Part 18
Von meinem Fenster aus gegen Osten hin sehe ich eine Hochebene, auf der lauter Wald steht. Junger, gemischter, stundenlanger Nadelwald. An klaren Tagen werden im fernsten Hintergrunde blasse Berge sichtbar, sonst aber scheint sich mein Wald ins Blaue und Unendliche zu verlaufen. Hie und da stehen über das jüngere Baumgeschlecht breitkronige oder spitzige Stämme aus den vorigen Jahrhunderten empor wie Kuppeln oder Kirchtürme in einer Stadt.
Besonders ist es ein Baum, der weit draußen im blauenden Meere des Waldes steht, von unten hinauf buschig ist, sich aber allmählich in eine schlanke, scharfe Nadel aufspitzt -- nicht anders zu sehen als der Stefansturm, wenn man von einer Anhöhe der Umgebung hineinblickt auf Wien. Wenn ich dann noch ein Übriges tue, nämlich den Kopf niederbeuge und zwischen die Beine durchblicke hin auf den Wald, da hat mein solcher Stellung ungewohntes Auge das schönste Schattenbild von Wien, wie es mit seinen Zinnen und Türmen daliegt. Nur daß die Einzelheiten dort der Stadtdunst verhüllt und hier der Höhenrauch. Aus Wien ist es mir noch nie gelungen, einen Wald zu schaffen, aber aus diesem Walde baue ich Euch dergestalt ein Wien, so oft ihr wollt. Und wenn ich meine beschauliche Stunde habe, so setze ich mich in einen Winkel meiner Stube, so daß mir das Waldmeer mit dem Stefansturme im Fenster liegt, und denke: das ist das ausgestorbene Wien; man hört keinen Laut, sieht kein Rauchwölklein aufsteigen aus seinen Giebeln. Und was war das einst für Lust und Leben in diesem Wien! Aber die Lust ist erstickt in der Begier, das Leben ist versunken in seinen Sünden. Nur die Formen der Stadt ragen noch starr und düster.
Ein frevelhaftes Träumen! Wie kann man den reinen, friedensvollen, tausendfältig lebenden, in hundert klaren Quellen sprudelnden, in allen Wipfeln säuselnden und von Vogelsang erklingenden Wald -- wie kann und darf man ihn vergleichen mit einer großen Stadt! -- Aber wenn ihr nur erst kommt und seht, besonders diesen Baum: es ist der leibhafte Turm von Sankt Stefan.
Des ward ich mir endlich klar, eine uralte Fichte muß es sein, an der Sturm und Blitz Wipfel und Astwerk zerrissen, den Stamm von oben herab kahl gehauen, und der in seinem Schaft und in seinen tieferen Kronen doch zu gewaltig ist, als daß ihn Sturm und Blitz vernichten konnten. So steht er da, ein vielhundertjähriger Geierhorst, und die ältesten Leute der Gegend sagen mir, ihres Erinnerns habe der Baum nie anders ausgesehen als heute.
In früheren Jahren, da ich den Wald durchstreifte, habe ich mich bemüht, den Baum aufzufinden und an seinen Fuß zu gelangen. Es war mir aber nie gelungen. Entweder ich verlor die Richtung oder kam in Dickicht, Gefällholz, Struppwerk, auf grundlosen Moorboden, so daß ich umkehren mußte. Es gibt Gründe darin, auf die jahraus jahrein kein Sonnenstrahl fällt, aber ich weiß es wohl, daß der Eigentümer schon sehnsüchtig die Jahre zählt, bis er »stocken« wird. Manchem prächtigen Tier begegnet man im Wald, aber auch manchem stattlichen Jäger. Mit dem Zauber des Urwaldes wäre es also nicht sehr weit her, und doch war es wie verhext, daß -- so sehr mir außerhalb des Waldes stehend die Richtung klar war -- ich in ihm wandelnd meinen Stefansturm nicht finden konnte. Es ist aber auch in der wirklichen steinernen Stadt Wien Etlichen nicht anders ergangen. Ich fand manchen mächtigen Baum, der hoch über die andern hinausstand, der wild und zerrissen war und von dem ich mir einbildete, er sei's. Bei näherer Prüfung war er's allemal nicht. Ich hatte mich auch schon mehrmals im Walde verirrt, so daß mir einfiel, was die Leute sagen, es wären Irrwurzeln drin, und wer auf eine solche trete, der finde gar nicht mehr aus dem Walde hervor, sondern müsse immer im Kreise herumgehen, so lange bis ihm ein Sonntagskind begegne. Die Erfahrung lehrt aber, daß man sich mit Sonntagskindern auch verirren kann, besonders wenn sie hübsch sind. -- Dabei hatte mir das Suchen einen solchen Reiz, daß ich mich nie entschließen konnte, einen Führer zu nehmen. Und so sind elf Sommer vergangen, an denen ich oftmals nach Sankt Stefan im Walde pilgerte, ohne ans Ziel zu gelangen.
Im heurigen Frühsommer, als auf den freien Matten die Hitze zu groß ward, als auf den Wiesen die klaren Bächlein im Sande versickerten und das kurze Federgras zu gelbem Heu welkte noch auf den Wurzeln, als fortwährend die trockenwarmen Winde hinfegten über das fahle Erdreich und die Wolken des Himmels aufsogen, als in meiner Nachbarschaft sogar ein Brunnenständer samt Trog niederbrannte -- da war keine Freude mehr auf freien Weiten, da hielt ich mich die längste Zeit im Walde auf. Man konnte viele Stunden im Moose liegen und bekam keinen Schnupfen; die Mückenschwärme mit dem prickelnden Gifte existierten fast nicht, dafür drückte die heiße Sonne, die über dem Walde lag, allen Wohlduft der Harze zu Boden und das fliegende und kletternde Getier kam auch herab gegen den kühleren Erdengrund und trieb sein munteres Wesen vor meinen Augen. So war es ein wonniges Sein.
Manchmal begegnete ich einem Waldbruder, nicht viel seltener einer Waldschwester -- Früchtesammler, auch arme Leute, denen draußen, »weil des Gesindels schon allzuviel ist«, die Tür vor der Nase zugeworfen wurde, und die gekommen waren, um in unseres Herrgotts schattigem Speisesaal zu essen. Am merkwürdigsten von all diesen wunderlichen Leuten war mir der lange Rauk. Ich kenne ihn schon seit ein paar Jahren, er bringt bisweilen Beeren ins Dorf. Ein hochschlanker, blatternarbiger Geselle ist's, mit einem schwarzen Bart und einem langen braunen Lodenmantel, den er um den Leib zu werfen weiß, daß er darin schier nicht anders aussieht, wie der heilige Apostel Jakobus. Den hat nicht der heiße Sommer dürr gemacht, sondern die Faulheit, er will nicht arbeiten. Die Leute sagen, er wäre so häßlich, der lange Rauk; ich sage, er wäre das Entzücken der Maler.
Als ich denn auf meinen diesjährigen Waldgängen öfter mit dem Rauk zusammentraf, gab ich ihm den Rat, er möchte sein Geschäft aufgeben.
»Welches Geschäft?« fragte er.
»Das Hungerleiden.« Möchte es aufgeben, möchte in Malerschulen gehen und sich abmalen lassen.
»So!« antwortete er und ich merkte, wie er innerlich empört war. »So!« sagte er.
»Dort braucht Ihr nichts, als dazusitzen,« belehrte ich, »oder auch an der Wand zu lehnen, wie eben die Herren wollen; es sind unterhaltsame Burschen, diese Maler; mancher auch sagt gar nichts und ist ganz Pinsel. Ein Pfeifel Tabak spendieren sie mitunter und zahlen auch noch das Tagwerk, achtzig Kreuzer, die Verschwender gar einen Gulden und mehr.«
»So!« antwortete er tief gedämpft, »so!« sagte er. Und fuhr dann fort: »Ein Kerl, dem's schon übel genug ist, daß er auf seinem heustanglangen Geripp' ein anschieches G'friß (häßliches Gesicht) herumtragen muß auf der Welt! Wenn ich mich noch ducken kunnt! verstecken kunnt und in der Kirchen nit so höllisch lang hinausstehen tät' über die anderen Köpf, just wie die Rauberfeichten im Ziselwald! Zum Hasenschrecker möchten sie mich gern brauchen auf ihren Krautäckern, wenn sie mich in die Erden stecken kunnten, wie einen Krautscheuchstecken und nit Angst hätten, daß ich ihnen selber die Gebel tät' fressen. Und so ein Kerl soll sich noch abmalen lassen? Sollen ein paar Jahrl warten, bis von meinen Knochen Haut und Haar weg ist, nachher bin ich so schön wie die anderen im Beinhaus!«
Es stellte sich heraus, daß der lange Rauk sich nur darum von den Leuten und ihren Arbeiten zurückgezogen hatte, weil sie ihn seiner Häßlichkeit wegen verhöhnten.
»Ich ertrag's nit!« sagte er, »ich hab' Weiberhoffart in mir, die hab' ich von meiner Mutter geerbt. Faulheit! sagt vor etlichen Tagen der Herr Meigel aus dem Flecken zu mir. Bei sich selber nennt er's Ruhestand. Ich weiß recht gut, daß man Gott den Herrn kniend verehrt und den Teufel liegend. Oh, ich fürcht' mich allzusehr vorm Stinken, als daß ich nichts tun möcht'. Mach's freilich nit so wie die andern Leut', die nur desweg arbeiten, damit sie Mittel kriegen zum Faulenzen.«
»Aber ein Krügel Wein bisweilen will doch verdient sein!«
»Was hilft mir der Wein, wenn ich ihn im Wirtshaus nit mit Frieden trinken kann! Allerweil: Der lange Rauk! Der schieche Rauk! Der dürre Rauk! Und -- der dumme Rauk! Das sag' ich mir selber, der dumme Rauk, der sich unter die Leut' setzt und seines Vaters einzigen Sohn ausspotten laßt!«
Was die Wirtshausgesellen sagen, meinte ich hierauf, das könne ihm ziemlich gleichgültig sein; wichtiger sei es, was die Weibsleute von ihm dächten.
»O Jeß, die Weibsleute!« rief er aus. »Ihrer zehn oder zwölf Jahr' lang hab' ich mich foppen lassen, alsdann hab' ich genug gehabt.«
Das sei nichts, meinte ich, die schönsten und tüchtigsten Männer würden ihr Lebtag lang gefoppt.
»Das schon,« sagte der Rauk, »und die schönsten und tüchtigsten Männer foppen wieder. Von einem Kerl wie unsereiner ~laßt~ sich aber keine foppen, und das verdrießt mich.«
Ob er ein Hiesiger wäre?
»Vaters halber ist's schon möglich,« antwortete er, »der Pfarrer sagt, er weiß nichts davon -- heißt das, im Kirchenbuch. Mit den Musikanten bin ich umgegangen, aber wie mir die Zähne ausgefallen sind, hat das Blasen ein End' gehabt. Hab' ich mich halt im Ziselwald eingenistet, und muß alle Tag' ein bissel achtgeben, daß ich nit verhunger'.«
Wo er seine Wohnung habe?
»Gleich können Sie ihn sehen, den Turm von meinem Gschloß!« rief er, und in der Tat, als wir noch einige hundert Schritte zwischen jungem Fichtenwald hingestrichen waren, stand uns über dem Gewipfel her das Bild entgegen. Fast schon in der Nähe ragte aus dem Schober eines wildmassigen finsteren Astwerks die knorzige Nadel empor. Es war mein Stefansturm.
»Das freut mich,« sagte ich, »daß wir auf einmal bei diesem Baume sind.«
»Wir sind noch nit bei ihm,« entgegnete der Rauk. Und wahrlich, wir hatten noch eine halbe Stunde oder länger zu tun, bis wir ihn erreichten. Die Bäume standen sehr dünn, waren verkrüppelt und hatten Flechtenbärte, der Boden hatte eine blaßgrüne Moosdecke, auf der gruppenweise Binsen mit ihren weißwolligen Federbüschen standen, und Sauerklee, Seidelbast und Wildfarnkraut. Der Waldsteig, den mein Begleiter früher einzuhalten wußte, obwohl er streckenweise kaum zu erkennen war, hatte sich ganz verloren, und mit jedem Schritte sanken wir bis über die Knöchel in den schwarzen, moorigen Ungrund. Der Rauk schleppte einen Zipfel seines Mantels hinter sich nach wie ein König, doch sank er nicht so tief ein als ich, weil er breiteres Schuhwerk hatte und das Gehen auf solchem Boden besser verstand.
»Sich fein gering machen!« rief er mir immer zu. Wenn ich nur auch gewußt hätte, wie man das anstellt. Leicht und vorsichtig auftreten, das kann man, doch der Rauk behauptete, man könne mehr. Man könne sich mit gutem Willen um etliche Pfunde leichter machen; der feste Willen hebe einen hoch, wie der Suppendampf den Hafendeckel. Er habe schon Wetten gewonnen, indem er sich in derselben Minute mehrmals wiegen gelassen auf der Fleischhauerwage, und ganz verschiedenes Gewicht gegeben. »Gebt acht, jetzt mach' ich mich schwer!« sagte er, und sank auf der Stelle tiefer ein.
Ich hätte ihm seine Kunst aufgelöst, wenn Zeit und Stimmung dazu gewesen wäre. Einstweilen mußte ich trachten, einen so starken Willen zu entwickeln, daß er mich zur Höhe hob, »wie der Suppendampf den Hafendeckel«, und wir weiter kamen.
Endlich blieben wir aber doch stecken. Bis zu den Knien im Morast, so rasteten wir uns aus, und der lange Rauk lachte.
Er hatte leichter lachen als ich, denn bis er von unten bis oben versank, das brauchte länger, als bei mir Durchschnittsmenschen.
Ich war etliche Schritte hinter ihm steckengeblieben, wir konnten uns nicht mit den Stecken, geschweige mit den Armen erreichen.
»Der größte Spaß wäre,« rief er, »wenn jetzt die Geier kämen!«
»Welche Geier?«
»Die auf der Rauberfeichten ihre Nester haben und erst im vorigen Jahr einem Hirschen, der hier steckengeblieben ist, das Fleisch aus dem Leib gehackt haben.«
»Vergelt's Gott für Euren schönen Zuspruch!« sagte ich.
»Oder die Hornussen, die gar nit weit von da ihre Bruten haben und von den Mardern gern wild gemacht werden. Nachher stechen sie, die Vieher; ihrer sieben erstechen ein Roß. Grausam stechen sie!«
Da ich wirklich das Schwirren eines solchen Tierchens bemerkt zu haben glaubte, so hatte ich Gelegenheit zu erfahren, was ein fester Wille vermag. Ich arbeitete mich mit Macht heraus, um dann wie ein Krokodil auf dem Bauche zu kriechen.
»Aha, Sie haben es!« lachte der Rauk schnaufend und knetete an sich herum; »ja, für den Notfall macht man's so. Passiert mir aber wunderselten, daß ich just an die Stelle komm'. Die hoffärtigen Engel aus dem Himmel sind durch das große Loch, das hier gewesen, in die Höll' gefahren. Später hat's der Teufel mit Morast zugestopft.«
Mittlerweile war auch er herausgekommen. Wir gelangten allmählich auf festeres Erdreich -- und nach wenigen Minuten standen wir am gewaltigen Baum.
Ringsum ist eine Art von Anger mit Sumpf, in welchen die Arme der Wurzeln ausgreifen, teils unter der Moosdecke verborgen, teils über derselben in hundert Knien und Verzweigungen ausklammernd, teils morsch und rindig, teils hart und weiß wie Elfenbein. -- Die anderen Bäume halten sich in respektvoller Ferne, die stattlichsten von ihnen reichen dem Koloß bis zum untersten Astwerk empor. Der Stamm ist zerklüftet, teilweise entrindet und fast wie ein Strick gedreht. Ich glaube, daß ihn vier Männer nicht zu umspannen vermögen. Viele Arme des Geästes sind für sich schon Baumstämme; einzelnes Geknorre ist kahl und fahl wie Knochen, anderes ist so dicht in ein dunkelgrünes Reisiggefilze eingewoben, daß es der Blick nicht durchdringt und man über sich nur eine dunkle Masse sieht, in der die korbartigen Horste der Raubvögel sind und aus der mancher Strunk seine abenteuerlich geformten Glieder in die Weite reckt.
Ich wunderte mich, daß dieser Baum, der ein ganzes Dorf über den Winter mit Brennholz versehen könnte, noch nicht gefällt worden sei. »Sie getrauen sich nicht über ihn,« sagte der Rauk, »der fällt nicht wie andere!«
Zur Stunde fächelte und rauschte der Wald in einem lebhaften Winde.
An der Riesenfichte regte sich nichts, alles starr, nur ein dumpfes Sausen war zu hören hoch im Astwerk. Über demselben ragt der kahle Schaft, vielfach zerrissen und dennoch urkräftig in die Einsamkeit der Lüfte auf. Die Gestalt ist wuchtig und viel gegliedert, aber der spitze Schaft über dem Kronenwerk schien mir hier kaum hoch genug, um für die Ferne die schlanke Nadel des Stefansturmes vorzustellen.
Fast schade, daß der Name: »Rauberfichte« so harmlosen Ursprungs ist. Zusammenkünfte von Räubern an diesem Platze, Räubergelage im Schatten des Baumes, wilde Mordgesellen ihre Beute teilend und wie der Rauch vom Feuer des üppigen Mahles langsam ins Astwerk aufsteigt und der Gegend weitum die Schrecken verkündet, oder ein paar Erzräuber baumelnd an den Ästen -- und wäre es auch nur in Sage und Märchen -- würde mir den Baum recht aufputzen. Dergleichen ist nicht.
Draußen im Tale stehen zwei Bauernhäuser mit dem Vulgärnamen: Die Rauber. Die Gründe des »oberen Raubers« erstreckten sich einst weit in den Wald bis zur Stelle, wo die alte Fichte als Grenzbaum steht, die daher die Benennung: »Rauberfichte« erhalten hatte.
Der Rauk war langsam um den Baum gegangen und jetzt auf einmal verschwunden. Durch eine Höhlung zwischen dem Gewurzel war er ins Innere geschlüpft. Ich guckte ihm nach.
Im hohlen Raum war ein Lager von Binsenstroh, eine Holzaxt und ein Sack, halbgefüllt mit Harzrinden. Die Wände der Höhlung waren teils verkohlt, als würde auf diesem häuslichen Herd auch bisweilen Feuer unterhalten.
Die Höhlung ging hoch in den Baum empor, und wenn man mit dem Stock hinauffuhr, so erreichte man keine Decke, und an den Wänden rieselte Moder nieder und Käfergezücht.
So sieht es mit dem Innern dieses Baumes aus. Aber die Haut und Hülse ist noch dicker, als mancher fünfzigjährige Stamm, und vermittelt Mark und Saft der Fichtenkrone, die hoch auf solchem Holze wuchert.
»Das ist das Haus des langen Rauk,« sagte der lange Rauk. »Wir haben auch beide Platz herinnen, wenn Sie Ihre Füße rein machen wollen. Wir machen Feuer, daß die Strümpfe trocknen mögen.«
»Ist Euer Haus gegen Feuer assekuriert?« fragte ich.
»Lebendige Häuser brennen nicht nieder,« war die Antwort.
»Von außen gesehen wäre es das stolzeste Wohnhaus im ganzen Land.«
»Ist aber nur meine Werktagsresidenz,« berichtete er, »und nur wenn ich am Abend diesem Baume näher bin, als einer Köhlerhütte, übernachte ich in ihm. Weiter ist's nichts.«
So hat sich die ganze Sache mit dem Stefansturm, mit der Rauberfichte, mit dem Rauk und seiner Abenteuerlichkeit als etwas hohl erwiesen. Der Schlupfwinkel eines Pechschabers.
Ich kehrte an jenem Tage spät und müde vom Walde heim.
Und wenn ich nun wieder sitze in der kühlen Stubenecke, und im Fenster liegt das sonnenblaue Meer des Waldes mit seiner spitzen Nadel im Horizont, da will meiner Phantasie die alte Herrlichkeit nicht mehr so ganz gelingen. Aber leid täte es mir doch, wenn eines Tages ein Rauchqualm aufstiege oder eine Feuersäule emporlohte in stiller Nacht -- und mein schlanker Turm in sich zusammenbräche.
»Das nit!« sagt der lange Rauk, »der Baum steht noch länger als wir zwei zusammen.«
Hans Johanns Hauptsache.
Wenn ich sage es war ein einzig guter rührender Mensch, so legt jeder das Buch hin und läuft davon. So sage ich lieber, er war ein Taugenichts.
Und das war er auch.
In den Schulen, wo er stets vorgeschriebene Marschroute hatte, da ging es noch an. Aber als er selbst der leitende Teil ward, als Lehrer in der Dorfschule, da ging es nicht mehr an. Die unterschiedlichen Kinder machten ihm viel zu große Sorgen, als daß er sich ihrem Unterrichte widmen konnte. Ob sie in der Fibel lesen konnten oder auf der Schiefertafel die Ziffern zusammenzählen und in einer sehr verläßlichen Ordnung hinschreiben, das war Nebensache. Hauptsache war die Gesundheit. Und so kümmerte er sich, ob das kleine Volk auch warme Joppen hätte und Schuhe an den Füßen, ob die Kinder wohl gewaschen und gekämmt wären -- und wo es mangelte, da griff er flink zu und trachtete, beim Bäcker, beim Müller, beim Fleischer, als den Großen des Dorfes, für die armen Wald- und Gebirgskinder altes Gewand zu bekommen; er nahm auch Eßwaren und ließ durchblicken, daß solche Wohltaten an ihren eigenen Kindern würden vergolten werden. Die großmütigen Spender verstanden das so, daß -- wie die Kinder der Armen Not an Hemden und Strümpfen hätten -- die Kinder der Reichen zumeist Not an guten Schulnoten haben, und daß der Herr Lehrer dann wohl den richtigen Ausgleich treffen würde. Hans Johann sah auch wirklich nicht ein, weshalb er die Spenden für mittellose Kinder nicht mit hübschen Fleißzetteln und ausgiebigen Fortgangsklassen der reichen Bürgerskinder schlichten sollte. Hauptsache war die Gesundheit. Und so setzte er sich auch gerne zu den Kindern auf eine Bank und gab ihnen Verhaltungsmaßregeln, wie sie gesund bleiben, ihren Körper stärken und zur Arbeit tüchtig werden könnten. Solches Bestreben war nicht fruchtlos und nach einem Jahre schon waren alle Kinder reinlich gehalten, soweit ordentlich gekleidet und von frischerem Aussehen. Der Bezirksschulinspektor aber konnte bei der Schulschlußprüfung nichts als den Kopf schütteln und die Hände ringen, und als die Kinder nach überstandener Plage lustig davontrollten, stellte er sich vor den Lehrer hin, rang wieder die Hände und rief: »Aber um Gottes willen! Herr Johann!«
Sonst sagte er nichts. War auch nicht nötig.
»Seh's eh ein,« sprach der Lehrer ganz gemütsruhig, »daß ich nicht recht tauge zu einem Lehrer.«
»Wenn Sie irgendwo eine Stelle als Kindsmagd bekommen können, greifen Sie sofort zu.« Mit diesem wohlwollenden Rate ging der Bezirksschulinspektor seines Weges.
Und der Johann des seinen. Denn er war erledigt. Aber nicht auf lange. In demselben Orte hatte er unschwer die Briefträgerstelle bekommen. Er hatte täglich über Berg und Tal zu gehen und den zerstreuten Vierteln die Post zu vermitteln. Das tat er auf das gewissenhafteste, und wenn ihm ein Bauer eine Post auftrug, für ihn im Dorf Einkäufe zu besorgen, oder eine Bäuerin irgend was Wichtiges zur Nachbarin zu befördern hatte, so tat er's bereitwillig, vergaß aber dabei manchmal, den Brief abzugeben. Es war zuwider, aber Besonderes daran konnte Johann nun nicht finden. Was pflegen sich die Leute denn zu schreiben? Daß sie, Gott sei Dank, soweit gesund sind, daß der oder die geheiratet hat oder gestorben ist, daß es sonst nichts Neues gibt und daß sie schön grüßen lassen. Ob die Bauern das wissen oder nicht, Hauptsache ist, daß man ihnen mitunter eine Gefälligkeit erweisen kann. Das ging ein Jährchen so herum. Dann kam die Geschichte mit dem Geldbrief. An den Obergamshofer in Spittelberg hatte Johann einen Geldbrief zu bestellen. Aber der Weg dahin ist ziemlich weit, unterwegs hatte er ein mühseliges Bettelweib getroffen. Dem war die Fußkrücke entzweigegangen und so konnte es nicht recht vorwärts. Johann ging ins Wegmacherhaus um Werkzeug und zimmerte der Alten eine neue Krücke. Denn es war just des Obergamshofers Weidknecht des Weges gekommen, dem konnte er den Geldbrief mitgeben. »Ja richtig, Mathes,« sagte er noch, »das Blattel da mußt unterschreiben. Nicht können tust schreiben? Nachher mach halt drei Kreuzeln. Bin froh, daß du mir den Weg ersparst. Hauptsach' ist, daß das Mutterl da wieder auf die Füße kommt. Bleib' schön gesund, Mathes.«
Einige Wochen später kam's zutage, daß der Obergamshofer keinen Geldbrief erhalten hatte, daß ihm aber sein Weidknecht durchgebrannt war. Dieses Ereignis kostete dem Briefträger allerhand und auch den Dienst.
Jetzt hatte er Zeit, sich den Hauptsachen zu widmen, und merkwürdig -- jetzt verlangte niemand danach. Ja, es kam allmählich ungefähr so heraus, als ob für den Hans Johann nun die Hauptsache wäre, einstweilen nicht zu verhungern. Er bewarb sich also wieder um einen Dienst. Das Steueramt im nächsten Bezirksorte suchte einen Amtsboten. Aber den Johann nahm man nicht an, aus Besorgnis, er würde aus Erbarmen mit den Parteien die Steueraufträge unterschlagen. Das Landesgericht hatte für einen Gerichtsarrest die Profosenstelle ausgeschrieben; der Bewerber Hans Johann wurde rundweg abgelehnt; der hätte keinem Arrestanten die Türe verschlossen gehalten nach dem Grundsatz, Hauptsache bei den Menschen sei die Freiheit. Soweit war unser Johann schon in Verruf gekommen. Dann verscholl er auf einige Zeit, um später in einem Haushaltungsbureau aufzutauchen.
Hier war er fleißig und gewissenhaft und füllte seine Stelle völlig aus. Aber es war das Haushaltungsbureau eines Siechenhauses. Seine Erholungsstunden brachte er bei den Siechenden und Krüppeln zu, um ihnen die Zeit zu vertreiben und sie aufzumuntern. Er ließ sich von ihnen ihre Anliegen erzählen; sie, auf die sonst niemand mehr hören wollte, an denen jeder gleichgültig vorüberging, waren seiner Teilnahme so froh. Er besorgte den Ofen, wenn sie fröstelten, holte ihnen ein frisches Glas Wasser, wenn sie dürsteten, schrieb ihnen Briefe an Angehörige. Dann blieb er noch länger und las ihnen erbauliche oder lustige Geschichten vor oder trieb Schwänke und Späße in eigner Person. So daß die Armen getröstet und munter wurden. Wenn er darob bisweilen seinen Bureaudienst versäumte, so dachte er, ob die Reisballen, die Strohsäcke und Bettdecken und Medizinen aufgeschrieben werden oder nicht, wenn sie nur da sind. Hauptsache sind die armen Leutle und daß sie immer einmal ein bissel Zerstreuung haben.
Da war in der Anstalt ein alter Holzhändler, so vergichtet und mühselig, daß er in der dunkeln Stube bleiben mußte, wenn draußen die warme Sonne schien, weil niemand war, der ihn ins Freie führte. Als nun der Schreiber Johann erschien, der tat es gerne. Er blieb auch sitzen unter dem Kastanienbaum neben dem alten Manne und hörte geduldig seinen Klagen zu. Und eines Abends, als die übrigen Spazierhumpler und Sitzer sich verzogen hatten, weil es kühl geworden, und auch Johann seinen Schützling ins Haus führen wollte, blieb der Alte sitzen, langte mit der dürren, fiebernden Hand hinter seine Brustjacke und zog ein verknülltes, vergriffenes Paket heraus.
»Herr Johann!« sagte er leise und hastig, »das gehört Ihnen. Es ist mein Geld, sie wissen nichts davon. Ich mag nit, daß es in den großen Sack kommt, da spürt kein Mensch was davon. Sie sind der Mensch, der's recht anwendet. Es gehört Ihnen. Da, da -- nur geschwind einstecken!«
Johann nahm das Paket in die Hand. »Sie meinen, daß ich's Ihnen aufheben soll.«
»Ich brauch's nimmer. Will nur, daß wer was hat davon. Erspart ist's redlich. Aber dumm dürfen Sie nit sein und es ausplauschen. Tun's es gut einschieben.«