Part 13
Es war ein Sonntagsnachmittag. Über den Dolomiten war ein Gewitter gestanden, das nach einigen scharfen Tropfen, die es an mein Waggonfenster geschleudert, sich sachte verzogen hatte. Abendlicher Sonnenschein brach hervor und beleuchtete die Berge und die Kirchtürme und die frohen Menschen, die auf dem Bahnhofe versammelt waren, in den der Zug eben einfuhr. Aus der Gruppe von Männern und Burschen sprang jetzt ein junger, schmucker Mann mit Stock und Handbündel, verabschiedete sich rasch, schwang seinen Spitzhut, stieß einen grellen Juchschrei aus und stieg in mein Abteil, wo ich bisher allein gesessen war. Voll überlauter Lust rief er jedem einzelnen noch neckende Grußworte zu, und die Zurückbleibenden schrien: »Figurlmacher, behüt dich Gott, laß dir's schmecken, das Herrenleben!« Er sang einen schalkhaften Vierzeiler, jauchzte wieder, und der Zug fuhr ab. Ohne mich zu beachten, warf mein Reisegefährte den kurzen Kranabetstock und das rote Handbündel neben sich auf die Bank, setzte sich hin, trommelte mit der Fußspitze und pfiff ein heiteres Liedel. Vielleicht, so dachte ich, ist er darum so lustig, weil er seine ganze Sach' in einem Sacktuche mit sich tragen kann. Nicht jeder ist so glücklich, ich zum Beispiel war schon der Sklave meines Reisekoffers.
Der Bursche war so, daß er den Weibern hätte gefallen müssen: schlank, stramm, und trug ein keckes falbes Schnurrbärtel; nur das Auge war zu zahm; das war mattblau und hatte einen feuchten Glanz wie bei einem Weibe, in dem die sittsam bezähmte und doch begehrende Liebe ist. -- Endlich war er ruhig geworden, stemmte seine Ellbogen auf die ausgespreizten Knie, und den Kopf auf die Hände gestützt, starrte er in den Boden hinein. Manchmal schaute er zum Fenster hinaus in die abendlich dämmernde Landschaft, dann hob sich seine Brust, als sollte wieder ein Jauchzen herauskommen, aber es kam keines, und mit einem leisen Seufzer sank sie wieder ein.
Der Zug rollte fort und fort, an der Decke brannte zuckend die Lampe; schon lange mochte sie keine so stillverschlossenen Insassen gesehen haben, als an diesem Abende. An drei Stunden mochten wir so gefahren sein, als der Bursche ganz plötzlich an meine Brust sank und schluchzte. Ich war fast zu Tode erschrocken und tat mehrmals nacheinander die Frage, was das bedeute, was ihm geschehen wäre?
»Ich kann's nit tragen!« stieß er hervor, »ich kann's allein nit tragen. Es ist zu hart.«
Ich sprach ihm freundliche Worte zu. Wenn er ein Anliegen habe, so möge er es mir vertrauen, der Mensch dem Menschen. Bei Kummer und Leid, da gebe es kein Fremdsein. -- Denn ich kann niemanden weinen sehen; Frauentränen wird man zur Not gewohnt, aber ein solches Schluchzen aus der Mannesbrust ist erschütternd wie der Ausbruch eines Vulkans. Ich legte die Hand auf sein Haupt, das an meinem Busen lag, und sagte noch einmal: »Freund, Freund, was ist dir?«
»Es ist so hart,« sagte er und sein Körper bebte.
»Du bist ja erst so lustig gewesen?«
Da lachte er krampfhaft auf: »Lustig! -- Mein Elend habe ich totschreien wollen.«
»Ist dir ein lieber Mensch gestorben?«
»Wie sie meinen Vater ins Grab gelegt haben,« entgegnete er, »und ich allein dasteh auf der weiten Welt -- es ist auch ein Schmerz gewesen. Aber so! So wie jetzt! -- Ich kann's nicht aushalten, ich muß es wem erzählen. Meine Kameraden daheim wissen nichts und wollten mich nur auslachen. Mit Spott will ich nit fort.«
»Wenn ich recht verstehe, es ist gewiß ein Weibsbild im Spiele!« sagte ich.
»Ja freilich,« antwortete er.
»Ich habe mir's gedacht. Ein rechter Mann weint nur dreimal in seinem Leben: Wenn ihm Vater und Mutter gestorben sind, wenn ihm seine Ehre vernichtet wird und wenn er unglücklich in der Liebe ist. Zweimal habe ich auch schon geweint, mein Lieber, du kannst mir schon etwas vertrauen.«
Es dauerte eine Weile, bis er so weit mit sich zurechtkam, daß er ruhiger sprechen konnte. Dann begann er zu erzählen:
»Meine Eltern, die sind kleine Häusler gewesen, kümmerliche Leut'. Ich hab' mir mit Heiligenschnitzen die Groschen verdient und es werden nit viel Kirchen und Kapellen sein in der Gegend, wo nit von mir ein Figurl steht. Ich hätt' eine Freud' zum Schnitzen, aber mir fehlt's halt noch. Die Leut' loben mich überall und zahlen oft mehr, als ich verlang'. Nur eine --.« Da brach er ein wenig ab, fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn, machte dann eine Bewegung mit ihr, als wollte er etwas von sich scheuchen. »Es ist eine Torheit,« fuhr er nachher fort, »daß sich der Mensch so was zu Herzen nimmt. Aber halt gefreut hätt's mich, wenn sie mir ein einzigmal 'kommen wär' mit einem guten Wort über meine Figurln. Ja, den krummen Fuß oder die schiefe Nasen, oder wie schon was fehlschlagen kann, das hat sie gleich gesehen und hat mit ihrer Red den Fuß noch verkrüppelter und die Nasen noch birniger gemacht. Und ist mir was geraten, daß die Leut' gesagt haben: Schau' das kann er! -- da ist sie still gewesen und nit ein gutes Wörtel! Hab ich ihr's hingehalten: Was sagst zu diesem Herrgottel? Nit übel, gelt? Hernach ihre Antwort: Ist gut, wenn es dir gefällt, Figurlmacher. -- Jetzt, sie heißt Kathrin, und da hab ich ihr eine heilige Katharina geschnitzt, auch mit dem Rad, und sauber gemalt, daß solches Figurl ganz nett ausgesehen hat. Sie tut nit viel um und nimmt's und ich denk, gefreuen wird sie's, wenn sie es auch nit so scheinen laßt. Bei ihr ist alles inwendig, und in Ehren halten wird sie das Bild wohl dennoch, ich wette drauf, sie stellt's über ihr Bett aufs Wandkastel. -- Hernach nächstens wie ich wieder einmal zu ihr komm, ist mein erster Blick an ihr Bett hin auf die Wand. Was ich nit seh, das ist mein Figurl. Herentgegen hängt am Nagel ein mit Silber beschlagenes Gamsfüßel, wie solche Sachen der Knopfdrachsler, der Marx Zeindler, so hübsch herrichten kann. Mir fallt aber nichts ein und wie wir miteinand ein bissel heimgarten, frag ich so nebenhin, wo sie das Figürl hätt? -- Ja richtig, sagt sie, das muß ich wo vergessen haben, jetzt fallt's mir ein, das steht gewiß bei der Ahndl oder wo. -- Laß es stehen, sag ich, und bald nachher richt ich mich zum Fortgehen, weil mich die Sach ein klein bissel verdrossen hat. Jetzt, wie ich aber nit bei ihr gewesen bin, hab ich doch alleweil an sie denken müssen. Kein Mensch glaubt's. Ich kenne Schönere, als wie sie, und solche, die mich lieber hätten, aber es ist just, als ob mir die ins Herz gebrannt wär'.«
Da der Bursche einhielt, so sprach ich: »Mein Lieber, das geht nicht dir allein so. Die Leute haben das Wort Liebe dafür erfunden, ist aber nicht das rechte. Verhext, wahnwitzig, das würde besser stimmen. Ein schwarzes Weiberauge und eine Tollkirsche haben auf uns Männer manchmal die gleiche Wirkung. Gegen Tollkirschengift ist frische Kuhmilch das beste Mittel, gegen das schwarze Auge hat es mancher mit dem Wein versucht.«
»Trinken!« rief der Bursche, »hab mir's auch schon gedacht, aber wenn ich ein Anliegen hab, da schmeckt mir kein Wein, und es schmeckt mir keiner. Ich brauch wen, den ich ~gern~ hab und der mich wieder gern hat, und der meine Figurln mag -- wenn das ist, nachher bin ich zu allem aufgelegt. Aber so --«
Er ließ den Kopf hängen.
»Du bist auch so einer, der auf der Welt schon den Himmel haben möchte,« sagte ich. »Schau um, ob es ~einer~ so gut hat! Denke, du bist auf der Welt und halt dich an die Arbeit. Das Figurnschnitzeln wird dir dein Lebtag mehr Freude machen, als alle Weiber zusammen.«
Jetzt begann er ganz unvermittelt vom Blitz zu erzählen: »In der Siebenbrunnkirche hat der Blitz eingeschlagen. Beim Turm ist er herab, hat die Orgel zerrissen, nachher zur Kanzel, zum Altar, zertrümmert die Mutter Gottes, und beim Taufstein wieder hinaus. Jetzt sind sie kommen und ich hab müssen ein Muttergottesbild schnitzen. Ist auch alles zufrieden gewest damit, nur der Marx Zeindler hat gesagt: Zu dieser Sternguckerin ging er nit beten, da ginge er schon lieber zu einer, die ihm keck ins Gesicht schaut und die Händ zum Halsen auseinander tät. -- Weil ich meiner Mutter Gottes die Augen gegen Himmel hab richten lassen und die Händ' zusammenhalten, auf ein Gleichnis, als wollt' sie für die Siebenbrunner Pfarr fürbitten. Nun, so hat er gespottet, der Marx, und ich hab mir weiter nichts draus gemacht; er ist auch sonst so viel roh, wie soll er just bei mir fein sein. Es gibt ja allerhand so Leut auf der Welt. Sollt bei seiner Arbeit bleiben, Knöpfe drachseln, Hirschzähne einfassen, wie man sie so an den Sackuhren baumeln hat, Gamsbart und Schildhahnstöße binden für die Jäger, und so Sachen, das kann er, aber vom Figurlschnitzeln versteht er nichts. Hab ihm's gesagt. -- Jetzt hab ich mich aber doch gefreut auf die Kathrin. Das Muttergottesfigurl wird ihr wohl recht sein, und wenn sie sieht, wie die Leut zusammenlaufen und davor beten und ihm die Füß küssen -- und hat's der ihrige gemacht. Und einmal nach der Kirche, da frag ich sie: Du, was sagst denn eigentlich zu meinem Bildnis? -- Geh laß mich aus, dalkerter Figurlmacher, ist ihre Antwort, eine solche Sternguckerin da! -- Hab ich einmal gestutzt. Wie ist das? Jetzt haben die zwei, die Kathrin und der Marx, gleiche Gedanken! -- Und von dieser Stund ist meine Pein angegangen. Die zwei halten zusammen, hab ich gedacht, wo ich geh und steh. Sonst alles überhört, vergessen, ganz dumm im Kopf, nur alleweil denken: die zwei halten zusammen! Sie lachen die Figurln aus und den Schnitzler, und was sich der immer sittsam hat aufgespart für den Ehestand, an dem prassen sie allbeid, und ich bin der Gefoppte. -- Nit essen und nit schlafen hab ich können, zugrund gehen, hab ich gemeint, muß ich vor lauter Kränken; hab mir aber nichts merken lassen. Bin ich mit ihr zusammenkommen, so tut sie nit süß und nit sauer, spricht aber ein paarmal vom Heiraten, denn es ist schon ausgemacht gewesen zwischen uns, und einmal hat sie noch im Spaß gesagt: den Figurlmacher mag sonst keine, so will ich ihn aus Barmherzigkeit nehmen. -- Tut mannigmal weh, so was, aber laß mir's gefallen. Jetzt aber wird's mir ungleich und hab ich's versuchen wollen, ob's denn nicht möglich wär, sie zu meiden und mit einer anderen was anzuheben, weil ihrer genug sind gewest, die mir nachgeschaut haben. Aber je weniger ich an die Kathrin denken hab wollen, je fester ist sie mir im Sinn gelegen, und je höllischer ich sie hassen hab wollen, je höllischer hat's mich zu ihr gezogen, und wenn ich mir gar vorstell, daß sie mit ihm beisammen ist -- deutlich hab ich alles gesehen im Geist -- da hätt ich rasend werden mögen vor lauter Wut und Lieb. -- Herr, wenn sie einen Mörder henken, ich werf keinen Stein auf ihn! Gott hüt uns, kein Mensch weiß es, wie nah er am Abgrund steht.«
»Also weißt es, was noch schlimmer ist, denn so eine dumme Liebe!« bemerkte ich.
»Am vorigen Samstag ist's gewesen,« fuhr der junge Mann fort. »Ich geh ins Breit-Viertel hinüber, Lindenholz kaufen. Wie ich im Wald bin, seh ich einen Knaben, der sich einen Peitschenstecken brechen will, das Lärchbäumerl ist aber zäh, läßt sich winden und drehen und will nit los. Halt, denk ich, nimm mein Messer, schneid's ab, äst's auch aus und richt's gerad, -- hat das Bübel eine Freud gehabt. Wie ich in den Graben hinab komm, wird's schon dunkel. Auf der Wiese ist Heu und mitten drin sitzt der Marx-Zeindler. Mit seinem braunen Schnurrbart und Funkelaugen und wie die Haarfetzen über die Stirn herabfahren -- ein schöner Mensch. Jetzt, wie ich noch ein paar Schritt weiter geh, sehe ich neben seiner die Kathrin. Reden tun sie nichts miteinand, schauen sich aber fest in die Augen, also daß man meinen kunnt, ihr Blick wäre ein eiserner Nagel, der die zwei Köpf zusammenheftet. Ich hab's meiner Hand nit befohlen, sie greift von selber um's Messer. Sucht im Sack und in allen Säcken und findet es nit; hab das Zeug unversehens liegen lassen oben im Lärchenwald. So schön! denke ich, einen Schutzengel haben die auch noch! Jetzt, was soll ich machen? Ich geh langsam rund herum; bin ich herüben, so hab ich sein Gesicht, bin ich drüben, so hab ich ihres. Eine so verdammte Unterhaltung hab ich mein Lebtag nit gehabt! -- Wenn die Liebe nit blind machen tät, sie hätten mich sehen müssen. Auf einmal, wie ich wieder hinschau, kommen sie mir allzwei häßlich vor, so häßlich, daß mir übel wird. -- Jetzt weißt es, sage ich zu mir, jetzt, was willst anfangen? Willst Lärm schlagen zu deiner Schand? Willst ihn erwürgen und sie heiraten? Nein. Da gibt's nichts, als still davongehen. -- Schon lang mein Wunsch nach Innsbruck in die Schnitzerschul. Eine ganze Nacht hat's gearbeitet in meinem Kopf: Sollst gehen? Sollst bleiben? Und je länger ich sinnier, je enger wird mir die Siebenbrunner Gegend und je breiter die Straßen nach Innsbruck. Wie die Sonn aufgeht, steht's fest. Und heut -- heut geh ich halt.«
»Ich gratulier!« Mit diesem Wort wollte ich seine Hand fassen, er zog sie rasch zurück.
»Denke dir, lieber Mensch,« sagte ich, »sie hätte sich dir angesüßelt und du kommst erst nach der Hochzeit zum Heu auf der Wiese!«
»Mich däucht,« knirschte er und holte die Faust wie zum Stoß aus.
»Das ist nichts,« unterbrach ich ihn, »du mußt dich weit furchtbarer rächen. Laß sie zusammen heiraten, er mit der Roheit, sie mit der Untreue, das geht weit über's Schnitzmesser! Und das bedenk: ein gleichgültiges oder absprechendes Wesen paßt nicht für einen Figurlschnitzler. Das würde dich mutloser machen, als alle absprechenden Urteile neidischer Kollegen, und deine Kraft lähmen. Die Mitfreude des geliebten Weibes an seinem Werke bedarf der Künstler, wie die Blume den Sonnenschein. Kein Mensch glaubt's, welch ein Segen für den Künstler das rechte Weib ist. Bedenk's und danke Gott.«
»Aber --« entgegnete er, und die Stimme brach sich im Halse, »ich -- hab sie lieb.«
Es ist ewig dieselbe Geschichte. Da hatte er aus Trotz gejauchzt, aus Wut sich zum Auswandern entschlossen, aus Rache nach dem Messer gelangt und muß sie lieben, als wäre sie ihm ins Herz gebrannt.
Wir waren in Franzensfeste, wo unsere Straßen sich trennten, die meine ging nach dem Süden, die seine über den Brenner nach der Hauptstadt. Vor dem Scheiden hatten wir gegenseitig unsere Namen genannt. Er hatte mich noch um Verzeihung gebeten, daß er mir sein Anliegen so vor die Füße geworfen, und gedankt, daß ich gut mit ihm gewesen. Jetzt sei ihm schon leichter. Dann gab ich ihm noch den Rat, er solle aufhören, sie zu hassen, dann würde er auch aufhören, sie zu lieben, und falls uns der Lebensweg noch einmal zusammenführe, würde er wirklich so lustig sein, als er es heut ~scheinen~ wollte. --
Acht Jahre später brachte ich folgendes in Erfahrung. Die Katharina Zeindlerin machte eine Wallfahrt nach Maria im Anger. Die Kirche ragte in einer Waldgegend, in der manch freundliches Dörfchen und manch schmuckes Landhaus stand. Aber die Katharina schleppte eine Last von Kummer daher. Ihre Kinder waren teils blöde, teils ungeraten; ihr Mann war ein Wüterich, der sie mit seiner Eifersucht zu Tode quälte, während er selbst unlauteren Schlichen frönte, und so frech, daß die betrogene Gattin von seinen Zuhälterinnen noch verhöhnt wurde. -- Nun trat das arme, vor Schmerz gebeugte Weib in die Kirche. Auf den Knien rutschte sie bis zum Hochaltar, auf dem die Mutter des Heilandes stand. Das Angesicht von himmlischem Frieden verklärt, die Hände über der Brust gekreuzt, die Augen zur Höhe gehoben voll heiliger Inbrunst, so stand die hehre Gestalt da; und Katharina, als sie emporblickte zu ihr, mußte weinen. Vielleicht gedachte sie einer vergangenen Zeit, in der sie ein Bildnis mit gen Himmel gehobenem Blick spottweise die Sternguckerin genannt; heute war sie selber eine solche Sternguckerin, und es tat ihr wohl, daß das Auge der Gottesmutter ihrem trostlosen Herzen ein Wegweiser war empor zu himmlischer Erhebung.
Und als das so hohen Fluges ungewohnte trübe Auge des Weibes wieder erdwärts sank, blieb es haften an dem Sockel der Bildsäule, in dem der Name des Schöpfers derselben eingegraben war. Ihr Herz hub zu pochen an, sie kannte den Namen.
Aus der Kirche tretend, fragte sie den Beschließer, ob denn vielleicht der Künstler noch lebe, der das schöne Gnadenbildnis gemeißelt habe?
Der Beschließer streckte seine Hand aus, nach einem stattlichen Landhause weisend, das auf einer sachten Höhung stand und von schönen Bäumen umgeben war: »Das dort ist sein Haus, und da wohnt er drinnen.«
Also schlich nun in der Abenddämmerung das Weib zu dem bezeichneten Hause hin, und zwischen den Planken lugte sie hinein in den Garten. Da hörte und sah sie eine Schar hübscher, munterer Kinder, da sah sie eine schöne, freundlichschauende Frau, und mitten unter diesen Menschen sah sie ihn. In seinem Wesen lag eine Ruhe, aus seinen Augen strahlte lauteres Glück.
Der Figurlmacher! -- Das Weib taumelte wegshin. Sie sah jetzt den Unterschied, der da ist, wenn man den Blick zur Höhe richtet, wo freudige, himmeldurchfliegende Gläubigkeit herrscht, oder der schmutzigen Erde zu, wo solche krauchen, die nichts können, als Knöpfe drachseln, Gamsfüßeln beschlagen und auf dem Heu liegen.
Der junge Geigenspieler.
Eines Tages sah der junge Ministrant Giedel bei seinem Pfarrer in Schwandau ein Holzkistchen. Er betrachtete es über und über; es war von länglicher Form, inwendig leer, und hatte sehr dünne Wände. Als der Herr Pfarrer dem Knaben den Ministrantenanteil von der Messe -- zwei Kreuzer -- ausbezahlte, sagte der Giedel bescheidentlich: Auf Bargeld gehe er schon weniger, aber wenn der hochwürdige Herr ihm das Holzkistel schenken wollte, so würde er dafür gerne den Winter über umsonst ministrieren.
»Kind!« rief der Pfarrer, »wozu willst denn das Ding? Es ist ja ganz leer!«
»Just deswegen,« antwortete der Kleine, »ich kann bloß die leeren Sachen brauchen.«
»Du bist nicht klug, Giedel. Das Zigarrenkistel kannst mitnehmen, und für die Meß kriegst täglich deine Kreuzer, wie sonst. Bist ja ein braver Bub du! Gott behüte dich!«
Voller Freude lief der Knabe mit seinem hohlen Schatze heim in des Vaters Hütte. Dort hub er an zu schaffen. Er bohrte durch das Kistchen Löcher, zog einen Balken durch, so daß dieser an beiden Seiten hervorstand. Dann erbettelte er von der Mutter mit List einige Fäden Hanfgarn, glättete sie mit Harz und spannte sie über das Kistchen, ähnlich wie man auf eine Geige die Saiten spannt. Und als er mit den Fingern die Fäden zupfte, wohl, wohl, da gab's einen Ton, der im Kistchen eine Weile nachklang. Der Giedel hatte auf dem Kirchenchor Pfeifen- und Saitenspiel gehört, er war dabei bis in den dritten Himmel verzückt gewesen, aber jetzt war er's bis in den siebenten, denn der Klang war von ihm selbst erfunden und erzeugt, und je nachdem er mit dem Finger den Faden strammer oder loser spannte, gab es einen höheren oder tieferen Ton. Als das so weit war, wagte der kleine Giedel einen schweren Gang. Der Pferdeknecht des Nachbars war sein Feind, denn er war ein roher Geselle, und die Töne, die der rote Rupert durch Fluchen, Peitschenknallen und andere Mittel hervorbrachte, waren dem Giedel verabscheuenswert. Und gerade dieser Mensch konnte ihm jetzt helfen.
»Guter Roßknecht Rupert!« redete ihn der Kleine an. »Hast du keinen Roßschweif?«
»Ich nicht, Narr, aber mein Pferd.«
»Verkauf mir davon ein Strähnl?«
»Was zahlst?«
»Das Ministrantengeld bis Weihnachten.«
Der rote Knecht glotzte mit seinen unterlaufenen Augen den hübschen, treuherzig blickenden Knaben ein Weilchen an, dann sagte er: »Pferdeschweifhaare willst. Sollst ihrer haben. Dein Ministrantengeld? den Bettel behalt' selber, aber zu mir herüber in den Stall kannst du manchmal kommen, wenn du Zeit hast. Weißt, wenn ich am Feierabend meinen Tabak rauch', da hab' ich's gern, wenn mir wer das Haar kraut. Bin's von Kindes her so gewohnt. 's tut mir halt wohl. Wenn du manchmal herüberkommst krauen, so kannst Pferdeschweif haben, so viel du willst.«
Dem Knaben ging es ganz kalt über den Rücken. Diesem Menschen das Haar krauen! »Die Mutter laßt mich halt nicht,« sagte er dann verzagt, »aber das Ministrantengeld bis Heiligdreikönig!«
»So wart' ein wenig,« sprach der Pferdeknecht, und der Giedel bekam einen silbergrauen Strähn vom alten Schimmel. Jetzt war's gewonnen.
Er schnitt einen Weidenzweig, spannte daran die Haare, und der Fiedelbogen war fertig. Dann hub er an auf seiner Geige zu fiedeln. Es war außerordentlich! Es war darum außerordentlich, weil das ganz anders stimmte, als andere Geigen, wenn auch nicht schöner, aber durchaus anders. Tagelang spielte der kleine Musikant auf seinem Instrumente, anfangs mit großer Selbstbefriedigung und Hoffnung, daß sich das Zeug vervollkommnen lassen werde, allmählich aber mit weniger Zuversicht, und als gar sein Vater, der Weber Franz, ein Donnerwetter losließ über das schauderhafte Gekrächze, das da sein Bub hervorbringe, war es geschehen. Der Giedel legte seine Geige auf den Holzblock, ging hinaus unter den Apfelbaum und war betrübt. Musizieren, geigen! Er schnitt sonst Pfeifen und blies hinein, er machte Pauken und trommelte darauf. Alles ging leidlich, nur die Geige nicht. Wenn er dann am Sonntage den Schulmeister das Meßlied geigen hörte, da vergaß er seine lateinischen Sprüche und horchte versunken dem Spiel. Minutenlang konnte der Pfarrer seinen Kelch hinhalten, der Knabe hielt die Wein- und Wassergefäßchen in den Händen und goß nichts hinein. Er horchte auf das Geigen. Der Pfarrer schalt ihn nicht, es wurden ihm die Augen feucht. In diesem Kinde der glühende Drang nach dem Schönen, und es kann sich nicht helfen? Wie reich ist die Welt an Herrlichkeit und Kunst! Wie üppig blüht in den Städten und Höfen der Großen die göttliche Musik auf! Die Harfe, die in einem Dorfe zu Gottes Lob ertönt, ist nur ein Stammeln dagegen! Und selbst dieses Stammeln ist dem Knaben unerreichbar ...
Ging der Pfarrer zum Weber Franz und bettelte ihm mit vieler Mühe den Giedel ab für eine tägliche Musikstunde.
»Du lieber Gott!« sagte der Weber: »Eine Stunde des Tages haben ihn Hochwürden ohnehin bei der Messe; jetzt soll ich ihn noch eine zweite Stunde herlassen? Muß ihn ja doch für mich abrichten, und er soll arbeiten lernen. Wir sind halt arme Leute. Aber wenn er um eine Stunde früher aufsteht, -- der Junge liegt mir jetzt alle Tage bis sechse in der Früh'! -- so kann er meinetwegen seine Musikstunde haben.«
Nun, da hätten wir ihn ledig. Jetzt ging der Pfarrer zum Schulmeister und sagte: »Unser Giedel. Mir tut er ins Herz hinein weh. Probieren Sie es alle Tage ein Stündel mit ihm. Zahlen kann sein Vater nichts, aber ich meine, es ist so viel als Kirchenmusik zum Lobe Gottes, wenn Sie diesem musikbegeisterten Kinde das Saitenspiel lehren?«
Der Schulmeister reichte dem Pfarrer schweigend die Hand, da war es abgemacht.
Also geschah es nun, daß der Giedel täglich in das Schulhaus kam und auf einer alten Geige, die der Schulmeister ihm lieh, nach mühesam eingelernten Noten die Saiten strich. Es war ein Glück, und es war ein Fleiß, und es war eine Plage. Nach etwa einem halben Jahre waren sie soweit, daß der Schulmeister zum Pfarrer sagte: »Mit dem Knaben ist es ein Elend. Ich bringe ihm keine Noten und keine Regeln in den Kopf. Wo er nach der Vorschrift sich üben soll, ist es gar nichts; er vergreift sich, und man kann ihm auf die Finger klopfen wie man will. Wenn er aber für sich phantasieren kann, da ist es manchmal erstaunlich, geradezu erstaunlich! Das hilft alles nichts, wenn er das Theoretische nicht inne kriegt, so ist alle Mühe verloren.«