Chapter 14 of 28 · 3964 words · ~20 min read

Part 14

Doch taten sie eine Weile so fort. Allmählich aber änderten sich die Zeiten. Der gute alte Pfarrer zu Schwandau ging zum Altenruhsitz in ein Kloster. Der Schulmeister wurde versetzt, der Weber Franz starb, und der Giedel mußte als Majoratsherr in der armen Hütte die Ernährung der Familie über sich nehmen. Die Geige, schon mit Abgang des Schulmeisters ihm aus der Hand gesunken, mußte er sich nun auch aus dem Kopfe schlagen. Es kamen die Jahre, in welchen dem Menschen der Himmel voller Geigen zu hängen pflegt; an Giedels Himmel hing nichts als eine große Flöte, auf der er Trübsal blasen konnte, wenn er das Blasen überhaupt gelernt hätte.

Eine halbe Wegstunde von Schwandau in einem Seitengraben stand damals ein kleiner Eisenhammer. Heute ist er ganz verfallen, nur der blockige Schornstein steht noch da, und rings um ihn wuchert Holundergesträuche und Nesselwerk. Der voreinstige Besitzer ist hinausgezogen in das weite Tal, hat dort ein großes Sensenwerk gegründet, hat Ländereien und Wald dazugekauft, und als der Besitz recht groß und die Werkschaft recht angesehen war, hat er alles an eine Aktiengesellschaft abgetreten und sich selber in die Stadt gezogen, wo er sein Geld in vornehmer Weise und sorgenlos genießen konnte. Zu jener Zeit, von der hier die Rede ist, pochte das emsige Eisenhämmerlein in der Waldschlucht Tag für Tag, und dem Weber Giedel pochte fast noch heftiger das Herz, wenn er es hörte. Denn im Hammerhause war Eine! Jung und gut und lieb! Das war ihm schon recht, wenn sie nur nicht so schön gewesen wäre! Wie kann ein armer Weberbursche sich an eine Hammerschmiedstochter wagen, wenn sie so gottlos schön ist! Er kriegt sie nicht. Hundert andere sind, reiche, vornehme, kecke! So gern kann sie freilich keiner haben, als der Giedel, aber sie weiß es nicht, und er kann es ihr nicht sagen, und so wird der Jüngste Tag kommen und die Paula Radhuberin wird es immer noch nicht wissen, daß sie auf Erden einer so über alle Beschreibung gern gehabt hat. Denn wie kann er es sagen und schreiben, wenn es unsagbar und unbeschreiblich ist! -- Einmal an einem Sonntage hatte er sie von der Kirche aus begleitet bis zur Brücke, über die der Weg zum Eisenhammer hinanführt. Garnkaufen müsse er gehen, hatte der Giedel gelogen, um eine Weile neben ihr herschreiten zu dürfen. Sie plauderten und es war von sehr wichtigen Sachen die Rede: Daß doch die Straße einmal geschottert werden sollte! Daß es wieder gar so viel regne in diesem Sommer! Daß Korn und Obst verderbe! Nur das Heu würde geraten! Und beim Heu hielten sie sich so lange auf, bis die Brücke kam. Dann wünschte sie ihm einen guten Garnhandel, und er sagte: »Dank' schön!« und also stand er wieder allein. Hinter einer Fichte stand er und guckte ihr nach, solange der rote Punkt, denn sie hatte ein kirschrotes Kittlein an, im Hohlweg zu sehen war.

Nach diesem Spaziergange verschloß sich der junge Weber in seine Stube und verfaßte ein Schreiben an die ehr- und liebsame Jungfrau Paula Radhuberin. Als er das Schreiben durchlas, war es trocken wie ein dürrer Ast. Kein grünes Blatt und keine rote Blüte war daran und doch wucherte in seinem Herzen ein so üppiger Rosengarten, daß der arme Junge fast erstickte. Den Brief zerknitterte er und warf ihn in die Asche des Ofens.

Leute, die vielleicht noch Hemden am Leibe tragen aus jener Zeit und von jener Leinwand, die der verliebte Weberbursche Giedel gewoben, müßten es eigentlich heute noch spüren, das trostlose Herzweh, das er in die Fäden hineingewebert. Damals hat's kein Mensch geahnt, wo es fehlte; weil er so blaß und traurig war, der Giedel, so meinten etliche, er hätte es auf der Brust. Sie hatten recht, aber anders, als sie meinten. Seine alte Mutter riet ihm oft, er solle nicht immer am Webstuhl sitzen, er solle sich besser zerstreuen. -- Wieso denn? Lieben darf ich nicht, und geigen kann ich nicht. -- Denn er hatte gar keine Geige, und es war noch nie möglich gewesen, sich eine anzuschaffen. Da kam eines Tages eine große Aufregung.

In Schwandau lebte seit kurzer Zeit ein ausgedienter Major, der eine große Geigensammlung besaß. Wie es schon allerhand Sammler gibt auf der Welt: Käfersammler, Tabakspfeifensammler, Hosenknöpfesammler, Spielkartensammler, Spazierstöckesammler, Uhrschlüsselsammler und immer so fort, so kam es dem Major, als er in seinem Ruhestande nichts zu tun hatte auf der Welt, plötzlich in den Sinn, er müsse eine Geigensammlung haben. Da er, wie gesagt, selbst nicht geigte und sein Museum auch selten einem neugierigen Auge aufschloß, so hatten die guten Leute zu Schwandau kaum eine Ahnung von all den Walzern, Ländlern und anderen Weisen, die ungeweckt in ihren Mauern schliefen. Da kam jener Sonntagnachmittag, an dem der Weber am Waldhange die zwei Ziegen weidete. Sein Schwesterl, das sonst den Hirtendienst zu besorgen hatte, war in den nächsten Kirchort zur Firmung gegangen. Wie er im Moose so dalag und ganz gedankenlos in das offene Fenster eines gegenüberstehenden Hauses blickte, ging es sachte und traumhaft in ihm auf wie eine übernatürliche Erscheinung. Dort drin an der Wand hing eine Geige, ihr zur Rechten hing auch eine solche, ihr zur Linken hingen deren zwei kleine, ihr zu Füßen war eine Riesengeige -- aus dem Stubenschatten immer deutlicher hervortretend Geigen und Geigen.

Dem Burschen begann fast zu schwindeln, die Wangen, die Stirne waren ihm heiß, das Herz wurde ungeberdig, die leidenschaftliche Gier zur Geige war wieder da. Als er am Abend nach Hause kam, und die Mutter nach den Ziegen fragte, war er verwundert, weshalb just er von den Ziegen etwas wissen sollte. Zum Glück kamen sie selbst heim und meckerten ihre Ankunft. In der darauffolgenden Nacht schritt der Giedel den Weg hin und wieder von Schwandau bis zum Eisenhammer. Als er das erste Mal vor ihr Fenster kam, war noch Licht darin, das zweite Mal war schon alles finster. Unterwegs begegneten ihm Nachbarsburschen, die zu den Fenstern ihrer Liebsten gingen, dort allerlei Ständchen brachten und getröstet heimkehren konnten. Der eine spielte unterwegs eine Mundharmonika, der andere eine Maultrommel, der dritte jodelte und der vierte pfiff vergnüglich vor sich hin. Und jener, der ganz still war, atmete die Harmonie inneren Glückes. Also ist die Liebe stets musikalisch. Nur der arme Giedel empfand keinen Wohlklang in seinem Wesen. Er kam sich dumm und häßlich vor, ihm mangelte jener Wohlklang des Herzens, der zu rechter Zeit mutig macht, ein Glück zu erringen. Im Dorfe stand der Giedel vor dem Hause, in dem der Major mit den Geigen wohnte. -- Daß es so herzzerdrückend still sein kann auf dieser Welt! Da haben die Leute einen Mund und eine Sprache, und Geigen, und sind doch stumm.

Lange nach Mitternacht ging er zu Bette, erst gegen Morgen schlief er ein und geigte und geigte.

Noch ganz verschlafen war er, als übertags zwei Frauenzimmer ins Haus kamen mit Körben Garn; das eine war die Magd vom Eisenhammer, das andere war die Paula. Diese blickte den schlanken, blondhaarigen, sanftdreinschauenden Burschen frisch an und sagte: »In vier Wochen müssen wir Leinwand haben. Sie ist zur Ausstattung!«

»Will wohl trachten,« antwortete der Giedel, hatte aber nicht den Mut zu fragen, wer denn heirate? Man atmet ja gern noch ein wenig in der süßen Ungewißheit. ~Dann~ ist ohnehin alles aus.

Auf dem Heimweg sagte die Magd zur Hammerschmiedstochter: »Etwas antappert ist der Weber.«

»Ich denk', der ist ein bissel gescheiter wie du!« entgegnete strafend die Paula. Weiteres wurde nicht gesprochen.

Der Giedel wußte wohl, daß er als einzige Stütze seiner Familie wehrfrei war. Dennoch ging er eines Tages zum Major, um Rat zu bitten, wie er dem Soldatenleben entkommen könne.

Der Major, eine schlanke, hagere Gestalt, deren einzige Lebensaufgabe es noch war, den dummen, krummen, plumpen Dorfleuten militärische Haltung zu zeigen, strich heftig seinen Bart und ließ den Burschen die Oberkleider ausziehen.

»Bravo!« schnarrte der alte Offizier, »das ist wieder einmal ein Brustkorb!« Mit der Faust hieb er darauf, daß es dröhnte. »Hören Sie! Das ist Grundton. Nein, nein, lieber Junge, Sie brauchen sich gar nicht zu grämen, Sie sind tauglich. Gerad' halten!«

Giedels Blicke waren mittlerweile wirr im Zimmer umhergeflogen, aber nicht so sehr aus Angst vor dem Militär, als vielmehr aus Hoffnung, durch irgendeine halbgeöffnete Tür ins Geigenzimmer lugen zu können. Da er aber nichts dergleichen entdeckte, da er wieder vollkommen angekleidet zum Fortgehen bereit war und seine ganze Falschheit umsonst zu sein schien, hob er mit einem tiefen Atemzug sein Herz aus der Brust und fragte: »Haben der Herr nicht eine Geigensammlung?«

»Wissen Sie mir ein interessantes Instrument?« fragte der Major rasch entgegen.

»Das nicht, aber,« stotterte der Giedel, »ein wenig anschauen, wenn ich sie dürfte!«

Allsogleich war die Tür offen in das Nebenzimmer. Ehrfurchtsvoll wie in ein Heiligtum trat der Bursche ein, so daß er vor lauter Andacht über die Schwelle stolperte und »oha!« rief. Er war ganz rot im Gesicht, teils wegen seiner Ungeschicklichkeit, teils vor innerer Erregung. Die Wände des Zimmers waren mit grauem Tuche überzogen, und daran hingen sie nun in allen Größen, Arten und Formen. Wie schön geflammt war das Ahornholz dieser Instrumente, wie fein geschwungen und gewölbt war der Bau, wie reizend waren die langen Hälse mit ihren köstlich gewundenen Schnecken! Und die Fiedelbögen: schlanke und kurze, breite und schmale, gerade und gebogene in allen Farben! Der Major, sich darüber freuend, daß einmal eine menschliche Seele Anteil nahm an seinen Schätzen, begann zu erklären, von wem diese und jene stamme, welche Seltenheit an dieser und jener wäre, er hatte da Geigen von Amati, von Montana, von Guarneri, von Bergonzi, von Jakob Stainer usw. »Und hier!« flüsterte er, eine sehr flachgebaute Violine mit fast hellrotem Anstrich feierlich von der Wand nehmend, »hier, die ist von Stradivarius! -- Eine Cremoneser! -- Geradhalten, saperment!«

Unserem Giedel waren nun zwar die fremden Namen ziemlich gleichgültig, doch hörte er sie mit Ehrerbietung nennen. Als der Major an der Cremoneser mit dem Finger die Saiten berührte, um den herrlichen Ton zu zeigen, sagte der Bursche: »Bitte, geigen Sie eins!«

»Ich spiele nie,« antwortete der Major, hing das Instrument mit größter Sorgfalt wieder an seinen Platz und schob den Burschen sachte zur Tür hinaus.

Seit diesem Tag war's schier vorbei mit dem Giedel. Er dachte Geigen, er weberte Geigen, er träumte Geigen, und wenn er Zeit hatte, ging er hinaus und schaute auf das Haus hin, in dem der Major die Geigen hatte. Eines Tages hörte er vom Schulmeister sagen, der Major sei ein Fex. Hoffentlich habe er einst den Säbel besser zu handhaben gewußt, als jetzt den Fiedelbogen, denn er könne gar nicht Violin spielen und habe die Sammlung nur so aus Rappelköpfigkeit zusammengekauft und erbettelt. Es sei an dem ganzen Quark nichts, eine einzige ausgenommen. -- Schulmeister! dachte sich der Giedel, wie du nur so sprechen kannst! Ich wollte, ich hätte die geringste dieser geringen! Aber, daß er nicht soll geigen können? So viele Geigen haben und nicht geigen können! -- Nur auf ein paar Stunden möchte ich eine haben!

Nicht lange hernach, und es ergab sich eine zufällige Gelegenheit, daß der Weber den Major fragen konnte, ob er ihm nicht eine Geige borgen wollte für einen Tag, nur für einen einzigen! Und nur jene, an der ihm, dem Herrn Major, etwa am wenigsten gelegen wäre! Er, der Giedel, setze eine Ziege dafür zum Pfand.

Ein plumpes Lachen stieß er aus, der Herr Major, ein schreckbar hochmütiges Lachen, dann wandte er sich ab. Und das war der Bescheid gewesen. --

Ein stiller, warmer Herbstsonntag. Die Dorfleute ergingen sich draußen auf Feldrainen oder saßen im Wirtshause. Der Major war mit einem Steirerwägel in den nächsten Ort gefahren zu einem alten Kameraden, der ihm -- so viel verlautete -- geschrieben, daß er irgendwo eine uralte Violine entdeckt habe. Sie stamme noch aus den Zeiten der Minnesänger und ein Zigeuner gehe damit um, der darauf ohrenzerreißend spiele und von dem Werte des Instrumentes gewiß keine Ahnung habe. Hau, das mußte unser Major näher erfahren, und er fuhr hinüber. -- In der Wohnung des Majors waren ein paar Fenster offen geblieben. Der Giedel kauerte am Berghang und schaute hinein zu den Geigen. Die Haushälterin des Majors war auch fortgegangen, nachdem sie das Haustor mit großem Gerassel verschlossen hatte. Der Giedel blickte hinein zum offenen Fenster. »Der hat so viele, und ich hab' gar keine!« murmelte er. Plötzlich schlug er mit dem Daumen ein Kreuz über sein Gesicht und lief davon. Er ging den Weg hinein bis zur Brücke, er schritt hinan bis zum Hammerhaus. Auf dem Fenster, hinter dem sie wohnte, standen schöne Blumen, sonst sah er nichts. Das Wasser rauschte und der Berg legte schon seinen dunkelblauen Schatten über das Haus. Ein paar junge Männer gingen im Garten umher mit spitzen Schnurrbärten und unternehmenden Mienen. Dann traten sie ins Haus. Ob das Verwandte sind von ihr, oder Eisenhändler?

Der arme Giedel ging wieder gegen das Dorf zurück. -- Am Werktage, dachte er bei sich, da ist die Arbeit, da geht's zur Not; aber am Sonntag, wenn einer in der Müßigkeit so umherstreicht, da ist's schier nicht auszuhalten. ~Der~ Druck in der Brust, der grausame Druck! Mit dem Taschenmesser ein Loch aufmachen hinein, daß dieses wilde Blut heraus könnt' springen ....

Als er zum Hause des Majors kam, dunkelte es schon ein wenig, und im Tale dem Bache entlang war ein bläulicher Dunsthauch. Kein Vogel, kein Heimchen, kein Mühlrad -- nichts. Daß es doch so still sein kann auf der Welt! ...

Um das Haus war es öde, und nichts rührte sich. Die Fenster standen offen. Der Giedel kletterte an einem Mauervorsprung empor und stieg zum Fenster hinein. An der Wand huschte er hin, nahm die Cremoneser Geige mit dem Fiedelbogen von der Wand, barg sie unter seinen Rock, sprang rasch zum Fenster hinaus und eilte davon gegen den Wald hin.

In der darauffolgenden Nacht war's. Über den Wipfeln des Bergwaldes stand der Mond. Der Eisenhammer stand still, das Wasser rieselte leise über das hinterseitige Floß. Wer das Rauschen und Pochen gewohnt ist, dem wird's unheimlich. Paula lag in ihrem Bette, konnte aber vor lauter Ruhe, die sie umgab, nicht schlafen. -- Sie dachte an ihre Mutter, die seit langem schon auf dem Kirchhof lag. Sie dachte seufzend, wie das jetzt werden würde, wenn der Vater wieder heiratet. Die reiche Sensenschmied-Witwe von Tiefwasser. Dann will er den kleinen Eisenhammer hier verkaufen und hinüberziehen und in Tiefwasser eine Gewerkschaft bauen. Was das noch werden wird? ...

Als das Mädchen im einsamen Stübchen so sann und dabei recht traurig ward, hörte es draußen einen klingenden Ton. Es war anfangs wie eine leise vor sich hin singende menschliche Stimme. Sie wurde lebhafter, es klang wie ein süßes Locken und dann wieder wie ein betrübtes Klagen. Es war wie ein allmähliches Aufschwingen, wie ein Anklopfen und treues Bekennen und endlich wie das Freiwerden und Übersprudeln eines warmen, leidvollen Menschenherzens. -- Nie in ihrem Leben noch hatte Paula so singen, so weinen gehört. Sie war selbst einmal in einer Singschule gewesen, aber dieser unendlich rührende Tonhauch, den sie jetzt vernahm, er hatte keine Ähnlichkeit mit anderen Kehlenklängen, und doch war er das unmittelbare Aufquellen eines Geheimnisses. -- Sie konnte sich das nicht so denken, aber ein Gefühl war in ihr wach, als ob sie in diesem Augenblicke sterben müßte, und als ob sie im nächsten Augenblicke eingehen würde zur himmlischen Seligkeit. --

Nach einer Weile richtete sie sich auf und blickte hinaus zum Fenster. Da unten auf weißem Kieswege stand eine dunkle Gestalt. Sie erkannte den Weber Giedel und sah jetzt, wie er eine Geige spielte. Sie verhielt sich ganz ruhig, sah hinab und horchte. Sie horchte so lange, bis ihr die Tropfen von den Augen rannen. So über alle Maßen lieb hatte sie diesen Menschen. So viel Mitleid hatte sie empfunden, seit sie ihn kannte, weil er so sanft, so freundlich und still, so brav und so verlassen war. Als sie einst, ein kleines Mädchen, das erste Mal in die Kirche mitgenommen wurde, war am Altar neben dem Priester ein schöner blonder Knabe gestanden, und so oft sie an Engel dachte, von Engeln hörte, kam ihr dieser Knabe zu Sinn. Allmählich, ganz allmählich wuchs dieser Engel heran zu einem Menschen ...

Paula öffnete das Fenster, da hörte der Bursche unten auf, zu geigen.

»Giedel,« sagte sie mit vor Innigkeit zitternder Stimme, »Giedel, geh' jetzt heim. Die Nacht ist kühl.«

Da trat er ein paar Schritte gegen das Fenster und flüsterte herauf: »Paula, ich hab' dich lieb!«

»Nimm ihn hopp!« rief plötzlich eine Männerstimme. Da sprangen aus dem Schatten zwei Gesellen mit Waffen und glänzendem Riemzeug herbei und rissen den Burschen nach rückwärts zu Boden. Noch hielt der Giedel trotz des Schrecks die Geige hoch in die Luft, daß ihr nichts geschehe, weiter wehrte er sich nicht, biß die Zähne zusammen und ließ sich fesseln.

Mittlerweile war es im Hammerhause lebendig geworden, die Leute eilten auf die Gasse: was da geschehen wäre, was das bedeute?

»Den Dieb haben wir,« berichtete einer der Gendarmen. »Dem Herrn Major Stramper ist er in die Wohnung gestiegen. Eine Violine gestohlen.«

»Der Weber Giedel!« schrien nun die Schmiede und das Gesinde. »Das ist nicht übel!«

Auch der Schmiedmeister war, flüchtig in seine Bettdecke gehüllt, hervorgekrochen. »Ein Dieb? Ein Eisendieb?«

»Ein Bettelgeiger.«

»Der Strolch!« knurrte der Schmiedmeister, »was hat er denn vor meinem Hause gesucht, bei der Nacht?«

»Das Töchterl hat er angegeigt!« lachten sie.

»Ein anderes Mal stiehl Butterbrot! Das frißt man ungehört,« höhnte ein Knecht. »Geigen krächzen zu viel, kommst allemal auf.«

»Was kostet der Bettel?« rief jetzt Paula, die sich schneidig in den Handel mischte.

»Jungfer!« antwortete der Gendarm, »es handelt sich nicht um die Geige, es handelt sich um den Diebstahl.«

»Sag' etwas!« forderte das Mädchen den Giedel auf. »Verteidige dich!«

»Das hilft nichts,« antwortete der Bursche ganz ruhig. »Sie glauben es mir nicht. Morgen hätt' ich sie dem Herrn ja wieder zurückgebracht. Sie glauben es mir nicht. Aber macht nichts, jetzt ist mir ganz leicht. Sei nur so gut, Paula, und stell' sie ihm zurück. Und daß ihr nichts geschieht. So leicht ist mir schon lang' nicht mehr gewesen, wie jetzt. Vergiß nur nicht ganz auf mich, Paula, wenn ich gestorben bin.«

Das Mädchen wollte darauf etwas sagen, konnte aber vor Bewegung nicht mehr sprechen, und also führten sie den armen Jungen davon in der stillen Mondnacht, führten ihn hinaus in das Dorf und taten ihn in den Gemeindekotter.

Am nächsten Morgen war ganz Schwandau außer Rand und Band. Das Unglaubliche! Manche meinten, der Giedel sei irrsinnig geworden. Etliche fluchten über die Hexe, die ihm's angetan. Nur wenige gaben sich stiller Schadenfreude hin. Im Gemeindehause kamen um die Mittagsstunde mehrere Männer zusammen, der Dorfrichter, der Pfarrer, der Hammerschmiedmeister und auch der Major Stramper.

»Ist es Ihr Ernst, daß Sie klagbar werden wollen?« fragte der Richter den Major.

»Bare achtzig Gulden hat sie mich gekostet, die Cremoneser!« antwortete der Major.

»Aber sie ist ja doch wieder in Ihrem Besitze,« sprach nun der Pfarrer, »und gänzlich unversehrt. Den Burschen haben wir alle gern, er ist fleißig, gutmütig, keiner weiß sonst etwas Ungutes von ihm. Auch wir haben Torenstreiche gemacht in der Jugend. Lassen Sie es gut sein, Herr Major!«

»Von mir soll niemand sagen, daß ich sein Unglück gewesen bin,« antwortete der alte Soldat. »So vernarrt zu sein! Na ja, auch wir einmal! -- Gerad'halten soll er sich! Es ist gut.«

»Wenn's gut ist,« sprach jetzt der Hammerschmiedmeister, »so möchte ich auch noch ein paar Worte sagen. Mein Mädel ist wie verrückt. Ich habe keine Ahnung gehabt. Wenn es so steht mit den zwei jungen Leuten, und daß sie toll werden, wenn sie einander nicht kriegen -- ich sag': in Gottesnamen.«

Denn er hatte sich's überlegt, daß es besser ist, wenn er die erwachsene Tochter an den Mann bringt, ehe er selbst noch einmal zugreift drüben in Tiefwasser. Es bleiben auf solche Weise allerhand Unannehmlichkeiten aus. Das Mädel hat seine mütterliche Sach', damit kann es dem Weber aufhelfen und die Wirtschaft herrichten. Also ist's recht, und der Vater und die Tochter sollen an einem Tage Hochzeit halten.

Als der Giedel aus dem Kotter trat, wartete schon die Paula, fiel ihm lachend und schluchzend um den Hals: »Wir haben uns!«

Am Tage der Hochzeit kam der Major mit der Geige. Die Cremoneser war's.

»Mir steht ein Duplikat in Aussicht,« sagte er einleitend. »Auch dem Zigeuner mit der alten Fiedel bin ich auf der Spur. Diese da -- ein sehr seltenes Stück! -- sie gehört dem Bräutigam. Er hat damit der Seinigen das Ständchen gebracht, er wird sie noch öfter brauchen können. Ist die Geige verstimmt, so soll er küssen, und ist das Weibchen verstimmt, so soll er geigen. Und jetzt einen kecken Steirischen aufgefiedelt! Gerad'halten, Junge!«

Der singende Schabelwirt.

Der dicke Schabelwirt in Rusterholz hatte zwei Stimmen, eine im Gemeinderat und die andere auf dem Kirchenchor. Die erstere war so gewichtig, daß sie mit Leichtigkeit ein halb Dutzend Häuslerstimmen in die Luft schnellte; die zweite war so mächtig, daß in der Kirche die Leute sich umwendeten, um diese Stimme nicht bloß zu hören, sondern auch zu sehen. Sie mußte wie ein Strick von Bärenhaar aus dem viereckig aufgespreizten Munde des Schabelwirtes hervorgewirbelt kommen. Die Stimme dieses Chorsängers weckte Skalen in der Menschenbrust; wer sie das erstemal hörte, dem war zum Lachen, wer sie oft hörte, dem war zum Weinen.

Selbst dem Chormeister war zum Weinen. Allein ohne Schabelwirtsgesang in der Kirche gab's keinen Kaffee zum Frühstück. Mehrmals hatte er es versucht und nur solche Messen auf die Pulte gelegt, die ohne Männerstimme gegeben werden konnten. Allsogleich jammerte der Wirt seinen Gästen vor über den Niedergang der Musik und daß der Chormeister Sägespäne im Kopf haben müsse! Ob die menschliche Stimme nicht der Höhepunkt aller Musik wäre -- besonders eine schöne kräftige Männerstimme! Wenn dieser Herr töricht werde, so müsse man ihm die Zitzen höher halten! -- Und dem Chormeister blieb die Milch aus. Des Wirtes Kuhmädel kam des Morgens nicht mehr mit der Zinnkanne, wie sonst, und da fand der Chormeister endlich doch allemal wieder, daß zur würdigen Kirchenmusik auch eine kräftige Männerstimme gehöre. Der Schabelwirt »mußte« wieder singen, und das Mädel erschien mit der Zinnkanne.

Kamen Fremde nach Rusterholz, so eiferte sie der Wirt an, doch auch die Kirche zu besuchen, womöglich beim Gottesdienst, es wäre sehr feierlich, besonders mit der Musik wären sie gut bestellt. Der Chormeister hingegen, der sonst auch nicht unchristlich dachte, riet den Fremden lieber einen Ausflug auf den Schirmberg, oder auf den Rotkofel an, als den Gottesdienst in Rusterholz. Die einheimischen Kirchenbesucher opferten ihre Ohrenpein für die armen Seelen im Fegefeuer auf und so oblag der Schabelwirt ungestört seinem Gesang. Ein halbberauschter Zecher wagte eines Tages den Zweifel laut werden zu lassen, ob der Wirt wohl auch alle Noten kenne! Der kam an! Prügel bekam er nach Noten! Da hatte er's blau auf weiß! Aber ungarische Schweinetreiber, die eines Tages während der Messe ihre Herde vorbeiführten, machten doch halt vor der Kirche und der eine lugte zum Tore hinein, ob nicht Hilfe nottäte. Er schien sich nicht sicher, ob es Gesang oder Notschrei wäre. -- Sollten sich nur beruhigen, die Herren Sauhändler -- es ist Gesang!

Auch in dem Jungen steckte es, in Schabelwirts Sohn, dem Damian. Stimme hatte der keine zum Singen, sie gixte. Eine Weile meinte der Chormeister, sie mutiere; wenn das vorüber, würde die Stimme des Burschen alle anderen Sänger der Erde gründlich ausstechen. Nun war der Junge mannbar geworden, allein die Stimme gixte noch immer, der Chormeister hatte Todesangst. Wenn ihm der auch noch auf den Chor kommt!

»Dem Damian seine Stimme muß geschont werden,« sagte er vorbeugend, »wenn sie jetzt einige Jahre lang auf das Sorgfältigste geschont wird, dann können wir einmal etwas Phänomenales erleben!« Einstweilen schlug er dem Burschen vor, geigen zu lernen. Das Geigen aber gefiel dem Alten nicht. »Die Geige ist ein Konkurrent der menschlichen Stimme, aber ein ganz unfähiger! Trompetenblasen, ~das~ ist das richtige. Blech, ~das~ gibt Musik!«