Chapter 11 of 27 · 3889 words · ~19 min read

Part 11

»Wenn ich absteigen will, so sind gleich acht oder zehn Mann bei der Hand, mich vom Kamel zu heben, als ob ich ein Todkranker wäre. Und wenn ich eine Zeit lang zu Fuß gehen möchte, so steigt die ganze Karawane ab; dann werde ich ärgerlich und sitze wieder auf!«

In ~Khartum~ wurde er gleich einem Könige mit Kanonenschüssen empfangen und eine feierliche Installierung fand statt. Anstatt aber eine Thronrede zu halten, sagte er nur: »Mit Gottes Hilfe will ich die Waage gerecht halten!« und das gefiel den Leuten besser als die glänzendste Rede, war doch Gerechtigkeit das, was dem armen Lande am meisten not that. Nach der Feier ließ er Geld an die Armen austeilen: in drei Tagen hatte er an zwanzigtausend Mark aus seiner eigenen Kasse verschenkt.

Als Stellvertreter des Khedive hatte er einen überaus stattlichen Palast mit einem Schwarm von Dienern, die ihn »hüteten wie einen Klumpen Gold«; das verdroß ihn. Auch hier war es den Leuten etwas ganz Neues, daß man den Statthalter sprechen konnte, ohne erst eine Menge von Schranzen zu bestechen. Bald war er so von Hilfesuchenden belagert, daß er auch hier einen Briefkasten einführen mußte, und zwar an seiner eigenen Hausthüre, wo jeder sein Begehren schriftlich einreichen konnte. Das erste, was er abschaffte, war die Peitsche (Karbatsche), mittels welcher seine Vorgänger regiert hatten. Gewaltherrschaft war nicht seine Sache. Übrigens war er nicht allgemein populär; sein Vorgänger Ismail Jakub hatte Verwandte in Khartum, auch eine zornmütige Schwester, die zur Begrüßung des ihr verhaßten neuen Statthalters an den Fenstern des Regierungspalastes die Scheiben einschlug und in den Gemächern die Diwane durchlöcherte! Auch sein Vakil, Halid Pascha, war von Anfang an widerspenstig. Mit dem machte Gordon aber kurzen Prozeß, er telegraphierte nach Kairo und verlangte, daß er entfernt werde; der Wunsch wurde gewährt.

Die Aufgabe, den Sklavenhandel in einem Lande zu unterdrücken, wo Menschenware seit Jahrhunderten als ein erlaubtes Mittel zum Reichwerden galt, war in der That eine große; Gordon weiß das und setzt hinzu:

»Wie Salomo bitte ich Gott um Weisheit, dies Land zu regieren; und nicht nur sie wird er mir geben, sondern alles übrige dazu. Und warum? Weil mir an dem übrigen nichts gelegen ist.«

Aber er weiß auch, daß er die Sache nicht übers Knie abbrechen läßt. Selbst Sklaven sind Besitz, der sich nicht ohne weiteres antasten läßt. Ihre Freiheit soll mit der Zeit gesichert werden, und mittlerweile sind's die Sklavenjäger, welche immer neue Zufuhr bringen, denen er Krieg auf Tod und Leben ankündigt, er, der eine Mann, kann man sagen, denn sein Militär ist fast wertlos. Sechstausend türkische Baschi-Bosuks, seine Grenzwächter, beschließt er abzudanken; denn er sieht, daß sie mit den Händlern unter ~einer~ Decke stecken. Sechstausend Soldaten aber den Laufpaß geben, in einem Lande, wo sie sich alsbald wieder als Banditen zusammenrotten können --

»Wer dürfte es wagen, der nicht den Allmächtigen auf seiner Seite hat? Ich will es thun, denn mein Leben achte ich für nichts, ich würde nur eine große Last mit der ewigen Ruhe vertauschen ... Ich bin an des Khedive Statt hier, mit unumschränkter Gewalt, und weiß es jetzt, wie machtlos er in Kairo dem Sklavenhandel gegenüber ist. Aber mit Gottes Hilfe will ich's vollbringen und habe das Bewußtsein, daß er mich dazu bestimmt hat ... Die Arbeit ist riesengroß, aber das ficht mich nicht an ... ich kenne meine Schwäche und verlasse mich auf Den, der stark ist. Ich kann nur gradaus meinen Weg gehen, den Erfolg überlasse ich Ihm ... Es ist in der That eine Riesenprovinz, die ich zu verwalten habe; wie froh bin ich zu wissen, daß Gott der Herr Verwalter ist; es ist sein Geschäft, nicht meines. Wenn ich unterliege, so ist's sein Wille; gelingt es mir, so gebührt Ihm die Ehre. Jedenfalls hat Er mir's gegeben, die Ehre der Welt für nichts zu achten, und die Gemeinschaft mit Ihm über alle Dinge hochzuschätzen. Möge mir alles mißlingen und ich in den Staub gedemütigt werden, wenn nur Er verherrlicht wird. Die hohe Stellung, die ich bekleide, will mich manchmal drücken, und ich kann mich nach der Zeit sehnen, wo Er mich beiseite legen wird und einen andern Wurm dies Werk thun läßt. Ich wollte, die Kampfhitze meines Lebens wäre vorüber; aber Er hält mich aufrecht und wird mich davor bewahren, je wieder an Irdisches mein Herz zu hängen.«

Wer so denkt, wie kann der anders als große Thaten thun! Ein an Gott sich haltender Mensch ist immer ein Held.

Wir haben Gordon den Ritter ohne Furcht genannt. Wie ein Recke in den alten Heldensagen zieht er aus, mit dem starken Arm seines Gottvertrauens ein Beschützer seiner Herde zu werden, und das Los der Armen in diesem traurigen Land zu mildern. Eine Armee hat er nicht, er muß sie sich erst schaffen, und zwar aus erbärmlichem Material, und einen Hauptsieg erringt er, wie wir sehen werden, ohne Armee. Er soll die Bahr el Ghasal der Macht Sebehrs, des schwarzen Pascha, entreißen; er soll einem Lande Frieden bringen und ehrlichen Handel einführen, wo die Menschen durch Unterdrückung fast vertiert sind und die Religion in Fanatismus besteht.

Er war noch keine drei Wochen in Khartum, da konnte er bereits seiner Schwester schreiben:

»Ich glaube, die Leute haben mich gern; es ist auch schön, daß, wo früher täglich zehn bis fünfzehn Menschen durchgepeitscht wurden, jetzt dies nicht bei einem mehr vorkommt.«

Damit ist nicht gesagt, daß er nicht strenge Ordnung hielt und Herr war im Amt. Die erste äußere Wohlthat, die er der Stadt erwies, war die Errichtung einer Wasserleitung; vorher mußte das Wasser aus dem Fluß herauf getragen werden. Dabei geriet er mit katholischen Missionaren in Konflikt, die flüchtigen Sklaven Versteck gewährten. Als Gordon ihnen sagte, er brauche dieselben zur Arbeit, begegneten sie ihm mit Anmaßung. Da schrieb er einen Brief an den Papst mit der Bitte, dieser möge seinen Dienern begreiflich machen, daß Angelegenheiten der vizeköniglichen Regierung außerhalb ihres Bereiches lägen. Als der Brief fort war, sagte er den Missionaren, er habe nach Rom geschrieben, was sie zwar aufbrachte, die gewünschte Wirkung aber nicht verfehlte.

Ende Mai verließ er Khartum. Es war der Anfang eines fünfmonatlichen Kamelrittes. Seine Anwesenheit in Darfur war dringend notwendig. ~Darfur~ hat eine in die graue Vorzeit zurückreichende Geschichte. Es gab längst Sultane von Darfur, ehe es Kurfürsten von Brandenburg gab. Auch einen alten Handel hat das Land -- Sklavenhandel. Jetzt aber war Darfur in Aufruhr, und die ägyptischen Besatzungen der Städte Fascher, Darra, Kolkol u. a. von den Rebellen eingeschlossen. Eine Heeresabteilung war schon im März nach Fascher geschickt worden, von Erfolgen hatte aber noch nichts verlautet.

»Ich rechne darauf, im Lauf dieses Jahres meine achttausend Kilometer zu reiten,« schreibt Gordon. »Ich bin ganz allein, und das ist mir lieb. Ich bin ein Fatalist geworden, wie die Leute es nennen; d. h. ich überlasse es dem lieben Gott mir durchzuhelfen. ~Die großartige Einsamkeit der Wüste läßt einen fühlen, wie schwach der Mensch ist. Alles Gott anheimzustellen giebt allein Kraft~, und ich kann den Tod als eine Erlösung erwarten, wenn es sein Wille ist. In meiner gegenwärtigen Lage, auf manch langem, heißem Ritt kann ich meine Gedanken um so besser ausdenken, weil ich allein bin. Ich gewöhne mich nach und nach ans Kamel, es ist ein wunderbares Tier, das weich und still geht wie auf Teppichen, recht angenehm.«

Natürlich folgte ihm die statthalterliche Leibgarde von zweihundert Berittenen. Sein Kamel, ein besonders schnelllaufendes Tier, trug ihn aber öfters weit voraus, so z. B. ganz gegen seinen Willen wie im Sturmlauf in die Grenzstadt Fodja, was ihn auf die Vermutung bringt, daß die Kamele und die Gordons als eigensinnige Geschöpfe verwandter Rasse sein möchten.

»Ich habe ein prächtiges Tier, so giebt's keines mehr; es fliegt nur so dahin, selbst zur Verwunderung der Araber. Wie ein Blitz fuhr ich in die Stadt hinein, und ehe die Besatzung sich recht besinnen konnte, wie ich zu empfangen sei, war ich da. Nur ein Araber hatte Schritt mit mir gehalten, und der sagte, es wäre der Telegraph! Die andern kamen anderthalb Stunden später.«

Gordon hatte im Gedanken an einen der Erwartung der Leute entsprechenden Einzug seine Marschallsuniform angelegt.

»Welch tolles Bild,« ruft er scherzend aus, »wenn die goldbetreßte Exzellenz so im Sturm anlangt, als wären alle Feinde hinter ihr her! Der Mudir war sprachlos!«

Das Land nennt er eine elende, sandige, strauchbewachsene Wüste. Den Aufruhr schreibt er lediglich schlechter Verwaltung zu. Wo vorher ~ein~ Mann den Weg nach Fascher allein zurücklegen konnte, genügten bei der jetzigen Unsicherheit kaum zweitausend Mann Militär von der Art, wie es ihm zu Gebot stand. In Omschanga findet er die erste Nachricht von der Heeresabteilung vor, mit der er das Land erobern soll. Die Truppen lagen hier und dort zerstreut, alles in allem keine dreitausend Mann -- Soldaten von der »unbeschreiblichen« Sorte, mit denen er schließlich auch nichts ausrichten konnte. Doch tröstet er sich.

»Ich denke, ~Gott~ wird mir's ermöglichen, die Stämme zu gewinnen, und mit ~seiner~ Hilfe werde ich dann mit den Häuptlingen nach Fascher ziehen, die jetzt noch Rebellen sind.«

Wo in der ganzen Weltgeschichte findet sich ein ähnliches Beispiel, daß ein Feldherr auf seine Feinde rechnet, um mit ihnen Thaten zu thun! Bei ihm ist das von jeher so gewesen; es ist der Sieg des Rechts über das Unrecht, des Guten über das Böse. Und wie er in China öfters mit überwundenen Taipings die Taipings besiegte, so verläßt er sich mit seinem großartigen Vertrauen auch in Darfur auf die erst zu überwältigenden aufrührerischen Stämme.

»Nichts giebt mir größere Kraft,« sagt er, »als für die Leute zu beten; und es ist wunderbar: ~wenn ich dann mit einem Häuptling zusammenkomme, für den ich vorher gebetet habe, so ist es immer, als ob er schon gewonnen wäre~. ~Darauf~ gründe ich meine Hoffnung auf einen siegreichen Zug nach Fascher. Truppen habe ich lediglich keine, aber der Allerhöchste geht mit mir, und ich verlasse mich so viel lieber auf Ihn allein. Solches Vertrauen könnte ich ja nicht haben, wenn er mir's nicht gäbe und mich nicht dazu ermutigte; ich erachte daher, daß gerade dieses Vertrauen eine Art Angeld auf Sieg ist.«

Und bezüglich seines Vorhabens, mit gewonnenen Rebellen nach Fascher zu ziehen, sagt er weiter:

»Vielleicht läßt Er's auch nicht gelingen, und Kampf mag bevorstehen. Die Herzen der Menschen sind in seiner Hand, und er lenkt sie wie er will. Er ~kann~ es aber thun, so es ihm wohlgefällt; und wer möchte etwas anderes wünschen, als daß er nach Seiner Weisheit alles leite. Die Gefahr für mich dabei ist die, daß es mich aufblasen möchte, so er's thut. Aber auch das kann und wird er verhindern. Ich mag meine Laufbahn überdenken wie ich will, so finde ich nirgends besonderen Verstand, oder Geschicklichkeit, oder Weisheit meinerseits. Meine Erfolge bisher waren eigentlich immer, was man im gewöhnlichen Leben Glücksschüsse nennt ... Ich bin nichts, gar nichts, als einer, der von Gott Almosen empfängt. Ein Sack voll Reis, den ein Kamel durch die Wüste schleppt, kann soviel vollbringen als ich oft meine, daß ich vollbringe. Aber wie verschieden urteilt die Welt!! Ich meinesteils danke Gott, daß Er mich als ein Werkzeug benutzt, und freue mich auf die vorbehaltene Ruhe. Und ich kann mich freuen mit seiner Freude, wenn den armen Menschen Hilfe wird -- durch Ihn, nicht durch mich, obwohl Er sich meiner bedient.«

Und so zog er durch die Wüste als ein unverwundbarer Glaubensheld, der wie David mit seinem Gott über Mauern springt, der Völker besiegt und Städte einnimmt und dabei meint, er vollbringe gar nichts, das ihm selbst zur Ehre gereiche! Er war noch in Fodja, als ihn ein Telegramm erreichte: man brauche in Kairo sofort eine halbe Million Mark Einkünfte aus seiner Provinz! Über diese Erwartung seines irdischen Oberherrn schreibt er in die Heimat:

»Soviel ist sicher, daß ich vor der Hand in einem Sumpfe bin mit dem Sudan, aber wenn ich bedenke, wer als mein Oberschatzmeister, mein Heerführer, mein Landverwalter im Regiment sitzt, so wäre es merkwürdig, wenn ich darin stecken bliebe. Ja, hätte ich den Allmächtigen nicht zur Seite mit seiner Weisheit, ich wüßte mir wahrlich keinen Rat!«

Dabei legt er aber nicht die Hände in den Schoß, sondern gürtet auch in dieser Hinsicht seine Lenden zu dem ungleichen Kampfe.

»Mit unsäglicher Anstrengung kann es mir gelingen, in zwei bis drei Jahren aus diesem Lande eine ordentliche Provinz zu schaffen mit einer tüchtigen Armee und regelmäßigen Einkünften, mit hergestelltem Frieden und aufblühendem Handel, und vor allem mit unterdrückter Sklavenjagd; und dann -- ja dann gehe ich heim und lege mich ins Bett und stehe nie auf bis Mittag, und marschiere nie mehr als höchstens eine Meile per Tag. Und esse Austern zu Mittag!«

Diese scherzenden Zeilen an seine Schwester beweisen nur, daß er eine fast unübersteigliche Arbeitslast vor sich sieht.

Während er noch in Omschanga durch seine »Unbeschreiblichen« hingehalten war -- keine geringe Geduldsprobe für den energischen Mann -- hatte er Zeit, sich die endlose Schwierigkeit der Sklavenbefreiung weiter zu überdenken. Die Wüstenstrecken von Darfur und Kordofan sind von Beduinenstämmen durchzogen, von denen mancher mehrere tausend Krieger ins Feld stellen kann, die unter ihren kampfgeübten Scheiks keine verächtliche Macht bilden. Diese Stämme haben von jeher Streifzüge auf die Neger im Süden unternommen, oder sich Sklaven im Tauschhandel mit anderen Stämmen verschafft. Zu Gordons Zeit wurden die Sklaven selten in großen Karawanen, wohl aber von den Händlern in vielen kleinen Trupps durchs Land getrieben. So begegnete er eines Tages einem Manne, der sieben schwarze Weiber vor sich hertrieb und sie samt und sonders für seine Eheweiber ausgab; die Kinder, die nebenherliefen, nannte er seine Nachkommenschaft. Wer sollte ihm das widerlegen! Vor der Hand aber war's fast noch mehr das von den türkischen Grenzsoldaten übers Land gebrachte Elend, das Gordon Tag und Nacht beschäftigte. Und als die unterdrückten Landbewohner kamen und ihm demütig ihre Unterwerfung zu Füßen legten, sagte er ihnen, wie's ihm ums Herz war, daß sie vielmehr erwarten könnten, er, als Statthalter des Khedive, bäte sie um Verzeihung. Des Khedive Grenzwächter, die Baschi-Bosuks, dankte er seinem Vorhaben gemäß ab.

»Ich habe mich auf einen Felsen gestellt und thue was recht ist, ohne mich um die Folgen zu kümmern ... Wenn Angestellte ihre Pflicht nicht thun, so besinne ich mich keinen Augenblick, sie ihrer Wege gehen zu heißen, mag man in Kairo denken was man will. Es ist jedenfalls ein großer Vorteil, ganz furchtlos zu sein. Und wenn ich selbst abgesetzt würde, so wäre es ja keine Strafe, denn ich opfere mein Leben in diesem Land.«

An vierzehn Tagen wartet er auf seine saumselige Mannschaft, ohne nur zu wissen, wo die Helden sind. Er nennt's ein trostloses Geschäft, und bei der furchtbaren Hitze in dem jammervollen Land ist's kein Wunder, wenn er ausruft: »Wollte Gott, ich wäre in der andern Welt!« Er meint, mehr als andere Menschen hätte er immer wieder durch die Mangelhaftigkeit seiner Streit- und Arbeitskräfte zu leiden; so sei's in China gewesen, und so sei's hier. Das unnötige Wartenmüssen ist es, was dem thatkräftigen Mann so schwer fällt.

»Aber es ist nicht recht, es hat jeder sein Kreuz zu tragen. Wir sind alle Knechte; heute giebt der Herr uns Arbeit, und morgen will er, daß wir warten können. Dieses Hinliegen ist mir aber sehr gegen die Natur. Und ich kann auch gar nicht sehen, was in diesem Lande schließlich zu gewinnen ist!«

Endlich kamen fünfhundert seiner Helden. Fascher hatte er aber bereits auf seine Weise ohne Schwertstreich gewonnen; die Stämme hatten sich ihm einer nach dem andern ergeben. Nun machte er sich nach Tuescha auf den Weg, von wo er eine Garnison von dreihundert mitnehmen will. In Darra warten weitere zwölfhundert. Auf diese Art kann er ein Heer von zweitausend Mann zusammenbringen. Unterwegs findet er allerwärts Arbeit, das aufrührerische Banditenvolk aus seinen Schlupfwinkeln zu vertreiben. Zuletzt beabsichtigt er, sich auf Schekka zu werfen, das er die »Höhle von Adullam« nennt, wo Räuber und Mörder hausen, nämlich die Horden Sebehr Paschas, des großen Sklavenhändlers, unter dessen Sohn Soliman. Auch diesem gegenüber, der ihm mit elftausend Mann begegnen kann, rechnet er auf keinen andern, als einen ~innerlichen~ Sieg.

»Ich bin gar nicht unruhig,« schreibt er, »und hoffe, es wird ohne Blutvergießen abgehen.«

Ins Gefecht geriet er nun allerdings; aber nicht sowohl seinen Waffen, als seinem gewaltigen Geist und seiner demutstarken Seele wurde der Sieg.

In Tuescha fand er die dreihundertfünfzig Mann Garnison, welchen seit drei Jahren kein Sold bezahlt worden, beinahe ausgehungert. Das war nicht sehr ermutigend, aber Gordon war dergleichen gewohnt. War's ihm doch gegeben, seine glänzendsten Thaten einem Chaos von Unmöglichkeiten abzugewinnen. Der Aberglaube der Chinesen erblickte in seiner Hand einen Zauberstab und nannte seine Erfolge Wunder. Wohl hatte er einen Zauberstab: es war derselbe, mit dem einst Moses aus dem Felsen Wasser schlug. Die Besatzung von Tuescha war in der That so erbärmlich, daß er beschloß, ihrer Beihilfe zu entbehren, sie nach Kordofan zu schicken und mit seinen ursprünglichen Fünfhundert samt ihren schlechten Steinschloßgewehren weiterzuziehen. Ein Scheik, der versprochen hatte zu ihm zu stoßen, ließ ihn im Stich, während die Umgegend voll von kampflustigen Schwarzen war, die recht gut wußten, daß der General-Gouverneur nur mit einer Handvoll Leute des Weges komme, und ihn ernstlich bedrohten. Aber zu einem Angriff kam es nicht. »Gottlob, die Gefahr ist vorüber,« kann er schreiben. Wie groß sie war, weiß er nicht einmal; aber das weiß er, daß nur wenige es begreifen können, was es heißt Truppen anführen, in die man keine Spur von Vertrauen setzt.

»Ich habe von ganzer Seele um einen Ausweg gebetet; es gab mir ordentlich einen Stich ins Herz, wie damals, als ich mich bei Massindi (S. 116 f.) verraten fand. Nicht, daß ich den Tod fürchte, aber aus Kleinglauben fürchte ich die Folgen meines Todes; das ganze Land stünde wieder in Aufruhr. In solcher Lage zu sein, kommt einem wirklichen Schmerz gleich, es macht mich in einer Stunde um ein Jahr älter ... Auch ist es eine Demütigung. Aber gottlob! es ist vorüber ... wohl sage ich mir, daß alles zum guten Ende führen wird, aber das macht dergleichen nicht weniger peinlich. Ich glaube, ich habe in dieser Hinsicht in meinem Leben mehr gelitten als die meisten Menschen. Heute morgen z. B. (nach der überstandenen Gefahr) kam mir ein Wild schußgerecht und ich ließ mir meine Flinte reichen. Der Kerl, der sie trug, hatte sie mittlerweile zerbrochen; also hätte ich in einem Überfall nicht einmal meine Waffe gehabt!«

Die Charakterzeichnung Gordons wäre eine unvollständige, wenn man zu bemerken vergäße, wie er oft gerade in der schwierigsten Lage auch eine komische Lichtseite erblickte, deren er gerne Erwähnung that. So schließt der Brief, der von der vorübergegangenen Gefahr berichtet, mit folgenden Worten:

»Wir hatten auch dreißig oder vierzig Esel bei uns. Und wenn einer anfing, dann wußte ich, daß sie alle schreien mußten; es war ordentlich eine Wohlthat, den vierzigsten endlich zu hören. Da fing der erste die Reihe wieder an, und so ging's die Nacht durch! Der Darfur-Esel brummt aber nur ganz tief in der Tonleiter; die hohen Töne, die sein englischer Bruder aus frohem Herzen ausstößt, kennt er offenbar nicht.«

Als Gordon nach Darra kam, gab's auch dort Enttäuschung. Die Hilfstruppe, auf die er gerechnet hatte, war ihm entgegen gezogen und hatte den Weg verfehlt!

2. In der Räuberhöhle.

Die Leute von Darra waren nicht wenig erstaunt, den Generalgouverneur in ihrer Mitte zu erblicken; sie wußten sich seit einem halben Jahre von der Außenwelt abgeschnitten. Die Stämme umher waren im Aufstand; Harun, der als Anverwandter des gefallenen Sultans von Darfur die Herrschaft beanspruchte, bedrohte die Stadt, und in Schekka saß der Sohn Sebehrs mit sechstausend bewaffneten Sklaven. Gegen Harun schickte Gordon eine ziemlich starke Truppenabteilung, die auch ins Gefecht geriet und Beute machte, sonst aber keine Heldenthaten verrichtete. Ein Offizier war damit beauftragt, eine zweite Abteilung gegen die Stämme zu führen, und Gordon selbst blieb vorläufig in Darra, um den schlimmsten der Feinde, Soliman, im Auge zu behalten. Den Einwohnern der Stadt war seine Anwesenheit eine Schutzmauer, aber sie fanden auch sonst noch Ursache, derselben froh zu sein. So gab er ihnen z. B. ihre Moschee zurück, die von den Ägyptern in ein Pulvermagazin verwandelt worden war; freute es ihn doch, wenn die Muselmänner Gottesdienst hielten, sofern sie es nur redlich meinten. Das Land weithin war nach dreijähriger Anarchie im Elend der Hungersnot. Er beschreibt die Kinder als »nur Bäuche mit Gliedmaßen wie Fühlfäden« -- eine Folge des Grasessens.

Um Solimans habhaft zu werden, tauchten verschiedene Vorschläge auf. Gordons schwarzer Schreiber z. B. ersann einen Plan, wie man ihn nach Darra locken könne, um ihn daselbst, sofern er sich nicht ergeben wolle, zu ermorden. Statt dieses »asiatischen« Einfalls, wie Gordon sich ausdrückt, kam ihm selbst ein anderer, wie nur ~seine~ Großmut ihn ersinnen konnte: er wollte den Sohn Sebehrs durch Vertrauen entwaffnen.

»Es ist mir der gute Gedanke gekommen, den Soliman zum Statthalter von Darra zu machen und ihn damit von dem Räubernest Schekka zu entfernen. Das wird ihn auch an fernerer Sklavenjagd hindern, denn seine sechstausend werden genug zu thun haben, das Land gegen die Stämme zu halten.«

Der Plan war nicht ausführbar; dennoch hoffte er Soliman ohne Waffen zu besiegen. Aus der »Höhle Adullam« erhielt er mittlerweile durch die Häuptlinge El Nur, Awad und Idris Kenntnis, die zwar Sebehrs Herrschaft anerkannten, sich aber die Regierung geneigt zu machen suchten, indem sie dem Statthalter verrieten, was dort vorging. So wußte er z. B., daß Soliman beständige Verbindung mit seinem Vater in Kairo unterhielt und daß der Aufruhr in Darfur aus Gehorsam gegen Sebehr ins Werk gesetzt wurde, als dieser seinen Anhängern sagen ließ, sie sollten »das jetzt ausführen, was unter dem Baum beschlossen worden sei.« Der schwarze Pascha regierte selbst als Gefangener noch das unglückliche Land.

Ehe Sebehr nämlich mit seinen zwei Millionen »Bakschisch« (Trinkgeld) nach Kairo ging, um die Pascha zu bestechen, hatte er alle sklavenhandeltreibenden Häuptlinge seines Gebietes unter einem großen Baum an der Straße zwischen Schekka und Obeid versammelt und ihnen einen Eid auf den Koran abgenommen, daß sie sich allerorts gegen die Regierung erheben sollten, wenn er ihnen das Wort sende. Als nun Gordon nach seiner Arbeit am Äquator die Statthalterschaft des Sudan übernahm und sich nach kurzem Aufenthalt in Khartum aufmachte, um die Sklavenhändler in ihrem bis jetzt sichersten Schlupfwinkel zu bekämpfen, wo die Bande sich um Soliman geschart hatte, da wußte der alte Menschenräuber, daß es damit seiner Hoffnung ans Leben ging, den Handel, von dem er seine Macht und seinen Reichtum hatte, je wieder zur alten Blüte zu bringen. So erging sein Mandat an die Raubgesellen in Schekka.

El Nur und Idris hatten sich beide mit Hinterlegung einer Strafsumme aus Schekka fortgemacht. Von ihnen erfuhr Gordon, daß Soliman festsäße bis nach der Regenzeit und sich in seiner »Höhle« vor einem Überfall gesichert erachte. Daraus ergab sich indessen keine Ruhezeit für unseren Helden. Er war noch nicht vierzehn Tage in Darra, als er schrieb:

»Heute haben sich sechshundert der Nazagats mit ihrem Scheik zu mir geflüchtet.«

Dieser Stamm hatte seinen Wohnsitz in der Nähe von Schekka und war einer der gewaltigsten im Land, der siebentausend Krieger ins Feld bringen konnte. Aber infolge der fortwährenden Plünderungen von Sebehrs Bande fingen sie an, sich zu Gordon zu schlagen; und er hörte, daß es nur der Anfang einer Einwanderung sei, indem noch andere Stämme ähnliches beabsichtigten. Sie konnten über Nacht kommen, denn »Gepäck haben sie keines und reiten wie der Blitz, ohne Bügel.« Der Vorteil einer solchen Verstärkung war aber ein zweifelhafter -- wo Nahrung hernehmen für so viele in dem ausgeplünderten Land?