Chapter 24 of 28 · 3996 words · ~20 min read

Part 24

Sie ist einfach genug. Sie ist schlicht, wie der Doktor selbst war. Auf einer Gebirgspartie verunglückte der reiche Baron Schuß von Überschuß. Der Chirurg des Alpendorfes, in welchem der Verletzte liegen bleiben mußte, behandelte ihn und telegraphierte täglich das Bulletin in die Welt hinaus: »In dem Befinden des Herrn Barons Schuß von Überschuß keine bedenklichen Symptome. Dr. Eras Sauermann.« -- »Der Zustand des Herrn Barons nimmt seinen normalen Verlauf. Dr. Eras Sauermann.« -- »In dem Befinden des Herrn Barons ist eine kleine Verschlimmerung eingetreten. Dr. Eras Sauermann.« -- »Das Wundfieber des Patienten hat sich in besorgniserregender Weise gesteigert. Die Kräfte schwinden. Dr. Eras Sauermann.« -- »In dem Befinden des Herrn Barons Schuß ist eine leichte Besserung eingetreten. Dr. Eras Sauermann.« -- »Der hochgeborne Herr Baron Schuß von Überschuß, k. Oberkämmerer, der Krone geheimer Rat, Ordensritter des goldenen Kreuzes, Besitzer vom Orden des heiligen Ludwig usw., ist heute morgens drei Uhr gestorben. Dr. Eras Sauermann.« -- Bei dem Leichenbegängnisse folgt unweit hinter dem Galawagen in offener Kalesche ein interessanter blasser Mann in tiefer Trauer. -- Wer ist das? -- Der Arzt, der ihn behandelt hatte. -- Also ein Leibarzt. -- Doktor Eras Sauermann. -- Bald hernach zieht er in die Stadt und ist der renommierteste Arzt der Geld- und Geburtsaristokratie. »Ich kann wohl sagen,« schloß der Herr Doktor, »ich bin auf ganz normalem Wege emporgekommen. Von Reklame war ich stets ein geschworener Feind, das einzige, was ich mir in dieser Beziehung gestatte, ist, daß ich meinen Patienten möglichst das letzte Geleite gebe.«

»Nun, es ist ja gewiß keine Schande, heutzutage durch Reklame etwas zu erreichen,« sagte der akademische Maler Rakutti. »Neun Trommler und vierundzwanzig Trompeter müssen siebenmal sieben Wochen jeden Tag lärmend durch die Stadt ziehen, bis endlich jemand frägt, was der Teufel denn eigentlich los sei? -- Meine Herrschaften, seht ihr dort den verkommenen Menschen?« -- Jawohl, was soll der? -- »Der soll viel, ihr schönen Frauen und ihr noblen Herren, denn er kann alles. Es ist das ~Genie~! -- Ah!«

»Sehr gut, sehr wahr!« rief die Tischgesellschaft.

»Eine eigenartige Illustration für oder, wenn Sie wollen, gegen das Gesagte ist meine Geschichte,« fuhr der Maler fort. »Ich habe Kunstwerke geschaffen, ich bin kein Freund von vielen Worten, ich sage bloß: Kunstwerke. Dieselben hingen in den Ausstellungen oder sie wurden durch Mißgunst der Akademie-Direktoren, von welchen die meisten leider auch selbst malen, dem Publikum vorenthalten. Die Kritik verschwieg, oder was noch schlimmer, lobte mich mit jenen tückischen Phrasen, die dem Publikum nichts sagen als: Der Mann ist sehr arm, denn seht, wir geben ihm Almosen. -- Kurz, als ich das dreiundzwanzigste Bild schuf, war das erste noch nicht verkauft. -- Vierundzwanzig macht majorenn, dachte ich, und das vierundzwanzigste Bild soll etwas Besonderes werden. Es wurde auch! Das ewig Weibliche, Frauen in unverhüllter Schönheit sind immer willkommen! Als ich eine Reihe solcher Gestalten gemalt hatte, ohne eigentlich dabei an etwas anderes zu denken, als an die Wirkung der Farben (denn die Farben sind bei einem Gemälde doch die Hauptsache) nannte ich sie: die Genien der Freude. -- Sie gelangten mühelos in die Kunstausstellung, denn das Echte siegt endlich doch. Aber am dritten Tage nach der Eröffnung verlangten die Journale die Entfernung des Bildes -- aus Sittlichkeitsrücksichten. Noch an demselben Tage strömte das Publikum massenweise in die Galerie, um sich an den Genien der Freude weidlich zu entrüsten. Allein, wo das Bild gehangen, gähnte nur mehr die leere schmutzigrote Wand mit dem Zettel: Nr. 52 zurückgezogen. Aber die Genien blieben in ihrer Zurückgezogenheit nicht allein. Durch besondere Schliche war es immerhin möglich, das Bild in seinem Gewahrsam zu sehen, und weil jeder mit starkem Kopfschütteln aus der Kammer trat, so wollten immer noch mehr Besucher hinein. Es war ein Skandal, von dem die halbe Stadt sprach. Der Skandal lag jedoch nur im Skandal, nicht im Bilde. Und was geschah? Ich erhielt eine Zuschrift: Euer Wohlgeboren, da ich kaum voraussetzen darf, daß Sie als Verfertiger -- Verfertiger schrieb der Gauch! -- und Eigentümer Ihres geradezu skandalösen Bildes: Die Genien der Freude, dasselbe vernichten werden, so fühle ich mich im Namen des guten Anstandes veranlaßt, es ein- für allemal vor unberufenen Augen unsichtbar zu machen. Ich biete Ihnen dafür dreitausend Mark. -- Unterschrift der Name eines bekannten Börsenjobbers.«

»Selbstverständlich waren Sie entrüstet über das unwürdige Angebot und verlangten sechstausend Mark!« lachte der Major.

»Nein,« sagte der Maler, »ich sandte dem Herrn ein höfliches +billet de correspondance+, in dem ich sehr bedauerte, das Bild unter zehntausend Talern nicht abtreten zu können. -- Am nächsten Tage hatte ich die dafür lautende Kassa-Anweisung in der Hand. -- Die Genien wurden allsogleich abgeholt, sollen aber bis heute noch nicht vernichtet sein. -- Ich malte nun Bild für Bild ähnlichen Genres, keines kam in die Ausstellung, jedes wurde von den Reporters, die sich in den Ateliers herumtreiben, und auch von neugierigen Kunstmäcen mit Interesse beblinzelt, mit Würde verdammt und fast noch vor seiner Vollendung von Privaten angekauft. -- Jetzt erst verstand ich das Wohlwollen der Presse und ich wollte den Rezensenten zu Ehren ein Fest geben. Sie lehnten es in Mehrzahl höflich ab. Ich aber bin seither der berühmte Mann und gedenke es auch noch ein Weilchen zu bleiben.«

Nun war die Reihe -- es ging um den Tisch wie ein Rundgesang -- an dem Major Abacitz. Der war jedoch zur Tür hinausgegangen.

»Er soll sich ja im letzten Kriege ausgezeichnet haben,« sagte der Chemiker Iseling.

»Meines Wissens,« antwortete der Doktor, »hat er bloß das Gefecht von Otterlitz verloren.«

»Darüber ließe sich zur Tagesordnung gehen, und so hätte wohl Herr Werner das Wort.«

»Meine Geschichte ist groß!« versetzte der Schauspieler hohlen Tones, als begänne er den Franz Moor des Lewinsky zu deklamieren, »sie ist sehr groß. Ich will den Schauspieler nicht mit anderen Künstlern vergleichen. Was ist der Maler? Er hat als Material die Leinwand, die Farbe; der Bildhauer hat den Marmor, der Dichter das Wort, der Musiker den Ton. Der Schauspieler allein ist sein eigenes Material, seine eigene Leinwand und Farbe, sein eigener Marmor, sein eigenes Klavier. Der Schauspieler ist der einzige Künstler, der aus sich selbst schafft.«

»Also aus nichts --« warf der Maler ein.

»Was sagen Sie?«

»Ich meine, aus nichts, wie Gott die Welt erschuf.«

»In der Tat, ja. Doch davon zu sprechen gebührt mir nicht,« sagte der Schauspieler, »ich komme zu meiner Geschichte. -- In wenigen Monden gehen sieben Jahre um, seitdem ich nicht mehr am Leben wäre, wenn mich damals auf dem Theaterplatz in -- doch, wozu Ortsnamen! -- die Polizei nicht geschützt hätte. Was sagt ihr? -- Ich frage euch: ist ein Applaus im Auditorium ein Applaus? Ist das Klatschen und Strampfen und Johlen und Namenrufen ein Applaus? Nein, meine Herren, das ist kein Applaus. Sind Lorbeerkränze mit roten Seidenschleifen und Goldbuchstaben: »Dem großen Mimen Fridolin Werner« ein Applaus? Sind hundert verhimmelnde Notizen in den Tagesblättern über unvergleichliche Darstellungskraft, über Wiedergabe der Rolle, wie wir sie nachgerade noch nie erlebt, über fingierte Engagements in großen Hoftheatern und dem unersetzlichen Verlust, der unserer Bühne droht; sind glorifizierende Feuilletons mit Biographie und schwungvoller Aufzählung aller Triumphe in glühenden Superlativen ein Beifall? Wenn dich Studenten von der Bühne zur Garderobe auf den Achseln tragen -- nennt ihr das Erfolg? -- Es tut mir leid, dann seid ihr schlecht berichtet. -- Wenn du aber in »Kabale und Liebe« den Wurm spielst, und das Publikum gerät über den elenden Bösewicht derart außer sich, daß es dich nach der Vorstellung auf deinem Wege in den Klub abpaßt und aus wütend empörtem Gerechtigkeitsgefühl totschlagen will: ~Das~ ist Applaus, Beifall, Erfolg!«

Werner ließ sich auf die Lehne seines Sitzes zurücksinken und sagte weiter kein Wort. Es war auch keines mehr nötig. Das war die Geschichte, wie er berühmt wurde; der Vorfall stand damals in allen Blättern, und auch seither, so oft Herr Werner auf irgend einer Bühne Gastrollen gab, vollends wenn er den Wurm brachte, ließ er's »auf dem Platze« abdrucken, wieso ihm der Erfolg dieser Rolle schier einmal an's Leben gegangen sei.

Jetzt war's am Chemiker Iseling.

»Ihr sprecht da von Erfolgen,« sagte dieser, »die mir nicht imponieren können. Ich möchte sie Zufallserfolge nennen. Eine mit männlicher Entschlossenheit durch allerlei Hindernisse mit schweren Opfern zielbewußt selbstgeschaffene Existenz weise mir einer auf, wie die meine! Eine Berühmtheit, die über den Großen und Stillen Ozean ebenso mächtig hinklingt, wie über unsere Donaugelände, weise mir einer auf, die der meinen gleichkommt! Iseling's spanisches Brustmalz! Depots in Paris, London, Kalkutta, San Franzisko, Melbourne --«

»Fischamend, Benslau --« spottete der Maler.

»Nicht zu verachten, meine Herren! In kleinere Orte ist es schwerer zu dringen, als in die großen. Wen der Kleinbürger und der Bauer kennt, ~der~ darf sich auf seine Berühmtheit eins gönnen!«

Er trank scharf sein Glas Rheinwein aus. »Es hat mich ein gut Stück Geld gekostet,« fuhr er fort, mit der hohlen Hand seinen Bart trocknend. »In ein paar Jahren hoffe ich das Jubiläum der Million feiern zu können.«

»Die Sie mit dem spanischen Brustmalz gewonnen haben?«

»Ach Gott, dieses Jubiläum ist längst gefeiert. Die Million, die ich für Inserate und andere Reklame ausgegeben habe!«

»Ich kann mich aber in der Tat kaum erinnern, je einmal ein Inserat über das spanische Brustmalz in den Zeitungen gelesen zu haben,« bemerkte der Maler.

»Lieber Freund,« belehrte Iseling, »mit dem gewöhnlichen Annoncieren und Anpreisen, mit dem Abdruckenlassen der Dankschreiben durch das Brustmalz geretteter Personen und was dergleichen Schwindel mehr ist, befasse ich mich nicht. Da täte mir wahrhaftig meine Ware leid. Wir verfügen über andere Mittel.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel wollen wir einmal den Kalender von der Wand nehmen. Da haben wir gleich -- Zeitrechnung auf das Jahr 1883. Sie sehen! Seit der Erschaffung der Welt 5832 Jahre. -- Seit der Einführung des Gregorianischen Kalenders 304 Jahre. Seit der Erfindung des spanischen Brustmalzes 35 Jahre ....«

Lachend stießen sie mit ihm die Gläser an, nur Paulo, der Romanzier, starrte finster auf die Tischplatte, und als er wegen seiner schweren Schweigsamkeit zur Rede gestellt wurde, murmelte er: »Das ist mir zu frivol.«

»Nun müssen ja Sie mit Ihrem Latein vorrücken.«

»Ich schweige,« antwortete Paulo und schüttelte seine lange schwarze Mähne, die das blasse Gesicht wie bei einem Magier umrahmte. Dazu hatte er eine Art Schlangenbändigeraugen und um den Mund die Furchen des Weltschmerzes und die Klammern des Spottes. »Ich schweige,« antwortete er, »denn an einer Tafelrunde, wo Erfolg und Ruhm in ~solcher~ Weise charakterisiert worden sind, könnte die Erzählung eines sich aus schwerer Not und mit sittlicher Kraft zur Anerkennung der Nation emporgerungenen Mannes wohl kaum jemals Verständnis finden.«

»So könnten wir jetzt vielleicht ein Kartenspielchen arrangieren,« meinte sehr boshafterweise der Schauspieler Werner.

»Ja und tausendmal ja!« rief Paulo, wirklich erbost darüber, daß just er nicht zum Erzählen kommen sollte. »Spielet, spielet! Das ist ja die Art der guten Deutschen, zechen und kartenspielen, anstatt sich an dem geistigen Schatze der Nation zu belehren und aufzurichten und ihre Schriftsteller vom Untergange zu retten. -- Mich haben, das kann ich wohl sagen, lediglich die Gelegenheitsgedichte zu Hochzeitsfesten, Kindstaufen und Jubiläen vor dem Hungertode gerettet. Meine Jugendgedichte! -- außer Schiller und Heine schriebe sie mir keiner nach! -- Und wenn ich Ihnen sage, daß ich die Druckkosten derselben mit der kleinen Erbschaft meiner Tante als meinem einzigen Vermögen bestreiten mußte! In Deutschland, wo jährlich Tausende für Zeitungs- und Kolportagegeschmiere ausgegeben werden! Ich wollte hierauf eine große Dichtung schreiben als Seitenstück zum »Faust«. Doch nein, Paulo, sagte ich mir, die Deutschen sind derlei nicht wert; sie hätten auch den Geheimrat Goethe verhungern lassen, wenn Geheimräte zu solcher Todesart überhaupt inklinierten. Hingegen schrieb ich nach manch kleineren Arbeiten, die mir viel Lob eintrugen, aber kein Geld, einen großen Roman unter dem Titel: Die Auster von Tergestum. Daß diese Dichtung mein Glück machen werde -- ich wußte es im voraus. Ich trug das Manuskript zu meinem Verleger. -- Gucken Sie nicht so sauer drein, lieber Mann, sage ich, heute habe ich einmal etwas für Sie. Sie wollen doch Millionär sein? -- Ich hätte nichts dagegen, meinte er. Gut, ich verkaufe Ihnen das ein- für allemal, für alle Auflagen, für die Übersetzungen in allen Sprachen. -- Aber, mein Teurer, es tut mir leid! sagte der Verleger, und solche Leute, wenn sie höflich werden, sind unausstehlich. Teuerster! sagt er, heutzutage einen dreibändigen Roman, und von einem unbekannten Namen! Wo denken Sie hin! -- Herr, der Roman ist gut! rufe ich. -- Ach, das ist Nebensache, der Name muß gut sein! sagte der Verleger. Schreiben Sie ein schlechtes Buch, so schlecht Sie wollen, aber setzen Sie auf's Titelblatt einen berühmten Namen, zum Beispiel: Max Freihag, und ich drucke es und zahle dreißig Taler für den Druckbogen. -- Tun Sie das? frage ich. -- Jawohl. -- Gut. -- Ich nehme mein Manuskript unter den Arm und gehe geradewegs zu Freihag. -- Der Romanschriftsteller Freihag wohnte nämlich in derselben Stadt in -- doch wozu Ortsnamen! rufe ich mit Freund Werner. -- Freihag, ich wußte aus mancherlei Anlässen, daß er mir wohlgestimmt war und ein gutes Herz hatte. -- Ich traf ihn zu Hause. Oh, lieber Freund! rief er mir schon an der Türe entgegen, heute ist's nicht! -- Was ist nichts? frage ich. -- Sie wollen ja doch wieder Geld von mir! -- Ach nein, Herr Doktor, sage ich. -- Das ist gut, meinte er, denn heute habe ich selbst keines. -- Das macht gar nichts, sage ich, denn heute müssen Sie mir mit etwas anderm helfen. Sie müssen mich glücklich machen für mein ganzes Leben! Ich will nämlich heiraten -- und ich wollte in der Tat, ich war gerade in ein reizendes Ballettmädchen verliebt und in dem rechten Moment fiel es mir nun bei: wahrhaftig, das könntest du als Motiv anführen, und sie hernach wirklich heiraten. -- Da soll ich Ihnen wohl gar den Brautwerber abgeben? lachte der Doktor. -- Das nicht, sage ich, oder ja, wenn Sie's so nehmen wollen. Sie müssen mir nämlich meine materielle Existenz gründen. -- Aber, lieber Freund, wie vermöchte ich das? -- Doktor, Sie vermögen es, Sie können es und Sie werden es tun. Hier habe ich einen Roman geschrieben und Sie werden meinen Verleger vermögen, daß er mir dafür Honorar zahlt. -- Wie soll ich das anfangen? fragt er; ach, 's ist ein liebenswürdiger Mann. -- Das ist sehr leicht, berichte ich, es wird Ihnen im Leben selten etwas so wenig Mühe gemacht haben, als das, und Sie werden nicht leicht wieder einen finden, der sich mit so geringem Opfer namenlos glücklich machen läßt, als ich. Denken Sie: eine schöne, herrliche Braut, in die ich sterblich verliebt bin. Es wäre mir unmöglich, auch nur einen Tag noch zu leben, ohne die Gewißheit, sie heiraten zu können. -- Ja, es scheint, daß Ihnen die Liebe wirklich schlimm mitspielt, sagt der Doktor nicht ohne Zweideutigkeit; wenn es jedoch in dem Bereiche der Möglichkeit liegen sollte, Ihnen zu dienen --! Gut, sage ich, so wäre das abgemacht. Ich danke Ihnen. -- Nun, was wollen Sie denn eigentlich? ruft er aus. -- Ach ja so. Sehen Sie, sage ich, das ist der neue Roman: Die Auster von Tergestum, von Emil Paulo und Max Freihag. Oder wollen Sie voranstehen? -- Ich soll als Autor des Romanes? -- Ja, Doktor, Sie werden als Mitverfasser Ihren Namen auf das Titelblatt drucken lassen. -- Als Mitverfasser! ruft er, ich als Mitarbeiter an Ihrem Roman, ohne eine Zeile daran geschrieben zu haben?! -- Das können Sie nachholen, wenn Ihnen daran gelegen ist. -- So müßte ich das Werk doch zum mindesten durchlesen, denn Sie werden begreifen, daß --. Nein, unterbrach ich ihn, Doktor, das begreife ich nicht. Haben Sie Lust, den Roman heute zu lesen, so wird's mich freuen, aber was gewinnen Sie dabei? Entweder Sie finden, daß Sie ihn verantworten können, dann war's unnützer Zeitverlust; oder Sie werden durch die Lektüre veranlaßt, Ihr Versprechen zurückzunehmen, dann bin ich verloren. Und daran, Herr, daran zweifle ich keinen Augenblick, wenn Sie mit einem Namenszug einen Menschen retten, ja deren zwei glücklich machen können, so schreiben Sie Ihren Namen, wenn es sein muß, selbst auf ein ägyptisches Traumbuch. Die Revisionsbogen werden Ihnen ja Gelegenheit geben, den Roman kennen zu lernen, respektive zu bearbeiten. Die Hauptsache ist jetzt Ihr Name; mein Verleger schließt in einer halben Stunde das Kontor. -- Das war mein Begehr, und nicht einmal die Pistole brauchte man dazu in der Hand zu haben. -- -- Er hat's getan. Ich wußte recht gut: nach einer Stunde tut er's nicht mehr; sobald ihm wieder der Herzschlag langsamer geht, sobald er nachzudenken beginnt, tut er's nicht mehr. Nun, es gelang und er hat's getan.

Atemlos hatte die Gesellschaft dem Romanzier zugehört.

»Und wie verlief die Sache?« fragte der Schauspieler, der früher der Gleichgültigste geschienen und jetzt der Aufmerksamste war.

»Sie verlief gar nicht,« antwortete Paulo, »sie ist noch heute, und ganz vortrefflich. Ich kam mit dem Roman zum Verleger zurück, der sah auf demselben freudestrahlend den berühmten Namen, den er für seinen Verlag schon seit langem vergeblich zu gewinnen gesucht, und zahlte mir fünfzehnhundert Taler als die erste Hälfte des Honorars auf die Hand. -- Außer einigen Streichungen fand der Doktor an dem Roman nicht viel zu modifizieren, das Buch ging reißend ab und hat bis heute sieben Auflagen erlebt. Selbstverständlich schrieb ich nun munter voran und für den Kompagnon Max Freihag's taten die Verleger allerorts ihre Arme und Börsen auf, obwohl die folgenden meiner Bücher nur mehr unter meiner Firma allein erschienen.«

»Und hat der Streich dem Renommee Freihag's doch nicht etwa --?« Iseling sprach's, hatte aber nicht den Mut, den Satz zu Ende zu bringen.

»Geschadet, meinen Sie!« fuhr Paulo empört auf. »Herr, seit der Erfindung des spanischen Brustmalzes mag es allerdings erst fünfunddreißig Jahre her sein, aber seit der Entdeckung des gesunden Menschenverstandes ist es doch etwas länger. Und der Menschenverstand sagt sonnenklar: Zwei ist mehr als eins. Freihag kann froh sein, ein höchst bedeutendes Werk unter seinem Schilde zu führen, zu dem er kaum die Feder angesetzt hat.«

»Und Ihre Braut haben Sie geheiratet?« fragte der Maler.

Ohne darauf zu antworten, nahm Paulo seinen Überrock und sagte: »Gute Nacht, meine Herren!«

Der Mann mit den dreizehn Talern.

Der Mann, dessen Geschichte ich in schaulustigen Jugendtagen aufgeschrieben, war eine sehr wunderliche Erscheinung. Auswendig und noch mehr inwendig. Er war nicht groß, aber stark untersetzt und unter der rechten Achsel auffallend ausgewachsen, so daß an derselben Seite der kurze graue Wollspenser zwischen sich und der Hose das Hemd hervorlugen ließ. Das bleiche Gesicht sah recht offenherzig aus, war rund und hatte für das Dorf astronomische Bedeutsamkeit. Wenn dieses Gesicht neu und glatt rasiert war, so konnte man überzeugt sein, daß der Mond im ersten Viertel stand.

Die Welt sah er nur halb, das heißt immer bloß mit dem einen, rechten Auge an, das linke hielt er stets zugedrückt. Und doch war er nicht einäugig, denn einmal hatte es sich ereignet, daß beide Augen hellicht offen standen. Die Leute meinten, der Alte verschließe das linke, weil er alles ~recht~ sehen wollte; andere behaupteten, er tue es aus Sparsamkeit, damit, wenn sich im Greisenalter die gewöhnliche Sehkraft erschöpfe, er noch ein neues, frisches Auge habe, und wieder andere vermuteten, der Alte tue es aus Nachsicht, daß er immer ein Auge zudrücke.

Einen Zweck mußte es wohl haben, denn alles, was der Alte tat oder ließ, hatte einen Zweck. Oder weshalb ließ er seine nun bereits weißen Haare so lang wachsen, daß er sie wie einen Turban um die Stirne drehen konnte, als daß er dadurch die Kopfbedeckung von fremden Haaren ersparte? Und weshalb kaute er immer und immer wieder an einem Strohhalm, als zum Ersatz für das Rauchen, das er sich in seiner Jugend einmal angewöhnt hatte? Und weshalb hatte er in seinem Stübchen eine beflügelte Windmühle, die mehr als den halben Raum einnahm? -- Ja, die Geschichte von der Windmühle ist nicht einfach! Die Maschine stand aber auch nur im Winter in der Wohnung des Mannes, im Sommer ruhte sie in einer Rumpelkammer, die gleich daneben, und zu der die Stube des Mannes eigentlich das Vorzimmer war. Ob über diese Räume der alte Mann oder die Mäuse Hausherr waren, das ist nie recht klar geworden; bestimmt ist nur anzunehmen, daß beide Parteien in den Dachstuhlräumen des alten Pfarrhofes wohnten.

So bedenklich die Holzleiter aussah, die zu diesen Räumen emporführte, so wohnlich waren sie eingerichtet. Eine Matratze, die am Boden lag, ein dreibeiniger Sessel, der daneben lehnte, ein wurmstichiger Schrank, der an der Wand stand und ein kleiner eiserner Ofen, der im Winkel kauerte -- das war außer der Windmühle die Einrichtung der Wohnung des Malchus Zacharias Rosenkranz. Das Fenster, das in der schiefen, reichlich mit Lehm überworfenen Dachwand in einer Nische stand, war wie der alte Malchus einäugig, da der andere Flügel mit blauem Papier verklebt gewesen. Indeß war der Ausblick durch die eine Glasscheibe um so erfreulicher, sie ging in den Hof zu den lieben Haustieren. Dem Fenster des Malchus gegenüber stand das Wirtschaftsgebäude und auf dem First desselben saß zu allen Stunden des Tages ein Spatz oder die Katz'! Und über dieses Bild wölbte sich am Tag der blaue Himmel, zur Nacht das Sternenzelt und zu trüben Zeiten der Nebel.

Gelänge es mir, nun euren Blick von diesem Bilde ab- und nochmals auf das Innere der Behausung des Malchus zu lenken, so möchte ich auf den schwärzlichen Hafentopf aufmerksam machen, der am eisernen Ofen steht. Dieser birgt das Mittags- und Abendmahl des Mannes, sowohl für alle gewöhnlichen Tage, als auch für alle Feste des Jahres berechnet -- ein nahrhaftes Erbsengericht. Lohnend dürfte es sein, auch einen Blick in den Schrank zu tun. Da uns die zahlreichen Wurmstichlöcher aber doch immer keinen Einblick in das Innere zu gewähren vermögen, ist Malchus Zacharias Rosenkranz bereit, die Decke zu öffnen. Die hier verwahrten Holzschuhe und falbledernen Beinkleider, sowie der Sack Erbsenvorrat sind von minderem Belange; um so auffälliger aber ist uns die viele Schafwolle, die auf Spulen und Knäuel gewickelt ist, und das sorgsam gehaltene Strickzeug. Wir haben hier die Stätte der Arbeit vor uns; Malchus beschäftigt sich jahraus jahrein mit Stricken und versorgt alle Bauern, Hirten und Holzhauer der Umgebung mit Fäustlingen und Socken.

Im untersten Winkel des Schrankes befindet sich aber ein Wollbeutel, der einen feinen, zarten Metallklang gibt, sobald ihn der Mann berührt; Malchus schichtet alle vorrätige Wolle über den Beutel und blinzelt dabei ganz merkwürdig mit dem rechten Auge. Dann blickt er unstet um sich, aber das linke Auge bleibt zu, nur der Strohhalm, an dem Malchus kaut, macht ein paar Schwingungen auf und nieder, was wohl gar eine Drohung bedeuten mag.

Ein Geizhals, meint Ihr? -- Recht gut, so hat es einen Zweck, daß ich euch die Geschichte des Mannes erzähle.

* * * * *

Malchus Zacharias Rosenkranz lebte schon seit einigen fünfzig Jahren in dem Dachstübchen des Pfarrhofes, und ihm sind auch die Tage bekannt, die er noch hier verleben wird. Er weiß den Tag seines Todes. Wie sie ihn über die hinfällige Leiter hinabbringen werden, das ist ihre Sache -- gewiß nur ist, daß sie nach Verlauf der bestimmten Zeit den alten Malchus hinaustragen werden auf den Kirchhof. Der Alte verzehrt trotzdem heute sein Erbsengericht so ruhig als vor dreißig Jahren. Er betet und hofft nur, daß bishin kein Unglück mehr komme.

Eine Tagereise von unserem Dorfe, in einer schönen Gebirgsgegend, liegt der rote See. Dieser ist an vielen Stellen grundlos tief, birgt sogar Forellen in sich und hat seinen Namen von den roten Felswänden, die an seinen Ufern aufragen und sich in dem klaren Wasser spiegeln.

Am Ufer dieses Sees stand vor vielen Jahren eine Fischerhütte. Sie war aus rohen Waldstämmen gezimmert und mit Lehm und Moos gegen Wind und Wetter wohlverwahrt. In der Hütte wohnten ein Mann und ein Weib und ein Kind. Der Mann war kühn und trieb sich die meiste Zeit auf dem See herum, bis er zu Abend mit beladenem Kahne gegen die Hütte ruderte. Das Weib war arbeitsam und pflegte den Gemüsegarten und die Ziegen, und in der Winterszeit höhlte es Holzschuhe aus zum Verkaufen. Das Kind war ein freudvoller Knabe, in welchem Jugendlust sprudelte und ein reiches, kraftvolles Leben zu schlummern schien.