Part 17
Mit dem Rocken-Hans hebt sie an. Der war vor fünfzehn Jahren noch Wildschütze gewesen -- teils aus Hunger -- weil Notwehr erlaubt ist -- und teils aus Neigung -- weil das Wildern verboten ist. -- Arme Wildschützen sollte man nicht zu Verbrechern machen -- sondern zu Jägern. Das sind die findigsten, wachsamsten Kerle, die verläßlichsten Hüter und, gilt es, die schärfsten Schützen. Auch den Rocken-Hans hatte man zum Jäger gemacht, aber aus der Klausen in eine andere Gegend versetzt, wo er an die zehn Jahre verblieb, sich ein Weib beilegte und fast zufrieden war. Vollauf zufrieden darf selbst ein Jäger im grünen Walde nicht sein. So scharfe Augen der Vater hatte, das Kind war blind. So schön das Mutterantlitz ist, wenn es zum Kinde lächelt, der Knabe sah es nicht. Nur ihre Wiegenlieder hörte er. Dann, als die Mutter stumm geworden war, und fortgetragen, saß der Knabe auf dem Bankl vor dem Jägerhause und hörte den Finken und den Drosseln zu und allem Gevögel, das da sang und zirpte im Waldland. Am Abende waren die Grillen und Frösche zu hören und das Rieseln des Baches und das Säuseln der Wipfel im Abendhauch. Im Winter aber -- wenn alles still war -- schlafend die Vöglein, hartgefroren der Bach, verhüllt die Bäume -- saß der Jäger neben dem kleinen Sohne und machte ihm vor, wie die Gemse pfeift, das Reh bellt, der Auerhahn balzt und der Rabe kräht. Das war alle Musik in weitem Bergrund', und der blinde Knabe dürstete nach dem Lichte der Töne.
Sagte der Jäger eines Tages zu seinem Sohne: »Jetzt bist du schon stark, Heinrich, und morgen ist Lichtmeß; du gehst mit mir nach Thomas in die Klausen -- bin selber schon eine gute Weil' nicht mehr dort gewesen -- und da wirst du auf dem Kirchenchor was hören, was du deiner Tage noch nicht hast gehört. Mußt dich jetzt schlafen legen, wir stehen um eins in der Nacht auf.«
Der Weg vom Jägerhause bis in die Klausen ist im Sommer fünf Stunden lang, im Winter zieht er sich auf sechs und unter kurzen Beinen ist er noch länger. Der Knabe ging zu Bette, aber schlafen konnte er nicht. In Trauer schläft sich's leicht ein, in Freude schwer. Heinrich dachte an des Vaters Worte vom Kirchenchor -- was das sein sollte, wußte er freilich nicht, was Besonderes gewiß. Endlich, als er einschlummern wollte, kam der Jäger, ihn zu wecken. Und sorgfältig kleidete der Mann den Knaben an, gab ihm heiße Ziegenmilch zu trinken und schnallte ihn auf die hölzerne Rückentrage, wie solche im Gebirge gebräuchlich sind. Und nahm die Trage auf den Rücken, verschloß das Haus und ging in sternheller Winternacht davon.
Nach einer halben Stunde fragte der Knabe: »Kommen wir schon in die Klausen, wo die Kirche steht?«
»Jetzt noch nicht, Heinrich. Bist du müde, so schlafe.«
In zwei Fuchshäute gewickelt, schlief der Knabe ein und der Vater ging und ging und freute sich insgeheim auf die Kirchenmusik in Sankt Thomas, die immer so prächtig war gewesen, freute sich auf die Freude seines Kindes.
Und dann, als hoch an den starren Felsen die Morgensonne leuchtete, ging er durch die Schlucht der Klausen. Und als die Glocken vom Sankt Thomas-Kirchlein läuteten, wachte der kleine Heinrich auf und sagte: »Vater, hörst du's auch, wie der Vogel schön singt?«
Der Jäger tat den Kleinen von der Rückentrage und nun gingen beide den Hügel hinan und ins Kirchl hinein.
Am Altare stand der Priester, die Gemeinde lallte Vaterunser auf Vaterunser -- und nichts als das.
Heinrich horchte andächtig und meinte, das wäre jenes Seltsame am Chor, wovon der Vater gesprochen. Der Jäger aber wendete sich flüsternd an einen alten Bauer: »Was ist's denn, haben 'leicht die Thomasler keine Musik?«
»Freilich nicht, freilich haben wir keine,« gab jener zur Antwort, »die Orgel und die Pfeifen und Geigen sind wohl noch oben, aber kein Musikant ist dabei. Die alten sind weggestorben und junge werden keine mehr abgerichtet. 's schaut kein Geld dabei heraus und umsonst wollen die Leut' heutzutag' nicht einmal für den Herrgott was tun. Der Herr Pfarrer kann wohl orgeln -- aber wer liest hernach die Mess'? Unser Lehrer bläst nur eine Pfeife, seine meerschaumene. -- Gottsredlich wahr, jetzt hat eins in der Kirche auch keine Freud' mehr.«
Der Mann hätte sicherlich noch eine Zeitlang fortgeflüstert, da stieß ihn ein Beisitzer mit dem Ellbogen: »Willst schwatzen, Michel, so geh' hinaus.«
Der Alte war still, der Rocken-Hans führte sein Söhnlein wieder aus der Kirche, daß der Kleine doch zum wenigsten die Spatzen und die Gimpel höre, die auf den Dächern zwitscherten.
Gingen hierauf zum Bäckerwirt und der Vater rückte dem Knaben das Suppenschallerl unter das Kinn und das Weinglas in die Hand.
»Vater, wann ist das auf dem Kirchenchor, was ich mein Lebtag noch nicht habe gehört?«
Am Nebentische saß, eben vom Gottesdienste zurückgekommen, der Pfarrer. Er nahm das Frühstück ein, hörte die Worte und rief zum Jäger herüber: »Der Rocken-Hans? Auch wieder mal bei uns herüben? Brav, brav! -- Sohn das? Recht brav. Ein sauberes Bübel! Nicht Handküssen. Wie heißest denn, Kleiner, he? Heinrich? Brav. Mein Gott, das Kind hat ja -- schlechte Augen?«
»Halt ja, halt ja, Hochwürden,« sagte der Jäger, »und desweg', weil er nicht sehen tut, so wollt' ich ihn was hören lassen.« Und erzählte nun, daß sie gekommen wären, um die Orgel zu hören in der Kirche zu Sankt Thomas. Allsogleich rannen dem Pfarrer die Tränen über die Wangen; das blaue Sacktuch kam schon zu spät.
»Ah na,« sagte er hernach, »umsonst sollt ihr den Weg nicht gemacht haben. Ist dir warm, Bübel? Dann wollen wir miteinander in die Kirche gehen.«
Sie gingen in die Kirche, es war kein Mensch mehr drin. Die Leute hatten sich satt gebetet und dabei Appetit für ein Mittagessen bekommen. Die drei stiegen auf das Chor. Der Pfarrer setzte den Knaben in die Orgelbank, legte dessen Fingerchen auf die Tasten. »So, Kleiner, jetzt halte still, gerade so, wie die Finger liegen. Brav. Und wenn ich sag': Druck' nieder, verstehst, so druck' nieder und halte aus -- halte aus, so lang's dich freut.«
Zog hierauf die Riemen des Blasebalges und rief sein: »Druck' nieder!« Der Knabe tat's und erschrak vor dem, was jetzt war: ein klingendes Band, ein tönender Stab -- und doch unvergleichbar mit allem, ganz einzig zu hören, wie ein Gedanke, der schallt, wie eine Freude, die klingt.
Unbeweglich saß der Knabe da -- sein Antlitz blaß wie ein Steinbild, so horchte er der Musik. Die Hände preßte er auf die Tasten, bis die Finger vor Wonne zu zittern begannen. Und siehe, da zitterte auch der tönende Stab und nun wurde er es inne, der Knabe aus dem Wald, daß man seine Seele kann ausrufen in solcher Weise.
Dann spielte der Pfarrer und der Knabe hat gemeint, er sei im Himmel. -- Er sah mit den Ohren.
So war der Anfang gewesen.
Und von diesem Tage an verblieb Heinrich, der kleine Junge, in Sankt Thomas und lernte von dem Pfarrer das Orgelspielen. Traurig und glücklich im Vaterherzen kehrte der Rocken-Hans allein zurück in sein Revier. Zu jedem Sonntag aber kam er in die Klausen und nach einem und einem halben Jahre -- am hohen Frauentage im August -- als er wieder in die kleine Kirche trat, summte nicht mehr der eintönige Psalter an sein Ohr, da der Pfarrer am Altare stand. Die Orgel klang, und der alte Waldmensch fühlte in jenen Tönen das liebe, junge, weiche Herz seines Kindes.
So ist die Gemeinde von Sankt Thomas wieder zur Kirchenmusik gekommen. --
Einer von unseren Touristen war nach solcher Kunde zum Pfarrer des Alpendörfchens gegangen, um ihm die Hand zu drücken.
Der Naturfreund.
Das war auch wieder einmal eine Kindesseele, die sich in einen Stadtmenschen verirrt hatte, und solches ist so häufig ein Unglück.
Ich sehe ihn sehr lebhaft vor mir, obzwar er sich vor einiger Zeit wieder aus dem Staube gemacht hat. Seine Gestalt war komisch, und sein Herz war rührend. Man hätte ihn geliebt, wenn man ihn nicht immer hätte auslachen müssen. Er war ein kleiner untersetzter Mann, dessen Frohmut es erlaubte, daß das Bäuchlein wuchs. Die Beine schienen der Last, auf die sie ursprünglich nicht berechnet gewesen, auch nicht ganz gewachsen zu sein, sie ließen sich etwas weich und unsicher, so daß bei jedem Schritte der Körper stark hin und her neigte. Auch mit den stets etwas krummgebogenen Armen tat er mit, gleichsam, als wollte er den schwachen Füßen durch Schwimmen in der Luft nachhelfen. (Für das Schwimmen in der Luft hatte er überhaupt Vorliebe, wie sich's später zeigen wird.) Zumeist trug er lichtgraue, wenn nicht gar weiße Blusen und Beinkleider und auf dem Haupt einen Zylinder mit stark geschweifter Krempe und von lichtgrauer Farbe. Der Hemdkragen war selbstverständlich fast immer blank, und an der Brust wehte ein flottgeschwungenes buntes Halstuch. Das wirkliche Merkmal aber war das Haupt, das Gesicht. Zu Salzburg, wo er sich seinerzeit in den Tagen der Kaiserzusammenkunft aufhielt, wurde er von den Tor- und Stadtwachen mit den höchsten Ehren begrüßt, die einem Potentaten zustehen, denn man hielt ihn für Napoleon III. Auch als er einst eine Weile in Paris bei seinem Freunde, dem Luftschiffer Godard, lebte, stürzten die Leute, wenn er harmlos lustwandelte, auf die Gasse und hielten ihn für den Kaiser. Einmal trieb ein Gendarm den Pöbel zurück und rief, wenn es Seiner Majestät beliebe, im Inkognito spazieren zu gehen, so habe Paris ruhig zu bleiben und den Kaiser nicht zu sehen.
Die Ähnlichkeit unseres Mannes mit dem letzten Franzosenkaiser war in der Tat merkwürdig! Dieselben scharfen, grauen, lebhaften Augen, dieselbe derb gewachsene und »feinausgearbeitete« Napoleonnase, derselbe aufgehörndelte Schnurrbart, derselbe graudurchwirkte kühne Knebelbart, dasselbe meist kurzgeschnittene Haar, das die Glatze bloß zur hohen Stirne machte, dieselben feinen Runzeln des fahlen Gesichtes, und vollends die französisch lebhaften, nervösen Gebärden in allen Bewegungen, in der Sprache, die, weiß Gott woher, welschen Akzent hatte und sich gerne sprudelnd und munter in krausen Hyperbeln erging.
Ja, das war der gute, harmlose Peter Berner, geborener Steiermärker und Handelsreisender mehrerer solider Firmen in Wien, Brünn und Triest.
In unserer Stadt kannte ihn jedes Kind, es war ja keiner unter den hunderttausend Einwohnern so wie er. Er hatte es gerade nicht ungern, wenn man ihn mit Napoleon verglich und er wußte den Mann zu repräsentieren, von außen. Die Natur mußte in einer köstlichen Laune gewesen sein, als sie es unternahm, diesem gutherzigen, harmlosen, poetisch angelegten Gemüte die Maske des Erzschelmes an der Seine zu geben.
»Die Natur!« Da habe ich ein Wort ausgesprochen, welches mit seinem unermessenen Inhalte das Leben Peter Berners mit Schmerzen und Wonne ausfüllte, ja demselben geradezu verhängnisvoll wurde. Er verstand unter der »Natur« die Landschaft mit ihren Wiesen, Feldern und Wäldern, die Bergwelt mit ihren Felsen, Gletschern und Seen, und das einfache Leben des Landvolkes mitten drinnen. Es ist ein wunderliches Merkmal unserer Zeit, daß sich der Kulturmensch so sehr sehnt nach der stillen Größe des ländlichen Lebens. In Peter Berner, dem Handelsagenten, hatte diese Sehnsucht die dreisteste Verkörperung gefunden. Streckte und reckte denn auf seinen Handelsreisen »Napoleon der Dritte« ununterbrochen den Kopf zum Wagenfenster hinaus und tat fortwährend Ausrufe der Freude, der Überraschung, der Begeisterung, so oft ein hübsches Landschaftsbild -- und er mochte es schon hundertmal gesehen haben -- vorbeiglitt. Mußte er in der Stadt weilen, so besuchte er Gasthäuser, wo sich irgendeine Tischgesellschaft fand, die ihm zuhörte, beistimmte, wenn er von der »herrlichen Natur« und einzelnen Gegenständen derselben in unbeschreiblicher Lebhaftigkeit und Begeisterung schwärmte. Fand er nicht das gewünschte Verständnis an seinen Tischgenossen, so verfiel er bald in schweigsame Schwermut und war über kurz aus der Gesellschaft verschwunden.
Es gab Zeiten, wo er besonders Ursache hatte, den Hang der Städter nach Prunk, Flitter und falschem Schein und die tölpelhafte Stumpfheit gegen Sonnenauf- und Untergang, gegen Waldeszauber, Vogeljubel und Bergesherrlichkeit zu beklagen. Wissenschaftliche Dinge liebte er nicht, weil derlei -- wie er sagte -- die Schönheit von den Wesen reißt; Musik, bildende Kunst und Theater waren ihm leidig, weil er das Echte daran nicht sehen konnte, und wenn der Karneval kam, da verlor er kein Wort, sondern floh aus der Stadt. Verehelicht war er nicht, und so vergaß er leicht alle Bande, die ihn mit der »in Unsinn rasenden Welt« zusammenhielt, vergaß seine Freunde, seine Geschäfte, verlor sich auf Wochen lang und niemand wußte, wohin er geraten.
Kehrte er endlich wieder zurück, so war es stets etwas zerfahren bestellt mit seiner Gewandung, mit seinen geschäftlichen Verbindungen, mit seinem Haushalte überhaupt, aber sein Auge war hell und sein Mund sprudelte unerschöpflichen Preis »den paradiesischen Gefilden der Bergwelt«.
Weil Peter Berner ein geschickter Agent war, so kam er rasch in gute Verhältnisse; und weil Peter Berner ein so unbändiger Naturschwärmer war, so kam er auch allemal rasch wieder in die kümmerlichen Umstände zurück.
Einst sollte seine Sehnsucht nach den Höhen, nach dem Ausblick ins weite, liebliche Land, sein Drang, aus dem Bereiche des städtischen Staubes, »des anmaßenden und hohlen Pöbels aller Stände« zu kommen, eine seltsame Erfüllung finden.
Der französische Luftschiffer Godard kam in unsere Stadt. Sofort bot Peter Berner dem Manne alle seine Dienste an, wenn ihm dagegen die freie Mitfahrt in die Lüfte gestattet werde. Seine Tätigkeit für diese Sache war erstaunlich; er schlichtete alles Nötige bei den Behörden, besorgte den Platz der Auffahrt, die Ausbesserung des durch frühere mißlungene Fahrt und die Reise geschädigten riesigen Ballons, besorgte die Füllungsarbeiten, hatte den ganzen tausendgestaltigen Reklameapparat der Stadt in die klapperndste Bewegung gesetzt -- und daß die weite Wiese die herbeiströmende Menschenmenge kaum zu fassen vermochte, es war sein Werk.
Man hatte den guten Peter noch niemals so in seinem Elemente gesehen. Er schleppte Holz zur Feuerstelle, wo die Luft erwärmt wurde, er spannte die Stricke an, er machte den Korb zurecht, und zwar mit einer Fertigkeit, die den Luftschiffer selbst zur Bewunderung hinriß, so daß er in seinem gebrochenen Deutsch ihn sogleich für seine Reisen als Helfer warb. -- Nun gab es aber unter den Zuschauern Leute, die ihr Geld nicht dafür gezahlt haben wollten, daß sie den Peter Berner glückselig gen Himmel fahren sehen könnten, sondern dafür, daß sie das Napoleongesicht mit einer noch längeren Nase erblicken sollten. Wie es zuwege kam, konnte nicht erhärtet werden, aber auf einmal wehte von einer Seite des schier völlig gefüllten Ballons ein lustiger gelber Rauch auf, und im selben Augenblick sank das bauchige Ungeheuer in sich zusammen.
Zuerst schlug Peter Berner die Hände zusammen und rief alle Heiligen an. Dann, als es sich herausstellte, daß der Ballon an seinen Brandwunden verloren sei, begann er zu rasen. Mit geballten Fäusten rannte er umher, warf Holzstücke, warf Steine in das Feuer, hastete suchend nach dem Missetäter, fiel dann wieder Monsieur Godard um den Hals und weinte laut. Die Zuschauer unterhielten sich köstlich.
Als Peter wieder zur Besinnung kam, rief er in die Menge hinein, die Vorstellung sei noch nicht aus; wenn sie ihn steigen lassen wollten, so sollten sie es nur tun! Hierauf nahm er seinen weißen Zylinder in die Hand, und mit feuchten Augen ging er Geld sammeln für das verunglückte Luftschiff. Da flogen die Papierfetzen nur so in den Hut, denn im Grunde tut die Welt einer guten Seele doch mehr zulieb', als sie sich selber gestehen mag. Die Sammlung wurde in den nächsten Tagen fortgesetzt durch einen öffentlichen Aufruf, in dem Berner an die »~edlen~ Menschenherzen« klopfte, seinen ~teuren~ Freund, den so schwer geschädigten Luftfahrer, der »zur Ehre Gottes und zum Heile der Menschen die ~unbeschreiblichen~ Wunder der ~großartigen~ Natur erforschen wollte«, nicht zu verlassen.
In wenigen Wochen nachher war Godard instand gesetzt, einen neuen Ballon zu bauen, mit welchem er endlich an der Seite seines Gönners und Freundes Peter Berner eine glückliche Fahrt tat.
Berners Beschreibung dieser Fahrt ist in Druck gelegt worden, sie spricht in stets gesperrten fetten Lettern von der »~unbeschreiblich herrlichen~ Pracht, der über ~alle Maßen großartigen~ Aussicht und dem ~furchtbaren~ Schwindel, der einen auf dieser ~unendlichen~ Höhe erfaßt.«
An Kaufmann Steinbacher in unserer Stadt hatte Peter einen Freund, der nicht, wie andere, mit ihm sein Spiel trieb, der das goldene Herz mit Kennerblicken wog und schätzte. Dieser Mann wußte den Naturfreund von seinen aeronautischen Plänen abzubringen und vermittelte ihm eine Agentschaft für steierischen Bauernloden, die ihm den Verkehr mit den Landleuten und der Natur von neuem erschloß.
Der Luftschiffer zog nach stürmischen Umarmungen und heißen Küssen seitens Berners von dannen, und Berner zog ins Gebirge.
Von Zeit zu Zeit las man im Inseratenteile unserer Blätter Aufrufe, wie folgenden:
»~Aufruf!~
Anläßlich der bevorstehenden ~Feiertage~ sehe ich es als meine ~heiligste Pflicht~ an, alle ~Naturfreunde~, ~Bergbesteiger~, wie nicht minder alle ~Ausflügler~ auf die ~herrliche~ prächtige ~Perle~ unseres Heimatlandes, auf das ~Paradies Steiermarks~, (z. B.) auf ~Deutsch-Landsberg~, als das ~würdigste Ziel~ eines Touristen, aufmerksam zu machen und sie aufzufordern, diesem ~wahrhaft gelobten Lande~ zuzuwallen. Dort, umgeben von den ~herrlichsten Bergen~, fühlt man sich frei und dankt dem
Schöpfer, der all das ~Herrliche~ geschaffen. Drum auf, nach Deutsch-Landsberg, wo nicht nur für die ~Seele~, sondern auch für den ~Leib~ gesorgt ist durch die vortreffliche ~Küche~ und den ausgezeichneten ~Keller~ im Brauhause.
~Peter Berner~, Tourist.«
Selten und seltener wurde der Mann, der nun -- wie er in der Beschreibung seiner Luftreise dartat -- schon mehr als »~fünfzig~ Lebensjahre sein eigen nannte«, in der Stadt gesehen, immer unregelmäßiger besorgte er die Handelsinteressen seiner Firmen, und endlich blieb er ganz aus. Sonst war Peter seiner absonderlichen Wesenheit wegen allemal unschwer auffindbar gewesen, diesmal aber vergingen Monate, ohne daß eine Spur von ihm zu entdecken war. In den Blättern blieben die Aufrufe aus; der Hausherr, bei dem Peter sich die Kammer gemietet hatte, warf die bescheidenen Armseligkeiten ins Versatzamt, oder sonstwohin, und man mußte annehmen, daß der »Tourist« auf einer seiner Hochtouren verunglückt sei. Da ging im Spätsommer desselben Jahres in der Stadt das Gerede um, draußen hoch in den Bergen, im Dorfe des heiligen Oswald, sei ein Bauernknecht gesehen worden, der zwar nicht an Gewandung, wohl aber im Angesichte und allem Gebaren dem verschollenen Peter Berner aufs Haar ähnlich sehe.
Kaufmann Steinbacher machte sich auf den Weg in das entlegene Bauerndorf, dort fand er nach vielem Suchen seinen Mann hoch oben an einer Feldlehne, wo dieser hinter einem Ochsenfuhrwerk vermittelst einer Eisenkrampe mit nervöser Hast vom Karren Stalldung auf die Erde kraute. Sein Anzug bestand aus arg zerfahrenen Bauernkleidern, wovon die Hose zu schlotternd, die Joppe zu knapp war. An den Füßen trug er nichts als »Schuh von Menschenhaut«, wie er die Barfüße nannte, auf seinem Haupte aber saß -- von braunen Stallfliegen umsummt -- der weiße Zylinder.
»Peter!« rief der Kaufmann, »Peter, aber was treibst du da?«
»Grüß' dich!« knurrte Peter, ohne von seiner Arbeit abzulassen, befahl dann den Ochsen, daß sie ein paar Schritte weitergehen sollten und er ein neues Häuflein vom Karren krauen könne.
»Bist du endlich toll geworden, mein lieber Freund!« rief der Kaufmann. Da warf Peter die Krampe weg, schlug die Arme aus. »Toll geworden! Toll geworden!« sprudelte er in seiner schnarrenden Weise, »weil ich aus dem übelriechenden Steinhaufen geflohen bin, den ihr Stadt nennt, ihr armen Teufel! Weil ich eure Windbeuteleien verlache, die ihr Kulturleben heißt, ihr armen Teufel! Weil ich in der schönen Natur leben will, in der frischen Luft, unter dem freien Himmel Gottes, den ihr nicht ertragen könnt, ihr armen Teufel! Da er die blendende Sonne hat, die gewaltigen Stürme hat, darum, sagt ihr, toll geworden?! O, du armer, armer Knabe, komm an meine Brust, laß dich küssen!«
Damit stürzte er dem Freunde ans Herz. Der Kaufmann schämte sich unbändig, aber es war nicht anders, denn Peter weinte wie ein Kind.
So hatte dieser wunderliche Mann, dessen Existenz nach allgemeiner Schätzung eine sorglose, behagliche gewesen, solche von sich geworfen; so hatte er sich als Bauernknecht verdingt aus Liebe zur Natur. Willig hatte er die schwersten Arbeiten, denen sein Körper nicht gewachsen war, verrichtet, die ungewohnte Nahrung, das schlechte Nachtlager ertragen und die Roheiten der Dorfleute, die ihn freilich nicht so anwiderten, weil sie ja »Natur« waren gegenüber den giftigen Bosheiten und süßelnden Falschheiten der Städter.
»Stadtdodel!« schrie ein Junge vom Hof herüber und meinte Peter. »Ja,« sagte dieser, zum Kaufmann gewendet, »das muß ich mir gefallen lassen, weil ich's einmal gewesen bin, weil ich heute noch städtische Unarten an mir habe. Stadtdodel! Hast schon recht, Franz! Mordsbub!«
Es bedurfte viel, den Mann, den sie auf dem Dorfe geradezu verhöhnten dafür, daß er ihnen seine Kraft weihte, sein Herz gebracht hatte! -- es bedurfte viel, um ihn von den Fluren des heiligen Oswald loszubringen und wieder zu einem halbwegs zivilisierten Menschen zu machen. Es bedurfte vielen Zuredens, vieler List und besonders vieler Seife.
Aber endlich sah man den Napoleon doch wieder durch die Stadt haspeln, hörte im Gasthause wieder seinen scharfen Laut, wie er in rasch herausgestoßenen Worten unermüdlich das ländliche Leben beschrieb, bis ihm vor Begeisterung und Rührung die Stimme brach.
Und nun zu dieser Zeit, da seine Schwärmerei für Idylle und Einfachheit den höchsten Grad erreicht hatte, tat er etwas, was er tun mußte, weil es im Schicksalsbuche solcher Menschen steht, mit heiligem Schwunge stets das Ungereimteste zu vollbringen. Peter Berner ging nach Paris. Freilich nicht die Weltstadt lockte ihn, aber der Freund rief ihn, Godard der Luftschiffer telegraphierte aus Paris, er möge so bald als möglich zu ihm kommen.
»Der Mann ist in Not!« rief Peter aus, »ich muß ihm zu Hilfe kommen!« Mit einem Ruck waren alle kommerziellen Fäden, die ihn bereits wieder umgarnt hatten, zerrissen, er reiste nach Paris.
Dort fand er seinen Freund in einem Zustand, von dem er bis ins Innerste erschrak. Godard war reich geworden. Mit den Luftballon, den ihm Peter einst erbettelt, hatte er sich ein Vermögen erworben, den Ballon dann in die Rumpelkammer geworfen und sich in das Weltleben gestürzt, an dem er nun mit allen Fasern eines lustigen Franzosen hing und sog.
»Was willst du mich? Was soll ich da?« schrie ihn der empörte Berner an, als ihn jener in die prunkenden Gemächer seines Hotels führte.
»O, Freund! Freund!« rief der Franzose, »ik dich aben lassen holl, +pour remercier+, ik dir danken, +ma fortune+, +ma prospérité+, mein Sukunft! Ik dir wollen erweisen +la joie+, +l'honneur+, +l'amitié+! Oh, Freund, +pardon+, daß ik sprecke +en ma+ Muttersprak, es jauchzen mein 'erz zu können dich umarm! Ik grüßen, ik grüßen dich!«
Godard gab hierauf zu Ehren der Anwesenheit seines Freundes ein glänzendes Fest, überhäufte ihn mit Ehren. Der Mann, der ein paar Monate früher in einem steierischen Gebirgsdorfe Stalldung vom Karren gekraut hatte, war jetzt Mittelpunkt einer der feinsten, geistsprühendsten Gesellschaften der Seinestadt. Die französische Liebenswürdigkeit, mit der ihm das Fest in großem Stile geboten wurde, berückte sein leicht erregbares Gemüt; das Weltleben, das er bisher verachtet hatte, umgarnte ihn plötzlich mit allen Zaubern und Reizen einer schönen, koketten Frau, die ihn »zu einer nie dagewesenen Begeisterung« hinrissen. Nach seiner Rückkehr aus Paris erzählte er uns strahlenden Angesichtes, daß er bei jenem Feste »mit ~tiefbewegter~ Stimme eine ~brillante~, von ~tosendem~ Beifall oft unterbrochene Rede« gehalten habe, in der er für die »~höchst ehrende~, eines Königs würdige Auszeichnung« dankte.
Der Aufenthalt in Paris schien für einige Zeit der Mittelpunkt seines Lebens geworden zu sein. Wohl pries er die Natur wie vor und eh, aber er stand nicht mehr mit jener weltüberlegenen Lust auf dem hohen Berge, sah nicht mehr durch die glückselige Kindesträne den Aufgang der Sonne. Es beunruhigte ihn -- Paris. Es war ein Zwiespalt in ihn gekommen, dessen er sich selbst kaum bewußt ward, der aber tückisch an seinem Gemüte nagte. -- Das Gedächtnis seines Freundes hielt er fort und fort über alles hoch in Ehren und das großmütige Geschenk, eine goldene, auf seinen Namen geprägte Erinnerungsmedaille, mit dem der dankbare Franzose sein Fest gekrönt hatte, war und blieb sein Stolz und seine Freude bis an sein Ende.
Der lange Rauk.