Part 9
Der Lamel nahm das blau eingebundene Ding in Empfang, legte es in seinen Schrank und ließ dem Fremden Nachtmahl und Nachtlager geben.
Am anderen Morgen, noch ehe die Sonne und der Lamel aufgingen, war der alte Wanderbursche davon und mit ihm das neue Paar Juchtenstiefel des Wegwart. -- Fand es eigentlich soweit in Ordnung, der Lamel, denn gute Stiefel müssen wandern und ein echter Haderlump muß stehlen. Aber wie ein Mensch so leichtfertig sein kann, sein Wanderbuch im Stiche zu lassen! -- Das blaue Buch lag noch im Schranke, der Lamel öffnete, durchblätterte es -- ja, was ist denn das für ein wunderlich Wesen? Ein Wanderbuch allerdings, aber ein gedrucktes. »Das Buch über die Seelenwanderung« war es benamset und bei näherer Untersuchung enthielt es große Abhandlungen in langen Kapiteln mit geheimnisvollem Dunkel und tiefer Weihe geschrieben. Der Verfasser war nicht genannt -- so konnte es auch der heilige Geist selber diktiert haben.
Und als wieder die Feierstunden kamen, da schaffte sich der Lamel einen Krug Weines ins Stübchen und begann das Buch von der Seelenwanderung zu lesen. Das erzählte fürs erste die Geschichte des Glaubens an die Seelenwanderung, wobei natürlich viel von den alten Ägyptern die Rede war, kam auch später auf das Feld der Spiritisten. Und schließlich verharrte das Buch gläubig bei folgender Lehre:
»Jene Engel, die im Himmel sich versündigt hatten, verstieß Gott in eine Ödnis, so die Erde heißet. Auf der Erde lebten die Verstorbenen in Leibern aus Lehm und waren anheimgestellt der Drangsal und sollten ihren Fehltritt sühnen, bevor ihr Leib wieder zu Lehm sich lösete. Wenigen gelang es, in ihrer irdischen Natur, sozusagen in einer Hülle von Kot, sich zu reinigen; denen es gelang, die wurden wieder in die Himmel aufgenommen; denen es nicht gelang, die mußten von neuem in irdische Leiber zurückkehren, und dies immer wieder und so lange, bis sie durch Not und Trübsal genugsam rein geworden, etwas Großes hier gewirkt hätten und endlich dereinst in die Himmel aufgenommen werden. So ist das Menschengeschlecht entstanden und so muß es fortbestehen, bis der letzte Engel seinen letzten Fehl, er rühre noch vom himmlischen Reiche oder von seinem vorhergegangenen Erdenleben her, gesühnt hat. Zum Beispiel Abraham, Moses, Paulus, Mohammed, Karl der Große, Kolumbus, Schiller usw. gehören nun zu den Erlöseten, die, wie oft sie auch früherhin in Erdenleibern gewesen sein mögen, ihre Büßerbahn erst mit dem Dasein, in dem sie das Große gewirkt, beschlossen haben. Hingegen, um nur weltberühmte Übeltäter zu nennen, zum Beispiel Pharao, Herodes, Nero, Alexander V., Napoleon und andere haben mit diesen ihren Existenzen nicht abgeschlossen, müssen so oft und so lange wieder in menschliche Leiber zurückkehren, bis nicht allein ihre Verbrechen in den Himmeln, sondern auch ihre bösen Taten auf Erden gebüßt sind. Wie oft, Leser -- so schaltete das Buch packend ein --, magst du schon auf Erden gewesen sein? Wer weiß es denn, ob du nicht der Kain warst, oder Alexander der Große geheißen, oder Pontius Pilatus, der unsern Herrn ans Kreuz schlagen ließ, oder Robespierre, der Wüterich von Paris? Der Urvater Adam selbst kann heute noch auf Erden wandern, etwa in deinem Gebietiger (so zu lesen), der dich schützt und schlägt, etwa in dem Bettelmann, der dich um Almosen anfleht, etwa in dir, in deinem Sohne!« --
Fast hätte der Lehm-Lamel über das merkwürdige Buch des Apfelweines vergessen. ~Das~ war ein Buch. Das leuchtet ein. Ja, jetzt ist das Rätsel gelöst. Darum die Welt, darum die vielen armseligen Menschen, darum die wenigen großen Taten und darum das Sprichwort von einem großen Wohltäter: »So einer kommt nicht wieder!« Und das Böse wird bestraft und das Gute belohnt und die Erde ist eigentlich das Fegefeuer. Wie das stimmt! -- Und ein solches Licht für ein paar Juchtenstiefel! Wer weiß! Der alte Handwerksbursche kann ein guter Engel gewesen sein; man kann's nicht wissen -- gar nichts kann man wissen auf der Welt, als was in diesem Buche steht.
Und wieder und immer wieder las der alte Wegwart in der wunderlichen Schrift. Oft sann er lange und ernstlich über sich selbst. -- »Jetzt steht die Welt schon sechstausend Jahr', und du bist noch nicht fertig, Lehm-Lamel, gefallener Engel, bist noch immer da? An die neunzig Menschenalter sind seit der Erschaffung der Welt, hast sie alle durchgemacht und bist erst noch nichts als der dumme Wegwächter, dem alle Rösser der Welt auf die Arbeit pissen. Was hast denn immer getrieben, du Haderlump? Viel mag ich nicht wetten, du bist bei den Zigeunern gewesen ...«
Er las sich streng die Leviten und trank Apfelwein dabei, und tatsächlich, es war ihm zumute, als hätte er auch vor mehreren tausend Jahren schon aus dem Kruge getrunken -- zu Noahs Zeiten -- nur bedünkte ihm, der Wein wäre damals nicht ganz so sauer gewesen als heute. -- Der Wein hat auch seinen Geist; seine Seele demnach. Wie wenn auch diese wanderte? Der Saure, der Gewässerte, der künstlich Gezuckerte und Durchgeistigte -- nimmer erfüllte er seinen Beruf, er muß noch einmal in die Kelter. Aber der Apfelwein ist ohne Falsch und vermag -- wenn man betrachtet, wie der kräftige Lamel zuweilen auf dem Boden liegt -- Großes zu vollbringen. -- So wird der Apfelwein über kurz den reinen Geistern beigesellet sein ...
Der Lamel war bisher Junggeselle geblieben, so war fürs erste niemand da, der zu seiner seelischen Reinigung beitrug, und der ihn fürs zweite in seinen Grübeleien zerstreut hätte. Also verbiß er sich immer mehr in das Buch von der Seelenwanderung, und also wurde er allmählich ein Narr. Die Idee, ob er nicht etwa doch einer aus dem Alten Testamente sei -- er las nebenbei auch immer die Bibel -- und ob nicht gar die Seele des unerlösten Adam in ihm stecke, trug er lange mit sich herum. Und in seiner Vermutung wurde er bestärkt, als er sich jählings in ein junges Weib verliebte. Er war noch nicht zweimal zwanzig Jahre alt und durchaus, vom Fuß bis zum Kopf, ein Wegwart, der sich sehen lassen durfte. Sie war eine Kalkbrennerin in der Gegend; die schöne Strinerl geheißen; ihre Haare waren so gelb wie das Korngehalme auf dem Felde zur Zeit, wenn der Schnitter kommt. Ging der Lamel zur Schnittzeit über die Felder, so las er nicht ungerne die bauchigen Körnlein aus den Ähren und zermalmte sie mit seinen urtüchtigen Zähnen. Und dachte dabei an den Schatz.
Aber -- Lehm-Lamel-Adam, kannst du dich denn nicht mehr erinnern, das voreinstmalen die goldhaarige Eva schuld war an deinem Falle, an deiner Austreibung aus dem Paradiese und an deiner ruhelosen Seelenwanderung durch die Geschlechter der Menschen? -- Der Apfelbiß in der Bibel! nichts als Blumensprache, du weißt es recht gut. Lehm-Lamel-Adam! Was zieht doch täglich für ein Volk die Straße entlang, an dir vorbei? Ein unselig Volk von Bettlern, Vagabunden, Tagedieben! Dort wankt ein Blinder, geführt von seinem halbnackten Kinde; dort schleppt ein kraftloses Maultier einen lahmen Mann; dort geleiten Schergen einen Übeltäter heran und drüberhin flattern und krächzen die Raben. Hier sprengt mit Roß und Wagen ein anderer Übeltäter vorüber; dort liegt ein Waisenknabe im Straßengraben und ächzt. Sechs schwarze Hengste führen die Leiche eines reichen Selbstmörders ihrer prunkenden Gruft zu. Dort am Steinhaufen kauern Mann und Weib und Kinder in Lumpen; die Kinder schreien nach Brot, der Mann verflucht sein Geschick. Und hier wankt ein Enttäuschter, Vernichteter des Weges zurück, den er vor kurzer Zeit erst mit fliegenden Plänen und Hoffnungen gezogen. Und so zieht's Tag für Tag und Jahr für Jahr die breite Straße entlang; ganze Kriegsheere dazwischen, ausfahrend, um zu morden und zu rauben. Und das -- all das ist das Menschengeschlecht. Adam, das ist deine Sippe! -- Und wiederum gehst du auf Freiersfüßen, anstatt anzupacken, daß die ganze mißratene Brut vertilgt werde!
So schrie das Gewissen dem Wegwart in die Ohren.
Es war nur ein alter Eseltreiber, der eines Tages beim Wegwart zusprach.
»Lehm-Lamel!« rief er durchs Fenster hinein, »weißt du schon, daß die Strubacher-Leut' nicht mehr sprechen können? Sie heißen dich den Lahm-Limmel.«
»Treib' deine Esel in meinen Obstgarten,« sagte der Lamel, »und setz' dich zu mir, ich muß dir doch etwas aus diesem Buche vorlesen.« Dann hub er an und teilte dem Treiber die Lehre von der Seelenwanderung mit. -- »Und für ein Paar Stiefel hat mir ein Landstreicher dieses Werk im Haus gelassen!«
»Der hat gewußt, was er getan hat,« rief der Eseltreiber und schlug mit der flachen Hand aufs Buch, »aber Leder ist hier ~mehr~ drin.«
Als sie tiefer in das Gespräch kamen und der Lamel mitgeteilt hatte, daß mutmaßlich die Seele des Adam aus dem Paradiese in ihm stecke, neigte der Treiber zustimmend den Kopf. Und als sich jener Rates holte, was er denn eigentlich werde tun müssen, um sich zu erlösen, sagte dieser: »Luderleben sollst keins führen, das ist die verbotene Frucht. Selbst meine Esel möchten Heu haben und müssen Stroh fressen. Aber das Müssen gilt nicht. Wer's freiwillig tut, dem ist's ein Verdienst.«
»Ich hüte mich wohl,« sagte der Lamel, »da schau meine Obstbäume an, die schönsten Äpfel, die prächtigsten Äpfel! Du, ich sag' dir, nicht einen einzigen ess' ich im Jahr. Gott hat schon im Paradiese den Apfel verboten.«
»Geh,« lachte der Eseltreiber, »du bist schlau, die Äpfel ißt du nicht, aber ihren Saft pressest du heraus und damit trinkest du dir die Räusche!«
Schier zu Tode erschrak der Lamel über diesen Vorwurf; er sah es plötzlich ein, der Eselmann hatte recht, im Apfelwein genoß er die verbotene Frucht.
Und von dieser Zeit an hatte sich der Wegwart fest vorgenommen, nicht einen Tropfen des falschen Getränkes mehr zu trinken, als bis er im Reiche Gottes zur »Rechten« säße. Es gelang ihm eine erkleckliche Weile, seine argen Gelüste zu zähmen und seinen sündigen Menschen zu verleugnen, und er hatte schon gegründete Hoffnung, daß Adams langwierige und langweilige Seelenwanderung in dem schlichten Wegwart endlich ihren guten Abschluß finden würde.
Da war einmal ein heißer Sommertag und da kam die schöne Strinerl die staubige Straße gegangen. Sie sah den Schatten in des Wegwarts Obstgarten, sie hörte den Brunnen rieseln; so trat sie in den kleinen Hof, um zu trinken.
Schon hielt sie die braune, hohle Hand unter den klaren Strahl, als sie der Lamel vom Fenster aus bemerkte.
»Närrchen, Närrchen!« rief er, »was wirst Wasser trinken! Ich habe einen guten Apfelwein im Keller, ich selber brauch' ihn nicht; für wen hätt' ich ihn, Dirndl, als für dich?«
Er eilte in den Keller, entspundete ein Fäßchen und steckte einen Schlauch hinein, um die Gottesgabe in den bereiten Krug herauszuheben. Doch, als er mit dem Atem hob und als es kühl und feucht wurde unter seinem lechzenden Gaumen, da kam er ins Saugen und der Wein ging durch den Schlauch geradewegs in seine Gurgel. Er trank herzhaft drauflos, vergaß die gelblockige Strinerl, vergaß den Adam, trank und trank die langentbehrte Labe -- trank und sank endlich auf den kühlen Lehm des Kellers hin.
»Lamel!« lallte er schläferig, »war ~das~ ein Durst! Und er ist noch -- nicht gelöscht. Will ihn gründlich löschen -- den Durst, weil ich schon dabei bin. -- Strinerl, komm' her! -- 's hilft nichts dafür, der Mensch ist wie er ist. Er mag sich drehen und spreizen wie er will, er mag ein Röckel tragen, blau oder rot. Oder gar keins. Er mag sich die Haut umwenden. Mag auf dem Fuß stehen oder auf dem Kopf. 's ist alles eins. 's ist und 's bleibt der alte Adam ...«
Der Säemann.
Seit Jahrhunderten gab es im Tale keinen merkwürdigeren Mann als den Samstag-Christof. Er hätte dreimal Anrecht gehabt auf das Spital, denn er war übel geboren. Eine Krankheit hatte ihn zugerichtet, er war stocktaub und einäugig und hatte eine verstümmelte rechte Hand. Aber seine Linke war gesund und ernährte drei Gemeinden. Der Christof war arm und wohnte unter dem Strohdach einer Scheune. Als Knabe entsprang er dem Krankenhause, in das ihn der Vormund nach dem Tode der Eltern gesteckt hatte; die erste Nacht nach seiner Flucht verschlief er in der Scheune, und seitdem war diese sein Daheim gewesen, und er hatte in ihr seinen ersten Bart und seine weißen Haare erwartet. Aus Stroh hatte er sich ein Stübchen geflochten, das sah aus wie ein mächtiger Korb, und hielt die Kälte und Hitze ab. Das Stroh beschützte den Mann ja gern, denn jeder Halm verdankte ihm das Leben und die Ähren ließen gerne ihre rundesten Körner dem guten Christof zum Brot. Der Mann war eine Gestalt zum Erbarmen; aber es gab keinen Amtmann weit und breit, der so geehrt und in sich so glückselig war, als der Samstag-Christof.
Der Samstag-Christof war wie die Kraft Gottes, des Schöpfers, könnte man sagen; worüber er seine Hand ausstreckte -- und es war doch nur die linke -- das wurde gesegnet. Man wußte nicht, woher es kam, es war eine angeborene Eigenschaft; Christof war der berühmteste Säemann im ganzen Bergland. Es gab sehr geschickte und erfahrene Bauern im Tal, sie hatten -- darüber war nicht zu klagen -- fleißige Hände und volle Speicher, sie verstanden das Ernten -- aber das Säen verstanden sie lange nicht immer. Einmal ging das Korn zu dicht auf und erstickte sich, das andere Mal standen die Halme schuhweit auseinander und jede Ähre hatte ein ganzes Ländchen für sich -- dafür trugen sie auch den Kopf hoch und waren leer und spießig, statt voll und glatt. Oft waren mitten in den Äckern leere Gassen, durch die Roß und Wagen hätten ziehen können, ohne ein Hälmlein zu beschädigen. Ein Sträfling kann die Gassen, durch die er Spießruten laufen muß, kaum stärker hassen, als der Bauer solch eine leere Gasse durch sein Kornfeld haßt. Die Samenkörner mit vollen Händen hinzuwerfen, ist freilich leicht, aber das Erdreich ist braun und die Körner sind braun, und es ist schwer, die Gleichmäßigkeit einzuhalten, daß kein Fleckchen leer bleibt oder keine Handvoll auf die andere fällt. Gute Augen, ein gleicher Schritt und eine sichere Hand gehören dazu.
Der Samstag-Christof hatte nur ein einziges Auge, das gewiß nicht über die Ecke der Nase sah, und er hatte sichelkrumme Füße, und er hatte nur die »dengge« Hand, und dennoch blieb, wenn er säete, auf dem ganzen weiten Felde keine Handbreit leer und kein Korn fiel auf das andere. Wenn auf Christofs Acker der Same aufging, so war das so gleichmäßig wie eine grünende Wiese, und wenn er reifte, legte ein Halm seine schwere Ähre auf die Achsel des andern.
Darum suchten alle den Christof auf in seinem Strohkorbe, darum tat der Christof im Frühjahre und Herbste zwei Monate nichts als säen, und er säete auf allen Feldern des ganzen weiten Tales. Da trug er ein großes, weißes Tuch um die Lenden, und darin hatte er das Samenkorn, ein strotziges Bündel. So legte er fast mit Grazie seine Linke hinein und schwang sie dann gefüllt -- nicht auf das gelockerte Feld. -- Die erste Handvoll warf er auf sandigen Boden oder auf einen Felsen, oder hin über das Heidekraut des Raines. Warum er's tat, das sagte er nicht und keiner stellte ihn darob zur Rede. Dann aber ging's über das Feld, von einem Rain bis zum andern. Wie er die Hand so schwang im Halbkreise, da zogen von ihr die braungelblichen Strahlen der Körner aus, und sie verdünnten sich in der weiten Runde und wurden unsichtbar, bis sie zur Erde fielen. Gleich kamen auch die Vöglein herbeigeflogen von den nahen Bäumen und von den Büschen. Sonst hüpfen sie gerne auf den Erdschollen herum und picken die frischgesäeten Körner auf, aber dem alten Christof flogen sie auf die Achsel oder die Lederhaube, und einmal ließen sie sich gar wundersam nieder zum Kornsack und schnappten nach Lust die Dingelchen heraus. Als ob es ihnen gesagt worden wäre, daß das Körnlein im Sacke geradeso sättigt wie das Körnlein im Erdreiche, obwohl das erstere nur ein einzig Körnlein bedeutet, das letztere aber eine ganze schwere Ähre.
Keine Handlung im formreichen Kultus des Landmanns ist so würdevoll und heilig wie das Hinlegen des Samenkornes in die Erde. Das ist Glaube und Hoffnung, das ist ein Begräbnis mit der kindlichsten Zuversicht an die Auferstehung. Ich habe noch keinen lachenden, singenden oder plaudernden Säemann gesehen; der tollste, ausgelassenste Bursche schreitet bei dieser Arbeit still und ernst einher, als sei er zur selbigen Stunde ein Wundermann, der mit wenigen Broten viele speist. Es ist, als ob den Säemann bei dieser Handlung eine Ahnung überkäme von seinem eigenen Hinsinken in das Erdreich und Wiederhervorgehen zu neuem Leben.
Freilich wohl liegt über diesem tiefen Meere der Poesie, sowie immer im Volke, der Schaum des Aberglaubens. Der Säemann soll ein Sonntagskind sein und die Arbeit nur bei aufnehmendem Monde verrichten. Gesagt ist, daß der Same besser gedeiht, wenn er früher mit Weihwasser übergossen wird; das Wasser müßte aber nicht gerade geweiht sein, die Hauptsache ist nur, daß es befeuchtet. Sonst wird beim Säen die erste und die letzte Handvoll kreuzweise hingeworfen, damit nicht etwa der böse Feind Unkraut unter den Weizen menge. Aber der Christof tat das nicht, die erste legte er auf unfruchtbaren Grund und die letzte -- es war recht und billig -- behielt er sich zum Eigentum. Hatte er an einem Tage zehn Äcker besäet, so hatte er sich zehn Hände voll Korn erworben; so ließ sich in der Säezeit der Lebensunterhalt für das ganze Jahr zusammenbringen.
Im Tale lebte ein häßliches Weib, die Brennessel-Gret. Es war eine arme Witwe, mit drei kleinen Kindern; es war auch ein Säeweib und hatte sich und anderen durch seine böse Zunge schon viel Unkraut ausgestreut. Die Gret liebte keinen Unglücklichen, umsomehr haßte sie den Glücklichen. Der Samstag-Christof, arm und häßlich wie sie, aber geachtet von allmänniglich und geliebt von jedem Kinde, selbst von den Vöglein der Lüfte, war ihr ein Dorn im Auge. Im allgemeinen achtete man nicht auf die Brennessel-Gret, was sie auch sagen und tun mochte. Auf einmal aber ging ein Gerücht durch aller Leute Mund: Nun, endlich wisse man's, warum der Samstag-Christof so trefflich säe, er benütze den Bösen dazu, der müsse ihm jedes Korn auf den genau abgemessenen Platz in die Erde legen und bekäme dafür die erste Handvoll, die der Christof auf unfruchtbaren Boden wirft. Der Samstag-Christof sei ein Hexenmeister.
Man weiß, wie Bauern sind -- im nächsten Jahre säete jeder sein Kornfeld eigenhändig, und dem alten Christof wich man aus und grüßte ihn kaum mehr. Dieser lebte verborgen in seiner Scheune, während draußen der Frühling war. Aber als die Saat aufging, gab es über die Felder hin viele aschgraue, kahle Streifen und zur Blütezeit wucherte Nesselkraut und Hederich zwischen den Halmen und in den Erntetagen lagen die Garben dünn zerstreut auf den Stoppeln.
Im nächsten Herbste wurde in der Hütte der Brennessel-Gret viel gebetet und geflucht. Das Weib hatte sein Kornackerl bestellt, aber nun bekam es, wie sonst alljährlich, keinen Samen von der Nachbarschaft; erstens, weil solcher in diesem Jahre rarer war als sonst, zweitens, weil sich das Weib immer mehr verhaßt gemacht hatte. Alles bestellte seine Wintersaat, aber der Acker der Witwe blieb brach liegen. Christof hatte in seinem Vorrat einen Kübel Korn; da dachte er bei sich: Streue ich diese Körner auf ihr Feld, so bin ich wieder der Hexenmeister, und bleibt ihr Acker leer, so verhungert sie mit ihren Kindern. -- Da war der alte Mann einmal über eine Nacht nicht in seiner Scheune.
Der Winter kam und ging vorüber; in der Hütte des Nesselweibes war Trostlosigkeit; die Grete betete für ihre Kinder und verfluchte alle übrigen Menschen. Aber im Frühjahre, als alle Felder grünten im weiten Tale, grünte auch das der Witwe; es ging aus demselben das Korn auf in saftiger Fülle und schöner Gleichmäßigkeit, erquickender zu sehen, wie alle Äcker der Großbauern. Der Samstag-Christof hatte hier gesäet, es ließ sich nicht leugnen. Nächtlicherweile mußte er es getan haben, und dennoch stand jedes Hälmlein von den anderen wie abgemessen. Das hätte den Argwohn von dem »Hexenmeister« wohl bestärkt, aber der Pfarrer sagte: »Er hat Almosen gegeben mit der Linken, ohne daß es die Rechte wußte; er ist, umgekehrt wie im Evangelium, gegangen auf den Acker des Feindes um Mitternacht und hat das Unkraut zertreten und guten Samen gestreut.«
Ich habe den alten Samstag-Christof noch gekannt. Über seinen Körper schienen alle Übel kommen zu wollen; in seinen letzten Jahren war er so buckelig, daß er wie ein Ballen herangewandelt kam. Sein niedergebeugter Kopf war kaum einen Fuß von der Erde entfernt, seine hageren Hände, wovon die Rechte fingerlos war, hingen nieder bis zum Boden; es war, als ob er alle Körner wieder auflesen wollte, die er in seinem Leben ausgestreut hatte. An einem Samstagabend fand man ihn mitten auf einem reichen Kornfeld leblos, tief zusammengekauert wie ein Samenkorn, das, in Verwesung übergehend, keimen will. Man konnte den Greis nicht mehr gerade legen, der Sarg mußte kurz und breit sein.
Das Grab des alten Christof wurde bald weit und breit bekannt; es wuchsen Halme auf ihm und Kornähren daran. Die alte Brennessel-Gret führte ihre drei Kinder zum Hügel, pflückte jedem eine Ähre und sagte: »Nehmt und bauet sie an.«
Zwei dieser Kinder besitzen heute weite Kornfelder, herausgewachsen aus den zwei Ähren; das dritte aber hat seine Ähre verworfen und zieht hab- und heimatlos durch die Länder.
Der scheltend' Schuster.
Da stand in den Zeitungen der Bericht von einem Manne in Boston, der jedesmal, wenn er fluche, ein Geschenk zu kirchlichen Zwecken gebe, auf diese Art bereits ein Bethaus erbaut habe und nun dabei wäre, einen Turm auf die Presbyterianerkirche zu fluchen.
Dieser Bericht erinnerte mich an den Flucher Martin Leitner in Fischböckgraben, welcher Leitner unter dem Namen: »Der scheltend' Schuster« weit und breit bekannt war. Um ein guter Flucher zu sein, braucht man rhetorisches Talent; mit etlichen groben Redensarten allein ist's da nicht abgetan, die bringt jeder ungehobelte Bauer zuweg, ja selbst der Stadtherr und die Stadtfrau, was mir eine ganze Welt von dienstbaren Geistern beweisen helfen kann. Der geborene Flucher flucht mit Grazie, mit Humor, mit Wärme und Empfindung, mit schönem Pathos, kurz, mit dichterischem Schwung. Ihm steht eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Form zu Gebote, ein Bilderreichtum gewaltiger Phantasie, sein Fluch ist als Ausdruck der Empfindung ein poetisches Werk lyrischer Art. Fluchen und Beten sind scheinbar sich ganz entgegengesetzte Dinge, in Wahrheit aber gleichartiger Natur: Beides ist eine Wunschäußerung des Gemütes gegenüber einem übernatürlichen Geiste. Zum Glücke wird so selten andächtig geflucht als andächtig gebetet.
Der Schuhmachermeister Martin und sein Geselle, der fromme Barthel, leisteten in beiden Fächern ganz Erkleckliches. So oft der Martin den Mund auftat, zitterten alle tausend Mordelemente im Himmel und auf Erden; und wenn der alte Barthel während des Drahtziehens seine frommen Stoßgebetlein ins Pech oder ins Leder murmelte, hatte es eine Art, daß, wie der Meister sagte, nur gerade das kreuzweis verschweifelte Donnerwetter dreinpfeifen müßte! Sie eiferten sich gegenseitig an zu ihren Tugenden; je mehr der eine fluchte, je mehr betete der andere, und je mehr dieser betete, je mehr fluchte jener. So gab es denn in der Schusterwerkstatt oftmals einen Geruch wie von Weihrauch und Schwefel durcheinander.
Den Meister ärgerte des weiteren das Beten nicht, insofern war er duldsamer als sein Geselle, dem das Fluchen seines Herrn ein Greuel war.
Nicht ungern erzählte der Schustergeselle die Geschichte von dem fluchenden Weber, der so lange in das bei einem ungeduldigen Weber stets verknüpfte und verworrene Garn hineinfluchte, bis er umgarnt war und ihn mit Haut und Haar der Böse holte, den er so oft angerufen hatte.
»Das muß schon ein sternhageldick verzweifelter Narr gewesen sein,« meinte der Meister, »wer wird denn so fluchen?«
Der Barthel glotzte ihn ganz dumm an, und eines Tages rückte er den Dreifuß und sagte: »Der Meister ist sonst kein zuwiderer Mensch nicht, aber halt das gottlose Schelten und Eitelnennen Gottes! So oft der Meister tut fluchen, gibt's mir einen Stich ins Herz, als wie wenn eins mit dem Ahl-Ertel ohne Schmer hinein tät' rennen. Das bin ich gar nicht gewohnt, und jetzt sag' ich meinen Dienst auf.«