Part 2
Bei schlechtem Wetter war er nicht vorhanden. Die liebe Sonne genoß er mit den Olympischen gemeinsam, in Sturm und Regen ließ er sie allein stehen mit ihren verrenkten nackten Gliedern. Es fragte auch weiter niemand nach ihm, oder vielmehr, ich horchte nicht danach aus. Mir aber -- und das ist seltsam genug! Ging ich auch, wenn er oben saß, fast gleichgültig vorüber, wenn er nicht oben saß, war mir geradezu bang um ihn. Dem Wege fehlte der Sonnenschein des Bettlerangesichts. Er wird doch nicht unpaß sein? Wo er nur wohnt? Was ihn doch verhindern mag, daß er heute nicht fischt? Was mag der Mann nur eigentlich gewesen sein, ehe er sich in den Olymp versetzte? Man sprach einmal davon, daß er in der Stadt Häuser besäße; das glaubte ich nicht, denn dann hätte er die Taler eingesteckt. -- Demnächst war er doch wieder da mit seinem gelben Schafspelz und seinem roten Turban, und kein Engländer kann geduldiger am Bache angeln, als da oben der Bettler auf die kleinen Almosen wartete. Ein paarmal wollte ich ihn ansprechen; in dem Augenblick, als mein Fuß über den Straßengraben stieg, neigte er sich seithin, und sein Gesicht nahm einen unguten Ausdruck an. Da ließ ich ihn einsam sitzen auf seinem Thron und ging den kümmerlichen Geschäften des Tages nach.
Nun war es eines Tages, daß vor mir ein barfüßiger Handwerksbursch die Straße dahinpatschte und unterwegs in der hohlen Hand mißmutig die Münzen besah, die er an dem Tage erfochten haben mochte. Eine schien dabei zu sein, die ihm nicht gefiel; war es nun ein schweizerischer Pfennig, der hierzulande ungültig ist, oder war es ein messingener Hosenknopf, der ebenfalls ungültig ist, ich weiß es nicht. Ich sah nur, wie der Handwerksbursch, als er zur Stelle kam, wo an der Steingruppe der Fischer saß, diesem zwar nichts in das Körbel warf, hingegen aber die Münze in die Luft schleuderte, dem Bettler zu. Der wollte die metallene Mücke abfangen, glitschte dabei aus und fiel in den Straßengraben herab.
Ich eilte hinzu, um ihn aufzuheben, er wartete aber nicht auf mich, erhob sich gelassen und murmelte: »Das härteste Bett wäre es nicht« (denn es war weicher Lehm und langes Gras im Graben). »Und so kurz, wie die Bauernbetten ist es auch nicht.« (Denn der Straßengraben war viele Meilen lang.)
»Warum Ihr nur nicht liegen geblieben seid in dem guten Bett!« sagte ich laut, um eine Anrede zu haben, und machte dabei mein Gesicht lachen, daß er sah, es wäre nicht bös gemeint.
»Warum?« fragte er entgegen, »weil es noch zu früh ist zum Schlafengehen. Muß ja erst den Gruß und Kuß aufsuchen, den mir der Herr Vagabund zugeworfen hat.«
Und er begann auf dem Boden umherzulugen, rechts und links und vorn und hinten, und das Geldstück war nirgends. Als er wieder hinanstieg zu den Himmlischen, rief er plötzlich: »Aha, jetzt hebt die auch an!« denn der schweizerische Pfennig lag auf dem Schoß der sitzenden Aphrodite. Dann hub er hell an zu lachen: »Der soll nur liegen bleiben drin, das ist ein Falscher! O Schand und Spott!«
Ich wollte den angeknüpften Verkehr nicht sogleich wieder abgebrochen wissen, daher bat ich den Bettelmann, daß er mir den Schweizerischen schenke.
»Wenn du ihn selber herausnehmen willst!« antwortete er mit komischer Miene und drückte fast beide Augen zu. »Ich hab' jetzt nicht Zeit, ich muß lachen. Ich muß lachen über des Vagabunden guten Witz, ha ha ha!«
»Wenn ich auch so herzlich lachen könnt'!« war meine Bemerkung, denn jetzt wollte ich um jeden Preis mit ihm anbinden.
»Kannst nicht?« sagte er, stieg nieder und hub an, mit seinen kurzen Fingern unter meinem Kinn herumzukrabbeln, »da muß man dich halt kitzeln -- lach, lach, lach!«
Da lachte ich wirklich, sagte aber: »Lasset das. So ein Lachen tut weh.« Denn ich hatte gerade meinen sauren Tag.
»Du bist gewiß einer von solchen, denen das Flennen lustiger ist, als das Lachen!«
»Wenigstens wäre jenes eher am Platz, als dieses. Wie es zugeht in der Welt!«
»Wie geht es denn zu?« fragte er, dieweilen er sich wieder auf seinen Sitz schwang, die Stange mit dem Binsenkörblein zur Hand nahm und über die Stange hinausblickte.
»Ihr seht es doch!« sprach ich, den falschen Pfennig betupfend, »falsch im kleinen, falsch im großen, alles falsch, alles Betrug.«
»Mich betrügt keiner,« antwortete er, machte die Augen auf und schaute so kühl über mich hinweg, als ob ich Luft wäre.
»Ich wollt Euch um etwas gebeten haben,« so wand ich jetzt ein.
»Gebeten? Du bitten? Du mich?« Sein Gesicht leuchtete auf wie Werg, an das man mit dem Zündflämmchen gefahren.
»Ich wollt Euch gebeten haben um ein Stück Brot.«
Nun schaute er mich forschend an. Mein Stadtherrengewand, das keinen Flicken und keinen Riß hatte, wollte ihm nicht recht stimmen zu dieser Bitte. Daß ich eigentlich nur um ein Stück geistigen Brotes bat, um ein warmes Menschenwort, um einen Funken seines frohen Wesens, er konnte das freilich nicht wissen.
Sein Antlitz war ernst geworden, und völlig gedämpft sagte er: »Wenn du Hunger hast, dann ist's freilich nicht zum Lachen. Auch nicht zum Weinen. Dann ist's zum Essen. Schau! daß du so spät daherkommst! Vor einer Stunde hätte ich noch einen Apfel und eine Traube gehabt. Ich trage mir des Morgens mein Essen allemal im Körbel mit hierher. Jetzt müssen wir was anderes suchen gehen. Aber es ist nicht weit.«
»Wohin denn?«
»Nach Hause.«
Um so besser, dachte ich. Meine Obliegenheit war an diesem Tage vollzogen, ich hatte Zeit, auf Abenteuer auszugehen. Man kennt ja das, mit diesen Professionsbettlern! In Paris war einer, der dreißig Jahre lang mit verkrüppeltem Leib und in armseligen Lumpen an der Pforte von Notre-Dame saß. Abends nach Hause gekommen, zogen ihm täglich livrierte Diener die Saloneleganz an und dann ging's mit lustigen Freunden und Freundinnen zur Tafel, bei der man mit Champagner anfing und aufhörte mit was weiß ich. -- Zu Madrid in Spanien soll es sogar eine Aktiengesellschaft auf Bettler geben. Die Krüppel, Kretins und Aussätzigen sind Kapital und Produktion zugleich. Sie werden im Volke zusammengekauft, entsprechend auf günstige Plätze verteilt, der Impresario leitet die Geschäfte, nimmt des Abends die Einnahme in Empfang, und führt sie wohlverbucht in die Hauptkasse ab, während die Bettler in ihren Pensionen standesgemäß verpflegt werden.
Derlei ist mir eingefallen, als ich dem Manne folgte, der, in seinem langen Pelz, über der Achsel die Stange, hastig vor mir hinlief, dem Dorfe zu. Er war viel kleiner, als er auf seinem Stammsitze aussah, seine in Lappen gewickelten Füße huschten lautlos dahin. Den Dorfleuten, die uns, ohne zu grüßen oder gegrüßt zu werden, begegneten, schien er eine gewohnte Erscheinung zu sein, um so verwunderter betrachteten sie mich, der hinter dem gelben Pelz dreinlief. Durch einen großen Bauernhof ging der Weg, hinaus in einen Obstgarten, dort zwischen Busch und Baum stand die Klause. Ursprünglich mochte sie als Hüterhaus gedient haben, jetzt war sie die Wohnung meines Götterlieblings. Im Stübchen ein Tisch, ein Stuhl, ein Kasten, ein Ofen, ein schmales kurzes Bett, ein Buch und ein Kerzenleuchter. Durch ein helles Fenster strömte Licht auf diese Herrlichkeiten.
Sogleich öffnete mein Gastherr den Kasten, begann mit weißen Linnen den Tisch zu decken, einen kleinen zierlichen Kübel mit Butter, einen Laib Brot und ein Salzfäßchen herzurichten.
Ich fiel ihm in den Arm: »Nein, mein Lieber, so ist es nicht gemeint. Ihr habt, wie ich sehe, hier die Bibel, und da drin steht's, daß der Mensch nicht allein vom Brote lebt, sondern auch vom Worte. Ihr sollet mir zuerst hübsch verzeihen, daß ich falsch, wie die Welt schon einmal ist, mich an Euch gemacht habe und sollet mir dann etwas sagen.«
»Aber essen wirst du doch etwas!« rief er besorgt.
»Ich sehe Euch nämlich schon seit Jahr und Tag an der Straße sitzen und Almosen heischen,« begann ich.
»Da siehst du ganz richtig,« antwortete er.
»Und nun möchte ich gerne wissen -- nein, es wird doch nicht gehen. Ihr werdet böse sein, -- und Euch beleidigen? Nein.«
»Du mich beleidigen?!« fragte er mit langgezogenem Tone und blickte mich dabei mitleidig, aber sehr überlegen, mit halbem Auge an. »Du armer Narr!«
»Nun gut. Ich möchte nämlich gerne wissen, warum Ihr bettelt.«
»Warum ich --? Ha ha ha? -- warum ich bettle?« fuhr er lustig drein. »Sage mir doch, warum du Luft schöpfest! Sage es mir doch!«
»Ihr seid gesund und stark wie einer. Ihr habet da ein gutes Brot, man sieht ihm's an, daß es Euch schmeckt. Aber würde es nicht noch besser schmecken, wenn Ihr es Euch verdient hättet? -- Mit Arbeiten --«
Jetzt trat er ein paar Schritte zurück, zog über der Brust seinen Pelz zusammen, legte die Arme darüber, schaute mich mit seinem munteren Gesicht herzlich mitleidig an und sprach: »Jetzt hast es gesagt. Jetzt hast es gesagt, das große Wort. Und wenn die sieben Weltweisen sieben Jahre lang dran studiert hätten -- besser hätten sie es auch nicht sagen können. -- Arbeiten!«
»Na, ich meine nur ...«
»Arbeiten!« rief er aus, und seine Züge verzogen sich wie im Schmerze. »Aber Freund, arbeiten tut ja weh! Schwitzen! Pfui Teufel! Schau her, das steht auch in diesem Buche: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dir dein Brot verdienen, weil du gesündigt hast!«
»Nun, da habt Ihr es.«
»Ich ~habe~ aber nicht gesündigt!« rief er frisch und munter aus. »Ganz unschuldigerweise bin ich auf die Welt gekommen, hab's nicht betreiben und nicht hindern können. Zuleid' hab' ich auch niemand etwas getan, außer daß ich meiner Kindsfrau in den Finger gebissen haben soll, weil sie mir statt der rechtmäßigen Muttermilch Kuhmilch in den Mund schmuggeln wollte. Denn ich glaube schon mit Zähnen geboren worden zu sein. Und da soll man kein Naturrecht haben aufs Essen? Da soll man sich ein solches Recht erst durch allerlei Anstrengungen erwerben müssen? Tu' mir den Gefallen, Kindskopf, und glaube das nicht.«
»Ihr zieht es also vor, andere für Euch arbeiten zu lassen.«
»Jetzt wirst du bitter, mein Freund,« sagte er gutmütig. »Und das taugt wieder nicht. Ärger ist kein kleineres Unrecht, als Arbeit. Ich will niemand verleiten, und ich habe all meiner Tage keinem Menschen befohlen, für mich zu arbeiten. Siehst du es denn nicht? die ganze Welt ist voller Tiere, alle sind frisch und munter, und kein einziges ist so dumm wie der Mensch, und arbeitet. Arbeiten die Menschen für sie? Lasse diese zweibeinigen Herrschaften nur erst aussterben, dann arbeitet niemand mehr, und die Welt wird doch voll Leben sein.«
Als ich in das Häuschen getreten, hatte ich nicht gedacht, in wenigen Minuten hier vor einem hohen Herrn zu stehen. Nun sah ich's, das war einer. Das war einmal ein anderer, als die gewöhnlichen sind. Um ein Stück Brot war ich gekommen. Er gab ein großes. Ob es auch nahrhaft war, das sollte sich zeigen. Im ersten Augenblick fühlte ich mich schier betäubt. Wie? das Tier arbeitet nicht und lebt doch? Und glücklicher als der Mensch, gerechter, schuldloser?
Es ist naturgemäß, nicht zu arbeiten.
Diesen Gedanken hatte ich noch nie gedacht.
Während ich noch befangen war, begannen sie heranzukommen. Zuerst die krabbelnde Ameise: »Es ist nicht wahr! Wir arbeiten.« -- Dann die summende Biene: »Verleumdung! Wir arbeiten!« Dann der Biber, die Spinne, die Vögel, die Schlangen und andere in langen Reihen, und alle riefen pfeifend, piepsend, gröhlend, knurrend, bellend, krähend: »Wir arbeiten! Wir arbeiten!«
Ich sagte es dem Bettler. Er lächelte freundlich und sprach: »Mein viellieber Gast! das weiß ich ja, daß der Maulwurf wühlt. Aber denke an, zwischen Arbeit und Arbeit ist eine breite Straße. Bin ich ein Müßiggänger? Nein, ich bin ein Bettler. Ich gehe aus, um zu sammeln. Ich strecke meinen Stab aus, um Gaben in Empfang zu nehmen, ich trage sie nach Hause, die Münzen setze ich in Lebensmittel um, die Lebensmittel bereite ich zu, bewahre sie auf, achte, daß sie nicht verderben. Ist das Arbeit? Nein, es ist Tätigkeit. So betätigt sich freilich auch das Tier. -- Aber ich mache keine Arbeit, die anderen zugute kommt, solchen, die nicht arbeiten, die faulenzend in Prunk und Hochmut das genießen, was andere erworben. ~So~ arbeite ich nicht.«
»Das ist eben eine menschliche Erfindung,« sagte ich.
»Nein, eine teuflische!« rief er. Da war er erregt.
»Tätigkeit und Arbeit, den Unterschied kennt man,« sagte ich. »Pflügen und Säen ist Arbeit, ernten ist nur Tätigkeit. Ihr, lieber Bettelmann, habt Euch für die letztere entschieden.«
»Und das ist das Richtige!« fiel er ein. »Nicht arbeiten, nur sammeln. Die Natur, wenn sie gesund ist, produziert mühelos ihre Früchte aus sich selbst. Arbeit ist Sünde gegen die Natur. Töte mich, wenn's nicht wahr ist.«
»Ich töte Euch nicht,« darauf meine Entgegnung, »denn Ihr müsset mir vorerst noch Antwort geben, Ihr wollet also nicht für andere arbeiten?«
»Nein.«
»Aber andere sollen für Euch arbeiten?«
»Schaf Gottes, wer sagt denn das?« rief er aus. »Ich sammle ja nur Brosamen. Sie geben mir doch nur das in den Korb, was sie zu viel haben, was sie verstreuen wollen. Sie tun's nicht aus Barmherzigkeit, sie tun's, weil ihr Überfluß in ihnen das Bedürfnis gezeitigt hat, Abfälle zu haben, armen Kreaturen manchmal etliche Brocken hinzuwerfen. Sie sollen nur geben. Dankbar müssen sie sein, daß sie geben dürfen.«
»Wie kann man bei so hartem Urteil über die Menschen ein so heiteres Auge haben?« fragte ich ihn.
»Junger Freund,« antwortete er, »das kann man, wenn man fertig ist. -- Glaubst du: daß meine Mutter mich als Bettler geboren hat? Meine Wiege war der Reichtum, lieber Mensch! -- Das, was ich heute bin, habe ich selbst aus mir gemacht!« Im stolzen Tone des Emporkömmlings waren diese Worte gesprochen. »Aber viel braucht's, bis man es so weit bringt!« fuhr er fort. »Viele Jahre lang, o meine schönste Lebenszeit, habe ich mich vom Besitz knechten lassen. Man glaubt sein Leben zu schmücken, und man belastet es nur. Die tausenderlei Dinge und Dingeln, die an den Reichen sich kletten, ein abscheulicher Ballast! Man kann nicht weiter, man kann nicht hinan, man ist ein Sklave und trägt die schwere Kette nur deshalb mit Gier, weil sie von Gold ist, und ist ein durch und durch lumpiger Lump. -- Du hast gewiß Bekanntschaft mit reichen Leuten. Nun also. Ich war auch so einer. Betrachte ihr dummes Leben, und du hast das meine vor Augen. Aber endlich, als mir übel war aus- und inwendig, gerade schon auf dem Punkt, wo die Besseren sich zu töten pflegen, erwachte in mir der Egoismus. Hol's der Teufel! dachte ich, und schmiß den ganzen Krempel von mir. Es war eine wanstige Ledertasche.« --
Als er nicht weiter sprach, fragte ich: »Was war mit dieser Ledertasche?«
»Ins Wasser hab' ich sie geworfen.«
-- Man spricht auch bildlich so, aber bildlich war's nicht gemeint. Eine Stunde unterhalb der großen Stadt, in den Auen. Genau hat er den Platz bezeichnet, wo er seine Papiere, im Werte von mehr als einer Million Gulden, in die Donau geworfen hat.
»Ihr seid nicht klug!«
Er klopfte mir auf die Achsel: »Das muß ich besser wissen.«
»Das mag ja sehr philosophisch sein, aber gut ist es nicht.« Also mein überlegener Einwand. »Ein guter Mensch hätte das Vermögen, anstatt ins Wasser zu werfen, einem Armen geschenkt.«
»Der wäre davon ja reich geworden, du Tropf!« rief der Bettler. »Ich habe mir ohnehin nachher Vorwürfe gemacht. Wie leicht konnte die Ledertasche aufgefangen werden und in Menschenhände kommen. Gift wirft man nicht ins Wasser.«
»Ihr hättet das Vermögen ja an ~tausend~ Arme verteilen können.«
»Du hast leicht reden,« entgegnete er darauf. »Du bist sicherlich nicht aufgewachsen unter der Torheit der Million. Wäre ich damals weise gewesen, so hätte mir das Geld nichts angehabt. Ich habe nur gesehen, daß das Geld mein Unglück ist, so habe ich gemeint, es müßte auch das Unglück anderer sein. Und ob's nicht denn doch so ist, sage es, Mensch. Glaubst du nicht auch, daß dir geschenktes Geld zuwider ist? daß es dich verwüstet? daß dich nur der Besitz freut, den du dir selber erworben hast?«
»Und so spricht ein Mann, der an der Straße sitzt und bettelt?«
Er sprach: »Das verstehst du nicht. Die Pfennige, die ich bekomme, sind ehrlich erworben. Halte ich doch die Stange hinaus! Sage ich doch mein Vergeltsgott dafür! Der Taler, wenn er in den Korb fiele, wäre geschenkt. Ich lebe von Pfennigen, begleiche meinen Wohnungszins, nähre mich, kleide mich, bin niemandes Herr, niemandes Knecht, und stärker wie der König.«
»Das wäre!«
»Ja, das ist,« fuhr er lustig fort. »Der König hat ein großes Heer und muß immer noch fürchten, daß ihm der Feind etwas wegnimmt. Mir kann niemand was wegnehmen.«
Ich langte wie raubend nach dem Butterkübel.
»Ha ha ha, sie gehört dem Hausherrn!« lachte er, »sie ist noch nicht bezahlt. Und deswegen, Freund, muß ich wieder ans Tagwerk.« Er langte seinen Korbstab vom Winkel.
Ich hielt ihm die Hand hin: »Hat mich gefreut, endlich einmal die Bekanntschaft eines Glücklichen gemacht zu haben.«
Er wendete sich rasch um, als ob der, zu dem ich sprach, hinter ihm stünde.
»Ein Glücklicher -- wo?« fragte er wie verblüfft. »Solltest du mich --? Ja, ja, es geht mir soweit gut, aber glücklich bin ich nicht. Du siehst es ja.« Er deutete auf seine Lagerstätte. »Viel zu kurz. Ich bin fünf Schuh lang, und der Trog vier. Was kannst machen? Bei den Bauern findet man's nicht anders. Man grübelt nicht weiter, klappt sich zusammen und gut ist's.«
Ich sah es wohl ein. Auf sechs Schuh langen Erdenraum hat sogar der Tote Anspruch, und dieser Lebendige besaß ein Drittel weniger. Er hätte vielleicht nur das Fußbrett ausstoßen müssen ....
So nahe ist mancher Mensch seinem vollkommenen Glücke. Aber er stößt das Brett nicht durch. --
Als wir selbander die Straße dahingingen, begegnete uns der Schloßherr, er fuhr vierspännig und grüßte den Bettelmann mit einer Handbewegung. Dieser dankte »von oben herab«. Dann blieb er stehen, schaute ihm nach, schüttelte den Kopf und murmelte: »Armer Bruder! Das Kamel hat vier Beine, und du hast achtzehn. Und kannst nicht gehen. Denn du fahrst ja.«
»Sagt Ihr auch zu dem ~du~?« meine Frage.
»Ha ha ha! das ist der erste gewesen, den ich geduzt. Zu den Eltern hat man damals Sie gesagt. Welche Narrheit. Aber die Geschwister untereinander ... immer du.«
Er war zur Stelle. Ohne weiteres kletterte er mit guter Übung an den steinernen Statuen empor, setzte sich in den Schoß der Aphrodite und streckte den Stab mit dem Binsenkörbchen aus -- nach mir.
Ich reichte dem Bruder des Schloßherrn zwei Pfennige und schritt nachdenklich meines Weges.
Der Geistbrenner.
Wer einmal fünfzig Jahre lang Zeuge des Weltlaufes gewesen, bei dem müßte sich, so sollte man meinen, der ganze innere Mensch geändert haben. Alles ist ja so unerhört anders, als man's in der Jugend gesehen, geträumt hat. Die lange Reihe von Hoffnungen, Überraschungen und Enttäuschungen, von Freuden und Qualen, von Entwickelungen und Verwickelungen und Lösungen, bei denen immer wieder alles erwartet wird und immer wieder nichts herauskommt: diese Reihe von großartig aufgedonnerten Nichtigkeiten müßte ein denkendes Wesen doch endlich gleichgültig machen, in den Zustand jenes Träumenden versetzen, der bei keiner Feuersbrunst mehr aufschreit, bei keinem Sturz mehr zusammenzuckt, weil er in seinem Halbschlummer weiß: es ist doch nur ein Traum.
Jawohl, wer fünfzig Jahre lang am sausenden Webstuhl der Zeit steht, der müßte es endlich doch weghaben, wie die Fäden geknüpft, geschlungen und die Knoten wieder gelöst oder zerhauen werden. Er müßte sehen, daß jeder, der da mit hineingewoben wird, eigentlich gleich gut daran ist, ob sein Faden nun geradeaus oder querüber läuft. Ein Kreuz bildet's immer. Der mitverwobene, mit den übrigen Fäden ringende und sich verklemmende, auf andere Fäden sich stützende, in andere Fäden sich bergende und doch für sich ein freier selbstsüchtiger Ichfaden sein wollende Hascher und Haber leidet ganz verzweifelt. Einer, der sich als von außen Sehender fühlt, ändert sich im Lauf seines Lebens. Der Haschende und Habende ändert sich nicht. Der ist lediglich Stoff, der nach gemeinsamen Naturgesetzen steigt und fällt, sich physisch ausdehnt, chemisch verbindet und nicht anders als ein Klumpen Erde mittun muß in dem Kessel, aus dem ewig die Blasen steigen und in dem der Bodensatz in die Tiefe sinkt. Die Haschenden und Habenden, sie sind es, die den Kampf ums Dasein mit demselben trostlosen Stumpfsinn ringen wie der Wurm und die Milbe und die Eintagsfliege. Die Haschenden und Habenden, sie sind für sich nichts; erst wenn sie sich mit Gleichartigem, mit der Stoffmasse verbinden, scheinen sie etwas zu sein, wenigstens so viel, daß sie sich selbst genügen. Sie schauen nicht, sie denken nicht, sie sind bloß, wie ein Schwammtier oder ein Weichtier ist. Diese rein materiellen Menschen sind eigentlich das Unschuldigste, was es geben kann; sie sind ja halb unbewußte Wesen; sie dämmern so hin im Verdauungsschlummer, als ob sie zu viel gefressen hätten, oder sie greifen instinktiv immer und immer mit ihren Fängern aus wie Seetiere, die alles, was sie erhaschen können, einmal an sich ziehen, wenn sie auch, längst übersättigt, alles wieder fallen lassen müssen. Die Hascher und Haber, diese Ärmsten! Und diese Glücklichen! Weil sie ja so kurzsichtig sind und so tief in ihren Tag hineingebettet, daß sie keine Ahnung haben von den ewigen, glühenden, göttlichen Dingen, die den Schauenden nimmer zur Ruhe kommen lassen.
Der reine Stoffmensch ändert sich nicht durch ein Erleben; er ist als Greis innerlich derselbe, der er als Kind gewesen, wenn auch nicht immer ein Habender, wohl aber immer ein Haschender. Er denkt nicht weit genug, um sich zu fragen, wie er die erhaschte Beute nutzen werde; er denkt kaum daran, welchen Wert sie für ihn hat; er lebt in der dämmernden Vorstellung dahin: Das gehört mir! Es ist ein Versunkensein in die Stoffwelt, ein fast friedlicher Schlaf. Aber der Schauende wird anders bis in seinen späteren Tagen. Er mag in der Jugend von den Sinnen zum Stoff hingezogen worden sein; aber als ihm das Auge aufging, trat er ein wenig zurück von dem sausenden Webstuhl, um nicht in das grobe Tuch der Menge mitverwoben zu werden.
Was da aufsteht, das wird von der Menge mit Jubel begrüßt, was hinfällt, mit Schreck und Klage bestattet. Der Schauende jubelt nicht, erschrickt nicht und klagt nicht. Er weiß: diese Schürzungen und Lösungen sind selbstverständliche Vorgänge am Webstuhl. Er sieht den Wandel und Wechsel im kleinen, er empfindet mit, wie die einzelne Kreatur vergehend aufschreit: Ich sterbe, jetzt ist alles aus! Und doch ist nichts aus; alles flutet im gleichen mächtigen Lebensstrom weiter dahin und der Lebensstrom ist und bleibt so urfrisch wie am ersten Schöpfungstage. -- Dieses Sehen hat den Schauenden verwandelt. Er war Stoffwesen und ist ein vergeistigter Mensch geworden; er steht gleichsam außerhalb des Schlagbalkens, der die Fäden aneinanderstößt; er schaut vergnüglich dem Weber zu. Aber wenn er ihn fragt: »Meister, wozu das viele Tuch, das du webest und auf die Rolle windest?«, so bekommt er keine Antwort.
* * * * *
Vor etlichen Jahren war ich eines Tages an der Reichsstraße in eine Hütte eingekehrt. Eine armselige Hütte, in deren Mauerspalten Gras keimte. An der schiefwinkligen Tür, deren Fugen mit Moos verstopft waren, klebte ein Blatt Papier, auf dem in ungefüger Handschrift die Worte standen: »Hotel zum Napoleon«. In der Hütte saß ein alter Mann in einem Zwilchkittel, aber barfuß. Er hatte einen schönen weißen Bart, einen Holzblock zwischen den Händen und stampfte im Bottich Vogelbeeren ein. Meine Anfrage, ob ich während des Gewitterregens in seinem Haus Unterstand halten dürfe, wurde damit beantwortet, daß der Alte Körbe und Stiefel von der Wandbank wegräumte, auf daß der Gast sich behaglich niederlassen könne. Sogar einen Lodenmantel rollte er zusammen zu einem Hauptkissen, falls ich mich ein bißchen hinlegen wollte. Ich sei, meinte er, gewiß schon weit gegangen und hingestreckt ruhe sich der Wandersmann am besten aus. Auch in der ewigen Ruhe verlege sich der Mensch aufs Liegen.
»Hab' mir's gleich gedacht, daß das ein vornehmes Hotel ist, das Hotel Napoleon,« sagte ich spaßend.
»Das wohl; nobel sind wir schon!« Der Alte lachte und goß aus einer großen Flasche eine wasserklare Flüssigkeit ins kleine Kelchgläschen, das er vor mich auf die Tischecke stellte.