sein läßt, körperliche Leiden zu untersuchen, wie viel mehr sollte man die Ursache und das Heilmittel der geistlichen Krankheit erforschen. Denn daß wir geistlich krank und nicht so sind, wie wir sein sollten, daran zweifelt wohl keiner.
Wenn im natürlichen Leben ein Gift in den menschlichen Körper geraten ist und ihn mit seiner schädlichen Wirkung durchdringt, so muß in denselben Körper ein Gegengift aufgenommen werden, um mit seinen heilenden Kräften jene bösen Folgen zu vernichten.
Einer, der vergiftet ist, fragt nicht lange, auf welche Weise das Gegengift wirkt; er versteht die gute Wirkung des Gegengiftes vielleicht so wenig, als er die schädliche Wirkung des Giftes zu erklären weiß; er weiß nur, daß er leidet und geheilt werden möchte. Er nimmt das Gegengift in gutem Glauben; vielleicht hat er auch das Gift sozusagen in gutem Glauben genommen, denn im allgemeinen sucht der Mensch sich nicht selbst zu vergiften. Der Mensch sucht auch nie das Böse, weil es böse ist; er sucht vielmehr etwas (vermeintlich) Gutes im Bösen. Es genügt dem Menschen also zu wissen, daß er geistlich vergiftet ist, um Heilung zu begehren.
Ist es ein Zufall, daß das erste Gebot Gottes, das Er dem Menschen gab, und eines der letzten Gebote Christi an seine Jünger, und durch sie an die ganze Welt, beides von einem Essen handelt? Gott sprach: »~Du sollst nicht davon essen~« -- Jesus spricht: »~Nehmet, esset, das ist mein Leib!~«
Eine wirkliche Substanz (Brot) soll in den vergifteten Körper aufgenommen werden, und zwar nach dem ~Gebot~ des Herrn, und sie ist der Träger, durch welchen Christus dem vergifteten Körper seine göttlichen Eigenschaften mitteilt; gerade so, wie die ~verbotene~ Frucht der Träger war, durch welchen der Teufel dem Körper seine bösen Eigenschaften mitteilte und ihn vergiftete.
Der Mensch aß in völliger Unwissenheit hinsichtlich der Folgen des Essens von der verbotenen Frucht, denn er konnte nicht wissen, ~was~ der Tod sei; ebenso kann der Mensch in völliger Unwissenheit hinsichtlich der Folgen vom Brot des Sakraments essen.
In jenem Fall aß er im Vertrauen auf sich selbst und im Mißtrauen gegen Gott und in Gemeinschaft mit dem Teufel.
In diesem Fall soll er im Vertrauen auf Gott und im Mißtrauen gegen sich selbst essen und in Gemeinschaft mit Gott.
Der Welt ist dieses wie jenes eine Thorheit, aber es ist Weisheit bei Gott.
Wir sagten vorhin, der Mensch sucht nie Böses, weil er böse ist, sondern er sucht (vermeintlich) Gutes im Bösen. Eva suchte Gutes in der verbotenen Frucht, aber sie suchte es im Vertrauen auf sich selbst und im Mißtrauen gegen Gott.
Ein kleines Kind kann verstehen, daß es ein Heilmittel braucht, wenn es krank ist, und nimmt selbst eine widrige Arznei von seiner Mutter, weil es ihr vertraut. Der Mensch kann deshalb das sakramentale Gegengift verstehen, wenn er weiß, daß er geistlich vergiftet ist; aber der höchste Verstand kann weder ergründen die Tiefe des ersten Bundes mit Satan, noch die des zweiten Bundes mit Christus.
Ich frage nun, ~was ist nötig, damit der Mensch esse von diesem Sakrament~? Nichts, als daß er seine geistliche Krankheit erkenne und geheilt werden möchte. Die meisten Menschen wissen es auch wohl, daß sie krank sind, und wären auch gern gesund.
Warum wird das Gegengift im Sakrament so vernachlässigt? weil es so einfach ist, darum hält es die Welt für Thorheit und des Herrn Tisch ist verachtet. (Mal. 1, 7.)
Zum Schluß noch die Frage: ist nicht das Abendmahl des Herrn das einzige aus der sichtbaren Kirche, was auch im Himmel bleiben wird? (Luk. 22, 18.) Es ist wesentlich das Hochzeitsmahl der Kirche; es ist das äußerliche Pfand des gegenseitigen Einwohnens des Menschen in Gott und Gottes im Menschen. (Offenb. 3, 20.)
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Mit solchen Gedanken beschäftigte sich Gordon während jenes Ruhejahres im heiligen Land. Im Juli schrieb er seinem Freund: »Es ist ein Gefühl der Ermattung über mich gekommen, ~nicht der Unzufriedenheit~, aber ein Verlangen, die Bürde abzuwerfen. Ich glaube, daß es gut für mich ist, hier zu sein, sonst wäre ich ja nicht hier, und Gott schenkt mir tröstliche Gedanken, aber der Körper ermattet, und es scheint mir ein selbstsüchtiges Leben. Doch sind alle Forschungen, die ich hier mache, interessant, und mein gottgeschenkter Glaube verhindert mich, es für ein nutzloses Leben zu halten.« Es ist die Energie des Mannes, die hier zum Vorschein kommt; er will nicht nur glauben, er will seinen Glauben auch bethätigen. Bei den Londoner Maiversammlungen 1885 hat Missionar Hall aus Jaffa einer großen Versammlung unter atemloser Stille von seinem acht Monate langen Umgang mit Gordon erzählt. In den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft sagte Gordon zu ihm: »Ich habe keine rechte Ruhe, ich bin in dieses Land gekommen, um eine Zeit lang in der Stille zu sein, mich mehr mit dem Wort Gottes zu beschädigen und nebenher die heiligen Stätten zu untersuchen. Aber es befriedigt mich nicht; ich bin unruhig, ich muß etwas für Gott thun. Glauben Sie, wenn ich nach Jaffa käme, daß ich dort Arbeit finden könnte?« Die Folge der bejahenden Antwort des Missionars war, daß Gordon sich in Jaffa einmietete. »Eines Tages,« erzählte Hall, »erhielt ich ein Schreiben von dem Komitee des Inhalts, daß ein Missionshaus in Nablus (Sichem) errichtet werden sollte und daß Baupläne einzusenden seien. Ich schrieb an den Missionar Fallscheer in Nablus, worauf dieser mich in Jaffa besuchte und es beklagte, daß er nichts vom Baufach verstehe. In Jaffa gebe es keinen Baumeister, und sich bei einem Baumeister in Jerusalem Rats zu holen, sei eine kostspielige Sache. Ich gab das zu und entgegnete: »Es ist eben ein Mann hier, der sich aufs Planzeichnen versteht; ich weiß zwar nicht, ob man ihn damit belästigen darf -- wir wollen es aber versuchen.« Und so begaben wir uns in Gordons Wohnung. Wir hatten uns nicht den günstigsten Augenblick gewählt, denn es war vormittags, welche Zeit Gordon der Betrachtung des Wortes Gottes widmete. Wir fanden ihn in Hemdärmeln an seinem Tisch sitzen. Er erkundigte sich nach unserm Begehren. »Wir möchten Ihren Rat holen wegen eines Missionshauses, das in Nablus gebaut werden soll,« sagte ich, und um unserm Bedürfnis nach Bauplänen näher zu kommen, fügte ich dies und jenes hinzu. Da unterbrach er mich: ›Ich weiß, was Sie wollen -- Sie brauchen nicht so vorsichtig mit mir zu reden; Sie möchten einen Beitrag haben.‹ Darauf erwiderte ich, daß wir keinen Beitrag von ihm wollten, wohl aber etwas Besseres als Geld, nämlich die Baupläne, wenn er sie uns entwerfen wolle. ›Baupläne,‹ rief er, ›ei gern!‹ und nahm sofort Papier und Bleistift zur Hand, notierte sich wie viel Zimmer nötig seien, was für Fenster und Thüren, was die Lage des Bauplatzes sei u. s. w. Noch am Abend desselben Tages brachte er uns die schönsten Pläne, die man sich denken konnte. Am andern Tage bestellten wir Handwerksleute, und Gordon machte einen Kostenüberschlag für jeden. Das Missionshaus steht jetzt in Nablus. Einige Zeit später sagte ich ihm, daß ich mich fast gefürchtet hätte, ihn um die Baupläne zu bitten. ›Meinen Sie, ich hätte Ihre Bitte übel genommen,‹ sagte er. ›Wozu bin ich denn nach Jaffa gekommen, habe ich Ihnen nicht gesagt, daß, wenn Sie mir etwas für das Reich Gottes zu thun geben könnten, Sie mir einen Dienst erweisen würden? Ich war nicht recht mit mir zufrieden, weil ich mich ins heilige Land zurückgezogen hatte, anstatt mit meinen Kräften mich in Gottes Arbeit zu stellen.‹ In diesem Sinn hatte er die Pläne entworfen.« Missionar Hall fügte dem bei, daß er von Gordon mehr Aufschluß über geistliche Dinge erhalten habe, als sonst von irgend einem Menschen, mit dem er je in seinem Leben zu thun gehabt. Gordon fand auch sonst in Jaffa Arbeit von der Art, wie er sie in Gravesend gefunden hatte. Ein bekannter schottischer Geistlicher, der kürzlich in Palästina reiste, kam mit einem armen Dragoman zusammen, der ihm nicht genug davon sagen konnte, wie Gordon ihn und seine Frau in Krankheit besucht und in Ermangelung eines Stuhles sich mit seinem neuen Testament auf den Boden gesetzt habe, um ihnen von Christus zu erzählen. Dabei hatte er ausfindig gemacht, daß sie eine große Doktorrechnung hätten, und diese in aller Stille bezahlt. In Jerusalem und den Dörfern umher habe er den Armen viel Gutes gethan, und diese trauerten um ihn, wie um ihren Vater.
Überall wo Gordon hinkam, dasselbe Urteil über ihn! Er aber sagt: »Wie wenig Christus-ähnliche Menschen giebt es doch -- wer unter uns ist Ihm gleich? Keiner, bis alles von uns genommen ist; dann erst können wir werden wie Er und eins sein mit Ihm. ›Selig sind die geistlich Armen, denn das Himmelreich ist ihr,‹ heißt es; und nur die Armen ohne Geld und ohne Ansehen im vollen Sinne des Wortes können durch die dunkle Grabesthüre zu der Ruhe eingehen, die uns behalten ist .... Ich wollte, daß alle die Gewißheit des ewigen Lebens hätten! Es ist ja gerade, ~weil~ wir arm und unwert sind, daß wir Eingang finden. So lange wir uns für besser halten als andere, sind wir weit vom Himmelreich entfernt. Wir müssen den Gedanken fahren lassen, daß wir im geringsten bei Gott etwas zu gut haben könnten, wir sind ja ~alle und nur~ seine Schuldner. Nach Ephes. 2, 10 sind wir zu guten Werken geschaffen, in denen wir wandeln sollen. Wenn uns Gott also vorher dazu bereitet hat, daß wir dies oder jenes Gute vollbringen, wo bleibt da noch Ehre für uns?« Nicht genug kann er es betonen, daß man alles, im großen wie im kleinen, Gott anheimstellen soll; es gäbe nicht so viel unzufriedene Gesichter in der Welt, meint er, wenn die Leute das lernten. Der Glaube, daß Gott im Regiment sitzt, sei ihm sein lebenlang eine unversiegbare Quelle der Kraft gewesen, die ihn nicht nur für die Gegenwart und Zukunft stark mache, sondern die ihm selbst das Vergangene zurecht bringe. Das sei es ja, was der Herr von uns haben möchte, daß wir ›seine Freunde‹ seien, und nicht seine Knechte. Und wenn Er uns in eine schmerzliche Lage geraten lasse, so geschehe dies darum, damit wir Ihn um so besser kennen lernten und an uns selber erführen, wie stark Er ist, zu helfen. Gordons völlige Gleichgültigkeit gegen das Urteil der Menschen ist die Kehrseite dieser Gotteszuversicht, und Menschenlob nennt er eine Trennungswand zwischen der Seele und ihrem Gott (Joh. 12, 43).
Aus einem Briefe vom 4. Juli 1876:
»Das menschliche Leben ist eine Rückreise zu unserm Urquell, Gott, der sich uns als die ewige Wahrheit, Liebe, Weisheit und Allmacht offenbart hat. Als Begriffe erkennen wir diese seine Eigenschaften bereitwillig an; das ist aber kein Herzensglaube. Wir stoßen auf Widersprüche, wir sind blind. Er öffnet uns die Augen nach und nach, und hilft uns durch manches sogenannte Unglück ihn immer besser kennen lernen. Er offenbart sich verschiedenen Menschen in verschiedener Weise, aber das Endziel aller ist, ~Ihn zu erkennen~. So wie der Mensch in diese Welt geboren ist, hängt ein Schleier vor seinen Augen, der ihm Gott verhüllt. Dem in der Christenheit aufwachsenden Menschen tritt Gott in beidem, im geschriebenen und im Mensch gewordenen Wort nahe, aber wenn er dies auch mit seinem Verstand erfaßt, so ist in diesem Leben doch vieles unverständlich, und der Schleier bleibt. Jede schmerzliche Erfahrung aber und jede Prüfung macht einen Riß in die Hülle und er ~sieht~ dann, was er vorher nur als toten Buchstaben geglaubt hatte ... Ein Samenkorn göttlichen Wesens ist in unser Herz gelegt; und dieses Gottgeborene in uns sollte dem Ausgang des Kampfes zwischen Fleisch und Geist ruhig entgegensehen können. So oft der Geist über das Fleisch Herr wird, so oft giebt es einen weiteren Riß in der Hülle und wir erkennen Gott immer besser. Wenn dem Fleisch der Sieg bleibt, so verdichtet sich der Schleier. Zuletzt aber, wenn das Unausbleibliche, der Tod eintritt, dann reißt der Schleier mitten entzwei und das völlige Schauen beginnt. Das Fleisch ist überwunden, der Geist aber lebt.«
Geben wir noch ein Schlußwort Gordons. Es ist ein Wort, das er vor einer Reihe von Jahren geschrieben hat, er hätte es in jenen letzten Monaten schreiben können, als er von seinem Volk verlassen, mit seinem nie wankenden Heldenmut in Khartum eingeschlossen war:
»Die Welt ist ein weites Gefängnis mit grausamen Hütern. Einsam und verlassen sitzen wir in unseren Zellen und warten auf Erlösung. An den Wassern der irdischen Freude und vollen Genüge weilen wir -- so denkt das Fleisch und der Irdischgesinnte; aber es sind die Wasser zu Babel voll Jammer für unsere Seele, und wir sitzen und weinen, wenn wir der Heimat gedenken, von der ein so schmaler Strom, der Tod, uns trennt.
»Unsere Harfen hängen an den Weiden, und unsere Widersacher heißen uns fröhlich sein, wir sollen ihnen ein Lied singen, als wären wir daheim. Wie aber sollen wir des Lammes Lied singen im fremden Lande, die wir in der Wildnis sind, wo niemand uns kennt?
»O wären wir doch daheim, wo die Gottlosen aufhören mit ihrem Toben, und ~die~ ruhen, die viele Mühe gehabt haben; wo der Kampf zu Ende ist und die heiße Arbeit vorüber, wo die Krone des Lebens uns werden wird; wo wir Ihn schauen werden, der all unsere Not kannte, der unser Elend mit uns trug, der unserer müden Seele Trost gab. Und siehe, es ist kein neuer Freund, es ist der alte!
»Bist du müde? Er war es auch. Bist du betrübt? Er war es auch. Findest du dich in deiner Liebe unverstanden und begegnet man dir mit Kälte? Ihm ging es nicht besser.
»In Seinem großen Erbarmen hat Er sich unter all Seine Brüder erniedrigt. Wie müde, wie einsam, wie betrübt war Er auf dieser Erde; ein Mann der Schmerzen, der Leid trug mit Geschrei und Thränen. Und sollten wir über unser Elend murren, das doch bald vorüber ist? Bringt nicht jeder Tag uns der Heimat näher? Kein dunkler Fluß, sondern zerteilte Wasser liegen vor uns; und der Welt bleibt ihr Lohn. Sie ist Erde, und wir schütteln ihren Staub von den Füßen.
»Ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe, selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben. Ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit -- ruhen von Trübsal, von Mühe und Last, von Herzweh, Thränen, Hunger, von all dem Jammer seufzender Seelen, die hier im Gefängnis, ohne Frieden sind, von Krieg und Kriegsgeschrei und allem Hader.
»Es ist eine lange, mühselige Reise, aber schon sehen wir das Ziel. Die Meilenzeiger unserer Jahre fliegen dahin, und für die Last jedes Tages wird uns die Kraft gegeben, die uns not ist (5 Mos. 33, 25. englische Übersetzung). Wer weiß wie nahe das Ende, wie bald der Pilger daheim sein wird im schönen Lande, wo Ströme lebendigen Wassers fließen, wo keine Not mehr sein wird, noch Leid, noch Schmerzen, und wo er ewig ruhen darf bei seinem himmlischen Freund.
»Der Sand verrinnt -- Tag und Nacht, Nacht und Tag -- schüttle du nicht das Glas. Trage deine Last, leide wie Er litt.«
Neuntes Buch.
Khartum.
1. Der Mahdi.
Während Gordon sein stilles Jahr in Palästina verlebte, gelangte man daheim zur Erkenntnis, daß der Zustand in den Armenquartieren der reichen »City« ein Schandfleck für England sei. Es war das Jahr, in dem »der bittere Notschrei Londons« in allen Ohren wiederklang. Es wurden Untersuchungen eingeleitet, und die Enthüllungen, die es gab, entsetzten die feine Welt. Wohl war es teilweise ein Sensationsinteresse, es lag ein gewisser Kitzel darin, die sogenannten untersten Schichten aufzuwühlen, aber man fing doch ernstlich an, auf Besserung der Zustände zu drängen. Es wurden Komitees ernannt und Sitzungen gehalten, auch in der Folge mancherlei gethan. Ob das Los der Armen seither ein merklich gebessertes ist, bleibe dahingestellt; dergleichen wird wohl weniger durch Komitees, als durch einzelne Menschen erreicht, denen die Liebe gegeben ist, unter den Elenden zu leben. Es giebt solche, aber ihrer sind wenig. Der Notschrei drang bis ins heilige Land, und Gordon lieh ihm ein williges Ohr; ja er fing an, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob es in Whitechapel und Spitalfields nicht eine ähnliche Arbeit für ihn gebe, wie s. Z. zu Gravesend, ob ein Leben der Samariterliebe im Herzen von London nicht die Lösung für seine Zukunft wäre, die ihn nur um so völliger in Anspruch nehmen würde, als der Jammer in jenen Höhlen der krassesten Armut und Verkommenheit weit über dem steht, was in der kleinen Themsestadt zu finden ist, deren Gassenjungen seine »Prinzen« waren.
Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Während Gordon sich in Gedanken mit seinen armen Brüdern und Schwestern in der englischen Hauptstadt beschäftigte und die Aussicht ihm eine liebe wurde, sich dieser »Innern Mission« zu widmen, brachte anderswo ein König ganz andere Pläne zu Papier und versah sich des Träumers in Palästina, als des Mannes, der sie ihm verwirklichen sollte.
Es war der König von Belgien, der in Gordon den Mann erblickte, welcher als Stanleys Nachfolger die Hoffnungen des »freien Kongostaats« ihrem Ziel entgegen führen sollte. Wahrscheinlich hat Stanley selbst auf Gordon hingewiesen; und dieser war zu allem bereit, was dazu dienen konnte, dem Sklavenhandel im Innern von Afrika entgegen zu arbeiten und den umnachteten Weltteil den Einflüssen christlicher Zivilisation zu erschließen. Der Plan war kein geringerer, als vom Kongo aus dem Njamnjamlande und den Gebieten der Rituellen beizukommen und auf diese Weise die verschiedensten Negerstämme zu einem Bund gegen die Sklavenwirtschaft im Sudan zu vereinigen. Es war gegen Ende des Jahres 1883, daß die belgische Aufforderung Gordon erreichte. Schon drei Jahre vorher, als er sein Amt im Sudan niederlegte, hatte er bei Gelegenheit einer Audienz in Brüssel seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, dem König in dieser Sache zu dienen, wenn es sich so fügen sollte, daß man seiner bedürfe. Und als dieser ihn nun an sein Versprechen mit dem Bemerken erinnerte, daß der Zeitpunkt gekommen sei, der unter Gordons Leitung zu den schönsten Hoffnungen am Kongo berechtige, war es die gewohnte Schlagfertigkeit des Mannes, die stehenden Fußes die palästinischen Studien abbrach und die Pläne hinsichtlich der Armen Londons auf eine künftige Zeit verschob. Er wartete nicht einmal ein richtiges Passagierboot ab, sondern verließ Jaffa bei erster bester Gelegenheit mit einem Frachtschiff, das ihn um ein kleines mit samt der Ladung auf den Meeresboden gebettet hätte. Am letzten Abend des Jahres 1883 erreichte er Genua und nahm den Schnellzug durch die Neujahrsnacht nach Brüssel. Es war der Anfang des für ihn so verhängnisvollen Jahres 1884, aber noch ahnte er nicht, daß Khartum sein Ziel war. Er gedachte der Kongo-Arbeit, die seiner harrte, und seine Seele war stille zu Gott.
»Ich war allein in meinem Koupé,« schrieb er den Freunden in Jaffa, »und habe auch ~an euch alle gedacht~!«
Und die Freunde in Jaffa wußten, was er damit sagen wollte. Sie gehörten mit zu der Liste von etlichen hundert ihm Nahestehender, deren er vor Gott gedachte. Wer diese Liste hätte durchsehen können -- ein König hier, ein alter Netzstricker dort, die seine Fürbitte brauchten!
Der belgische König war entzückt, einen so trefflichen Bevollmächtigten gewonnen zu haben, und Gordon ging nach England, um sich von den Seinen zu verabschieden. Sein Entlassungsgesuch aus dem englischen Dienst hatte er eingesandt. Noch vor Ende Januar wollte er wieder in Brüssel sein, um von dort die Reise nach dem Kongo anzutreten. Wie ganz anders sollte es kommen!
Daß im Sudan alles drunter und drüber ging, wußte er. Kein Jahr war vergangen, nachdem er seine Statthalterschaft niedergelegt hatte, da kamen Hilferufe genug von Khartum her, welche den guten Pascha zurückverlangten, der allein im stande war, dem geknechteten Volk eine Schutzmauer gegen seine Unterdrücker zu sein. Der Sklavenhandel war neu aufgeblüht und von Ägypten war keine Rettung zu erwarten. Die englische Bevormundung der ägyptischen Frage, die sich kurzer Hand als eine Koupon-Politik bezeichnen läßt, hatte nicht viel Gutes erreicht; und sowohl die englischen als die ägyptischen Minister waren viel zu sehr von dem Arabi-Aufstand in Anspruch genommen, als daß man Zeit gehabt hätte, im Sudan zum Rechten zu sehen. Dort war unter Gordons Nachfolger in der Statthalterschaft, jenem berüchtigten Rauf Pascha, eine böse Zeit angebrochen. Die Erpressung seitens der Beamten war ärger denn je, und als im Mahdi ein angeblicher Befreier sich erhob, war der Zündstoff im Lande in einer Weise angehäuft, daß der Aufruhr wild empor loderte.
Wie es mit der Gelderpressung durch übermäßige Besteuerung aussah, beschrieb der Times-Korrespondent Power, den Gordon in Khartum vorfand, und der einer der drei Engländer war (Gordon und Stewart die beiden andern), die des Landes Märtyrer wurden.
»Wenn die Leute hier ihre Acker bebauen wollen,« lautete der Bericht, »so müssen sie eine Steuer zahlen; und um Wasser aus dem Nil auf ihre Äcker zu leiten, ohne welches das Land nutzlos ist, müssen sie eine zweite Steuer zahlen. Wenn das Korn dann geerntet ist, kommt die dritte Steuer, ehe sie es verkaufen dürfen. Ist die Ernte gut, so wird die Steuer verdoppelt, damit neben der Regierungskasse der Privatbeutel des Pascha nicht zu kurz komme. Lassen die Leute unter diesen Umständen den Ackerbau liegen, dann kriegen sie die Karbatsche aus guter Rhinozeroshaut. Wenn der Bauer für Weib oder Kind ein armseliges Kleidungsstück kauft oder seine Lotterfalle von Haus wetterfest zu machen sich getraut, dann heißt's, er müsse Geld versteckt haben, das noch nicht besteuert sei. Kurz, die Leute müssen zahlen und zahlen und wieder zahlen, ob sie wollen oder nicht, ob sie können oder nicht; und wer nicht arbeitet, wird bis aufs Blut gequält, bis er mithilft, die Beamten zu bereichern. Wer ein Boot auf dem Nil hat, muß achtzig Mark zahlen, wenn er nicht unter ägyptischer Flagge fährt, und die Erlaubnis, die Flagge zu führen, kostet ebenfalls achtzig Mark. Dies ist's, was in erster Linie am Aufruhr schuld ist, nicht der Mahdi; und ich wünsche aus tiefster Seele, daß jeder Ägypter aus dem Land gejagt werde. Die Zustände der Sklavenwirtschaft, so beklagenswert sie sind, sind immerhin noch besser, als solch ein Regiment ägyptischer Blutsauger.«
Zwischen dem Mahdi des Sudan und jenem Schulmeisterkönig des großen Friedens in China ist eine gewisse Ähnlichkeit unverkennbar; der Aufstand war beidemal der eines falschen Propheten, welcher eine himmlische Sendung vorgiebt, um ein im Elend verkommenes Volk für seine Zwecke zu gewinnen. Beiden gelang es in erstaunlicher Weise, mit ihren Horden das Land zu verheeren und Träume einer goldenen Zukunft auszustreuen.
Der Mahdi wollte nichts Geringeres sein, als der Messias der moslemitischen Völker.
Die zum Islam »Bekehrten« sind in Zentral-Afrika nach Millionen zu rechnen, und mit der Lehre Mohammeds hatte sich in jenen Ländern auch die Erwartung verbreitet, daß in der Fülle der Zeit ein Mahdi, d. h. Führer, erscheinen werde, dem es vorbehalten sei, das Werk des Propheten mit Schwerteskraft zu vollenden, um die Gottlosigkeit von der Erde zu vertilgen, das unschuldig vergossene Blut der Imams zu rächen und ein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten.