Chapter 22 of 28 · 3992 words · ~20 min read

Part 22

Der Herr Meyer aber benützte fleißig das schöne Wetter, das ihm von seinem Kaffee vorausgesagt worden war, und ging hinaus in die freie Natur zu den schlichten Landleuten, um sie zu unterweisen und aufzuklären. Denn »in der Dorfschule lernen sie nichts und auf die Universität gehen sie nicht; aber eines jeden Gebildeten Pflicht ist es, sie aus der ägyptischen Finsternis herauszuführen«. -- So der Grundsatz des braven Michel, der zudem auch Schick hatte, die Dinge einfach und gemeinverständlich darzutun. Er sprach daher mit dem Bauer von der rationellsten Bewirtschaftung der Felder, erklärte, was der Humus eigentlich ist, was der Dünger tut, und daß der Regen nicht unmittelbar als Wasser auf den Boden wirkt, sondern als Lösungsmittel, welches die Salze in der Erde auflöst und den Pflanzen also zugänglich macht.

Kam er zu einem Hirten auf die Au, so setzte der Michel bei diesem das größte Interesse für die Blumen und Kräuter voraus und hielt ihm auf der Stelle einen botanischen Vortrag. Und wenn der Hirt davonlief, so schüttelte der Michel über einen solch krassen Indifferentismus schwermütig den Kopf.

Hingegen war er glücklich, wenn er unterwegs irgendwo einen jener grübelnden Handwerksleute traf, die über alles sinnieren, nach allem fragen oder im Notfalle auch alles selbst zu erklären wissen. Weiß der eine: Ja, so ein winziges Sternl am Himmel ist viel größer, als es uns scheint; nur die Entfernung macht es uns so klein, in Wirklichkeit ist es gewiß so groß wie ein Eimerfassel. -- Oder aber: Das Erdbeben! Da ist halt ein großer Drache in der Erden d'rin, und so oft sich der bewegt, schüttelt sich der Boden und das ist das Erdbeben. -- Wieder ein anderer berichtet: Ja, jetzt kriegen wir Krieg. Unser Kaiser hat seinen Alleröbersten, der nach ihm halt der Höchste ist, zum Türken in die Türkei hineingeschickt, und daß er -- der Türk' -- halt sollt' Fried' geben und nicht Krieg führen. Und jetzt, da ist der Türk' hergegangen und hat dem Kaiser seinen Freund, halt, der nach ihm der Alleröberste ist, abschlachten und braten lassen, und hat ihn gebraten unserem Kaiser in einer Kisten zurückgeschickt. Deswegen wird jetzt ein schauderlicher Krieg anheben. -- Oder: Unsere liebe Frau ist ja wieder einem Hirtenmädchen erschienen und hat ihr's vertraut: daß, wenn sich die Menschen nicht bekehren, eine solche Hungersnot kommen wird, daß die Leut' Brot von gemahlenem Haberstroh essen, und das nicht einmal genug haben werden.

Da gab's denn für Herrn Michel Meyer in Hülle und Fülle zu tun. Derlei Ansichten und Reden machten ihm das Blut heiß, und mit Eifer suchte er sie zu widerlegen und die Wahrheit, wissenschaftlich bewiesen, dafür hinzustellen. Nur in einem hätte er selbst belehrt werden sollen, nämlich, daß die Seele des Volkes am liebsten von der Phantasie lebt.

Aber der Michel predigte drauflos. Dem erklärte er das Wachstum der Bäume; einem anderen bewies er, daß die Erde rund ist wie ein Ball; einen Dritten belehrte er über die Natur der Staatsschuld, ihre Ursache und Rückwirkung und ihre Notwendigkeit; einem Vierten zeigte er mit Kerzenlicht und einem Apfel das Wesen der Sonnen- und Mondesfinsternisse; einem weiteren legte er die Eigenarten gewisser Steine dar, erläuterte die Anziehungskraft großer Körper oder eine andere der physischen Kräfte: den Magnetismus, die Elektrizität.

Häufig fand der Wanderdozent ein geneigtes Ohr, bisweilen sogar ein gelehriges -- und da kam eine tiefe Befriedigung in sein Wesen, und er sagte sich: Also, endlich geht es doch vorwärts -- ~muß~ es vorwärts gehen. Die nächste Generation wird vernünftig sein; vielleicht richte ich schon in dieser was aus.

Eines Tages begegnete Herr Meyer einem kropfigen, schnaufenden, grinsenden Kretin. Den faßte er liebevoll an der Hand, zog ihn zu sich auf eine Bank und sprach vom Kretinismus. Er sagte, daß er -- der Kretin -- nicht selbst schuld sei an seinem Unglücke, daß die Ursache oftmals in den geologischen Verhältnissen, in der Feuchtigkeit der Gegend und der Luft, im Trinkwasser und leider auch oft in der Erziehung liege.

Der Kretin starrte ihn an, streckte seine langen, dürren Finger nach einem Härchen aus, das dem Michel gerade auf der Nasenspitze wuchs und grinste. Allein, der Herr Meyer ließ sich nicht irre machen, gab seinem Bankgenossen Verhaltungsmaßregeln, was die Lebensweise anlangt: viel Bewegung machen, sich von Fleischspeisen nähren, stets auf gesunde Luft und Reinlichkeit sehen; dadurch entwickle sich der Körper und die Entwickelung des Körpers hätte jene des Geistes zur Folge.

Der Kretin brach in ein röchelndes Lachen aus; denn es hatte sich das Härchen auf der Nase bewegt.

Und ein andermal, da sah der Michel auf der Wiese vor einem Haus ein Mädchen. Das sang ein schelmisches Liebeslied und begoß einen langen Leinwandstreifen, der auf der Wiese zum Bleichen ausgebreitet lag. Der Herr Michel sah dem hübschen Wesen eine Weile zu, und aus der Gießkanne regnete es hin auf das von der Sonne beschienene Leinwandfach, welches ohnehin schon weiß genug schien, um von einer anmutigen Hausfrau geglättet und in den Schrank gelegt zu werden.

Eine anmutige Hausfrau! In Ermangelung eines anderen Hörers hatte es sich der Herr Michel selbst einmal auf Grundlage seines Charakters und Alters sehr folgerichtig bewiesen, daß er eine Hausfrau haben müsse. Und als er nun das Mädchen sah, welches das schelmische Liebeslied sang und ihn dabei so holdselig anblickte, drängte sich ihm sonder jeglichen Beweises die Überzeugung auf: das ist die zukünftige ehr- und tugendsame Hausfrau des Herrn Michel Meyer. Er trat daher ganz zu ihr hin und sagte: »Tust du Leinwand spritzen, Dirn?«

»Ja, ich tu' Leinwand spritzen, Bub'.«

Das trauliche Bub' machte dem Michel das Herz lebendig.

»Und weißt du wohl, wie das ist, daß die Leinwand durch das Bespritzen weiß wird?« fragte er.

»Freilich, weil sie gewaschen wird.«

»Daß sie gewaschen wird,« sagte er, »würde nicht genügen, es muß noch die wohltätige Einwirkung der Sonne dazukommen.« Und hierauf erklärte er den Einfluß des Lichtes auf die Farbe; und wie die Leinwand noch auf anderem, dem chemischen Wege weiß gemacht werden könne.

Das Mädchen hielt die leere Kanne in der Hand, hörte zu und wendete kein Auge von dem jungen Manne, der so schön sprach, daß sie nachgerade noch weniger davon verstand, als bei der Viehausstellung, wenn der Herr Doktor eine Rede hielt, die doch auch immer sehr schön ausfiel.

Und als er seinen Vortrag geendet hatte, sagte sie: »Laß es wohl gelten.«

Und er dachte jubelnd bei sich: Das ist ein intelligentes Mädchen! Meinem nicht ganz unschwierigen Gedankengang hat sie zu folgen vermocht. Sie liebt mich, und die Liebe hebt naturgemäß das Weib zum Manne empor -- auch in geistiger Beziehung.

Mit einem sehr höflichen Gruß verließ er die Leinwandbleichende und nahm sich vor, am nächsten Tage um dieselbe Zeit wieder an der Stelle zu erscheinen. Allein am nächsten Tage war ein anderer da, der das Geschäft der Sprenge besorgte -- ein schöner, frischer Landregen. Doch wie schon echte Weisheit jedes Hindernis zur Fördernis zu machen weiß, so kehrte der Herr Michel heute im Hause ein -- bittend um Obdach. Das Mädchen war allein daheim; Vater und Mutter waren auf die Hochzeit eines Verwandten gegangen.

»Zum Glücke bist du nicht gegangen,« sagte der Michel, »du wärest doch gewiß viel hochzeitlicher wie Vater und Mutter.«

»Ich mag nicht früher auf die Hochzeit gehen, als bis ich selber dabei die Braut sein kann,« war die Antwort.

»Da hast du schon recht. Ich mag ebenfalls bei keiner dabei sein, außer ich wäre der Bräutigam.«

»Da hat der Herr auch recht.«

»Du Mädel,« versetzte der Michel fast zärtlicher, als es einem Manne der Wissenschaft ansteht, »gestern hast du mich ~Bub'~ geheißen. Der möchte ich auch heute wieder sein.«

»Man ist nicht alle Tag' zu so Dummheiten aufgelegt. Heut' ist Regenwetter, und ich hab' nicht gut ausgeschlafen.«

»Hat dich etwa gar deine Hochzeit nicht mehr schlafen lassen?«

»Die Trud hat mich gedrückt.«

»Der Alp?«

»Ist auf mir gelegen -- ein schauderhaftes Getier, und gemeint hab' ich, ich müßt' ersticken.«

»Das ist ja kein Getier gewesen,« lachte der Herr Michel, und dann fuhr er ernsthaft fort: »Der Alp oder die Trud, wie Ihr sagt -- auch Nachtmahr wird die Erscheinung genannt -- ist weder ein Körper noch ein Gespenst, sondern das Produkt einer Atemnot. Das Alpdrücken wird erzeugt, wenn auf Mund oder den Nasenöffnungen die Bettdecke, das Kissen oder dergleichen zu liegen kommt. Diesen Beschwerden gesellen sich sofort beängstigende Träume bei, welche so lange währen, bis es dem Schlafenden gelingt, durch eine unwillkürliche Bewegung die Respirationsöffnungen wieder zu befreien.«

»Der Herr kann gewiß ein Trudenkreuz machen?« fragte das Mädchen, »aber sieben Ecken muß es haben. Mit fünf Ecken kann's der Peter auch, die helfen nichts.«

Sie gab ihm ein Stück Kreide in die Hand und führte ihn in die Kammer zu ihrem Bette. Es war fein und hoch geschwellt, hatte eine lichtblaue Decke mit schneeweißem Linnenüberschlag und ein rosenrotes Kissen.

»Da sollt's halt herkommen, da,« sagte sie und deutete mit der Hand auf das Kopfbrett.

»Liebes Kind,« sagte er, »das kann ich nicht tun, weil es den Aberglauben befördert, oder wenn du mir lohnst, so zeichne ich dir etwas anderes auf die Bettstatt. Doch -- ich muß einen Kuß dafür kriegen.«

»Aber na!« lachte sie, »Er ist doch recht ein verliebter Ding!«

»Ich gestehe es dir, Mädchen, ich liebe dich. Ich trete in kurzer Zeit eine Professur an und heirate dich, Mädchen, wie du mir schon gestern gefallen hast; ich will dich aus der Unwissenheit des Volkes reißen und eine rechte, gebildete Frau aus dir machen. -- Wie heißest du?«

»Gusta,« flüsterte das Mädchen errötend und schlug die Augen zu Boden.

»Also, Augusta, willst du mein sein?«

Sie hielt ihr Köpfchen tief gesenkt und schwieg.

»Ich begreife es wohl,« sagte er, »daß du mit deiner Antwort zögerst, so lange dir das Wesen der Liebe in seiner Definition noch unbekannt ist. -- Die Liebe, Augusta, in welche beide wir nun einzugehen gedenken, haben in ihrer Totalität die größten Männer aller Zeiten bisher nicht vollständig zu erklären vermocht. Doch vom modern wissenschaftlichen Standpunkte aus ist sie eine elektromagnetische Kraft, welche zwei Personen beiderlei Geschlechts zusammenführt, aber stets nur in solcher Wahl, daß die physischen Eigenschaften, sowie auch die psychische Bildung der beiden Personen sich gegenseitig ersetzen und vervollständigen. Um hiervon den Beweis zu erbringen, wird es allerdings nötig sein, eine mathematische Formel aufzustellen, und zwar --«

Er begann mit der Kreide auf die Bettstatt zu schreiben.

»+Plus A+ und +minus B+ können, um mich populär auszudrücken, nicht mitsammen harmonieren; noch weniger werden sich +plus A+ und +plus B+ mitsammen vertragen, ein Verhältnis, das sich mit +minus A+ und +minus B+ wiederholt. Demnach ist im gegebenen Beispiele nur eine Komposition möglich, nämlich +plus A+ und +minus A+, oder auch +plus B+ und +minus B+ -- eben so viel, als zwei gleichgeartete, aber nicht gleichartige Wesen, die sich gegenseitig ersetzen und den Unterschied in ihrer Vereinigung aufheben -- was zu beweisen war.«

Gusta sagte, sie höre das Ferkel so arg grunzen und müsse nachsehen, ob es sich etwa nicht wieder, wie letzthin, den Fuß zwischen den Barren verklemmt habe. Sie ging hinaus und ließ den Herrn Michel stehen in der Kammer.

An einem der nächsten Tage suchte er das Mädchen wieder auf und sagte, wenn es ihn von nun an definitiv liebe, so würde er sich vielleicht gelegentlich doch noch entschließen, das Opfer zu bringen, gegen seine Prinzipien zu verstoßen und ihr zu Liebe das Trudenkreuz an ihre Bettstatt zu malen.

»Je!« rief Gusta, »da ist der Herr schon zu spat dran. Just gestern hat mir der Peter das Trudenkreuz gemacht -- ein siebeneckig's ist's worden, und heut' in der Nacht hab' ich gut geschlafen.«

Freilich hat sie ihm verschwiegen, daß sie gestern noch Atembeschwerden gehabt, weil ihr der Peter einige Augenblicke lang die Respirationsöffnung durch einen Kuß verschloß.

Aber der Herr Michel ahnte etwas dergleichen und zog fürbaß. Und als er sich auf seinen Wanderungen vielfach überzeugt hatte, daß die besten seiner verkündeten Theorien im Volke schon längst praktisch geübt werden und es eben diese Theorien waren, die ihm selbst nicht Zeit ließen, praktisch zu sein, beschloß er, seine Fahrten aufzugeben.

Wir finden ihn heute in Wien als Dozenten; jede Lehrstunde, die er gibt, läßt er sich vergüten.

Und recht hat er. Das Gold des Wissens schleudert man nicht in Hellerchen unter die Leute, die es in den Staub treten. Selbst die feingebildete Hausfrau des Herrn Professors, die er in der Stadt gefunden, verzichtet gerne auf den mathematischen Beweis seiner Liebe.

Ein Mann, ein Wort.

In einer kleinen Männergesellschaft war davon die Rede, daß in dem Spruch: »Ein Mann, ein Wort« eigentlich der Hauptgrund des bürgerlichen Rechtes, sowie des Völkerrechtes, folglich die Basis aller Zivilisation liege.

Obwohl diese Behauptung Stoff zu einer schönen Gegenrede gegeben hätte, widersprach ihr kein einziger -- bis auf den Major Schläger.

»Ein Mann, ein Wort!« sagte er ablehnend, »ich bin auch ein Mann, aber ich kann dieses Wort nicht hören.«

Das machte Aufsehen, denn just den Major kannte man als einen höchst wahrhaftigen, pflichttreuen Charakter.

»Ja,« sprach der Major mit einem Ernste, der für diesen Abend sonst die Gesellschaft nicht beherrschte, »der Spruch ist mein Schild geworden, ihm lebe ich, aber hören kann ich ihn nicht mehr, er ist hart, manchmal zu hart für den Menschen. Mit dem Prinzip von der Gerechtigkeit ist's nicht immer getan, wir alle bedürfen Rücksicht, Nachlaß, Liebe. Die Liebe ist schöpferisch, die Gerechtigkeit ist im besten Falle nur erhaltend. Man kann aus Gerechtigkeitsliebe manchmal ungerecht werden. Wenn ich von mir verlange, mein Versprechen zu halten, so ist das recht; wenn ich das unerbittlich von anderen begehre, so kann das unter Umständen sehr unrecht sein. Ein gegebenes Wort läßt sich nicht mehr biegen, aber ein Mensch kann sich biegen, wenn er daran denkt, daß höher als Gerechtigkeit die Liebe steht.«

Da sich die Gesellschaft über eine solche Weichheit des sonst trotzigen, auch physisch soldatenhaft strammen Mannes verwunderte, so begann der Major ein Erlebnis zu erzählen, durch das seine Aussprüche tiefere Begründung erlangten.

»In der Touristensaison des vorigen Jahres« -- so erzählte der Major -- »beschloß ich, die Schwabenkette in Steiermark zu durchwandern. Ich begab mich nach Aflenz, um von dort aus den Hochschwab zu besteigen und jenseits des Bergstockes den Abstieg nach Weichselboden oder Wildalpen zu machen. Ich hatte mich schon am Vortage in Aflenz eines Führers versichert, eines kräftigen Älplers, der -- da in der Gegend die Holzarbeiten eingestellt waren -- keinen Erwerb hatte, wohl aber ein zurzeit arbeitsunfähiges Weib und eine Hütte voll von Kindern. Der Schütter-Franz war mir als ein sehr verläßlicher und gutmütiger Führer geschildert worden, und so war ich für meine nicht unbeschwerliche Tour der Hauptsorge enthoben.

Am nächsten Morgen -- es war ein prächtiger Tag zum Wandern -- sprach ich verabredetermaßen in der Hütte meines Führers, die am Wege in die Fölz lag, vor, um den Franz abzuholen. Durch die Hüttentür eilten mehrere Weiber aus und ein, und im Innern hörte ich ein gewisses zartes Geschrei, so daß ich zum Franz, der an der Schwelle stand und nicht recht wußte, was er hier zu tun habe, die Bemerkung machte:

»Ich glaube, daß du heute nicht auf den Hochschwab steigen wirst.«

»Warum denn nicht?« fragte der Mann befremdet.

»Wenn das, was ich da drinnen in der Stube bemerke, deine Familie angeht.«

Er zog mich ein wenig zur Seite und vertraute mir, sein Weib hätte eben einen kleinen Buben kriegt, weiter wäre es nichts.

Ich beglückwünschte ihn und erkundigte mich, ob er mir einen anderen Führer anraten oder verschaffen könne.

»Will der Herr denn mich nicht haben?« rief er erschrocken.

»Wie sie, so bist auch du entbunden -- von deiner Zusage, das ist selbstverständlich.«

»Des kleinen Buben wegen soll ich daheimbleiben? O du blutiger Heiland, wenn ich allemal daheim bleiben hätt' wollen, so oft ich einen kleinen Buben kriegt hab', da hätte ich mein Lebtag viele Tagewerke versäumt!«

»Nein, nein,« sagte ich, »das geht nicht.«.

Hierauf zog er mich mit in die Stube, und insofern es ihm gelang, dort den Jüngsten zu überschreien, verklagte er mich bei seinem Weibe, daß nun doch wieder nichts aus dem Verdienst würde, weil ich, unserer Verabredung entgegen, ihn nicht mitnehmen wolle.

Die Wöchnerin, die wohl ein recht blasses Gesicht mit den Dulderzügen der Armut hatte, bat mich mit leiser Stimme, unsere Vereinbarung doch gelten zu lassen; es sei alles in guter Ordnung, was auch die anwesenden Nachbarinnen bestätigen könnten. Sie wüßten ja gar nicht, was jetzt anfangen, wenn kein Kreuzer Geld im Hause.

Der Führerlohn war auf vier Gulden festgesetzt, wovon ich allsogleich den vierten Teil dem jungen Weltbürger zum Angebinde auf das Fensterbrett legte und den Franz, der mir als gemütvoller Mensch geschildert worden, nochmals aufforderte, in dieser Zeit bei Weib und Kind zu verbleiben. Die Partie würde an drei Tage in Anspruch nehmen, ich könnte es nicht verantworten, ihn so lange von seinem Hause abzuziehen.

Ob es nur das wäre oder ob ich etwa sonst einen Widerwillen gegen ihn gefaßt hätte, daß ich seiner auf einmal los sein wolle? So seine Frage. Ich versicherte ihn, daß es einzig nur aus Rücksicht auf das eingetretene Ereignis seines Hauses geschehe, wenn ich ihn ablehne.

Er ließe sich aber nicht ablehnen, meinte der Franz.

»Du gingest mit und würdest unterwegs unruhig sein, in steter Furcht und Angst: wie mag's daheim zugehen? Würdest mürrisch werden, die Partie abkürzen wollen und kein Ohr und Auge haben für das, was ich will. Einen solchen Führer und Gesellschafter kann ich nicht brauchen. Mein Begleiter ißt und trinkt und raucht mit mir, soll mich aufmerksam machen auf dies und das, soll mich unterhalten, ein munteres Gesicht haben und so sorglos sein, als ich es bin. Guter Franz, dazu bist du dieser Tage nun einmal nicht der Mann.«

Ich sah es, wie er mit leichtem Kopfnicken beistimmte, aber als er sein bekümmertes Weib anschaute, das Kind, welches sie in arme Fetzen wickelten, die größeren, die sich um die Rinde des Morgenbrotes balgten, da war er doch wieder entschlossen, er ginge mit mir. Die Weiber versicherten einstimmig, es sei um und um gar kein Bedenken da und sollte sich etwas ändern, so könne der Mann am wenigsten dabei was ausrichten, so Leute stünden bei derlei Dingen eher zum Hindernis im Wege, als daß sie sich nützlich machen könnten. Der Franz versprach mir, unterwegs recht lustig zu sein und mein treuer Diener, so lange ich ihn brauche.

»Bedenke es wohl!« stellte ich ihm noch einmal vor, »bis wir Mittag zur Fölzerhütte kommen, wird dir schon bange werden, durch die Dulwitz wirst du nichts mehr anderes reden, mindestens denken, als: wie wird dem Weib sein? dem Kind? Es ist leicht was geschehen. Am Abend, wenn wir in der Dulwitzhütte schlafen sollen, wirst du nach Hause wollen und vielleicht morgens wieder kommen, abgehetzt und schläfrig. Ich aber sage dir, Franz, ich werde keine Rücksicht haben, ich werde dich nicht von mir lassen. Du wirst mich übergeben wollen an einen andern Führer, wenn uns einer begegnet, daß du nach Hause eilen kannst. Ich aber werde dich halten fest, wie der Herr den Sklaven; ich bin nicht gewohnt, mich in fremder Gegend an fremde Leute hintauschen zu lassen, ich behalte den, dessen Dienste ich mir gekauft habe, so lange, bis der Vertrag abgelaufen ist. Ich werde unerbittlich sein, darum rate ich dir noch einmal: Bleibe zu Hause, ich werde einen andern finden, dich aber für ein andermal vormerken und bei Gelegenheit empfehlen. Wir scheiden als gute Freunde.«

»Ich gehe mit!« rief er entschlossen, »ich werde meinen Mann stellen, wie es der Herr wünscht.«

»Also denn!« sagte ich, »wenn du durchaus nicht anders willst. Du wirst drei Tage lang mit mir sein.«

»Ich werde den Herrn nicht verlassen.«

»Ein Mann, ein Wort!«

Er schlug in meine Rechte.

Der Wöchnerin schien ordentlich leichter zu sein, da sie das Geschäft abgemacht sah. Sie lächelte, als sie ihre kühle Hand in die meine legte und dann in die ihres Mannes: Wir sollten nur recht gutes Wetter haben, und der Franz sollte ihretwegen ganz und gar unbesorgt sein. Sie sagten sich: »Behüt' dich Gott!« und das Weib ermahnte ihn noch, wenn er schon was tun wolle, so solle er dem Bübl ein Kreuz über das Gesicht machen, es würde dann zur Taufe getragen.

Er tat's, lud die bereiteten Sachen auf, und wir gingen davon. Der Weg durch die Fölz ist schön. In der stundenlangen Schlucht lagen noch die Schatten, die Alpenrosensträucher am Wege feucht vom Tau und dem Wasserstaube der rauschenden Fölz. Voll Harz- und Tannen- und Speikduft war die kühle reine Luft. Hoch an den Felsen lag der Sonnenschein. Frisch und flink, wie wir wanderten, war freilich das Herz heiter und die Seele klingend.

»Franz,« sagte ich unterwegs, »nachdem wir beide uns unserer Pflichten und Rechte wohl bewußt sind, wollen wir als Kameraden miteinander wandern. Ich bin aus der großen Stadt gekommen, um mir als Unterbrechung meines Berufes einige frohe Tage zu machen. Ich wünsche, daß du sie mit mir teilst und, so wie ich, das herbe Leben vergessest.«

Er ließ einen Juchschrei los als Antwort, wie sehr er mit meinem Vorschlage einverstanden sei, und er suchte mich durch Munterkeit und mancherlei Schwänke, die er vorbrachte, zu überzeugen, daß er den guten Humor nicht zu Hause gelassen hätte.

Dann kamen die Anstiege, es kam die heiße Sonne, es kam der Durst. Wir rasteten im Schatten und labten uns aus unserem reichlichen Vorrat. Der Tag war lang, wir erfreuten uns an den Almen mit ihrer Flora und ihren Herden, an den wildschründigen Felsen des Fölzstein, der Mitteralpe, der Dulwitz, wir ergötzten uns an Steinfalken und Stoßgeiern, die den blauen Himmel belebten, an den Schroffen und Überhängen des »Ochsensteiges«, an dem eisigen Kristall des »goldenen Brünnleins«, an den Gemsen, die in ganzen Rudeln über Kare und Schuttriesen setzten oder von den Zinnen auf uns niederlauerten. Mein Franz tat manche treffende Bemerkung mit klarem Hausverstand, der stets anspruchslos auftrat, nicht so wie bei manchen Bergführern, deren Urwüchsigkeit ausgeklügelt und gemacht ist. Ich erinnere mich noch, daß ich ihn fragte, weshalb er bei seiner Mittellosigkeit geheiratet hätte, worauf er zur Antwort gab: als er nicht hätte heiraten wollen, habe ihm sein Vater gesagt: »Willst ein rechter Mann sein, so mußt auch Weib und Kind haben!« So hätte er freilich heiraten müssen. -- Ich bin, wie ihr wißt, Junggeselle und habe dieses Gespräch nicht fortgesetzt. Indeß gab's mancherlei Stoff. Doch der Tag ist lang, das Wandern macht müde, auch wenn man noch so oft rastet; die Ergötzung spannt ab. Das würde ein Älpler leicht verwinden, wenn die Ermüdung und Abspannung nur die Schatten nicht aufkommen ließe, die im Herzen schlummern mögen! -- Es kam, wie ich gesagt hatte, es kam genau so.

Franz sagte kein Wort von daheim, aber er war kleinlaut geworden.

Ich begann von seinem Weibe zu sprechen, daß er vielleicht sein Herz ausschütten wollte, er lenkte ab und schwieg. In der oberen Dulwitzhütte, die leer stand, machten wir Feuer, bereiteten uns ein Abendbrot und Nachtlager. Er ging zwar nicht davon, aber ich merkte, daß er auf seinem Reisig nicht schlief, ich hörte die Seufzer, die er zu unterdrücken suchte. Ich sagte nichts, freute mich fast, daß der Mann nun erfahren mußte, wie ich, der Fremde aus der Stadt, ihn besser kenne, als er sich selbst.

Am andern Tage stiegen wir an bis zur höchsten Spitze des Gebirges. Mein Genosse sprach unterwegs sehr wenig und ich nicht viel mehr, denn dieser Aufstieg, die steilen Hänge und Wände beschäftigten die Lunge andererseits zur Genüge. Auf der Höhe, wo kein Strauch und kein Halm mehr wächst, peitschten kalte Winde, flogen Nebelfetzen, zwischen denen wir nur zeit- und stellenweise die Aussicht in die weite Alpenwelt genießen konnten. Mein Führer war stets hinter mir her, gab meinen Bemerkungen und Fragen kurze und verkehrte Antworten und schien gleichgültig sowohl gegen mich, als auch gegen die Schönheiten des Gebirges.

Auf der Spitze des Berges begegneten wir einigen Touristen, die von Weichselboden heraufgestiegen waren und just ihren Führer entließen, da sie den Abstieg durch die Dulwitz nach der Fölz allein zu machen gedachten. Aus dem kleinen Gespräche, das ich mit ihnen führte, erinnere ich mich nur, daß sie zum Teil aus Graz, zum Teil aus Leoben waren.