Part 19
Es schien ihm nicht weh zu tun, dem Alten, wie er nun seinen Sparpfennig hingab, an dem er wohl viele Jahre lang gesammelt hatte und an dem sein Herz gehangen war. Aber angelegentlich verfolgte sein Auge den Vorgang, wie Johann das Paket in seine Brusttasche steckte. »Schön fleißig zuknöpfeln!« murmelte der Alte und knöpfte mit krampfigen Fingern über Johanns Tasche den Knopf ein. Bald hernach wankte er am Arm des Schreibers ins Haus.
An demselben Abend war's, daß der Direktor der Anstalt dem Hans Johann eröffnete, daß er entlassen sei. Grund gab er keinen an, war auch überflüssig. Johann wußte recht gut, daß er nicht aufgenommen worden, um die Pfleglinge zu unterhalten, sondern um die Rechnungen und Wirtschaftskorrespondenzen zu besorgen. Da er letztere vernachlässigt hatte, so fand er seine Abdankung völlig in Ordnung.
Stärker überrascht war er nachher auf seinem Zimmerchen, und zwar von der Menge Geldes, die er im Paket fand. Dafür kann man ja ein Schloß kaufen und den alten Holzhändler in der Kalesche hineinführen! Und dann kann der Hans Johann sein Kammerdiener werden -- so ist allen geholfen.
An einem der nächsten Tage, als er mit solch neuem Lebenslaufe beginnen will, ist der alte Gichtkrüppel richtig schon seit frühmorgens tot. Der Johann steht wie zerschlagen da. »Was tu' ich jetzt!« Auf die Leiche verwendete er nicht viel, denn davon hat niemand was und der Hans Johann ist ein praktischer Mann. Auch Almosen teilte er nur spärlich aus; Almosen, sagte er, mache Bettler; den Leuten müsse man viel gründlicher helfen. Von seinen großen Mitteln ließ er noch nichts verlauten, nur daß er ein Weilchen später im vorderen Labachtal, dort wo es windgeschützt und sonnig ist, ein Grundstück kaufte und große Erdarbeiten beginnen ließ. Eine Anstalt für Gichtleidende und Unheilbare soll errichtet werden, wo die armen Kranken besonders gut gehalten werden müssen und wo er mitten unter ihnen leben will, um zu helfen, zu trösten, wie es nötig sein wird.
Während die weitläufigen Grundfesten zu diesem Gebäude gegraben und gebaut wurden und stellenweise schon ein Mauerwerk emporzustreben begann, half der Johann einem notigen Kleinhäusler das Heu und das reife Korn unter Dach bringen, denn das -- meinte er -- sei für den Bauern die Hauptsache. Inzwischen, zu den kleinen Ruhepausen, trachtete er im Heu oder auf den Garben dem Söhnlein des Kleinhäuslers das Abc beizubringen; derlei Buchstaben, sagte er, seien zwar nicht die Hauptsache, auch die Lesekunst nicht und auch die Gelehrtheit nicht, aber daß man mit solchen Wissenschaften in der lieben Welt weiterkomme und ein tüchtiger Mann werde, das sei die Hauptsache.
»Wann d' schon alleweil von der Hauptsach' redest, da hast eine!« Mit diesen Worten versetzte ihm der Kleinhäusler eine klatschende Ohrfeige. »Garbentragen heißt's jetzt und nit schulfuchsen!«
Der Johann griff sich an sein also bedachtes Haupt und schwieg. Nichtig ist's eh, dachte er, wenn sie im Winter was zu essen haben wollen, muß man jetzt ernten. Daß er für sich nur Undank erntete, das war er schon gewohnt und fand es auch für selbstverständlich. So viel Tiefblick hatte er wohl, um zu wissen, daß es am besten sei, einem, dem man was Gutes getan hat, nachher in weitem Bogen auszuweichen; denn die Begegnung mit dem Wohltäter, den sie nicht mehr brauchen, ist den Leuten zuwider und der ganze Mensch wird ihnen zuwider, sie wollen am liebsten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Außer sie brauchen ihn wieder plötzlich einmal, dann halten sie es auch für selbstverständlich, daß er ihnen neuerdings hilft, und wenn er das zufällig einmal nicht kann, so werden sie ihm weit feindseliger als einem anderen, der ihnen nie was Gutes getan hat. Das alles hatte Johann erfahren und er dachte weiter nicht darüber nach. Er war jedem dankbar, der sich von ihm etwas Gutes tun ließ und blieb ihm dankbar und betrachtete ihn als einen Gönner, dieser mochte oft noch so roh und erkennungslos sein. Nun, so hat den Johann auch die Ohrfeige nicht im mindesten beirrt, er half emsig Garben tragen, und abends, als der Häusler ihm fast freundlich eine gute Nacht zurief, schlich der Johann gerührt in seine Behausung und dankte Gott für die vielen guten Menschen, die er erschaffen hat.
Wenn Johann dann wieder hinausging, um die Fortschritte seines Baues zu beschauen und wie emsig hier brave Leute arbeiteten, um armen Kranken ein Heim zu schaffen, da freute ihn die ganze Welt. Jedoch aber! Als die dritte Auszahlung war und der Baumeister darauf drang, endlich doch auch einen Kostenüberschlag zu bestimmen, da kam für unsern Idealisten einmal eine wirkliche Überraschung. Er hatte gemeint, mit seinen zweieinhalbtausend Gulden, dem Nachlasse des alten Holzhändlers, ein stattliches Krankenhaus mit den hierzu erforderlichen Stiftungen bestreiten zu können, und nun zeigte es sich, daß das Geld schon verbraucht war, während das Mauerwerk kaum noch mannshoch aus der Erde hervorstand. Da haben wir's jetzt. Der Johann griff sich an den Kopf und rief: »Deuxl, Deuxl noch einmal, daß so was so saumäßig teuer mag sein!« Nun mußte der Bau eingestellt werden und mit dem Gelde, das zu so hohen Dingen bestimmt gewesen, war nichts geschaffen als ein durchwühlter Boden mit Schutt und Steinen. Hans Johann wollte sich jetzt den Kopf wegreißen. Nicht ob der Leute Gelächter und Spott, denn hierin hatten sie ja recht, und er lachte und spottete mit ihnen -- ach wie bitter bitterlich ist es, sich selbst auslachen zu müssen. Daß er aber ein so grundschlechter Verwalter des Nachlasses gewesen und kein einziger Notleidender davon auch nur um eines Hellers Wert Erleichterung hatte, das wollte ihm nicht gestatten, einen solchen Kopf noch länger auf dem Rumpfe stehen zu lassen. Jetzt wußte er endlich auch, was bei ihm die Hauptsache war. Eine grenzenlose Dummheit.
Fast schien es, als hätte er nun auch allen Kredit verloren. Wenn er jemand auf der Straße das Bündel wollte tragen helfen, oder wenn er am geländerlosen Labachsteg schwindelige Leute hinüberführen wollte, da sagten sie dreist: »Schau du auf dich selber!« Und das war tatsächlich ein guter Rat, denn er begann leiblich zu verkommen und zu verderben. Auf der Baustelle, zwischen den Mauern und Sandhaufen, baute er Erdäpfel an, aber diese wußten, daß der stolze Grund nicht ihnen vermeint gewesen, fühlten darob ihre Ehre verletzt und wollten nicht recht wachsen. Als sie im Spätherbste endlich doch so weit waren, daß sie den Spaten lohnten, dachten die Nachbarsleute: der Johann verschenkt sie ja doch! und stahlen ihm die Erdäpfel in der Mondnacht.
So ist die praktische Seite von Johanns Tätigkeit stets unpraktisch ausgefallen, während über die ideale Rechnung im Himmel gewacht wird, wir einstweilen also keinen Einblick haben. Zu jener Zeit aber behauptete ein tiefsinniger Mann, der Hans Johann würde seinen Mitmenschen noch einmal tüchtig imponieren und er hätte das Zeug zu einer großen Heldentat. Man hörte aber nichts weiter, als daß Johann in einem Eisenwerke ein Weilchen Schichtenschreiber war. Später soll er in einem Meierhofe des Unterlandes als Taglöhner gesehen worden sein. Und dann hörte man gar nichts mehr von ihm. Er war verschollen und auf der verlassenen Baustelle, wo das große Krankenhaus hätte stehen sollen, wucherten Nesseln und Disteln.
Um so merkwürdiger ist es, daß viele Jahre später von Leuten, die darum wußten, bei Mostar in der Herzegowina auf einem Friedhof ein halb verwitterter Grabstein gefunden wurde, der die Inschrift trug: Hans Johann, Soldat aus dem steierischen Infanterieregiment 27. Und darunter einige Worte in türkischer Sprache. Die darauf angestellten Forschungen ergaben folgendes: Hans Johann soll unter außergewöhnlichen Umständen für einen jungen Rekruten, der sehr an Heimweh litt, eingestanden sein, sei aber ein spottschlechter Soldat gewesen. Bei dem Einmarsche der Österreicher in die Herzegowina habe sich auf einem Bergpasse zwischen den Österreichern und den Türken ein Gefecht entsponnen. Johann sollte schießen, da sah er in demselben Augenblick, von einer anderen Kugel getroffen, einen türkischen Soldaten fallen. Das Gewehr warf er weg und eilte hin, um dem Schwerverwundeten beizustehen. Während er ihm aus seiner Feldflasche Labung einzuflößen suchte und ihn aus dem Bereich des Kampfes schleppen wollte, sank er selbst nieder, von einer Kugel getroffen. Der türkische Soldat, der mit dem Leben davongekommen, habe den barmherzigen Österreicher mit Ehren begraben lassen und den Denkstein mit der Inschrift gestiftet. Die türkischen Worte auf demselben heißen zu deutsch: Aller Hauptsachen Hauptsache ist die Liebe.
Der Himmelherrgottswirt.
Eins sagt man den Tirolern nach. Sie hätten nämlich -- sagt man -- ihre Straßen darum so krummlinig angelegt, damit die Fremden um so länger durchs Land zu reisen und dabei um so mehr Geld im Lande zu lassen hätten. Indeß vermute ich, daß die krummen Linien weniger vom geradsinnigen Tiroler, als vielmehr von seinen höckerigen Bergen herrühren. Wohl wahr, die Straßen, die dort und auch anderswo im Zickzack die Täler durchziehen, wie eine mit schwerfälliger Hand gezogene Schrift, könnten streckenweise nachdenklich machen, wenn nicht schon die Eisenbahn da wäre, die, keinen Berg und keine Schlucht respektierend, die alte Schrift mit geraderen Linien durchstreicht.
Ich bin kein Ehrabschneider, aber dem Himmelherrgottswirt zu St. Peter beweise ich's, daß er viele Jahre lang jene Absicht hatte, die man den Tirolern ungerechtfertigterweise zuschreibt.
Man sieht's ihm sonst nicht an, er ist ein Bauer wie jeder andere, und trägt auch gerade kein Gesicht um, dem man so viel Bösartigkeit zutrauen könnte! Aber er hat ein Wirtshaus und treibt Handel, und so Leute, die ihren Vorteil bei anderen Leuten suchen müssen, werden es allmählich gewohnt, andere zu übervorteilen. »Geschäft« heißen sie es. Ja, wenn jedes unschöne Ding einen so schönen Namen hätte, es gäbe keine Betrüger und Gauner und Galgenstricke auf der Welt.
Weiter sagt man dem Himmelherrgottswirt nichts Unrechtes nach. Daß ich nur erzähle.
Das Dörflein St. Peter mit der Kirche und dem Wirtshaus steht auf einem Hügel. Die belebte Straße, die durch das Tal geht, steigt diesen Hügel hinan und drüben wieder hinunter in dasselbe Tal. Auf der Höhe, just vor dem Kirchhofstore, auf einer weißen Tafel steht mit schwarzen Lettern der schöne Spruch: »Radschuh bei Strafe von zwei Gulden!« Was sind an diesen beiden Steigungen nicht für höllische Wetter zusammengeflucht worden von blaukitteligen Fuhrleuten! Ruckweise gehetzt und geflucht, dann wieder geschoben und geflucht, dann wieder stecken geblieben und geflucht, und nachher die wilde Jagd von einer Wasserkehre zur andern und geflucht.
So ging's Tag und Nacht und selbst am Festtage war keine Stunde frei von solchem Lärm. Was sind die Rösser seit Urzeiten nicht geprügelt worden auf diesem Wege zum heiligen Peter hinan! Aber oben -- fast schon oben nah' der Kirche -- stand das Wirtshaus, da gossen die Fuhrleute Wein auf ihre Galle. Und hinunter ging's lustiger, da gab's nur zu fluchen, wenn bei Nichtanwendung des Radschuhes der Wagen einmal ein paar Pferde niederstieß und darauf der Zöllner die zwei Gulden Strafe einhob.
Ähnlich ging's Jahrzehnte lang zu. Da kam den Leuten vor wenigen Jahren eine merkwürdige Idee, die weiß Gott wie lange schon in der Luft gehangen sein mochte oder unten auf dem Erdboden gelegen neben dem Bach, ohne daß sie ein Mensch gefunden hätte.
»Warum,« sagten die Leute auf einmal, »muß die Straße den vertrakten Berg hinansteigen? Warum soll sie nicht unten im ebenen Tal neben dem Bach hinlaufen wie die vielen Meilen her?«
Warum? Ja, es wußte keiner warum. Nur der Kirchenwirt zu St. Peter gab Antwort.
»Warum?« sagte er und machte die Augen zu, wie er immer tat, wenn er etwas Gescheites sagte, »das ist desweg', weil im Tal beim Bach meine Wiese ist, über die ich nicht fahren lasse.«
»Du laßt nicht fahren!«
»Laß nicht fahren.«
»Kirchenwirt,« sprach ein anderer, »du weißt recht wohl, daß dir deine Wiese gut bezahlt werden wird.«
»Weiß es wohl.«
»Aber du weißt es auch, daß dein Wirtshaus auf dem Berg von der Straße leben muß. ~So~ steht die Sach'!«
»Und so wird sie auch stehen bleiben!« Damit schnitt der Wirt das Gespräch ab.
Seitdem war's wieder beim Alten. Aber doch nicht ganz. Früher fluchten die Fuhrleute, aber sie wußten nicht, auf wen; die steile Straße war unschuldig, sie wäre am liebsten gar keine Straße und möchte grünes Gras auf sich wachsen lassen; die schweren Eisenflossen waren unschuldig, sie wären am liebsten für alle Ewigkeit im Erzberg ruhen geblieben. Und die Weinfässer, Salzladungen und Kornsäcke konnten nichts dafür, daß sie so schwer wogen -- und den Pferden konnte im Grunde nichts Überpferdliches zugemutet werden. Und wenn manchmal eine Kutsche mit Leuten bepackt heranächzte, so waren es gerade diese Lasten, die am wenigsten ein Scheltwort annehmen wollten. Die schönsten Flüche verpufften in der Luft. So früher. Aber jetzt! Jetzt wußten sie, wer Ursache war des blutigen Marterweges zu diesem Dorfe hinan, wo schließlich keiner was zu tun hatte, was nicht auch im Tale getan werden konnte. Die Flüche nannten von nun an den Kirchenwirt, schossen dem Kirchenwirt zu, diesem »kreuzvermarideiten Himmelherrgottswirt!« Wer wüßte es nicht, wie einzig so ein blaukitteliger Fuhrknecht in seiner Wut schelten kann. Und so bekam der Kirchenwirt den an und für sich sehr schönen, aber seiner Ursache wegen nicht schmeichelhaften Titel: »Himmelherrgottswirt«. Man muß es nur hören, wie das klingt, wenn es zwischen knirschenden Zähnen herausgeknurrt wird.
Aber der Himmelherrgottswirt machte sich nichts draus. Eher, als er die Straße unten im Tale über seine Wiese gehen ließe -- an St. Peter vorüber, ohne nach St. Peter zu kommen, und die Fuhrleute und die Reisenden etwa gar unten beim Mosthansel einkehrten -- eher läßt er sich kohlschwarz anfluchen über und über; dem Geldbeutel tut das ja nicht weh. -- Dem Geldbeutel, meint ihr, das Fluchen nicht weh? Ja, seht, das Heranfluchen freilich nicht, aber das Vorbeifluchen doch! Die schwersten Fuhrwerke ächzten an dem Wirtshause vorüber und kehrten im Tale beim Mosthansel ein. Das war sonst eine recht kleine, schlichte Wirtschaft gewesen, beim Hansel, denn der Kirchenwirt hatte sie nie emporkommen lassen. Aber jetzt schaffte sich der Hansel mehrere Gattungen Weine an -- alte und junge, weiße und rote, süße und saure -- fast so verschiedenerlei, als der Gäste waren; legte sich auch Heu, Hafer und Mais zu, den Zugtieren zu Nutz; und Tierfleisch für solche, die Heu und Hafer verschmähten und sich doch sättigen und stärken wollten zum Fluchen über den Hügel, oder sich davon zu erholen hatten. Der Hansel selbst war ein junger, umsichtiger und unterhaltsamer Mann, der mit einer alten Muhme, die recht schwätzen konnte, die nun aufblühende Wirtschaft betrieb. Und wenn der Sonntag kam, so kamen sogar die Bauern der Umgegend zum Hansel zusammen, weil dort jetzt immer Gesellschaft war, und auch weil es freier herging, als wie beim Kirchenwirt, wo der Pfarrhof und der Friedhof so nahe waren. Da fanden sich auch Musikanten ein, und es tat sich zur Sommerszeit oft ein ganzes Volksfest zusammen vor dem Mosthanselhaus.
Zu solcher Zeit schien es fast, als käme die Reihe zum Fluchen an den Himmelherrgottswirt. Tat's aber nur im Gedanken; auswendig schnitt er ein lustiges Gesicht.
»Das wär' schon zum Lachen, wenn unsereiner auf so ein paar läppische Roßknecht' anstünd'. Man hat eh' von diesen Leuten mehr Schaden gehabt als Nutzen. Den Hof voll Mist, ja, das machen sie einem, und schuldig bleiben, das können sie wie's Schmenten (Fluchen) und das Schmenten können sie weit besser wie Vaterunser beten. Fuhrleut' Geld haben! Ja, wer's glaubt, wird selig; auf meiner schwarzen Tafel steht ein ganz anderes Evangeli zu lesen. Und die Herren Kavaliere, die vorbeifahren -- hört mir auf, denen ist das beste zu schlecht und das wohlfeilste zu teuer. Mag mich gar nimmer scheren mit so Leuten -- mag nicht, sag' ich!«
»Da hast einmal in Grund und Boden recht, Wirt,« entgegnete ihm darauf eines Tages der Tabakkrämer. »Desweg' ist's am gescheitesten, wir bringen die Straße zum Dorf herauf ganz ab. Lassen es gar nicht mehr herauffahren, das Bettelvolk -- soll unten bleiben am Bach und Kroißen (Krebsen) fangen.«
»So redest ~du~!« rief der Wirt, »du, der morgen schon Hunger leidet, wenn heut' kein Fuhrknecht mit der Blader vorspricht! Oder willst du ihn dir mit Essig und Öl machen lassen, deinen Tabak?«
Der Andere schupfte die Achseln: »Was kann ich machen! Die Landstraß' haben sie nicht gebaut, daß ich meinen Tabak anbring'. Verlegen sie den Weg, so muß ich mir halt helfen, wie ich kann. Daß ich ein Narr wär' und gegen die Vielheit streiten wollt'! -- Schnupf eins, Himmelherrgottswirt!«
Der Wirt schlug ihm die Dose aus der Hand.
»Geschieht mir recht,« murmelte der Tabakkrämer, »wenn man den heiligen Namen auf ~den~ hängt, das ist Gotteslästerung.«
* * * * *
Aber der Bau der Straße im Tal verzögerte sich von Jahr zu Jahr, denn gutwillig gab der Wirt die Wiese nicht und Gewalt wollte man nicht brauchen.
Da ging einmal ein alter Wurzelgräber durch das Dorf; der hörte das Schelten und Gotteslästern der Fuhrleute, die dem Kirchenwirt alle schwere Not und den Teufel ins Haus wünschten. An der hinteren Tür des Wirtshauses standen die Kinder des Wirtes, denen rief der alte Mann zu: »Euer Vater führt ein gutes Leben. Wenn aber die Flüche all' an ~euch~ ausgehen sollen! Es heißt ja doch, der Eltern Sünden müssen die Kinder büßen. 's ist schauderlich! Behüt' euch Gott, Kinder, ich tu' euch nichts.«
Und ging von Hundegekläff begleitet vorüber.
Da stund es an noch etliche Jahre, und es kamen die Weihnachten 1876. Der Heilige Abend ist doch sonst gewiß kein Unglückstag, gleichwohl er der Jahrestag ist, an welchem Adam und Eva erschaffen worden sein sollen. Aber beim Kirchenwirt zu St. Peter trug sich an diesem Tage was Trauriges zu.
Bisher, so lange von steifen Trotzköpfen und bösem Fluchen die Rede gewesen war, wollte ich das Dasein eines schönen Kirchenwirtstöchterls nicht verraten. »Sie war wie eine Blume,« man kann's besser nicht sagen. Sie war nun siebzehn Jahre alt und das Einzige, welches dem Wirte von seinen Kindern übrig geblieben. Ihretwegen war die letzte Zeit her mancher junge Fuhrknecht, der zu Trotz hier nicht mehr einkehren wollte, weit schwerer auf dem ebenen Boden vor dem Wirtshause vorübergefahren, als den Berg heran. Dieses Wirtstöchterl war bei so manchem der triftigste Grund, daß die Straße an beiden Seiten den steilen Hügel zum Dorfe hinanstieg. Ob Julchen für oder gegen die Verlegung der Straße war, das getraue ich mir nicht zu entscheiden, denn junge Leute gehen ihre eigenen Wege.
Und einen solchen, ganz absonderlichen, ging sie an jenem Heiligen Abend.
Man kennt ja die Weiber -- aus lauter Warmherzigkeit und Lebenssehnsucht und Ahnen und Bangen abergläubisch über alle Maßen! Schon die jungen! -- Da ist der rote Holler. Am Christabende während des Ave-Läutens gepflückt und dann in einen Blumentopf gesteckt, kann er im nächsten Fasching grünen. Tut er's, so kommt in demselbigen Jahre der Bräutigam. Ein Dirndl von siebzehn Jahren -- da kann der Hollerzweig doch wohl schon treiben ... Man probiert's, nützt es nicht, so schadet es auch nicht.
An der rückwärtigen Kirchhofsmauer zu St. Peter wächst roter Holler. Mit einigem Zagen, aber vielem Mute läuft Julchen, während auf dem Turme die Ave-Glocke klingt, im Dunkel über den Kirchhof. Sie schaut sich nicht viel um, erhascht einen Zweig, eilt rasch wieder zurück und stürzt aus Hast in ein offenes Grab. Das war für einen alten, müden Pilger bereitet worden, der just am heiligen Christtag in die ewige Ruh' gehen wollte, oder -- wie man's nimmt -- in die Krippe aus Erden. -- Wie der Küster das Tor schließt, hört er den Schrei -- läuft hin und zerrt das vor Schreck ohnmächtige Mädchen aus dem Grabe hervor; es ist bewegungslos wie eine Leiche, und so wird sie nach Hause getragen.
Der Wirt ist dem Zusammenbrechen nahe, er meint, das Kind sei tot. Die Leute rennen auf der Gasse um und der böse Leumund, der immer nur auf einen Anlaß -- am liebsten ein Unglück -- wartet, bricht los wie ein zischend Heer in der Luft, das man nicht sieht und nicht fassen kann, und das in jedes Ohr bläst Spott und Hohn, und Schadenfreude weckt in dem Menschenherzen, auf welches reuig zu schlagen wohl jeder eine Ursache hätte.
»Da seht, da seht,« riefen die Leute, »das hat er jetzt! Umsonst ist da nicht so oft geflucht worden. Jetzt geht die Frucht auf. Fällt ihm sein Kind lebendig ins Grab! Ist das nicht augenscheinlich eine Strafe Gottes?«
Kann ein abgerissener Zweig wieder grünen, so kann auch ein junges, dem Grabe entrissenes Menschenkind wieder leben. Meint ihr nicht, Leute? Tretet ins Haus und seht, Julchen sitzt aufrecht, es fehlt ihr nichts. Ohnmachten bei jungen Leuten ziehen vorüber wie eine Frühlingswolke an der Sonne. Ihr Vater ist noch blaß vor Schreck, mit zitternder Hand streicht er ihr die Friedhofserde von ihrem braunlockigen Haar.
* * * * *
Und in der Nacht, als das Mädchen geruhsam im Bette schlief und auf dem Turme des Himmels Engel schon die Glocken läuteten, auf daß die zerstreute Gemeinde zusammenkomme zum strahlenden Altare -- da schritt auch der Wirt in die Kirche. Er wankte wie ein Greis, der Schreck stak ihm noch in den Gliedern, noch bebte ihm das aufgerüttelte Herz. Daß sie an dem bedeutungsvollen Tage in das Grab fiel, das konnte kein gutes Zeichen sein ... Ihm war hart und bang.
So wollte denn in dieser Nacht, in welcher der Christ mit seiner Gnade herabgestiegen ist zur Erde -- der Kirchenwirt vor der Krippe knien und Beruhigung erflehen. -- Und als die zwölfte Stunde schlug, als das Christamt begann und das Lied: »Dies ist der Tag, von Gott gemacht!« erklang, da wurde dem Manne leichter ums Herz.
Zur Wandlung verstummte die Orgel. Die Gemeinde lag auf den Knien und jeder betete in dieser feierlichen Stunde für das liebste seines Herzens. -- Mit gefalteten Händen betete der Wirt vor der Krippe für sein Kind. -- Still war's. -- Da rasselten draußen auf dem hartgefrorenen Boden schwere Wagenräder, Pferde stampften und wieherten unter pfeifenden Peitschenhieben, und von den Lippen des Fuhrmannes gellte ein grober Fluch. Und das war auf des Kirchenwirts Gebet die Antwort gewesen. --
Was bei diesem Zwischenfalle der Kirchenwirt empfunden hatte, das zeigt am besten sein Gang in die Sakristei, als kaum der Gottesdienst zu Ende war.
»Ein Wort mit dem Herrn Pfarrer,« stotterte er, »vielleicht wäre auch der Gemeindevorstand zuwege. Ein Stück Papier und Schreibzeug!«
Mit bebender Hand schrieb er's hin:
»Die Wiese am Bach für ewige Zeiten zur Straße.
Anton Egghofer, Kirchenwirt zu St. Peter.«
Heute ist die Straße fertig. Sie geht, wie die Leute sagen, »handeben« im Tale hin. Das Fluchen kann man den Fuhrleuten nicht nehmen, sie haben sonst auch nicht viel Unterhaltliches auf der Welt, aber auf ebener Straße hört sich das ganz anders, als auf bergigem Grund.
Zu beschreiben wäre noch die Dankbarkeit der Pferde -- doch, wir wollen die Wagen aller Art mit Gott und gutem Gespann ihrer Wege ziehen lassen.
Wer nach St. Peter hinauf ~will~, die alte Straße ist und bleibt noch fahrbar. Im Herbst des nächsten Jahres war's, als etliche sehr schwere Wagen vom Dorfe zu Tale ächzten. »Radschuh bei Strafe von zwei Gulden!«
Ja, freilich, bei ~solchen~ Brautfuhren, da heißt's einschleifen. --
Gekommen war's so: Im Fasching hatte der Hollerzweig gegrünt, im Mai hatte er geblüht, im Juni war der Mosthansel zum Julchen gegangen. Und jetzt Hochzeit.
Herr v. Florin.
Er hätte Künstler werden können, er hätte Professor werden können, er hätte Bürgermeister werden können -- Landtagsabgeordneter, Herrenhausmitglied -- dann Baron oder Präsident, so oder so. Baron, wenn der Staat eine Monarchie verblieben, Präsident, wenn er eine Republik geworden. -- Und ist nichts, als ein windiger Rasierer.