Chapter 1 of 28 · 3935 words · ~20 min read

Part 1

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Sonderlinge

Von

Peter Rosegger

Achtundzwanzigste bis zweiunddreißigste Auflage

(Der neubearbeiteten Ausgabe elfte bis fünfzehnte Auflage)

[Illustration]

1922

L. Staackmann Verlag Leipzig

Alle Rechte vorbehalten

Druck von C. Grumbach in Leipzig.

Inhalt.

Seite

Vorwort 5

Karl der Große 7

Der Fischer im Olymp 18

Der Geistbrenner 32

Der ordentliche Augustin 42

Meister Sani 51

Der falsche Himmelträger 59

Der unglückliche Kammerdiener 68

Die Einsiedler 76

Ein Wildling Christi 90

Der mißratene Evangelist 109

Der alte Adam 121

Der Säemann 130

Der scheltend' Schuster 136

Herr Trotzkopf, der Heiratsbeflissene 142

Der Samer-Sim 150

Der Zillacher-Anderl 155

s' Guderl 162

Der Figurlmacher 182

Der junge Geigenspieler 192

Der singende Schabelwirt 209

Das reiche Waldschulmeisterlein 224

Der Orgler zu Sankt Thomas 241

Der Naturfreund 247

Der lange Rauk 258

Hans Johanns Hauptsache 269

Der Himmelherrgottswirt 279

Herr v. Florin 289

Der Steinschädel 300

Der Feuermann Balthasar 309

Herr Meyer, der Belehrende 317

Ein Mann, ein Wort 327

Hauptmann Alles 339

Die Tafelrunde der Berühmten 348

Der Mann mit den dreizehn Talern 361

Der glücklichste Mann von Graz 401

Der Waldteufel 405

Vorwort.

Wenn man die Menge betrachtet, sind fast alle Leute gleich. Und wenn man in den Einzelnen schaut, ist fast jeder ein Original. Man soll auf allen Bäumen der Welt ja nicht zwei Blätter finden, die ganz gleich sind, und im unermeßlichen Menschenwald ja nicht zwei Gesichter, die in gar nichts verschieden wären. Jeder Mensch existiert nur in einem einzigen Exemplar.

Ganz so sind die Sonderlinge dieses Buches nicht gemeint. Das sind vielmehr wunderliche Charaktere, durch Naturanlage, äußere Verhältnisse, besondere Weltanschauungen und Leidenschaften so gebildet. Bevorzugt habe ich die Harmlosen, Humorvollen, Gut- und Edelherzigen, besonders die froh verzichtenden Weltabweisenden, die meine Lieblinge sind. Aber es gibt auch finstere, dämonische Gesellen darunter; dann solche mit genialer Begabung und solche, die im Volk »halbe Narren« genannt werden, weil sie ganze Weise sind. Oft auch Menschen, die ihren Beruf verfehlt haben, oder die so eckig sind, daß sie sich in keinen einordnen lassen. Solche grollen dann gerne mit der Welt, führen ein verkümmertes, wunderliches Dasein. Manche machen sich aus Kleinlichkeit ein absonderliches Leben, manche aus Weltüberlegenheit.

Gefunden habe ich derlei Leute nicht, denn ich habe nie nach ihnen gesucht. Auf langem, reichlich gewundenem Lebensweg und mit einem Auge für innere Eigenarten begegnet man ihnen auch so. Manche, die Plaudersamen, sich selbst Ausspielenden machen es einem leicht, sie zu fassen; nur darf man sich nicht zu sehr foppen lassen. Dann hängt man ihnen gern einmal ein anekdotisches Mäntlein um. Etliche sind mir bloß erzählt worden und ein paar sind mir im Traume untergekommen, weniger aus der Umwelt, als aus mir selbst hervorgegangen.

Und so ist eine wunderliche, gemischte Gesellschaft zusammengekommen, die sich gewiß nirgends anders als im duldsamen Buche miteinander vertragen würde.

~Der Verfasser.~

Karl der Große.

Karl Oberbergbreitebner war so groß, das der Witz seiner Dorfgenossen zwei aus ihm machen wollte, einen Langen und einen Dicken. Wäre noch auf einen Dritten etwas übrig geblieben, so hätte ich für einen Klugen gestimmt. Karls Gehirn war entweder so klein, wie bei einem Huhn, oder so groß, wie bei einem Büffel. Doch hatte er sein Lebtag nie etwas Dummes gesagt, denn er sprach nicht viel, hatte nie etwas Albernes gedacht, denn er dachte nicht, er handelte bloß. Er hätte aber auch das tollste Zeug schwatzen können, seine Körperstärke war so groß, daß er kaum viel Widerspruch erfahren haben dürfte. Zwei derbe Arme sind eine doppelte Beweisführung.

Karl war der Sohn des Dorfschneidermeisters, hatte das ehrwürdige -- nein, das ist zu viel -- das ehrsame Handwerk des Vaters gelernt und ging mit diesem, einem kümmerlich kleinen und hageren Männl, auf der Ster um, von Hof zu Hof. Seit sein Karl groß geworden war, konnte das Meisterlein die entlegensten Höfe auch zur Winterszeit bei Schnee und Sturm besuchen. »Pack mich, Karl!« sagte er, und Karl nahm ihn auf den Rücken oder unter die Achsel und trug ihn gemächlich bergauf und talab; doch mußte der kleine Alte dem großen Jungen fortwährend den Weg zeigen. Karl konnte nicht Kleider anmessen, nicht zuschneiden, überhaupt selbständig nichts fertig machen. »Das nähe!« sagte sein Vater, und er nähte es, aber auch um keinen Stich mehr und keinen weniger. »Das bügle!« sagte sein Vater, und wenn er ihm eine lebendige Katze hingehalten, so hätte er sie gebügelt. Wozu das Nähen und wozu das Bügeln? Ich glaube nicht, daß Karl jemals auch nur im Gedanken danach gefragt hatte. Warum auch?

Aber die Leute schätzten seinen Wert. Wenn irgendwo ein großer Holzblock zu schleifen, ein schwerer Stein zu wälzen oder eine Kohlentracht zu schleppen oder eine andere Last zu bewältigen war, so schickte man nach dem Schneider.

Da kam eines Tages eine Stadtherrschaft ins Dorf gefahren, mit der Absicht, den Hochstandel zu besteigen. Nun war aber der Hochstandel ein stattlicher Berg und die Dame der Herrschaft eine stattliche Frau, ein Gleich und Gleich, das sich nicht gerne gesellt. Ein alter, magerer Herr und die zwei munteren Töchterlein waren mutig, die stattliche Frau jedoch ließ Umfrage halten nach einem Wagen, um auf den Hochstandel zu fahren. Wägen leide der Berg nicht, wurde ihr gesagt; Maultiere, Esel oder dergleichen zum Reiten seien auch nicht vorhanden, hingegen lebe im Orte ein Schneider, der die Stelle genannter Vierfüßler recht gern übernehme und die Frau auf den schönen Berg tragen wolle. -- Ein Schneider! Die vierfältige Herrschaft rümpfte ihre Nasen, ließ aber doch den Mann holen. Der erschien mit seinem riesigen Kohlenkorbe, dessen Boden er mit Reisig bedeckt hatte, so daß ein gar einladendes Nest ward. Als ihm dargetan ward, um was es sich handle, nahm er zuerst den großen Pack mit Eßwaren, legte ihn hinein, dann nahm er ohne Umstände die Dame und hob sie in den Korb; nahm hierauf eines der Fräulein und hob es in den Korb, nahm hernach das andere Fräulein und hob es in den Korb. »So,« murmelte er, »jetzt tut sich's, jetzt brauch ich nur noch etwas zum Festkeilen.« Nahm auch den alten Herrn her und steckte ihn zu seiner werten Familie in den Korb. Dann packte er sich die ganze Bergpartie auf den Rücken und stieg langsam an.

Die beiden Stadtfräulein gehörten zur Gattung der Backfische, sie fürchteten sich daher gleich anfangs vor dem Riesen und hatten Angst davor, daß er sie unterwegs ermorden würde. Das Ungetüm zeigte sich jedoch überraschend harmlos, es ging mit dem Rückkorbe sachte den sonnigen Hang hinan und pflückte Erdbeeren. Ohne mündliche Artigkeiten warf er zwei Erdbeersträußchen hinter sich in den Korb. Die Fräulein verstanden das so, als sollte es für sie eine kleine Aufmerksamkeit sein, sie naschten daher die Beeren von dem Strauß und überlegten jedes für sich, ob man sich in diesen gewaltigen und doch so netten Mann nicht verlieben könne? Mittlerweile wimmerte die Frau Mama in ihrer Einpfropfung und der Herr Papa hielt eine Vorlesung über die Naturkraft.

Nach drei Stunden waren sie dort, wo es nach allen Seiten abwärts geht, und wo man stehen muß, wenn man nachträglich will sagen können, wir standen zweitausend Meter hoch über dem Meere. -- Karl Oberbergbreitebner ging immer vorwärts, als ob er ohne Säumen in die freien Lüfte weiter steigen oder ohne weiteres auf der anderen Bergseite wieder hinabgehen wollte. Die Bergpartie im Korbe mußte ihm ein vierfach donnerndes Halt! zurufen, bis er stehen blieb. Also stellte er den Korb auf das Gestein, die Insassen stiegen mit vieler Umständlichkeit aus und rieben sich die Beine. Während Karl zurückblieb beim Korb, suchte die Herrschaft den schönsten Aussichtspunkt, und das würdige Oberhaupt erklärte die Fernsicht. Sie wäre furchtbar hübsch, erklärte Frau Mama, während die Fräulein auf Steinblöcken saßen und auf Ansichtskarten kritzelten, wie das reizend gewesen wäre auf dem Hochstandel, ein junger schöner Mann habe sie alle zusammen hinaufgetragen, oben hätten sie dann die Aussicht angesehen und einen guten, reichlichen Imbiß eingenommen.

Auch Frau Mama erinnerte sich daran, daß es Zeit wäre zum Imbiß, und sie riefen den Karl, der hinter einer Felswand gelegen war, daß er mit dem Korbe herüberkommen solle. Karl kam mit dem Korbe herüber, aber es war nichts drinnen, als Reisig.

»Wo ist der Pack mit den Speisen?« fragte die Dame.

Karl schaute sie mit einigem Befremden an und antwortete: »Der Pack? Der ist nicht mehr.«

»Um Gottes willen, er war ja im Korbe!«

»Ich habe ihn herausgetan,« sagte Karl.

»So hole ihn!«

»Er ist halt nicht mehr.«

»Was ist mit ihm geschehen?«

»Weiter nichts,« antwortete Karl, »aufgegessen habe ich ihn.«

»Ungeheuer!« Ein vierfacher Schreckensruf war's, gräßlich genug, daß Karl der Große vor Grauen umfallen konnte; aber er stand. Ganz ruhig und schlicht stand er da und blickte so treuherzig drein, als ob nichts geschehen wäre.

Die Fräulein fielen den Eltern um den Hals und riefen: »Vater! Mutter! Wir müssen Hungers sterben auf diesem Berge!«

Nun war Karl schier verzagt und meinte, er habe nicht gewußt, daß das Essen für die anderen wäre. Sie sollten aber nur rasch wieder in den Korb steigen, daß er sie hinabbringen könne, bevor sie verhungerten.

Na, das war doch klug! Und also ist es auch geschehen. Da die Herrschaft glücklich in das Dorfwirtshaus zurückgekommen war und der Papa den Karl nach dem Trägerlohn fragte, bedeutete der Große, es sei nichts, es zähle sich nicht aus.

Es waren sehr vornehme Leute aus der Stadt, und so gering waren sie in ihrem Leben nicht geschätzt worden, als von diesem Schneider.

Wenn Karl sechs Tage lang bei der Nadel gesessen war, wußte er am Samstag nicht mehr, wohin mit seiner Kraft. Da fiel es ihm ein, daß es eine ganz gute Erholung sein müsse, wenn er am Sonntag Steine auf den hohen Standel tragen würde. Die Steine waren vom Berge ja herabgekollert, weshalb sollten sie nicht wieder hinaufgetragen werden? Als er jedoch mit seiner Ladung zu den Almen hinaufgekommen war, brach der Kohlenkorb, und die Steine kollerten wieder talwärts. Als sie in hohen Sätzen dahinsausten und bei ihrem Auffallen tief in den Boden schlugen, daß hier Sand emporsprang, dort Funken aufstoben, erscholl ein Schrei. Karl blickte hin und sah eine kleine Sennerin, die Gras schnitt. Das Dirnlein war so niedlich und zart, daß die Arbeit nur mit Mühe und Anstrengung von statten ging. Nun geschah es, daß Karl zu ihm hintrat, aber nicht um die Kleine in den Sack zu stecken, sondern um unter Stottern und Mühen zu fragen, ob sie sein Schatz sein wolle?

Das Dirnlein antwortete natürlich, daß er ihr für einen zu viel sei, und daß sie zwei nicht brauche.

Als sie hernach in die Sennhütte ging, schlich ihr der Große trotzdem nach. Aber als er zur Tür kam, da plagte es. Diese war nicht allein viel zu niedrig, sondern auch zu schmal; er wand sich zwar hinein, aber die Türpfosten ächzten. Drinnen stand er mit gebeugtem Haupte vor der Kleinen, denn aufrecht stehend hätte sein Kopf durch die morschen Bodenbretter ein Loch gebohrt hinauf in den Dachraum, wo er nichts zu tun hatte. Also in demütiger Haltung fragte er sie noch einmal, und sie antwortete ihm spottweise, ein Schneider sei ihr zu windig.

Karl setzte sich ruhig auf einen Schemel, da knickte dieser ein, mit zwei Füßen zugleich, und Karl der Große lag mit gekrümmten Beinen ungefüg auf der Erde. Die Sennerin war ein gescheites Dirnlein und dachte: Die schwersten Baumstämme können ihm nichts anhaben, und ein armseliges Fußschemlein bringt ihn zum Falle. So steht es mit diesen starken Männern. -- Sie foppte ihn weiter, da meinte er lächelnd, er würde ihr noch einmal etwas Schlimmes antun, wenn sie so arg gegen ihn wäre.

»Hascherlein, was kannst denn du mir antun?« fragte die Kleine den Großen.

»Ich?« sagte er, »dieweilen du einmal auf der Wiesen bist, trag' ich dir deine Hütten davon. Christel, was tust denn nachher, he?!«

»Ja,« rief sie, »nachher lauf' ich dir mit einer Brennessel nach, bis du die Hütten fallen laßt!«

Karl schwieg. Vor Brennesseln hatte er immer Grauen empfunden, und er beschloß, das Dirnlein nicht mehr zu reizen.

»Nein, ich tu' dir nichts,« sagte er gutmütig, »mich kränkt es recht, daß du mich nicht magst, aber tun tu' ich dir deswegen doch nichts.«

»Da bist du wohl brav,« antwortete sie, »und hat auch der Elefant zur Mücke gesagt, die lustig in den Lüften summt: Mückerl, fürcht' dich nit, ich tu' dir nichts. -- Bist wohl brav, Karl!«

Sie hat gesagt, ich bin brav. So mag sie mich ja. -- Mit diesem tröstlichen und wirklich logischen Gedankenanflug stieg er vom Berge herab.

Als das Gerede umging, der Schneider Karl wolle heiraten, rief sein Vater, das Meisterlein: »Wie soll denn der heiraten! Kann ja kein Weib ernähren.«

»Wer eins ertragen kann, wird auch eins ernähren können,« antwortete der Pfarrer, der gegen Heiraten, Kindstaufen und Todesfälle selten was einzuwenden hatte.

»Er kann nichts als tragen, ziehen und schieben,« gestand der Vater.

Hierauf ein Nachbar: »Das ist ja genug. Kann mein Ochse auch nit mehr und baut mir doch den Acker an. Halt geleitet muß er werden.«

Wie? Der Karl Oberbergbreitebner will sich beweiben? Da wollen wir den baumstarken Kerl doch besser nutzen. Soldat werden! so sagt die Militärbehörde. Vaterland verteidigen! sagt sie. In das Feld marschieren! sagt sie. Der Recke hebt an zu zagen. Im Felde tun sie ja schießen und stechen! Ist es nicht so? Tun sie im Felde nicht schießen und stechen? Und wir sind ja in einer viel größeren Gefahr, als jeder andere, weil wir sehr leicht zu treffen sind. -- Und da sage man noch einmal, daß Karl nicht tiefsinnig denken könne!

Drei Wochen war er bei den Soldaten, als endlich der Hauptmann laut ward: »Mit diesem Lümmel ist nichts anzufangen! Er hat in keiner Montur Platz und beim Exerzieren! Gott, beim Exerzieren ist er viel zu stabil. Wo er steht, da steht er, und es bedarf zu vieler Kraft und Taktik, um ihn in Bewegung zu setzen. Marschiert er, so marschiert er und findet nicht leicht einen hinreichenden Grund, um nach rechts oder links kehrtzumachen, oder gar stehenzubleiben. Wenn sich der alte Herkules einmal pensionieren läßt, so mag der Karl Oberbergbreitebner angestellt werden zum Weltkugeltragen -- bei den Soldaten können wir ihn nicht brauchen.«

Nun kam Karl wieder heim und klagte es seiner kleinen Sennerin: »Sie sagen, sie könnten mich nicht brauchen.«

»Das will ich doch sehen!« rief die Kleine, »spute dich zum Pfarrer und sag', ich wollt' dich heiraten in vierzehn Tagen. Marsch!«

Die Leute schüttelten den Kopf, und warum sollten sie es nicht, es war ja der ihrige, und nicht der des kleinen Almdirndels, in welchem besondere Pläne webten. Wer pachtete jetzt das Straßenhäusel am Fuße des Sattelberges? Die kleine Christel pachtete. Wer vertröstete den Eigentümer mit dem Pachte auf das nächste Jahr, bis man sich mit dem Vorspannfuhrwerk Geld verdient haben würde? Die kleine Christel vertröstete. Und wer hatte kein Pferd und keinen Ochsen, als er Vorspann leisten sollte über den Sattelberg? Die kleine Christel hatte nicht. Wer aber spannte den Kohlen- und Roheisenfuhrwerken ihren jungen Ehemann vor über den Sattelberg? Die kleine Christel spannte vor. Jawohl, die kleine Frau Oberbergbreitebner spannte den Oberbergbreitebner vor, und der zog im Vereine mit Pferden und Ochsen tapfer an; die Pferde und Ochsen waren höchst verwundert, einen zweibeinigen Genossen an ihrem Gespann zu sehen, und sie mußten sich sehr zusammennehmen, um von ihm nicht beschämt zu werden.

Die Löhnung, welche Klein-Christel für solche Vorspann einzog, berechnete sie auf zwei Pferdekraft, und sie begegnete damit keinem Widerspruche.

Hatte sie den Karl zu Hause, so hegte und pflegte sie ihn mit allem Notwendigen, damit er gesund und stark bliebe. Er war ihr Kapital, und Karl fühlte sich sehr gehoben, nun eine seiner Natur entsprechende Tätigkeit gefunden zu haben. Christel mietete auch einen Acker, und da konnte man sehen, wie sie hinten am Pfluge dreinging, ihn führte und das Zuggespann mit Hi und Hott leitete. Das Zuggespann war ihr Karl.

Also ging es nun in Eintracht und gemeinnütziger Wirksamkeit voran. Da geschah etwas Unerwartetes. Zwischen dem Heimatsdorfe des Karl Oberbergbreitebner, das Lehbach hieß, und dem Nachbarsorte Standelegg war ein Streit ausgebrochen. Es lag nämlich zwischen diesen Orten die kleine Gemeinde Hüttel, deren Insassen »lebendige Lehbacher und tote Standelegger« waren. Mit ihren Kirchengängen, Hochzeiten, Taufen, Geschäften usw. kamen sie nämlich nach Lehbach herüber, ihre Leichen gehörten jedoch auf den Kirchhof des kleinen und näher gelegenen Standelegg. Als durch die Gemeinde-Autonomie die Dörfer zum Gebrauche ihrer Vernunft kamen, sagten die Standelegger: Wenn die Hüttler lebendigerweise nach Lehbach neigen, so brauchen wir sie auch toterweise nicht. Mit den Behörden ließ sich nichts anfangen, die sagten, es habe zu bleiben, wie es bisher gewesen, und so sahen die beiden Ortschaften, sie müßten die Angelegenheit unter sich entscheiden. Mit Reden und Schreien ging es nicht, das hatten sie schon erfahren; also schlug ein kluger Kopf vor, Lehbach und Standelegg sollten durch Krieg entscheiden, wie Deutschland und Frankreich entschieden hätten, nämlich tapfer miteinander raufen, und der Stärkere sei der Sieger. Aber nicht etwa so dumm, wie es die Reiche machen, wo ganze Völker aneinanderprallen und sich gegenseitig durch Mord und Brand schreckbar zugrunde richten, sondern vielmehr so, daß jedes der beiden Dörfer einen Mann auf den Kampfplatz schicke. Die beiden hätten miteinander ohne Waffe, nur mit ihren natürlichen Gliedern und körperlichen Fähigkeiten zu ringen, und der zuerst falle, dessen Gemeinde sei die besiegte.

Das wurde abgemacht. Also hielt die Dorfgemeinde Lehbach Umschau nach ihrem stärksten Manne, und natürlich fiel die Wahl auf Karl den Großen.

»Ja, ja,« sagte der, »ich tu's schon. Will schon raufen.« Tat aber weiter nichts desgleichen, als ob die Wahl ihn freue oder aufrege, und ganz gleichmütig trottete er an dem bestimmten Tage auf den Kampfplatz. Siegte Karl, so gab es in der Zwischengemeinde Hüttel wie bisher lebendige Lehbacher und tote Standelegger. Siegte der von Standelegg gesandte Streiter, so sollte Hüttel fürderhin auch bei lebendigem Leibe, mit seinen Kirchgängen, Hochzeiten, Kindstaufen und Geschäften den Standeleggern zu eigen sein. Der Standelegger Kämpfer war ein ganz gefüger, flinker Tischlergeselle, mit dem ein Karl Oberbergbreitebner Fangball spielt. Aber bevor die hellen Haufen der Zuschauer und Zeugen sich noch recht versammelt hatten, lag der Karl schon im Sande, der Tischlergeselle saß festgeklammert auf seiner mächtigen Brust und zündete sich eine Pfeife an.

Der Karl blieb ganz ruhig liegen und horchte gelassen dem Geschrei der Menge, die ihn verlachten und den Gegner bejubelte. Erst als Klein-Christel kam, ward es anders mit ihm. Totenblaß im Gesichte, leise flüsternd befahl sie, daß er aufstehe. Also begann er mit Händen und Füßen Anstalten zu treffen, daß er sich erhebe, und schon nach drei Minuten war es so weit, daß die Kleine den Großen vor sich hertreiben konnte gegen das Straßenhäusel. Die lebendigen Hütteler waren für Lehbach verspielt, alle Schmach entlud sich über das arme Straßenhäusel, und es schien kein Mittel mehr zu geben, die Ehre des Großen wieder herzustellen.

Da kam ein schwerer Winter. Der Schnee lag mannshoch in der Gegend und alle Wege waren geschlossen. Seitdem die lustigen Hütteler nicht mehr nach Lehbach kamen, ging es hier recht langweilig zu und man tröstete sich nur mit dem Gedanken, daß sie bei dem großen Schnee auch nicht nach Standelegg gehen könnten; sie waren eingemauert in ihrem Dorfe Hüttel. Es nahten die Faschingstage. Zu dieser Zeit sagte eines Tages Klein-Christel zu ihrem Großen: »Karl, mach' dich auf und geh' hinüber nach Hüttel. Geh' heute hinüber und morgen wieder zurück.«

Karl fragte nicht warum; er verzehrte eine weite Schüssel Heidenbrei, dann ging er nach Hüttel. Der Schnee reichte ihm bis an die Brust, der Karl schob sich langsam voran und hinter ihm her war ein Hohlweg. Am nächsten Tage kam er wieder zurück, und hinter ihm her zog eine lange Reihe faschingslustiger Hütteler, Männlein und Weiblein, die bei dem frischgetretenen Pfad nach Lehbach eilten, um im Wirtshause zu tanzen, zu essen, zu trinken und beim Kaufmann Lebensmittel einzukaufen.

Nun erst merkten die Leute von Lehbach, was Karl der Große als Schneepflug bedeutete, und als solchen mieteten sie ihn von Klein-Christel, so oft im Winter die Pfade verschneit waren zwischen Lehbach und Hüttel. Also gewöhnten die Hütteler sich neuerdings an Lehbach, sie waren wieder »lebendige Lehbacher und tote Standelegger.«

Klein-Christel konnte sich wieder freuen an ihrem Karl; ihr Ansehen und der Wohlstand ihres Hauses wuchs. Sie wäre in der Lage gewesen, eine junge Familie zu ernähren, allein diese war nicht da und kam nicht, und es ist jammerschade, daß weder die kleine, fleißige und kluge Christel, noch der große Karl fortgepflanzt werden. Die Zukunft könnte beide brauchen, und zwar zusammen vermählt; mit Klugheit allein, oder mit Kraft allein läßt sich doch nicht viel machen.

Der Fischer im Olymp.

Dort, wo der Wildgarten des Schlosses an die Landstraße stößt, neben dem Einfahrtstor, steht eine Steingruppe von Ungehörigkeiten aus der griechischen Mythologie. Die größten Auswüchse der Phantasie sind schon wiederholt durch Steinwürfe weggeschlagen worden, allein der Schloßherr steift sich auf das alte Herkommen und läßt die verwundeten Arme, Beine und Nasen allemal wieder herstellen.

Unter dieser alten weltmunteren Sandsteingruppe nun saß ein Bettelmann. Er saß jahrelang dort, immer nur an sonnigen Tagen, er saß auf dem Sockel, er saß sogar manchmal der einen Göttin auf dem Schoß und lehnte sich rückwärts an den schönen Busen, der allerdings nicht ganz so lind war, als der Künstler ihm mit kundigem Meißel den Anschein gegeben. Der Bettelmann trug stets ein weites blaues Beinkleid und einen gelben Pelzmantel, wie man sie bei ungarischen Schafhirten sieht, ferner hatte er ein grellrotes Tuch um das Haupt gewunden, ähnlich wie die Türken ihren Turban tragen; die Füße hielt der Mann in braune Lappen gewickelt und mit grünen Bändern umwunden. Das Gesicht war nicht fahl und nicht mager, war vielmehr rosig und rundlich und hatte zwei ungleiche Augen. Das eine gutmütig ausblickend, das andere verwulstet und mit manchmal zuckenden Wimpern, hinter welchen sich Schelmerei zu verstecken schien. Zur Zeit, als ich den Mann das erstemal sah, mochte er etwa fünfzig Jahre jung gewesen sein. Ja, es war eine Jugend und Frische in ihm, die Straßenbettler, wenn sie tatsächlich ein wenig davon haben, sonst nicht hervorzukehren, vielmehr zu verstecken pflegen.

Da er hoch auf dem Sockel der Götter saß, so hatte er an einer langen Stange ein Binsenkörblein, das er dem Wanderer entgegenhielt, ähnlich wie der Fischer seinen Angelstab niedersenkt. Gab es nichts, so zog er seine Angel ruhig wieder ein, lehnte sich an die Götter und wartete. Witzige Leute nannten ihn den Fischer im Olymp. Ich, der wöchentlich ein paarmal des Weges zu gehen hatte, warf ihm fast allemal einen Pfennig in das Körbel, nicht etwa, weil dieser Bettelmann so erbarmungswürdig aussah, als vielmehr weil er stets ein so heiteres Gesicht machte. Manchmal aber, wenn das bartlose Rundgesicht gar zu heiter und aufgeweckt dreinsah, dachte ich: Na, schenk' lieber du ~mir~! und ging zugeknöpft vorüber.

Man wunderte sich, daß dem Manne die Polizei gelassen zusah, allein diese hatte diesmal Humor und meinte, fischen sei nicht betteln und es möge sich erst der beschweren, dem der Fluß gehöre. Der sickernde Fluß der Wanderer aber gehört Gott dem Herrn, und der läßt alle Fischer und alle Wilderer gewähren. Auch der Schloßherr fand nichts einzuwenden gegen eine Gestalt, die den Eingang in seinen Park so wunderlich schmückte. Er war ein Freund heiterer Gesichter und sagte, ein so glücklich munteres Antlitz gäbe es in seinem ganzen Schlosse nicht. Auch er warf dem Fischer manche kleine Münze in das Binsenkörbchen. Anfangs soll ein hoher Herr mit teilnahmsvoller Gebärde mehrmals einen Taler hineingelegt, damit aber den Bettelmann erzürnt haben. Er lasse sich nichts schenken! sagte der Fischer, zerteilte die große Münze in mehrere kleine und spendete sie den Armen.