Chapter 8 of 28 · 3997 words · ~20 min read

Part 8

Nach fünf Jahren stand das neue Stiftsgebäude fertig und in hohem Glanze da. Jeder der dreizehn Mönche hatte es erlebt, nicht einmal der dreizehnte war gestorben. Einer von ihnen gestand, seit dem Unglücke fühle er sich ein wenig besser und stärker, er habe gelernt, etwas zu ertragen. Man stimmte ihm bei. Nur den Prälaten hatten die Sorgen der Wiedererrichtung alt und kränklich gemacht. Er erklärte, seine Würde und Bürde ablegen zu wollen. Alles war unschlüssig, ratlos darüber und mancher der Brüder verwahrte sich schon vorwegs gegen die Möglichkeit, Abt zu werden. Jeder wollte der Unwürdigste sein, vielleicht heimlich erwägend, daß gerade ~der~ erhöht werde, der sich selbst erniedrige. Bei der Wahleinleitung für seinen Nachfolger erzählte der Prälat die Geschichte von der Taube. Einmal bei einer Papstwahl zu Rom -- bei welcher, das wußte er nicht genau -- hätten die Kardinäle sich nicht einigen können. Da sei zum Fenster eine weiße Taube hereingeflogen, sei dreimal über den Köpfen der Versammelten herumgeflogen und habe sich dann auf das Haupt des Geringsten gesetzt, des Türhüters an der Pforte. Der sei auf diesen Wink Gottes zum Papste gewählt worden. »Und meine hochwürdigen Brüder,« so schloß der Prälat, »wenn heute auf dem Stifte Hubertusbrunn der heilige Geist in Gestalt einer Taube käme, um uns die Wahl des Oberen anzudeuten, auf wessen Haupt würde er sich setzen?«

Die Brüder neigten sich und einer flüsterte dem andern zu: »Vielleicht gar auf das Haupt Gregors?«

Der mißratene Evangelist.

In einer Tischgesellschaft von ernsten Männern kam eines Abends das Gespräch auf die Welttauglichkeit des Evangeliums. Mehrere der Anwesenden behaupteten, die christliche Lehre trage nicht allein die Bürgschaft der ewigen Seligkeit an sich, sondern auch das Glück der Erde, den Frieden in der Gesellschaft, das Gedeihen jedes einzelnen.

Einer war da, der solches bestritt. »Wenn ~jedermann~ nach der christlichen Lehre lebt,« sagte dieser, »dann vielleicht. Dann gebe ichs zu, daß sie auch auf Erden zum Glücke führen kann. Anders ist es, wenn nur einzelne darnach leben. Für diese ist sie dann durchaus nicht förderlich, der einzelne geht vielmehr zeitlich daran zugrunde. Vorausgesetzt, daß es möglich ist, die Lehre in ihrer ganzen Strenge zu befolgen, macht sie den Menschen für die Aufgaben und Bestrebungen der modernen Gesellschaft ganz und gar unfähig, ja kann -- mißverstanden -- auf Irrungen und Abwege führen, wovon ich ein Beispiel aus dem Leben zu erzählen wüßte.«

Hierauf sagte ein anderer: »Wenn Sie ~ein~ Beispiel wissen, daß die Befolgung der christlichen Lehre auf Abwege leitet, so weiß ich hunderte und tausende von Beispielen, daß die ~Nicht~befolgung zum Verderben führt.«

Nun, das sei selbstverständlich, meinten mehrere und sei längst bewiesen. Merkwürdig jedoch dürfte der Ausnahmsfall sein, wenn ihn jener erzählen wolle.

Der Aufgeforderte sprach: »Da wohl nicht zu befürchten ist, daß das Schicksal des Helden meiner Geschichte einen von uns der christlichen Lehre noch mehr entfremden könnte, als es, wie wir uns kennen, wahrscheinlich ohnehin schon der Fall ist, und da sich ferner von uns wohl überhaupt keiner so wörtlich in die Bergpredigt einlassen wird, als es mein Herr Eberhard getan, so werde ich die Geschichte ohne jeden Widerspruch erzählen dürfen. Die Lehre, wenn man schon eine daraus ziehen wollte, könnte ja immerhin die sein: der eine ging an der Befolgung des Christentums nur deshalb zugrunde, weil es nicht auch die übrigen befolgten.«

Und hierauf begann er zu erzählen.

Im Landstädtchen K. lebte ein junger Buchhandlungsgehilfe namens Eberhard Roland. Er war aus einem Nachbarsorte eingewandert, nachdem er dort seine Mutter und seine Schwester begraben hatte. Das waren seine einzigen Verwandten gewesen, er hatte ihnen wacker leiden geholfen. Die Rolande waren einst eine geachtete Bürgersfamilie gewesen und dann von einem unermeßlichen Unglück heimgesucht worden. Ein Roland war nämlich einer schweren Gewalttat wegen zum Tode verurteilt und dann durch den Strang hingerichtet worden. Das war der Großvater des Eberhard gewesen. Von jener Zeit an war es mit der Familie abwärts gegangen, sie war entehrt, gemieden, verachtet. Das Geschäft stockte, ging zu Grunde, die Familie verarmte, brachte sich viele Jahre lang zwar redlich, aber kümmerlich durch. Man hatte nichts einzuwenden gegen die fleißigen Leute, daß aber jener Roland gehenkt worden war, blieb ihnen unvergessen und blitzte bei jeder Gelegenheit hervor. Eberhards Vater war als Leineweber in jungen Jahren gestorben, er selbst hatte die Buchbinderei gelernt und mit diesem Handwerk Mutter und Schwester recht und schlecht ernährt, bis beide bei einer Seuche in einer und derselben Woche verschieden.

Seither wohnte Eberhard in der Stadt K., wo er vom Buchbinder zum Buchhändler aufstrebte, nachdem er es vorher mit mehreren anderen Erwerbsarten vergebens versucht hatte. Er war ein unruhiger Geist und sprang in Gegensätzen hin und her. Von einigermaßen beschaulicher und sogar schwärmerischer Naturanlage, trug er sich eine Zeitlang mit dem Gedanken, in ein Mönchskloster zu gehen, bis er in ein Bankgeschäft als Briefschreiber eintrat. In kurzer Zeit war er Buchhalter und hatte sich etliche hundert Taler Vermögen erspart. Da mietete er sich vor der Stadt einen Heuschoppen und begann mit Holz und Kohlen zu handeln. Als höchst anständiger Geschäftsmann bald bekannt, begann der Handel zu blühen, aus dem Schoppen ward ein stattliches Magazin, dem sich größere Lager anschlossen, aus dem schlichten Buchbinderjungen war ein geachteter Kaufmann geworden. Bei dem allein blieb es aber nicht. Von hübscher Gestalt und freundlichem Wesen, gewann er die einzige Tochter des Bankinhabers, bei dem er in Diensten gestanden und wurde ein wohlgesetzter Ehemann und Hausvater. Ein Jahr später kam ein kleines Kind und ein großer Treffer, er hatte in der Staatslotterie das Hauptlos gezogen. Jetzt war er auf einmal halber Millionär und wußte eigentlich selbst nicht, wie das zugegangen.

Nun hatte in ihm aber sachte eine Änderung stattgefunden, die er wohl selber erst etwas spät bemerkte. Einst in armen Kreisen lebend, war er sehr mitleidig gewesen und hatte er schon in der Tat nur wenig Gutes tun können für die Notleidenden, so hatte er für sie doch stets ein warmes Herz, und das Wort der Teilnahme tröstete manchen Leidenden mehr, als eine Gabe auf die Hand. In dem Maße aber, als Herr Eberhard wohlhabend wurde, kühlte sich sein Gemüt ab für die Armen. Er war zwar wohltätig, gab Almosen, doch weniger aus innerem Drange, denn weil er sich als reicher Mann dazu verpflichtet fühlte. Die Armut vor sich zu sehen, war ihm unangenehm, und manchmal erschien sie ihm wie ein Makel, das etwa dem Leichtsinnigen oder Fahrlässigen anhaftet. Einst hätte er den hungernden Bettler sättigen mögen, ohne ihn erst seines Hungers wegen zur Rechenschaft zu ziehen, jetzt fragte Herr Eberhard schon: »Warum arbeitet Er nicht? Was hat Er getrieben, daß Er so verkommen ist?«

Früher hatte er sich zu den wenigen Feierstunden in seinem Stübchen mit den paar Holzmöbeln und den kleinen Bildern seiner Mutter und Schwester an der Wand sehr heimlich und behaglich gefühlt. Jetzt in seinen reich ausgestatteten Gemächern war ihm einmal dieses, einmal jenes nicht recht und seine Wünsche und Bedürfnisse waren den Tatsachen immer um eine Spanne voraus. Manchmal empfand er die Last des Reichtums, die Last der damit verbundenen Pflichten, dann wieder kam es ihm vor, als nütze er seine Kraft, seinen Kredit, die Verhältnisse zu wenig aus und als sei es seine Aufgabe, noch reicher zu werden -- so reich als nur menschenmöglich. Er gönnte sich daher nur wenig Ruhe, rechnete, plante neue Unternehmungen, und wenn er dann zum Jahresschluß die Bilanz zog, soweit sie bei den ausgedehnten Besitzungen und Geschäften zu ziehen war, sah er immer mit freudigem Schreck, wie rasch die Millionen wachsen. Aber schon allemal in den nächsten Stunden fragte er sich, warum sie denn eigentlich nicht noch schneller wüchsen und was daran wohl die Ursache sein könne?

In einer solchen Stunde, als er über den Teppich seiner Treppe herabstieg zum bereitstehenden Wagen, um auszufahren zur Sitzung in einem wohltätigen Verein, kauerte an der Pforte eine verwahrloste Bettlergestalt, schlotternd, mit eingefallenem, grünem Gesicht und verglastem Auge. Fast verstellte er dem Herrn den Ausgang, zudringlich hielt er seine mumienhafte Hand hin und verlangte ein Almosen.

»Wie?« fragte Herr Eberhard aufgebracht über den vordringlichen Gesellen, »bin ich dem Kerl was schuldig? Arm? Aus Ihm riecht der Branntwein, dünkt mich. Warum arbeitet Er nicht? Schämt Er sich nicht, von anderer Leute Arbeit zu leben? Und frech?! Fort, Er ist mir zuwider, ich teile nichts!« Damit stieg er rasch in den Wagen, aber noch bevor der Diener den Schlag zuwarf, stürzte der Bettler zusammen und ein Blutquell sprang aus seinem Halse. Mit einem spitzen Messerchen hatte er sich den tödlichen Stich versetzt.

Von diesem Tage an stieg der Reichtum des Herrn Eberhard nicht mehr. Nicht etwa, als ob auf dem Hause von nun an ein Fluch lastete, vielmehr ein Segen. Herr Eberhard hatte sich vorgenommen, mehr den Armen zu leben. Er verzichtete auf den bisher bezogenen großen Gewinn seiner Geschäfte und begnügte sich mit geringerem, den er nicht allein an wohltätige Anstalten, sondern auch an einzelne Arme verteilte. Dadurch aber wurde sein Geschäftshaus nur noch gesuchter und er konnte kaum so viel Wohltaten üben, daß der Reichtum nicht doch immer wieder stieg. Von seinem Katecheten hatte er als Knabe »Die Nachfolge Christi« zum Geschenk erhalten. Das war sein Lieblingsbuch gewesen in der leidensreichen Zeit seiner Jugend. Jetzt holte es Herr Eberhard wieder hervor und anstatt im Kurszettel las er im Erbauungsbuche. -- Es war ihm ernst. -- Den schweren Prunk hatte er aus seiner Wohnung entfernt. Mit seiner Familie gab's Kämpfe, als es daranging, einen Überfluß um den anderen abzuschaffen, er aber sagte: »Meine Lieben, wir haben uns verirrt in die Wüste des Geldes, wir müssen umkehren und Menschen werden.« Die jungen Herrschaften mußten sich's wohl oder übel gefallen lassen, Menschen zu werden -- sie wurden es. Die Söhne entsagten dem Sporte, die Töchter dem Putze. Das taten sie aber erst, als Herr Eberhard ihnen eines Tages mitgeteilt hatte, bei einer großen fehlgeschlagenen Spekulation hätte er beinahe sein ganzes Vermögen verloren. In Wahrheit war dem nicht genau so, nur daß er selbst täglich tausende von Talern hinweggab an Armenhäuser, Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und Bettler. Er arbeitete noch einige Stunden des Tages, die übrige Zeit verbrachte er, um Statistiken zu studieren, Armut und Elend zu erforschen und da sah er denn freilich, daß Armut und Elend über alle Maßen unergründlich sei, mit keinem Reichtum der Welt wett zu machen. Das ließ ihn nicht verzagt werden. Er wollte das Seine tun und sich ganz den Nebenmenschen opfern. Er las fleißig im Evangelium Christi: -- Selig sind die Armen im Geiste, ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen. Gib dem, der dich bittet, und wende dich von dem nicht ab, der von dir borgen will. Deine Linke wisse nicht, was deine Rechte tut und achte, daß dein Almosen verborgen bleibe. Sammle nicht Schätze auf der Erde, wo Rost und Motten fressen; sammle Schätze für den Himmel. -- Und wenn Herr Eberhard sich so versenkte in diese Lehren und sie befolgte, da atmete er oft wie erleichtert auf. Jener Sterbende an seiner Tür, er starrte ihn nicht mehr an mit seinem unendlichen Vorwurf, er blickte fast freundlich auf ihn ...

An der Pforte des reichen Mannes drängten sich die Armen aller Art. Herr Eberhard unterschied nicht mehr strenge zwischen verdienter und unverdienter Armut, er half wo und wie er konnte. Dem einen zahlte er die Zinsen, dem anderen die Steuern, dem dritten schrieb er sich als Bürgen auf den Schuldschein. Einem Geldunterschlager, dem die Entdeckung drohte, gab er Geld zur Ersetzung des Abganges. Und wenn er von seiner Gemahlin, von seinen Kindern gefragt wurde, was denn die vielen Leute immer wollten, wenn sein Geschäft so ganz und gar ruiniert sei, so antwortete er: »Das sind eben die Gläubiger, die ihre Güter holen kommen, die ich ihnen bisher verwaltet habe.«

Die Frau schwieg und blickte ahnungsvoll einer schlimmen Zukunft entgegen. Dabei war ihr aber süß, daß ihre Familie von der Bevölkerung geradezu vergöttert wurde, daß sie als die Gemahlin des reichen Wohltäters bei jeder Gelegenheit Ehren genoß, als wäre sie die Fürstin der Stadt und des Tales. Allerdings wurden im Hintergrunde auch Stimmen laut: Die Eberhardischen würden wohl wissen, warum sie so viel Gutes tun; sie könnten wohl noch mehr geben. Wenn so einer, wie der Eberhard hundert Taler gibt, die er nur aus der Kasse zu nehmen braucht, da ist's gerade so viel, als wenn der arme Mann einen Kreuzer schenkt. So einer kann eine Million verschenken und er tut sich nicht so weh, als wenn ein Armer ein Paar Stiefel versetzen muß.

Herr Eberhard hörte von solchen Stimmen wenige, denn im Vordergrunde stand das laute Lob. Er kam sich selbst manchmal vor wie ein Heiliger, der aus Nächstenliebe die Güter der Erde hingibt. Seinen Kindern sprach er von der Unsittlichkeit ererbten oder nicht persönlich erworbenen Reichtums und wies sie an, ihren Lebensunterhalt sich selbst zu verdienen. Es ward ihm bitter hart, er kämpfte übermenschlich, ehe er sie verstieß, doch endlich siegte er durch den Ausspruch: Du sollst deine Familie verlassen und mir nachfolgen! -- Und er fuhr fort, die Reste seines Vermögens hinzugeben. Seine Gemahlin hätte ihn wohl rechtzeitig unter gerichtliche Aufsicht stellen lassen, wenn sie von seiner Darstellung, als wäre längst durch unglückliche Spekulation alles verloren worden und die seitherigen Weggaben seien nichts als das Zurückstellen aufbewahrten Geldes, sich nicht hätte irreführen lassen. Nun fiel sie ihm freilich um den Hals und sprach: »Lieber Mann, wir werden noch selber betteln gehen müssen.«

»O kurzsichtiges Menschenkind,« sagte zu ihr Herr Eberhard, »denke an das Wort des Heilands: Wer zwei Röcke hat, der gebe den einen davon dem, der keinen hat. Siehe die Blümlein auf dem Felde, sie säen nicht, sie ernten nicht, und der himmlische Vater ernährt und kleidet sie doch. Wenn mir ein kleines Dachstübchen bleibt, wie ich es einst besessen, dann bin ich schon zufrieden.«

Darauf vergingen noch wenige Jahre, dann war sein Ziel erreicht. Herr Eberhard wohnte in einem schiefwändigen frostigen Dachstübchen. Und wenn seine Frau, die auf dem Siechenbette lag, seinen Rock flicken wollte, so konnte er nicht ausgehen, um Lebensmittel zu sammeln, denn er hatte nur einen Rock. Seine in der Jugend verweichlichten Söhne hatten dem harten Existenzkampfe nicht standzuhalten vermocht und waren verkommen, die Töchter hatten sich einem Gewerbe ergeben, das ihnen unmöglich machte, noch einmal unter die Augen der Eltern zu treten. So waren die zwei alternden Leute nun ganz allein. Herr Eberhard hatte in seinem Dachstübchen aber doch die Beschaulichkeit und den Herzensfrieden nicht wieder gefunden, den er sich erhofft. Sein christliches Wohltun -- wie Schuld pochte es nun manchmal an sein bangendes Herz, besonders wenn er an die verlorenen Kinder dachte. Dazu ward er täglich beleidigt von der Roheit derer, zu denen er bittend kam; sie nannten ihn einen Verschwender, dem jetzt ganz recht geschehe. Von den nachgerade zahllosen Leuten, denen er einst Gutes getan im großen wie im kleinen, waren nur wenige vorhanden; von diesen entschuldigte sich der eine mit eigenen Sorgen, der andere reichte ihm widerwillig eine kleine Gabe und den guten Rat, sich doch selbst wieder etwas zu verdienen, auch der Hände Arbeit schände nicht. Von der Verehrung, die er einst genossen in der Gegend, war nichts mehr übrig geblieben, ja man erinnerte sich nun wieder, daß der Taugenichts doch im Blute liegen müsse, da ja sein Großvater stranguliert worden sei. -- Für solche Herzensbitterkeit fand Herr Eberhard in seinem Evangeliumbuche keinen rechten Spruch. Und bei den schönen Worten von der Seligkeit der Sanftmütigen, Traurigen und Verachteten war ihm, als paßten sie nicht auf seine Verhältnisse, als habe der Heiland eine so ungeheuerliche Undankbarkeit der Welt nicht voraussetzen können.

Eines Tages kam ein gerichtlicher Auftrag, Herr Eberhard Roland habe tausendfünfhundert Taler zu zahlen für eine Bürgschaft, die er einst geleistet. Darauf antwortete er: »Machet, was ihr wollt, ich habe nichts.« Da erschien nach einem Weilchen ein Gerichtsbeamter mit zwei Dienern, und mit ihnen der Gläubiger, ein reicher Bäckermeister von K. Dieser riß seine große, mit Banknoten wohlgefüllte Brieftasche aus dem Sacke, zog aus derselben aber keine Banknoten, sondern den Schuldschein, unter dem Herr Eberhard als Bürge stand. Der Bäcker schimpfte und fluchte eine Weile über den voreinstigen Prasser und Windbeutel, der jetzt von anderer, von ehrlicher Leute Arbeit leben wolle und dann wurden die wenigen Möbel und Einrichtungsstücke in Beschlag genommen und dem Herrn Eberhard die Wohnung gekündigt.

Am rechten Arm ein Bündel, am linken sein krankes Weib, so wankte Herr Eberhard hinaus. Bei wohlhabenden Leuten klopfte er an, die einst seine Nachbarn gewesen, sie hatten Ausflüchte. Eine alte arme Tabaksverkäuferin, die selber fror in ihrer Bude, lud die armen Leute ein, bei ihr zu rasten. Dem Herrn Eberhard aber war jetzt nicht ums Rasten; als er sein Weib in die Obhut der Ständlerin gegeben hatte, ging er hinaus in die Auen. In ihm war ein unerhörter Sturm. Er verfluchte nicht die undankbaren Menschen, nein, er wütete in grenzenloser Bitterkeit gegen das Evangelium, dem er so gläubig und opferwillig gefolgt war, und das ihn dahin geführt hatte, wo er sich jetzt befand.

Dem Mühlbache ging er entlang. Da fiel ihm etwas ein. Er schlug es rasch von sich, sein Weib konnte er nicht verlassen. Aber was sonst? Was nun sonst? -- Nach langem Irren kehrte er um gegen die Stadt, es begann schon das Dunkeln des Abends. Vor sich sah er einen großen dicken Mann dahinwackeln, sein Stöcklein bei jedem Schritt gar selbstbewußt auf den steinigen Boden stoßend. Das war der Bäckermeister, der ihn vorher entheimt hatte. Er war wohl bei seiner Mühle draußen gewesen. Dem Herrn Eberhard wurde das Blut rasend, als er in diesem Manne gleichsam verkernt seinen ungeheueren Irrtum, sein Unglück sah. Der Bäcker war durchaus nicht christlich; er war hart und rücksichtslos, er zertrat unbedenklich Existenz um Existenz, wenn er daraus Nutzen ziehen konnte. Und wie ging's ihm gut und wie lief er sogar nicht Gefahr, einmal zu verarmen, einmal die Achtung der Mitmenschen zu verlieren. Hatte er diesen Bäcker nicht einst selbst aus einer großen Geschäftsverlegenheit gerissen? War das Geld seiner heute gefüllten Brieftasche nicht vielleicht Eberhards Geld? Konnte er es nicht wieder zurücknehmen jetzt ...?

Plötzlich bückte sich Herr Eberhard, hob einen scharfkantigen Stein auf und schleuderte ihn nach dem Kopfe des Bäckers. Dieser stürzte fast zusammen.

Herr Eberhard vergaß, weshalb er den Stein geworfen, ließ den Sterbenden liegen und ging der Stadt zu, um sich dem Gerichte zu stellen. Da lief ihm jemand nach und flüsterte: »Herr Eberhard! Herr Eberhard! Sie wollen Ihrem Großvater nach! Das dürfen Sie nicht.«

Herr Eberhard blieb stehen und fragte den etwas unheimlich aussehenden Mann, was er wolle.

»Nein,« wiederholte dieser, »das dürfen Sie nicht. Den Bäcker nehme ich auf mich. Wissen Sie noch? Der Geldunterschlager auf der Post! Der Fundler!«

»Der Johann Fundler sind Sie? Jener Johann Fundler.«

»Der bin ich. Und wissen Sie, was Sie damals gesagt haben, wie Sie mir die veruntreute Summe vorgestreckt? Der Herr im Himmel freue sich über ein verlorenes Schaf, das gerettet werde. Ich bin wieder ein ordentlicher Mensch geworden damals, ohne daß jemand eine Ahnung hatte, daß ich ein Lump gewesen. Und habe noch manch glückliches Jahr genossen.«

»Wollen Sie mir jetzt etwa das Geld zurückzahlen?« fragte Herr Eberhard.

»Das kann ich nicht.«

»Ich brauch's auch nicht.«

»Ich habe weniger als nichts,« sagte der Postbeamte, »ich habe wieder gestohlen und die Polizei ist mir schon auf den Fersen, jetzt hilft mir nichts mehr, und deswegen nehme ich auch gleich den Bäcker auf mich und Sie sind so gut und streichen mir die Schuld.«

So hatte der Mensch in hastigen Stößen gesprochen und dann eilte er dahin.

Herr Eberhard lehnte sich an den Stamm einer Wildkastanie. -- Also doch noch Dankbarkeit!

Spät abends kam er zu seinem Weibe zurück, das in der Kammer jener Tabakverkäuferin auf einem alten Tuchmantel lag, und zu ihr sagte er: »Wärest du nur bei mir gewesen auf diesem Spaziergang, so hätten wir in Zukunft beide ein Quartier, nicht bloß ich allein. Weißt du etwas Neues? Just haben sie den toten Bäcker vorbeigetragen, der uns gepfändet hat. In der Au mit einem Stein erschlagen. Der Postbeamte Fundler will's getan haben. Der Fundler ist ein Lügner. Ich werde es den Herren schon beweisen, daß der Fundler ein Lump ist. Aber dieser schlechte Lump ist der bravste Mensch in der ganzen Stadt. -- Er ist dankbar.«

Am nächsten Tag wurde das Weib ins Armenhaus gebracht und Herr Eberhard ins Gefängnis. Er hatte tüchtig zu tun gehabt, seinem dankbaren Postbeamten den erschlagenen Bäcker zu entwinden; es schien auch so unglaublich, daß Herr Eberhard einen Mord sollte begangen haben. Er legte einen freiwilligen Eid drauf ab. Ob's ein Rachemord oder ein Raubmord hätte sein sollen, das wüßte er selber nicht. -- Und nun hatte er wieder seine Beschaulichkeit. Nun konnte er nachdenken, warum er eigentlich dem Heiland bis zum Dachstübchen nachfolgen wollte, und nicht weiter -- nicht bis zur Kreuzigung? Warum er denn seine gesellschaftliche Stellung, sein Vermögen, ja selbst seine Familie hingeopfert hatte, um dem Evangelium gerecht zu werden, wenn er dann doch auf einmal der menschlichen Natur nachgab? Jetzt sah er, wohin die Nachfolge Christi führt: Wenn man dem Heiland auf dem ganzen Wege nachfolgt, so kommt man freilich in den Himmel, wenn man auf halbem Wege ablenkt, so kommt man in den Kerker. Und das passiert manchem.

So der Erzähler. Die Gesellschaft schwieg.

Der alte Adam.

Mit vernünftigen Gründen vermag die Weiserin Natur bei uns vernünftigen Leuten selten was auszurichten, und so steckt sie sich zuweilen hinter Sonderlinge und Narren; denn nur den Unverständigen belehrt der Vernünftige, des Weisen Lehrmeister aber ist und bleibt in Ewigkeit der Narr.

Allerdings scheint es, als hätten die Strubacher-Leut' vom Lehm-Lamel nicht viel gelernt; der Lamel war gerade noch um ein halb Köpflein zu vernünftig für sie.

In vergangenen Jahren war er eigentlich gar sehr vernünftig und tüchtig gewesen, der Lamel. Er besaß eine Lehmgrube, die ihm guten Gewinn und den Namen Lehm-Lamel eintrug; zu Recht aber war er Wegwart an der Reichsstraße, die damals in weißen staubigen Bändern mit Wagengeknarre, Rossegewieher, Fuhrmannsgeschrei, Peitschengeknatter und Handwerksburschengetriller durch die Länder schlängelte. Damals war noch die Zeit, in der die Dörfer und Flecken groß, die Postmeister reich, die Wirte dick wurden, die Städte aber, durch steinerne Gürtel zusammengeschnürt, an Engbrüstigkeit litten.

Damals sind Wegwarte bedeutende Leute gewesen, ohne sie hätte das Räderwerk der Straße, des Landes, des Reichsverkehres gestockt, wäre versunken in Schlamm. Der Lamel hatte seine Pflicht wohl erfüllt, seine Strecke war stets die bestgeschotterte, auch hatte er an derselben eine Allee von Obstbäumen gepflanzt, wofür er anfangs gerügt, später aber, als sie zwar nur wenig Schatten, aber um so mehr Obst gaben, belobt wurde. Und er freute sich baß, wenn ihm Handwerksburschen Äpfel und Zwetschken stahlen, weil er wohl wußte, daß verbotene Früchte süß schmecken. So war er stolz auf sein süßes Obst, das geschenkt oder selbst gegessen schier ein wenig stark säuerlich schmecken wollte.

Auch um sein Haus hatte der Lamel einen Garten von Obstbäumen; der war seine Erquickung, denn die Bäume trugen Äpfel, die ließ er pressen, den Most wahren und gären, und wenn das Getränke klar und herbe geworden, so trank er es als echten Wein. Und der Apfelwein -- dem Vater Noah zu Trutz sei's gesagt -- gab dem Traubenwein nichts nach, hingegen gab der Lamel dem Apfelwein nach, und zwar nicht selten auf Kosten seiner Selbständigkeit.

Auf die kleine Schwäche müssen wir einen großen Vorzug erwähnen. Der Lamel war schriftgelehrt und ging in den Feierstunden daran, die sieben Siegel der Bibel zu lösen, wobei ihm der Apfelwein stets behilflich war, so daß er schließlich die Offenbarungen des heiligen Johannes leibhaftig um sich herumtanzen sah, mitsamt den vier Ältesten und dem Lamel.

Eines Abends sprach ein alter hinkender und schielender Handwerksbursche im Hause des Wegwarts zu, nahm am Brunnen einen Trunk und wusch sich hierauf den Staub von den Füßen. Weil der Wegwart nicht weit davon stand und dem Alten lächelnd zusah, so wurde dieser dreist und bat um Nachtherberge. Bei Wegwächtern kehrt man sonst nicht zu, aber der Lamel wollte auch einmal ein Hausvater sein und sagte: »Hat Er ein Wanderbuch?«

»Ein Wanderbuch?« fragte der Geselle schielend entgegen, »-- ein Wander -- -- das heißt -- ja freilich, freilich hab' ich ein Wanderbuch.«