Chapter 21 of 28 · 3917 words · ~20 min read

Part 21

Als der Hinterberger endlich vom Gefängnisse entlassen nach Hause kam, fand er das Elend noch größer. Die letzte Kuh war aus dem Stall gepfändet; das Weib lag krank auf dem Stroh und die Kinder balgten sich um die letzte Brotkrume. Zu den Nachbarn war sein Weg, daß sie ihm hülfen. Sie lachten ihn aus: »Du Narr, du bist selber schuld. Hättest nur etliche Bäume aus deinem Wald verkauft und die Steuerschulden wären gedeckt gewesen.«

»Die Steuer-~Schulden~? Wieso Schulden?«

»Ja glaubst denn, Nachbar, du kommst auf, gegen die Weltordnung?«

»Ich weiß es, daß ich zugrunde gehe, aber ich weiß es auch, daß ich recht habe, und das ist ein ganz anderes Recht als jenes, so in euern Gesetzbüchern steht. Und es wird kommen, daß kein Mensch mehr Steuern zahlt, als etwa der Pächter. Ja, da möcht' ich leben.«

Es kam die Zeit heran, da der älteste Sohn des Hinterbergers militärpflichtig wurde. Das wird wieder einen Sturm geben mit dem Alten, meinten die Leute. Aber siehe, der Bauer hatte kein Wort dagegen und ermahnte noch den Burschen, seinen Vorgesetzten zu gehorchen und ein tapferer Beschützer des Vaterlandes zu sein.

Die Behörde hatte mit ihm so viel Nachsicht als möglich. Der Pfarrer besuchte ihn einmal und suchte ihn mit Vernunftgründen zu bekehren. »Hochwürden« sprach der Bauer rundweg, »wenn Er vom Himmel und Hölle predigt, da hört man Ihm gern zu; wenn er anstatt Saufen und Raufen das Beten und Almosengeben aufbringen will, so hat's auch noch seinen Schick, aber vom Steuerzahlen -- mit Verlaub -- versteht Er gar nichts.«

Da stieg der Oberamtmann selber einmal hinauf gegen den Hinterberg mit der Absicht und der festen Überzeugung, den närrischen Kauz mit Güte zu bekehren. Er kam eher zurück, als er sich gedacht hatte, kam sehr aufgeregt zurück und gab Befehl, gegen diesen wilden Menschen auf dem Berge nicht die geringste Rücksicht mehr walten zu lassen. Was ihm passiert war, ist nicht offenbar worden.

Nun pfändeten sie dem Hinterberger den schwanken Tisch und den wurmstichigen Kasten, so daß die wenigen Habseligkeiten hingeworfen lagen auf dem morschen Fußboden. Elend sah es aus im Hause, und die erwachsenen Jungen lungerten arbeits- und zuchtlos draußen in den Weiten herum und aßen ihr Brot, wo und wie sie es fanden. Eines Tages wurden zwei davon als Wildschützen eingefangen.

»Ist nicht in Ordnung das!« meinte der Alte, »nur abstrafen, ist schon recht, nur abstrafen!«

»Dann muß man auch dich mitabstrafen,« rief ein Nachbar, »wie du deine Kinder hast gebogen, so sind sie erzogen. Darf man ein Gesetz überschreiten, warum nicht auch zwei, warum nicht auch das dritte, wenn's gelegen ist, warum nicht alle?«

Mit der armen Hinterbergerin hatte es endlich ein Ende. Ihr letztes Wort im Sterben war gewesen: »Gott Lob und Dank!«

Die Leichenkosten bezahlte er willig und bar. Aber als die Verlassenschaftsgebühren zu erlegen waren, fluchte er: »Der Tod auch besteuert? Auch mit ~dem~ machen sie noch ein Geschäft? Verdammt!«

Eines Montagmorgens war die ganze Gegend in Aufregung. In der Lansa war ein junger Bursche erschlagen gefunden worden. Ein Raufhandel war in der Nacht gewesen. Am nächsten Tage kehrte der jüngste Sohn des Hinterbergers nicht ins Haus zurück. Dafür kam die Botschaft, der Hinterberger möge mit dem Mittagessen nicht auf sein Bürschl warten, dasselbe käme heute nicht heim, käme vielleicht auch morgen nicht, käme vielleicht viele Jahre lang nicht -- die Standarm hätten ihn mit sich genommen, weil er einen blutigen Rockärmling gehabt habe. Und einen blutigen Ärmling habe er gehabt, weil er den Sager-Urb umgebracht hätte.

»Was hätte er?« fragte der Hinterberger.

»Den Sager-Urb hat er umgebracht.«

»Wer?«

»Dein Bürschl -- dein Hans.«

Da legte der Alte die Hand ans Ohr, daß sie die Schallwellen hineinleite und sagte leise: »Jetzt muß ich noch einmal fragen, wie du's meinst!«

Und der Bote antwortete eben noch einmal.

Jetzt nannte der Alte den Boten eine Bestie.

Aber solcher Bestien waren mehr. Keiner hat es zwar gesehen, daß der Hinterberger-Hans den Sager-Urb erschlagen und in die Lansa geworfen hatte, doch jeder war davon überzeugt. Beim Lindenwirt waren sie des Abends zusammen gewesen, es wurde getrunken, gesungen, gezankt und gerauft. Der Metzger Pankraz hetzte, der Urb gab dem Hans einen Schlag auf die Wange und nannte ihn einen Strolchen von der Hinterberger-Höhlen, von der seit Jahren schon kein braver Mensch mehr herausgegangen sei, weil keiner hineingehe. Auch eine Wilderergeschichte war dabei und einer Liebschaft wegen ging es her. Der Hans war so wütend, daß er das Ofengeländer zerriß, um mit der Holzlatte den Urban niederzuschlagen, hätten ihn nicht mehrere Männer davon abgehalten. Nun ging er in die Nacht hinaus und kam nicht mehr zurück. Um Mitternacht steckte der Urb seine große Brieftasche ein und verließ das Wirtshaus; eine halbe Stunde später war an der Lansa ein Schrei.

Und am nächsten Morgen begegneten zwei in die Arbeit gehende Männer dem Hinterberger-Hans, der just am Hollerbrunnen Blut von seinem Ärmling wusch. Ein paar Stunden später fand man unten an der Hammerwehr den toten Sager-Urb, der mehrere Stiche am Halse und an der Brust hatte.

Der Hans wurde als Verbrecher zu Gericht geführt. Er leugnete die Tat, die Leute lachten ihm ins Gesicht: Was das Leugnen helfe, wenn alles sonnenklar liegt!

»Daß ich beim Nachhausegehen in der Nacht Nasenbluten gehabt, das wird mich doch nicht unglücklich machen!«

Man befahl ihm, daß er schweige. --

Der Hinterberger lief zum Gericht: »Den Buben laßt mir aus! Ich verpfänd' Haus und Hof für meinen Hans! Er hat nichts getan.«

»Geht, Alter, Haus und Hof habt Ihr nicht mehr zu verpfänden!«

Der Hinterberger schwankte heim zu, da fand er die Türe seines Hauses versperrt und versiegelt. -- Seit so vielen Jahren die Steuern verweigert, da hat man ihm endlich den Prozeß gemacht.

So lag nun unter dem Schatten der Esche ein Bettelmann. Nein. Er wollte nicht betteln, er wollte da liegen bleiben und sterben als ein vom Staate Zugrundegerichteter. Aber zwei mitleidige Bauern schleppten ihn mit sich. Er blieb dabei, der Hans wäre an dem Morde unschuldig; und die Leute blieben dabei: kein anderer hätte den Sager-Urb erschlagen als der Hinterberger-Bursch'. Die einen gaben ihm lebenslänglichen Kerker, die anderen ließen ihn hängen.

Im Gerichtssaale ging es heiß zu. Und das Urteil wurde gesprochen. -- Der Hans kehrte aus dem Kriminal zurück und war frei.

Der Alte hatte es nicht glauben können, daß er schuldig sei und konnte es jetzt nicht glauben, daß er frei war.

»So hat dich doch der heilige Johannes von Nepomuk gerettet?« Der von Nepomuk ist nämlich ein Patron, den man anruft, um eine verlorene Ehre wieder zu finden.

»Glaub' nicht, daß er's gewesen ist,« berichtete der Hans, »er hat einen schwarzen Frack angehabt. Ein Doktor ist's gewesen, und der hat alles genau untersuchen lassen und hat alle Zeugen überwiesen und hat nicht eher Ruh' gegeben, bis es ist herausgekommen, daß ich unschuldig bin, nachdem sie derweil den richtigen Mörder erwischt haben. Der Pankrazl, der Schelm! Wegen Geld. -- So haben sie mich freilassen müssen.«

»Und hast nichts Gewisses erfahren, wer der brave Mensch ist gewesen?«

»Nichts Gewisses nicht; den Verteidiger haben sie ihn geheißen und haben gesagt, das Gesetz tät' vorschreiben, daß jeder Angeklagte einen Verteidiger müßt' haben.«

»Das Gesetz tät's vorschreiben?« fragte der Alte.

War schon der Gemeindevorsteher da und sagte: »Wenn du auch ein Feind bist gewesen gegen den Staat und das Gesetz, so hat dich der Staat und das Gesetz doch nit verlassen.«

Von dieser Stunde ging der Hinterberger in der Einsamkeit um. Dann ging er zur Behörde und fiel nieder auf die Knie: »Meine Herren, tun's mir verzeihen!«

Der Feuermann Balthasar.

Das Jahr ist alt geworden. Und der Knabe ist noch so jung. Er steht unter dem Birnbaum und schaut zu zu den Zweigen, an welchen die Eiszähnchen des Rauhreifes wuchern. Er schaut hinaus über die Heide und sieht eine kleine Strecke hin die braunen Birnbaumblätter liegen, und hie und da einen Stein oder einen gebrochenen Rispenhalm; dann geht alles in den grauen Nebel hinein. Und der Knabe schaut vor sich auf den Boden hin und vergräbt seine Füßchen in das froststarre Laub, das vor kurzen Monden noch hier oben grünte.

Und dann zieht er mit seinen kleinen hageren Händen das Linnenwämschen zurecht, daß es überall langen und wärmen solle, und dann steht er unbeweglich und blickt in den Nebel hinaus.

Und sieh, dort im Nebel ist ein kleiner dunkler Punkt, und der wird schärfer und größer und löset sich endlich ganz ab von dem Grauen, und es ist ein Mensch, der hastig des Weges kommt; ein sorgsam eingemummtes Mädchen, wohl ein wenig erwachsener als der Knabe, aber doch lang' nicht tausend Wochen alt.

Das Mädchen hält an und sieht auf den Knaben hin:

»Was stehst denn du da?«

»Ich weiß es nicht,« war die zaghafte Antwort.

»Wer bist du denn?«

»Ich bin der Bübi.«

»Wartest du auf wen?«

»Auf den Tati.«

»Du armer Narr, du frierst ja in den Nebel hinein. Mußt du noch lange warten?«

Der Kleine sah mit seinen braunen Augen auf. Diese Augen taten dieselbe Frage: »Muß ich noch lange warten?«

»So will ich dir ein Feuer machen, daß du dich wärmen kannst, bis der Tati kommt.«

Sie zog ihre Hände aus der Schürze und hub an, Reisig zusammenzutragen auf einen Haufen, dann tat sie ein Streichhölzchengefäß hervor und dann brannte das Holz.

»So, und jetzt stelle dich daran und wärme dich und versenge dein Gewand nicht und warte.«

Das Mädchen ging weiter, ging wieder in den Nebel hinein, bis es in ihm verschwand. Der Knabe hatte dem Mädchen unverwandt zugeschaut, und als es nun nicht mehr zu sehen war, wendete er sein Auge auf den Reisighaufen. Da drin knisterte es und die Flämmchen mehrten sich und hüpften von einem Ästchen zum andern und strebten empor. Hastig stieg der dünne, blaue Rauch auf und verschwamm in dem Nebel. Der Knabe blickte in die Flammen. Ganz nahe stand er am Feuer, rührte kein Glied, bewegte keine Miene, starrte gleichweg in die Flammen.

Das Feuer prasselte, schlug hoch empor; das Reisig brach ein, die Flammen schrumpften zusammen, die Kohlen knisterten milder, glühten still, bröckelten und sanken zur Asche in den Boden.

Stunden waren vergangen, und der Knabe blickte mit geröteten Wangen in das versterbende Feuer. Er hatte kein abseits gefallenes Ästlein in die Glut geschoben, er hatte keine Kohle geschürt; wie das Feuer strebte und verging, so ließ er es streben und vergehen. Die letzten Kohlen glühten heller und tiefer, denn es hub an zu dunkeln, und der Nebel lag dichter und finsterer auf der Heide.

Seit dem Mädchen war kein Mensch mehr gekommen und gegangen; der Knabe hatte nach keinem ausgeblickt. Es war, als wollte er so stehen bleiben durch den Abend, durch die lange Nacht und immer.

Als es schon sehr dunkelte, kam von jener Seite, in die das Mädchen hingegangen, ein Knarren und Ächzen heran. Es war ein Fuhrwerk; zwei Rinder zogen einen Wagen, auf dem ein Mann saß, der Tabak rauchte. Als er den Knaben sah, rief er: »Ho, oha!« Da blieben die Ochsen stehen und nun fragte der Fuhrmann, wie vor Stunden das Mädchen gefragt hatte: »Was stehst denn du da? Wer bist? Auf wen wartest du so spät in der Weite?«

»Auf den Tati.«

»Auf deinen Vater? Wo ist er denn hingegangen?«

»Der ist auf die Kirmes gegangen.«

»Sprich die Wahrheit, Kleiner! Heute gibt es weit und breit herum keine Kirmes.«

»Auf der Kirmes hat er Musik gemacht bis in die späte Nacht, und jetzunder ist er noch nicht zurückgekommen.«

»Alle Heiligen!« ruft der Mann, »das war ja der Musikant, den es vor drei Tagen in Ottenkirch auf der Kirchweih getroffen hat! Kleiner, das Warten ist nichts. Komm' zu mir auf den Wagen.«

Jetzt wurde der Knabe verwirrt, aber er kletterte mit Hilfe des Mannes auf den Karren und setzte sich auf das Stroh. Hierauf taten sie eine härene Decke über ihre Glieder und der Mann rief »Hie jetzt!« und der Wagen hub an zu knarren. Sie fuhren durch Nacht und Nebel über die Heide. Der Knabe antwortete kaum auf die Fragen seines Schirmers, sondern starrte fast unverwandt in das Glimmen der Pfeife, aus der jener den Rauch sog. -- --

Seit diesem Tage waren ungezählte Tage vergangen. Der Knabe von der Heide war erwachsen und ein wohlgebildeter Jüngling geworden. Jener Fuhrmann war ein Schmiedmeister gewesen und hatte den kleinen Balthasar in seinem Handwerke erziehen wollen. Aber das ging nicht, der sonst so fleißige Bursche starrte fortweg in die sprühende Esse oder blickte träumerisch das glühende Eisen an, statt auf dasselbe frisch loszuhämmern. »Junger Mann, das Eisen muß man schmieden, solange es warm ist!« sagte hierauf der Meister eines Tages und riet dann dem Burschen, er möge es einmal anderswo versuchen.

Balthasar kam in einen Pachthof. Das war ein flinkes Arbeiten auf dem Felde und im Obstgarten; aber des Abends, wenn andere im Freien herumstreiften, scherzten und mit den Weibsleuten schäkerten, saß der Balthasar am Herd und sah den Flammen zu.

»Balthasar,« sagte nun der Pächter einmal, »was schaust du so drein und bist nicht lustig wie die andern?«

Da blickte der Bursche auf: »Ich? Warum sollt' ich denn nicht lustig sein? mir geht es gut.« Sein Auge sank wieder der Glut des Herdes zu und das Antlitz des Jünglings sah nicht betrübt.

»Wenn ich nur wüßte,« rief der Pächter, »was um des Himmelswillen da in der Aschengrube drin zu sehen ist.«

Jetzt hob der Balthasar wieder sein Haupt und sagte die Worte: »Ich weiß auf der Welt nichts Schöneres.«

Der Pächter schwieg eine Weile und starrte auch in die Flamme, aber nur im Sinnen, was er auf die Worte entgegnen sollte. Und endlich entgegnete er: »Wärst du sonst nicht so bündig und findig, man müßte hell meinen, du bist ein Narr!«

Und der Pächter ging davon. Der Balthasar aber blieb sitzen am Herde und murmelte in die Glut hinein: »Allmiteinander wissen sie es nicht, wer das Feuer hat angezündet. Mädchen, dich will ich nicht verraten, aber du bist so schön und so gut wie das Licht.«

Balthasar konnte gar flink und heiter sein; viel öfter aber verlor er sich in stilles Sinnen und Träumen. -- Ich weiß nicht woher, aber sie ist gekommen und hat mir das Feuer gemacht auf der Heide, daß ich Waisenkind nicht bin erfroren. Und sie ist wieder gegangen, ich weiß nicht wohin. Mir schwant, ich soll sie nimmermehr sehen. Aber in den Flammen, da ist sie bei mir.

Sie haben es nicht geahnt, welche Art von Frömmigkeit es war, wenn Balthasar am Sonntag in der Kirche sein Auge vom Altar nicht abwendete, bis die letzte Kerze verloschen.

Eines Tages brannte das Armenhaus; ein Kind war in Lebensgefahr. Balthasar brach lustig durch die Flammen und befreite das Kind.

»Der ist der Prophet Daniel oder der Teufel,« sagten die Leute.

»Ei, das ist ja der Narr, der die schönsten Weiber übersieht und mit der Herdglut liebäugelt; dem tut kein Funke was, das ist der Feuermann!«

Der Feuermann! Dieser Name ist dem Burschen geblieben, und in diesem Namen war es ihm, als sei er mit dem Feuer, dem Sinnbilde seines Glückes, getraut und vermählt.

Stiller und verschlossener wurde der Balthasar; teils schwermütige, teils heitere Schwärmerei webte in ihm; er lebte in vergangenen Zeiten. Seine Vergangenheit, sonst so arm und dunkel und frostigkalt, hatte einen leuchtenden Stern. Die Mitmenschen spotteten seiner, da wendete er sich noch mehr von ihnen ab und noch mehr der Flamme zu. Fast unheimlich war es, wie er an Feuerstätten des Herdes oder des Waldes saß, und dem wunderbaren ewigen Rätsel des Flammenlebens zusah und darüber alles andere vergaß. Zuletzt wurde Balthasars Auge so geübt, daß er selbst in die Sonne hineinblicken konnte, wenn er auf dem Felde lag. Hingegen zogen sich nach und nach alle anderen Gegenstände von seinem Auge ab und verschwammen zitternd und unsicher in Dämmerung. Endlich hatte die Flamme wahrhaftig gesiegt. Eines Tages war Balthasar erblindet.

Jetzt waren genug Leute da, die behaupteten, so hätten sie es vorausgesehen, und so hätte es kommen müssen. Und früher war kein einziger gewesen, der dem seelenkranken Burschen das zehrende Feuer zu mildern gesucht hätte durch die Wärme eines verstehenden Herzens.

Balthasar aber saß nun stets auf der Bank vor dem neugebauten Armenhause und wendete das Antlitz ruhig hinaus gegen das Weite. Er war's zufrieden. Von allen lichtlosen Dingen der Erde verlangte ihm nichts zu sehen, und die Flamme hatte er, schaute er noch immer mit seinem Auge. »Wie schön hell sie leuchtet!« lispelte er zuweilen vor sich hin; und ein anderesmal wieder war er betrübt und murmelte: »Weh', heut' ist sie matt. Wenn sie verlischt! Balthasar, wenn du erblindest!« Er wußte es kaum, daß er längst erblindet war, daß er keine Blume und keines Menschen Angesicht und in Wahrheit keinen einzigen Lichtfunken mehr sah. Sein Sehnerv träumte nur noch von dem Flammenreiche, in dem er seit Kindestagen gewandelt war.

Manches lange, einsame Jahr hatte die Sonne seitdem erweckt und versenkt. Da kam wieder einmal die Kirchweih in Ottenkirch.

»Balthasar,« sagte der Ortsrichter zu dem Blinden, der auf der Bank des Armenhauses saß, »dein Vater hat auf der Ottenkircher Kirmes musiziert, so magst du wohl auch auf diese Kirmes gehen, auf daß du kleine Gaben für dich sammelst.«

»Wohl, wohl,« sagte Balthasar.

Und am Morgen der Kirchweih lächelte Balthasar vergnügt bei sich. -- Er wird Glück haben bei seinem Gabensammeln, die Flamme, die er stetig sieht, brennt heute hell. -- Ein Knabe führte ihn nach Ottenkirch und dort, wo am Beginne des Dorfes das Kreuz steht, ließ er den Blinden hinsitzen auf den reiftauigen Rasen und ging davon. Balthasar fühlte den Frost und den Nebel wie einst auf der Heide, aber er hörte die Kirchenglocken und die Schritte und das Plaudern und das Lachen der Leute, die vorübergingen. Die Leute sahen den Blinden nicht, oder gedachten auf dem Rückweg ihm das Almosen zu reichen. -- Auch Musik hörte Balthasar von den Häusern her; ihm war, als ob sein Vater geigte. Die Flamme flackerte vor seinem Auge, als ob ein Sturmwind ginge.

Zwei übermütige junge Herren in feinen Tuchröcken und Seidenhüten kamen des Weges.

»Ei, schau,« sagte der eine, »da sitzt ein armer Blinder, dem müssen wir ein Almosen reichen!« und warf ein schweres Stück in den Hut.

»Vergelt's euch Gott!« rief Balthasar, und tastete nach der Gabe; »Herr,« sagte er dann, »das ist ein Kieselstein. Und man kann daraus Funken schlagen. Vergelt's Euch Gott!«

Die jungen Herren gingen lachend weiter, gingen in das Dorf. Sie riefen jedem Krämer einen scharfen Spott zu. Vor der bekränzten Kirchentür saß ein Weib und bot Obst feil. Das Weib war nicht alt, aber auffallend häßlich geartet im Antlitze, bis auf die großen schönen Augen.

»Ei,« rief einer der beiden jungen Herren und hob einen Apfel aus dem Korb; »sind diese Äpfel aus jenem Urwalde, in welchem deine Eltern auf den Bäumen herumgeklettert?«

Die Obstverkäuferin erschrak. Wohl mochte sie gewohnt sein, ihrer Häßlichkeit wegen manchen Spott zu verwinden, aber diesmal ging's ihre Eltern an -- das grub wild.

Die Obstverkäuferin war im Herzen verletzt, sie nahm den Korb und ging davon, ehe das Fest noch recht anhub.

Als sie vor das Dorf hinauskam, sah sie den Bettler. Sie blieb stehen und blickte eine Weile auf die Züge des Mannes, der noch fast jung war und ein solches Schicksal hatte. Der ist zu gut, um vor der rohen Menge zu betteln, dachte sie, und dann, indem sie ein Geldstück aus der Tasche zog, sagte sie: »Armer Mann, was willst denn du da?«

Kaum den Ton der Worte vernehmend, springt Balthasar auf, tastet mit den bebenden Händen und stöhnt: »Mädchen, Mädchen, du -- du bist es, die mir das Feuer hat angezündet! -- O, ich kenne dich, ich sehe dich, du schöner, du guter Engel! Bleib' nur ein wenig, bleib' bei mir!«

Das Mädchen setzte den Korb ab und suchte den erregten Mann zu beruhigen. »Weißt du's nimmer!« rief Balthasar mit freudeglühenden Wangen, »es ist Herbst gewesen; der Waisenknabe ist gestanden auf der Heide, zum Erfrieren. Dann bist du gekommen und hast das Feuer gemacht. Du mußt es wissen, das Feuer brennt ja noch.«

Die Obstverkäuferin hat dem blinden Manne das bereitete Geldstück nicht gegeben; sie hat den armen Balthasar mitgenommen, am Arm geführt und zuletzt auf einem Wagen heimgebracht in den Wohlstand und den Frieden ihres Hauses.

Er wußte seine Blindheit nicht, er sah das Herrlichste, was man sehen kann, die Schönheit einer guten Seele.

Herr Meyer, der Belehrende.

Michel war von väterlicher Seite ein geborener Meyer, von mütterlicher Seite ein geborener Sonderling. Sein Vater war Landwirt im oberen Ennstale; seine Mutter war die Landwirtin dazu. Sie waren vom Haus aus lutherische Leut', und die Frau trug -- so ging die böse Mär -- unter ihrem letzten innersten Brustfleck ein Amulett, ein kleines Bild des großen Tintenkleckses, welchen Luther erzeugte, als er sein Tintenfaß dem Teufel an den Schädel geschleudert hatte. Der Meyerin liebster Wandel war, daß sie umherging, um die Nachbarn zur reinen christlichen Lehre zu bekehren. Das gelang ihr nur bei einigen von denen, die ihr Geld oder Butter schuldig waren, die andern blieben verstockte Katholiken. Da wurde der Meyerin eines Tages gesagt: »Du scher' dich nicht um fremder Leut' Glauben und schau einmal, wie's dein Michel treibt, der glaubt nichts Katholisches und nichts Lutherisches; Heid ist er keiner, Jud ist er keiner. Dein Michel ist gar nichts.«

Ihr Michel, der war seit seiner Kindheit in der Stadt und hätte die Gottesgelehrtheit studieren sollen. Aber weil er alles wissen wollte, so studierte er auch andere Gelehrtheiten. Und als ihrer solche immer mehr wurden und im Gehirne des Jünglings kräftig aufwuchsen, so fielen sie über die arme Gottesgelehrtheit her und fraßen sie auf. Und der Michel Meyer war auf einmal ein Weltgelehrter; er blickte in das Wesen der Dinge ein, aber von Muttern blieben die Gelder aus -- denn die Gelder waren lutherisch.

Hingegen hatte der Vater, der alte Meyer, etwas Konfessionsloses in seinem Kasten, und das half dem Studiosus recht christlich über Zeiten hinaus, die sonst schwer gewesen sein würden.

Der Michel aber war kein regelmäßiger Studiosus, der nach regelmäßigen Rigorosen und Kommersen ein regelmäßiger Professor wird. Ihm war die Wissenschaft mehr als ein Handwerk, das sonst mit allen Vorurteilen einer alten Zunft ausgeübt wird. Und doch steckte in dem Michel dickes Schulmeisterblut. Die Wissenschaften, die er eingesogen, die in ihm großgewachsen waren, wollten ihn nun fast zersprengen, und schier, wo er stand und ging, explodierte sein Gehirn. Das heißt, wo er stand und ging, dozierte er; ja noch mehr, schon des Morgens, wenn er noch im Bette lag und die alte Haushälterin mit dem Frühstück in die Stube trat, tat er derselben dar, wieso es eigentlich komme, daß das Glas schwitzt, wenn es mit frischem Wasser vom Brunnen kommt, und wie das mit dem Wetter zusammenhänge, so daß an einem schwitzenden Glase die Beständigkeit der schönen Witterung vorausgesagt werden könne. Auch machte er die Alte oftmals darauf aufmerksam, daß der Kaffee in der Schale ein vorzüglicher Barometer sei. »Wenn sich in der Schale jetzt der Zucker, den ich hineingeworfen habe, aufgelöst, so werden Sie sehen, daß auf der Oberfläche ein Schaum entsteht; steht dieser Schaum in der Mitte, so hält das schöne Wetter an, legt er sich aber an den Rand, so haben wir bald Regen. Sehen Sie, er steht in der Mitte! -- Das ist merkwürdig, nicht wahr? Nun hören Sie, jetzt will ich Ihnen erklären, wie das kommt.«

Die Haushälterin machte sich stets beizeiten aus dem Staube, der noch nicht aufgewischt war; sie bewunderte die Weisheit ihres Zimmerherrn, aber sie verstand nichts von dem, was er erklärte. Sie glaube es schon auch ohne Erläuterung, meinte sie, und sie sei halt so viel eine einfache Person.