Part 4
Als er fünfundzwanzig Jahre lang der musterhafte Gemeindediener gewesen, machte er etwas Dummes. Er ließ sich pensionieren. Als siebzigjähriger Mann, meinte er, sei es in Ordnung, sich zur Ruhe zu setzen. Bald sah er aber, daß bei ihm die Ruhe als solche nicht in Ordnung war. Denn er hatte zu lange in regelmäßiger Tätigkeit gelebt; jetzt auf einmal nichts zu tun, als spazieren zu gehen, das war doch die größte Schlamperei. Jeden und jeden Tag dieselbe Schlamperei. Das war freilich auch Regelmäßigkeit -- aber in diese neue Ordnung konnte er sich nicht mehr finden. Er erbot sich dem neuen Gemeindediener freiwillig zu Diensten und wurde des Dieners Diener. Die schwersten Kränkungen seines Alters bestanden darin, wenn in der Kanzlei ein Foliant statt im dritten Fach, etwa im vierten lag; wenn die Empfangsbestätigung für Zustellungen von dem Empfänger mit Bleistift geschrieben war, anstatt mit Tinte; wenn der Bürgermeister ihn »~Herr~ Kernschimmler« nannte, da er doch fünfundzwanzig Jahre lang in treuen Diensten bloß der Kernschimmler gewesen war.
Seine persönliche Tagesordnung war das Uhrwerk geblieben, das seit einem halben Jahrhundert kaum ein einziges Mal stillstand -- täglich dieselbe Sekunde zum Aufstehen, dieselben dreiundzwanzig Minuten zum Anziehen des immer gleich geformten Gewandes, dieselben neun Minuten zum Rasieren, und die Haare kämmte er sich mit der gleichen gewohnten Sorgfalt auch noch zur Zeit, als er längst keine mehr am Kopfe hatte.
Eines Tages aber ließ Augustin sich eine große Unregelmäßigkeit zuschulden kommen. Er kämmte sich nicht und rasierte sich nicht, er kleidete sich nicht einmal an. Lange über die gewohnte Zeit hinaus blieb er in seinem Bette liegen und war tot.
Als der Schreiner ihm den Sarg zurechtmachte, sagte er zu einem Nebenstehenden: »Ich wüßte schon, was zu machen wäre, daß der Kernschimmler wieder aufstände. -- Man brauchte bloß einige Hobelspäne auf den Boden zu verstreuen, alsogleich wäre er mit dem Besen da, um Ordnung zu schaffen.«
Tue es nicht. Laß ihn rasten mit neunundsiebzig Jahren -- es ist in Ordnung.
Meister Sani.
Er war Maler, aber ich rede nicht von seinen Bildern. Er war Geizhals und ich rede von seinem Gelde. Er verdiente sich sehr viel Geld, buchstäblich mit Gold aufgewogen wurden seine bemalten Leinwandblachen. Aber ich interessiere mich nicht für Kunstwerke, ich interessiere mich für Dukaten. Dem Meister mußten ja auch diese lieber gewesen sein als jene, sonst hätte er seine Gemälde nicht verkauft. Denn er benötigte es nicht, das viele Geld. Er war aus ganz einfachen Verhältnissen emporgekommen und bedurfte für sich sehr wenig. Er war Junggeselle, was schon an sich eine Ursache des Geizes ist; wer für die Familie immer Geld ausgeben muß, der kann sich keinen Geiz angewöhnen.
Meister Sani lebte so weit anständig und stets adrett; wie er auf der Gasse einherging, merkte man ihm das Laster nicht viel an. Auch hat ihn damals niemand unter seinen Geldsäcken sitzen gesehen oder wie er etwa mit dürren Fingern im Münzhaufen gewühlt hätte. Er hatte weder dürre Finger noch Geldsäcke. Seine Ersparnisse waren in mehreren Sparkassebücheln verbucht, die er in einem eisernen Kästchen unter seinem Wäschevorrate verwahrte. Jetzt kann man ja alles sagen. Nebst seiner künstlerischen Tätigkeit hatte der Meister die größte Freude am Sparen und in der Vorstellung, was er um sein gutes Geld alles haben könnte. In der ersteren Zeit dachte er, jetzt -- wenn ich wollte -- könnte ich schon zehn Jahre faulenzen und naturbummeln, zu leben hätte ich. Bald war so viel da, daß er ans Reisen denken konnte, und er reiste in Gedanken ein zweitesmal nach Italien, denn ein erstesmal war er wirklich schon dort gewesen. Diesmal konnte er bis Sizilien gehen und über Spanien nach Frankreich zurück. Später wäre er schon in der Lage, sich eine Villa zu bauen, unweit der Stadt, die täglich nach den Atelierstunden leicht zu erreichen. Wenige Jahre später war er so weit, daß er sich ein größeres Landgut kaufen könnte mit Garten-, Feld-, Vieh- und Waldwirtschaft und er ginge umher und sähe, wie die Arbeit des Gesindes schleunt und die Früchte gedeihen und die Schweine und Hühner heranwachsen für die Festtafel. Alles das und mancherlei anderes könnte er haben, wenn er wollte. Er konnte sich gleichsam als den heimlichen Herrn betrachten über so vieles. Aber es konnte noch besser kommen und deshalb ließ er das Geld ruhig in der Sparkasse liegen; es kam immer noch reichlicher Zuzug und üppigeres Wachstum, und eines Tages war er Schloßherr. Ein großes Schloß mit Lustgärten, Meierhöfen, Waldungen, Jagden und sonstigen vornehmen Ergötzlichkeiten -- könnte er haben, wenn er wollte. Und da er es haben könnte, so war es just so viel, als er hätte es. Diese Gedanken an seine Güter hatten sich in seinem Kopf festgeflochten wie ein Spinngewebe, in dem Spinnen gaukeln und Mücken hängen. Er malte noch fleißig, aber er malte nicht mehr so gut als früher, sein Herz war bei den Gütern. In der Nacht schlief er unruhig, die Sorge um das Vermögen und daß es sich ja nicht vermindere, verwüsteten seine Träume, die einst so schön gewesen waren. Immer hatte er die Wirtschaften, Schlösser und Fabriken zu verwalten, die doch nur erst festgeplättet -- in den Sparkassebücheln existierten.
Da sagte Meister Sani zu sich: Das ist nichts, Meister Sani, das ist nichts. So in die Gefangenschaft zu geraten! Das muß wieder anders werden. Und befreite sich mit Jugendkraft. Er ging hin, nahm die Gelder aus der Sparkasse und -- verschenkte sie. Wo er Mangel und Not sah, da gab er hin, aber ungenannt. Er wollte nicht, daß die Leute wußten, wie dumm reich er geworden war. Auf einem Spaziergange kam er zu einer rauchenden Brandstätte. Er wühlte in der Asche, zog eine Blechkapsel hervor und sagte zu den jammernden Abbrandlern: »Das wird euch gehören, es war wohl im Hause und ist nicht mitverbrannt.« In der Blechkapsel war so viel Geld, daß sie ihr Haus wieder aufbauen konnten. -- Ein anderesmal mischte er sich unter einen Trupp Zigeuner und verlangte von einem braunen Mädchen, daß es ihm wahrsage.
Sie las in seiner hohlen Hand und sprach: »Dem edlen Herrn steht viel Geld bevor.«
»Da ist es auch schon,« lachte er und ließ aus dem Rockärmel die darin versteckte Rolle von Silberlingen hervorgleiten. »Da nimm! Du hast es wahrgesagt, so gehört's auch dir.«
Einer Schullehrers Familie steckte er nächtig als Nikolo Geld zum Fenster hinein und lief nachher davon, als ob er etwas gestohlen hätte.
Von einem Knaben verlangte er einen Krug Wasser; als der Junge es vom Brunnen geholt und Meister Sani es getrunken, sagte er: »Ein anderesmal, Junge, mußt du den Krug besser auswaschen; siehe, was er für einen Bodensatz hat!« Da lag ein Dukaten drinnen.
In der Zeitung stand, daß eine arme Frau auf dem Wege zum Markte ihr ganzes Geld verloren hätte. Meister Sani »fand« es und ließ ihr den gleichen Betrag schicken. Die Frau hatte mittlerweile aber selbst ihr Geld wieder gefunden und wußte nicht, an wen jener irrtümliche Fund zurückzuschicken sei. Noch heute brennt ihr das unrechtmäßige Geld auf der Hand und ich soll nichts verraten.
So wurde er sein Geld auf die bequemste Weise los. Endlich hatte er noch hundert Gulden.
Die gab er nicht weg, die behielt er. Und an diesen hatte er eine Freude. Dann begann er neuerdings zu sparen und sammelte Gulden. Jetzt im kleinen machte ihm das Sammeln wieder Vergnügen; in der geringen Anzahl waren die Dinge so leicht zu übersehen, war so leicht Ordnung mit ihnen zu halten. Das war alles wieder so einfach, wie zur Zeit, als er seine Laufbahn begann und ungefähr so viel einnahm, als was er für sich nötig hatte. Er freute sich wieder an jedem Guldenstücke, an jeder kleinen Ziffer. Die Träume waren weg und die eingebildeten Sorgen, die schier so wirklich sind als die wirklichen. Er hatte ein leichtes Herz bekommen, ganz jugendlich war ihm zumute. Er gab sich mit frischer Liebe wieder seiner Kunst hin. Sein Lebensbedarf war höchst einfach und manchmal, wenn es ihm nach etwas gelüstete, dachte er: Nein, 's ist nicht vonnöten, da mache ich mir lieber einen größeren Genuß und lege das Geld zu dem anderen. Und in stiller Abendfeierstunde, da holte er sein Sparkassenbüchel und freute sich des kleinen glatten Besitzes.
Aber die Idylle sollte nicht immer so dauern. Seine Bilder trugen Geld; selbst die, so er nicht verkaufte, brachten in den Ausstellungen, in den Vervielfältigungen Geld ein. Er besaß schon wieder große Summen und die Berechnungen wurden kompliziert. Die Villen und Schlösser, die er sich wieder kaufen konnte, machten ihm zwar keine Sorgen, denn er dachte sie nicht mehr, seine Phantasie hatte den Schwung verloren, er war älter geworden. Träume wie einst hatte er auch nicht mehr, weil er wenig schlief. Wachend dachte er an sein Vermögen, ob es wohl auch gut angelegt sei, ob es nicht mehr Zinsen tragen könnte, als es bisher getragen? Ob es bei einer großen Krisis nicht verloren gehen könnte? -- Auch von seiten des Steueramtes war eine Gefahr nicht unmöglich. Er hatte nämlich in letzterer Zeit gefunden, daß die Steuer horrend ist, und hatte etwelches verschwiegen. Wenn man draufkäme! Die Angeber bekommen von der unterschlagenen Steuer ein gutes Teil, da kann sich leicht einer finden. Und die Strafe ist furchtbar. Das Fünfzigfache! -- Oder soll er sein Geld verstecken, daß kein Mensch was davon weiß? Dann finden sie es am Ende auch nach seinem Tode nicht. Wie schade das wäre! Aber wer soll denn erben? Nur auslachen wird man einen, der so ärmlich gelebt und so viel Geld gehabt hat. Da könnte man am Ende gar noch einen Nachruf als Geizhals bekommen. -- Solcherlei Gedanken quälten ihn die halben Nächte lang. Und einmal, als es schon gegen Morgen ging und die Geldsorgen ihn immer noch nicht hatten schlafen lassen, sprang er zornig auf, stürzte zum Schrank, riß die Sparkassebücheln hervor und wollte sie in die noch glosende Ofenglut schleudern. Aber die Bücheln wollten nicht aus seiner Hand. Als ob die Finger einen Krampf hätten, so hielten sie fest und in diesem Augenblicke fiel es ihm ein: So viel man in den Blättern liest, wird jetzt gesammelt zur Errichtung einer Heilstätte für brustkranke Frauen. Dorthin mit diesem Ludersgeld.
Doch am nächsten Morgen bettete er die Urkunden seines Vermögens wieder sorglich in den Wäschekasten. Waren sie ihm doch liebe Hausfreunde geworden -- die einzigen, die er hatte. Geselligkeit und Freude an seinem Künstlerruhm waren ihm völlig abhanden gekommen, seit er sein Geld gar so lieb gewonnen hatte. Aber -- war es denn sein ~Geld~, das da im Kasten lag? Das waren nichtige Scheine. Nach der ~Persönlichkeit~ des Geldes begann er sich zu sehnen. Er wollte es bei sich in seiner Wohnung haben, selbst um den Preis der Zinsen. Nur dem baren Gelde in der Nähe sein! Der Schrank nah' dem Bette, dann wollte er Ruh' haben. Monatelang mußte er warten, bis die Sparkassen ihm seine großen Guthaben zurückgeben konnten. Dann aber schloß er sich oft stundenlang in sein Schlafzimmer ein, betrachtete die Goldmünzen, die Reichsnoten, die Banknoten und zählte und ordnete sie und legte sie zärtlich wie liebe kleine Kindlein in die Wiegen der Kistchen. Und war der Schrank wohlverschlossen, so setzte er sich zu seinem Kassenbuche und rechnete und rechnete, bis er wieder den Schrank aufschloß, das Geld herausnahm und prüfte, ob wohl noch alles stimme. Die Tür zur Wohnung im vierten Stocke hatte er mit Eisenblech beschlagen und mit Wertheimschlössern versehen lassen. Aber trotzdem wagte er die Wohnung kaum zu verlassen und in den Nächten fürchtete er sich vor den Räubern und Mördern. Er magerte ab, er fühlte sich krank und in seinem Atelier, das zwei Häuser weit von der Wohnung entfernt war, saß er selten und überhaupt nicht mehr, um schöne Bilder zu malen, sondern um Geld zu verdienen. Er verzichtete auch auf neue Kleider, weil die alten noch gut waren; er begnügte sich mit der einfachsten Kost, weil sie am gesündesten sei. Sein Gemeinsinn war pädagogisch geworden, er gab kein Almosen mehr, weil das die Bettelei züchte, er verleugnete dem Steueramt sein Einkommen, weil jeder ein dummer Kerl sei, der das nicht tut. Er sperrte sich gegen fällige Posten, die von ihm zu zahlen waren, weil es nobel ist, warten zu lassen. Und überhaupt, was nützt das liebe Geld, wenn man es wieder ausgeben soll!
Manchmal aber brach in ihm die Wut los gegen das Ungeheuer, das ihn zum elendesten Sklaven gemacht hatte. In solcher Verzweiflung nahm er sich vor, alles wieder zu verschenken; aber das Beest hatte sich so fest an seine Natur geklammert, mit widerhakigen Zähnen in sein Herz gebissen, daß er nicht einen Gulden losbrachte. Er konnte sich von dieser Qual nicht mehr befreien. Er ahnte, daß er daran zugrunde gehen würde, und doch saß er wieder bei seinen Kistchen und zählte und ordnete.
Eines Tages ging er auf den Gemüsemarkt, um einzukaufen. Denn er hatte sich entschlossen, die häuslichen Angelegenheiten persönlich zu besorgen. Man kann sich auf fremde Leute ja nie verlassen. Erstens kaufen sie viel zu teuer ein, zweitens betrügen sie noch obendrein, drittens fordern sie alles mögliche und viertens hat man überhaupt nicht gern unverläßliche Leute im Hause. Er hatte seinen Handkorb schon ziemlich gefüllt, denn er pflegte gleich für die ganze Woche einzukaufen, und feilschte eben noch um zwei Kilo Erdäpfel, als mit ihren schmetternden Signalen einige Wägen der Feuerwehr vorbeirasselten. Erst fragte Meister Sani erschrocken, wo es denn wohl brennen könne? niemand wußte es. Die Stadt ist groß. So ging er ruhig nach Hause. Je näher er kam, je erregter war heute das Straßenleben, und als er um die letzte Ecke bog, sah er, wie aus den Fenstern seiner Wohnung Qualm und Flammen wirbelten und darüber gerade der Dachstuhl zusammenstürzte.
»Ist die Einrichtung gerettet?« schrie er dem Feuerwehrhauptmanne zu.
»I was! Wie soll denn da gerettet sein, wenn alles steinfest versperrt ist. Aber die Nachbarswohnungen intakt.«
»Danke schön!« antwortete Meister Sani. Ganz ruhig, fast mit Behagen sagte er es.
Nun war er wieder frei.
Er schaute den Flammen zu, die über seiner dachlos gewordenen Wohnung aufstiegen. Glühende Sterne und Vöglein flogen empor -- Funken und losgelöste Fetzchen. Flog da nicht sein Geld gegen Himmel? ... Es war ordentlich fein zum Ansehen, er hatte seine Freude daran, wie dieses höllische Geld so schön und fromm geworden war.
Als endlich das Feuer gedämpft war und Meister Sani gesehen hatte, daß alles reinlich vertilgt worden, ging er in sein Atelier. Im Korbe hatte er Schwarzbrot und einige Äpfel, davon aß er. Dann legte er sich auf die hölzerne Bank und schlief -- wie von einer schweren Last befreit -- ununterbrochen neun Stunden lang und gut, wie ein leichtsinniger König.
Nachdem das Geld so mit Gotteshilfe überwunden war, erwachte in dem Künstler wieder der göttliche Leichtsinn, der von Anfang an in seiner Natur gelegen. Gerade die herrlich auflodernden Flammen hatten seinen Schönheitssinn wieder erweckt und das Farbenleuchten übertrug er auf seine Bilder. Diese stiegen noch einmal im Werte und begannen neuerdings Geld ins Haus zu bringen. Aber er ging nicht mehr darauf ein. Zweimal war's ihm gelungen -- ein drittesmal könnte es schief gehen. Meister Sani gibt alles aus, was er einnimmt, und erst in seinen alten Tagen, wenn sie überhaupt kommen, will er, seiner alten Passion fröhnend, wieder anfangen zu sammeln -- auf öffentlichem Platze mit gezogenem Hute -- kleine Münzen.
Ob es seine Verehrer zu einer ~solchen~ Münzensammlerei kommen lassen werden, weiß man noch nicht. Wahrscheinlich.
Der falsche Himmelträger.
Zehn Sekunden lang hatte ich -- um im Volke Ärgernis zu vermeiden -- mich mit vorgeneigtem Körper auf ein Knie gestützt. Als das Sanktissimum vorüber war, richtete ich mich rasch auf und sagte zum Professor, der hinter mir stand: »Na, kurios, wie man das Knien verlernen kann! Noch zehn Sekunden lang und ich wäre ohnmächtig geworden auf diesem Sandkorn, das sich so bereitwillig unters Knie geschoben hat, um mir die Sünden abbüßen zu helfen. Und einst hielt ich so was stundenlang aus, mit Leichtigkeit. Du weißt ja, die untere Volksschichte steht sich besser beim Knien als beim Stehen. Merkwürdig genug, daß gerade kleine Leute sich so sehr bücken müssen, um durchzukommen.«
»Ja, lieber Freund,« antwortete der Professor, »davon wüßte ich auch ein erbauliches Kapitel zu erzählen. Vom Bücken und Knien. Wenn dem Künstler nicht ohnehin alles erlaubt wäre und er beliebig alle möglichen Sünden haben könnte, damals hätte ich sie alle bezahlt. Ja, der liebe Herrgott hätte mir noch was herausgeben müssen.«
Wir gingen am Fußsteige dem Bache entlang spazieren und er erzählte das Erlebnis.
Du weißt, daß ich für das Frauenkloster die Altarstatue geschaffen habe. Vor Jahren schon. Seither war mein Künstlerherz oft in jener Klosterkirche bei den reichen Kunstschätzen, bei dem glanzvollen Kultus und bei den anmutigen Gestalten der Schwestern und Novizinnen. Die bekam man aber selten zu sehen, da dem profanen Erdenpilger die heiligen Mysterien eines Frauenklosters möglichst verborgen bleiben müssen. Nun kam aber der hohe Gedächtnistag der Gründung dieses Klosters und der sollte durch ein großes Kirchenfest begangen werden. Aller Glanz sollte aufgeboten werden, alle Schwestern, Jungfrauen in ihrer Zier sollten im weißen Festgewande unverschleiert den Einzug halten und in vielen Reihen sich um den Hochaltar gruppieren. Du kannst dir denken, daß ich diesen Aufzug sehen wollte. So habe ich mich bei der Oberin angemeldet und ersucht, dem Feste mit beiwohnen zu dürfen.
»Ja, mein geschätzter Herr,« sagte die Matrone, »das wird wohl nicht gehen, da nach unseren Regeln kein fremdes männliches Wesen an unseren Gottesdiensten teilnehmen darf.«
»Aber ehrwürdige Mutter,« sagte ich, »ich bin ja kein fremdes männliches Wesen. Ich bin der Künstler, der von Ihrer Gottseligkeit gewürdigt worden war, die Altarstatue zu verfertigen. Und sollte nicht die Gnade haben können, bei der hohen Feier, die diesen erhabenen Gegenstand betrifft, dabei sein zu dürfen?«
»Aber mein Gott, Herr Professor, wenn Sie so reden! Was machen wir denn da? Sie sehen doch ein, daß ich eine unserer wichtigsten Ordensregeln unmöglich übertreten kann.«
»Haben Euer Ehrwürden in Ihrer sonst so vollkommenen Anstalt kein Hintertürchen, das zufällig offen bleibt und durch das ein frommes Christenherz sich ungesehen hineinschleichen könnte?« So sagte ich halb scherzend, denn die Oberin -- das war mir schon von früher her bekannt -- versteht auch Spaß. Sie lächelte denn auch zu meinem Vorschlage, drohte aber mit dem Finger; vor einem, der so redet, müsse man sich erst recht in acht nehmen. Indes falle ihr ein Ausweg ein, der ihr ermögliche, den Eintritt zum Festgottesdienst zu gestatten.
»Und der ist?«
»Sie müssen dafür etwas leisten.«
»Herzlich gern. Wie viel denn?«
»Nein, in Geld nicht,« rief sie fast fröhlich. »Aber an der Feier mitwirken, wenn Sie das wollten. Können Sie an der Orgel den Blasebalg treten?«
»Das Blasebalgtreten, ehrwürdige Mutter, wäre keine Kunst, wenn der Blasebalg nicht gerade im Winkel hinter der Orgel wäre, wo man nichts sieht.«
»Ach ja,« sagte die Äbtissin, »das ist wahr, da sehen Sie nichts.«
»Natürlich,« glaubte ich sogleich beisetzen zu müssen, »geht es mir nicht bloß ums Sehen. Wohl auch der Erbauung wegen --.«
»Na na,« unterbrach sie mich, »das wissen wir uns schon zu reimen. Die Künstler sind ja alle mehr oder weniger Heiden. Nun -- fällt mir was ein. Wollen Sie Himmel tragen? Da wären Sie mitten im Einzug und könnten alles gut sehen.«
»Himmel tragen? Das wäre schön, Euer Ehrwürden,« stotterte ich, »allein, da werden gewiß andere sein, Bestimmte, Würdigere.«
»Es sind ihrer vier. Aber einer ist krank. Eine Stange ist augenblicklich vakant. Dann hätte es weiter kein Bedenken.«
»Meinen ehrerbietigen Dank, aber ich muß mir's doch erst überlegen, ob -- ob ich zu diesem ehrenden Amte nicht etwas zu ungeschickt bin.«
»So überlegen Sie sich's. Und lassen mir's bis morgen sagen. Der Herr mit Ihnen.«
So die Unterredung mit der Oberin. Dann überlegte ich. Eine Stange des viereckigen Baldachins tragen, unter dem ein wohlgenährter Prälat einherschreitet. Ob sich das mit dem akademischen Künstler und dem kaiser-königlichen Professor wohl verträgt? Aber das glänzende Gepränge. Meiner Hände Bildwerk in einem Meere von Lichtern und Rosen. Und dann die weißen Jungfrauen. Besonders die eine mit dem länglichen Angesichte, die großen blauen Augen drin und die Wangengrübchen ...
Am nächsten Morgen, als ich auf dem Bette saß, während meine Frau mir einen entsprungenen Knopf an die Weste heftete, begann ich über die Sache mit ihr zu sprechen. Sie blickte mich befremdet an und sagte endlich: »Mann, das soll wohl nur ein Witz sein? Mit drei Banausen Himmel tragen -- du!«
»Das einzige Mittel, um diesen interessanten Aufzug mit ansehen zu können.«
Sie lachte laut, sehr laut und grell -- fast widerwärtig.
»So ein Künstler hat seine Sachen,« sagte ich. »Man bedarf Anregung.«
»Die du zu Hause natürlich entbehren mußt!«
»Und gerade will ich diesen Aufzug sehen.«
»So tu's eben.«
»Ist verboten, wie gesagt. Ist nur erlaubt, wenn ich etwas zu der Begehung leiste. Wir haben beraten, die Oberin und ich; es gibt kein anderes Mittel, als daß ich eine Stange des Baldachins übernehme.«
»Im roten Radmantel natürlich!« lachte sie.
»Was es da nur so dreist zu lachen gibt. Von einem roten Mantel ist ja keine Rede. Ob man nur so an einem Einzuge teilnimmt oder ob man +pro forma+ eine rote Stange in der Hand hat. Sind stets nur die würdigsten Männer dazu ausersehen.«
»Und das Gerede der Leute, daß Professor Hertner bei den Marienschwestern Himmelträger geworden ist?«
»Aber es erfährt's ja kein Mensch. In so einem Kloster, das ist ja eine geschlossene Gesellschaft.«
»Ich sage dir, in allen Witzblättern bist du nächstens mit deiner Himmelstange. Nein, so was könnte einem doch im Traum nicht einfallen! Herr Jesses, wenn der Zaruzel draufkäme!«
Sie legte die Weste hin und ging etwas lebhaft ins Nebenzimmer. Ich mußte sehr den Kopf schütteln. Wie die Frauen gleich alles auf die Spitze treiben! Wo sie doch sonst so viel Verständnis für meine künstlerischen Interessen hat! -- Der Zaruzel, meinte sie, dieser Karikaturenschmierer! In die Witzblätter! Na, das wäre so was! -- Aber all diese Vorstellungen und Bedenken verblaßten vor den weißen Jungfrauen, die ich just einmal sehen wollte. Der Oberin wurde angezeigt, daß ich mich zum Feste rechtzeitig einfinden würde.