Chapter 11 of 28 · 3937 words · ~20 min read

Part 11

»Ja freilich,« unterbrach mich der Sim, »so hat's Gott gelehrt!«

»Und wird er's nicht auch selber halten?«

Alte Menschen lassen sich aber nicht umwenden wie alte Röcke.

Der Samer-Sim murmelte was und holperte seines Weges. Einige Wochen später erhielt ich vom Schullehrer jenes Dorfes folgenden Brief:

»Geschätzter Freund!

Sie haben sich immer für den alten Samer-Sim interessiert. Den haben wir heute begraben. Der Mann ist ~lachend~ gestorben. Seit längerer Zeit schon lag er beim Moosbrunner auf dem Oberboden krank. Ich habe ihn selber einmal daselbst besucht; er war stets der Alte mit seiner Todesfurcht und meinte, er wollte gern alles Böse ertragen auf dieser Welt, wenn er nur wisse, daß er nicht auf dem Todbette liege. -- Nun, es ist eigentlich komisch, hat ihn eine Maus umgebracht. Eine solche war unter seine Decke gekommen; vor Zappeln und Lachen über den Gast fiel der Alte in einen Krampf und nach wenigen Minuten war's vorbei. Der plötzliche Überreiz der Nerven, sagt der Arzt, habe ihn getötet. -- Vielleicht vermag Ihre Feder etwas aus der Sache zu machen« usw.

So das Schreiben. Ich habe aus der Sache nichts anderes zu machen versucht, als was sie in Wirklichkeit ist. -- Der Samer-Sim hat seit vielen Jahren nicht mehr gelacht aus Angst und Furcht vor dem Tode. Derselbe Samer-Sim ist lachend gestorben.

Der Zillacher-Anderl.

Samstag war's. Der Anderl saß in der Flachsdörrkammer, wo er auch sein Bett hatte, und tat sich den Bart rasieren.

Die jungen Stadtherrchen kratzen mit dem Schermesser zumeist just dort herum, wo sie gerne einen Bart haben möchten. Der Bauernbursch rasiert sich, wo ein Bart steht. Freilich war der Anderl schon fünfunddreißig Jahre alt und sein Bart so steif, daß man nach der Bauern Sprichwort den Dreschflegel daran hätte hängen können. Trotzdem ließ der Anderl vor dem Scheren die Seife ordentlich in die Borsten trocknen und kramte mittlerweile seine grauen Backen vollblasend in den Hosentaschen herum. Da drin hatte er einen alten Taschenveitel, ein Stück Zunder und einige Kreuzer, die sich aber bei näherer Untersuchung in der Mehrzahl als Messingknöpfe herausstellten. Der Anderl blies die Backen noch bauchiger. Messingknöpfe? Für den morgigen Sonntag Messingknöpfe! Mit derlei hat der Hirschenwirt seine Hosen und Wämser sicherlich versehen. Heute schon hätte der Anderl Durst.

Jetzt trat eine alte Magd in die Flachsdörrkammer: Der Anderl möge eilends in die Stube zum kranken Vater kommen. Und als der Bursche bei dessen Bette stand, sagte der alte Zillacher: »Anderl, nimm deine Zipfelmütze ab. Anderl, paß auf, dein Vater macht's Testament. -- Aha! gelt, jetzt kannst losen! Hast gleichwohl nicht immer so auf mich hören wollen; soll dir aber geschenkt sein, will dich nicht verkürzen. Deine Brüder und Schwestern, die haben das Ihrige. Wenn ich die Augen zugemacht hab', Anderl, so weißt es, die braune Kuh ist deine Erbschaft.«

»Vergelt's Gott!« rief der Anderl.

»Aber sei brav und tu' dir das Trinken ab, und der himmlisch' Vater soll dich beschützen und bewahren.«

Der Alte schwieg. »Kann ich jetzt die Zipfelmütze wieder aufsetzen?« fragte der Anderl.

»Jetzt kannst du machen, was du willst,« sagte der Zillacher.

Als nach einigen Tagen der Alte tot und begraben war, führte der Anderl die braune Kuh aus dem Stall. Er trieb sie die Straße entlang, und da er so hinter dem Tiere dahertrottete, führte er mit ihm folgendes Gespräch: »Du alte Kuh, du bist ein zaunmarterdürres Vieh. Ich möcht' meine Joppe an deinen Hüftknochen hängen.« Und als sie zu einem Wassertrog kamen und das Rind stehen blieb und trank, sagte der Anderl: »Ja, meine liebe Kuh, ich hätte auch Durst!« Er trank aber doch nicht.

Da kam ein Bauer des Weges, der fragte: »Wo treibst du deine Haut hin?« Der Bursche knirschte die Zähne und schritt fürbaß. Mittlerweile war das Euter voll geworden, und als sie zu einer Schenke kamen, unterhandelte der Anderl mit der Wirtin, ob sie nicht seine braune Kuh melken und ihm dafür ein Krügl Wein geben wolle. Das Geschäft war abgemacht. Und so trieb der Zillacher-Anderl seine Erbschaft viele Stunden weit fort, weidete sie an guten Rasenplätzen, tränkte sie an den Brunnen, und wenn das Euter voll war, so vertauschte er die Milch gegen Wein. Für die Länge aber blieb das Euter der braunen Kuh immer kleiner, während der Durst des Burschen größer wurde. Da dachte der Anderl, das muß anders gemacht werden, und verkaufte das Rind an einen Wegmacher. Der Wegmacher vermied die Frage, ob die Kuh nicht etwa gestohlen sei, bot hingegen nur fünfunddreißig Gulden Kaufpreis. »Meinetwegen!« sagte der Bursche, und als er das Geld in die Tasche schob: »Hab' ich noch weit zu einem Wirtshaus?«

Fünfunddreißig Gulden, das ist meine Erbschaft, dachte er dann, mit dieser will ich recht wirtschaftlich umgehen. Mit dreißig Gulden läßt sich schon was anfangen; die weiteren fünf Gulden -- damit will ich jetzt gründlich meinen Durst löschen. Einmal im Leben muß der Mensch seinen guten Tag haben; -- dann heißt's arbeiten und fleißig sein.

Als er zum nächsten Wirtshaus kam, suchte er sich den bequemsten Tischwinkel aus und hub an zu trinken. Die Wirtin setzte sich zu ihm und schwätzte und sagte, sie hätte frische Butterkrapfen in der Küche, die seien ihr diesmal vortrefflich geraten; ob er -- der Anderl -- denn nicht ein paar verkosten wolle. Ihm war's recht, und die umsichtige Frau Wirtin wußte wohl, daß nach den Butterkrapfen wieder neuer Durst kommen müsse. Der Wirt jedoch hatte sich seinem Gaste gegenüber so verhalten: In das erste und das zweite Glas schenkte er reinen Wein; in das dritte und vierte tat er ein wenig Obstmost dazu; dann tat er zur Hälfte Wein und zur Hälfte Most in den Becher; später goß er die Hälfte Obstmost, ein Viertel Wein und ein Viertel Wasser zusammen. Als endlich dem Anderl auf seiner Bank einmal ordentlich warm geworden, sein Durst doch immer noch nicht gelöscht war, da schüttete ihm der Wirt im Keller bloß Obstmost mit ein wenig Zwetschkenbranntwein vermischt in das Weinglas, hernach nur mehr Most allein, und endlich, wer am dritten Tage den Wein des Anderl vorurteilslos untersucht hätte, der würde gefunden haben, daß der Bursche gut gegorenen Apfelmost mit frischem Wasser trinke.

Natürlich tat dieses der Rechnung keinen Eintrag, und am dritten Tage waren fünf Gulden vertrunken. Zu dieser Zeit hatte die Wirtin jedoch bereits für frischen Durst gesorgt. Da sagte sich der Anderl: im Grunde ist es eine Narrheit, wenn ich mir jetzt einen Abbruch tue, der leicht der Gesundheit schaden könnte. Der Fieberdurst muß gelöscht, durch und durch gelöscht werden. -- Dasselbe sagt auch der Bader daheim. Zwei Gulden spendier' ich noch.

Er bleibt wieder ein paar Tage sitzen; dann aber brach er auf, um mit seinen achtundzwanzig Gulden ein nutzbares Geschäft zu beginnen. Als jedoch der gute Zillacher-Anderl im heißen Tage auf der staubigen Straße so wanderte, da kam er mit sich überein, daß er seine Erbschaft auf ein viertelhundert Gulden abrunden wolle! Blieben ihm drei Gulden gut, die er in der nächsten Schenke vertrank.

Da war aber in demselben Jahre ein sehr heißer Sommer; entweder es war die Hitze oder es waren die heftigen Gewitterregen unerträglich, in beiden Fällen muß der Mensch ein Dach haben, und dazu hat Gott die Wirtshäuser erschaffen. Als die Barschaft des jungen Zillacher auf beiläufig zwanzig Gulden herabgesunken war, da sagte er: »Jetzt, Anderl, ist's g'nug!« Da er nun die Zeche gezahlt hatte, blieben ihm bloß neunzehn Gulden und fünfundneunzig Kreuzer in der Tasche. Ei, dachte er sich, der Gulden ist angezwickt, weg damit! -- Und in ähnlicher Weise ging's auf fünfzehn, auf zwölf, auf zehn herab. Und nun sagte der Zillacher-Anderl das denkwürdige Wort: »Mit zehn Gulden richtet einer heutzutage nicht viel aus. Der Mensch, der auf eine Erbschaft ansteht, ist eh nix nutz; mit eigener Kraft muß der Mann das Seine erwerben.«

Er ging von einem Wirtshaus ins andere, und trank und trank. Und endlich war nichts mehr in seiner Tasche, als die Messingknöpfe. Da haben aber die Wirte neben der Wanduhr oder neben der Stubentür so schwarze Tafeln hängen, auf die mit der Kreide allerhand Buchstaben geschrieben werden können. Sagte eines Tages der Anderl: »Herr Wirt! Meines Vaters Sohn trägt einen ehrlichen Namen; tät Euch keine Schand' machen auf der Tafel.«

»Das nicht,« antwortete der Wirt, »aber die Tafel könnte leicht dem ehrlichen Namen was herabzwicken. Traue dieser schwarzen Tafel nicht, Freund!«

Der Anderl stutzte und war trübsinnig. Endlich sagte er zu sich: Was braucht man auch so einen dicken Brustfleck in der heißen Zeit? -- Er verkaufte seine Tuchweste und vertrank das Geld. Dann vertauschte er seine Ochsenlederstiefel gegen ein paar leichte Schuhe, sein Lodenwams gegen ein kühles Leinwandröcklein; das dadurch gewonnene Geld vertrank er.

Wohl hatte er sich mittlerweile auch ein paar Groschen Taglohn erworben; aber das liebe Wirtshaus hatte ihm's angetan, und ehe noch zwei Monde nach seines Vaters Tod verflossen waren, saß der Anderl da, arm wie eine Kirchenmaus, bärtig wie ein Waldteufel; auch sein Schermesser hatte er vertrunken.

Jetzt war er tief verzagt. -- Wenn einer nichts mehr hinabzugießen hat, so muß man die Gurgel zubinden, hat einmal einer gesagt -- das leuchtete dem Zillacher-Anderl ein. Wenn der Fisch nicht mehr trinken kann, was hat er sonst auf dieser Welt? -- 's ist gar grausam bitterlich! -- Aber was kannst machen?

Der Anderl wußte draußen in der Dorfau einen alten Birnbaum. Zu dem ging er hinaus, an dem kletterte er empor mit harter Mühe bis zum Aste, von dem aus er das Dorf sehen konnte mit seiner Kirche und mit seinem Wirtshaus. Hierauf machte er Reue und Leid, nestelte sein Hosenband los und schlang es um den Hals.

Zur selben Stunde ging der Pfarrer am Birnbaum vorüber, er erschrak, als er das Beginnen des Mannes da oben bemerkte. -- Zachäus, steig' eilends vom Baum herab! heißt's in der Bibel. Jener hörte es nicht. »Anderl,« rief der Pfarrer, »tu' dir ~das~ nicht an! Aufknüpfen, na, das wär' doch eine Dummheit, die dich dein Lebtag reuen würde!« Vergebens, der Anderl wand bereits das Hosenband um den Ast. Der Pfarrer versuchte auf den Baum zu klettern, um die Tat zu verhindern, und der Selbstmörder kam mit seinen Vorbereitungen schon zu Rande. Da fiel dem Priester was ein. »Anderl!« rief er auf den Baum, »du ~mußt~ herabsteigen, ich such' dich schon seit einer Stunde, ich habe just ein frisches Faß angezapft.«

»So!« sagte der Anderl, »ja das ist schon wieder ganz was anders,« und sogleich kletterte er dem Erdboden zu. Sie gingen mitsammen in den Pfarrhof. Der Pfarrer schoß eine Weile im Hause herum, dann kam er zurück. »Das ist schon eine verzwickte Sach', Anderl, jetzt haben wir den Kellerschlüssel vertan. Die Köchin war beim Teich unten, hat Karpfen ausgeweidet, da ist ihr der Schlüsselbund ins Wasser gefallen. Was wir nur anfangen?«

Der Anderl riet den Schlosser an, allein der Pfarrer versicherte, das Kellerschloß sei so gar heiklich bestellt und ein hiesiger Schlosser könne es justament nicht aufsperren. -- Die Tür erbrechen, schlug der Durstige vor; nicht möglich, meinte der Pfarrer, sie sei mit eitel Eisen beschlagen über und über. Das einzige Mittel: der Schlüssel müsse aus dem Wasser hervorgeholt werden -- ob der Anderl dazu behilflich sein wolle? -- Das versteht sich. -- Wurde denn fürs erste der Teich abgelassen, der da war, um des Pfarrers Kornmühle zu treiben; und als das Wasser verflossen war, machte sich der Anderl an den Schlamm, hub ihn schaufelvoll um schaufelvoll an das Ufer, arbeitete bis spät in den Abend und suchte den Schlüsselbund.

Und als es finster geworden, rief ihn der Pfarrer ins Haus und sagte: »So, mein lieber Zillacher-Anderl, jetzt hast du mir ein gut Teil Schlamm aus dem Teich gefaßt, dafür sollst heut' fünf Groschen haben und das Nachtmahl und ein Krügel Wein -- der Kellerschlüssel hat sich vorgefunden.«

Glotzte der Anderl verwunderlich drein.

»Und wenn du mir den ganzen Teich ausschaufelst,« fuhr der Pfarrer fort, »so sollst du für das Tagwerk zwölf Groschen haben und die Köstigung und dein Krügel Wein.«

So wurde es abgemacht. Und als der Teich in Ordnung und wieder mit Wasser gefüllt war, da bekam der Anderl Geschäfte in der Mühle. Nur immer hübsch beim Wasser, daß der Durst nicht zu stark wird. -- Es ist gar nicht zu glauben, wie ein Mensch sich ändern kann, wenn er danach geleitet wird. Der Pfarrer wußte den Zillacher wohl zu behandeln, und der Anderl wurde der beste Arbeiter, den er je noch gehabt hatte.

Wenn sie dann abends beim Krügel Wein saßen, das dem braven Hausgenossen bislang vorenthalten wurde, und es anmutig zu sehen war, wie glatt und lind die lieben Tropfen ihrer Wege gingen, sagte einmal der Herr Pfarrer, dem Anderl auf die Achsel klopfend: »Wär' doch jammerschade um deine Gurgel, wenn du sie dazumal zugeschnürt hättest!«

's Guderl.

Wenn ich bei dir, mein lieber, himmlischer Vater eine Bitte frei habe: dem »Guderl« bereite ein recht feines, warmes Plätzchen dort oben in Deinem Himmel, vielleicht ganz nah' bei der Lieben Frau, sie wird sich mit dieser Nachbarin aus dem Steirerland nicht zu schämen brauchen. Aber eilen brauchst nicht, wir mögen die alte Ludmilla recht gern noch eine Zeitlang bei uns herunten haben und sie -- so arm und mühselig sie gleichwohl ist -- hat auch noch kein Verlangen, dieses Jammertal mit der himmlischen Freud' zu vertauschen. Sie fürchtet, dort oben wird sich niemand von ihr was Gutes tun lassen wollen, weil es ja ohnehin jedem so göttlich gut gehen soll -- und nachher freut sie der ganze Himmel nicht. Vielleicht, wenn sie einmal kommt, ist der heilige Laurentius so gut, seine Brandmale von ihr mit frischem Leinöl bestreichen zu lassen; oder der heilige Sebastian, sich von ihr die Pfeile aus den Wunden ziehen zu lassen; oder die blinde heilige Ottilia, sich von der Ludmilla herumführen zu lassen im Paradies, sich von ihr die himmlische Pracht erzählen und manchmal eine Butterbirne reichen zu lassen vom Baume. Ja dann, wenn sie wem einen Gefallen tun kann, wird es ihr auch selber gefallen im hohen Himmel oben, einstweilen paßt sie aber für die Erde besser.

Alt und mühselig ist sie, und das kann ihr niemand nehmen. Seit sie im Vorbeigehen einmal jene Erklärung vom Schulmeister gehört hat, daß nach den Aufmerkungen im Lande eine gewisse, sich fast gleichbleibende Anzahl von Krüppeln vorkomme, seither trägt sie ihre verkümmerten Beine noch lieber, weil sie denkt: Gut ist's, ich trag' sie für einen anderen. Sie trägt die Beine, anstatt, wie sonst gebräuchlich, von ihnen getragen zu werden. Einmal ist auch die Ludmilla jung und gesund gewesen. Da ist vor Jahren drüben auf der Reisinger-Seiten ein Pferd scheu geworden, an das Pferd war ein Streuwagen gespannt, und auf dem Streuwagen hockten zwei Knaben, die sich krampfhaft an die Sprosseln klammerten und jämmerlich schrien. Der Reisinger reckte seine Arme zum Himmel und rief Gott und die Heiligen um Beistand an für seine Söhnlein. Gott und die Heiligen schoben rasch die Ludmilla voran, die am Feldraine Strauchwerk schnitt: Der alte Narr steht da und kann nichts als schreien, lauf du, Ludmilla, und pack' das Roß, ehe es zur Schlucht hinabkommt! -- Die Magd lief hinzu, erfaßte das Pferd am Kopfriemen. Eine Strecke weit wurde sie mitgeschleppt hinab über den steinigen Hang, endlich stand das Fuhrwerk still, die Knaben sprangen unversehrt davon, aber der Leib der Magd war arg zerschunden und zerrissen, ein Bein gequetscht, das andere gebrochen.

Der Reisinger sagte hierauf zu seinen Söhnen: »Wenn die Ludl nicht wär', so wäret ihr jetzt auch nimmer. Wäret auch nimmer, daß ihr es wißt. Und sie ist jetzt ein elendiger Krüppel, und wenn ich nicht mehr bin und ihr seid auf dem Hof und sie ist noch am Leben, weil solche Leut' leider Gottes oft eine zähe Natur haben, so müßt ihr sie behalten, das ist eure verfluchte Schuldigkeit, daß ihr es wißt!«

Als die Ludmilla das gehört hatte, packte sie still ihre Sachen zusammen. Da hatte sie warten wollen im Reisingerhof, bis ihr Sebast zurückkäme aus dem Strafhaus; in einem Jahr muß er ja endlich kommen und dann sind zwei arme Leut' mehr in der Gegend. -- Kaum noch zur Not geheilt, stolperte sie zu vier Füßen, wovon die zwei hölzernen verläßlicher waren als die zwei beinernen, vom Berg herab nach Bärndorf und bat um einen Platz im Armenhaus. Das ward ihr natürlich versagt, denn sie gehörte in die Gemeinde zum »Steinernen Elend« hinauf. Das Steinerne Elend aber hatte kein Armenhaus und auch kaum ein anderes mehr. Schier die ganze Gemeinde war abgestiftet worden und Abstifter war der Staat mit seinen Lasten, und jetzt wußte das Restlein der im Steinernen Elend Geborenen nicht einmal, wo es daheim war, und die arme Ludmilla hatte keine Heimgemeinde. Aber das unfreiwillige Gnadenbrot beim Reisinger wollte sie einmal nicht essen; es wäre ihr zu stark gesalzen, sagte sie. Dann kam sie doch noch in das Bärndorfer Armenhaus hinein.

Als Aushilfswärterin kam sie zuerst nur auf ein paar Tage. Als diese paar Tage vorbei waren, ersuchte man sie um Verlängerung ihrer Aushilfstätigkeit und bald war ihr stillgeschäftiges, ratsames, sanftes und stets munteres Wesen den Kranken und Bresthaften so unentbehrlich geworden, daß sie im Armenhaus verblieb. »Und da g'freut's mich!« sagte sie nun oft. Dem Einen bettete sie das Lager bequemer, dem Anderen teilte sie etwelches von ihrem Brot, dem Dritten stellte sie was Grünes und Blühendes ans Fenster, dem Vierten besserte sie ein Kleid aus, sie konnte ja gar schneidern; und wo sie ein Zwirnfädlein liegen sah, und war es auch nur fingerlang, da tat sie es in ihren Nähkorb, der jedem, so ein Bändlein oder eine Nadel oder Schere oder ein Knöpfel brauchte, zur Nutzung stand. Für lange Abendstunden, wann sonst Tratsch und Mißlaune und Streit sich einzustellen pflegten unter den müßigen, mürrischen Bewohnern des Armenhauses, erzählte sie Geschichten, sang Lieder, wobei freilich ihre Lebhaftigkeit im Vortrag, sie half auch mit den Händen mit, die Stimmittel ersetzen mußte. Die dankbaren Gemüter behaupteten rundweg, die Ludmilla sei ein Engel, worauf sie allemal entgegnete: »Ja, wär' schon recht, wenn ich Flügeln hätt', auf den Füßen will's eh nit gehen.«

Das Elend der Armut liegt zumeist nicht im Nichtshaben und Nichtssein allein, es liegt vielmehr noch in der Giftigkeit des Herzens, in der Scheelsucht des Armen gegen die Mitmenschen, selbst im Mißtrauen gegen die Wohltäter. So war ein Mann im Armenhause, sie hießen ihn den Einhandel, weil er nur eine Hand hatte. Der hatte sich in der Jugend aus Furcht vor dem Soldatenleben mit einer Zimmermannshacke den Zeigefinger der rechten Hand abgehauen; zur Wunde kam der »Brand« und mußte ihm die ganze Hand abgenommen werden. Viele Monate war er im Spitale gelegen und als er endlich geheilt war, kam er seiner Selbstverstümmelung wegen auf Jahre in das Zuchthaus und dann von diesem schnurgerade in das Armenhaus. Am meisten beklagte er hier den Verlust seiner Hand, weil er beim Beten den Rosenkranz nicht so handhaben konnte wie andere Leute, denn zwei Dinge waren seine Hauptbeschäftigung: das Beten und das Ehrabschneiden. An jedem und jeder wußte er was auszusetzen, gegen jedes Gute hatte er sein Bedenken, und es ging kein braver Mann um im Dorf, der nicht doch ein »schlechter Kerl« war. Gegen die Ludmilla wußte der Einhandel aber spottwenig aufzubringen und so ließ er gelegentlich nur durchblicken, sie würde es schon wissen, warum sie so fromm tue, und trotz ihrer Demütigkeit würde sie am Ende doch lieber mit neun Teufeln in die Hölle fahren, als mit einem Engel in den Himmel.

»Geh, geh, Einhandel,« sagte ihm die Ludmilla einmal, »mach' dich nicht gar so bös' mit deinem losen Maul, bist ja doch ein guter Lapp.« Und schnitt ihm das Suppenfleisch klein, denn -- so scharf sein Mund sonst war -- mit dem Gebiß stand's schlecht.

Am Armenhaus führte ein Feldweg vorbei, der gewöhnlich durch eine Torschranke abgesperrt war. Wenn nun die Ludmilla durchs Fenster ein Fuhrwerk daherkommen sah, torkelte sie allsogleich hinaus, um die Torschranke zu öffnen, damit der Fuhrmann sitzen bleiben konnte auf seinem Karren.

Vor dem Armenhaus war auch ein Brunnen, der aus dem Ständerrohr armdick und rauschend in den Trog schoß. An diesem Brunnen hatte ich die Ludmilla das erstemal gesehen. An einem heißen Sommertag war's, ich kam als unbedachtsamer Student halbverschmachtet vom Gebirge über die sonnigen Felder her und nun eilends dem Brunnen zu, daß ich mich erquicke. In demselben Augenblicke, wie ich mein glühendes Gesicht zum Wasserquell senkte, kam das kleine, runde, wackelnde Weiblein aus dem Hause und erhob ein Zetergeschrei, daß ich emporfuhr und glaubte, es schlügen zum Dach die Flammen heraus. »Kruziwetter Paraplie, du leichtsinnig Volk du!« rief sie, dann nahm sie mich an der Hand und sagte ganz ruhig und warmherzig wie eine Mutter: »Mußt nicht trinken, Bübel, der Brunnen ist giftig. Nur ein Vaterunser lang wart', ich bin geschwind wieder da.« Damit verschwand sie im Hause, kam im nächsten Augenblick mit einer Schnitte Brot hervor: »So, da im Schatten setzest dich jetzt nieder und das issest schön langsam und wenn du es gegessen hast, netzest die Hände mit Wasser und den Nacken mit Wasser, und nachher kannst ein wenig trinken.«

Aus dem Hause heraus hörte ich später noch sagen: »In der Hitz' so hineintrinken! -- Ich weiß zwar nicht, wem er gehört, hat aber gewiß Vater und Mutter, und so ein Bürschel darf man heut' noch nicht auf die Bahr legen.«

Als ich mich hernach im Dorf erkundigte nach der Person, antwortete man mir: Das »Guderl« wäre es gewesen. Das Guderl, so wäre sie ihres guten, dienstfertigen und einfältigen Herzens wegen von den Insassen des Armenhauses getauft worden. Und sie wäre ein ganz merkwürdiges Geschöpf, hieß es, in der Jugend sei sie gar fein gewesen und man höre Geschichten, die sich ihretwegen einstmals zugetragen, aber man wisse nichts Sicheres; in ~der~ Gegend sei sie damals nicht gewesen und erzählen wollte sie auch nichts davon.

Das hat mich denn gleich gepackt, und ein nächstesmal -- ich fand sie auf dem Dorfweg damit beschäftigt, eine Wasserkehre auszukrauen, damit die Gieß ablaufen konnte -- suchte ich mit ihr anzuknüpfen. Sie wäre wohl keine hiesige? fragte ich.

Wie ich ihr das ansehe? fragte sie entgegen und stützte sich ein wenig auf den Haustiel, weil sie doch recht unsicher stand auf ihren Füßen.

»Ansehen nicht, aber anhören am Sprechen.«

»So, haben die Leut' im Steinernen Elend eine andere Sprache, wie die Bärndorfer dahier?«

»Also vom Steinernen Elend seid Ihr? Das muß aber eine traurige Gegend sein.«

»Das kommt auf die Leut' an, junger Herr,« gab sie zur Antwort, »die Steine sind überall hart.«

»So ist es. Und die Leut' sollen auch im Steinernen Elend recht brav sein. Ich habe gehört, Ihr wisset so schöne Geschichten vom Steinernen Elend herab.«

»Das hast du gehört!« rief sie aus, sie nannte mich »Du Herr«. »Aber,« fuhr sie lachend fort, »was doch die Leut' alles reden. Schöne Geschichten weiß ich! und etwan rechtschaffen lustige, nit?«

»Rastet ein wenig, mit dem Weg eilt's nicht; ist ja der Himmel über und über blau, da ist die Gieß noch weit. Unter den Kirschbaum setzen wir uns hin und Ihr erzählt mir was.«

»So närrische Sachen da!« rief sie, »ich weiß nix, ich weiß nix!« Damit schob sie sich um, daß das Röcklein flog, und kraute mit Hast an der Wasserkehre.

Ein zweitesmal erging es mir nicht besser. Halb schmollend und halb bittend sagte sie, ich solle nicht kindisch sein, ich solle mich an junge Dirndeln machen, wenn ich was wissen wolle, und nicht an alte. Die alten hätten lauter Sauerampfergeschichten und möchte sich so ein flotter Herr leicht daran langweilen und darüber lustig machen.

»Die Leute sagen, es hätte sich mit Euch etwas Besonderes zugetragen.«

»Mein lieber Herrgott in der Krüppelkapellen!« lachte sie auf, »zutragen tut sich mit jedem Menschen was, wenn er sich's aufmerken will. Und das mag für ihn selber was sein, aber für andere nit. Ich erzähle nix.«