Chapter 10 of 28 · 4000 words · ~20 min read

Part 10

Wickelte der Meister den Pechdraht um die Hand, rückte auch seinerseits den Dreifuß und antwortete: »Was heißt das, Barthel? Wer nennt den Gottesnamen eitel, ich oder du? Schelten! Fluchen! Du tust ja, als wie wenn ich ein siebendoppelter Heid' tät' sein! So ein blitzblau vernagelter Unsinn! Ob mich schon wer fluchen gehört hat, möcht' ich wissen, du gottverdammter Ehrabschneider, du vermaledeiter, daß dich der Teufel hol--lertee trink' ich gern.«

Aber fluchen tat er nicht.

So klagte der Barthel seine Not einmal den Kirchenpröbsten, unter welchen die Sakristeidiener und Vorbeter verstanden sind, und zu denen er selber gehörte. Und sie einigten sich darin, daß der Meister Mirtl (Martin) wirklich der greulichste Flucher sei, der je Menschenfüße in Ochsenhaut steckte, daß man ihn allerwärts den scheltenden Schuster heiße, was dem Sprengel, in dem er lebe, keine Ehr' sei, und daß der Mann stumm gemacht werden müsse. -- Was half's, daß der Geselle nach jedem Fluch des Meisters ausrief: »Gott verzeih'!« wenn der andere sofort wieder mit einem: »Gott verdamm'!« dreinfuhr, und es drauflosging, daß sich ordentlich das bockigste Stierleder unter dem Knieriemen wand vor Entsetzen.

Wenn der Meister bei guter Laune war, so hörte man von ihm fortwährend Gefühlsausbrüche harmloserer Art, als: »Bassama hint' auf d' Höh'!« oder: »Kruzi-Adaxel-Türkensabel, Ludervieh und Heugabel!« oder: »Kreuz-divi-domini, daß dich!« oder auch: »Fixzaunmarter-dürre-Krautstingelbutten!« Wenn er aber in Zorn und Wut kam, da ging ein ganz anderes, ein schweres Wetter nieder.

»Geldstrafe!« sagte einer der Kirchenpröbste, »sonst weiß ich kein Mittel. So oft der Mirtel einen Flucher laßt, zahlt er einen Kupfersechser. Barthel, du passest auf und verwahrst das Geld, das nachher der Kirchen gehört.«

»O, ihr lieben Eselein!« rief der Barthel, »da möcht' ich wohl wissen, wer ihm das Zahlen wollt' schaffen. Den schilt er maustot.«

»Das laß gut sein, Schuster,« sagte der andere, »ich werd' mit dem Kaplan reden.«

Und nach einiger Zeit, als der Meister Mirtel eines Tages von der Kirche heimkehrte, war er verzagt und fluchte nicht, so daß der Barthel glaubte, sein Meister müsse krank sein, und ihn darob befragte.

»Ja, mein lieber Barthel,« antwortete der Meister traurig, »'s ist nicht richtig mit mir; bei der Beicht' bin ich gewesen. 's mag wohl sein, daß meine arme Seel' zum Teufel geht. Weil ich so viel schelten tät', sagt der geistliche Herr. Glaub's aber nicht, 's müßt mich nur zeitweilig der Höllsaggra so viel reiten. Sollt' mir's abgewöhnen, sagt der geistliche Herr. Der hat leicht reden, der hat alleweil die sieben Sakrament' im Mund und ist fromm dabei; und unsereinem darf nur eins auf die Zungen kommen, so heißt's, man schilt! Muß aber doch derlogen sein, daß ich mir das mordsschwerenots Fluchen nicht sollt' können abgewöhnen. -- Nu, so hat halt der geistliche Herr gesagt, sagt er: so oftmals ich einen feisten Flucher tät' loslassen, sollt' ich allemal einen Dreier für den Opferstock geben.«

»Einen Sechser, Meister, einen Sechser!« rief der Barthel drein.

»Einen Sechser? Wie kannst denn du das wissen, du neunmal verzweifelte Judashaut; hast leicht gelost?!«

»Gar nicht, Meister, gar nicht; hab' nur gemeint, so ein Flucher vom Meister ist seinen Sechser schon wert.«

»Hat's auch gesagt, der geistliche Herr, daß ich mich allemal um einen Sechser sollt' strafen. Meint er 'leicht, ich hätt' nicht Herr über mich! Justament will ich ihm's zeigen, dem Sakermenter, daß ich das Schelten kann lassen.«

»Meister, ich bitt' um den Sechser.«

»Was hast denn? Es gilt auch: so oft ich was fluch', kriegst du für die Kirche den Sechser. Daß ich euch weis', was ich kann, und das verdammte Gered' einmal aufhört: nicht ~einen~ setzt's, oder es soll mich das Kruzifix-Millionen-Donnerwetter in den Erdboden schlagen!«

»Meister, ich bitt' um den Sechser.«

Das Donnerwetter schlug nicht, aber er gab den Sechser: den ersten und bald noch etliche dran in derselbigen Woche. Jeder »Satan« und jedes »Mordselement«, jede »Pestilenz«, jeder »pechrabenschwarze Gallteufel«, sogar jede »Galgenstrick-Latern'« und jedes »Saggramosthosen« wurde mit einem Sechser belegt. Allerlei Drohungen und Träume, die dem braven Schuhmachermeister nächtlicher Weil' vorkamen, bewirkten es, daß er die Strafgelder nicht verweigerte, sondern mehr und mehr seinen Mund in acht nahm.

Als die Kirchenpröpste wieder zusammenkamen, brachte der Barthel zwar ein nettes Häufchen Sechser mit, tat aber gleichzeitig kund, daß die Kupferquelle allbereits versiegt sei.

»Das kömmt mir recht verdrießlich,« meinte der Lichtanzünder, »wie ihr sehen könnt, ist der Weihbrunnkessel an der Kirchentür kaputt geworden, worauf wir beim heurigen Geldanschlag nicht gezählt haben. So ist mir der Einfall gekommen, ob uns nicht der Schustermeister einen neuen Kessel zusammenfluchen wollt'.«

»Flucht nimmer,« berichtete der Barthel. »Es müßte denn sein, daß man ihn reizen tät'. Wenn's zum Besten des Kessels ist ...«

Und was geschah?

Der Barthel ging heim in die Werkstatt, verknüpfte in Abwesenheit des Meisters den Draht, tauchte das Pech in kaltes Wasser, verklebte auch ein wenig den Leisten in den halbfertigen Schuh, brach ein paar Ahl-Erteln die Spitze ab, versteckte den Knieriemen unter das alte Lederwerk und bereitete in schöner Dienstfertigkeit noch dies und das für ein ausgiebig Flucherstündchen. Dann rückte er sich in seine Ecke und stach und schmierte und nähte mit der harmlosesten Miene von der Welt an seinem Stiefel.

Bald darauf trat der Meister lustig pfeifend in die Stube und setzte sich an die Arbeit. Fürs erste wackelte der Dreifuß; den rückte er gelassen zurecht. Dann langte er nach dem Garnknäuel, um die Drahtfäden auf seine Finger und den Ellbogen zu haspeln. Dabei murmelte er etwas Unverständliches, denn das Garn war ein wenig verworren. Der Geselle lauerte, aber es kam weiter nichts. Das Pech zeigte sich heute, obwohl in der Stube geheizt war, ausnehmend spröde, das Schmer hinwiederum floß schier auseinander. Als der Meister den Leisten aus dem Schuh ziehen wollte, brach der Zughaken und er schleuderte die Trümmer zu Boden und starrte stillen Grimmes auf den Gesellen hin, der in musterhafter Ordnung weiter arbeitete. Der Meister nahm die Ahle zur Hand, da war die Spitze weg -- wieder ein Blick auf den Barthel. Bebend vor Wut, aber stumm wie ein Fisch, suchte der Meister den Knieriemen, schleuderte alle Leisten und Lederfetzen durcheinander, fand ihn endlich unter der zerfahrenen Beschuhung, stürzte damit auf den Gesellen und salbte ihm kräftigen Armes mit dem Riemen den Rücken.

Und fluchte nicht.

Aber der Weihbrunnkessel ist neu. Man sagt, der Barthel selbst hätte ihn zusammengescholten an demselbigen Tag.

Herr Trotzkopf, der Heiratsbeflissene.

Bertram Siebener ging auf dieser Erde fünf Jahre lang mit Heiratsgelüsten um. Es tat ihm die Wahl weh unter den schönen Töchtern des Landes, und aus lauter Bedenken und Zuwarten passierte es mehrmals, daß ein anderer ihm die Braut vor der Nase weg heiratete. Denn gern haben die Frauen des Mannes Herz, aber dessen Hand haben sie noch lieber. Zudem hatte Bertram Siebener -- ein so prächtiger Mann er sonst war -- keinen sehr starken Willen, hingegen besaß er einen kräftigen Widerspruchsgeist. Ein Trotzkopf war er. Bei allem, was er vorhatte, befragte er seine Freunde um Rat, um hernach gerade das Gegenteil zu tun von dem, was sie ihm rieten.

So saß er eines Tages im Extrastübel des Eschenwirtshauses und sagte zum Wirt: »Julius, was sagst du dazu? Jetzt hab' ich eine aufgestöbert. Blutjung ist sie und bildsauber. Hast noch keine gesehen, die so schön wäre. Ganz dumm bin ich dir vor Liebe. Die werde ich nehmen -- was meinst?«

Der Wirt zuckte die Achseln: »Wenn du verliebt bist, dann ist dir nicht mehr zu raten.«

»Daß man sich's halt etwa noch überlegt.«

»Das tät' ich auch an deiner Stell', und diesmal schon gar.«

»Meinst also, daß ich's bleiben lassen soll?«

»Weißt, Bertram, ein anderer kann da nichts sagen, das kommt auf dich selber an. Ich red' nur das: geheiratet ist's bald, aber das Hausen währt lang'. Und just auf die Schönheit allein ginge ich auch nicht. So lang' das Weibel schön ist, gehört es oftmals nicht dem Ehemann allein; und ist es nicht mehr schön, nachher magst es leicht auch selber nicht. So ist die Sach'.«

Der neidet mir die schöne Braut, dachte Bertram, als ob just ich kein sauberes Weib haben sollte! --

Er ging zu seinem Freunde, dem jungen Tischlermeister, einem sehr einsichtsvollen Mann, der selber noch ledig war und bei seiner dicken Stiefmutter lebte.

»Du, Franzel,« rief Bertram Siebener, »eilends laß dir Tanzschuhe machen. Ich bin Bräutigam. In die Allerschönste bin ich vernarrt, in die schöne Traut. Ich denk', ich mach' Ernst! Rate mir, Freund, aber rate mir nicht ab.«

»Dazu läge nach meiner Meinung keine Ursache vor,« sagte der Tischler, »daß sie deinem Auge gefällt, und daß du sie lieb hast, ist die Hauptsache. Alles andere findet sich.«

»Nur Vermögen, wenn sie zu ihrer Schönheit hätte, würde ich nicht verachten,« meinte Bertram.

»Vermögen, Vermögen,« sagte der Tischler, »dann bist du der Herr im Hause nimmer. Du bist der Anwalt ihres Geldes und mußt durch das Kapital deiner Arbeitskraft den täglichen Bedarf schaffen, und dennoch würde sie dir's bei jeder Gelegenheit zu verstehen geben, daß sie dir Geld mitgebracht hätte.«

»Wenn sie nur auch ein gutes Herz hat?« wendete Bertram ein.

»Pah, ein gutes Herz haben alle, wenn es der Mann verlangt; nur häßliche Weiber sind auch böse Weiber. Greif' zu, Bertram, greif' zu mit allen Vieren!«

Was der nur hat? dachte der Freier bei sich. Gerade auf der Stelle will er mich verheiraten. Er hat leicht reden; leben müßte ich mit ihr. Spät gefreit hat niemand gereut. Ich warte noch. --

Ein halbes Jahr später saß Bertram Siebener wieder im Eschenwirtshause und zupfte den Wirt am Ärmel: Er hätte etwas zu reden.

»Wenn's nur auch was Gescheites ist!« sagte Julius.

»Das will ich schon meinen. Ich habe wieder eine Braut -- eine mit Geld!«

»Das läßt sich hören!«

»Aber gerade nicht mehr ganz jung -- so in den besten Jahren, eine Vierzigerin.«

Der Wirt tat einen lauten Pfiff. -- »Nachher könnte sie ja deine Mutter sein.«

»Ist's aber nicht. Ist eine recht angesehene Hausbesitzerin, auch gesund und heiter. Ich setz' mich in die Wirtschaft und bin ein gemachter Mann.«

»Mensch!« rief der Wirt, »ich sage dir, nimm eine ältere! Eine Achtzigjährige, die wenigstens bald stirbt. Die Vierzigerin überdauert deine schönsten Jahre; du bist an sie gebunden wie der Kettenhund ans alte Hoftor. Bertram, ich bitte dich: renn' nicht in dein Unglück!«

»Du hast ja selber eine Alte.«

»Eben darum rede ich aus Erfahrung. Junge, nimm eine Häßliche, eine Dienstmagd, eine Dirne -- nur keine Alte!«

Bertram ging mißmutig davon. -- Just weil sie glauben Nein, so sage ich Ja. Möchte doch sehen, wer mit mir schaffen kann! --

Er ging zum Tischler.

»Freund, du wirst Augen machen. Wie du mich da stehen siehst: ich bin so viel als Großbauer! Ich heirate die Hochschlagerin.«

»Was?« lachte der Tischler, »o du Schelm du! So bist du's, der den fetten Vogel abschießt! Ich gratuliere!«

»Sie ist just nicht alt.«

»Na freilich nicht,« sagte der Tischler. »Vierzig ist ja noch kein Alter. Und so gut erhalten!«

»Just, daß halt ~ich~ ein bissel jung für sie bin.«

»Ist nicht deine Schuld. Brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Eifersucht ist ein Elend. Auf die Hochschlagerin kannst dich verlassen -- bist geborgen. Und sind die zufriedensten Ehen, dergleichen. Dann keine Brotsorgen, mein Lieber, keine Brotsorgen, das ist die Hauptsache.«

»Es ist wahr,« bemerkte Bertram sinnend, »daß man auch -- der Nachkommenschaft wegen -- Kinder --«

»Eins kriegst, mehr brauchst du nicht. Denke dir das Kinderkreuz! Den Kummer! Ich selbst, wenn ich heiraten würde, nähme so eine, wie die brave Hochschlagerin.«

»So nimm sie!«

»Ei, du siehst ja, daß ich mit meiner Stiefmutter ganz zufrieden lebe. Sie ist eine gutherzige, praktische Frau, besorgt mir die Wirtschaft. Und so lebt man fröhlich dahin.«

»Und warum man just mich in den Ehestand jagen will?«

»Jagen? Das nicht, aber mit gutem Gewissen dazu raten kann man dir. Du zögerst, aber du wirst heiraten, es ist eine Naturnotwendigkeit für dich. Du bist vielleicht gar nicht für den Ehestand geboren. Aber du bildest dir einmal ein, zu heiraten, du wirst keine Ruh' und keine Rast haben, so lange du nicht verheiratet bist.«

»Und dann?«

»~Dann~ gibt es keine Wahl mehr.«

»Also gezwungen und gebunden leben!«

»Bertram, du bist eine unentschlossene Natur, jede Wahl peinigt dich. Immer hin und her. Das Muß tut dir besser, das ist der Stock, an den gebunden du erstarken wirst.«

»Franz, du redest in den Tag hinein. Du verstehst mich nicht. Weißt du, was ich tun werde? Ich bleibe ledig!« --

Darauf verging ein Jahr. Die schöne Traut hatte einen schönen Förster, die reiche Hochschlagerin einen reichen Holzhändler geheiratet. Bertram Siebener war noch frei.

Da saß er eines Tages wieder beim Eschenwirt und trank sich ein Herz an. Es war bei ihm, als ob er den Apfelwein nicht in den Magen, sondern in das Herz hinabschlürfte; denn mit jedem Humpen schwoll dieses und wurde voll, und wurde schwer. Und endlich begann er zu schluchzen ob seiner großen Verlassenheit.

»Ich glaube gar, du hast Zahnreißen?« sagte der Wirt.

»Laß mich gehen. Ihr alle miteinander versteht mich nicht -- ich fühle mich so einsam auf der Welt. -- Ich werde doch noch einmal mit der Meisterin reden.«

»Am Ende hast du schon wieder eine Braut?«

»Ich ~habe~ auch eine, ich verhehle dir's gar nicht, gleichwohl ich weiß, daß du mir sie wieder abreden wirst wollen.«

»Abreden? Ich abreden? Was dir nicht einfällt. Im Gegenteile, ich habe dir immer gesagt, daß du heiraten mußt. Aber eine, die für dich paßt. Zweimal fragtest du mich schon, und ich will nicht fürchten, daß du es bereuest, mir gefolgt zu haben.«

»Ich dir gefolgt, Julius! Nicht im Traume. Wenn ich zwei Weiber bisher laufen ließ, so waren es andere Gründe.«

»Die dritte wirst du doch nicht mehr laufen lassen? Sie ist wahrscheinlich sehr hübsch?«

»Sie ist nicht hübsch.«

»Oder wenigstens jung?«

»Sie ist nicht jung.«

»So doch reich?«

»Ist auch nicht reich.«

»Also häßlich, alt und arm. Bertram, sei versichert, die rede ich dir nicht ab. Es ist nicht nötig.«

»Und gerade die werde ich heiraten.«

»Ich gratuliere!«

»Du höhnst mich. Ich aber sage dir: Die werde ich heiraten.« --

Aufgebracht ging er davon -- ging zu seinem andern Freunde, dem Tischler.

»Hast du wieder eine?« rief ihm der entgegen.

»Eine gutmütige, bescheidene, ältliche Person, arm, aber häuslich und brav.«

»Siehst du, ~das~ ist die Rechte.«

»Eine Witwe ohne Kinder. Nur ein Stiefsohn ist da.«

»Für einen gescheiten, anspruchslosen Mann gewiß eine passende Partie. Mache nur diesmal Ernst.«

»Aber --«

»Ist sie eine Hiesige!«

»Freilich, du kennst sie recht gut. Und daß der Sohn um ein paar Jahre älter sein wird als der Vater, hörst, das macht nichts.«

»Was sprichst du denn?«

»Geh', geh', ich laß dich nicht raten. Wir sind auch schon auf gleich. Hat sie dir wirklich noch nichts gesagt?«

»Wer?«

»Deine Frau Stiefmutter.«

Der Tischler schrak zurück. -- Meine Stiefmutter will er heiraten? Meine Mutter, von der ich hoffe, daß sie mir in nächster Zeit die Wirtschaft übergibt, und mich zum Erben ihres Ersparten machen wird?

»Freund!« sagte er mit dumpfer Stimme und legte seine Hand dem Heiratsbeflissenen auf die Achsel: »Das wäre ein unglücklicher Gedanke. Glaube mir, ich würde sehr erfreut sein, dich in unserer Familie zu wissen. Aber als Freund muß ich dir im Vertrauen mitteilen: Meine Stiefmutter ist kein Weib für dich. Erstens hat sie das Alter wirklich etwas sehr häßlich gemacht; die Leute würden ordentlich zurückschrecken, wenn du sie ihnen als deine Braut aufführtest.«

»Was geht das die Leute an!«

»Dich, dich geht's an. Und das eben ist das Schlimme. Ferner glaube ja nicht, daß diese Frau so überaus gutmütig ist. Ich kenne sie besser!«

»Du kennst sie als Stiefmutter, da glaub' ich's schon.«

»Wenn es je eine eitle, geschwätzige, geizige, schmutzige, launenhafte und mürrische Alte gibt, so ist es meine Stiefmutter.«

»Du übertreibst, wie hätte denn dein seliger Vater --«

»Der nahm sie vor einem Vierteljahrhundert. Und wenn es je ein Mann bei diesem Weibe aushalten könnte, so würde mein Vater noch leben.«

»Diesmal ist alles dagegen,« murmelte Bertram, »nur mir keine Frau. Jetzt möchte ich aber doch sehen, wer mir das Heiraten wehren kann. Justament!«

O, Tischler Franz, das hast du schlecht gemacht. Warum fielest du ihm nicht in die Arme und riefst: »Bertram Siebener! ja und tausendmal ja, werde mein Vater! Meine Stiefmutter ist das schönste, liebenswürdigste Weib unter der Sonne. In üppigster Reife prangt sie dir entgegen! Und wie sinnig weiß sie sich zu schmücken, wie anmutig versteht sie zu plaudern, wie sparsam ist sie im Haushalte, wie anregend ist die Mannigfaltigkeit ihrer Stimmungen und neckischen Launen, wie reizend ist ihr erkünsteltes Zürnen und Schmollen. Wie selig war mein seliger Vater in ihrem Besitze, der, ach, so kurz war. Tritt in seine Fußstapfen, mein Freund, ich beglückwünsche dich aus voller Brust!«

So mißrät man einem Bertram Siebener die Partie. Ei geh', Tischler, du verstehst dich nicht aufs Leimen. Was du zusammenfügen willst, das geht auseinander, was du trennen möchtest, das kittet sich zusammen.

Jetzt lauf' zum Schneider, er soll dir flugs ein Hochzeitsjöppel machen, deine Mutter heiratet dir einen Vater ins Haus, und aufs Jahr vielleicht -- kommt der Storch! --

Die Hochzeit ist lange über ein Jahr schon vorbei. Das Ehepaar lebt im Frieden. Der erheiratete Sohn wird ganz anständig gehalten, denn er leitet das Geschäft. Der Storch kam, setzte sich aber auf den Giebel der Mägdekammer, und wenn man den Bertram Siebener fragt, wie er ihm denn anschlage, der heilige Eh'stand, so antwortete er: »Dank' der Nachfrag'!« Und wenn man sagt: Es wäre ja zu erwarten gewesen, daß er mitten in sein Glück hineinsäße, so entgegnet er: »Na, na!« Und wenn ihm einer zuflüstert: »Armer Bertram, du bist bei dieser Tischlermeisterin wohl recht jämmerlich auf den Leim gegangen!« so ruft er aus: »Auf den Leim? Zum Lachen, so was! Ich bin über und über zufrieden, ich verlange nichts Besseres.«

Auch solche Käuze gibt es.

Der Samer-Sim.

Es ist doch recht schmeichelhaft für diese Welt, daß keiner aus ihr hinaussterben will. »Das Sterben, das spar' ich mir bis zuletzt,« sagt ein Volkswort, aber wenn dieses »zuletzt« kommt -- es kommt zu früh. Die Jungen möchten alt werden, die Alten möchten sich am Sonnenlichte ein Jährchen oder zweie noch erfreuen; der Gesunde möchte leben, der Kranke gesund werden; der Arme möchte sich erst Schätze erwerben, der Reiche sie genießen; der Totengräber hängt mit denselben Stricken am Leben, als die in Weltlust badende Tänzerin auf der Bühne. Der Familienvater will leben, um der Seinen Glück zu gründen und sich daran zu laben. Dem Junggesellen ist es schon gar bitter, von der Erde zu scheiden, denn er weiß, er läßt keine Spur zurück, ist mit seinem letzten Atemzuge verweht und vertilgt -- wahrhaftig gestorben.

Denen aber der Tod nicht zu früh kommt, denen kommt er -- zu spät; sie wollten ja sterben, wenn's nur schon -- geschehen wäre. Es liegt ihnen am Leben nichts, aber ihnen graut vor dem Todeskampf.

Zu diesen letzteren gehört auch der Samer-Sim. Dem kann am Leben freilich nichts liegen, er ist im Dorf der Einleger. Vor Zeiten hat er mit einem Maulesel Kornsäcke übers Gebirg' gesäumt; den Namen hat der Sim noch davon, aber sonst nichts. Er weiß, wie der Hunger schmeckt und wie der Frost bohrt; weiß, wie die Gicht tut und wie böser Leute Spottreden und geiziger Leute Nachreden klingen. Er weiß auch, daß nichts Besseres für ihn mehr kommen wird, daß er nichts mehr wünschen darf, daß er zeitlebens der Schuhhadern des Dorfes sein wird -- aber nur leben, lange leben, immer leben -- nur nicht sterben.

Der Samer-Sim meidet den Friedhof, der außer dem Orte liegt, aber auch den Weg dahin; er tut oft einen halbstundenlangen Umgang, nur um den Friedhofsweg nicht zu kreuzen. Vor Leichen fürchtet er sich wie vor der Pest, und es geht ihm wie allen, die selten Leichen sehen und also glauben, was ihnen die Einbildung vormacht, daß nämlich die Toten so grauenhaft zu schauen wären.

Am Ende des Dorfes steht eine Wirtskeusche; diese ist dem Sim der liebste Ort; nicht als ob er den schlechten Krätzer, den man in der Keusche haben kann, gerne tränke, sondern weil der Wirt ein Geschichtenbuch besitzt. In diesem Buche steht die anmutigste Geschichte, die der Sim je gehört hat, die Geschichte von dem ewigen Juden -- das ist der Mensch, der nicht stirbt.

Beim Wirt sitzt zuweilen auch der Bader des Ortes, ein Spaßvogel. »Ja, mein Lieber,« sagte der eines Tages zum Sim, »letzthin hätt's den Mann doch bald getroffen -- nu, wie lange mag's sein, Hirschenwirt, daß der ewige Jude bei dir da vorbeigegangen ist?«

»Je,« antwortete der Wirt, auf den Scherz eingehend, »das wird sein höchstens sechs Wochen -- nit länger. Hat bei mir eingekehrt; just da auf der Ofenbank, wo der Sim sitzt, ist er gesessen.«

»Ja, schau,« fuhr der Bader zum alten Sim gewendet fort, »und da hat der Mann unvorsichtigerweis', wie er schon von seinem ewigen Herumvagabundieren erhitzt ist, ein Glas von Hirschenwirts Vierziger getrunken. Augenblicklich hat er auch das schauderlichste Bauchgrimmen gehabt und Krämpfe dabei, wie mir erzählt ist worden -- hat schon alles gemeint, 's wär' das letzt' End' mit dem ewigen Juden.«

Der Hirschenwirt stutzte, als er die Spitze des Scherzes nicht gegen den Sim, sondern gegen sich selber gekehrt sah. -- »Na wart', Bader -- dachte er -- du kriegst mir auch eins.«

»Ja, ja,« bekräftigte der Wirt dem Sim gegenüber, »'s ist, wie der Herr Doktor gesagt hat. -- Leut'! schreit er jählings, der ewige Jud', mir ist auf einmal nit gut -- lauft's geschwind um einen Doktor! -- Ich schick' den Halterbuben eilends ins Dorf, aber der Herr Doktor da ist nit zu Haus gewesen; der arme kranke Mann hat keine Hilf' können haben und so ist er richtig wieder gesund worden.«

Der Bader hat einen klanglosen Lacher gemacht und nichts mehr gesagt. Der Sim aber, die zwei scharfen Nadeln des Gespräches nicht ahnend, schüttelte verwundert sein Haupt. »Welch' Seite ist er denn zugegangen?« fragte er angelegentlich. Es fiel ihm ein, dem ewigen Juden nachzugehen, ihn aufzusuchen und nicht mehr von seiner Seite zu weichen, auf daß auch er dem Tod entrinne.

Es sind der kleinen Geschichten und Wunderlichkeiten mehr, die man von dem Alten erzählt. Vor kurzem wollte er, der Siebzigjährige, mit einem zwanzigjährigen Mädchen eine Liebschaft anfangen, weil man ihm gesagt hatte, er müsse, um den Tod zu hintergehen, sich wieder jung stellen. In vollem Ernste machte er seinen Liebesantrag, und das ganze Dorf hatte was zu lachen.

Das Lachen war dumm. Der Samer-Sim ist ein armer schwachsinniger Greis, der mit Angst die letzten Körner seiner Sanduhr verrinnen sieht. Das falsche Leben, das ihm vorenthalten, was es anderen in reichem Maße hingeschüttet, das ihm keinen seiner Wünsche erfüllt hat, das ihn um seine berechtigtesten Hoffnungen betrog -- dieses falsche Leben will der alte Mann noch zurückhalten am Mantelsaum, wie man einen fliehenden Dieb zu halten sucht. Das Gebaren des alten Samer-Sim, die vieljährige Todesangst des im Sonnenlicht Wandelnden ist seltsam genug -- aber etwas zum Lachen ist es nicht.

Als ich dem Manne begegnete und er mir wie so vielen anderen Leuten seine Todesfurcht bekundete, suchte ich ihn zu trösten. -- »Wenn's dereinst dazu kommt, guter Sim, so ist es nicht halb so schrecklich, als es von weitem aussieht. Bei betagten Leuten gar ist es wie ein ruhiges Einschlummern nach der Lebensmüh' und sie wissen gar nicht, daß es der Tod ist.«

»Aber Herr,« rief der Alte, »der Todesstoß, der Todesstoß im Herzen! Und nachher, wenn sie einen hineinlegen in den Sarg, hinabsenken in die Erden und es kriechen die Würmer heran!«

»Mußt denken, Simon, du liegst nicht ~lebendig~ drin, und es ist ja ein Glück, daß du früher ~gestorben~ bist.«

»Und erst die arme Seele!« sagte darauf der Alte, »die muß in den glühenden Ofen des Fegefeuers!«

»Wer hat dir denn das gesagt, Sim?«

»Das? -- Ach, ich hab' doch so viele Sünden und keinen Kreuzer Geld für ein paar heilige Messen!«

»Lieber Sim,« sagte ich und faßte seine kalte Hand. »Glaubst du nicht, daß Gott besser ist als die Menschen?«

»Das glaub' ich wohl.«

»So siehe, gute Menschen verzeihen ihren Beleidigern, anstatt sich an ihnen mit Feuer oder anderswie zu rächen.«