Chapter 26 of 28 · 3984 words · ~20 min read

Part 26

»Und jetzt geh' ich dem Brechlerhause zu, heut' möcht' ich tanzen.«

* * * * *

So vergingen wieder einige Jahre und das erwartete Unglück kam nicht.

Malchus war um ein gut Stück heiterer geworden, aber er lebte immer in seinem Dachstübchen und strickte oder tat andere Kleinigkeiten. Zur Weihnachtszeit erhielt er immer ein Paket Wäsche, er wußte nicht von wem; der Pfarrer sagte: »Ich weiß wohl, wer dir das schickt, darf es aber nicht sagen.«

Malchus fragte auch nicht mehr, sondern fühlte sich behaglich in den weichen Linnen und war zufrieden.

Zweimal des Jahres war ein Fest in seiner Stube, da schickte ihm Martha, die indeß zu einer lieben Jungfrau geworden war, einen Strauß schneeweißer Röslein, wie sie im kleinen Garten der Näherin am Hagebuttengesträuche wuchsen. Der eine Strauß kam immer zu seinem Namenstag, der andere an einem Tag im Herbst -- der Empfänger wußte es kaum, warum.

Martha hätte ihm die Rosen selbst gebracht, aber Malchus sagte einmal zu ihr: »Martha, die Leiter zu meiner Stube ist gebrechlich.«

Du guter Bursche, dein Herz war gebrechlich. Du bist fünfundzwanzig Jahre alt.

Wohl dachte der Jüngling daran. Aber er will keine Nahrung sammeln für die Seespinne.

Und die gab doch keine Ruh', er sollte nicht glücklich werden.

Marthas Mutter, die Näherin, war dürftig. Da kam eines Tages Malchus mit seinem Wollbeutel, öffnete ihn und legte die zwölf Taler auf den Tisch, dann suchte er noch eine Weile im leeren Beutel herum und murmelte: »Weiß nicht, aber ich hab' doch dreizehn gehabt!«

»Was machst denn da, Malchus?« fragte die Näherin.

»Mutter,« sagte der Bursche und blinzelte stark, »ich hab' ein Anliegen. Schenkt mir so viel Liebe und nehmt die paar Groschen!«

Da sagte das Weib: »Eher ins Grab, Malchus, eh' ich einen Groschen von dir nehmen tät; wir sind dir viel tausend Gottesdank schuldig!«

Malchus mußte sein Geld wieder in seine Wohnung tragen. Sein Leben hatte er aber so eingerichtet, daß er nicht notwendig hatte, etwas von den zwölf Talern anzubrauchen, so wie er von seinem kleinen Erwerbe auch nichts dazu tat, sondern damit seine Bedürfnisse bestritt. Auf diese Art besaß er durch alle die Jahre zwölf Taler und nicht mehr und nicht weniger.

Ein erzählender Hausierer in der Schenke eines Bergdorfes ist den Leuten Zeitung, Romanliteratur, Anekdotenschatz, Theater und Erbauung. Aber die Gurgel muß so einem Mann feucht sein, sonst ist kein glattes Wort hervorzubringen. Der Wirt hat ein Fäßchen, da ist ein treffliches Gurgelöl darin, davon werden alle Gedanken los und ledig und kommen herauf in merkwürdigen Worten, und da schlüpft freilich auch manches Geheimnis mit.

Kommt so ein gesprächiger unterhaltsamer Hausierer ins Haus, so schmiert der Wirt gerne und unentgeltlich mit diesem Öle, denn er weiß, alle Gäste bleiben um zwei, drei Gläser länger sitzen als sonst, um den Geschichten und Neuigkeiten zu horchen.

Ein solcher Hausierer kam auch in unser Dorf.

Und heute wußte der Hausierer eine ganz besondere Neuigkeit, wie sie nicht alle zehn Jahre zu hören ist im Dorfe.

»Ja, Leutchen,« erzählte er in seiner stets ruhigen Weise, aber jedem Worte Gewicht gebend, »da draußen im Land soll jetzt ein reicher Graf gehenkt werden, der den König hat ermorden wollen. Wißt ihr's, daß Raben und große Herren sich einander die Augen nicht auskratzen? Nu, wenn ihr's wisset, nachher trinken wir einmal.«

Er hob den Humpen und neigte ihn so gegen seinen Mund hin, daß er wacker rinnen lassen konnte; die ihm zuhörten, taten es nach.

»Wär's ein kleiner Spitzbub gewesen,« fuhr der Erzähler fort, »man hätt' einen neunundneunzig Klafter hohen Galgen gebaut, daß sie den kleinen Spitzbuben hätten baumeln sehen im ganzen Land. Weil's aber ein großer Herr, nu, so ist's erlaubt worden, einen anderen für ihn zu hängen.«

»Was?« riefen die Gäste und ein paar sprangen von ihren Sitzen auf.

»Je nu,« sagte der Erzähler, »freilich einen andern, der sich eben dazu hergibt. Der sich einschreiben läßt. Wisset, wie ich hab' vernommen, soll die Sache so sein: der Graf ist begünstigt und darf zwanzig Lose ausgeben und muß jedes derselben aus seinem Reichtum mit zwanzigtausend Gulden ausstatten. Eines von den zwanzig Losen aber ist schwarz -- schwarz wie der Teufel -- und wer das zieht, der muß sich für ihn henken lassen. D'rin in der Stadt beim Kreisgericht sind die Lose zu haben. Eh' ich mir das meine hol', trink' ich den Wein aus.«

Und er trank.

»Du liebe Welt mit Sauerkraut!« sagten einige, »so Lose werden doch noch anzubringen sein. Die Unwahrscheinlichkeit, daß man den Fehlgriff tue, ist neunzehnmal da und die Wahrscheinlichkeit einmal; eine kleinere Ziffer kann sie kaum mehr haben. Dem einen wird bigott wohl auszuweichen sein, und das Glück ist gemacht, und sein Lebtag braucht einer nicht ein Tüpfel mehr zu arbeiten, kann liegen im Gras und die Zwanzigtausend vergurgeln. Ich nehm' gleich ein Los.«

»Ei ja, so denkt jeder von den Zwanzigen,« sprach ein alter Strohdecker, »den's aber erwischt, der ärgert sich und denkt: Donner, warum denn just mich? Jetzt muß ich mich henken lassen und weiß nicht warum. 's mag richtig sein; neunzehn Stück taugen der Gurgel von innen, aber das zwanzigste greift sie auswendig an.«

»Wenn einer seine zwanzigtausend Gulden wenigstens früher verjuxen könnt',« sagte ein Schneidergeselle.

»Drei Tag' hast Galgenfrist,« belehrte der Hausierer.

»Drei Tag'! schau, das ginge noch an; da tät' ich gleich einen lustigen Handwerkertanz geben und drei Mädel foppen.«

»Und ich tät' mir gleich den Freiherrntitel kaufen!« rief der Krämer.

»Du den Freiherrntitel?« lachte der Schmied, »ja, bist du nicht unser Erzdemokrat, der die Adeligen nicht leiden kann?«

»Just desweg',« sagte der Krämer, »so ließe ich den Baron statt des Bürgers henken.«

So redeten sie in Spaß und Übermut, und es gab über den Gegenstand viel zu lachen.

Und in den nächstfolgenden Tagen sagte so mancher, wenn ihm etwas nicht recht zusammenging: »Seh's schon, werd' wohl müssen auf das Kreisamt gehen um ein Los.«

»Ja, wenn ich gewiß wissen tät', ich erwischte das schwarze nicht, ich tät mir gleich eins holen,« sagte mancher, und ein anderer entgegnete darauf: »Narr, wenn ich das wissen tät', alle neunzehn müßt' ich haben.«

Es ging aber doch keiner.

Es sollte aber doch einer gehen. Malchus hatte sich die Geschichte dreimal erzählen lassen, dann hatte er noch einmal nachgefragt: »Und das schwarze Los hat die zwanzigtausend Gulden auch?«

Dann war er stundenlang auf seiner Matratze gesessen und hatte mit sehr großem Nachdruck seinen Strohhalm zerkaut.

»Werde ich gehenkt oder lassen sie mich laufen,« murmelte er endlich, »das Geld bekommt Martha. Zwar, es wird kein Zweifel sein, die Seespinne wird mich abtun, aber schon recht, dann ist sie mit mir fertig und ich bringe auf diese Weise mein Leben noch am anständigsten weg, weiß so nichts damit anzufangen. Ja, so wird's sein.«

Dann stand er auf, aß seine Erbsen, nahm einen Knotenstock, versperrte alles wohl und verließ den Pfarrhof und das Dorf.

Als er am Häuschen der Näherin vorüberkam, klopfte er an die Fensterscheibe und sang das Liedel:

»Zwei Roß und ein Wäglein, Und auf dem Wäglein ein Mägdlein, Und neben dem Mägdlein ein Bräutigam, Und der hat ein gold'nes Kleidlein an!«

Dann schritt er fürbaß auf der Straße gegen das Kreisgericht.

Als Malchus in das Städtl kam, begegnete ihm der alte Domini, welcher eben eine Harztrage auf den Markt gebracht hatte.

»Hast du auch ein Los geholt?« war das erste Wort, welches Malchus dem Alten entgegenbrachte.

Der wußte von allem kein Wort und der Bursche mußte ihm erzählen.

Domini hörte auch ruhig zu, dann aber sagte er: »Malchus, ich will dir was sagen, du wirst kein Los bekommen. Schau, die Sache ist so: Leute, die keinen Kopf haben, die kann man nicht henken.«

Schier wollte dem Malchus bei diesen Worten auch das linke Auge aufgehen.

Aber Domini fuhr fort: »Hör' mich einmal, Junge, und wenn's auch wahr wäre, wer wollt' sich gleich aufknüpfen lassen! Das tät' ich nicht, und nicht um ein Gschloß! Aber sag' mir, hast denn gar nichts zu beißen, weil du auf solche Gedanken kommst?«

»Ich schon,« sagte der Bursche, »aber, es gibt noch andere Leut' auf der Welt. Domini, ich weiß mir völlig nicht zu helfen, dir sag' ich's. Daheim in unserem Dorf kenn' ich was, und das wird mich nach und nach umbringen. Ich möchte sie oft gern ansehen, aber ich kann nicht. Es ist noch wie ein Kind, aber ich tu' so schwer mit ihm reden, wie mit einem König. Dann, wenn ich so dasteh', mein' ich, es ist nicht anders und es trifft mich der Schlag. Ich fürcht' nur, es ist mir was antan worden, Domini!«

Der alte Pechbrenner sagte: »Ja, Malchus, du mußt heiraten?«

Nach einer Weile entgegnete Malchus: »Das Zeug ist mir auch schon eingefallen. Aber ich darf doch andere Leut' nicht mit mir ins Unglück bringen.«

Domini sah den Burschen mitleidig an. Er hatte über die armselige Denkweise des jungen Mannes unwirsch werden wollen, es war ihm schon ein herbes Wort auf der Zunge gelegen, aber er schluckte es wieder hinab -- der Arme kann ja nicht dafür, und kein Mensch auf der Welt kann ihn mehr anders machen. Domini sagte zuletzt nur: »Malchus, mach' was du willst und magst, ich, der alte Domini, der es immer gut mit dir gemeint hat, sag' dir nur das, tu' nicht sinnen und grübeln, sondern immer nur arbeiten und arbeiten. Kannst du singen? Lerne Lieder und singe; Malchus, das ist das allerbeste Mittel gegen die Seespinne. Mußt das nicht vergessen, Malchus, tu' fleißig singen. Geh' jetzt heim.«

So gingen sie auseinander und Malchus zog sein blaues Sacktuch heraus und machte einen Knoten daran, daß er sich erinnere, was ihm der Pechbrenner gesagt hatte.

Und der Knoten blieb lange im Sacktuch.

Malchus wollte singen und er sang:

»Magst zählen die Sternlein am Himmel, Die Halmlein im weiten Land. Magst zählen die Tropfen der Wasser, Magst zählen die Körnlein im Sand.

Doch nimmer magst du zählen, Zu kurz ist die ewige Zeit, Die Schmerzen in meinem Herzen, Und meine Traurigkeit!«

So hatte es der Pechbrenner aber nicht gemeint.

Auf der Heide weidete eine junge Hirtin Ziegen.

Malchus war einigemal strickend hingegangen, um im Walde abgefallenes Brennholz zu sammeln, das er in den Korb tat, den er auf dem Rücken trug.

Immer, wenn er an der jungen Hirtin vorüberkam, sagte er: »Tust gaißhalten, Martha?«

Und darauf antwortete stets das Mädchen: »Ja, ich tu' gaißhalten, Malchus.«

Einmal sagte sie aber auch noch etwas anderes: »Gib deinen Hut her!«

»Geh, Martha,« sprach er, »was tätest denn mit meinem Hut, ist schon ganz zerrissen.«

Er gab ihr ihn aber und sie steckte ein Sträußchen Heideblumen darauf. Und es war doch nicht sein Namenstag, und es war auch nicht der Gedenktag im Herbst. Es war ein Sommertag.

Dem Burschen war's wieder so, wie er es dem alten Pechbrenner erzählt hatte. Er drückte schier beide Augen zu; nicht einmal den Strauß sah er recht an, schnell tat er den Hut auf die wirren Haare, und schnell eilte er dem Walde zu.

Am andern Tag ging Malchus mit einem kleinen Holzkübel taleinwärts dem Bach entlang. Oft unterwegs zog er seine Wolljacke aus, streifte die Hemdärmel zurück, legte sich am Ufer des Wassers hin und langte, wo es tief war, unter den Rasen. Wo ihm eine Forelle nur einmal in die Hand kam, entschlüpfen konnte sie ihm nicht mehr.

Heute hatte der Bursche einen besonderen Vorsatz. Am Abend, wenn er die Fische hintrage, wollte er Martha sagen, daß er sie lieb habe und er wolle nicht mehr stricken, er sei an die dreißig, er wolle zu den Holzschlägern gehen und im Walde arbeiten und Geld verdienen.

»Wart du verblitzter Fischdieb!« rief es plötzlich neben dem hingestreckten Burschen.

Malchus sprang auf. Ein großer Mann mit einer langen Stange über der Achsel stand da, es war der Fischer.

»Ei schau, der Malchus ist's. Na hörst, wie kommst denn du unter die Pharisäer?«

Der Bursche war wie vernichtet, jetzt erst fiel es ihm ein, daß hier das Fischen verboten sei.

Nun war er ein Dieb, und der Mann treibt ihn vor das Gericht. -- Die Seespinne!

»Lass' es gut sein, Malchus, und geh' jetzt heim, die Forellen, die du da gefangen hast, die schenk' ich dir, lass' sie dir backen und schmecken.«

»Will sie nicht!« brummte Malchus, seinen Strohhalm zerkauend, und stürzte den Kübel samt Wasser und Forellen in den Bach.

Als er zu dem Pfarrhofe zurückkam, trat eben die alte Nähterin aus dem Hause, sie hatte es dem Seelsorger angezeigt, daß ihre Tochter heute aus der Gemeinde fortgezogen sei, um sich in der Fremde einen Erwerb zu suchen. Bei einem Verwandten, der in der Kreisstadt ein Haus habe, werde sie Dienst finden -- es sei so das beste.

Malchus hörte es, stieg über seine Leiter und als er im Stübchen saß, murmelte er: »Ja, ja, es ist so das beste!«

Dann fuhr er sich mit dem Sacktuch über die Augen. Was doch das für ein Knoten war im Sacktuch?

Der Mann wußte es nicht mehr.

Singen sollst!

Aber der arme Malchus sagte zu sich: »Jetzt wär's schon bald Zeit, daß die Geschichte zu Ende ging' -- jetzt hab' ich kein' Freud' und kein Leid mehr auf der Welt.«

Aber es kam der Herbst und der Winter und der Frühling und jeder hatte Freuden und Leiden, und es ging nicht zu Ende.

Da war's an einem Maimorgen. Malchus saß in der Kammer am offenen Fenster, strickte und sah hinaus auf die Bretterdächer des Wirtschaftsgebäudes, aus welchen die Sonne noch den Tau sog. Die Luft war frisch und rein und der Himmel blau. Über das Dach ragte der Wimpfel einer junggrünenden Esche empor und auf diesem saß heute schon seit früher Morgenstunde ein Kuckuck. Er schrie in einem fort seinen hellen Ruf.

Da warf Malchus sein Strickzeug weg, lehnte sich an die Fensterbrüstung und sagte: »Jetzt muß es gelten! Sag' mir, du Vogel, wie lange werde ich noch leben? Nenne mir die Jahre!«

Der Kuckuck schwieg.

»Kein Jahr mehr?« murmelte er dann, »nicht ein einzig Jahr mehr! Schau mich genau an, Vogel, ich bin noch jung!«

Und es war wirklich, als ob sich der Kuckuck gegen ihn wendete. Dann begann er zu schreien. Er schrie zweiundvierzigmal.

Dem Burschen ging schier das linke Auge auf. »Also zweiundvierzig Jahre! -- Oder willst noch weiter schreien?«

Der Vogel flog ab. Aber eine Stimme hörte er irgendwo: »Nach zweiundvierzig Jahren am Urbanitag!« -- Ei der Kuckuck?

Malchus wendete seinen Blick in die Stube zurück; sein Auge war geblendet, es war fast finster. Das Strickzeug ließ er eine Weile auf dem Boden liegen, nun war ja noch so viele, so viele Zeit zum Stricken.

Zweiundvierzig Jahre, Malchus! Hast du Pläne? Wie wirst du diese Zeit ausfüllen? --

Der Mann zog seinen Rosenkranz hervor, zählte zweiundvierzig Perlen ab, machte nach diesen einen Knoten in das Schnürchen. Die noch übrigen Kügelchen entfernte er, und nun bedeutete ihm der Rosenkranz die Zeit, die ihm noch beschieden war auf Erden.

Seine zwölf Taler suchte er von nun an zu verwahren, seine Zeit und Lebensweise noch regelmäßiger einzuteilen und sein Leben so ruhig und einfach als möglich einzurichten, damit das Unglück nirgends eine Nahrung habe.

So kamen und gingen nun Jahre und Jahre.

Malchus Zacharias Rosenkranz lebte einsam in dem Dachkämmerlein des alten Pfarrhofes. An seinem Fenster blühte nie mehr ein Strauß von weißen Rosen.

Nur die Mäuse, die kleinen, behenden, uralten, grauen Mäuse kamen von der nachbarlichen Rumpelkammer öfters zu ihm herüber auf Besuch und guckten ihn helläugig an und wisperten ihm auch oft was vor. Es freute ihn nicht, wußte er doch, daß der Besuch seinem Erbsentopfe galt.

Mit den Menschen verkehrte Malchus nur wenig; sie hatten nichts für ihn als Wolle, und sie verlangten nichts von ihm als Strümpfe. Er strickte aber auch Handschuhe, Hauben und Unterjacken.

Im Sommer ging er die stillsten Wege, die es im Tale gab, am liebsten aufwärts gegen die Heide, wo Martha einst die Ziegen gehütet.

Vom Walde trug er weniges Brennholz heim; zur Erwärmung im Winter brauchte er nicht zu heizen, denn dafür hatte er eine Erfindung gemacht. Er hörte einmal, daß schnelle Bewegung der Körper Wärme erzeuge; sofort bat er den Pfarrer, daß dieser ihm die alte Windmühle borge, die schon lange Zeit unbenützt in der Scheune stand, weil sie keinen Rieselboden mehr hatte. Diese Windmühle nun stellte der Mann zur Winterszeit in sein Stüblein, und wenn ihn frieren wollte, begann er an der Handhabe zu treiben, daß es sauste und klapperte, und bald war ihm ganz leidlich warm und er konnte wieder stricken.

Wohl schienen die Mäuse über ihren polternden Nachbar ungehalten zu sein, denn sie entzogen ihm nach dergleichen stets auf längere Zeit ihre Besuche.

Seit mehreren Jahren hatte sich Malchus auch einen anderen, neuen Hausrat anzuschaffen bemüßigt gefunden -- ein Rasiermesser, mit dem er sich nach jedem Neumond regelmäßig seinen braunen Bart schnitt.

Die Kopfhaare begann er stehen zu lassen, und er wand dieselben nun, da der alte Filzhut schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war, wie einen Turban um das Haupt.

Aus praktischen Gründen hatte Malchus auch die bereits grau gewordenen Lederschuhe gegen Holzschuhe vertauscht, eine Änderung, mit der die Nachbarschaft ebenfalls nicht einverstanden war. Zum Weihnachts- und Osterfeste war er immer beim Herrn Pfarrer zu Tische geladen, weil er im Laufe des Jahres dann und wann kleine Kirchendienste tat, aber Malchus fand sich bei der Tafel nicht behaglich. Der Braten, ei ja, der täte schon schmecken, das Glas Wein auch, aber wie leicht ist die böse Angewohnheit da! Zu Weihnachten bekam er immer das Paket Wäsche. In der Neujahrsnacht langte Malchus stets seinen Rosenkranz aus dem Schranke hervor, tat eine Koralle weg, warf sie aus dem Fenster und ließ sie hinabrollen über die Schneerinde des Daches, so wie das Jahr hinabgerollt war in die Ewigkeit.

Schon viele Kügelchen hatte der Rosenkranz auf diese Weise verloren, und Malchus war durch sein Sitzen auf der Matratze buckelig und mühselig geworden.

Auch sein Turban war nicht mehr dunkel, sondern lichtgrau.

Im Dorfe und im Tale waren Menschen geboren worden und aufgewachsen. Sie hatten Hochzeiten und Kindstaufen und Begräbnisse gehabt, hatten sich endlich selbst auf das Brett gelegt, und Malchus Zacharias Rosenkranz hatte für sie gestrickt. Auch die alte Nähterin hatten sie auf den Kirchhof getragen. Ein fremder Wagen mit zwei Pferden war zum Begräbnis gekommen -- ein Mann und eine Frau saßen darin.

Malchus bekam an demselben Tag vom Pfarrer einen neuen Anzug aus grauem Loden und ein silbernes Kreuz, das er um den Hals hing.

Es waren große Ereignisse in der Gemeinde vorgegangen, noch größere draußen in der Welt. Für Malchus war es das größte gewesen, daß während der vielen Jahre zweimal am Dache des Pfarrhofes gedeckt werden mußte, wobei gräßlich gehämmert wurde, und daß auf dem gegenüberliegenden Dach des Wirtschaftsgebäudes einmal drei Kater rauften, und so wütend rauften, daß einer davon halb zu Tode gebissen über die Bretter kollerte.

Auch war im Laufe der Zeit, wie er meinte, jenem Stern, der in den Sommernächten gerade über dem Stallfirst stand, einmal ein so ungeheurer Schweif gewachsen, daß alle anderen Sterne der Nachbarschaft weit auseinander gehen mußten, um dem wüsten Ungeheuer eine Gasse zu machen.

* * * * *

So lebte der arme, alte Mann fort; er wußte schier nicht mehr, wie er in das Dachkämmerlein gekommen war. Er hatte vergessen den Schreckenstag in seiner Jugend, auch den alten Pechbrenner Domini, und wie dieser gesagt hatte, daß er singen solle. Aber der alte Mann hatte endlich ja auch die Seespinne vergessen, die als unheilvolles Erbe des elterlichen Aberglaubens durch die schönsten Jahre der Jugend hin sich an sein weiches Herz geklammert hatte.

Nur das war dem armen Malchus noch: es habe ihm einmal geträumt von einem lieben Mädchen, das auf der Heide die Ziegen gehütet und ihm Blumen gegeben hatte.

Wie einem doch so wunderlich träumen kann, nicht wahr, Malchus? -- Aber sag einmal, wie viel hast denn noch Korallen an deinem Rosenkranz?

Der Alte mag selbst daran denken, der Grashalm wackelt ihm unsicher im Munde -- er hat ja schier keinen Zahn mehr.

Draußen blüht und leuchtet der Maitag.

An der Kirchentür wird ein großer Kranz aus Tannenreisern geflochten, es werden auch Rosen hineingewoben, rote und weiße -- es ist das Fest des Kirchenpatrones Urbanus nahe.

Unten im Hofe bei den Schweinen ist großer Schrecken, wie er immer war, wenn ein großer Tag herannahte, und der Pfarrer für den Festbraten sorgte.

Der alte Malchus befand sich ganz wohl. Aber er weiß, es naht der Tag ... Schon vor Wochen hatte er die Windmühle in die Rumpelkammer geschoben, wofür er von der Nachbarschaft eine sehr trauliche Gegen- und Dankvisite erhielt.

Malchus holperte noch einmal durch das Tal; er konnte im Gehen nicht mehr arbeiten, er mußte schon den Stock recht fest halten. Heute wollte er sich die Welt noch einmal ansehen, diese Erde noch einmal, den Himmel noch einmal. Ist gut beisammen, alles. Und die Luft trägt den Duft der Blumen herum, und sie trägt den Gesang der Vögel herum. Der Kuckuck schreit auch; das wird derselbe nicht sein, von der Esche. -- Malchus, das ist ein wunderlicher Morgengang! Und alles ist so mild gegen dich und weiß nichts davon, daß du -- schon in zwei Tagen.

Malchus bückte sich und riß einen jungen Halm ab, und begann an ihm zu saugen.

Zur Heide stieg er auch hinauf. Ein Bauer, der ihm begegnete, sagte: »Hab' dir's ein für allemal gesagt, Malchus, magst sie schon nehmen die herabgebrochenen Äste zum Heizen, brauchst nicht zu fragen.«

Am nächsten Tage kamen die Krämer mit ihren Tragekästen, schlugen auf dem Dorfplatz Stöcke in die Erde, banden Stangen daran und richteten ihre Stände auf. Kinder standen dabei und sahen zu.

In den Häusern wird gebacken und geschmort, ins Wirtshaus kommen schon vier Männer mit Pfeifen und Geigen; hinten geht eine ungeheure Baßgeige nach.

Der alte Malchus Rosenkranz humpelte gebeugt am Stabe durch das Dorf. Er kam jetzt von der Kirche, wo er eine Beichte abgelegt und die Kommunion empfangen hatte. Vor dem alten Brunnen, der schon lange verfallen war, und auf dem roter Holunder wuchs, blieb er einmal stehen und sah blinzelnd das frischgrüne Gebüsch an. Dann ging er weiter hinab bis ans Ende der Häuser, wo einmal ein alter Heustadl niedergebrannt war, und er ging weiter den Weg entlang bis zu einem Häuschen, in dem einst die alte Nähterin gelebt hatte. Dort kehrte er wieder um und ging durch die hintere Dorfgasse dem Pfarrhofe zu. Vor einer Schreinerwerkstatt blieb er stehen und sah durch das offene Tor den Gesellen zu.

Sie hobelten an Läden, die Späne schoben sich durch die Eisenscharte und flogen lustig davon. Dann nahmen sie den Zollstab und maßen, und schnitten in die Quer.

»Mit Verlaub zu fragen, was wird denn da gemacht?« fragte Malchus.

»Ja, mein lieber Malchus!« sagte der Obergeselle bedeutungsvoll.

»Ich verstehe,« murmelte Malchus, »werde auch bald so was brauchen.«

»Gratulier'!« sagte der Geselle.

Die Schreiner zimmerten eine Wiege.

Der alte Mann schritt langsam seiner Wohnung zu. Mühsam kletterte er über die alte, halbmorsche Leiter. Dann kochte er sich einen Topf Erbsen.

Am Abende desselben Tages saß er lange am Fenster und strickte. Er hatte für die alte Einleger-Ploni noch ein Paar Strümpfe fertigzubringen; 's ist schon gezahlt dafür, und 's wär' doch eine Schand, wenn er jetzt, ohne die Arbeit zu vollenden, durchginge.

Auf das gegenüberliegende Bretterdach fiel das bleiche Licht des aufgehenden Mondes. -- Wenn er über das Haus herüberkommt und nach Mitternacht zum Fenster hereinlugt, vielleicht bist du dann schon fertig.

Auf dem Rosenkranz des Alten war keine Perle mehr, nur noch der Knoten -- der letzte Knoten.

Auf dem Eschenwipfel, der über dem Dachfirst emporragte, meldete sich ein Vogel. War's wieder ein Kuckuck, wie vor einigen vierzig Jahren? Wollte er noch ein paar Jährchen draufgeben?

Der Vogel krächzte -- es war eine Eule.

Der Alte hörte dem Gekrächze eine Weile ruhig zu, endlich begann er zu brummen: »Ja, ja, ja, ist das eine ewige Kräherei! Weiß es ohnehin -- hab' gemeint, die Arbeit da brächt' ich noch fertig, aber 's wird nicht sein mögen!«

Und er strickte und strickte.