Part 25
Das Fischerpaar liebte sein Kind unsäglich, aber es lag eine Betrübnis in seiner Doppelseele, so oft es den heiteren Knaben ansah. An jenem Tage nämlich, als dem Fischer das Kind geboren wurde, fing er in seinem Netze eine große Seespinne, wie er noch nie eine gesehen hatte, weil sie im roten See nicht vorzukommen pflegten. Er schleuderte das Tier wohl wieder zurück in die Wellen, aber nach seinem Sinn sollte der Fang für die Zukunft seines Neugebornen von böser Bedeutung sein. Er teilte dies auch seinem Weibe mit, welches zwar den Wahn des Gatten überlaut zu widerlegen suchte, im Innern aber bangte, des unglücklichen Lebens gedenkend, das vielleicht ihrem Kinde bevorstehe.
Trotzdem wuchs der Knabe auf zum schönen Jüngling, der da lachte, als ihm die Eltern die Geschichte von der Seespinne mitteilten.
Der Jüngling kam selten zu fremden Menschen; er sah dann und wann nur einen Holzhauer, einen Jägersmann, und wenn er auch bisweilen hinauskam in die Gegend, wo das Dorf und die Kirche standen und wo die Leute auf dem Felde oder auf der Wiese arbeiteten, so fühlte er sich dort nicht behaglich. Die ganze Liebe seines Herzens wendete er den Eltern zu.
Zur Liebe kam auch der Segen. Jener Wahn des alternden Paares begann in diesem ruhigen und heiteren Fortleben zu schwinden.
In einem Winkel oben unter dem Dache wohlverwahrt stand ein Kästlein aus hartem Buchenholz voll blanker Silbermünzen. Durch die vielen Jahre der Arbeit und des Fleißes hatte sich die kleine Familie ein Vermögen erworben, welches in dem alten Fischer keinen geringeren Plan wachrief, als den, die baufällige Hütte niederzureißen und sich am Ufer des Sees ein größeres Wohnhaus zu bauen. In seiner Seele mochte vielleicht das Bild einer lieben Tochter zu dämmern beginnen, die der Junge früher oder später bei den vielen Menschen draußen finden und nach Hause bringen werde.
So zog der Jüngling eines schönen Julimorgens aus, um einen Baumeister und Arbeiter zu dingen. Wenn er an großen, stolzen Bauernhöfen vorüberkam, so studierte er die Bauart und den Geschmack, und er freute sich auf das Leben im neuen Hause, das sich in der Einsamkeit zwischen dem See und den roten Wänden doppelt schön ausnehmen werde, und er freute sich auf das Lieben und Pflegen der alten Eltern.
Als er hierauf nach gewissenhaft vollführter Sendung in das Felsengebirge zum roten See zurückkehrte, da war alles aus. Wo die Hütte gestanden hatte, knisterte ein Gluthaufen und von demselben rieselte über die breiten Steine ein schmales Silberbächlein gegen den See, gleichsam als fordere dieser die unzähligen Silbermünzen, die er durch seine Fische erwerben half, geschmolzen wieder zurück. Und in dem Aschenhaufen lagen die verkohlten Leichname. -- -- Schöner Fischerjunge! Dort am Ufer steht noch der Kahn, dein Erbe. Geh' hinab, mache ihn los, springe hinein und fahre hinaus bis in die Mitte des Sees. Dort stürze dich kopfüber hinab -- zur Seespinne. --
Er sprang nicht in die Glut, er sprang nicht in den See; er brach nicht zusammen; es trat ihm keine Träne ins Auge. Einen kurzen, gellenden Schrei stieß er aus -- -- dann drückte er sein linkes Auge zu und blinzelte mit dem rechten.
Später wühlte er in den Kohlen und Bränden. Die Leichen seines Vaters und seiner Mutter ließ er liegen, wie sie lagen, bis nach vielen Stunden Leute kamen, die das Unglück sahen, das Fischerpaar begruben und den Jüngling mit hinaus nahmen ins Dorf.
Aber seine Jugend war zu Ende. -- Das plötzliche unfaßbare Unglück, das mit einem einzigen Schlage alles geraubt hatte, was er besaß, was er liebte und an dem er hing mit seinem ganzen Wesen, hatte sein Gehirn erschüttert, sein Lebensmark geschmolzen -- ein blödsinniger Greis von siebzehn Jahren -- drückte stets das linke Auge zu und kaute an einem Strohhalm.
Die Brandstätte seiner Heimatshütte lag öde da; Fischlein im See reckten oft ihre Köpfe empor, ob denn der Alte nicht wieder einmal käme mit seinem hinterlistigen Garnsack, und da er nicht kam, so veranstalteten sie lustige Spiele und feierten das Fest durch Tänze und Wettrennen nach Mücken und Würmchen. Doch endlich kam wieder ein starker Mann, der mit riesigen Garnbeuteln den roten See neuerdings unsicher machte.
Für das geschmolzene Silber, welches von der Hütte über die breiten Steine gegen den See geflossen und unterwegs gestockt war, bekam der arme Malchus dreizehn Taler.
Bisher hatte er eine Wollmütze am Kopfe getragen, die nahm er nun ab und wickelte das Geld hinein und sagte zu sich: »Das ist gerade genug, daß sie die Glocken läuten und daß der Pfarrer mitlauft, wenn mich die sechs Träger hinaustragen. Sechs? Ei, ich dächte, für den Malchus tätens auch bloß zwei.«
Ein alter Pechbrenner, in dessen Hütte Malchus seit dem Unglücke wohnte, ließ sich die dreizehn Taler zeigen, legte dann den Finger auf den Mund und flüsterte: »Malchus, das ist ein Kapital, geh' damit ein Geschäft an! Schau, ich habe vor fünfunddreißig Jahren, als ich in den Wald ging, nur zwei Sechser gehabt, kaum, daß ich mir davon den Pechhafen hab' kaufen können, und heute schau dir einmal meine Pecherei an! Probier's auch du. Kannst es so weit bringen wie ich!«
Auf diese Worte legte der junge Mann einen Grashalm auf die Zunge; indem er an demselben zu kauen begann, sagte er langsam: »Meinst? Wart, Domini, wart, mit fünfunddreißig Jahren hab' ich's weiter gebracht als du. Bin ja ein Glückspilz, ich!«
»Wie du ein Kerl bist, sollst du ja die Welt auf die Achseln nehmen wie einen alten Heukorb! Fikra sikra Haferstern! Wenn ich der Malchus wär', ein Schloß von Elfenbein müßt' ich haben und das schönst' Weible drin und ein goldenes Bettstattl mit Roßhaar! -- tät's nicht billiger!«
Malchus lächelte, aber sagte nichts drauf; er wickelte seine dreizehn Taler wieder langsam in die Wollmütze.
»Und was willst du nachher mit deinen dreizehn Aposteln da? Geh, ist ja der Judas noch dabei! Du, Malchus, den mußt weg, er verrät dir sonst die andern all. Oder der dreizehnte stirbt und steckt dir die anderen an. Mußt ihn weg, Malchus!«
»Mag wohl wahr sein,« meinte der Bursche, faltete seine Mütze wieder auseinander und hielt dem Pecher eine Münze hin.
»Junge, da tust du gescheit,« sagte der andere schnell und steckte den Taler in die Tasche, »bei mir hat er's gut, wenn du ihn brauchst, so komm und hol ihn.«
Ein andersmal, als Malchus tagelang zwecklos im Walde herumgelaufen war, sagte der Pechbrenner zu ihm: »Ja, was willst denn, Malchus, du bist ein ganzer Narr!«
»Das hab' ich mir auch schon gedacht,« entgegnete der Bursche. Dann warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes und sagte: »Domini, lieber Domini, ich weiß mir keinen Rat. Du, ich sag' dir's, wenn sie mich nicht gleich auf die Bahr' legen, so kommt noch früher ein großes Glück über mich!«
»Ein großes Glück, meinst? Tät' dir schon recht geschehen und ich wollt' dir's wünschen.«
»Weh!« rief Malchus aus und wollte dem Pechbrenner den Mund verhalten. Und nachher sagte er: »Ja, ja, Glück wär schon recht! Aber da kommt dir auf einmal eine Stunde, und das Glück, fleißig aufgebaut in vielen Jahren, wird in einer Nacht zum Unglück. Domini, ich sag' dir's, wenn unten beim roten See jetzt eine Fischerhütte stünde, und es lebte ein guter Mann drin, der mein Vater, und eine gute Frau, die meine Mutter wäre -- ich ginge nicht hinab zu dieser Hütte; nein, alter Domini, und wenn ich nur mit den Tieren des Waldes leben müßte, ich ginge nicht hinab -- 's möcht vielleicht schön sein unten -- schau mich an, Domini -- schön sein unten; es möchten Tage sein wie die himmlischen Freuden -- da kommt das Unglück und alles ist hin. Nein, nein, ich ertrags nicht mehr, das Glück, das falsche, und du wirst wohl recht haben, Domini, ich bin ein ganzer Narr.«
Dem alten, lustigen Domini war diesmal zur Entgegnung kein Scherz eingefallen. Er schwieg und dachte daran, wie das plötzliche Unheil auf den Burschen einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß er das Glück nur als Ursache des Unglückes betrachtete und es fürchtete, wie das Unglück selbst.
»'s wird alles wegen der Seespinne geschehen sein,« sagte Malchus, »und ich weiß nun schon, ich darf nichts anfangen in der Welt, 's tät' mit allem schlecht ausgehen. Ich will keine Freude mehr haben, die Trauer nachher ist zu bitterlich; mag auch kein Geld und Gut, tät's doch wieder verlieren. Mag gar nichts, bin einmal zum Unglück geboren. -- Ich will das Elend schon ertragen, Domini, den Hunger fürcht ich nicht, die Kälte nicht. -- Ich ertrag' die Not, nur jäh darf sie nicht kommen. Domini, ich kann stricken; ich find' schon wo ein Platzel für die paar Jahre, und da stricke ich und erwerbe mir für jeden Tag eine Brotsuppe, oder, wenn das Geschäft gut geht, von Erbsen was. Die Lederhose da, schau einmal, Domini, sie ist von Hirschleder, die hält mir's reichlich aus, und dann soll das Unglück nur kommen, wo wills denn aufsitzen? -- Bleibt mir mein Geld nicht, ist recht, nur fort, liegt mir wenig daran; und bleibt es mir, so ist's gut. Die dreizehn Taler sind für mein Begräbnis.«
»Hast nur zwölf mehr,« warf der Pechbrenner ein.
»Zwölf?« sagte Malchus befremdet, »wo hätt' ich hernach den dreizehnten?«
»Hast ihn ja mir gegeben, von wegen dem, weil er der Judas war,« lachte der Alte, »aber, wenn du ihn wieder haben willst ...«
»Nein, behalt' ihn nur,« sagte Malchus, »du hast mir jetzt lange Zeit hier in deinem Hause Dach und zu essen gegeben. Ich dank' dir's tausendmal, Domini, aber jetzt werde ich dich verlassen, ich gehe ins Stricken aus; bet' dann und wann ein Vaterunser für mich; schau der Malchus ist eigentlich doch ein armer Teufel.«
Das waren die Abschiedsworte. Seine Wollmütze im Sack, einen Stock in der Hand und einen langen Halm zwischen den Zähnen -- so wandelte Malchus langsam durch den Wald und hinab zum See, wo am Ufer eine kleine rötliche Mauer stand. Der Herd ist noch geblieben, als ob das Schicksal höhnen möchte: Ei, sieh' da, Malchus Zacharias Rosenkranz hat doch auch einen eigenen Herd! --
Der blödsinnige Bursche wühlte -- weil er just vorüberging -- ein wenig in dem Aschenboden, ob etwa nicht irgendwo noch ein Eisennagel läge. Einen rostigen Pfeifendeckel aus Stahl fand er -- -- den hatte der alte Fischer einst auf- und zugedrückt, als er behaglich schmauchend am Tischchen gesessen war und zu seinem Weib und zu seinem Sohne gesagt hatte: »Nu, was meint ihr, werden uns halt ein Häuslein bauen müssen, das ein wenig größer und bequemer ist. Junge, zuletzt wirst du auch noch zwei Stuben haben wollen!«
* * * * *
Als sich der Bursche in einem entfernteren Tale nach Strickarbeiten umsah, lachten ihn die Leute aus. -- So jung und ein Altweibergeschäft!
Aber weil's gar zu sonderbar war, so gaben sie ihm doch eine Arbeit.
Malchus half auch auf dem Felde, aber da war er sehr unbeholfen. Einmal zur Erntezeit sagte man ihm: »Nur fleißig Korn tragen, Malchus.« Und setzten das Sprichwort dazu: »Die Kornträger werden reich.« Auf diese Worte wollte der Bursche keine Garbe mehr anrühren.
»Warum gehst du denn immer barhaupt?« fragte ihn einmal eine junge Magd, und wickelte sich seine wirren Locken um den Finger.
»Das weiß ich nicht,« antwortete Malchus und blickte seitwärts.
Wenn er mit andern zu Tische war, so aß er immer nur Brotsuppe und Gemüse, und wenn sie ihn zum Fleischgericht oder zu fetten Mehlspeisen einluden, sagte er: »Vergelt's euch Gott, nach so was ist's so viel schwer, sich was Einfacheres anzugewöhnen.«
Einmal sagte der Bauer, bei dem er arbeitete: »Malchus, ich schenk' dir eine Pfeife, daß du nicht immer an einem Strohhalm zu saugen brauchst.«
Darauf der Bursche: »Wenn du auch den Tabak dazu gibst?«
»Wie hast dir denn dein linkes Aug' abgebrochen, Malchus?« fragte ihn die schalkhafte Bäuerin eines Mittags, als sie dem Burschen eine Erbsensuppe vorsetzte.
Dieser aß die Erbsensuppe, antwortete jedoch nicht auf die Frage. --
Endlich sah man ein, daß der Malchus ein Hascher sei, und man behelligte ihn nicht mehr mit Witzen und Zumutungen, denen er nicht entsprechen konnte; man gab ihm Wolle und ließ ihn bei seinen Stricknadeln, und Malchus strickte und schien zufrieden.
Er war ruhig, gutmütig und anhänglich, man ließ dem armen, heimatlosen Burschen auf dem Dachboden des alten Pfarrhofes ein Stübchen.
Malchus, der seit dem Unglücke bisher im Tale in verschiedenen Bauernhöfen gelebt und gearbeitet hatte, war anfangs kaum zu bewegen, seine neue Wohnung zu beziehen. »Auf einmal wird mein Haus niederbrennen.«
Gegen die Stiege, die man ihm zu seiner Dachkammer bauen wollte, verwahrte er sich auch. »Gebt mir nur eine Leiter, die man allzeit wegziehen kann; dem Unglück darf man nicht auch noch die Wege machen.«
So begann nun Malchus in seinem neuen Hause zu leben. Bei trübem Wetter saß er auf der Matratze und strickte oder sah sich dann und wann auch seine zwölf Taler an, die er im alten Holzschranke verwahrt hielt. Die sind halt für's Läuten und für's Hinaustragen und für den Segen in die Grube. Ja, wo war denn der dreizehnte? Den hatte er zuletzt gar dem alten Domini geschenkt? Ei, ei!
An heiteren Tagen aber kletterte er über die Leiter herab, ging durch das Dorf, über Feldwege und redete einige Worte mit den Leuten, die ihm begegneten, und strickte.
Mit seinem lockigen Barhaupte und dem zwinkernden Auge und den unvermeidlichen Halm zwischen den Lippen sah er aus wie ein stillheiteres Gemüt.
Die Arbeit holte er sich von seinen Kunden selbst, wer hätte es auch wagen mögen, über die gebrechliche Leiter in sein Stübchen zu steigen!
So saß er denn allein und strickte oder sah am kleinen Ofen nach, was die Erbsen machten; zu Zeiten, wenn eine lebhafte Flamme war, wurden sie gar lebendig und stiegen heraus, und Malchus mußte sie mit kaltem Wasser wieder zurück hineinjagen, die Flüchtlinge, die er doch verzehren wollte. --
An einem Sonntag Vormittag. Die Leute waren alle in der Kirche, auch Malchus saß in einem Winkel hinter dem Taufstein und betete seinen Rosenkranz ab und murmelte zu der braunen Korallenkette: »Du bist ein Rosenkranz und ich bin auch einer; du hast ein Kreuz und einen »Glauben« und zweiundsiebzig Perlen; ich hab' auch ein Kreuz und einen Glauben, aber ob ich mein Lebtag zweiundsiebzig Tugenden zusammenbring', d'rauf wollt' ich nicht wetten. Bin doch oft recht untugendsam, wenn ich gar so übermäßig über mein Unglück trauere und das Leben und meine Jugend verachte, als ob just auf mich alles Elend kommen wollte. Zuletzt werde ich so glücklich sein wie alle anderen, und mein Klagen und Zittern ist ein Frevel. Deswegen, du tugendsamer Rosenkranz, tu' nur ein wenig beten für den untugendsamen!«
Da kam plötzlich der Kirchendiener aus der Sakristei und sagte dem Pfarrer am Altare etwas ins Ohr. Der Pfarrer kehrte sich gegen die Gemeinde und rief laut: »Feuer ist im Dorf, geht löschen!« Am Turm schlugen schon die Glocken an.
»Aha, ist schon da!« murmelte Malchus und erhob sich von seinem Stein.
»Wo brennt's denn?« fragten sich die Leute und stürmten in das Freie.
»Wo wird's brennen, ihr Kindischen,« sagte Malchus ruhig, »im Pfarrhof brennt's; oben in meiner Stube brennt's; 's wird wieder meinen Vater und meine Mutter haben wollen oder mich, und jetzt bin ich gar nicht zu Hause.«
Er steckte seinen Rosenkranz in die Tasche und ging hinaus.
Am unteren Ende des Dorfes qualmte dichter, rötlich-brauner Rauch auf. »Das ist der große Heustadl!« hieß es, und die Leute eilten mit Eimern und Kübeln und Leitern und Haken gegen den Brand, und weil keine Feuerspritze im Orte war, so trugen sie aus dem Ziehbrunnen, der auf dem Platze stand und aus dem Bächlein, das weiter unten hinfloß, Wasser auf die Dächer. Der Stadl war nicht mehr zu retten, da pfiffen die Flammen schon aus allen Fugen und Löchern; jetzt brachen sie gewaltig aus; glühendes Stroh, brennende Schindeln flogen hoch. Auf den Nachbargebäuden kletterten Männer herum, warfen die Dachbretter herab, begossen die Firste und Dachstühle, vermauerten die Fenster. Sie riefen sich zu, aber im Knattern der Bretter und im Brüllen des Feuers hörten sie sich kaum. Die Weiber jammerten in den Gassen und schleppten Hausgeräte aus ihren Wohnungen; alte Kästen und Bettstätten zerrten sie hervor und vergaßen den Sparpfennig. Auf dem Turme schrillten stoßweise, in ungleichen Zwischenräumen die Glocken, daß von den Nachbargemeinden Hilfe kommen möge.
Über all das lag der klare Sommertag und Sonnenschein, wenn auch die Schatten des Rauches über Dorf und Kirche hinflogen.
Malchus half nicht im Löschen, nur daß er in der Nähe des Feuers beim Ausbringen von Hab und Gut tätig war.
Zuletzt ging er gar davon, setzte sich auf einer Anhöhe nieder und sah dem Feuer zu. »Wie ihr auch löschen und wahren mögt,« sagte er, »das ganze Dorf brennt nieder. Das Feuer ist dort unten und mein Pfarrhof ist da oben am andern Ende. Du rothaariges Unglück, du hast es doch nur auf mich abgesehen, und jetzt hüpfest du über alle Hausdächer bis zu meiner Wohnung. Und ich bring' so viel Unheil über alles; es wär' doch das beste, ich tät der ganzen Welt aus dem Weg gehen -- ganz, ganz aus dem Weg -- die Seespinne wird keine Ruh' geben.«
In einer Stunde später war der Heustadl eingestürzt und die Flammen leckten nur mehr an den Wandbäumen, die am Boden lagen. Die nächst angrenzenden Gebäude standen unversehrt da, nur daß bei einigen das rötlichgraue Dachstuhlgerippe nackt aufragte, weil es die Leute abgedeckt hatten.
Die Kirchenglocken waren zur Ruhe gekommen, das Schreien war verstummt, die Weiber trugen ihre Geräte wieder in die Häuser und sie lachten, wenn sie gleich noch vor Aufregung zitterten.
Malchus stieg vom Hügel, schüttelte wiederholt den Kopf: »Jetzt hat die rothaarige Bestie sicher gemeint, ich wohne im Heustadl!«
Als er über seine Leiter steigen wollte, lag diese in Trümmern auf dem Boden, und neben ihr, ächzend und sich in Schmerzen windend, lag der Schuhflicker Fritz.
Malchus kannte ihn gleich, der Mann flickte ihm ja seine Kuhlederschuhe. Er rief also: »Ja, Schuster, was ist denn dir geschehen?«
Dieser wimmerte: »Wie das Feuer auskommen ist, hab' ich dem Malchus wollen sein Hab und Gut retten und bin über die Leiter gestürzt -- Fuß und Hand hab' ich mir gebrochen.«
Während er dies sagte, wälzte er sich um und suchte einen grauen Wollbeutel zu verdecken, der neben ihm lag. Aber Malchus hatte diesen bemerkt und sagte: »Fritz, es schaut so aus, als ob du mir mein Geld gestohlen hättest!«
»Malchus, nur retten hab' ich dir's wollen -- oh weh!«
»Das kann sein, und es kann auch nicht sein -- gib nur her, Fritz.«
»Zu tausendmal gern; aber sag niemandem was davon. Malchus, schau, bin ein armer Mann und hab' Weib und Kind. Hab' sonst noch keinem was gestohlen, mein Lebtag nicht. Sag nichts davon, Malchus; muß ja eh bald sterben!«
So jammerte der Schuhflicker, und Malchus beruhigte ihn: »Ist dir vergessen; und zuletzt hätt' doch nur ich da herabstürzen sollen; das Unglück ist heut' schon das zweitemal zum Unrechten gekommen. Magst dich auf meine Achsel helfen, Fritz, ich trag' dich heim in dein Häusel.«
Und er trug den Fritz heim in sein Häusel. »Frau Schusterin,« sagte er, »tut Euch nicht erschrecken; beim Löschen ist er auf den Erdboden gefallen«.
Dann ging Malchus wieder seiner Wohnung zu, band die Leiter zusammen und stieg zu seiner Stube hinauf. Die Türe war offen, der Schrank ebenfalls. Malchus barg seine zwölf Taler wieder an ihrer Stelle.
Leute, die den jungen Mann während des Brandes auf dem Hügel hatten sitzen sehen, sagten lieblose Worte. Andere, die ihn mit dem Schuster Fritz begegneten, erzählten Gutes von dem blödsinnigen Stricker.
* * * * *
Es war im Spätherbste desselben Jahres, als eines Abends durch das Dorf der lustig polternde, pudelnärrische Brechelzug ging. Die Leute kehrten eben von der »Haarstube« zurück, wo sie gemeinsam ihren Flachs gebrechelt hatten; gingen jetzt zu einem reichlichen Mahle, welchem Tanz und anderes Freudige folgen sollte. Die Pfeifen und Geigen waren schon da und die Bläser und Streicher auch dazu, und die Füße des jungen Völkleins waren bereits voll Räder und Federn, besonders die der Dirndeln.
»Wia liab daß so a Diandl, Wan's bleedan tuat, is!«
Dem Zug voran gingen zwei Burschen, die mit Besen die Gasse auskehrten, und hinter her zog eine Magd und streute Agen auf den Weg, damit der Lust und der Freude, die hier im Triumph einherzog, die Kümmernis nicht folgen konnte.
Als sie über den Platz am tiefen Dorfbrunnen vorüberkamen, standen einige plötzlich still und legten die Finger an den Mund; »ein Gespenst!« Andere blieben ebenfalls stehen und horchten. -- »Du Kreuzsappermost, was ist denn das da unten?«
Aus der Tiefe des Brunnens hörte man Laute -- wie ein Wimmern und Weinen, dann wieder wie ein Lachen. Das war ja wieder dieselbe Stimme, wie man sie vor dreißig Jahren gehört hatte, als darauf eine Überschwemmung kam; und das war auch dieselbe Stimme, die vor achtzehn Jahren im Brunnen rief, als dann die große »Sterb« in der Gemeinde ausgebrochen.
Die Pfeifen waren in schrillen Tönen ausgelaufen und schwiegen; die Leute flohen.
Nur Malchus floh nicht. Er stand am niederen Brunnengeländer, starrte in die Tiefe und rief hinab: »Na heut' geraten wir zusamm', verdammte Seespinne du!« Dann verlangte er einen Strick, sie sollten ihn hinablassen.
Die Leute wußten nicht was, aber sie brachten einen Strick und ließen Malchus in den Brunnen.
Der Arme -- noch einen Blick gegen die Abendröte, gegen die Waldberge, gegen die weiße Dorfkirche, gegen die Menschen -- dann hatte er den Eimerbaum seitwärts gestoßen und es ging hinab -- von dem Lichte zur Dämmerung, zur Dunkelheit, zur Finsternis, den schauerlichen Tönen näher.
Der Strick war lang und ging tief und tiefer hinab.
Endlich schien die Last auf dem Wasser zu sein, der Strick war locker.
Man horchte, man hörte kaum mehr die Laute von früher. Das halbe Dorf hatte sich um den Brunnen versammelt.
Die Mauern und weißen Schindeldächer der Häuser waren gefärbt von der Abendröte; Fensterscheiben leuchteten, als ob alle inneren Räume in Flammen ständen -- so herrlich scheidet der Tag, so unheimlich naht die Nacht, und dem Manne im Abgrund -- wie wird's ihm ergehen?
Endlich tönte aus dem Brunnen ein hohles, langgezogenes: »Auf!«
Man spannte den Strick, man zog und zog; die Last war schwer, das Seil lag schon am Boden in unzähligen Ringen und Schlingungen wie eine endlose Schlange, und endlich --
Malchus kam herauf und in seinen Armen hatte er, bedeckt von Schlamm --
»Martha, meine Martha!« erscholl in dem Augenblicke eine Stimme, und ein Weib stürzte zum Brunnengeländer, auf das sich Malchus erschöpft mit seiner Beute gesetzt hatte. Nun erst sah er recht, was er trug: ein bleiches, schönes Mädchen, dessen feuchte Locken weit über seinen Arm hinabhingen.
Malchus riß die Augen auf, auch das linke, und diesmal war es, daß der Mann die Welt zweifach anschaute.
Das eine sank aber sogleich wieder zu, als das Weib, eine Näherin, mit ihrem Kinde laut weinend in das nächste Haus ging.
Aber Malchus ging nach in das Haus und blieb so lange bei dem Mädchen, bis es die Augen aufschlug -- die blauen Augen, und bis es die Mutter küßte auf seinen zarten Mund und sagte: »Martha, du mein Leben, was hätte ich getan, wenn du dahin gewesen wärest!«
Martha war neun Jahre alt und der Häuslerin einziges Kind. Zum Krämer war sie heute gegangen, auf daß sie Zwirn hole; spielend mit der kleinen Geldnote dahin über den Dorfplatz. Das Lüftchen spielte in ihren losen Haaren, aber dasselbe Lüftchen entführte ihr die Geldnote und trug das Papier hin und hin über das Geländer des Dorfbrunnens. Und wie nur zu viele Menschen dem Gelde nachjagen und in den Abgrund stürzen, so erging es auch der kleinen Martha; am Geländer blieb das Blättchen nicht liegen, es schwebte, das Mädchen langte über -- und so kam's.
Unten unmittelbar in dem Wasser stand ein Balken in die Quere, daran klammerte sie sich, da kam Malchus hinab.
Wie ihm das arme Weib dankte, wie ihn Martha anblickte, da war's doch, wie noch nie, wie noch gar nie in allen seinen Lebenstagen.