Part 6
Wie sie über den Rücken des Rosenberges hinausgeht, sieht sie schon den Schloßberg. Der steht mitten auf aus der Eben' -- wie ein Heuschober, vergleichsweise. Und um und um die Laster von Häusern. Hoch auf dem Berg steht ein großes Schloß, viel Spitztürme und graue Mauern. Der steile Berg ist nackend über und über und lauter Steinwänd' und Löcher hinein. Dort, in einer solchen Höhl' wird er hocken, der Markel, und bußwirken. Aber nirgends ein Weg hinauf, man sieht keinen. Die Straßen zum Schloß ist auf der anderen Seiten. Jetzt läutet die Liesel[1] -- 's ist Mittag, die Maid steht still und betet den Englischen Gruß.
Fußnoten: [1] Name der großen Glocke auf dem Grazer Schloßberg.
Nachher steigt sie den Steig hin bis zu den Häusern. In einer Krämerei fragt sie an, ob man nichts wisse von einem Einsiedler Markel; am Schloßberg soll er seine Höhl' haben!
»Wird's halt derselbig sein, der Markarius heißt und den Leuten die Schwindsucht kann abbeten. Schau hinauf einmal, dort zwischen den zwei Steinwandeln, siehst das schwarze Loch? Dort is er drinnen.«
Denkt sie sich: Ist eh merkwürdig genug, daß ein Landmensch in die Stadt geht, um Einsiedler zu werden. Aber da oben, das glaub' ich, da bleibt er freilich hübsch allein. Möcht' schon wissen, wie ich da hinaufkomm'!
Zur selbigen Stund' ist es gewesen, daß der fromme Einsiedler Markarius seine Lodenkutte sich vom Leibe reißt und heftig in den Winkel schleudert: »Jetzt soll dich schon der Teufel holen -- hätt' ich bald gesagt!«
Lodenhosen hat er noch an, die gehen ihm bis unter die Achseln hinauf. Hemed keins, mit nackten Armen steht er da, schier glatt und weiß. Oft scheint die Sonne nicht drauf. Ist's doch das allererstemal, daß er tagsüber seine Kutte wegschmeißt. Aber das Gesicht voller Haar. Der Kopf geschoren wie ein Schaf zu Micheli. Die Kapuze hängt an der weggeschmissenen Kutte.
Was ist denn das? Über dem Steinwall schaut ein Weiberkopf her. Auf allen Vieren ist sie emporgeklettert und ist rot im Gesichte und schnauft:
»Markel!«
»Katzl!«
»G'funden hab' ich dich!« lacht sie auf. »Aber jetzt mußt dein' Rock anlegen.«
»Die Kutten meinst. Die leg' ich nimmer an, mein liebes Katzel!«
»Wir dürfen ja kein Fleisch mehr anschau'n. Denk dir Markel, ich auch. Ich will ins Kloster!«
»Du?« sagt er. Dann patscht er mit den flachen Händen auf seine Schenkel: »Du ins Kloster?!« Und lacht hell heraus.
»Wenn du ein frommer Einsiedler bist worden!« erinnerte sie vorsichtig.
»Bins ja nimmer!« rief er und hob ein Papier auf, das im Schutte lag. »Da les'!«
»Mein Gott, wie kann denn ich lesen!«
»Der Kaiser hat mir schreiben lassen. Uns allen, uns Klosterleuten und Eremiten. Sollten schauen, daß wir weiterkommen, Faulenzer kunnt er nit brauchen. Alles aufgehoben. Nur die schulhaltenden und krankenwartenden Klöster hat er ausgenommen. Den Mariagrüner-Bruder sollen's auch schon abgesetzt haben. Ist aller Einsiedler um Graz Oberhaupt gewest.«
»Jesses, ich hab's Haupt ja laufen sehen.«
»Was für ein Haupt?«
»Nau, euer Oberhaupt. Ist schon im Steirerg'wand g'west.«
»Wird mir auch nix anderes übrig bleiben. Wenn ich in drei Tagen nit weg bin von da, so kommt der Wachter. Les' nur, da steht's.«
»Was sagst denn, Markel!« schrie sie auf. »Ja, nachher wär's bei mir auch nix. Schulhalten kann ich nit, krankenwarten mag ich nit.«
»Und mir gehts auch nit anders. Heut' steig' ih noch auffi, da ins Gschloß und red mit dem Guferneer!«
»Red' für mich auch. Wenn ich nu wieder müßt' heimgehen zum Plattenbauer! Hab'ns dich nit brauchen können! möchtens sagen, und das G'lachter! -- Na, heim geh' ich nimmer. Ein bissel ein Kloster wird doch noch wo übrig bleiben für unsereins. Ich zahl' ja mein' Sach' und mein Beten und Fasten und Frommsein wird doch niemand irren. Geh', Markel, tu' anfragen. Im Kapuzinergraben wart' ich, bei der Kirchen.«
So tat der Eremit Markarius seine alte Bauernjoppen wieder an und den schwarzen Strohhut mit dem breiten Dach und ging hinauf ins Schloß, um sich zu beschweren. Bis zum »Guferneer« kam er zwar nicht vor, aber der Schreiber in der Kanzlei hat ihn ins Gebet genommen. »Ja, mein Lieber,« sagte der, »jetzt ist eine andere Zeit, jetzt heißt's arbeiten. Unser Kaiser Josef ist der erste Arbeiter im Reich, der kann die Müßiggänger schon einmal gar nicht leiden, und sollten sie noch so fromm sein.«
»Herr Amtmann,« antwortete der Bruder Markarius, »wenn unsereiner einmal nit mehr fromm sein darf, dann wird einer ein schlechter Mensch und tut Leut' ausrauben!«
»Und wenn einer Leut' ausrauben tut,« antwortete der Schreiber in gleichem Ton, »dann lassen wir ihn henken.«
»Beileib' nit,« sagte der Einsiedler und zog sein bärtiges Gesicht ins Lachen, »kein schlechter Mensch, das mag ich dennoch wohl nit werden. 's ist nur so ein G'spaß gewest. Halt anfangen, wenn ich wüßt, was ich jetzt sollt!«
Hat der Schreiber mit den Achseln gezuckt:
»Sollt' ich etwan dem Kaiser nach Wien nachlaufen und fragen, was alle die Leut', die er aus den Klöstern und Höhlen verjagt hat, jetzt machen sollen? Arbeiten soll'ns. Gestern hättet Ihr auf der Triesterstraße ganze Scharen von Klostergeistlichen wandern sehen können, etliche noch in der Kutte, die andern schon in ihrem weltlichen Gewand und auf dem Buckel Zegger und Binkel. Die einen taten laut Rosenkranz beten, die anderen greinen und lachen, und gejuchzet haben ihrer auch ein paar, daß sie wieder in der lustigen Welt taten sein. So sind sie fort. Loschament und Arbeit suchen, wo sie sie halt finden. Euch kann ich auch nichts anders raten. Fleißig arbeiten, vor der Arbeit eins beten, nach der Arbeit eins juchzen, so wirds dem Kaiser am liebsten sein und dem Herrgott auch.«
Mit diesem Bescheid hat der Bruder Markarius wieder gehen können. Unterwegs in den Kapuzinergraben wollte er bei dem Eck-Kramerstandel für das Katzerl einen Wecken kaufen. Etliche Pfennige hatte er noch in der Wilflingjacke gefunden. Aber das Standel war heute geschlossen und die Kramerin war gestorben am Tag zuvor. Bleibt er stehen, denkt nach und geht weiter.
Vor der Kirche steht sie.
»Bist da, Katzerl?« ruft er ihr zu. »Ist's dir recht, daß ich alleweil noch Katzerl zu dir sag'?«
»Wennst schon Katherl ganz und gar nit kannst sagen, muß es mir wohl recht sein. Magst's Katzerl derleiden, mußt auch 's Kratzerl derleiden.«
»Will dich Katherl nennen. Ist eh ein schöner Nam'! Weil wir zwei itzo allein dastehen und zusamm'halten müssen.«
»Was hat er denn gesagt, der Guferneer?« fragte die Maid.
»Nix. Bin nur bei seinem Schreiberknecht gwest.«
»Und was hat der gesagt?«
»So viel wie nix. Das hätt' ich selber auch gewußt, daß 's jetzt arbeiten heißt. Wenn ich ein bissel Geld hätt'! Da enten beim Wildkästenbaum ist eine Kramerin g'west. Die ist gestorben. Das Standel möcht' ich gleich, da wollt' ich drauskommen. Kein schlecht's Platzl beim Kästenbaum, gehen drei Straßen z'samm!«
Da sagte sie ihm nahe ans Ohr: »Ein bissel Geld hätt' ich.«
Und ist's also geworden. Sie haben sich das Kramerstandel erworben, haben gehandelt mit Wecken, Bockshörndln und Feigen, mit heilsamen Wurzeln und Kräutern und anderlei guten und nützlichen Dingen. Drüben in Geidorf haben sie sich zwei Wohnungen genommen; denn das stand fest, hatten sie auch das Geschäft gemeinsam, persönlich wollten sie Einsiedler sein und verbleiben. Und die zwei Wohnungen sind gleim nebeneinandergestanden. Die Tür dazwischen war fest zugesperrt. Hat sich also jedes in seiner Stuben ein Altarl aufgerichtet an dieser Tür und hielt jedes für sich seine Vesper ab jeden Abend, so daß es war, als stünden zwei Klöster nebeneinander, ein Mannskloster und ein Frauenkloster. Und just an der Verbindungstür, damit sie nicht konnte aufgemacht werden, hatten sie ihr Altarl errichtet, sie herüben, er drüben. Und wenn sie davor knieten bei der Vesper, so knieten sie eigentlich voreinander, und ob die Andacht just immer am Altar haften blieb und nicht bisweilen durchs Türholz ging, das getraue ich mir nicht zu entscheiden.
Beträchtlich klostermäßig ging es auch im Kramerstandel her. Das einemal saß der Markel drin, das anderemal die Kathel; beisammen nie, hätten auch schwer Platz gehabt. Die Preise waren christlich, maßen sie sich mit wenigen Pfennigen Gewinn begnügten im Erdentag. Ging ein armes Weibel vorbei, so erhielt es wohl gar den Wecken umsonst; schnaufte ein alter Mann daher, so schenkte ihm der Markel eine Gamswurzel, so für schweren Atem heilsam ist. Das alles sah sich gar erbaulich an für die Nachbarschaft, und dennoch ist der Spott laut geworden über das Einsiedlerpaar. Ein Schustergeselle erdreistete sich, das alte Volksliedel für den Markel umzubiegen:
»Der Mann auf dem G'wänd Hat die Kutten verbrennt, Hat die Beten verschmissen, Ist dem Dirndl nachgrennt.«
Ob solcher Kränkung wollte der Markel sich doch einmal gründlich verteidigen bei der Kathel, und eines Abends begann er das Altarl wegzuräumen, das an der Verbindungstür stand. Sie aber räumte das ihre derweil noch nicht weg, versuchte vielmehr den Schlüssel, ob er wohl sicher umgedreht war. Er war nicht umgedreht, die Tür war nicht verschlossen, was die Kathel für ein Mirakel hielt, weil sie sich alle Abend von dem Gegenteil überzeugt hatte. Fest glaubte sie das erstemal noch nicht dran; aber wenn das Mirakel ein zweites- und gar ein drittesmal geschehen sollte, dann müßte sie dem Altarl schon einen andern Platz anweisen. Aber wo ist der »Geistler« dazu?
Zur Zeit war der Markel viel auswärts und stieg mit Krampen und Kräunzen auf dem Plawutsch oder auf dem Geierkogel herum, oder gar auf dem hohen Schöckelberg, um heilsame Wurzeln und Kräuter zu sammeln, weil er sich bei derlei wohl auskannte. Solche Waren wurden von den Käufern auch belobt. Aber der Pfarrer vom Kapuzinergraben blieb eines Tages stehen vor dem Standel und fragte deutsam an, ob da nicht auch ein Kräutel für den Tod zu haben sei?
Bisher, antwortete der einfältige Markel, hab' er so eins noch nit gefunden.
»Nun also, wenn du weißt, daß du sterben mußt, was lebst denn nachher mit dem Kebsweib? Kommst ja in die Höll' mit ihr!«
Der Kramer verstund' die Lehr' nur zu halb und am Abend räumte er das zweitemal sein Altarl weg, um die Kathel fragen zu gehen, wie die Ansprach' wohl gemeint sein könne? Aber der Schlüssel war umgedreht. -- Ihr alter Brauch; ganz nach dem Sprüchel: »Schmecken laßt sie, anbeißen nit.«
Und ereignete es sich dann, daß der Markel von seinen Bergwanderungen einmal mehrere Tage lang nicht zurückkehrte. Zwei Tage war er öfter schon ausgewesen, aber drei Tage noch nie und jetzt fiel es der Maid aufs Herz, wie die wahrhaftige Einsiedelei ganz und gar nicht zu ertragen sei. Am vierten Tage kam er. Die Kräunzen voller Krautwerk und den Mund voller wundersamer Berichte. -- Er sei weiter hinteri gegangen, ganz hinteri ins Gebirg. Was es da für Wildnis gibt überall! Wald soweit das Aug' tragt. Und mitten auf steht er. ~Das~ ist ein Steinberg! Da ist der Schloßberg wie ein Schotterhäuferl dagegen. Wundershalber steigt er hinauf, schier einen ganzen Tag. Und oben Arnika, ganze Wiesen voll zwischen den Steinen. Und Speik und Gamswurzeln und sonst Wurzelwerch allerhand. Und ist er über einem schaudervollen Gewänd gewest, wohl wie zwanzig Kirchtürm so hoch, und kirchturmsteil nieder ins tiefe Tal. Ist aber so ein Gamssteig zwischen den Wänden niedergangen und denkt er sich: Vielleicht sogar Edelweiß! und knorzt hinab ins Gewänd soweit er kann, und wo erst der schauderhaft Abgrund anhebt. Und findet unter der Wand ein eben Platzl und ein Wasserbründel, und darüber ein Bildnis: Unser' liebe Frau! -- Fallts ihm ein: Hier ist das recht Ort für einen Einsiedler! In der Grazerstadt tun's eh alleweil spötteln. Was gilts, er packt z'samm, nimm sein Katzl und geht hinauf in die Felsenwildnis! Ein Hüttel sei leicht gebaut, habe sich das Fallholz und die dicken Baumrinden schon ausgeschaut. Kein Mensch hätt' ein' festere Burg.
So lang und so viel erzählt er und macht alles so gut, daß die Kathel zuletzt sagt: Ihr sei's schon bald recht auch. Hätt' man sich das fromm Leben schon einmal vorgenommen -- dort oben gibts keine spöttelnden Leut', und dem Kaiser seine Hand wird wohl auch nit so lang sein. -- Ob sie nit vorher der Geistler sollt' zusammentun allzwei, fällt ihr ein; und lacht sich auch schon darüber aus: Verheiratete Einsiedler! Ein bissel ein' Anfechtung macht ja nix. Wo wär' denn das Verdienst, wenn's kein' Anfechtung nit hätt! -- Geht in ihre Kammer und versucht den Schlüssel, der ist in Richtigkeit.
Und eine Woche nachher: Die Waren haben sie teils verkauft, teils verschenkt und wie das Standel leer ist, rucken sie sich ihre Kräunzen mit Gewand und Werkzeug auf den Buckel und wandern ab. Einen Tag lang auf der Straßen der Mur entlang ins Gebirg. Dann rechterhand in eine Schlucht, und dräuen die Wänd schon himmelhoch herab, daß der Maid ein Schauder durch den Leib geht. Begegnet ihnen ein Halter, hat statt der Gert eine Flinten und sagt, sollten sich in acht nehmen vor Wölfen und Bären.
»Hat mich keiner g'fressen, frißt mich keiner!« ruft der Markel -- und nachher halt anwärts, steil, durch Strupp, über Gefäll und Gestein. Mit ehrfürchtiger Freud sieht es die Kathel, wie in der Wildnis überall der Tisch ist gedeckt. Erdbeeren, Heidelbeeren, Himbeeren, Pilze und Tierwerch zu fangen überall, wer geschickt ist. Und überall frisches Wasser, und ein Brunnen ist, der fällt so dick wie ein Startinfaß viele Klafter hoch herab und ist's kein Rauschen mehr, ist's ein Krachen, daß man sein eigen Wort nicht versteht.
Mit harter Plag sind sie endlich oben auf der wüsten Höh'. Die Kathel muß sich die Augen verhalten, so packt sie der Schwindel, wie sie in die Tiefen will schauen. Da ins G'wänd soll sie hinab? Das Gamssteigel, wo sie nachher nit weiter kunnt und nit mehr zurück! -- Just einmal probieren! sagt der Markel und führt sie niederwärts in die schauderlich Felswand, bis zum Platzel, wo das Bildnis ist und das Brünnel in eine Steinschale tut rinnen.
Gott wird's mit Willen gemacht haben, daß es zurzeit wochenlang ist schön geblieben und warm Tag und Nacht. Jedes in einer andern Felskluft hat geschlafen auf Moos und des Tags haben sie gesammelt und gebaut an der Klause bei dem Brünnlein. Also, da lehnt die Hütte an der überhängenden Wand. Eine Rindentür hat sie und zwei Fensterlein und einen Steinblock zum Tisch und zwei Holzblöcke zum Sitzen und eine Steingrube für das Herdfeuer und zwei Lager aus Bergheu und Moos. Und an der Wand zwei Baumäste gequert zu einem Kreuz. Die Vorratskammer ist draußen in einer Felsspalte, und hätten sie denn alles beisammen, was der Mensch braucht, um so lang zu leben, bis er selig ist. -- Seligwerden, das ist beider ernsthaftes Fürnehmen.
»Sie taten beten und arbeiten,« heißt es von den beiden Menschen in einer Chronik zu Breitenau. Und ist derselben zu entnehmen, daß sie allerlei wilde Früchte sammelten, daß sie aus Kraut und Wurzeln und manchen Beeren einen »Geist« haben gebrannt, mit dem der Markarius zeitweilig in den umliegenden Tälern hausieren ist gegangen. Auch sollen sie Wallfahrern, die weit her zum Bildnisse »Unserer lieben Frau« auf den Berg gekommen, mancherlei Dienste geleistet und Stärkung gespendet haben. Etliche Zeit der Einsiedler soll bitter hart gewesen sein. Es ist nicht gemeint die kalte Winterszeit, da sie monatelang eingemauert waren mit Schnee und den unbändigen Alpenstürmen preisgegeben. Es ist nicht gemeint der Mangel mancher Lebensmittel und es ist auch nicht gemeint die Bedrängnis, wenn eins krank war oder Steinlawinen sie bedrohten. Ein anderes Bedrängnis war's, das ihnen bisweilen bitterhart hat zugesetzt. Da ist der Markarius wohl aufgestanden in der Nacht und hinausgegangen zur Quelle, um kaltes Wasser zu trinken. Und wenn er, von Frost geschüttelt, in die Hütte zurückgekehrt und auf seinem Lager zur Ruhe gekommen war, stand die Kathel auf und ging auch hinaus, um zu trinken. Einsiedler sein, meint besagte Chronik, sei nicht das härtest', aber sotane Zweisiedler sein und gleichwohl Einsiedler verbleiben wollen, das sei vergleichbar einem Fegefeuer, wo ein Mensch all' Sündhaftigkeit könnt' löschen. Und hätten es nicht erzwungen, wenn der heilige Brunn' nicht wär gewest, also, daß der Gnadenquell sich geoffenbaret. So haben sie das Klosterleben, als davon sie vertrieben worden, auf hohem Birg streng geführet, als Zeugnis, was möglich ist an starkem Willen. Sind aber sonder Rast gewest und ist solchen Anachoreten das Fleisch abgefallen von den Knochen, und doch ein Augenlicht, brennend und begehrend, so daß sie angefangen, sich voreinander zu fürchten. Und ist dem Einsiedler die heilige Jungfrau erschienen und der Einsiedlerin der heilige Jüngling Aloisius. Und haben die Anachoreten vor Verzückung einander mit Wacholdergerten gegeißelt bis aufs Blut.
Einer der Ortskundigen will aber dieser Schrift nicht Glauben schenken; sie sei aus einer alten Sagung gezogen und zum Spott auf die Leutlein oben am Schüsserlbrunn angewandt worden. Wahrheit sei vielmehr solches: Eines Tages seien die zwei herabgekommen zum Kuraten von Sankt Erhard und hätten lachend erklärt, die Sach' tät ihnen auf die Läng zu dumm werden. Gar jung seien sie freilich nicht mehr, aber auszahlen tät sich's vielleicht noch alleweil. Sie hätten einmal ernsthaftig Einsiedler werden wollen, jedes für sich, seien nachher der Umstände wegen Zweisiedler worden. Und jetzo möchten sie halt wiederum Einsiedler werden, ein einziger, aus zweien einer. Aus ihrer zwei eins machen, wenn er so gut wär'.
Der Kurat war schon einer von solchen, die man später Josefiner genannt hat. Er sagte also: »Leutlein, das ist gescheit. Eins in der Gesinnung und in der Lieb', das ist eine gar heilsame Einsiedelei.«
Und lacht die Kathel auf: Was sie doch einfältig wär'! Solang' hätt' sie sich vor dem Geistler gefürchtet und jetzo tät sich das so leicht! -- Der Wochen zwei und sie sind eins gewesen.
Aus einem solchen Eins kommt gerne noch Eins. An drei Jahr' später ist's, an einem Hochsommermorgen, hält der Markari ein blondhaarig Bübel auf dem Arm. Das Bübel juchzet und schlagt die Ärmelein auseinand, als wollt' es den Sonnenball auffangen, der dort hinter den Bergspitzen aufsteigt. Und sagt der Vater: »Kerl, kleiner! Schau sie nur an. Wo sie aufgeht, dort weit hinterwärts ist die Wienerstadt. Und dort ist der Kaiser daheim. Und wenn der nit wär g'west, tätest du jetzt freilich kaum juchezen auf derer Höh'!«
Zur Zeit ist anstatt der schlechten Klausen schon ein besseres Häuslein fertig gewesen und daneben ein Ziegenstall und daneben eine Kapelle mit Turm und Glöckel. Und die Wallfahrer, wenn sie von Schüsserlbrunn heim sind gekommen, haben erzählt von den guten Leutln, die mit gar Geringem so glückselig leben da oben auf wildem Birg. Also daß wir ohn' Sorg und Kümmernis können von ihnen scheiden.
Ein Wildling Christi.
Gregor, der Hirtenhauser auf der Niederalm, hatte nun glücklich abgewirtschaftet. Das zerlemperte Gütel hatte er seiner Tochter übergeben, diese ihrem Mann, und der Alte hatte sein Ziel erreicht -- er war der irdischen Sorgen und Güter frei geworden und konnte sich den himmlischen Freuden hingeben, mit denen er längst umgegangen, die ihm das kindliche Gemüt bewahrt, aber ihn um Haus und Vieh gebracht hatten. Er war ihnen dafür dankbar. Wozu braucht der Christenmensch solche Sachen! Hat der Apostel Jacobus ein Haus gehabt? Oder der heilige Joseph ein Vieh? Man liest nichts davon. Dach findet der Mensch, dessen Hut der Himmel ist, überall. Und wo er um einen Löffel Suppe zugesprochen, da hatte er stets auch die Brocken dazubekommen. Der Gregor war ein kluger Mann, doch benutzte er seine Klugheit nicht, um zu gewinnen, was Sorgen macht, vielmehr um die Sorgen und ihre Ursachen zu verlieren. Sein Lebtag war's ihm nicht so gut ergangen, denn jetzt als Bettelmann. Bettelmann? Ein Mann Gottes wollen wir werden, wenn uns nicht etwa die Demut abhanden kommt. Des Frommen größte Gefahr, er fürchtete sie, ist heimliche Hoffart.
Der Halter-Gregl, wie er genannt war, hatte für sein gottseliges Leben einen besonderen Hinterhalt, an den er sich aber bisher nicht gelehnt. Sein einziger Bruder war Ordenspriester im Stift Hubertusbrunn. Seit der Gregl damals brieflich angesucht hatte, als Laienbruder in das Kloster eintreten zu dürfen und ihm vom Abte die Antwort zurückgekommen war, er möge nur hübsch bei seinem angestammten Beruf bleiben und die Arbeit auf Wiese und Feld zur Ehre Gottes verrichten, das wäre für ihn gescheiter als das Kloster -- seit dieser wunderlichen, ganz unpriesterlichen Antwort wollte er mit Hubertusbrunn nichts zu tun haben. Nun war's aber in diesem Stifte anders geworden. Und schon wie anders! Der alte Abt war gestorben, und Gregors Bruder, der Pater Dominikus, war zum Prälaten gewählt worden.
Ob man in der Gegend der Niederalm umherbettelt, wo es doch immer nur in der Runde geht, oder einen mehr geraden Weg nimmt, den Häusern der Straße entlang -- für die alten Beine bleibt das gleich. Weiter kommt man aber auf gerade Art. Und kommt wohl gar bis Hubertusbrunn. Ob die Herren dort die Klostersuppe einem wildfremden Menschen vorsetzen, oder dem alten Bruder des Prälaten, das wird für Kloster und Suppe auch gleich sein. Ihm, dem Gregl, wäre doch damit gedient, daß er endlich in den Mauern des Gebets, der Betrachtungen und der guten Werke für seine letzten Lebenstage könnte Unterschlupf finden.
Also hat der Halter-Gregl seinen Sack genommen und seinen Stecken, und ist barhäuptig, wie er stets gewesen, straßab und talaus gegangen, bis er am dritten Tage im weiten fruchtprangenden Talkessel auf einer Anhöhe stolz und herrlich das Gebäude ragen sah. Es war nicht wie ein Schloß, es war wie sieben Schlösser neben- und übereinander, mitten aufragend zwei Türme, eine Kuppel und die Schindeldächer schimmerten wie Silber. Um die Anhöhe schlang sich in Halbrund ein breiter, glitzernder Fluß, kleine Ortschaften und große Gärten bestreichend, die sich hinten in Laubwäldern verloren. Der Gregl saß am Wegrand und wollte von der einen langen Front die Fenster zählen. Bis achtzig oder neunzig kam er hinauf, dann vergingen ihm die Augen.
Und das war Stift Hubertsbrunn.
Der Erzähler ist in Klostersitten nicht recht bewandert, er muß sich auf die Berichte verlassen, die ihm zugekommen von den Berichterstattern zu dieser Geschichte.
Am nächsten Tage wußte der Hirtenbauer Gregor schon, wie es da zuging. Aber es gefiel ihm nicht. Über die Aufnahme war so weit keine Klage gewesen. Der hochwürdige Bruder, Seine Gnaden ward er genannt, hatte ihn an beiden Händen gehalten, ihn besorgt angeblickt und gesagt: »Bruder Gregor, du gefällst mir gar nicht. Hast du denn kein besseres Gewand?«
Und der Gregor: »Bruder Benedikt, oder wie du heißt, du gefällst mir auch nit. Was ich zu wenig am Leib han, das hast du zu viel.«
Denn der Prälat trug einen Talar aus Seiden und Schuhe mit Silberschnallen und über der Brust eine Kette und ein Kreuz aus schwerem Golde. Der hochwürdige Herr lachte zum Ausspruch seines Bruders, tätschelte ihm mit zwei Fingern die rauhbraune Wange und sprach:
»Na na, du bist immer noch der Alte. Glaubst du mir's, daß ich so arm bin, wie du? Dieses Kleid siehe, das deinen Augen Ärgernis gibt, es gehört nicht meiner Person, es gehört meiner Würde. Und das Stift gehört dem Orden. So viel erlaubt mir aber meine Armut, daß ich dich einlade, etliche Tage im Stifte zu bleiben und daß du dir gut sein lassest.«
»Du sagst etliche Tage! Und ich wollte als Laienbruder eintreten, die Kirche ausfegen jeden Tag oder die Glocken läuten, oder wozu ihr mich verwenden möget, daß ich dem Herrgott ein wohlgefälliger Knecht sein darf.«
»Tue dieser paar Tage gerade einmal, was dich freut, Bruder Gregor. Wie du doch unserem Vater ähnlich siehst, Gott habe ihn selig!«
Und der Alte antwortete: »Wenn du mägerer wärest, kunnt ich dasselbe auch von dir sagen. Unser armer Vater, gelt! Wie sich der hat plagen müssen und sich die Bissen absparen, daß er dich hat können in die Studie geben.«
»Laß es gut sein, Gregor, nach den ersten paar Jahren hat mich ja schon das Stift versorgt, so daß ich den Orden für meinen wahren Nährvater halten muß.«
»Immer einmal wirst wohl doch noch eine heilige Messe lesen für unseren Vater?«
»Wir beten für alle,« antwortete der Prälat.