Chapter 3 of 28 · 3903 words · ~20 min read

Part 3

Auf meine nähere Erkundigung nach der Geschichte dieser Firma antwortete er: »Will der Herr die zwei Dukaten sehen, die der Napoleon meinem Vater hat auszahlen lassen?« Und mit dem dürren Finger durchs Fenster zeigend: »Dort, wo jetzt der Brennofen steht, beim Hollerbuschen, ist die Schmiede gestanden. Von gestern und vorgestern rede ich nit. Ist ja mein Vater noch ein junger Bursch gewest. Hufschmied an der Straßen. Ein gutes Geschäft dazumal. Wenn auch nit gerade jeder fürs Pferdebeschlagen drei Dukaten hat gegeben wie der Franzosenkaiser, als er vorbei ist geritten gen Graz. Später, als es mein Vater erfahren, wer der kleine Reiter ist gewesen, hat er freilich die Dukaten auf den Steinhaufen geschleudert. Und noch später, viel später, wie es geheißen hat, der große Napoleon sei auf eine Insel im Weltmeer verstoßen worden, hat's die Leut' umgewendet und mein Vater hat den Steinhaufen abgetragen. Zwei hat er richtig wiedergefunden von den Goldstücken; und die sind in der Familie verblieben zum ewigen Andenken.«

Es wollte mir nicht übel gefallen, daß dieser Hufschmied, entgegen dem Weltbrauch, den Mächtigen gehaßt und den Unglücklichen geehrt hat. Ich nahm einen Schluck von der klaren Flüssigkeit. Das war Feuer, eines Hotels Napoleon würdig. Es regnete stundenlang, der Weg bis zum nächsten Bahnhof war nachher immer noch leicht zu machen und so verlor ich mich mit dem frohen alten Mann in ein anmutiges Gespräch, während er mit dem Kolben im Bottich seine Vogelbeeren stampfte. Dort, wo angeknüpft war, erzählte er weiter. Sein Vater habe neben der Schmiede eine Schänke aufgetan, damit den Fuhrleuten, die etwa in der Reihe auf das Pferdebeschlagen zu warten hatten, die Zeit nicht lang werde. Aus der Schänke sei allmählich ein Wirtshaus geworden und aus diesem ein großer Gasthof, wo alle Fuhrwerke und Herrschaftkutschen Einkehr gehalten. Um diese Zeit sei er, mein jetzt so weißbärtiger Mann, ans Licht gekommen, gehegt und erzogen und »von den Leuten verhunzt wie ein Prinz«. Der einzige Sohn des reichen Napoleonwirtes! Denn so hat der Gasthof geheißen und die Deutschen sind lieber beim »Napoleon« eingekehrt als beim »Kaiser Rotbart« auf der nächsten Poststation, weil beim Napoleon eben der Wein besser gewesen. Dann kamen die Eisenbahner ins Land. Da gab es Fuhrwerk über die Maßen und ungeheuer viel Geld. Die Leute hatten nur so gelacht dazu, obwohl ihnen der Strick schon um dem Halse lag. Aber er war noch locker. Der Napoleonwirt selbst hatte Tag für Tag vierundzwanzig schwere Pferde auf der Straße und am Tag der Eisenbahneröffnung saß er an der Ehrentafel fast ganz oben in der Nähe der hohen Herren und einer von ihnen feierte ihn durch einen Trinkspruch als den König der Straße. Das war vielleicht ein unbeabsichtigter Spott; aber ein großer. König der Straße hieß in diesem Fall König ohne Reich, denn wenige Jahre später: und auf der Straße konnten sich Schafe satt weiden. Der alte Napoleonwirt kränkte sich sehr darüber, daß die Eisenbahn, die er so emsig miterbauen half, so treulos war. Kein Mensch, sagte er, sei noch so grob betrogen worden wie er, der Napoleonwirt. Der Eisenbahnzug, der oben am Berghang hinrollte, pfiff auf ihn herab und kein Gesetz kümmerte sich um die Straße. Ohne gewöhnlich andere Gäste zu haben als manchmal einen durstigen Nachbar, wirtschaftete er in seiner Weise noch eine Weile fort; und als er endlich Haus und Hof verkaufte, geschah es gerade so, daß die Gläubiger keinen Schaden hatten. Da meinte der alte Napoleonwirt, für ihn sei es nun die höchste Zeit, zu sterben, denn ein paar Jahr später hätte es nicht einmal mehr für einen Grabstein gereicht. Ein Leben ohne Nachlaß und ohne Grabstein hätte er für die überflüssigste Arbeit von der Welt gehalten.

Und der junge Mensch, der Sohn, stand nun allein auf der Straße. Manchmal saß er auf der Bank vor der verfallenden Schmiede und beobachtete die Leute, wie deren doch von Zeit zu Zeit wieder vorüberkamen. Und wenn er sich so ins Schauen verlor, da war ihm anfangs, als vermöge er den Insassen des Viergespannes und den hinkenden Handwerksburschen nicht zu unterscheiden. Es sei denn, daß dieser einen munteren Marsch pfiff und jener ein gelangweiltes Gesicht machte. Und dann wieder zu sich kommend, fragte er: »Was tue ich jetzt? Am vollen Trog habe ich schon gesessen.« Nichts war davon übrig geblieben als der Nachteil, daß ihn nun der leere doppelt verdrießen konnte. Doch er verdroß ihn nicht eigentlich. Er war gegen alle weiteren Unfälle gut versichert bei der Assekuranzgesellschaft Habenichts & Co. Der Pfarrer seines Ortes hatte einmal gepredigt, der Christ solle dem Geiste leben. Und weil er das nicht weiter erklärte, so legte der Zuhörer es sich selber zurecht. Es wird auch am besten sein. Das braucht kein großes Betriebskapital. Ich will dem Geist leben. Und gründete eine kleine Branntweinbrennerei. Die Wurzeln, Beeren und Abfälle, aus denen er den Geist zog, hatte er umsonst; er brauchte sie nur zu sammeln, manchmal dafür ein »Vergelt's Gott!« zu sagen und ein »Stamperl Branntwein« zu versprechen. Wenn dann der Nachbar kam, um ihn zu trinken, griff er doch in den Sack; denn man hatte den fröhlichen Burschen nicht ungern und vermutete, daß er auch ein bißchen leben wolle. Er scheint auch in seiner Unterhaltung Geist geschenkt zu haben und nicht etwa Fusel, wie mancher zünftiger Ritter vom Geist zu destillieren pflegt. Da das große Einkehrhaus an der grünen Straße keine rechte Verwendung mehr finden konnte, so wurde es abgetragen und aus seinen Ziegeln am Bahnhof eine Waggonhalle erbaut. Nur die alte kleine Schmiede blieb stehen, um dem einzigen Übriggebliebenen zur Brennerei zu dienen. Das Wohnhaus dazu hatte er sich aus dem Fachgebälk des abgetragenen Gasthofes selbst gezimmert. Und hier lebte der Mann nun gelassen dahin, länger als fünfzig Jahre.

Er war Zeuge, wie sich in dieser Zeit alles mehrmals umstürzte. Die Menschheit machte Purzelbäume. Stand sie auf den Füßen, so behauptete sie, die einzig richtige Grundlage für den Fortschritt sei der Kopf; und stand sie auf dem Kopf, so klagte sie, daß alles in der Welt verkehrt sei. Der Schauende stand abseits und war ein wenig verblüfft. Nicht der Wandel befremdete ihn, sondern die Stetigkeit der Kreatur. Trotz allem unbegreiflichen Wandel blieben die Leute sich gleich. Bauten diese Leute Häuser, so tranken sie Branntwein, um Kraft zu gewinnen. Brannten die Häuser nieder, so tranken sie Branntwein, um sich zu trösten. Die Felder wurden zu Wald: die Leute tranken Branntwein und wanderten aus. In den Wildnissen streiften Jäger und tranken Branntwein. Und der Alte machte seinen Branntwein gerade so, wie man ihn vor so viel hundert Jahren gemacht haben mag. Und auch wo sie es anders machen, ist's im Grunde dasselbe. Alles kreist um den Punkt; und dieser Punkt rührt sich nicht vom Fleck. Zur Zeit der Ritter war es Mode geworden, in Kutschen zu fahren; zur Kutschenzeit ist es Sitte geworden, auf der Eisenbahn zu reisen; in der Eisenbahnzeit wurde es nobel, den Motorwagen zu hetzen; zur Zeit des Motorwagens wird es vornehm sein, im Luftschiff zu fliegen; und zur Zeit des Luftschiffes werden die Herren plötzlich finden, das Vornehmste, das Stolzeste, das Ritterlichste sei das Reiten auf dem Pferd. Dann ist man rund herum. Ein Ringelspiel wie auf Jahrmärkten. An einzelnen Stellen wurde wieder gerodet, wurde wieder gebaut: und immer tranken sie Branntwein und haschten nach Habe, nach grobem Genuß und waren stumpfsinnig für alles andere. So war die Masse immer gewesen und das Erdbeben der jungen Welt hatte wenig geändert. Die Masse ist Rohstoff, an dem die Wetter der Zeiten immerwährend formen und zerstören. So streute die Natur ihren Menschenstaub auch wieder einmal auf die Straße. Eines Tages kam der närrisch gewordene Scherenschleifer und der sausende Teufel. Der erste ein Reiter ohne Roß, der zweite ein Roß ohne Reiter. So der wörtliche Ausdruck des Alten; ich kann mir nur denken, daß damit die Radfahrer und Autofahrer gemeint sein sollten. -- Und so, fuhr er fort zu sagen, habe sich seit fünfzig Jahren allerlei hingeändert und zurückgeändert, im Weltkasten sei alles ganz toll durcheinandergerüttelt. Aber die Zwetschken, seien sie braun oder blau, süß oder herb, frisch oder faul: der Kern sei gleich geblieben. Es sei derselbe harte Kern mit etwas Gift im Innern. Der Mensch turne und bade, »doktere« und schneide an sich grausam herum, sei aber inwendig der Alte geblieben. Vor Zeiten habe eines Tages ein armes Weib verschmachtend an der Straße gelegen und ein vornehmer Vierspänner sei lustig vorübergefahren. Vor einigen Wochen habe da unten bei der Telephonstange Nummer 321 der Blitzschlag einen alten Hausierer betäubt und ein Automobiler sei lustig an ihm vorübergefahren. Einen Menschen aufheben und laben: Das kann man von so einem nicht verlangen. Muß noch froh sein, wenn er selber keinen niederrennt. Ja, der Kern ist hart und ein wenig giftig. Aber abgewöhnen mag man sich's doch nicht, das Zwetschkenessen. Das Auswendige nascht man und auf den Kern läßt man sich nicht ein. Dann bleibt man halt abseits stehen und schaut zu. Und brennt Geist.

Während solcher Reden hatte der alte Schnapsbrenner mir einen angeschnittenen Laib Weißbrot vorgelegt und mich eingeladen, die Stiefel auszuziehen, damit sich die Füße besser ausrasten könnten. Ja, er stellte sich ausgespreitet hin und wollte sie mir von den Beinen reißen.

Ich lachte und sagte ihm offen, was mich wunderte. Daß er bei seiner Weltverachtung noch so gut sein könne. Ich sei in seinen Augen ja auch nichts anderes als ein Körnchen des Menschenstaubes auf der Straße. Da fuhr er munter in die Höhe: »Ja, glaubt Ihr denn, Ihr bekommt das alles geschenkt? O, das Hotel Napoleon ist ein gar teures Hotel!«

»Ich hoffe, daß Ihr Euch die Sachen bezahlen lassen werdet.«

»Bezahlen! Geht mir weg mit dem Wort Bezahlen! Allerlei Geist habe ich Euch vorgesetzt. Guten Geist!« fügte er mit ernsthafter Miene hinzu. »Und seit wann tut man den Geist mit Ziffern und Zahlen ab, seit wann? Ich denk', Ihr werdet Euch selber dalassen müssen. Ich denk' wohl.«

Der Gewitterregen war vorüber, die Straße hatte kalkgraue Tümpel und die Sonne schien wieder drein. Als ich zu Dank und Abschied dem Alten die Hand reichen wollte, nahm er sie nicht an. »Bleiben wir nit beisammen?« sagte er. »Wir bleiben ja beisammen!«

* * * * *

Damals dachte ich, er spreche doch Unsinn, manchmal. Heute denke ich das nicht. Über zwei Jahre sind seitdem dahingegangen, in jene Gegend kam ich nicht mehr, den Alten habe ich nicht mehr gesehen: und doch muß ich oft, sehr oft an ihn denken. Ja, so oft ich selbst mich als Weltbeschauer empfinde, muß ich an jenen Schauenden denken. »Wir bleiben beisammen!« hatte er gesagt. Es dürfte stimmen. Ich war an seiner Weisheit hängen geblieben.

Aber, mein lieber alter Geistbrenner, es wird uns nicht viel helfen. Wenn wir zwei uns auch außerhalb des sausenden Webstuhles stellen, einer links und der andere rechts, und dem Weber mit Fadenknüpfen Handlangerdienste zu leisten vermeinen: wir sind doch mitten im Gewebe; nur sind wir als Fäden vielleicht widerhaariger als andere und bilden häßliche Knoten. Alle miteinander machen wir das liederliche Tuch aus.

Der ordentliche Augustin.

Als der Vater Augustin Kernschimmlers sein vierzigjähriges Geschäftsjubiläum beging, sagte der Festredner unter anderem auch die großartigen Worte: »Unser teurer Jubilar nährte andere und wurde selbst fett, machte andere wohlhabend und wurde reich dabei. Sein Glück gründet auf seinen Tugenden!« Und Sekt darauf. -- Denn der Vater Augustin Kernschimmlers war Bäcker und Fleischermeister gewesen -- der einzige in dem Städtlein. Als einziger Fleischer hatte er die einzige Bäckerin geheiratet, und Augustin war von diesem einzigen Paar das einzige Kind. Jemand behauptete, der Vater habe das aus Geschäftsrücksichten so eingerichtet, denn er konnte keine Konkurrenten leiden und wollte dem lieben Söhnlein auch die Konkurrenz von Geschwistern ersparen.

Als nun bei dem oben erwähnten Jubiläum das Wochenblatt einen Festartikel über die Doppelfirma brachte und sogar die Bildnisse des verehrten Ehepaares Kernschimmler, da war es plötzlich ausgemacht, daß der kleine Augustin weder Fleischer noch Bäcker werden dürfe, sondern ein Doktor oder Professor, womöglich ein sehr berühmter. Zwar sagte der Vater zu seiner Frau, berühmt werde man ja auch als Fleischer, was eben der große Festartikel und das mit einem Lorbeerkranz umgebene Doppelbild des Jubelpaares im Wochenblatte bezeuge. Sie wußte das freilich besser, sagte es aber nicht, daß ihr die Veranlassung zu diesem illustrierten Festartikel runde hundert Gulden von ihrem Nadelgelde gekostet hatte.

Der Augustin kam in die Stadt, ins Gymnasium, und ward ein sehr ordentlicher Student. Seine Schulbücher hatten nicht ein einziges Eselsohr, doch bei den Examinationen ging es manchmal nicht ab ohne jegliche Erinnerung an das populäre Tier, auch wenn es nicht just Zoologie gab. Die Mutter schickte dem Söhnlein häufig Geräuchertes, Milchbrot, Krapfen und Zwieback, vor allem Powidlkuchen, die er so gerne aß. Einen Teil dieser guten Dinge verzehrte der Junge, der andere verschimmelte ihm im Nachtkästchen, der seine Vorratskammer war. Und als der Rest verschimmelt war, verzehrte er ihn auch, schon aus Ordnungsliebe und weil es ihm leid tat, die mütterlichen Liebesgaben wegzuwerfen. Seine Schulhefte waren stets wie neu und die Schriften und Ziffern wie gestochen, nur recht oft unrichtig. Über Fleiß und Sittlichkeit sangen seine Zeugnisse wahre Lobeshymnen, im übrigen jedoch gaben sie ihm Anlaß zur Unzufriedenheit mit den Professoren. So kam der Tag der Reifeprüfung. Die schwarzen Kleider mit dem Seidenzylinder hatte der junge Kernschimmler sich schon am Vorabend auf das musterhafteste zurechtgerichtet, also auch im Notizbuche die Gegenstände, in denen er bereits geprüft war und noch geprüft werden sollte, mitsamt den erhaltenen und zu erhoffenden Noten sorgfältigst aufgeschrieben. Als er nun auf der Gasse schon nahe dem Schulgebäude dahinging, bemerkte er mit Entsetzen, daß seine Stiefel nicht frisch gewichst waren. Er kehrte in seine Wohnung zurück, fand aber weder die Quartierfrau vor, sie war auf den Markt gegangen, noch den Schlüssel zum Schrank, wo das Stiefelputzzeug aufbewahrt lag. Er mußte also zum Krämer und zum Bürstenbinder, um Wichse und Bürsten zu kaufen und dann die Beschuhung selbst in einen des Tages würdigen Zustand zu versetzen. Als er hernach die Stiefel wieder an die Beine zog, riß sich an einem derselben eine Strupfe los. Man sah zwar den Schaden hinter der Hose nicht, aber der junge Mann konnte keine Schlamperei leiden, er ging zu seinem Schuster, der die kleine Angelegenheit auch zur besten Zufriedenheit schlichtete. Als er hernach an den Lehrsaal kam, schritten die Kollegen und Professoren gerade zum Tore heraus, die Abgangsprüfung war vorüber. Augustin hatte nun ein ganzes Jahr Zeit, um vor seiner Prüfung vielleicht auch noch andere Mängel, als die an den Kleidern, zu beseitigen.

Mittlerweile starben rasch hintereinander seine Eltern. Der Schlag würde für den guten Jungen vernichtend gewesen sein, wenn nicht durch denselben in Haus und Geschäft eine Welt von Unordnung aufgetaucht wäre, die in Ordnung gebracht werden mußte. Das zerstreute ihn ein wenig. Das Ordnungmachen dauerte aber Jahr und Tag, und mich wundert es nicht, daß darob die Reifeprüfung ganz und gar vergessen worden war.

Augustin Kernschimmler fand sich plötzlich allein auf der Welt, aber als Erbe eines großen Fleischergeschäftes und einer Bäckerei, die sich auch auf Mühle und Kornhandel verzweigte. Die Mühle und die gewerblichen Rechte verkaufte er, ebenso auch die Grundstücke; die beiden alten Häuser aber, das Fleischerhaus des Vaters und das Bäckerhaus der Mutter, behielt er aus Gründen der Pietät, und seine Lebensaufgabe bestand von nun an darin, diese Häuser und ihre Einrichtung in Ordnung zu halten. Jahraus, jahrein beschäftigte er eine Anzahl Dienstboten, um die Möbel abzustauben, die Spinnweben von den Ecken zu fegen, den Schwamm im Fußboden zu vernichten und alles Geschirr und Gezier blank und rein zu erhalten. Er konnte sich nicht entschließen, irgendein Kleidungsstück seiner Eltern wegzugeben, die Dienstboten rangen für und für einen wahren Verzweiflungskampf mit den Motten und anderem Insekt, aber mit Kampfer und anderen Mitteln gelang es immer noch, die Sachen zu erhalten, so daß sie in ihren Schränken und Kästen genau so liegen und hängen konnten, wie sie zu Lebzeiten oder beim Tode seiner Eltern gelegen oder gehangen waren. Die Wohnungen der beiden Häuser waren denn auch stets in dem Zustande, die ehrenwertesten Besuche zu empfangen, die nicht kamen. Auf der Fleischbank konnte zu jeder Stunde geschlachtet, im Ofen jeden Tag gebacken werden, es war alles dazu in bester Bereitschaft. Geschlachtet und gebacken wurde aber nicht. Doch, so fleißig auch gelüftet wurde, es war ein Modergeruch vorhanden, und die Schritte des Wandelnden hallten lauter in den Wänden als anderswo.

Kernschimmler war ein stattlicher Mann geworden, dem außer Hause seine wunderliche Art nicht einmal angesehen werden mochte. Er pflegte sich gut und kleidete sich stets mit peinlicher Genauigkeit, freilich nicht gerade nach der Mode, aber doch mit gutem Geschmacke und mit größter Akkuratesse. Wenn an einem Kleidungsstücke ein Knopf verloren ging, so mußte seine alte Dienerin von Schneider zu Schneider, von Krämer zu Krämer laufen, um genau den gleichen aufzutreiben, und wenn das nicht glückte, so wurde das ganze Kleidungsstück dem Trödler übergeben. Sein Aus- und Eingang war pünktlich, wie eine Uhr, sein Verkehr mit Bekannten verbindlich, aber gemessen, im Gespräche stets der gleichen Worte und Redewendungen sich bedienend. Alle Samstage ging er des Abends in heitere Gesellschaft, lachte aber nur, wenn bei ihm Lachenszeit war, nämlich der Ordnung halber bloß bei bestimmten, stets wiederkehrenden Späßen. Neue Witze mochten besser sein, er machte keine Ausnahme von der Regel.

Er hätte sich zurzeit -- denn die Weiber garnten um und um -- sicherlich verliebt, allein das lag nicht in seiner Tagesordnung, und wie er schon so sehr dem Gesetze der Trägheit unterworfen, so wäre nach dem einmaligen Verlieben zu befürchten gewesen, er könnte sich der lieben Ordnung halber jeden Tag wieder verlieben.

Augustin Kernschimmler war unverheiratet geboren und blieb also unverheiratet. Er lebte so nach seiner Art behaglich und zufrieden dahin und eine Entgleisung von dieser Lebensbahn schien ausgeschlossen. Da -- in seinem sechsundvierzigsten Lebensjahre -- erkrankte er. Es geschah so allmählich, so sachte, daß er die Ordnungswidrigkeit nicht einmal inneward. Er wurde ein wenig magenleidend, dann ein wenig leberleidend, hernach ein wenig halsleidend, endlich ein wenig brustleidend. Seine große Sorge war, die Erscheinungen, die er an sich wahrnahm, ordentlich zu verbuchen und vom Arzte die lateinischen oder griechischen Namen dafür zu erfahren. Damit konnte der Doktor recht sehr aufwarten. Wenn es aber einmal nicht stimmte, wenn der Doktor und die medizinischen Werke, die Kernschimmler genau studierte, sich widersprachen, dann war er gebrochen. Als es sich aber sachte, doch haarscharf auf eine Lungensucht wies und alle Anzeichen dazu auf das glänzendste auftraten, da rieb sich der gute Kernschimmler fröstelnd die Hände, vergnügt darüber, daß doch noch wenigstens bei schweren Krankheiten eine gute Ordnung obwalte. Sicherheitshalber hatte er mehrere Ärzte rufen lassen, und alle stimmten darin überein, daß der rechte Lungenflügel ganz kaput, der linke noch fast zur Hälfte intakt sei. Eine Frage der Zeit. In der Bestimmung dieser aber widersprachen sich die Herren, die gutmütigeren gaben ihm Monate, sogar Jahre, die berühmten gestanden fast derb, daß es sich nur noch um Tage handeln könne. -- In Gottes Namen! Es liegt ja in der ewigen Ordnung der Natur, daß der Mensch sterben muß. Wenn's jedoch wirklich schon ernst ist, dann frägt es sich um die testamentarischen Angelegenheiten. Ein paar Verwandte, etliche gute Freunde werden ja wohl so gut sein, die Hinterlassenschaft in Empfang zu nehmen und ordentlich zu verwalten. Die hohe Erbsteuer ist nicht in Ordnung und ist das überhaupt ein sehr umständlicher Weg durch Behörden und Advokaten, dessen Ausgang mancher Erbe gar nicht erlebt. Da wird's vernünftiger sein, die Sachen unter der Hand zu verschenken.

Also hat Augustin Kernschimmler am nächsten Tage seine entfernten Vettern und Muhmen und einige gute Bekannte der Samstagsgesellschaft zu sich beschieden. Wäre schier zu spät gewesen, er hatte kaum noch eine vernehmliche Stimme, es versagte ihm schon der Atem. Zur Not wenigstens das wichtigste: Die Häuser gehören den Verwandten, die Einrichtungsstücke den Freunden, das vorhandene Papier der Gemeinde für wohltätige Zwecke. Das alte Gewand in den Schränken soll verbrannt werden.

Die Beschenkten weinten vor Rührung, vor freudiger. Wer seine Sachen mitnehmen konnte, der nahm sie gleich mit. Der Sterbende konnte sich nun auf die andere Seite legen -- es war in Ordnung.

Am nächsten Morgen erwachte er später als sonst. Ah, das war ein erkleckliches Schläfchen gewesen, diesmal. Er fühlte sich nachgerade erfrischt. -- Nun muß aber der Erzähler sich sputen mit der Entwicklung, sonst errät es der Leser vorwegs, wo es hinaus will. Also gut, der Augustin Kernschimmler wurde wieder gesund, stocksteingesund, so gesund, als er vorher nie gewesen. Und war arm wie eine Kirchenmaus, wenn der Küster die Wachskrusten von den Leuchtern geschabt hat. Er hatte ja alles verschenkt und es war in Ordnung.

So ein Testament ist doch ein gutes, kluges Ding. Man gibt sein Vermögen so selbstlos, so großmütig hin -- aber erst, wenn man es selber nicht mehr braucht. Das, was einer im Testament voll Edelsinn und Barmherzigkeit jemand vermacht, kann er unbedenklich aufbrauchen, da ist keine Pflicht vorhanden, es über den Tod hinaus zu bewahren, damit jenem, dem es vermeint gewesen, das auch richtig zukomme. Testamentarisch vermachte Sachen bleiben Eigentum des ursprünglichen Besitzers, solange er lebt; nach dem Papier kann man ganze Häuser vererben, die der Erblasser mittlerweile vertrinkt oder verspielt.

Wie brutal hingegen ist das Schenken! Was du heute verschenkest, das ist morgen nicht mehr dein, und selbst wenn dein Leben darauf stünde. Wolltest du es zurücknehmen, so könnte der Beschenkte dich gerichtlich belangen, als strecktest du deine Hand nach fremdem Eigentum aus. -- In diesem Falle war unser armer, stocksteingesunder Kernschimmler. Aber er fand es in Ordnung. Es fiel ihm durchaus nicht ein, auch nur auf einen Groschen seines großen verschenkten Vermögens Anspruch zu machen, oder scheinen zu lassen, daß er etwas bedürfe. Er griff seine gewohnte Lebensordnung wieder auf und führte sie so lange, bis der für sein Begräbnis bestimmt gewesene Betrag verbraucht war. Dann ging er ins Gemeindeamt und ersuchte um eine Versorgung. Er hatte früher das Wort »reich« nie ausgesprochen, jetzt sprach er das Wort »arm« nicht aus. Er war jetzt so wenig arm, als er früher reich gewesen. Er hatte früher den Lebensunterhalt gehabt, und den mußte er jetzt auch haben. Die Gemeinde hatte über seine Widmung zu wohltätigen Zwecken bereits verfügt, sie tat nichts desgleichen, als ob der Mann bei ihr etwas besonders gut haben könne; sie fand nur, daß er für das Spital zu gesund, für das Armenhaus zu fröhlich und für die Altersversorgung zu jung war. Sie ließ in sehr vorsichtiger Form bei ihm anfragen, ob er die zur Zeit offene, sorgenfreie und achtunggebietende Stelle eines Gemeindedieners würde übernehmen wollen. Wenn ja, so wäre er der Bevorzugte. Diese einflußreiche Stelle sei weitaus gesicherter, als die des Bürgermeisters, der von drei zu drei Jahren abgelehnt werden konnte, während der Gemeindediener ohne ganz besonderen Anlaß nicht bedankt werde, sondern bestimmt sei, die Tradition des Bürgermeisteramtes von Geschlecht zu Geschlecht zu übertragen und zu überwachen.

Augustin Kernschimmler ward Gemeindediener und als solcher ein wahrhaft bedeutender Mensch. Er hatte zwar nichts zu tun, als den Willen anderer auszuführen, aber die Ausführung ist ja schließlich Hauptsache. Er war ganz glücklich, der Selbstbestimmung enthoben zu sein, denn er hatte nie etwas mit sich anzufangen gewußt, er fühlte sich als Werkzeug anderer geborgen und gekräftigt und arbeitete mit wunderbarer Genauigkeit. Sein Wirkungskreis erstreckte sich nicht etwa über die Kanzlei, sondern über die ganze Gemeinde bis zum Bezirksgerichte und zu der Landeshauptmannschaft hinauf. Man soll gerade einmal nachdenken, was ein Gemeindediener zu tun hat. Kernschimmler besorgte sein Amt mit so unerhörter Ordnung, daß die Leute sich fragten, wer denn das Räderwerk eingefettet haben könne, daß es nun so glatt ginge? Sie wurden sich der Ursache kaum bewußt, merkten nur, daß der Gemeindediener ein ordentlicher Mensch sei.