Chapter 28 of 28 · 973 words · ~5 min read

Part 28

»Und hat's Euch nicht geschadet, bei Nacht und Wetter so im Freien schlafen?«

»Bis jetzt nit. Gesund, Gott sei Dank, bin ich alleweil gewest.«

»Wie alt seid Ihr denn?«

»Im Achtunddreißigerjahr geboren.«

»Was? Und nicht ein graues Gran im Bart!«

»Aber da, lieber Herr!«

Er hob seinen Hut vom Kopf, da hatte er noch eine schwarze Haube auf, wohl zum Schutz vor dem drückenden Baumrindendach. Das verschwitzte Haar hatte graue Fäden.

»Seht Ihr, und so einen würdigen Herrn will die Polizei abschaffen!« Er sagte es munter gegen einen Sicherheitswachmann hin, der den Waldteufel schon lange beobachtet hatte, ohne ein Arg an ihm zu finden. Dann hob er mit beiden Händen den Hut langsam und bedächtig wieder auf den Kopf. Einer, der diesen Hut vorwitzigerweise versucht, behauptete, er wiege wenigstens fünf Pfund. Dem Manne schien die Gefahr des Abgeschafftwerdens nicht aus dem Kopfe zu gehen. Es schien ihm schon oft passiert zu sein, obwohl die Behörden nie recht wußten, wohin mit ihm. Von den drei schönen Alpenländern wollte jedes das bescheidenste sein und auf den drolligen Vagabunden verzichten. Er wäre ja doch in keinem geblieben. »Ich tu' halt so viel gern reisen, so viel gern reisen! Und abgeschafft werden wir alle einmal!« lachte er laut, gegen den Wachmann hin. »Bis wir alt sind, werden wir alle abgeschafft. Aber ich bin decht noch jung.«

»Ja, bloß sechsundsechzig Jahre!« redete ich drein.

»Was ist das, sechsundsechzig Jahr! Meine Mutter ist hundertvier Jahr alt geworden. Mein Vater ist hundertvierzehn Jahr alt geworden, weil er brav Schnaps getrunken hat. Heut' kunnten sie noch leben, wenn --«. Er hielt ein mit irgend einer Anklage und setzte schmunzelnd bei: »Wenn sie nit gestorben wären.«

»So habt auch Ihr Aussicht, alt zu werden?«

»Ich werde zweiundachtzig Jahre alt,« antwortete er ruhig. »Damit wir zusammen dreihundert Jahr ausmachen, alle drei. Dreihundert ist kein Spott mehr. Mein Vater hat allemal gesagt, er möcht's gern derleben, daß die Leut' gescheiter werden. Hundertvierzehn Jahr ist er alt worden und hat's doch nit derwarten mögen. So lang mag ich nit leben, so lang nit. Nur das möcht' ich noch sehen, wie's ausschauen wird auf der Welt, bis die Leut' ~noch~ dümmer geworden sind.«

Da hatten wir gleich seine Meinung über den Stand unserer Welt. Er brauchte keine langen anarchistischen Reden zu halten, keine pessimistischen Bücher zu schreiben -- das eine Wort sagte alles. Er, der keinen anderen Rock hat, als das in allen Nahten klaffende Lodenwams, kein anderes Dach, als den Rindenhut -- von der Art seiner Nahrung war überhaupt nicht die Rede -- er fühlte sich erhöht über die Millionen der Durchschnittsmenschen, die ihn erst dann interessieren werden, bis sie noch dümmer geworden sind.

Wie war nun dem stolzen armen Manne beizukommen? »Waren« hatte er diesmal nicht bei sich, die ihm etwa abzukaufen gewesen wären. War man sicher, daß der hohe Herr, der bedürfnislose, freie König des Waldes, eine bescheidene Gabe nicht zurückweisen würde?

»Wie würdet Ihr es halten?« fragte ich ihn tückisch, »wenn ein armer, braver und ganz zufriedener Mensch dastände und jemand gäbe ihm ein Silberstück in die Hand. Wäre das gescheit oder dumm?«

»Das wäre gescheit, das wäre gescheit!« rief er aus.

»Und was glaubet Ihr, daß der arme, brave und ganz zufriedene Mensch mit dem Silberstück anfangen würde?«

»Schnaps kaufen!«

So weit ging sein Freiheitsstolz -- und nicht weiter. Alle Bande hatte er abgestreift oder gesprengt, aber der Schnaps war sein Herr und Gebieter geblieben. Doch ich sah ihn keinen trinken. Ehe wir auseinandergingen, vertraute er mir noch ein Geheimnis an. Er sei gesonnen, sich demnächst zu veräußern. Er stehe in Unterhandlung mit der medizinischen Fakultät, er wolle ihr seinen heiligen Leib verkaufen. Bei dem Worte heilig schnitt er eine ganz abenteuerliche Grimasse. Er glaube, mit fünfhundert Gulden sei der Waldteufel nicht überzahlt, aber man spare immer am unrechten Orte und wolle ihm nur dreihundert geben. So viel aber sei die Haut allein wert, wenn sie ausgestopft werde. Was habe er dann für die Knochen? Daß diese auch hübsch was nutz seien, beweise er jedem, der es bewiesen haben wolle. Er hob den Arm mit der geballten Faust. Indes hätte ihm ein Wachmann geraten, sich nicht voreilig zu verkaufen, er lebe dann keine drei Wochen mehr! Die Studenten seien so viel gierige Leut', die würden seinen Tod nicht abwarten wollen, sondern recht bald mit »einem Stupferl von hinten« nachhelfen, daß sie zu ihrem Kadaver kämen. Überhaupt würde er am Arm gezeichnet werden und dürfe auch nicht nach Amerika, oder sonst übers große Wasser. Als Mann der Freiheit vertrage er das nicht. Es sei also eine Lebensfrage, ob er sich derweil nicht doch noch behalten solle. Es werde am besten sein, er gehe fleißig betteln. -- Und machte sich auch gleich ans Tagewerk.

Weiter weiß ich nichts von ihm. Jedenfalls erreicht der Mann ein hohes Alter, besonders, wenn er nach dem Grundsatz seines Vaters so lange leben will, bis die Leute gescheiter geworden sind.

Von Peter Rosegger erschien zuletzt im gleichen Verlage:

Frohe Vergangenheiten Launige Geschichten

Mit einem Vorwort von ~Hans Ludwig Rosegger~

15. Tausend

»Der Titel trifft auf die Erzählungen, die, ernst und heiter vermischt, ~das schalkhafte Gesicht des Waldschulmeisters fleckenlos spiegeln~, absolut zu. ~Es ist echtester Rosegger~: Waldweisheit, die allerhand reizvolle Patina angesetzt hat und dennoch nicht nur ehrwürdig, sondern lebendig wie jedes Wort ist, das Rosegger je geschrieben hat. -- ~Ganz ungewöhnlich lesenswert aber und als menschliches Dokument so ziemlich alles, was in den letzten Jahren auf dem Büchermarkt erschien, überragend, ist die dem Bande voran gesetzte »Lebns-Beschreibung«.~ Die Orthographie ist die des fünfzehnjährigen Bauernbuben, aber das, was der »Autor« mit früherwachter Selbstkritik, »keine interesande Geschichte« nennt, ist nicht literarische Kuriosität, sondern in seiner Wahrhaftigkeit und in der Hilflosigkeit des von allen ersehnten Quellen des Wissens ausgesperrten Bauernbuben ~rührend und erschütternd. Alle Schulorthographie ist, gegen dieses erste Stammeln eines großen Menschen gehalten, Makulatur.~«

Karl Marilaun im »Neuen Wiener Journal«.