Chapter 16 of 28 · 3875 words · ~19 min read

Part 16

Jessas! denke ich, der spielt an auf Bemerkungen in meinen Büchern. Im »Ewigen Licht« ist der athletische Lehrer mit den geistreichen Fäusten, im »Erdsegen« geht ein linkischer Dorfschulmeister umher. Ich wußte schon, daß einige Lehrer an den besagten Bemerkungen mehr herausfanden, als ich hineingelegt hatte, nämlich eine Beleidigung ihres Standes; es war mir daher klar, was ich hier zu tun hatte, nämlich Hut und Stock wieder in die Hand zu nehmen und allseitig eine ruhsame Nacht zu wünschen. Mit tragischem Ernste begleitete der Schwarzbart mich zur Tür, die er sofort auch dienstbereit öffnete.

Wieder im Freien, hatte ich Muße, die Sternbilder des Himmels zu betrachten; es mangelte mir für diese Erhabenheit aber einigermaßen die Stimmung. Eine Magd, die vom Brunnen Wasser geholt hatte, trat ich höflich an, wo man doch in diesem Orte ein Obdach haben könne über die Nacht? Sie blieb stehen und beratschlagte mit mir. Das Försterhaus war auch ihr eingefallen, ich bekannte, dem Forstjäger zu wenig wildes Tier gewesen zu sein. So verfiel sie auf ihren Dienstgeber, das sei ein herzensguter Herr und hätte in der Apotheke ein feines Fremdenbett.

Nun klopfte ich beim Arzt an. Eine alte runzelige Frau kam hervor, mit langem, schmalem Schleppkleid. Die erklärte barsch, jetzt wäre keine Ordinationsstunde.

»Ich bin auch kein Kranker!« meine Versicherung.

»Ah so, dann ist's was anderes. -- Jonathan! Ein Herr will bei dir die Aufwartung machen.«

Der Herr Doktor Jonathan kam nun selbst an die Tür, forschend, ob endlich vielleicht einmal ein richtiger Tarockspieler da wäre für die langen Herbstabende. Seine Augengläser rückte er von der Stirn herab und besichtigte mich. Und murmelte was und besichtigte mich eingehender und kraute seinen Weißkopf.

»Nun, Herr Doktor!« rief ich lustig, »wo fehlt's bei mir?«

Er ging drauf ein, tippte mit dem Finger an meine Stirn und sagte bedächtig: »Bei Ihnen fehlt's ~da~!«

»Was tausend! Mir fehlt's ja nur an einem Nachtquartier!«

Er blieb mit dem Kerzenlicht in der Hand an der Tür stehen und fuhr fort, mit behaglicher Langsamkeit zu sprechen: »Ich habe von Wien aus das Vergnügen, den Herrn Volksdichter zu kennen. Von einer steirischen Vorlesung her; und aus den Büchern, wo er sich so infam über uns Ärzte lustig macht. Als würden wir nur gerufen, um den Leuten leichter sterben zu helfen, oder so was. Und hätten für alle Krankheiten nur ein Mittel, das Hasenöl, das aber nichts anderes, als ein verdorbenes Schweinefett wäre. So ein alter Dorfbader hat ein gutes Gedächtnis, nicht wahr?«

Mittlerweile hatte er sich in den Zorn geredet und nun kam's: »Jawohl, solche Torheiten oder Bosheiten merkt man sich. Wo im Volke ohnehin schon bald alles Vertrauen beim Teufel ist! Ja, mein lieber Herr, wenn man sich so in Dinge mischt, die man nicht versteht, da kann dies nur mit Dummheit entschuldigt werden. Beim Esel im Stall, wenn Sie schlafen wollen!«

Und klapps, schlug die Tür ins Schloß.

Noch kam die alte Frau, entschuldigte ihren Mann, der halt über seinen Beruf keinen Spott kommen lasse und schon oft gesagt habe: Wenn er ihn einmal derwischen täte, denselbigen -- gut ginge es ihm nicht! Übrigens, er sei so arg nervös, aber fressen täte er keinen, und sie wolle mich heimlich auf den Oberboden führen, auf einen Strohschaub aus Barmherzigkeit. Verderben dürfe der Mensch ja doch auch seinen Feind nicht lassen.

Offen gesagt, diese Alte mit ihrem barmherzigen Strohschaub war mir noch zuwiderer wie der wütende Doktor, dessen Beruf halt schon so ernst ist, daß er keinen Spaß verträgt. Ich ging wieder einmal hinaus unter Gottes freien Himmel und hatte Zeit, mich über die große Popularität zu freuen. Nur hatte ich sie mir teilweise anders gedacht, diese Popularität.

Da stand er, der Missetäter, der ausgestoßene. Da hatte er immer gemeint, die guten armen Menschen erheitern und erheben zu wollen, während er sie der Reihe nach tödlich beleidigte. Mitten im »treuen Alpenvolke« stand er nun einsam in eitler Nacht, fremd und fröstelnd, erschöpft von weiter Wanderschaft. Hinter mir bellte ein Hund, dem gesellten sich mehrere, groß und klein -- die Hundeschaft des ganzen Dorfes -- und brachten mir ein vielstimmiges Ständchen.

Es schnitt die Bergluft. Der Tau des Grases gedachte kalter Reif zu werden über Nacht.

Dort auf dem Hügel stand ein fahles Gemäuer. Es war die Kirche, deren Turmuhr die neunte Stunde schlug. Wie lang ist eine solche Septembernacht! -- Aber neben der Kirche pflegt ein Pfarrhof zu stehen, und im Pfarrhofe ein christlicher Mann zu wohnen. Man hatte mir so oft geschmeichelt, in meinen Schriften stecke doch ein bißchen Religion. Nun, dann dürfte vielleicht ein Versuch im Pfarrhof nicht fehlgehen.

Dort an der Tür mußte ich aber lange ziehen am Glockendraht.

Endlich klirrte hoch an der Wand ein Fenster auf, und eine kräftige Männerstimme fragte herab, was es gebe?

»Ein obdachloser Reisender! er bäte um Unterstand über Nacht, sei es im Stalle, sei es in der Scheune, wo immer!«

»Es gibt wohl doch noch andere Häuser in der Krumpa.«

»Ich habe keine Geneigtheit gefunden!«

»Dann wird man schon der Richtige sein. Wer sind Sie denn?«

»Feuergefährliches, oder so was, habe ich nicht bei mir!«

»Wer Sie sind, will ich wissen?«

Auf diese unentwegte Frage nannte ich meinen Namen.

Da beugte sich der Pfarrer aus dem Fenster weiter hervor, fragte noch einmal und sagte dann: »Ich verstehe immer: Rosegger!«

»Es ist richtig, Herr Pfarrer!«

»Wohl doch nicht der Poet?«

»Er ist es, Herr Pfarrer. Aber zur Zeit ohne Poesie, nur stark schläfrig!«

Der Herr oben begann zu lachen.

»Sie verzeihen schon, Herr Rosegger,« entschuldigte er sich, »ich lachte über den Zahltag. Daß Sie heute um Unterkunft bitten müssen an der Pforte jenes Standes, den Sie so oft dem Hohne der Menge preisgegeben haben. Erinnern Sie sich an den Stiefelknecht? An des Pfarrers Fiederl? Schaun's wie es geht. Wenn man die Kirche einreißt, dann sitzt man schutzlos auf der Welt. Übrigens sind wir Priester besser, als der Ruf, den Sie mit verbreiten halfen. Die Haushälterin wird bald aufschließen.«

Die Haushälterin hatte mich nicht mehr an der Tür gefunden. Doch vor dem Erfrieren war keine Gefahr mehr, erstens, weil mir dieser Leute Gastfreundschaft heiß gemacht hatte in der Brust, zweitens, weil ich einen Heustadl fand. Der stand auf der Wiese neben dem rauschenden Bach. Ich vergrub mich ins duftende Heu. Nur schade, dachte ich mir zu, daß nicht eine Fabrik, oder ein Grafenschloß dasteht, man würde dich auch an solchen Toren abweisen. Hernach die Gelehrten, die Studenten und derlei Kasten mehr. Oder die Parteien: die Antisemiten, die Juden! Allen hast du gelegentlich eine Schelle angehängt. Und wenn du bei dir selber anklopfest, keinen bayrischen Pfennig wette ich, du schreist dir zu: Kerl, auch über mich hast du dich schon lustig gemacht, marsch! -- In Gottesnamen, bist halt ein Bösewicht. -- Damit legte ich mich aufs andere Ohr.

Aber gerade, als es zum Einschlafen kommen wollte, war draußen eine rufende Stimme zu vernehmen. Sie kam näher, sie entfernte sich, sie kam wieder näher, und endlich war es deutlich, man rief meinen Namen.

Ich hob den Kopf: »Was Teuxel ist denn los?«

»Hau!« rief es draußen, »im Heuschupfen ist er!« Dann kam der Rufer auch schon an die Wand und sagte: »Wenn er drinnen ist, so muß er heraus. Das wollen wir Schullehrer uns nicht ankreiden lassen, daß unser Waldschulmeister-Dichter in dem Heuschupfen schlafen soll! Ich bin ja auch so ein Waldschulmeister, aber nicht der in der Krumpa. Wir gehen zusammen jetzt nach Sankt Marten hinauf, ein Stündel. Dort gibt's ein gutes Bett!«

Als er das gesagt hatte, war meine wohlgesetzte Antwort: »Ich danke Euch, Waldschulmeister von Sankt Marten. Aber aufstehen tu' ich jetzt nicht. Wie ich just lieg', so gut liegt der Kaiser von China nicht auf seinen chinesischen Seidenkissen. Sollte ich aber morgen an Sankt Marten vorüberkommen, dann melde ich mich bei Euch, und itzo seid so gut und laßt mich in Frieden.« --

Am nächsten Morgen stieg ein göttlicher Sonntag auf. Ich ging aus meinem Heugrabe wie neugeboren hervor, und das Dörfchen Krumpa lag im feuchten Walddufte so lieblich da, als wären alle Rächer meiner literarischen Missetaten ausgezogen über Nacht. Die Wiese hatte einen silberweißen Reif, die Ahorne waren schon rot, und die Lärchen gelb, und hoch auf den Berggipfeln lag goldgrünlicher Sonnenschein, so daß es im blumigen Mai nicht farbenleuchtender sein kann, als an diesem stillen Herbstmorgen. Und vor meinem Heustadl stand ein ältliches Herrchen. Es stand durchaus nicht ruhig, es zappelte mit den Füßen, es schlenkerte die Arme hin und her, einmal über die Brust, einmal über den Rücken, der einen weidlichen Höcker hatte. Nach dem Gewandschnitte hätte es wohl ein notiges Bäuerlein sein mögen, allein der Hut, der rabenschwarze hochgebaute Filzhut mit der funkelnden Bandschnalle zeigte einen vornehmen Herrn an. Solche Hüte trugen die Gerichtsverweser und Doktoris vor achtzig Jahren. Und diesen letzten, nur wenig entarteten seines Geschlechtes, trägt mein Waldschulmeisterlein von Sankt Marten.

Das war in aller Herrgottsfrühe herabgekommen, hatte vor der Heuscheune auf meine Urständ gewartet und sich dabei fast Zehen und Finger verfroren. An der weichen, breiten Stimme erkannte ich den nächtlichen Schreier.

Und er im ersten Schreck: »Jesses, der ist es ja nicht!«

»Wer soll es denn sein?« fragte ich und streifte mir die Halme von den Kleidern.

Er zog ein Bildchen aus der kleinen Ledertasche, betrachtete es, verglich es: »Der da -- auf dem Bildel -- hat den Bart unter dem Kinn, und der vor mir steht, hat ihn unter der Nase!«

»Wenn der Mensch alt wird, so muß er sich jung machen,« meinte ich. »Ihr habt Euch ja noch jünger gemacht und den Bart ganz weggeschabt, daß Ihr wohl kaum mehr davon habet, als Eure ABC-Schützen!«

»Wahr ist's!« rief er lustig aus. »Und wenn Ihr's seid, so grüß Euch Gott!«

Dann gingen wir miteinander. Ich wollte an demselben Tage ja über das Martenjoch, da hatten wir durch den Sulzergraben den gleichen Weg. Und er erzählte mir den Schick. War nämlich dieser Lehrer von Sankt Marten gestern spät abends bei seinem jüngern Amtsbruder in der Krumpa gewesen und hatte von ihm gehört, daß eben vorhin der »Lehrerspöttler« von ihm abgeschafft worden wäre. Zuerst hatte der von Sankt Marten nicht gewußt, wer da gemeint sei, dann näher unterrichtet, habe er gesagt: »Kollege, hast du die Schriften des Waldschulmeisters gelesen?«

Nein, für derlei habe er keine Zeit.

»Du bist halt erst aus der Stadt gekommen und noch zu wenig lang im Walde, um für derlei Sinn zu haben. Ich gehe ihn jetzt suchen, falls er noch keine Herberge hätte.«

So war der Alte an die Heuscheune gekommen, um das »Versehen seines Amtsbruders« gutzumachen. Und auf solche Weise habe ich dieses rührende Schulmeisterlein kennen gelernt.

Durch den langen Graben holte uns ein laufendes Weib ein, eine Holzknechtin. Sie war schon in der Krumpa gewesen beim Arzt.

»Ist das Kindel noch nicht besser?« fragte sie mein Waldschulmeister.

»Weiger nein, es wird alleweil schlechter!« gab sie weinerlich zur Antwort, »der Bader sagt gar, die Dipfterie!«

»Die Dipfterie sagt er! so schlimm wird's wohl nicht sein. Eine starke Halsentzündung, wie sie vor kurzem die Kohlnatzel-Kinder gehabt haben. Für arme Leute ist die auch gut genug, braucht's keine herrische Diphtheritis zu sein. Mein Weib wird dir Rotholleröl schicken. Den Hals recht schmieren damit und ein paar Tropfen eingeben!«

»Kommt mir eh ganz herab, das Bübel,« klagte das Weib, »nichts als Haut und Knochen.«

»Wenn du Geld brauchst, so komm halt noch einmal zu mir.«

»Bitt' hundertmal!« sagte sie und eilte voran, der Waldwildnis und ihrem kranken Kinde zu.

»Es geht Euch wohl gut auf Eurem Posten?« fragte ich nun den Alten, der, so klein er war, mit weiten Schritten gar würdig neben meiner einherstapfte.

»Besser schon, wie dem in der Krumpa,« antwortete er. »Aber Gehalt hat mein Kollege da draußen einen höheren, und Naturalien hat er auch mehr. Die Sache ist die, er ist ganz und gar nicht zufrieden in der Krumpa, er schaut alleweil aufwärts, anstatt abwärts, und das ist gefehlt!«

»Hohe Ideale muß sich freilich auch ein Schullehrer stellen.«

»So meine ich's nicht. Der Lehrer in der Krumpa schaut alleweil hinauf zum Oberlehrer in Schwarzbach, einen so großen Gehalt möchte er haben. Der zu Schwarzbach denkt sich wieder: Ei, was hat's der Schuldirektor in Elmstadt gut! Und der Schuldirektor in Elmstadt kann nicht begreifen, weshalb er nicht schon Landesschulinspektor ist. Na, na, wenn der Mensch alleweil ins Licht blickt, wird er blind. Da muß man die Holzlieserl anschauen, die uns vorhin wegfür gegangen ist, eine Stube voll kränklicher Kinder und einen schnapssaufenden Mann dazu. Oder unsere Kohlenbrennerleute, die sich zeitweise rein von der guten Luft und dem bißchen Wildobst nähren müssen. Oder immer ein Bäuerlein, das mehr Schulden als Schuhnägel hat, weil ihm das Weib heimlich Mehl und Butter austrägt und an ihre Lotter vertut. Freilich wohl, mein lieber Herr, mit solchen Leuten verglichen, ist unsereiner ein reicher Mann. So war das vom Auf- und Abwärtsschauen gemeint.«

Am Ende der Schlucht war eine Holzbrücke, diesseits derselben standen ein paar Hütten, und jenseits an der Felswand war die Kapelle mit einem hölzernen Dachreitertürmchen.

»So,« sagte mein Begleiter, »das wäre der Dom zu Sankt Marten. Und hier beim Bach die Universität.«

Ein hölzernes Schulhaus mit geräumigem Unterrichtszimmer und der niedlichen Lehrerswohnung.

»Ich habe ihn schon!« lachte mein Lehrer einer kleinen, weißlockigen Frau zu, die im Sonntagsstaat, aber mit einer breiten Küchenschürze um die Mitte, vor mir den Knicks machte:

»Wenn man ein einfaches Nachtmahl gehabt hat und in der frischen Gottesfrühe schon eine Stunde marschiert ist, da wird ein Tröpfel Kaffee wohl schmecken. Ich bitt' schön!«

Im sonnigen Stübchen, auf weißgedecktem Tische gab es dampfenden Kaffee, Weißbrot, Butter, Honig und einen Strauß frischer Blumen, wie sie im Herbst auf den Feldern wachsen. Alles in feinen Porzellantassen und daneben in einer Stahlschale zwei Zigarren. An der blankgescheuerten Wand Hausgeräte, Heiligenbilder und eine auffallend große Photographie in kunstvoll durchbrochener Metallrahme. Das Bild stimmte so eigentlich gar nicht zur Umgebung, und es war das Porträt des berühmten Chirurgen Professor Doktor Rottacher in Wien.

»Seid Ihr mit diesem Herrn bekannt?«

»Na, ich glaub's, daß wir mit ihm bekannt sind!« sagte das weißlockige Frauchen und legte die Hände über der Brust zusammen.

Dann kamen schon die Sonntagsleute, die so eine Weile vor den Hütten umherstanden.

Es war heimlich im Schulhause, und ich blieb den ganzen Tag dort. Vormittags versammelten sich im Kirchlein an dreißig Menschen, der Lehrer setzte sich in eine Bank und las laut und langsam das Sonntagsevangelium und ein Kapitel aus Thomas von Kempis' »Nachfolge Christi«. Seit einigen Jahren haben die zu Sankt Marten keinen Pfarrer, und so tut's halt der Schulmeister. Dann setzte er sich ans Harmonium und spielte ein Kirchenlied, bei dem einige Weiber mitsangen. Hernach sagten sie gemeinsam »Vergelt's Gott«, und der Gottesdienst war aus.

Jetzt ging's aber beim Schulhause an. Ein Häuslersweib kam und bat die Frau Lehrerin, daß sie im Obstgarten das Gras abmähen dürfe für die Ziege, der Jäger wolle das Tier auf freier Weide nicht mehr dulden. Die Lehrerin gestattete es. Das Gras wird auch so zertreten, sagte sie dann zu ihrem Mann. Ein anderes armes Weib fragte demütig an, ob sie die von den Bäumen gefallenen Äpfel zusammenklauben dürfe, um sie zu dörren für die Kinder. Die Lehrerin gestattete es und begründete ihrem Manne: die Äpfel wären ohnehin wurmstichig. An der Hausecke lehnte ein besonders ärmlich gekleideter Mann und hielt sich den Hut vors Gesicht, als schäme er sich. Der Lehrer ging zu ihm: »Deine Kinder haben wohl schon wieder einmal Magenweh, Sebastian!«

»Freilich, freilich, Herr Lehrer, schon seit gestern mittags!«

»Hast du die Flasche bei dir?«

»Wohl, wohl, Herr Lehrer!«

»Geh' nur in die Kammer zur Frau!«

Und die Frau Lehrerin füllte ihm die Flasche mit Milch und gab noch ein Stück Brot dazu.

Später kam ein hinkendes Weiblein dahergehumpelt und fragte an, ob die Frau Schulmeisterin denn gar nichts für sie zu stricken hätte.

Die Frau bestellte zwei Paar Socken, die Alte blieb aber noch stehen und sie hätte halt frei keinen Kreuzer Geld.

So ging das fort, dem Lehrerpaare schien alles ganz in Ordnung zu sein. Sie gaben und gestatteten, und wo das nicht ging, vertrösteten sie leutselig auf später.

»Zu wem sollen diese armen Leute sonst gehen!« meinte der Lehrer: »sie haben halt auch ihre Anliegen, und den Weg zum Schulhaus finden sie seit kindesher.«

Beim Mittagsmahl saßen wir unser drei beisammen, ich zwischen den alten Leuten, wie eine Art von Sohn. Da gab es gekochte Milchsahne, blaugesottene Forellen, Eiersalat und Zwetschkenklöße. Die Fürsten können solches nicht besser haben und es koste, wie die Frau versichert, fast gar nichts. »Die Sahne ist von unserer Kuh, die Eier sind von unseren Hühnern, die Zwetschken wachsen auf unseren Bäumen, und die Forellen angelt mein Mann von seinem Fenster aus dem Bache.«

Der Förster, der auch das Fischwasser hütet, habe deswegen zwar einmal Umstände gemacht, doch der Bezirksrichter habe entschieden, das wäre schon seit altersher so, daß mit der Hand gefangene und aus der eigenen Wohnung geangelte Fische Freigut sind.

Sie hätten es seit jeher so gehalten, wären ja schon zweiundvierzig Jahre in diesem Bergwinkel. Die ersten Jahre hätte es wohl geplagt. Acht Tage nach dem Herzug habe die junge Frau bei den Waldhäuslerinnen um Brot und Kartoffeln betteln müssen. Dazu eine verfallene Hütte als Schulhaus, das wäre dann aber vom Waldherrn neu gebaut worden. Später sei das Gehalt erhöht worden und die Frau hätte eine Erbschaft gemacht, so daß sie jährlich schier über sechshundert Gulden aufzubrauchen hätten. »Wir sind aber auch schier die einzigen Steuerzahler in Sankt Marten!« --

Das wurde mir mit Stolz erzählt, obschon der Alte gleich beisetzte: »Man soll sich freilich nicht prahlen, sondern Gott danken. Und das tut man alleweil am besten zu armen Leuten. Fünfhundert Gulden Gehalt, hundertzehn Gulden Renten! Zu Tod müßt' sich einer schämen mit so einem Vermögen, wenn man damit nicht ein bissel Vorsehung spielen wollte.«

»Und erst, seit uns der Julius so viel Sachen schickt!« rief die Frau drein, »aber der meinige will ja nichts nehmen!«

»Der Julius, wer ist denn das?«

»Das ist der da!« sagte der Lehrer und tippte mit dem Finger auf die Photographie an der Wand.

»Professor Rottacher! Ein guter Freund von Euch?«

»Aber ich bitt' Euch, das ist ja unser Julius!« rief die Lehrersfrau, »unser Herr Sohn!«

»Unser Bub'!« verbesserte der Alte.

Da habe ich erst einmal aufgehorcht.

»Ist halt ein bisserl auf Abwege geraten, unser Sohn,« fuhr der Lehrer gesprächig fort -- wir saßen ja bei einem Kruge Apfelwein -- »hätt' auch Lehrer werden sollen nach meinem Wunsch, weil wir derer ohnehin nicht allzuviel taugliche haben. Aber der gute Julius war halt auch kein tauglicher, und so hat er ein Handwerk lernen müssen.«

»Ihr meint doch den Chirurgen Julius Rottacher!«

»Chirurgie ist mehr Handwerk als Wissenschaft, lieber Herr Volksdichter. Hat auch einen goldenen Boden. Aber tauschen täten wir nicht mit ihm, gelt Mutter! Sind einmal bei ihm in Wien gewesen --«

»Das prächtig schöne Haus, das er hat!« rief die Frau dazwischen, »wie ein Graf. Und Diener mit Silberknöpfen!«

»Ein Holzarbeiter da drinn im hinteren Martenwald, hat's besser,« darauf wieder der Alte, »der hat wenigstens bei der Nacht eine Ruh'. Beim Doktor, wenn's nicht klingelt, so beißt die Sorge, wie es mit den Kranken steht, ob die Operation geglückt ist. Heut' ist er noch im Ungewissen, morgen nicht mehr. Der Operierte? -- Nein, da danke ich für den silberknöpfigen Lakaien und alles miteinander. Nie, Julius, hab' ich ihm gesagt, nie wieder komme ich zu dir, müßte krank werden vor lauter Angst um deine Patienten. Dem Schullehrer schlägt bei seinen Kindern ja auch nicht alles zum Guten an, aber da gibt's nicht leicht den Vorwurf, daß man die Krankheit mißkannt, daß man sich im Mittel vergriffen hat, man behandelt die Kinder mit Güte und heilsamer Strenge, alles andere muß man Gott überlassen.«

»Und so wird's der Julius auch mit seinen Kranken machen,« sagte die Frau, »Fritz, du willst mir halt immer die Freud' verderben an ihm.«

»Ärgern tu' ich mich!« rief der Alte hitzig, »weil er mir erbarmt, der arme Mensch, mitten in seinen Ehren und Reichtümern. Keine Ruhe und keine Sammlung und kein Besinnen auf sich selber. Nein, das ist kein Leben. Und was hat er aufzuweisen? Recht selten eine Arbeit, wo nichts zurückbleibt, so gut er's auch meint. So ein Metzgern da! Seit zehn Jahren, denkt Euch, war er einmal bei uns in Sankt Marten, ein einzigesmal auf drei Tage. Glaubt Ihr, er hätt' was Lustiges mitgemacht oder wäre im Wald umhergegangen? Nichts, als immer studiert, spintisiert, an Hasen und Hühnern herumprobiert, daß es oft schon gar nicht mehr schön war, hernach Briefe geschrieben und Zeitung gelesen, bis er -- hast es nicht gesehen -- wieder fort ist.«

»Dafür verdient er sich zehnmal leichter den Himmel, als unsereins im sorglosen Leben!« das sagte die Frau, schüttelte den weißbelockten Kopf und forschte nach dem Eindruck, den ihr Ausspruch bei uns gemacht.

Dieser Eindruck war nicht bedeutend.

»Nicht einmal zum Heiraten hat er Zeit!« rief der alte Lehrer. »Und da möchte ich wissen, wie man ohne Hauskreuz soll in den Himmel kommen können!«

Sofort hatte er für die heitere Bosheit seinen kleinen Klaps auf der Wange, der Ernst des Gespräches war abgebrochen.

Auf Einladung der Leutchen bin ich über die nächste Nacht im Schulhause geblieben. In dem wohlverschalten Dachgelaß wurde mir ein Bett angewiesen; grobe, weißgebleichte Bauernleinwand und mitten über das mit Haferrispenspreu gefüllte Kopfkissen ein gestickter hellroter Streifen. Der Lehrer war noch eine Weile an meinem Bette gesessen, um zu plaudern. Endlich war's ihm darum zu sagen, ich möchte in diesem Bette besser schlafen als sein Julius geschlafen habe, der die ganze Nacht Patienten klingeln hörte. »Und ich,« schloß mein Gastgeber schalkhaft, »muß jetzt noch ins Schulzimmer, um ~meine~ Schriften des Waldschulmeisters zu schreiben!«

Am nächsten Morgen vor dem Antritte meiner Wanderung habe ich Einsicht genommen in diese Schriften des Waldschulmeisters: Auf der schwarzen Schultafel mit Kreide geschrieben standen Buchstaben des ABC für die Anfänger. -- Und damit leistete er sicherlich mehr, als unsereiner mit den Fabeleien.

Der Orgler zu Sankt Thomas.

An einem taufrischen Sommer-Sonntagsmorgen kamen drei Touristen aus Wien in das Alpendorf, genannt Sankt Thomas in der Klausen. Auf dem Hügel stand das Häuschen Gottes, dessen zwei Glocken durch das enge Tal klangen, um die auf allen Höckern und in allen Falten des Gebirges zerstreute Gemeinde zusammenzurufen. Die Touristen stiegen zum Kirchl hinan. Aus Frömmigkeit geschah es nicht. Sie wollten nur einmal sehen, wie es in so einer Dorfkirche zugeht. Da gab es nun was Besonderes zu hören auf dem Chore. Dort saß ein Knabe und spielte die Orgel in einer verwunderlichen Weise. Er spielte ein Kirchenlied so rührend, schlicht und fromm -- man meinte gar, die Orgelpfeifen wären lebendig und lobten aus eigenem Herzen den Herrn. Unsere Städter hatten wohl schon die größte Kunstfertigkeit auf ähnlichen Instrumenten zu bewundern Gelegenheit gehabt, aber eine solche Innigkeit, ja Heiligkeit im Orgelspiel war ihnen was Neues. Zudem war der spielende Bauernknabe schön wie ein Engel. Sein Haupt mit den lichten Locken war etwas vorgebeugt, auf den Wangen blühte die Freude über die Klänge, seine schattigen Augenlider waren geschlossen. Seine Lippen bewegten sich leicht, als begleite er die Orgel mit leisem Gesang. Als sich das Spiel in höhere Töne hob, hob auch der Spielende sein Haupt, schlug die Augenlider auf und -- in diesen Augen leuchteten keine Sterne.

Der Knabe war blind.

Hier will ich die kleine Geschichte des blinden Musikanten erzählen, wie sie den Touristen erzählt worden ist.