Part 15
Indessen -- ein großes Dorfwirtshaus hat noch andere Aufgaben, als Singen und Trompetenblasen. Man weiß ja doch nicht, ~wann~ er einmal dazukommt, der Blitzstrahl, und das neuerrichtete Thörlwirtshaus da drüben in den Boden zündet! »Der Thörlwirt ist ein hautfalsches Luder! Sein Süßtun mit den Gästen -- alles nur ums Geld! das kennt man. An Süßtun bist ihm nicht gewachsen, Damian!« So der Schabelwirt, und dann kamen Lehren und Ratschläge.
»Es ist möglich, mein Sohn, daß ich mich einmal vom Geschäfte zurückziehe, um ganz der Musik zu leben. Da mußt du wissen, wie man es mit den Gästen macht, daß sie sitzen bleiben. Unser Herrgott, mußt bedenken, schickt einem Gastwirt allerhand Kostgänger ins Haus. Wie viel Geld sie dalassen, das ist deine Sache. Daß du die Tanzpfeifen hernimmst, wenn junge Leut' kommen, so gescheit wirst wohl selber sein. Daß du sie wegschmeißt, wenn Viehhändler und Hausierer vom Geschäfte reden wollen, na, das wirst auch noch einsehen. Selber mußt dich ausspielen, mein Lieber! Tut einer bei seinem Glas Trübsal blasen, so mußt dich zu ihm hinsetzen und ihm allerhand vorreden, bis du draufkommst, was ihm ist. Nachher, wenn er mit seinem Anliegen ausrückt, hör' ihm aufmerksam zu, nicke bisweilen mit dem Kopf und schlag' mit der Hand immer einmal vor Überraschung oder Entrüstung, woran es halt ist, auf den Tisch, damit er sieht, daß du Anteil nimmst und er sein Glas nachfüllen läßt. Überhaupt, bei Gästen, die gern schwatzen, die mußt schwatzen lassen und dich aufs Zuhören verlegen -- denken kannst dabei, was der will. Merk' dir nur das: hast ein gutes Benehmen, so brauchst keinen guten Wein. Unterhalten sie sich mit dir, ist auch das wohlfeile Gesüff gut. Wird manchmal ein besoffener Patron ungut, so mußt du ihn der andern wegen hinauswerfen, aber ja nicht so, daß er's merkt. Ich hab' zu so einem halt allemal gesagt: Geh, sei gescheit, Michel, laß die dummen Leut' dort sitzen, die verstehen keinen Spaß. Geh' einmal bissel in die frische Luft hinaus. Halt, ich führ' dich, daß du nicht stolperst! -- und derweil hab' ich ihn hinausgeschoben. So einer hält dich für seinen besten Freund und kommt dir allemal wieder, wenn er Geld hat. Gibt dir aber auch Bockige. Der Riffel-Toni, das ist noch der harbste! Wenn der anhebt zu schimpfen, so muß man alle Stalltüren zusperren, sonst laufen die Vieher davon. Am besten ist's, man schimpft mit. Wenn man ihm hilft, da wird er ehzeit fertig, wenn man ihn löschen will, da zündet er sich erst rechtschaffen an und schlagt drein. Und so wie du beim Riffel-Toni mitschimpfen mußt, so mußt beim Krautruben-Barthel mitröhren! Weißt eh, daß der Alte allemal zum flennen anhebt, wenn er einen Rausch hat. Lachst ihn aus, so vertreibst ihn. Wär' ein Unsinn! Der Krautruben-Barthel zahlt allemal fleißig die Zech'! So Leut' muß man estimieren! Ist eh ein Kreuz. Wer heut' im Dusel nicht zahlt, zahlt morgen beim Kopfweh noch weniger. Daß man die Tafel mit den Angekreideten an die Wand hängt, wo sie jeder vor der Nase hat, brauch' ich dir wohl nicht zu sagen. Überhaupt wirst du mit der Zeit selber drauf kommen, wie die Leut' behandelt, gefoppt, gerupft sein wollen. -- Ich hab' in den ersten Jahren mit dem Singen die Leut' vertrieben. Und das hab' ich dumm gemacht. Wer ein so Mordsochs war und über den Gesang geschimpft hat, den hab' ich hinausgeschmissen, aber anders, als ich es grad' vorher auseinandergesetzt hab'. Den hab' ich das letztemal gesehen gehabt. Den anderen, den mehr Gebildeten, die eine Musikfreud' gehabt und mir zugehört haben, ist immer einmal eine Maß vom Bessern aufgetischt worden, geschenkterweis'. Wie ich aber seh', daß trotzdem einer um den andern bei der Tür hinausschlupft, hab' ich mir gedacht: Die Pölli verstehen nix. Was sollst deine Perlen den Säuen vorschmeißen! und hab' im Wirtshaus das Singen sein lassen. Jawohl, mein Sohn, ein Wirt muß sich aufopfern können für seine Gäst' -- wenn er ein Geschäft machen will.« --
Man wird nun wohl überzeugt sein von dem großen Takt des Schabelwirts. In der Kirche, allerdings, wollte er seine Perlen nicht zurückbehalten; er sei sein Talent dem Herrgott schuldig! war sein Bescheid, wenn er manchmal teilnehmend befragt wurde, warum er sich auf dem Chor so abmühe für nichts und wieder nichts, und hätte doch nur Undank dafür. »Undank ist Künstlerlos!« Diesen Spruch hatte er sich aus einem alten Volkskalender herausgeschrieben, zitierte ihn aber nicht oft, weil er überzeugt war, daß seine Stimme wohl von allen Verständigen gewürdigt werde. Nun, und die Unverständigen? Auf die pfeift die Katz, damit sie auch was Musikalisches haben.
Beim Schabelwirt hielt sich zeitweise ein hinkender Mann auf, der hatte ebenfalls was Musikalisches. Nämlich einen redenden und singenden Kasten. Hielt man sich daran zwei Schläuche an die Ohren, so hörten sich die Stimmen berühmter Redner und Sängerinnen und ganze Musikchöre heraus, wie sie einst in großen Städten und anderswo hineingesprochen, gesungen und gepfiffen worden waren. Diesen Kasten verehrte der Wirt als den größten Künstler der Neuzeit, der -- wie er liebenswürdig scherzend sagte -- deshalb auch in den Grafenstand erhoben worden sei. Denn es war der Phonograf. Für das Horchen zog der Hinkende Geld ein, nur der Wirt zahlte nichts, leistete dafür jedoch dem Eigentümer freie Kost und Verpflegung; bloß das Getränk mußte bezahlt werden. Als der Mann den Schabelwirt einlud, einmal mit seiner phänomenalen Stimme etwas in den Kasten hineinzusingen, gab der Wirt das Lied »In diesen heiligen Hallen« ab. Der Hinkende jedoch tat geheimnisvoll und ließ ihn das gesungene Produkt nicht zurückhören, denn er fürchtete für seinen Kasten ...
Eines Tages kehrten zwei Herren aus Murstadt beim Schabelwirt ein. Er war sehr artig, ließ vom »Besseren« auftragen, in der Absicht, ihnen nachher etwas vorzusingen. Denn das waren offenbar gebildete Leute. Die Fremden hinwiederum luden ihn ein, mitzutrinken, in der Absicht, ihm dann eine Angelegenheit vorzutragen. Und als sie beiderseits lustig waren, meinte einer der Fremden, so ein wackerer Gastgeber, wie der Schabelwirt in Rusterholz, verdiene, daß er ein Geschäft mache. Sie wollten an einem der nächsten Sonntage seinen großen Tanzboden mit Gästen anfüllen. Sie möchten bei ihm nämlich eine Volksversammlung veranstalten und Reden über den Fortschritt und über die Freiheit halten.
»Ah, meine Herren, seid ihr die Aufklärung?« fragte der Wirt, »hab' schon gehört davon. Tut einer eine Red' reden? Schön, brav! Tu' meinen Tanzboden schon hergeben dazu. Nachher zum Schluß können wir auch was singen -- daß es recht lustig wird.«
So wurde ein Freidenkertag beschlossen. Waren die Rusterholzer auch nicht gerade fortschrittlich gesinnt, so waren sie doch neugierig. Und waren durstig. Je mehr ihrer zusammenkamen in die warme Stube, je durstiger waren sie allemal. Das sollte sich wieder einmal machen.
Nun sandte der Schabelwirt seinen Laufburschen aus: »Geh' im ganzen Gai um, von Haus zu Haus, und die Leute sollen nächst' Sonntag zum Schabelwirt und Gemeinderat kommen, nachmittags nach dem Segen wäre dort Freidenkerversammlung!«
Der Knabe lief mit dieser Freudenbotschaft, so schnell er konnte und überall schrie er es gleich zur Tür hinein: »Nächst' Sonntag nach dem Segen ist beim Schabelwirt Freitrinkerversammlung. Alle sollt's kommen!«
»Donnerwetter noch einmal, der dicke Wirt! Will er bei der nächsten Wahl wieder in die Gemeinde?« Die Klügeren rieten: Ansingen wird er uns wieder einmal wollen, und da gibt er halt einen Labetrunk. -- Nun, sie wollten dabei sein bei dieser Freitrinkergesellschaft. »Müssen ihn in der Kirche umsonst anhören; dasmal kriegen wir dafür was zu trinken. Nett von ihm, daß er was lohnt.«
Der Pfarrer von Rusterholz jedoch hatte ein feineres Ohr, oder eine bessere Nase. Kam er kurz nachher ganz langsam ins Wirtshaus getreten, ging aber nicht in das Extrastübel, wo der Tisch mit einem rot und weiß quadrierten Tuch bedeckt war, sondern stand in der großen Stube ein wenig so herum, lehnte endlich seinen Stock an den Uhrkasten, den Hut behielt er heute auf und so setzte er sich zum Leutetisch. Als auch diesen der geschäftige Schabelwirt rasch mit einem roten Tuch überziehen wollte, tat der Pfarrer mit der Hand einen Deuter: »Lassen Sie's, lassen Sie's. Es ist auch so gut.«
Aber feierlich war heute der alte Herr und es wollte keine Ansprache recht verfangen. Von dem Achtel Wein, das er sich bestellt, hatte er kaum erst genippt.
»Es wird ein anderes Wetter kommen,« meinte der Wirt.
»Ich muß Sie doch fragen,« sagte nun der Pfarrer, »sollte es wahr sein, daß Sie in Ihrem Hause eine Freidenkerversammlung abhalten wollen?«
»Ah na, ich nicht,« antwortete der Wirt. »Ein paar Herren aus Murstadt sind dagewesen und haben sich angefragt. Wenn sie wollen, hab' ich gesagt. Muß eh froh sein, wenn man wieder einmal was hört. Über das elektrische Licht, oder so was, werden sie sprechen.«
»Das sehe ich wohl nicht gern, lieber Nachbar. Schauen Sie, unsere Leut' sind alle gut christlich. Die verstehen solche Sachen ja gar nicht und wozu sie beunruhigen?«
»Bei unserer Wasserkraft, sagen sie, könnten wir soviel Elektrizität haben, daß die Mühlen und Dreschmaschinen davon gehen könnten und extra noch für Licht genug übrig bliebe.«
Unterbrach der Pfarrer den Wirt: »Gehn's, gehn's! Für die Elektrizität wird man Freidenkerversammlungen machen! Da ist was anderes dahinter. Sie lesen doch von der Übertrittsbewegung. Die Lutheraner kommen, und weil Sie ein alter Liberaler sind, so will man Sie mit der Freidenkerei fangen. Ist übrigens eins wies andere. Tun Sie mir den Gefallen, Nachbar, und sagen Sie ab.«
Der Wirt hatte eine dicke Zigarre angeraucht, es war eine mit der Bauchbinde.
»Will mir's noch überlegen,« sagte er dann.
Das überlegen fiel aber zu ungunsten des Pfarrers aus. -- Wesweg soll just in Rusterholz keine Versammlung abgehalten werden? Von überall hört man. Wenn der Wirt einmal ein volles Haus haben will, wen geht's was an? Und eine Unterhaltung. Ist ohnehin so selten Gelegenheit zum Singen. Weil sie von Musik nichts verstehen, diese Bauerngogel. Und wenn sich einmal ein Schüberl gebildete Leut' ansagen -- gleich das Geschrei: die Lutherischen! Freidenker, was schadet's denn? Wird eh jeder denken, was er will. Und wer anders denkt als er spricht, ist eh ein Lump! Abhalten tun wir die Freidenkerversammlung!
Und am Vortage derselben schrieb der Pfarrer an den Schabelwirt solchen Brief:
»Euer Wohlgeboren!
Indem Sie sich trotz wohlmeinender Abratung doch für eine Freidenkerversammlung bestimmt gefunden haben und hiemit offenbar gegen die Absichten der Kirche verstoßen, so muß ich zu meinem Bedauern für die Zukunft Ihre musikalische Mitwirkung auf unserem Kirchenchore ablehnen, denn Gott kann unmöglich Gefallen finden an dem Gesange eines Freidenkers, der die christliche Gemeinde in Gefahr bringt.
Mit gebührender Achtung
N. N., Pfarrer.«
So! -- -- So! -- --
Der Schabelwirt war empört. Hat der Mann das Recht, mir den Kirchenchor zu verbieten? -- Aber an demselben Tage bedeutete ihm auch der Chormeister, daß er mitsamt allen Musikern leider unter Botmäßigkeit des Pfarramtes stehe. Es tue ihm aufrichtig leid! -- Um was es ihm leid tat, hat er weiter nicht dargetan. Aber bitter ist es schon, anstatt des gewohnten Frühstückkaffees sich mit Einbrennsuppe abfinden zu müssen.
Gut. -- Auch Kaiser Heinrich ist nach Kanossa gegangen, was liegt dran. Das will der brave Schabelwirt dem Herrgott nicht antun, daß er an Sonntagen seines Gesanges entbehren müsse. Auch die Mehrzahl der Andächtigen wird sich eine ungesungene Messe nicht gefallen lassen wollen. Und dann trägt auch der Gesang zur Herzensbildung bei. Vielleicht mehr, als ein Freidenkertag. Den Freidenkern aus Murstadt wird schleunig und heimlich abgewinkt. Den Leuten braucht man nichts kundzutun, sie sollen nur zusammenkommen. Statt so einer gespreizten Freidenkerrede wird gesungen, da unterhalten sie sich weit besser und ist nach keiner Seite hin Verdruß.
Also am folgenden Sonntag nach dem Segen kamen sie zusammen, die Bauern und Häusler und Handwerker von Rusterholz beim Schabelwirt zum -- Freitrinken. Der Tanzboden wurde viel zu eng, die Gaststube und das Extrazimmer waren so gesteckt voll, wie bei einem Viehmarkt. Mehr als vier Bierkrügeln in jeder Hand kann die Kellnerin auf einmal nicht befördern. Der Sohn Damian schoß auch herum, goß aber den größten Teil seiner Bierkrüge über die Achseln der Gäste aus, weil das nicht geht, Getränk auftragen und dabei mit jungen Weibsleuten schäkern. Der Wirt selber machte es sich mit dem Wein leichter, er schleppte Tonplutzer aus dem Keller und ließ daraus ununterbrochen in die Gläser rinnen. So nagelt man sie fest auf ihren Bänken und dann wird gesungen.
Als sie nun aber merkten, daß der Wirt mit dem blauen Sacktuch seine Augengläser putzte -- denn ohne Augengläser konnte er nicht singen -- da schlichen sich etliche sachte ins Vorhaus und von dort ins Freie. Auch der Steinbrecher Einsel wollte es so machen, den hielt jedoch der Wirt an und fragte, ob er in der Stube nichts vergessen habe? Der Einsel tastete nach dem Haupte -- der Kopf war da, der Hut saß auch drauf; den roten Regenschirm hatte er in der Hand. Nein, vergessen hätte er nichts. -- Ob er doch wohl das Geldtaschel in den Sack gesteckt habe, als er die Zeche beglich?
Bei dieser Erinnerung machte der Einsel große Augen.
»Zech? Zech' sagst, Wirt? Wer wird denn heut' Zech' zahlen, wenn Freitrinkertag ist!« -- Dem Schabelwirt gab's einen Stoß in der Brust. Wenn es ein Mißverständnis wäre? Er hatte sich ohnehin gewundert, daß die Rusterholzer so plötzlich bildungsdurstig geworden und so zahlreich erschienen waren! Wenn's ein verhängnisvoller Irrtum wäre? -- Sogleich stieg er auf eine Bank und machte laut, daß heute bei ihm nicht eine ~Freitrinker~-, sondern eine ~Freidenker~versammlung hätte stattfinden sollen, daß aber die Herren aus Murstadt nicht gekommen seien.
Himmel Hagelstern, wurden jetzt die Gesichter unschön! Die einen krebsrot, die anderen käseblaß -- in die Länge zogen sich alle.
»Du Wirt!« begehrte ein alter Pechbrenner auf, »wenn du wieder einmal einen Boten schickst, so schau erst, ob er auch reden kann. Alle ehrenwerten Manner, die da sind, werden meine Zeugen sein, daß dein Schickbub ~Freitrinker~versammlung hat gesagt!«
Des stimmten ihm alle bei. Der Wirt zuckte die Achseln. Das sei ihm wohl höchst unlieb. Darum, das undeutliche Reden hätt' er eh auf dem Zug! Da käme gewiß allemal ein Balawatsch heraus. Übrigens werde es ja kein Unglück sein, am Sonntag nach dem Segen einmal ins Wirtshaus zu gehen, besonders, wenn gesungen würde. Er wolle sie für die ausgebliebenen Freidenker entschädigen und ihnen jetzt eins vorsingen.
»Für die Freidenker brauchen wir keine Entschädigung,« sagte der Pechbrennen, »aber zahlen tun wir heut' nix!«
Sie stimmten alle bei, schrecklich stimmten sie bei. Ein Gelächter war entstanden. Allein der Bauer kann »Krowaten zerreißen und lachen dabei«, ein Sprichwort, das dem Wirt nicht unbekannt war.
»Alles, was recht ist,« sagte der Wirt und stellte sich mit Geistesgegenwart auf einen Dreifuß. In der Hand hielt er ein Notenblatt, aber -- wie ein Nebenstehender wissen wollte -- verkehrt. Wie sein Singen zu hören war, das soll ein anderer sagen, ich kann bloß beschreiben, wie es zu sehen gewesen ist. Mit ausgespreizten Beinen, über deren eines noch die weiße Schürze niederhing, stand er da, den Bauch weit hervorgewölbt, den Oberkörper nach rückwärts gebogen. Das Doppelkinn quoll vorne und der wulstige Nacken hinten über den Rockkragen hinaus. Das rote Gesicht breit gepolstert, den Mund aufgesperrt und ausgeböscht, daß er schier viereckig wurde -- so kam es nun hervor aus dem mächtigen Brustkorb und das Blatt wurde von einem zarten Sprühregen befeuchtet.
Nach dem ersten Liede »Im tiefen Keller« -- erschollen einige Rufe. Das »Bravo« ist in Rusterholz nicht der Brauch, aber nach Vergeltung riefen sie und frisch Bier und Wein wollten sie haben. Auf der Ofenbank, in den Wolken des Tabakqualms verschleiert, stand ein Mensch und der rief, sie sollten einmal auf ihn hören, er wisse auch was. Das war der Riffel Toni.
»So red', Toni!« sagte der Wirt. Es war zwar der harbe Kampel, doch man kann vorbauen. »Willst noch ein Glas Wein haben?« Denn er dachte, der Mensch wolle ihm vielleicht doch eine Gesundheit ausbringen.
»Wein ist mir allemal recht,« hub der Riffel Toni knurrig an. »Erst will ich dich aber einmal fragen, Schabelwirt, was wir heut' sind, da in der Stuben -- Freitrinker oder Freidenker?«
»Freidenker, schon gewiß!« beschied der Wirt.
»Das glaub' ich auch,« rief der Toni. »Und dazu brauchen wir nicht einmal die feinen Herren aus Murstadt. Und derohalben wollen wir reden, was wir uns denken.«
Dann riß er mit den Fingerspitzen der beiden Hände den wüsten Bart auseinander, daß die freie Rede auch freien Ausweg habe durch den Mund, aus dem ein paar scharfe Oberzähne hervorstanden, wie bei einem Eber.
»Schabelwirt!« begann er, »willst du wissen, wie du singst? Sollst es hören. -- Wenn ein kropfeter Hahn in einen alten Kochhäfen hineinkräht, wenn der Altweibersommer-Wind ein rostiges Stadltor auf und zu wirft und dem Elmbauern sein Moidel mit dem Nussensack reixelt, so meinen die Rusterholzer allmiteinand, es singt unser Schabelwirt!«
»Hau!« lachten die Bauern, »hau saxen, das lei schon ah!«
»Du bist ein Lästermaul!« rief der Wirt, doch sein Gelächter, das er dazu ausstieß, ging ihm nicht vom Herzen. Allein, wenn er nicht gute Miene macht, so gehen sie mit der Zeche durch und zum Thörlwirt hinüber.
Der Riffel Toni hielt einen alten Hut hin, als wolle er Geld sammeln. »Zusammenschießen, Leut', daß uns der Maurer und der Schmied-Franzl in der Kirchen die Heiligen festmacht, die wackelig sind worden an der Wand vom Schabelwirt seinem Singen! Und wegen was soll der Krämer-Bastel just mit der Baumwoll ein so gutes Geschäft machen? Stecken wir uns Lärchenzapfen in die Ohrwaschel, die tun's auch und halten besser. Den Engeln über dem Altarl binden wir mit den blauen Fastentüchern die Köpfe ein -- nachher soll er halt wieder singen, der Schabelwirt.«
Stürmisches Gelächter und etliche warfen Kreuzer in den Hut, um gegen den bedrohlichen Gesang Vorkehrungen treffen zu können.
»Wie du das nur anstellst, Schabelwirt,« setzte der schreckliche Mensch auf der Ofenbank seine Auslassungen fort, »daß du selber nichts hörst von deinem Singen. Sonst wär' es weiger nicht möglich, daß du so gesund und wohlgenährt könntest ausschaun. Oder nimmst Gegengift ein?«
Der Wirt rief heiser nach dem Hausknecht. Die Versammelten jedoch erinnerten ihn an den Freidenkertag, wo man wohl frei denken und reden werde können. Und riefen weiter durcheinander: »Laß das Singen sein, wir lassen das Frozeln sein und tun dich nächstmal wieder in den Rat, daß du deine Stimm' besser kannst brauchen. -- Erkennst es denn nicht selber, daß du ganz schandmäßig singst? Narr, daß du's nicht besser kannst, ist kein Gespött, aber daß du's nicht sein laßt, ist dumm. Wir lachen dich ja all aus, ha, ha, ha, ha, ha!«
Der Wirt hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schoß von einem Winkel zum andern. -- Wenn ich sie jetzt hinausschmeißen lasse, dachte er, so ist die Zeche verloren und sie laufen zum Luderskerl hinüber. Ach, Künstlertum! Künstlertum! In der Stadt sind es die Zeitungsschreiber, hier sind es die Bauernmäuler. -- Aber ich werde singen, justament, und sie werden ihr Trinken bezahlen. Das möcht' ich schon sehen, ob man kein Recht mehr hat, in seinem eigenen Haus!
Dieweilen war jener hinkende Mann zur Tür hereingetorkelt, der Besitzer des in den Grafenstand erhobenen »großen Künstlers der Neuzeit«. Heute fand er sich gedeckt und so lud er den wütenden Schabelwirt wohlwollend ein, die Schimpfer schimpfen zu lassen und in das hehre Bereich der Kunst zu flüchten. Er habe im Kasten einen großartigen Sänger.
Der Wirt beruhigte sich gutmütig, ging in die Vorlauben, wo das Zeug stand, steckte die Gummischläuche in die Ohren und horchte, während der Hinkende das Werk spielen ließ.
»Abscheulich!« schrie der Wirt zurückfahrend, »das kräht ja wie ein altes Kamel!«
Drinnen schnarrte und pfauchte und röchelte und gixte das Lied: »In diesen heiligen Hallen, da herrscht die Rache nicht!«
Der Wirt rannte umher nach einer Axt, um den Kasten zu zertrümmern. Der Hinkende jedoch sagte besänftigend: »Herr Vater, der Phonograf kann nichts dafür. Der singt halt heraus, wie hinein gesungen worden ist --«
»Ja Teuxel, welches Ungeheuer hat denn hineingeplärrt?«
Der Hinkende grinste niederträchtig und verneigte sich vor dem Wirt. -- --
Dieser befahl seinem Sohn, seiner Kellnerin und seinem Hausknecht, strenge achtzugeben, daß niemand ungebüßt entkomme. Er selber zog sich zurück in seinen tiefsten Keller.
Von solcher Zeit an hatte der Schabelwirt zu Rusterholz keinen Freidenkertag mehr veranstaltet und keinen Sang mehr getan. Seine Wirtschaft gedieh, seine Person gewann an Vertrauen -- denn man fühlte sich endlich in seiner Nähe sicher. Und im Gemeinderat wurde seine Stimme geachtet.
Das reiche Waldschulmeisterlein.
Über den schwarzen Waldbergen lag schon der Goldgrundhimmel des Abends, als im Wiesentale ein Dörfchen dalag vor dem müden Gebirgswanderer. Eine verwitterte Wegtafel hatte gerade noch so viele leserliche Buchstaben, um dem hinkenden Fremden zu sagen, das Dorf heiße »In der Krumpa«.
Auf meine Frage an einen heimwärts treibenden Ziegenhirten, welches in der Krumpa wohl das beste Wirtshaus sei, blickte mich der Junge verblüfft an -- Wirtshaus? Ist keins.
»Aber mein Gott! Mindestens ein halbes Dutzend Häuser, und kein Wirtshaus darunter! Und das will ein deutsches Dorf sein?«
Zu essen bekäme man manchmal im Forsthause etwas -- das große steinerne Haus, dort bei der Linde.
Ein Forsthaus, um so besser. Das läßt sich romantisch, besonders wenn, so Gott will, auch noch eine Försterstochter dazukommt. Also ins Forsthaus.
In der großen Stube gab es wohl Hirschgeweihe und Tabakrauch, aber keine Försterstochter. Ein kleiner, hagerer, spießiger Alter, die Knie nackt, hingegen das Gesicht verdeckt mit einem wildwuchernden Schnauzbart. -- Das war der Förster und Jagdheger. Er brachte in einem Kruge Wein, sagte mir Nachtquartier zu, setzte sich dann mit seinem Dampftiegel zu mir an den Tisch und fragte gleich, ob ich unterwegs nichts gesehen hätte. Ich zählte Berge auf, Felswände, Wasserfälle, hohe Brücken, Wegkreuze und Martertafeln, wie sie im Laufe des Tages dem Wanderer vorgekommen waren. Darüber tat der Alte verwundert und murmelte etwas. Endlich merkte ich doch, was er wissen wollte, nämlich, ob mir Wildspuren, Rehe, Hirsche, Waldhühner und dergleichen aufgestoßen wären.
Meine Antwort: darauf hätte ich gar nicht geachtet, derlei läge mir ferne, und ich verstünde nichts davon. Es mochte wohl etwas geringschätzig gesagt sein. Der Alte blies ein paar starke Rauchwolken von sich, stand auf und ging hinaus. Er verachtete mich.
Nach einer Weile, als es schon finster und in der Stube kein Licht angezündet worden war, fragte ich nach meinem Abendbrot. Da kreischte der Alte aus der Küche her: »Wenn man das Wild nicht will, wird 'leicht auch der Hirschbraten nicht genehm sein!«
Jetzt schlich ich im Dunkeln zu ihm hin und sagte schon ein wenig gereizt: »Mir scheint, da ist jemand beleidigt, weil ich von der Jägerei nichts verstehe. Allerdings, ich halte nicht viel darauf. Ein guter Bekannter von mir sitzt im Kotter, weil er einen Hirschen schoß, der ihm den Kohl gefressen hat.«
Der Forstjäger reckte sein Köpflein vor, der Schnauzer borstete sich auf: »Han mir's denkt. Von der Gattung ist er einer! Oder gar -- oder gar --!« Mit einem Streichholz fuhr er sich über den Hinterteil der Lederhose, leuchtete mir ins Gesicht: -- »Groß werd' ich mich nicht irren. Der Teufel hol's, er ist es. Der Jagerfresser, ah, da schaut's her, der Jagerfresser! Na, Korrschamerdiener! Und will im Jagerhaus essen und trinken und schlafen. Aus ist's!«
Ein argloser Mensch würde diese Rufe für das gewohnheitsmäßige Poltern alter Leute genommen haben, mein böses Gewissen erkannte es sofort als das, was es war -- als einen wohlgezimmerten Abschied. Der Mann hatte den Verfasser »Jakob des Letzten« erkannt. Eines Buches, das jeder Jäger naturgemäß tödlich hassen muß.
Nun stand ich in dunkler Nacht auf der Gasse und sann, was zu machen war. »Ins Schulhaus gehe!« flüsterte mir der Schutzengel zu. Denn die zwei beleuchteten Fenster dort waren just wie zwei Augen, die mir winkten. Der Lehrer, ein noch jugendlicher Mann mit schwarzem Vollbart, war nicht abgeneigt, einen obdachlosen Wanderer aufzunehmen. Er hieß mich ins Zimmer und zum Tische treten, wo von einem munteren Frauchen just Rauchfleisch mit Sauerkraut aufgetragen wurde. Er wollte mich dazu einladen, da blieb ihm das Wort im Munde stecken.
»Ich glaube, den Herrn sogar zu kennen,« sagte er, mir starr ins Gesicht blickend. »Es möchte mich aber doch wundernehmen, daß der Herr Dichter bei einem linkischen Dorfschulmeister zuspricht, oder wohl gar bei einem athletischen Lehrer, der seine ganze geistige Kraft in den Armen hat!«