Chapter 23 of 28 · 3816 words · ~19 min read

Part 23

Wir hielten gemeinsamen Ausblick mit freiem Auge, wie mit Fernrohren, wir tranken uns gegenseitig Wein zu, steckten dann in die leeren Flaschen unsere Visitkarten und friedeten sie mit Steinen ein, damit die Nachkömmlinge von uns auf solcher Höhe ein Denkmal fänden, und taten, was Bergbesteiger an ihrem Ziele eben zu tun pflegen. Ich hätte es vorgezogen, mit meinem Franz allein auf der Spitze dieses Berges zu stehen, vorausgesetzt, daß wir beide bei Humor gewesen wären.

Als ich mich wieder nach meinem Genossen umsah, stand der abseits hinter einem Felsblock und führte mit dem Führer aus Weichselboden ein Gespräch. Mir kam das gleich verdächtig vor.

Nicht lange währte es, so kam -- während sich Franz hinter dem Felsen mit seinen Bergschuhen zu schaffen machte -- der fremde Führer zu mir heran und sagte: »'s ist schade, daß die Aussicht nicht ganz rein ist, gnädiger Herr, aber es wird heute noch heiter. Der Barometer steigt. Sehen Sie, dieser Kamelrücken dort, das ist die hohe Veitsch.«

»Ich weiß es,« war kurz meine Antwort und wendete mich nach der anderen Seite.

»Aha, der gnädige Herr schauen sich die Ennstaleralpen an,« schwatzte er weiter, »der Dachstein hat leider Gottes eine Haube auf. Der hohe Berg, der dort wie ein Heuschober steht, das ist der Grimming.«

»Ich weiß es!« schnauzte ich ihn an, »Franz, wo steckst du denn?«

Der Führer aus Weichselboden ließ sich nicht verblüffen. »Der Herr sind von Aflenz heraufgekommen,« sagte er, »und wollen gewiß zur Salza hinabsteigen. Das ist auch mein Weg und könnten wir leicht miteinander gehen. Mit Verlaub!« Er suchte mir diensteifrig den Plaid umzuhüllen, den mir der Wind von der Achsel gerissen hatte. Ich ging gegen den Felsen und sah, wie dort Franz kauerte und in die Gegend von Aflenz hinabschaute. Der Weichselbodner Führer kam mir nach und sagte:

»Ganz im Ernst auch noch, gnädiger Herr, wir haben den gleichen Weg hinab und ich will den gnädigen Herrn für ein kleines Trinkgeld recht gern weisen.«

Nun merkte ich wohl schon, daß ich verraten und verkauft war, doch stieß ich derb heraus, man möge mich in Ruhe lassen, ich hätte ohnehin meinen Führer.

»Das schon,« meinte der Weichselbodner, »aber der sagt mir, daß ihm schlecht geworden ist.«

Da kam schon der Franz auf mich zu mit gefalteten Händen und bat: »Herr, ich kann's nicht mehr aushalten, ich muß heim. Ich bitte tausendmal, daß mich der Herr gehen läßt. Der Mathias dort, der ist aus Weichselboden, ich kenne ihn gut, er übernimmt meinen Dienst gerne und kennt den Weg besser als ich. Ich kann nicht mehr, -- -- wenn ich auf heim denk'.«

So sprach er. Ich habe ihn an der Hand genommen und in aller Ruhe folgendes zu ihm gesagt: »Franz, du wirst nicht gehen, du wirst bei mir bleiben, so lange ich dich brauche. Ich habe dir früh genug alles vorgestellt, du hast es so haben wollen, du hast mir dein Wort gegeben. Ich bin ein alter Soldat und lasse mit einem Ehrenwort nicht spaßen. Ich lasse mich nicht nach Laune und Stimmung verschachern, ich habe dich gekauft, du bist mein und du bleibst bei mir, bis die drei Tage um sind.«

»Wenn daheim ein Unglück geschieht!« stotterte er.

»So geschieht's!« rief ich zornig, »und wenn dein Weib stirbt, deine Kinder umkommen, deine Hütte niederbrennt, du hast dein Wort gegeben, daß du bei mir bleibst und das fällt nicht. Du bleibst!«

Darauf war der Franz still und sagte kein Wort mehr -- und blieb bei mir.

Wir begannen den Abstieg, passierten das Gschöderkar, und auf dem Edelboden, wo uns wieder die ganze Milde eines heiteren Sommernachmittags umfloß und die Würze der Alpenkräuter uns erquickte, hielten wir Rast. Franz war immer noch still, aber aufmerksam für alle meine Wünsche und gutmütig. Ich war sehr mit mir zufrieden, daß ich meine Sache so gut durchgesetzt hatte. Wohin käme auch die Welt, wenn das Verhältnis zwischen Herrn und Diener so lax würde und willkürlich! Die ganze gesellschaftliche Ordnung ginge aus den Fugen und der Teufel möchte da noch Herr sein. Es tat mir leid, aber mein Franz, der mußte nun parieren, und als wir spät abends im Wirtshause zu Weichselboden anlangten, wollte ich ihn und mich für die Mühen entschädigen mit allem, was das Haus bieten konnte. Doch mein Franz suchte bald das Bett. Wie er geschlafen, das weiß ich nicht.

Am nächsten Morgen mochte er, so lange ich schlief, mäuschenstill gewesen sein, aber als ich die Augen auftat, machte er Lärm. »Es gibt nichts Schöneres auf dieser Welt, als den heutigen Tag!« so rief er aus. Ich fand den Tag nicht just besonders, der Himmel war mit Wolken bedeckt, die stellenweise an den Wänden niederhingen. Als wir später durch das großartig wilde Engtal gingen, das der Ring heißt, und dann in der Steinwüste, der »Höll«, dem Karstriegel zuwanderten, schnitt uns von den Höhen nieder eine frostige Luft entgegen; dort und da rieselte es in den Schuttmulden oben, dann krächzte irgendwo ein Rabe. In den schwarzen Wassertümpeln, an denen wir vorbeikamen, spiegelte sich das Gebirgsbild in seiner Düsternis. -- Aber nichts Schöneres als dieser Tag! hatte mein Begleiter ausgerufen; es war eben der dritte unserer Partie, der letzte, an dessen Abend er frei sein und die Seinigen sehen sollte! -- Den Ausläufer des Schwab, die Aflenzerstarritze, wußte er auf schlechten Steigen zu umgehen, so daß wir am Mittag schon in Seewiesen waren.

Im Wirtshause zu Seewiesen lag ein schwerkranker Maria-Zeller Wallfahrer, der schon früh nach Aflenz um Arzt und Priester geschickt hatte und immer noch vergebens auf sie wartete. Franz machte ihm die Zusage: wenn sie uns auf dem Wege begegnen sollten, so würde er zur Eile ermahnen.

Wir waren eine Stunde gegangen, da begegneten sie uns. Der Priester, vom Boten mit dem Versehglöcklein und dem heiligen Licht in der Laterne begleitet, war im Chorrock und trug das Allerheiligste. Wir beugten die Knie, er segnete uns und warf dabei einen Blick auf meinen Begleiter, den der aber nicht bemerkte, weil er das Haupt gesenkt hielt. -- Ein paar hundert Schritte weiter hin begegnete uns der Arzt.

»Ihr sollt nur eilen!« rief ihm der Franz zu, »sonst kommt ihr zu spät.«

»Wer wird uns aufgehalten haben!« sagte der Arzt im eiligen Vorübergehen, »du kommst halt auch zu spät, mein lieber Franz!«

Ich weiß kaum, wie wir nach Aflenz kamen, ich weiß nicht, wie mir zumute war, ich erinnere mich auch nicht, ob Franz ein einziges Wort des Vorwurfes, der Klage sprach, oder ganz stumm war.

Sein Weib fand er auf der Bahre.

Er trug den Schmerz, wie man den herbsten trägt -- tränenlos.

Ich bat ihn um Verzeihung, daß er meines Starrsinns wegen sein Weib nicht mehr lebendig sehen konnte, ich bot ihm alles an, was ich bei mir trug. Er lehnte es ab und sagte nur, ich sei im Recht gewesen.

Im ~Recht~! Seitdem ist mir das Wort verdächtig. Der Franz hatte wie ein Mensch gehandelt. Ich wie der Dämon eines Prinzips. Daß er mit mir gegangen, aus Pflichtgefühl war es geschehen, er hatte seiner Familie Brot zu schaffen. Aus Sorge und Angst um seine Familie war's, als er mich auf dem Berge verlassen wollte. Ich dachte und fühlte nichts, als daß ich im Rechte sei, ich war ein blutloser Gesetzparagraph -- und das ist ein Ungeheuer. Ein Mann, ein Wort! Vielleicht wäre diesmal die Erinnerung: Ein Mann, ein Weib! besser gewesen.«

So hatte der Major erzählt, und die Gesellschaft blieb nachdenklich, bis sie auseinanderging.

Hauptmann Alles.

Ja, diesen Weihnachtsmorgen vergesse ich nicht. Eben trete ich hinaus in die kalte Morgenröte und schaue hin über die feuchten Schneefelder und denke: Heute ist Christtag, da muß man Gutes tun, und so will ich mir einen guten Tag antun.

Da kommt mein alter Knecht Martin von der Frühmesse daher -- er hat heute seinen hochgespitzten Hut mit dem weißen Federbusch auf und sein vergnügtes Feiertagsgesicht an und eine große Zigarre d'rin stecken. Er raucht sonst Pfeifen, aber zu den hohen Festtagen, wenn der Meßner frische Kerzen in die Altarleuchter tut, da steckt sich der Martin zur größeren Ehre Gottes eine Zigarre in den Mund. Kann's aber nicht recht, zieht zu oft an, nebelt zu stark, nimmt sie dann nach jedem zweiten Zug aus dem Mund und spuckt die Tabakblättchen aus, die ihm an den Lippen kleben geblieben sind. »Guten Morgen,« sagt er jetzt zu mir, »aber in der Stadt geht's heut' zu!«

»Aha, sind die Wirtshäuser schon voll?« war meine Frage.

»Wäre schon recht,« antwortete mein Martin, »die Wirtsstuben sind leer und alle Türen haben sie offen gelassen. Die Leute umstehen das Kranzbäckenhaus. Im Kranzbäckenhaus hat sich in der Nacht was zugetragen.«

Auf diese Worte tat der Schalk, als wollte er weitergehen. Ich hielt ihn nicht zurück, und da er das merkte, blieb er von selbst wieder stehen und sagte:

»Der Herr soll mit ihm gestern spät in die Nacht hinein ja Karten gespielt haben?«

»Mit wem?« frage ich nun.

»Mit dem Hauptmann.«

»Was ist's mit dem Hauptmann?«

»Das erfährt man nicht. Ich bin während der ganzen Frühmesse vor dem Haus gestanden und habe gesehen, wie die Weiber ein- und auslaufen und hinter sich allemal das Tor verriegeln. Eine hat gesagt, wir Leute sollten auseinandergehen und zusehen, daß uns selber die Gnad' Gottes nicht verlasse. Sonst erfährt man nichts.«

»Was muß das sein, wenn's den Weibern die Stimme verschlagen hat!«

»Im ganzen Kranzbäckenhaus,« fuhr mein Martin fort, »soll man noch die Schießbaumwolle riechen, sagen die Leute. Ich bin gegenüber auf das Wagenschuppendach gestiegen, aber man sieht nicht hinein; im Zimmer, wo der Hauptmann gewohnt hat, sind die Fenstervorhänge herabgelassen.«

Das war mir just genug. Ich eilte sogleich ins Städtchen. -- Sollte er's denn wirklich vollbracht haben? Wir hatten am Abend zuvor das Wort für einen derben Scherz gehalten; in der Nacht, da ich schlaflos auf meinem Bette lag und die Christglocken klingen hörte, fiel es mir aber plötzlich ein: Dieser Mensch ist alles imstande.

Unter den Sonderlingen des Städtchens war mein Hauptmann das Prachtexemplar. Mit seiner Jugend soll es ganz regelmäßig zugegangen sein. Er war ein Soldatenkind, wurde selbst Soldat und war demnach auf jener festen Bahn, auf der man nie entgleisen kann, in seinem neunundzwanzigsten Jahre Hauptmann. In seinem dreißigsten hatte er das Mißgeschick, eine unvorhergesehene, sehr namhafte Erbschaft zu machen. ~Vor~ dieser Erbschaft -- das versteht sich -- war das Soldatenleben ein Glück für jeden, den es traf; es kräftigte Körper und Charakter; Pünktlichkeit, Gehorsam, Mut, Ritterlichkeit, und was weiß ich, lernte man nur beim Militär. Nach der Erbschaft war es plötzlich ein Knechteleben, ein Hundeleben -- jeder ein Narr, der weggehen kann und es nicht tut. Hauptmann Alles wurde ein freier Mann und wandte sich den schönsten Seiten der Welt zu. Manche freie Stunde hatte er sonst mit Zeichnen, Farbenstudien, Musik oder anderen Künsten verbracht, jetzt wurde er Maler. Er wurde es so plötzlich, als man Staffelei, Leinwand, Farben kaufen und bereiten kann. Die braune Sammetjoppe war auch da, nur das Wachsen des Knebelbartes konnte mit der Vollendung des Meisters nicht gleichen Schritt halten. Und als die Freunde kamen und schauten, war es eine blendende Farbenpracht, und in den Blättern war die Rede von der edlen Komposition, von der Wärme des Tones, von dem harmonischen Zusammenstimmen, als handle es sich um eine Symphonie, und es war Meisters Ahles' Gemälde gemeint. Da dachte Ahles, wenn das schon auf der Leinwand so fein komponiert, so warm im Tone, so harmonisch zusammenklingend ist, um wie viel besser noch läßt sich das in einem Musikstück machen. Und er komponierte eine Oper. Von dieser sagten seine Freunde, sie wäre bei der Unvollkommenheit unserer Opernbühne, bei dem Mangel an bedeutenden Sängern heutigestags absolut nicht aufführbar. Während nun der Meister auf einen fürstlichen Mäcen wartete, der ihm die Aufführung ermöglichen sollte, vertrieb er sich die Zeit mit Poesie. Er schrieb ein großes Werk um das sich allsogleich zahlreiche Verleger bewarben -- der Autor bezahlte nämlich im voraus bar den Druck.

Trotz alledem war dem Meister nicht wohl zumute. Anfangs hatte er keinen Tadel zu ertragen vermocht, allein das vorlaute, unbedingteste Lob, mit dem sie jetzt alles ohne Ausnahme, was von ihm kam, überschütteten, war ihm auf die Länge schier noch unangenehmer, ja nachgerade verdächtig. Eines Tages sagte ihm sein rücksichtslosester Freund: »Mir tut's weh, lieber Moritz, dich fortweg hänseln zu sehen. Laß das mit dem Malen, Komponieren und Dichten, du bist der Mann für etwas anderes.« Eine Weile nach diesem undankbaren Freundschaftsdienste führte der Hauptmann seine Liebhabereien noch fort, und zwar dem Freunde zum Trotz mit großtuerischem Wesen. Plötzlich jedoch verschleuderte und verschenkte er all seine Requisiten und Instrumente und kaufte sich in entlegener Gegend ein großes Landgut. Er verschrieb sich eine Anzahl landwirtschaftlicher Werke und fing an, genau nach solchen Lehren seine Wirtschaft zu betreiben. Er war glücklich über die Entdeckung, daß er ein genialer Landwirt sei. Die Kleinbauern um ihn her wagten es anfangs, seine neuen Methoden zu bezweifeln, indem sie sagten, daß eine Kappe nicht für alle Köpfe passe, und daß man die Gegend, das Klima und den Boden kennen und berücksichtigen, wenn man die Wirtschaft ertragsfähig machen wolle. Der Hauptmann ignorierte den verrosteten Sinn der fortschrittfeindlichen Nachbarn und arbeitete nach den allgemeinen Anleitungen der Fachgelehrten. Sonst aber gefiel der Mann den Bauern, er hielt mit ihnen, war stets nachbarschaftlich und uneigennützig, erleichterte ihnen den nötigen Verkehr mit der Außenwelt, indem er Roß und Wagen auf den Straßen hielt und Personen, auch oft kleine Warenladungen unentgeltlich beförderte. Auch nahm er sich in Steuerangelegenheiten ihrer an, bemühte sich, ihre Söhne dem Soldatenleben zu entziehen, und er sagte, wenn das Volk einmal die Soldaten verweigere, dann höre auch die Steuerplage auf. -- Das war ihr Mann. Bei einer nächsten Wahl machten sie Herrn Ahles zum Abgeordneten.

Bei der ersten Sitzung verhielt sich der Gutsbesitzer im Parlamente ganz ruhig; es handelte sich um einen Zollvertrag. Er hörte die Vorschläge, ohne dafür oder dagegen zu stimmen, zum Schlusse aber bat er ums Wort. Er stellte folgenden Antrag: Es sei ein Zirkular an alle Fürsten der Welt zu erlassen, in dem sie gebeten würden, sich gegenseitig zu vereinigen, sich friedlich miteinander zu vertragen und ihre stehenden Heere zu entlassen. Er, der Antragsteller, glaube, daß sich keiner der hohen Herren weigern werde, diesen zu Gunsten eines jeden aufgestellten Vertrag eigenhändig zu unterschreiben.

Die Versammlung stutzte über diesen Spaß, den sich nach ihrer Meinung das neue Parlamentsmitglied an so ernster Stelle erlaubte. Als sie aber den ganzen Ernst des Redners sah, da gab's Gelächter. Während die Glocke des Präsidenten zur Ruhe klingelte, trat Herr Ahles zornig von seinem Sitze ab und wurde im Hause nicht mehr gesehen.

Nach dieser Zeit verlegte er sich mit großer Passion auf die Zuckerrübenkultur und erbaute auch eine Tuchfabrik, zu deren Zweck er eine große Schäferei anlegte von friesischen und englischen Schafen, die eine recht lange Wolle hatten.

Mittlerweile war seine Feldwirtschaft glücklich so tief herabgekommen, daß Ahles, dem man wegen seiner Allseitigkeit den Spitznamen »Alles« gab, daran die Freude verlor. Er suchte sich nun für seine Sorgen und Mühen zu zerstreuen, indem er in den Städten umherfuhr und das Leben genoß. Endlich kam er in unser kleines Landstädtchen, das nicht allzuweit von seinen Besitzungen entfernt lag, und in dem er sich beim Kranzbäcken ein Zimmer mietete. Er hatte das Bedürfnis, jemand zu sein. Er hatte allerlei Erfahrungen, hatte noch immer Geld, so wollte er noch einmal widerhallen. Das Städtchen war just klein und groß genug dazu, daß ein Mensch, wie der Hauptmann, darin seine überlegene Rolle spielen konnte. Er förderte Gesellschaften, die sich von ihm begasten und unterhalten ließen; er gründete Vereine, die ihn zum Präses machten, er veranlaßte öffentliche Wohltätigkeiten, und es erschien keine Nummer des Wochenblattes, die nicht preisend seinen Namen nannte. Daneben fand der noch immer als Garçon lebende Mann auch noch Zeit, den Frauen ein feiner Ritter zu sein. Er war der aufmerksamste Kavalier und versäumte keine Gelegenheit, den Damen gefällig zu sein, ihnen etwas Verbindliches zu sagen, sie zu verteidigen, wo es einen lustigen Strauß gab, ihnen Blumen zu pflücken, von denen er auch immer selbst im Knopfloche trug. Es fiel im Städtchen von schöner Hand kein Batisttüchlein zu Boden, das der Hauptmann nicht auf die galanteste Weise aufhob. Dazu war er ein schöner Mann, der sich den in seinen diplomatischen Tagen gegründeten Backenbart wieder wegschnitt, den Schnurrbart spitzte, sich wieder gerne Hauptmann nennen ließ, und der sich mit seiner Landwirtschaft nur insofern abgab, als er monatlich ein gut Stück Geld in sie hineinsteckte und täglich herzhaft auf sie losschimpfte.

Aber auch in diesem harmlosen Städtchen gab es Leute, die eine so schöne segensreiche Existenz allmählich zu untergraben suchten. Es erwuchsen gesellschaftliche Zirkel, die ohne Hauptmannsspäße bestanden, Vereine, in denen der Hauptmann nicht Präses war, Wohltätigkeitsvorstellungen, die der Hauptmann nicht anordnete, Wochenblattnummern, die den Namen des Hauptmanns nicht oder leise spottend nannten, und es gab Frauen, die seinen Aufmerksamkeiten in sehr kühler Weise dankten und sie hinter seinem Rücken in sehr warmer Weise belächelten. Nur eines mußten ihm auch seine Feinde nachsagen, nämlich, daß er ein Mann sei in den besten Jahren. Aber sie setzten dazu, daß es traurig sei, wenn ein Mann in den besten Jahren soweit fertig ist, daß er die Zeit in Wirtsstuben mit Knasterrauchen und Kartenspiel zubringt.

Und fürwahr, es war soweit gekommen; der Hauptmann Alles saß mit verlotterten Spießgesellen in den rußigen Schenken, und so verbrachten wir die Winterabende mit Trinken, Rauchen, Knurren und Karteln. Seine Laune war nicht die beste, und außer daß er bisweilen einen warmherzigen Fluch ausstieß, wenn ihm ein sehr schlechtes oder ein sehr gutes Blatt zufiel, war er wortkarg. Er trank dabei alten Wein, lud uns aber selten mehr zu seinem Trinken, wie er es früher gewohnt war. Gegen die Weiber war er etwas süßsauer geworden, und als uns am Christabende die stets heitere Wirtin einen Teller mit Früchtenbrot auftischte, das sie eigenhändig gebacken hatte, schob er den Teller unwirsch zurück und brummte, es möge jeder die Früchte seiner Taten selber genießen. Um so mehr sprach er dem Weine zu; wir anderen ließen uns auch den Lieblingstropfen holen, und so war der Abend recht leidlich vergangen. Auf einmal legte der schweigsame Hauptmann seine Karten auf den Tisch und sagte: »Es wird das Ersprießlichste sein, wenn ich jetzt nach Hause gehe und mich totschieße.«

Wir taten einen freundschaftlichen Lacher, obwohl jeder von uns denken mochte, daß ein so schaler Spaß eines so prächtigen Lachers eigentlich nicht wert sei. Wir spielten nicht weiter, denn wir hörten die draußen im Schnee knarrenden Tritte der nächtigen Kirchengänger. Wir standen auf und gingen auseinander. --

Während ich mir nun die ganze Geschichte so ins Gedächtnis gerufen hatte, kam ich ins Städtchen und vor das Haus des Kranzbäcken. Die Leute hatten sich verlaufen, ich ging den geradesten Weg in die Wohnung meines Zech- und Spielgenossen. An der halbangelehnten Tür derselben stand eine alte Frau. Dieses Anzeichen war schlecht; aber die alte Frau machte eine wichtige, nicht gerade trübselige Miene und dieses Anzeichen war gut. Sie deutete mit der Hand, welche ein Milchtöpfchen hielt, gegen die Türe und flüsterte, ich möge nur eintreten, aber nicht allzuviel kalte Luft mit durchlassen. Ich tat's; das Zimmer war dunkel und still -- meine Augen suchten den Hauptmann. Endlich fanden sie ihn, er saß unweit des Ofens in einem geborgenen Winkel, rauchte die lange Hauspfeife und schaute auf ein Ding hin, das in seinem Bette lag, sehr sorgfältig verwahrt, und das bei näherer Besichtigung auf der weiten Welt nichts anderes war als ein neugeborenes Knäblein.

»Hauptmann!« rief ich.

»Halte dein Maul!« pfauchte er.

Allerdings, das Christkind schlummerte. Und das Angesicht des alten Kerls mit dem Schnurrbart schmunzelte. Mein Seel', das war ein redliches Schmunzeln -- der Mann kam mir noch niemals so schön und gut vor als jetzt mit diesem Angesichte, das der Rauch umwölkte und in dem die zwei Augen leuchteten wie Sterne der Christnacht.

Jetzt trat die alte Frau zu ihm, fragte bescheidentlich, ob er bei Troste sei, und nahm ihm die Pfeife vom Munde weg. Nun hatte aber dieser Hauptmann die gottlose Gewohnheit, immer etwas vor den Lippen haben zu müssen; als ihm das Pfeifenrohr weggenommen wurde, neigte er sich hin und küßte das Kindl.

»Der Bursch' ist mein!« rief er dann, und hat es mir begründet.

Hat hernach auch das weitere erzählt. Er war in der Nacht nach Hause gegangen mit dem festen Vorsatze, einmal in seinem Leben eine wirkliche Tat zu üben, nämlich zu sterben, bevor er noch weiteren Unsinn begehe. Da fand er in seinem Zimmer die alte Frau, sie legte ihm etwas in die Arme und sagte: »Da bringe ich dem Herrn ein Christkindel.« Der Kleine wolle sich an den Vater halten, dem gehe es besser als der Mutter; die Mutter käme auf Wunsch auch nach.

Was ließ sich dazu sagen, was ließ sich machen?

Alsbald verbreitete sich das Gerücht, daß in der Stube des Hauptmannes etwas Absonderliches, Geheimnisvolles sei, und am Morgen versammelten sich vor dem Hause die Leute, zu denen die alte Frau dann sagte, sie sollen auseinandergehen und sich selber vorsehen. Nach wenigen Wochen kam auch die Mutter -- ein armes, aber schönes blasses Weib, und nun war zum Totschießen keine Zeit und kein Verlangen mehr. Der Hauptmann zog mit Weib und Kind auf sein Landgut. Die Häuslichkeit mit ihrer Liebe und ihren Sorgen hat seinem zerfahrenen Leben endlich Inhalt und Wert verliehen.

Seit jener Zeit ist das fünfte Weihnachten vorbei. Hauptmann Alles hat der Welt nicht mehr Anlaß gegeben, seiner zu spotten.

Die Tafelrunde der Berühmten.

Nach einem glanzvollen, aber kurzen Empfangsabend bei Hof saßen in einer Weinkneipe etliche berühmte Männer beisammen. Sie hatten sich heute ganz zufällig zusammengetan, aber große Seelen finden sich leicht und berühmte Menschen haben stets etwas Weltbürgerliches, vertrautsam Brüderliches an sich; in der Sphäre, in die sie emporragen, weht eine frischere, freiere Luft, in der sich die Elektrizität der Geister rasch sammeln und entladen kann.

Die Unterhaltung war munter genug, und jetzt machte einer -- man weiß nicht aus welchem Anlaß, wahrscheinlich infolge eines Gespräches über die Berühmtheiten des Empfangsabends -- den Vorschlag, jeder in der kleinen Gesellschaft solle nun erzählen, wie er berühmt geworden sei.

Wie er berühmt geworden? In der Tat, das war etwas. Ja! und +eh bien!+ und wohlan! riefen sie durcheinander, und jeder war darauf gespannt, von jedem die persönliche Geschichte zu hören.

»Ganz merkwürdig, meine Herren, ist das bei ~mir~ zugegangen,« ergriff der Romanzier Paulo sofort das Wort.

»Ich bitte!« rief der Schauspieler Werner, »es muß systematisch vorgegangen werden; etwa nach der Popularität des Faches, in dem sich jeder bewegt.«

»Nach dem Alter die Reihe!« schlug der Chemiker Iseling vor, dessen Berühmtheit von der Erfindung des spanischen Brustmalzes im Jahre 1818 nach Christus herrührte.

»Nach dem Alphabet!« rief der Major Abacitz.

»Jetzt ist nur noch der akademische Maler Rakutti, der sich nicht gemeldet hat,« sagte Doktor Sauermann.

»Und Sauermann, Doktor der gesamten Heilkunde,« entgegnete der Maler. »Die Gesundheit ist die Hauptsache, der Doktor soll beginnen.«

»Nun, wenn ihr durchaus wollt!« sagte Doktor Sauermann, denn er war der Bescheidene. Die Gesellschaft dämpfte ihre Stimmen. So begann er seine Geschichte.