Part 27
Gegen Mitternacht zog er die letzte Nadel aus der letzten Masche und der Strumpf war fertig. Der Alte machte ein Kreuz über Stirne, Mund und Brust und legte sich auf die Matratze. Seine Glieder waren müde, sein Sinnen war umflort -- er schlief bald ein.
Der Mond war über das Haus gekommen, blickte durch das Fenster und auf dem Fußboden lag seine weiße Tafel.
Auf der weißen Tafel saß eine Maus und guckte mit hellen Äuglein den Mond an.
Am andern Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen auf den Dachfirst fielen, läuteten alle Glocken. Malchus erwachte und schlug für einen Moment die beiden Augen auf. Es war das Fest des Kirchenpatrons Urbanus -- jener Tag, der ihm vorausgesagt worden war. Ei, der Kuckuck, dachte sich der Alte, ich steh' jetzt auf und geh' in die Kirche; bist schon wieder beim Erbsensack, du vertrackte Maus? Nu, nu, nur nicht gleich so betreten, nag' zu, beiß' zu! Und wenn er kommt, so sag' ihm, er möge warten, ich sei bei der Messe.
Dem Alten war wunderlich um das Herz -- nicht so, als ob er sterben sollte. Klar war sein Denken nicht, statt der stumpfen Ergebung war eine Berauschung eingetreten. Mit seltener Sorgfalt ordnete er seinen Anzug und wand seine Locken um das Haupt.
So kletterte er über die Leiter und ging in die Kirche.
Da standen die Leute auf dem Dorfplatz, Kopf an Kopf, mit grünen, schwarzen, grauen und anderen Hüten; Weiber und Kinder drunter, mit bunten Hauben und Kopftüchern; alles schmuck, sogar Blumensträuße hatten sie bei sich auf den Hüten, im Knopfloch oder am rotseidenen Busentuch. Und sie waren fröhlich und plauderten miteinander und sahen die Marktsachen an, die in den Buden und Ständen ausgestellt waren, und sie feilschten mit den Krämern -- und das war ein Summen und Brummen über den Kirchplatz hin, und darüber lag die Morgensonne, und auf dem Turme klangen die Glocken und riefen zur Frühmesse. Da drängte sich das Volk der Kirchentüre zu -- viele blieben auch im Freien stehen oder gingen ins Wirtshaus.
Trotzdem war die Kirche voll. Die Orgel war laut und hell -- der Schulmeister hatte alle vier Register aufgezogen, sowie der Kirchendiener alle Kerzen, die in der Kirche waren, angezündet hatte. Der heilige Papst Urbanus, der in seinem goldenen Ornate über dem Altare stand und »der den Wein wachsen läßt«, hatte zwölf Kerzen und war in nicht geringer Feuersgefahr, was aber wenig zu sagen hatte, da der heilige Florian mit dem gefüllten Wasserbehälter daneben stand.
Endlich war der Festgottesdienst vorüber und alles drängte sich in das Freie. Unser alter Malchus suchte sich auch durch die Menge zu winden. Man warf ihm Kreuzer zu, die er aber nicht auflas und für die er nicht dankte.
Eine Bäuerin bat ihn, daß er ihrem Töchterlein ein Wollenjöpplein stricke, er sagte nicht zu. Er ging ein wenig durch das offene Tor in den kleinen Kirchhof. Da war alles grün und frisch. Es war aber keine rechte Stimmung. Malchus humpelte weiter.
Als er in sein Dachstübchen zurückkam, blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. Es war ein fremder Mann da. Er war dem Fenster zugekehrt, stützte sich auf die Brüstung und sah in den blauen Himmel hinaus.
Er war sehr gebückt, hatte einen grauen Pelz an, und die wenigen Haare, die von seinem kahlen Kopfe über das Genick hinabhingen, waren weiß. Der Mann war uralt.
Aha, da ist er schon! dachte Malchus, ging dann auf den Fremden zu.
Der Alte kehrte sich langsam um. »Dennoch wohl, dennoch wohl!« sprach er nun, als er den Malchus erblickte. »Du, Junge, jetzt schau, ich bin keck gewesen, gelt? Nun, daß ich halt so heraufgekommen bin da in deine Stuben. Hab' wohl gewußt, daß du in der Mess' bist; hätt' auch können hineingehen, aber weißt, Junge, mag nicht recht, red' mit meinem Herrgott lieber, wenn ich mit ihm allein bin. Du schaust so! Kennen wirst mich doch wohl noch? -- Bin ja der alte Domini, ich, gelt?«
Malchus glaubte, er träume. -- Das wird doch nicht der Pechbrenner Domini sein, den er vorzeiten als alten Mann gekannt hatte!
»Siehst du, Malchus,« sagte der Domini, »dort auf dem Eschenwipfel sitzt ein kohlenschwarzer Rabe. Der ist ein Steinrabe, von dem gesagt wird, daß er zweihundert Jahre alt wird. Hab's noch nicht so weit gebracht, bin erst ein wenig über hundert, aber wir zwei werden es schon noch so weit bringen, Junge.«
»Ei, versteht sich,« entgegnete Malchus, »'s ist nur schade, daß vor einigen vierzig Jahren ein anderer Vogel auf dem Wipfel dort gesessen ist. Wenn du aber der Domini bist und aus deinem Grab kommst -- sei nur so gut und mach' nicht viel Umstände, ich weiß es ja --«
»Red' nicht so kindisch; pack' lieber deine sieben Sachen zusammen; wirst heut' mit mir gehen müssen. Mit dem Pfarrer hab' ich schon gesprochen, wirst kaum mehr zurückkommen in dieses Dorf!«
Was hatte der alte Malchus Zacharias Rosenkranz zusammenzupacken? Seinen Wollenbeutel nahm er und seinen Stock, dann war er fertig. Er stieg voran über die Sprossen hinab; als Domini nachkletterte, brach die Leiter, der Greis erhielt sich noch glücklicherweise an einem Haken.
Zur selben Stunde schritten die zwei alten Männer aufeinander gestützt durch die Dorfgasse. Viele Leute blickten ihnen nach. Mehrere folgten sogar, und aus dem Wirtshause klang die Tanzmusik.
Wohl blieb Malchus noch einmal stehen und sah zurück, aber er dachte kaum an das, was kommen sollte, sein Geist war wieder in Stumpfheit versunken.
Am Ende des Dorfes, wo das Häuschen der Nähterin stand, war Roß und Wagen. Der Fuhrmann, der dabei war, half den beiden Greisen in den Wagen, und dann rollte das Gefährte davon.
Malchus fuhr sich mit dem Ärmling zweimal über die Augen, er öffnete auch das linke zuzeiten und sah in die Gegend hinaus und sah seinen wunderlichen Gefährten an. War's denn doch wohl der alte Domini? -- Malchus fühlte sich nicht behaglich; er hatte vergessen, einen Halm aufzulesen, und jetzt wußte er nicht, woran er kauen sollte. Einmal öffnete er seinen Wollenbeutel, zählte die Taler und murmelte dann vor sich hin: »Wo hab' ich denn doch den andern gelassen? Es müssen dreizehn gewesen sein!«
Gegen Abend, als im Tale schon die Schatten lagen, ließ der alte Domini vor einem Wirtshaus halten; nach einem Imbiß ging das Fuhrwerk weiter. Der hatte sogar geschmeckt. Es kam die Nacht, sie fuhren über Auen und durch Wälder. Malchus saß in sich versunken da.
Als die Sonne aufging, stand Roß und Wagen still, und da war ein See und an beiden Seiten standen rote Felswände und spiegelten sich im dunklen Grunde. Am Ufer des Sees stand ein neues Haus und ein heiteres Gärtlein.
Domini führte den Malchus gegen das Haus und sagte »Wir zwei sind wohl ein wenig alt, aber da ist alles wieder jung geworden, seh' ich. Mich deucht, Malchus, du hast dem Pechbrenner Domini vor fünfzig Jahren einen Taler geschenkt, weil dieser Taler der Judas war, und mich deucht, der Pechbrenner Domini hätte mit demselben Taler zu hausen und wirtschaften angefangen, und er hätte dann dieses Haus bauen lassen, daß du eine Ruhestatt hättest für deine alten Tage. Jetzt, Malchus, schau ein wenig nach, ob's wohl so ist!«
Und als sie in das Haus gingen, da stand ein Weib vor der Tür, und das reichte dem Malchus die Hand, und der Malchus hat sie erkannt.
Und dann gingen sie in die Stube, in die freundliche Stube mit den großen Fenstern, durch welche die Fülle des Sonnenlichtes auf den gedeckten Tisch und auf das weiße Ruhebett strömte.
Das ist nun dein, Malchus, glücklicher Malchus, für den der Freund gesorgt, den die Liebste nicht vergessen. -- Martha hatte einen Mann gehabt, hatte viele Jahre glücklich mit ihm gelebt. Als er starb, da war sie wieder allein, wie ehdem. Nur ihr Lebensretter war noch in der Welt, verlassen, vergessen. Nein, vergessen nicht, sie dachte ja an ihn und sie wollte dem alten pflegebedürftigen Mann ihre noch übrigen Lebenstage weihen.
Malchus ging hinab zum See, dann hörte er dem Kuckuck zu, der fort und fort schrie; dann ging er wieder ins Haus, kletterte auf den Dachboden, schlang sich den Turban seiner Haare wieder um das Haupt und setzte sich auf einen Holzstrunk. Dort saß er Stunden und Stunden und drückte das linke Auge zu und kaute an einem Halm. --
Und jetzt ist das Gesicht zu Ende. Ich weiß nicht, wie es weitergeht.
Der glücklichste Mann von Graz.
»Wollen Sie, lieber Freund, nicht einmal mit mir gehen? Ich möchte Sie gerne zum glücklichsten Manne von Graz führen.« Mit diesen Worten lud mich ein Nachbar in genannter Stadt zu einem Spaziergange ein.
»Zum glücklichsten Mann von Graz?« entgegnete ich, »erlauben Sie, der bin ich ja selber.«
Mein Nachbar stutzte, blickte mich an vom Haupt bis zum Fuße und schüttelte seinen Kopf. »Wirklich?« sagte er endlich, »um so besser, so werden Sie meinen Mann auch recht verstehen können.«
Nicht lange danach, so stieg ich eines Nachmittags die südliche Lehne des Rosenberges hinan. Und auf sanfter Lehne, mit dem Ausblick auf die Wälder der Hilm und auf die schimmernde Kirche von Mariatrost habe ich den Mann gefunden. Ihr erkennt das Heim des Glücklichen an dem einen Merkmal: es ist mit einem Dornenkranze umgeben. Über Rosenzäune hüpft so gerne der Weltunfrieden; über eine Dornenhecke vermag Habsucht, Ehrgeiz und Neid schwer zu dringen. Wer aber an der kleinen Pforte zwischen den Dornen die Klingelschnur zu finden weiß, dem wird aufgetan.
Unser Mann ist Grundbesitzer. Sein Erdboden mit Haus und Hof, mit Obst-, Gemüse- und Weingarten beträgt nicht weniger als 53 Geviertklaftern. Auf diesem Grunde hat sich der Mann drei Häuser gebaut. Eines dieser Gebäude, ein hölzernes Bauernhaus, stand vor nicht langer Zeit in der Stadt. Viele Jahre wohnte und wirkte der Eigentümer in ihm und war's zufrieden. Aber das Haus stand auf keinem guten Boden; ein Sumpf- oder Moorgrund war es nicht, ein Zinsgrund war's. Und gleichwohl kein Fleckchen Erde in ganz Graz von den Mietern so gewissenhaft und haushälterisch verwertet wurde, als diese paar Klafter in der Lechgasse, so wucherte doch daraus das Unkraut der Mietzinse derart hervor, daß es das Häuschen und den Wohlstand darin gefährdete. Deß war nun unser Mann einmal nicht zufrieden. Rollte er denn vier Räder unter das Gebäude, spannte zwei Pferde daran und führte sein Haus davon. Er führte es am Hilmteiche vorbei und die Mariatrosterstraße kreuzend, den schönen Rosenberg hinan. Dort oben hatte er sich von dem Ersparten Grund und Boden zu eigen erworben und auf den stellte er das hölzerne Haus, so aus Graz ausgewandert war, und baute auch noch ein größeres dazu für Weib und Kind und gründete daneben ein Hüttchen, das »Industriegebäude« für den Erwerb. Und nun war er zu einem Gutsbesitze gekommen, wie es im Lande keinen seltsameren gibt. Da lächelt denn der Gute still in sich hinein, und wenn er von seinen Feld- und Gartenarbeiten spricht, so tut er's mit Selbstbewußtsein und mit Schalkheit zugleich. Nun gehört er mit zu den Besitzenden, und seinen Besitz und seine Welt hat er sich selbst erworben und geschaffen. Das ist eine Freude!
Während das Weib Haus- und Landwirtschaft versorgt, sind der Mann und die Tochter in der Werkstatt tätig, und das Rauschen der Sägen und das Klopfen der Hämmerchen ist wohl weit und breit zu hören. Und was wird denn erzeugt? Je nun, vielleicht hängt in deiner Stube ein hübsch geschnitzter Vogelkäfig, vielleicht spielt dein Söhnchen gerne mit einem »Spatzenschießer«; vielleicht besitzt meine Leserin einen feinen, wohlriechenden Wacholderfächer -- hervorgegangen aus der kunstreichen Hand meines glücklichen Mannes.
Ich will aber nicht Reklame machen für seine Vogelhäuser, sondern für sein Glück. Es ist bei ihm zu haben; seine heitere Gemütlichkeit, seine Zufriedenheit ist für den Besucher ansteckend, wenigstens so lange sich der im kleinen Bereiche des Dornenkranzes befindet. Fest steht der Steinbau, in dem des Schnitzers Familie wohnt; aber er, der alte Patriarch, lebt in seinem hölzernen Häuschen. Dieses ist das gelungenste Abbild eines steierischen Bauernhauses und hätte auf einer Weltausstellung den Preis erhalten. So freundlich und behäbig steht es da, das kleinwinzige Haus mit seinem Dachgiebel, seinem Söller, der zur Herbstzeit mit Kukuruzzapfen behangen ist, mit seinen glatten Fensterbalken und allem, was dran und drum dazu gehört. In der Stube, die etwa 5-7 Fuß lang und breit und hoch ist, steht der Wandkasten und der Gesindetisch und der Hausaltar und das Bett des Hausvaters und der Kachelofen. Aber das Bett ist zu kurz für eine Manneslänge und so muß für die Fußstelle der gute Kachelofen sein Inneres erschließen. Seit Menschengedenken ist in dem Hause noch nicht geheizt worden, weder zur Sommers-, noch zur Winterszeit; das ist ~ja~ auch eine Eigentümlichkeit des Mannes, daß er die Kälte nicht kennt. Wie viel Grad Wärme muß ein Herz haben, das in seinen Bretterwänden bei der ruhigen Schnitzarbeit im Jänner den Ofen erspart! Nichtsdestoweniger ragt ein Rauchfang über das Schindeldach; in diesem Rauchfang dreht sich eine Windmühle, die unten in der Stube ein Glockenspiel treibt. Tag und Nacht läßt solches Spiel, meist gemächlich langsam, zuweilen aber auch rasch und lebhaft, seine Musik erklingen. Und so hat sich's dieser Mann eingerichtet, daß, je stürmischer die Stunden, je lustiger sein Glockenspiel ertönt. In einer ganz windstillen, tonlosen Nacht kann der Mann gar nicht schlafen, und in einer Zeit, wo alles nach Wunsch ihm geht, kann er nicht recht ruhig sein; denn, sagt er, da kommt jählings was, das einen in die Haut zwickt. In der Stube hängt auch ein Vogelbauer; aber das Tor dieses Vogelbauers geht durch die Holzwand in das Freie, und da können die Vögelein aus- und einfliegen nach Belieben, und sie finden zu jeder Stunde Unterkunft und Nahrung in dem gastlichen Hause.
»Der Mensch muß nicht alles in seiner Faust haben wollen,« sagt unser Schnitzer; »was gerne daherfliegt, dem mach' ich Tür und Tor auf, und will es wieder davon, so laß ich's fliegen.«
Fragt ihn einmal, ob er zufrieden ist in seiner Lage, und seht dann sein Gesicht an. Er ist über die sechzig Jahre alt, und fragt ihr ihn, was ihm in seinem Leben schon Übles widerfahren ist, so antwortet er, er sei sein Lebtag nicht viel krank gewesen, und zu essen hab' er auch allweg gehabt. Und fragt ihr ihn, wie er mit der Welt stehe, so sagt er euch, an Geldeswert sei er niemand was schuldig und er kenne gute brave Leute die Menge. Und fragt ihr ihn endlich, was er von der Zukunft erwarte, so wird er entgegnen, er freue sich auf die Zeit, in der seine jungen Obstbäume Früchte trügen, und sollte er bis dahin nicht mehr sein, so würde wohl ein anderer die Nutznießung haben.
Mehr will ich nicht verraten. Und sollte doch jemand in der freundlichen Stadt Graz leben, der die Überschrift meines Kapitels zu anmaßend findet und selbst auf sie Anspruch machen zu können glaubt, der möge sich deß ja nicht laut melden, der möge es halten wie der Schnitzer vom Rosenberge und eine Dornenhecke ziehen um die stille Stätte seines Glückes.
Der Waldteufel.
In der Stadt Graz geht zeitweilig ein wunderlicher Mann um. Ein Mann mit klobigem, braunem Gesichte und einem großen roten Vollbart. Sein Lodenwams hat manchen Flicken, bisweilen sogar klaffende Nahte. Eine stattliche Ledertasche an der Seite, oder ein Bündel von Wurzeln und Kräutern. Über dem Bauch baumelt ein großes Bockshorn, mitunter auch manch andere seltsame Zier, deren Vorhandensein den Leuten nicht einleuchten will. Wozu an der Hüfte das Skelett eines Schafskopfes? Schafsköpfe trägt man doch sonst nur über dem Schlüsselbein. Das Merkwürdigste an dem Manne ist ein Riesenhut mit hohem Spitz, in der Art der alten Tiroler »Sternstecher«, nur noch viel größer; die breiten Krempen beherbergen den ganzen breitschulterigen Kumpan auf das beste. Dieser Hut ist zumeist mit wilden Blumen geschmückt, besonders aber mit Hahnen- oder Geierfedern, die hoch und keck in den Himmel hineinstechen. Sehr langsam schleift er dahin, immer wieder stehenbleibend, um mit singendem Rufe sich bemerkbar zu machen. Ich habe manchmal bemerkt, wie der Mann nicht ganz sicher durch die Straßen schritt; das ging nicht immer gerade aus, so wie es wohl sein Wille gewesen wäre. Gerne singt er ein dreistes Liedel oder läßt gar einen »Juchezer« fahren. Bisweilen aber grollt und flucht er -- und hat Grund dazu. Die Gassenjugend, die »liebe«, tut ihn nämlich manchmal gern ein wenig »aushetzen«, weshalb die Polizei ihn immer abschaffen will, anstatt die Gassenbuben abzuschaffen. Sie meint wohl, er solle nicht Ärgernis geben, und die gibt er auch nicht, so viel ich weiß. Es gibt viel ärgerlichere Dinge auf der Welt, als die absonderliche Tracht dieses lustigen Sonderlings, und werden doch nicht abgeschafft. Den Namen »Waldteufel« hat man ihm geschenkt, er hat ihn freundlich angenommen, erstens, weil er am Geierkogel eine alte Waldhütte bewohnt, zweitens, weil er im Walde Beeren, Pilze, Heilkräuter und Wacholderstauden sammelt, um sie den Stadtleuten zu verkaufen, und drittens, weil ja der Titel zu seiner Erscheinung nicht übel paßt. Wie andere Geschäftsleute ihre Orden und Ehrentitel, so benützt er den seinen zur Reklame und man kann manche Hauswirtin eilig über die Treppen herablaufen sehen, wenn sie nach dem Geschrei vernommen, daß der Waldteufel in der Nähe sei. Da lacht er dann gemütlich, bietet seine Wacholderstauden aus und meint, er möchte die »Kranabeten« gern in »Kranabetenen« umsetzen. Dieses Teufels einziges Höllenfeuer dürfte das Feuer des Wacholderbranntweins sein.
Wo der Mann sich zeigt, mit jemandem spricht, oder auch mit sich selber, oder mit einer Straßenlaterne, oder mit einer Statue, da sammelt sich um ihn bald ein Kreis von Zuhörern, die teils mit Neugierde, teils mit spöttischer oder mißtrauischer Geberde die Gestalt anstaunen, bis dann plötzlich irgend so ein Range hervorspringt, an seinen Kleidern zerrt oder ihn mit Staub bewirft.
Eines schönen Maimorgens sah ich den »Waldteufel« -- umringt wieder von Neugierigen -- vor dem neuen Hamerlingdenkmal stehen. Er schien gerade vertieft zu sein in ein Gespräch mit dem Dichter. »Du bist ein gescheiter Mensch gewesen,« hörte ich ihn noch sagen mit seiner rindenrauhen Stimme, »hast ihnen schon immer einmal was gesagt, denen, was sie nit ins Hutbandel stecken. Ein gescheiter Mensch! So wie auch ich einer bin!« Dabei verzerrte er sein klobiges Antlitz zu einer Fratze, als ob er seiner eigenen Gescheitheit ein Gesicht schneiden wollte. Der steinerne Dichter hat ihm nicht geantwortet; der lebendige Hamerling hätte für diesen Mann gewiß ein gutes Wort gehabt, obschon er solche Leute gerne mir überließ. »Die Waldteufel gehören Ihnen,« sagte er einmal, »mit diesen wissen Sie besser umzugehen als unsereiner, dem die Stadtteufel so viel zu schaffen machen.« Übrigens glaube ich, daß er das Wort »Stadtteufel« gar nicht ausgesprochen hat; man verstand auch, wenn er in halben Sätzen redete. Nun aber mit diesem »Waldteufel« wußte auch ich nichts anzufangen. So vor Leuten zu ihm hintreten und fragen: »Wie geht's euch! Wie lebt ihr? Was ist euch schon alles passiert? Was denkt ihr? Erzählt mir etwas!« -- das mag ich nicht, würde bei solchen Menschen auch nicht anschlagen. Oder man wird tüchtig gefoppt. Da heißt's möglichst gleichgültig dreinschauen und warten, bis so einer selber anfängt. Und mein Waldteufel fing an.
Diesmal hatte er einen besonders merkwürdigen Hut auf. Auch der hatte die Form der Sternstecher, nur dünkt mich, er wäre noch wuchtiger und riesiger als seine sonstige Kopfbedeckung. Manchmal war solcher Hut beklebt mit illustrierten Zeitungsannoncen, weiß aber nicht, ob zur selbstgewählten Zier oder ob schlaue Geschäftsleute sie ihm angeschwätzt hatten, so daß er für sie eine wandelnde Annoncensäule abgab. Ich vermute den Mann des Lesens unkundig und immereinmal ein Opfer fremden Vorwitzes. Diesmal war der Hut aus Baumrinden gemacht, in doppelter Schichte, daß er besser halten sollte; die sehr breiten Krempen waren zierlich gezackt. Aber diese Krempen hatten ein paar Löcher. Der Hagel hatte ihn geschlagen. Er pflege -- sagte der Mann in langsamer, gemütlicher Tonart -- bei Ungewittern nie unter einen Baum zu gehen, er bleibe auf freiem Felde stehen und warte, bis es vorüber sei. Das sei sonst schier am sichersten, aber diesmal habe ihm der Hagel die Löcher geschlagen. Nun, es sei ja recht. Sonst hätte er doch auch nichts, was ihm der Hagel schlagen könne. Außer diesem Hut hätte er wohl einmal ein Haus gehabt, aber das sei ihm abgebrannt. Sei ihm immer noch leid um dieses Haus, seien ihm viel Altertümer mitverbrannt. Er meinte damit wahrscheinlich alte Kleider, besonders aber den weitbekannten Filzhut, den er sich vor vierzig Jahren selbst gebaut hatte. Um seine Angabe zu bezeugen, zog er ein Zeitungsblatt aus dem Sack; als er das abgegriffene Papier mit ungeschickten Fingern entfaltete, wollte es gleich auseinanderfallen, als ob auch diese letzte Erinnerung an seine Hütte zunichte werden sollte. Da stand denn in einer Notiz beiläufig erwähnt, daß am Geierkogel eine Hütte abgebrannt sei, in welcher der sogenannte Waldteufel sich manchmal aufgehalten habe. -- So weit war auch dieser Naturmensch schon von der Kultur beleckt, daß er sich etwas Besonderes dünkte, »weil er in der Zeitung stand«. -- Ja, Alter, das hat man davon, wenn man in die Stadt geht, Pilze und Kranabetstauden zu verkaufen. In die Zeitung kommt man, gedruckt wird man, gerade so wie der Dichter, der dort in Stein auf dem Sockel sitzt. -- Da sagte er auf einmal: »Ihr Herren! Wenn ich alle Steine, die mir in Graz die Gassenbuben schon nachgeworfen haben, zusammengetragen hätte auf einen Haufen, es wäre auch ein Denkmal. Wäre ~auch~ eins! Wie mich die Kinder aushetzen.«
Es gibt ja böse Buben, hier wie dort. Der Unterschied, daß die Landkinder sich vor dem Waldteufel fürchten, während die Stadtjugend mit ihm ihren Spaß hat. Wie die löbliche Polizei sagt, Ursache daran wird doch wohl er selber sein mit seiner auffallenden Tracht. Ob er sich aus Eitelkeit so trägt? Oder ob er damit die Aufmerksamkeit der Leute aus praktischen Gründen auf sich lenken will? Vielleicht beides. Leicht ist sein Geschick sicherlich nicht. Wenigstens nicht in unseren Augen. Er selbst -- wenn man ihn so sprechen hört -- wüßte allerdings nicht, was ihm fehlt. Es müßten nur die »Altertümer« sein, die ihm verbrannt sind.
Als Beweis für die Schlauheit des Waldteufels wird ein Stückl erzählt. Wandern da einige bergfrohe Herren aus der Stadt auf den Geierkogel. Der Weg ist weit und die Sonne brennt heiß. Nirgends im Kalkboden eine Quelle, nirgends ein Labsal! Endlich ein Haus, vor dem einige Knechte stehen, darunter der wilde Waldteufel. Freundlich bitten die Ausflügler um einen Trunk Wasser, der ihnen aus einer Lagel gern und ohne Anspruch auf Bezahlung gewährt wird. Mit einem herzlichen »Gelt's Gott!« wollen sich die Städter wieder entfernen, da fängt der Waldteufel zu munkeln an: »Ich muß das Wasser weit hertragen und ihr schenkt es den reichen Städtern. Holt euch von morgen ab selber das Wasser herauf!« Natürlich griffen die Herren sofort in die Tasche und legten Nickel auf Nickel in die nun demütig dargebotene Hand des Waldteufels. Kaum waren die Ausflügler außer Hörweite, da zeigte der Fechtbruder seine Kollekte den Knechten mit den Worten: »Da, zwei Gulden fünfzig, und merkt's euch, wie leicht man bei den Städtern Geld verdienen kann!« Es braucht nur noch erwähnt zu werden, daß sich der Waldteufel nie mit Wassertragen abgegeben hat.
So ist es ihm sein Lebtag gut gegangen. Sein Vater, ein Tiroler, hat seine Mutter, eine Kärntnerin geheiratet. Und das Kind nachher ist ein Steirer geworden. Also drei Heimländer. Wer hat mehr? Er ist sein Lebtag viel gereist. Nicht bloß in den drei Heimatländern, wohl auch in Italien, im Küstenland und weiter um. Sein Vater war »Künstler«, Holzschnitzler, und ist dann mit seinen Waren: Holzschüsseln, Kornschaufeln, Kochlöffeln und dergleichen hausieren gegangen. Der Sohn ist überall mit ihm gewesen. Nicht jede Nacht haben sie ihr Quartier gefunden.
Nun, im Freien ist's auch bequemer, da hat man weit genug, hat frische Luft und wird nicht geniert. Das Gras auf der Wiese ist auch ein Federbett, ein ganz frisches, und kein Königskind hat ein süßeres Schlaflied, als das die Grillen singen. Aber noch lieber ist der »Franz« auf Steinhaufen gelegen, da kann man sich mit den Ellbogen das Bett graben wie man's gern hat. »San die Gliederlan wohl immer a bissel steif worden; muß einer nachher halt wieder brav laufen, alsdann werden sie schon wieder gelenkig.«