Part 20
Ein Bartscherer, ein Haarkräusler und Geckenaufputzer, ein Perückenflechter und Haarzopfsträhner. Man verlangt, daß er Späße mache, und da er sie nicht macht, so macht man sich welche mit ihm. Man nennt ihn Doktor, er protestiert nicht dagegen, der Titel gebührt ihm; er ist belesen, er nennt alle hohen Berge der Welt beim Namen und weiß, wie hoch sie sind, weiß es in Fuß und Metern, kennt die Tiefen des Meeres und berechnet nach einem alten Atlas, wo die größten Tiefen sind. Er gibt dem Landmann, während er ihm den Bart abschabt, Fingerzeige über die Witterung der nächsten Monate, belehrt ihn, wie er den Dung streuen, woher er den Samen beziehen müsse. Er hat Agentschaften, und zwar deren so viele, daß er vor lauter Schildertafeln die Tünche seines Häuschens erspart. Er versichert dem Bauer das Haus, das Vieh, die Feldfrüchte, das Leben. -- Wenn mir dieser »Lebensversicherer«, denkt sich der Bauer, »nur jetzt die Gurgel nicht abschneidet! Anstellt er sich g'rad so. Kratzen tut der Saggra schon, daß man die Engel singen hört! Schneidet denn das Messer nit?« -- Allerdings, das Messer rostet schon, denn Herr Florin hängt das Geschäft an den Nagel und rasiert den Mann nur aus Gefälligkeit. Er will ihm auch aus Gefälligkeit den Prozeß führen helfen, den der Bauer mit einem Nachbar hat. Meister Florin weiß sich gut aus im Gesetzbuch und wird dem findigsten Doktor zu gescheit. Er führt verschiedenerlei Schreibergeschäfte, hat hier einen Strauß mit dem Steueramt, dort einen Handel mit dem Bezirksgericht, da ein Renkontre mit dem Notar oder mit einem Gläubiger, mit dem oder jenen -- und gewinnt, gewinnt alles.
Daher will er das Rasiergeschäft aufgeben, es sind schlechte Zeiten. Ja, früher, in seines seligen Vaters Jahren, wo jeder brave Staatsbürger fortweg sein glattes Gesicht haben mußte, da war's leicht, Rasierer zu sein. Aber jetzt, wo die Leute ihren Patriotismus und ihre Weisheit und ihr politisches Bekenntnis in den Barthaaren herauswachsen lassen, jetzt wird der Rasierer -- und er mag der klügste und fleißigste Mann sein -- ein fallider Fallot.
Überhaupt -- und das Wörtlein hat Meister Florin immer auf der Zunge -- überhaupt, das fliegt so über alles hin, da steckt alles d'rin, was der Sprecher meint, aber nicht weiß, oder wenn er gar nichts meint und nichts weiß, als nur, daß hier ein Wort gut stehe, so sagt er: überhaupt, und hat damit sehr viel und sehr vernünftig gesprochen. Also -- »überhaupt«, sagt der Meister Florin, »es ist nicht mehr so wie früher, die Welt ist ganz anders geworden, heute siegt nur das Geld und der Protze, der Brutale, der Aufdringliche, überhaupt der Windbeutel. Ich könnte heut' auch anders dastehen, aber ich bin immer zu ehrlich und bescheiden gewesen. Den ersten Prügel hat mir mein Vater unter die Füße geworfen, weil er mich nicht studieren ließ, sondern mich zu seinem Handwerk zwang, zu dem ich niemals Lust und Schick gehabt habe. Ich bitt' euch, ein strebsamer, intelligenter, für alles Schöne begeisterter junger Mann, Friseur! Aber ich habe mich herausgearbeitet. Wenn ich heute das Geld hätte, das mir die Kerzen gekostet haben, bei denen ich die ganzen Nächte hindurch studiert habe! In den einundzwanzig Jahrgängen der Theaterzeitung und in den Jahrbüchern des Gothaer Almanach und im Selbstadvokat gibt's kein Blatt, das ich nicht in mich aufgenommen hätte. Ich habe meine Freude dran gehabt, überhaupt, ich habe immer Sinn für was Besseres gehabt. Und ich hab's mitgemacht, wie wir die Eisenbahn bekommen haben und den Telegraph. Bei meinem Aufwachsen hat noch keiner in unserer Gegend eine Baumwolljoppe getragen, und das Einjährig-Freiwilligen-Institut jetzt, die Hinterlader, überhaupt das ganze Kriegswesen. Das ist ein Fortschritt! Ich bin fortweg bei den Fortschrittsmännern und Aufgeklärten gestanden und überhaupt, früher ist die Welt in zweihundert Jahren nicht um das weitergekommen, als wie zu meiner Zeit. Es ist besser geworden und es wäre ganz gut geworden, wenn nicht die Anmaßung das große Wort führte. Der ehrliche Mann verarmt. Es ist ja zum Rasendwerden, wenn man betrachtet, wer heute das Heft in der Hand hat.« So seine Betrachtungen.
Er war im Stadtschulrat, aber sie haben ihn nicht zum Obmann gemacht, er ist in den Gemeinderat gewählt worden, aber bei der Bürgermeisterwahl, da --! Er hätte wenigstens zwei Drittel der Stimmen gehabt, aber die Kabale! Die Kabale, ihr Herren! -- Sie haben es ganz gut gewußt, was sie tun; denn wenn er, der Meister Florin, obenauf gekommen wäre, da hätt's anders gehen müssen. Er wüßte schon, was zu machen wäre! Eine Mustergemeinde hätte er geschaffen, an der sich selbst der Staat ein Muster genommen haben würde. Man hätte »oben« gefragt: wer ist der treffliche Mann? Gehörte er nicht vielmehr hierher an's Ruder, als daß er seine Kraft in dem engen Wirkungskreise vergeude?
Vor einer solchen Aussicht wird jeder Geschäftsmann -- er braucht nicht erst Friseur zu sein -- die Lust an seinem Berufe verlieren. Meister Florin macht bekannt: er rasiert nicht mehr. Jetzt kommen Fremde ins Städtchen, Touristen, sie suchen einen Friseur. Ist keiner da. Sie suchen auch einen Führer. Allsogleich tritt Meister Florin hervor und macht seine höfliche Aufwartung, er kennt die Gegend, wie sonst gar keiner mehr, er ist gerne bereit. -- Schön, was er begehre? -- Bitte, es macht ihm ein Vergnügen, er ist mit von der Partie. Sie suchten einen Führer und finden einen Kavalier. Um so besser. Den Träger für Mäntel und Mundvorrat bestellt der Herr Florin; sie laden ihn ein, aus ihrem Vorrate zu essen, mitzutrinken; er will nicht ablehnen, er tut den Schinken und Flaschen sehr viel Ehre an; er ist stets delikat, aber das ist zufällig seine Leibspeise, sein Tropfen -- hoch sollen sie leben!
Er weiß unterwegs stets zu erzählen und spricht ganz im Geiste der Zeit, heißt das, wenn er merkt, die Fremden hätten keinen. Er erzählt gern von sich und was ihm eben so am geläufigsten ist; die Fremden heucheln Interesse, so lange sie's vermögen, endlich aber danken sie für seine freundliche Begleitung und gehen ihrer Wege.
Trotzdem, oder -- überhaupt, die Fremdenführerschaft trägt mehr, als das Friseur- und Rasiergeschäft, sie trägt wenigstens die Kost und man ist in der frischen Luft und Naturfreund ist man auch. Ist's und wird's von Tour zu Tour mehr, denn überall erinnert man sich, was einen früheren Touristen entzückt hat und das entzückt einen nun auch und so bringt man im Laufe der Jahre eine Unzahl von »romantischen« Wegen, entzückenden Punkten und Aussichten zusammen.
Endlich nimmt er wahr, daß er ein so gewaltiger Naturfreund und Tourist geworden ist, daß er davon leben kann. Er läßt sich als Führer immer noch nicht lohnen, aber die Präsente, die der Kavalier dem Kavalier verehrt, die darf er nicht abweisen. Er hat davon schon eine respektable Sammlung, er verkauft sie nicht, es sind werte Andenken von hohen Bekanntschaften und lieben Freunden -- und versetzen, nur wenn's sein muß. Auch die Touristenvereine sind ihm erkenntlich, und wie die Assekuranzen -- die er längst vernachlässigt und verloren hat -- einst das Äußere seines Hauses mit Agenturtafeln dekoriert haben, so dekorieren die Touristenvereine es von innen mit Diplomen, Gebirgskarten und Edelweißorden. Er übt wieder Gegenerkenntlichkeiten und wirbt Mitglieder für die Vereine. So wird er bekannt und gesucht und jeder Fremde, der am Bahnhof dem Zug entsteigt, frägt als sein erstes nach dem Herrn Florin. Der steht schon da, stets nett beisammen, in Nationaltracht, stets höflich, lüftet seinen Touristenhut, ist dem Herrn zuvorkommend zur Hand beim Aussteigen, beim Gepäcktragen, bei der Suche nach einem Hotel, und dem Fremden bleibt nichts anderes übrig, als sich gefangen zu geben.
Der Gasthofbesitzer weiß meinen Florin wohl zu würdigen, und wenn dieser für genossene Speis und Trank um die Rechnung ersucht, so vertröstet ihn der Wirt von Tag zu Tag, bis Herr Florin endlich nicht mehr ersucht und sich die Gasthauskost von Tag zu Tag so trefflich munden läßt, als ob's auf der weiten Welt kein Stücklein Kreide gäbe. Es geht. Sehr gut geht's, und Meister Florin sagt es selber: es ginge ihm sehr gut! und er muß es am besten wissen. Daß er einmal Rasierer gewesen, hört er nicht gern, es war auch nur ein Spaß von ihm gewesen, ein schlechter Spaß. Er wohnt auch gar nicht mehr im Friseurhäuschen, das ist der Habgier eines Gläubigers zum Opfer gefallen, gegen den der Meister den langjährig geführten Prozeß ganz unstreitig gewonnen hätte, wenn nicht Bestechung und Hinterlist von Seite des Gläubigers stattgefunden hätte. Überhaupt sind die Leute heutzutage von einem greulichen Eigennutz besessen, nur der Wirt nicht, nein, der ist ein braver Mann. Jetzt wohnt er auch bei ihm.
So verkehrt Meister -- was Meister! Herr von Florin nur mehr mit vornehmeren Leuten, und wenn man dem Gespräche zuhört, das er und ein zugereister Universitäts-Professor führen, so ist kein Zweifel, wer der Gescheitere ist -- nämlich der Herr von Florin. Man kann aber ordentlich erschrecken, wenn Florin plötzlich behauptet, das deutsche Kaiserreich tauge nichts und er mit wenigen diktatorischen Aussprüchen mir nichts dir nichts die Republik einführt und der Fürst Bismarck wie ein armer Schlucker dasteht, noch um ein paar Stündlein Leben bittend. Der Professor ist gar nicht imstande, der Tragweite dieser unerhörten Reformen zu folgen, daher schweigt er, und das imponiert den umsitzenden Zuhörern. -- »Ja, wie Florin gesprochen, da hat der gelehrte Herr nachher kein Wort mehr zu sagen gewußt.«
Wie steht er jetzt da, der Herr von Florin! Von altersher -- und zwar seit etlichen vierzig Jahren -- heißt er Franz Viktor Florin; jetzt, der Name ist ihm zu lang, er ist selber nicht über fünf Schuh lang, er braucht keinen so langen Namen, er kürzt ihn, setzt anstatt des Wortes Viktor bescheiden nur ein kleines v. und jetzt lautet die Visitkarte: Franz v. Florin. Das steht! sehr gut steht's, und somit wäre er nun eigentlich oben.
Aber da sehe man den Neid des Schicksals! Überhaupt, wer zum Unglück geboren ist usw. Auf einmal legt sich der Wirt hin und stirbt und macht den Herrn v. Florin brotlos und dachlos. Denn der junge Wirt ist ein Zopf und sagt, Florin solle arbeiten, er sei noch stark genug dazu. -- So! Also das ist der Lohn, daß er die Fremden herbeigezogen und die Gegend bekannt gemacht hat! Das ist der Lohn für die Dienste, die er dem Hause und der Gemeinde und jedermann geleistet hat! Die Kinder werden einst als alte Leute erzählen von Herrn von Florin, wie schlicht er war und jovial und welche Reden er der Jugend oft gehalten hat und wie er für den Fortschritt gewesen und was ihm das Städtchen verdankt. Manche alte Schrift von seiner Hand wird verblaßt und vergilbt noch Zeugnis ablegen von dem strebsamen, vielseitigen Manne, der seiner Zeit voraus gewesen. Aber heute! Heute läßt man ihn darben. Zwar findet er immer noch gute Seelen, die seinen Nahrungsbedürfnissen Rechnung tragen, mein Gott, er ist ja leicht zufrieden! Aber der Rock will verblassen und die fremden Herren, wenn sie kommen, wollen mit dem fadenscheinigen Rock nicht gerne an einem Tische sitzen. Er ist immer noch geistesfrisch, ja lustiger als früher und weiß allerlei Schnurren, auch singt er und macht Musik dazu auf der Zither oder der Gitarre. Er weiß possierliche Lieder, Sprüche und schalkhafte Anekdoten. Man lacht darüber, man wartet ihm mit einer Zigarre auf oder läßt ihm ein Glas Wein vorsetzen und so ist es immer noch unterhaltsam. Es gibt Leute, die sagen ihm, er solle sich nicht so an die Fersen der Fremden heften und sich nicht zum Spaßmacher hergeben, er solle lieber wieder seinen Rasierladen aufmachen. Das sind die Kurzsichtigen. Sie wissen nicht, was er will und worauf er es abgesehen hat. Er wird noch eine einflußreiche Stellung gewinnen und dann seine weltbeglückenden Pläne durchführen.
Einstweilen verkommt er immer mehr. Mancher Fremde, der im Städtchen absteigt, er mag Tourist sein oder Agent oder Vereinsmeier, nützt ihn aus, so viel noch auszunützen ist. Er ist eine allbekannte Figur und viel armseliger und niedriger denkende Subjekte, als er ist, machen ihn zur Zielscheibe ihres Spottes.
Endlich glaubt er's, daß er nichts erreichen wird; er klagt über ein verfehltes Leben, setzt die Hoffnung aber auf seine Kinder.
Er hat einen Sohn; der ist geistig sehr begabt, hat ganz den Kopf von seinem Vater. Der soll studieren. Es ist kein Geld da, es ist keine Protektion da, oder hat ein oder der andere seiner guten Bekannten doch etwas zugesagt? Gewerbsmeister des Städtchens wollen den aufgeweckten Jungen ins Geschäft nehmen, ihm ein Handwerk lehren. Ha, das wäre wieder die alte Leier; dieses florinische Blut ist für was besseres rot geworden; der Bursche muß in die Hauptstadt. Er soll sich dort selber fortbringen, Freunde suchen und sich aus eigener Kraft aufschwingen. Das macht den Mann. Der Vater hält ihm noch eine schwunghafte Standrede, wie sie wortprächtiger in keinem Buche zu finden ist, und der Junge geht in die Stadt. Er schreibt verzagte Episteln heim, der Vater schickt ihm Briefe voll begeisternder Phrasen, aber sonst ohne Inhalt. Da schreibt der Sohn in immer längeren Zwischenräumen immer kürzere Briefe, endlich bleiben die Briefe ganz aus und das ist dem Herrn Florin ein Zeichen, daß die Taube ein Gestade gefunden hat.
Nun hat Florin -- sein Weib ist ganz Nebensache, das ist da oder es ist nicht da, einerlei; ist es da, so wird es wohl irgendwo eine Dachkammer haben, wo es sich mit Nähen oder Stricken fortbringt -- trotzdem hat Herr Florin auch eine Tochter. Mit der läßt er sich nicht ungern auf der Gasse blicken, denn sie ist schon bald kein Kind mehr und wächst sich recht sauber aus. Sie als Küchenmädchen zum Wirt geben, oder gar zu einem Bauer in die Arbeit? Nein. Das Mädchen hat bessere Aussichten. Ein Baron war da, ein Tourist, der sagte, das Kind müsse in die Stadt, da könne es sein Glück machen. Da erinnert sich der umsichtige Vater sofort an gelesene oder gehörte Fälle, wo arme aber hübsche Mädchen auch in der Stadt ihr Glück -- bisweilen sogar ein unglaublich großes Glück gemacht haben. Der Herr Baron erklärt sich bereit, für das Kind eine Stellung ausfindig zu machen, einstweilen könne es in seinem eigenen Hause wohnen. -- Also doch gute Leute, und Herr v. Florin sagt, Glück habe er niemalen viel gehabt, aber gute Menschen habe er immer gefunden, überhaupt habe es den Anschein, daß sich sein Glück erst bei seinen Kindern einstellen werde.
Er läßt das Mädchen fort und nun -- sind die Kinder versorgt. Sie sind's zwar nicht, aber Florin ist gewohnt, alles so auszulegen, wie es am schönsten klingt. Sein Stolz ist, wenn er erzählen kann: Der Sohn studiert auf einen Doktor, die Tochter ist beim Herrn Baron.
Florin beginnt zu altern, aber er hat noch einen Plan, das ist der einzige, den er in seinem Leben durchgeführt hätte, ~wenn~ er ihn durchgeführt hätte. Er kann singen, versteht sich auf Saitenspiel, hat die Gabe, zu unterhalten; er will fahrender Musiker werden. Das ist gar nicht dumm, das ist der erste Schritt zum Mitgliede eines größeren Kunstinstitutes.
Das Mißgeschick ließ es aber nicht dazu kommen. Überhaupt, das Mißgeschick! Nun sitzt er viel in den Schänken herum und setzt sich zu dem, der just da ist und hebt einen flotten Diskurs an und läßt Possen los und will fortgehen. Die Leute sind warm, da darf der Herr von Florin nicht fortgehen, sie lassen ihm Wein bringen. Das Wasser, das er zum Wein gießt, hält ihn noch aufrecht. Aber beim Branntwein, da ....
Der Branntwein tut das seine und es gibt einflußreiche Leute in der Gemeinde, die behaupten, für den alten Florin wäre es am besten, wenn man ihn ins Armenhaus täte.
Der ~alte~ Florin?
Ja, es ist wahr, er ist grau, er sieht verfallen aus. Wenn er sich nur öfters ein Stück Fleisch gönnen könnte! Warum sollen denn seine Kinder, denen es in der Stadt gut geht, nichts für den Vater tun? Keines läßt was von sich hören.
Nun wird in die Stadt geschrieben. Es kommt eine Antwort; sie ist von fremder Hand und berichtet, daß der Sohn vor längerer Zeit wegen Bauernfängerei eingezogen, später wieder freigelassen und seitdem verschollen sei.
Herr v. Florin erschrickt zuerst, dann aber lächelt er, denn er glaubt es nicht.
Aufgefordert, schreibt auch die Tochter, sie sei nicht beim Herrn Baron, aber sie wolle ihren Eltern nicht mehr unter die Augen treten.
Herr Florin schüttelt den Kopf -- er kann es nicht verstehen.
Und so rinnt die Zeit hin, von Tag zu Tag mit steigender Geschwindigkeit -- wie es im Alter schon geht. Der Florin sitzt auf der Gartenbank des Armenhauses und schaut den Bienen zu. Einer, der vorbeigeht, denkt sich: Ja, alter Florin, du hättest den Bienen früher zuschauen und dir an ihnen ein Beispiel nehmen sollen. Du hast dich deines ehrlichen Gewerbes geschämt, hast es verlassen und verleugnet. Hast hingeflunkert, hast hergeflunkert, dein spitzfindiges Spintisieren und deine hohle Schlauheit hat dich auf die Holzbank vor dem Armenhaus gebracht. Und wenn jetzt von den fremden Herren, denen du gefällig warst, von den hochgestellten Freunden, die dir geschmeichelt haben, einer hier vorbeigeht, so wird er dich nicht kennen, und kennt er dich, vielleicht sein Haupt wegwenden und in sich hineinmurmeln: Ei, das ist ja dieser Schwätzer, dieser Fex, dieser -- er hat allerlei Namen zur Auswahl. Er ist bald vorüber. Ich aber bin der, welcher dir einst vielleicht den Rat gegeben hat: bleibe deinem Gewerbe treu und arbeite! Ich gehe nicht an dir vorbei, ich frage dich: »Wie geht es dir, alter Florin?«
Er schrickt auf. »Danke, danke,« sagt er, »so weit gut, recht gut. Dank der Nachfrage!«
Eine solche Zufriedenheit auf dieser Bank verdient doch einen Zehner. »Da, Alter, kannst damit nichts mehr verderben -- gönne dir ein Glas auf mein Wohl!«
O, im Glase, das er nun trinkt, ist mehr d'rin, als der Spender ahnt, der Florin -- der Herr Franz von Florin ist Bürgermeister, Touristenvater, Abgeordneter, Regierungsrat, Schöpfer und Ordner aller politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes.
Um einen Silberzehner! In der Tat, billiger kann man das Glück nicht haben. -- Und überhaupt das Glück ....
Der Steinschädel.
Es war ein so prächtiges Bauerngut gewesen. Voreh'! Voreh'!
Dann wurde es anders. Der Hinterberger zahlte keine Steuern. Und doch war er der Besitzer und Nutznießer aller Grundstücke, die den Hinterberg einhüllten und die sich fast herab ins Tal der Lansa erstreckten.
Der Hinterberger war nichts weniger als glaubselig. Was in den Büchern stand, von dem meinte er, das Papier wäre geduldig und man könne d'rauf drucken, was man wolle. Was auf der Kanzel gepredigt wurde, von dem hatte er eine nicht viel bessere Meinung: reden ließe sich alles, was man reden wolle, und man wolle gerade das reden, was zu eigenem Vorteile wäre. Gegen die Meinungen der Nachbarn und den Rat der Verwandten war er nicht minder verstockt -- der Steinschädel wurde er geheißen.
Da kam im Jahre 1848 einer jener Wanderprediger, wovon manche vernünftig, viele aber Narren gewesen sind. Und dieser Mann predigte, daß der Bauer von nun an freier Herr seines Grund und Bodens wäre und also keine Steuern und Abgaben mehr zu entrichten brauche.
Keine Steuern und Abgaben mehr! Das glaubte der Hinterberger aufs Wort. Das leuchtete ihm ein; denn was mein ist, davon bin ich keinem Menschen was schuldig. Zudem stand's ja auch in den »Herrschaftsbriefen«, er bekam ein- für allemal die Papiere über die Grundablösung -- und nun war er ein freier Mann im freien Staate.
Er zahlte keine Steuern mehr, blieb aber trotz aller Behörden Besitzer und Nutznießer des ganzen Hinterberges. Die Behörden zwangen ihn auch nicht -- sie ließen ihm bloß das Vieh aus dem Stalle und das Getreide von der Scheune führen und deckten damit die Steuern und die Unkosten, die aus solchem Gebaren erwuchsen.
Da schrie der Hinterberger freilich auf, man täte ihm kreuzunrecht, und der Staat, der verpflichtet sei, Hab' und Gut seiner Bürger gegen Raub zu schützen, sei selber der Schelm ...
Zu den Advokaten ging er und suchte Gerechtigkeit, wie er sie dachte.
»Ja, Bauer, das ist nicht so!« sagten die Advokaten.
»Warum ist das nicht so?«
»Ihr sagt ja selbst, daß Ihr den Schutz des Staates erwartet -- wollt Ihr den umsonst haben?«
»Ich? Den Schutz des Staates? Wozu? Können mir meine Felder gestohlen werden? Kann mir mein Wald von Räubern umgehauen werden über Nacht? He?«
»Aber in Eure Wohnung kann man einbrechen, mißhandeln kann man Euch und das Haus über dem Kopf anzünden.«
»Freilich,« rief der Hinterberger, »wer's will und stark genug ist, der tut's, bricht in meine Wohnung, schlagt mich tot, zündet mir das Haus an. Bis Eure Polizei hinaufkommt auf den Hinterberg, ist alles vorbei. Wenn ich selber kein Gewehr im Haus hab', so bin ich hin. Jetzt möcht' ich wissen, wofür ich Steuern zahlen soll!«
»So wollt Ihr dem Staate entsagen, Hinterberger? Glaubt Ihr, daß Ihr allein bestehen könnt? Habt Ihr alles auf Eurem Grund, was Ihr zum Lebensunterhalte braucht? Seid Ihr nicht angewiesen, die überschüssigen Früchte Eurer Felder zu vertauschen, zu verkaufen, um anderen Bedarf, der bei Euch auf dem Hinterberge nicht wächst, einzulösen?«
»Ich?« fragte der Bauer, »nein. Wir Hinterberger Bauern sind auf ein solches Austauschen nicht angewiesen, aber Ihr Herrenleut' seid es. Ihr sollt froh sein, wenn wir Euch das Korn und das Rindfleisch ~verkaufen~. Freilich kommt Ihr billiger dazu, wenn Ihr mir's mit Gewalt wegnehmt.«
Das war die Logik des Hinterbergers. Und die Advokaten, die sonst jeden Prozeß der Klienten mit Zuversicht auf sich zu nehmen pflegen, ließen ihn im Stich -- alle. Der Bauer fand's ja erklärlich -- sie halten all' zusammen.
Die Nachbarn sagten ihm: »Sei gescheit, Hinterberger!«
Er antwortete: »Oh, ich bin gescheit genug, aber ihr seid dumm. Tätet ihr mit mir halten, durchsetzen wollten wir's! Aber einer allein? ... Und doch geb' ich nicht auf, was mein ist, davon zahl' ich nichts weg!«
So ging es fort. Alljährlich war dasselbe. Zuerst kam der Bote mit der Aufforderung zum Steuerzahlen, dann kam die Drohung, dann kam die Pfändung.
Und hierauf saß der Mann traurig vor seiner Haustür und murmelte: »Jetzt sind wieder die Schelme dagewesen.«
Er hatte Weib und Kinder. Die Kinder verwahrlosten, das Weib verkam. Dem weinenden Weibe drückte der Gerichtsmann gutmütig die Hand und bat um Verzeihung, daß er seine Pflicht tun müsse. -- Als die Knaben heranwuchsen, kannten sie nur eine Ungerechtigkeit auf der Welt: das Gesetz, und nur einen Feind: den Steuerbeamten.
Der Gerichtsbote weigerte sich, in den Hinterbergerhof hinaufzugehen; die Knaben empfingen ihn mit Steinwürfen, der Bauer tat sein altes Schußgewehr zurecht. »Jeden Schelm, der in mein Haus kommt, schieß' ich nieder.«
Da mußte er's erfahren, daß das Gesetz noch ungerechter sein konnte, als bloß Hab' und Gut wegzunehmen, daß es auch die persönliche Freiheit vernichten konnte. Zwei Standarn (Gendarmen) kamen und reckten zur Tür die Gewehrläufe mit den Bajonetten hinein. Das Weib des Hinterbergers kreischte auf -- ~solche~ Räuber waren noch nie dagewesen. Der Mann sagte gleichgültig: »Ein dummer Kerl müßt' ich sein, wenn ich mich jetzt wehren wollt'. Da habt's mich, schleppt's mich mit, bringt's mich um!«
Er saß wochenlang im Arrest. Er machte dort Bekanntschaft mit anderen, die mit dem Gesetze ebenfalls im Kriege lebten. Der »Steinschädel« war sonst ein Feind des Lernens, weil er ja ohnehin alles wußte und weil Fremdes seiner Überzeugung stets entgegen war. Aber im Arrest -- das gestand er sich -- war manches zu profitieren. Die Genossen waren reich an Erfahrungen und hatten neue Ideen. -- Entweder der Mensch hat sein Eigentum für seine Person, dann muß der Mensch dieses Eigentum fest zusammenhalten, und keiner hat das Recht, davon zu nehmen. Oder der Mensch hat kein Eigentum, alles ist gemeinschaftlich, gut, nachher muß aber der Reichtum so verteilt sein, daß jeder gleich viel hat. Nachher hat jeder Sachen genug, nachher gibt es keinen Armen mehr.
Der Hinterberger hatte sein Lebtag noch keinen Menschen so gescheit sprechen gehört als den arretierten Tischlergehilfen, der obiges erörterte. Entweder so oder so! -- Aber Steuerzahlen, das ist nicht so und nicht so und hat keinen Sinn.