Part 5
Meiner Frau sagte ich nichts mehr davon und auf ihre Frage, weshalb ich mich so feierlich schwarz ankleide, schützte ich dreist eine Aufwartung beim Statthalter vor. Du kannst dir denken, daß ich an diesem Tage nicht auf geraden Wegen dem Kloster zuging, sondern durch die Gassen und Gäßchen hinterwärts, wo man durch ein Pförtlein in den Klostergarten gelangen kann. Das Pförtlein war natürlich versperrt. Auf mein Läuten erschien der alte Gärtner, der mich auf meine Versicherung, ein Himmelträger zu sein, mit einiger Säumnis passieren ließ. Im großen Klosterhof wurde der Festzug zusammengestellt. Meine drei Berufsgenossen waren alte Männer mit Glatzen und grauen Bärten, die sich über den fremden vierten, der statt des erkrankten Schusters da war, ein wenig zu wundern schienen. Wir bekamen scharlachrote Mäntel; eiskalt ging es mir durchs Gebein, als ich den meinen über die Achsel legte. Doch für alle Fälle war das eine willkommene Vermummung. Wir holten aus der Kirche den rotseidenen, goldbefransten Baldachin mit den vier Tragstangen. Der Hof füllte sich mit ornadierten Priestern, dunkelgekleideten Nonnen und den weißen Jungfrauen. Nachdem der Patriarch in golddurchwirktem Meßkleide unter dem Himmel stand, bewegte sich der Zug um die Kirche und zum Hauptportal hinein. Ich sage dir, es war eine Pracht! Dieses Lichtgespiel, diese bunte Gestaltenreihe. Die weißen Jungfrauen, eine lange Reihe, waren geschmückt mit roten und blauen Schleifen; ihre Locken schwarz und gold und bis zum lichtesten flachs, wallten über den Nacken; ihre Augen, ganz entweltlicht, möchte ich sagen, schauten groß und unschuldig gleichsam in die himmlischen Räume auf; andere senkten die Lider oder schlossen sie ganz. In den Händen trugen sie brennende Kerzen. Und dieses Singen, Freund! Man hört manchmal das Wort Engelsgesang und denkt sich nichts dabei. Ganz himmlische Stimmen sind es gewesen, auf Erden gibt es keine solchen. Die rote Stange in meiner Hand und der rote Mantel über mir waren rein vergessen über dieses wunderschöne Bild, über diesen bezaubernden Gesang. Nun in der Kirche angelangt, stellten die Jungfrauen sich am Altare auf in Reihen, die rückwärtigen höher als die vorderen, so daß es ein wunderbares Mosaik aus Engelsgesichtern ward -- ein unbeschreiblicher Liebreiz. Der Himmel, umdrängt von andächtigen Frauen, hatte mitten in der Kirche angehalten, der Prälat stieg zwischen den Jungfrauen zum Altar hinauf. Es begann das Hochamt. Die Priester knieten nieder, die Nonnen knieten nieder, die Jungfrauen knieten nieder. Alles kniete in großer Demut nieder auf beide Knie. Auch meine drei Himmelträgergenossen. Und auch ich. Aber die Minute, die der erste Segen dauerte, war schmerzlich lang, denn die feinen Sandkörnchen des Steinbodens bissen durch das Beinkleid in das verweichlichte Knie, das seit meiner Knabenzeit nicht mehr geübt worden war. O Freund! Ich ahnte nicht, daß es erst der Anfang einer qualvollen Stunde sein sollte. Unmittelbar nach dem Segen wollte ich mich aufrichten, aber -- alles blieb knien. Auch meine Banausen knieten so fest, als ob sie in den Steinboden hineingewachsen wären. Ich allein aufstehen und stehen bleiben neben der Stange? Unmöglich. Abgesehen von dem unsühnbaren Ärgernisse, das damit gegeben worden wäre, hätte ich mich unberufenen Blicken ausgesetzt -- der akademische Bildhauer Professor Hertner als Himmelträger hätte alles überragt. Ich blieb knien, aber frage nicht wie und in welchem Jammer. Es war eine wahre Folter. Ein weniges geschah mir wohler, daß ich mich fest an die Stange klammern konnte, erst mit der einen Hand, dann mit beiden Händen. Aber diese Stütze wurde bald belanglos und die Last des Körpers lag auf den armen Knien, die auf dem unbarmherzigen Stein laut geächzt hätten, wenn Knie ächzen könnten. Ich konnte es, durfte es aber nicht. Mußte in schweigender Frommheit bewegungslos daknien. Die anderen, so weit ich sie beobachten konnte, knieten ganz behaglich, dem regen Mundgebete, den weidenden Augen sah man an, daß sie alles eher als an ihre Knie dachten. Keiner ahnte den Büßer in ihrer Mitte, der seinen Vorwitz so blutig sühnen mußte. Ich hatte es ja versucht, mich in die Schönheit des Bildes zu versenken, das gerade vor mir so lieblich und licht entfaltet war, dem Gesang zu lauschen, dessen Klang in die Hallen aufstieg, aber ich empfand nichts, als den Schmerz an den Knien. Das Ovalgesicht suchte ich, das mit den runden Blauaugen und den Wangengrübchen; dort hinten, zwischen zwei brünetten Lärvchen guckte es hervor, schier himmlisch verzückt und ein bißchen schalkisch. Allerlei liebliche Gedanken und Vorstellungen wollte ich anspinnen an dieses Engelsbild, aber es gelang nichts -- mein Knie, mein Knie! Da gedachte ich der Warnung meiner Frau, doch es war zu spät. Ich fühlte mich als Verdammter unter den Seligen. In meinem Leben nie hatte ich mich so heiß dem Evangelium entgegengesehnt als in dieser Stunde. Du weißt es, beim Evangelium steht man auf. Es kam endlich, alles erhob sich, ich mich fast zu früh, und atmete auf. Eine kleine Hoffnung leuchtete, als würde man von nun ab stehen dürfen, doch als das Evangelium vorüber war, kniete alles wieder nieder. In Gottesnamen, fest an die Stange geklammert, kauerte ich da und war entschlossen, knien zu bleiben, bis sie mich ohnmächtig hinaustragen würden. Aber so weit kam es nicht. Als die Not wieder sehr groß geworden war, entdeckte ich eine Kunst, die, auf den Waden zu sitzen. Was die anderen darüber dächten, das kümmerte mich nicht mehr, in dieser Selbsterniedrigung sahen mich ja auch nur die nächsten der dichtgedrängten Nachbarn und sie waren mitleidig. Die Knie waren sanft entlastet, ich saß auf meinen Beinen. Jetzt dachte ich wieder an das Gesicht mit den Wangengrübchen, aber ich konnte über die Köpfe nicht mehr hinwegsehen, der breite Buckel meines Vormannes begrenzte meinen Horizont. Doch nun war leicht standzuhalten und als es endlich vorüber, kräbelte ich mich mit Hilfe der Himmelstange krampfhaft und schier ungern empor.
Gesehen hatte ich's also. Dann den Mantel los, das Beinkleid an den Knien mit dem Taschentuch entstaubt, durch das Gartenpförtchen wieder hinaus und mit der unschuldigsten Miene die Gasse entlang. Rief mich eine bekannte Stimme an: »Professorlein, he! Ich dachte, wer einmal im Himmel gewesen, der käme nicht wieder zurück.«
Und war's der kleine Zaruzel, der berüchtigte Karikaturenzeichner für Witzblätter.
»Woher des Weges?« fragte ich mit kühn gespielter Harmlosigkeit.
»Von der Kirche der Marienschwestern, wo es heute so schön gewesen ist!« antwortete er mit widerlicher Süßlichkeit. »Du kennst ja den gelbhaarigen Teufelszwerg.«
»Von der Klosterkirche?« tat ich überrascht, »aber da darf ja kein Mannsbild hinein.«
»Doch, doch,« antwortete er. »Entweder es geht hinten durch das Gartenpförtchen oder es geht durch ein Dachfenster der Sakristei. Ersteren Weg pflegen die Bildhauer zu wählen; der letztere, beschwerlichere, bleibt für arme Witzblattzeichner übrig. Ich sage dir, Freund, köstlich warst du im roten Mantel an der Himmelsstange, unbezahlbar. An fünf Witzblätter verschicke ich.«
Hub ich an stark zu leugnen. Da sagte er ganz gütig: »Mühe dich nicht, es hilft dir nichts,« und zog seinen photographischen Momentapparat aus der Tasche.
Der schneidigste Mut kommt allemal, wenn nichts mehr zu verlieren ist. Ich blieb stehen und sagte leise: »Also Zahn um Zahn. Gut. An dem Tag, als das Bild im Blatt steht, wirst du umgearbeitet. Ich bin Bildhauer in Stein und Bein!« -- -- Das hat er verstanden. -- Seitdem sind Jahre vorüber, es hat niemand etwas erfahren. --
So erzählte mir der Professor am Fußsteig entlang. Da wunderte ich mich laut, daß er es selbst ausplaudere, was ein so tiefes Geheimnis hätte bleiben sollen.
»Jetzt ist alles verjährt,« entgegnete er. »Wenn's die Leute nun auch erfahren, sie glauben es nicht. Und wenn sie es glauben, so macht's mir nichts mehr. Übrigens geschah es doch nur aus Liebe zur Kunst und das vorzeitige Eindringen unter den Himmel habe ich an Ort und Stelle ja gründlich gebüßt.«
Der unglückliche Kammerdiener.
»Glauben Sie ja nicht,« sagte die Königin zur Gesellschaft, die nach dem Diner im Zerkle sich um sie versammelt hatte, »glauben Sie ja nicht, meine Herrschaften, daß unsereins so mächtig sei und alles nach Herzenswunsch schlichten könne. In vielen Fällen können wir das weit weniger als andere Leute; oft nicht einmal das Selbstverständlichste. Ach allzuoft war ich schon in heller Verzweiflung darüber, wie uns die Hände gefesselt sind, und das Herz, und ich sage sogar, auch der Kopf. Soll ich Ihnen eine Geschichte erzählen? Die Geschichte hat sich vor etwa einem halben Jahre im Schloß zugetragen und ist sehr tragisch. -- Wollen die Damen und Herren nicht rauchen? Schön, ich will, wie es Pflicht der Fürsten ist, mit gutem Beispiele vorangehen.«
Bei dieser launigen Bemerkung nahm sie aus der Kupferschale eine Zigarette und der Lakai hielt ihr das Flämmchen vor. Die Königin sog es mit einem Atemzug in die »Ägypter spezial« und winkte dem Diener mit einem gütigen Blick, daß er sich entfernen könne.
Der General strich seinen langen weißen Schnurrbart und horchte schmunzelnd der tragischen Geschichte entgegen, die im phantastischen Lockenhaupt Ihrer Majestät sich wieder zugetragen haben mochte.
»Die Herrschaften erwarten jetzt den Vortrag einer Romanze oder dergleichen,« lächelte die Königin, weil sie zum schwarzen Kaffee manchmal eine ihrer neuerstandenen Poesien zum besten zu geben pflegte. »Diesmal werden Sie irren. Die unerhörtesten Geschichten macht nicht der Dichter, macht das Leben. Und Sie, mein General, dürften der Tragödie wohl etwas weniger skeptisch entgegensehen, als es offenbar der Fall ist. Vielleicht werden die kommenden Dinge sogar Ihr Herz engagieren!«
»Mein Herz wird nicht mehr engagiert,« lachte der alte Weißbart, »außer Majestät geruhen zu gestatten, daß ich mir Kognak einschenke.«
»Der König,« so begann die Königin zu erzählen, »hatte einen Kammerdiener aufgenommen. Ein junger Magyar wars, ein hübscher sympathischer Bursche mit braunen Augen und perlweißen Zähnen. Die blaue Livree mit den weißen Seidenschnüren stand ganz prächtig zu seinem frischen, glattrasierten Rundgesicht. Sehr bald wußte er sich in seine Stellung zu finden, bei seiner ruhigen und flinken Art. Dabei hatte er einen heimlichen Humor, der sich allerdings nur in den Mienen ausdrückte, trotzdem aber nicht weniger sprechend war. Anfangs war er zum Laufburschen aufgenommen worden, allein, nachdem unser alter Onkel Tom gestorben, machte ihn der König zu seinem Kammerdiener. Obschon der Bursche einige Jahre Soldat gewesen, hatte er von seiner Einfalt, die er aus der Pußta mitgebracht, noch den Löwenanteil bei sich behalten. Es war ein guter braver Junge, der sich selbst die Stiefel putzte, weil er es für unbegreiflich hielt, daß der Kammerdiener wieder einen Kammerdiener hätte. Wenn er dann im Vorzimmer nach dem Takte eines Tschardas drauf losbürstete, oder wenn er schwermütige Pußtalieder sang, da habe ich manchmal ein wenig an der Türe gehorcht. Das Liebchen und die Mutter, diese zwei Frauen rangen in den Liedern um sein Herz -- es war ganz rührend. Der kleine Prinz stand oft bei ihm und hatte seinen Spaß, wenn Lajosch sang und die Melodie manchmal lustig mit ein paar hüpfenden Sprüngen mittanzte, in der einen Hand die Bürste, über die andere den Stiefel gestreift -- es war furchtbar komisch. Einmal machte er dem Prinzen den Vorschlag, ob sie nicht miteinander Sprachstudien treiben wollten. Er möchte von dem Prinzen französisch lernen und würde hingegen diesem das Ungarische beibringen. Der Prinz ging darauf ein und ich glaube, er hat bei dieser philologischen Gegenseitigkeit mehr profitiert als der andere. Doch glaubte der Prinz eine Klage verstanden zu haben, die Lajosch in seiner Sprache ausdrückte: Nichts sei ihm furchtbarer als die drei Tage in der Woche! -- Was sind das nur für drei Tage in der Woche? Wir verstanden es nicht. Wenn durch den Schloßhof die bärtigen Husaren in ihrer schmucken Uniform ritten, und hinaus ins Weite, da konnte Lajosch ganz melancholisch werden. Da vergaß er sein Singen und Tanzen, ging schwermütig umher und versah mürrisch seinen Dienst. Oft, wenn der König vorüberging, blickte er ihm verstohlen nach und einmal will die Kammerfrau ihn murmeln gehört haben: Wie beneide ich ihn! Werde ich's auch einmal erreichen? Da soll ihr schrecklich unheimlich geworden sein. Mit der übrigen Dienerschaft hat er gar nicht verkehren wollen. Diese nackten Rundscheiben! Diese Vollmondgesichter! So soll er bei sich geknirscht haben, und es hätte ihn der Ekel geschüttelt. Dann hat er die braune Gesichtsfarbe verloren und das Feuer in den Augen und ist abgemagert und ist immer trauriger geworden. Da fragte ich ihn eines Tages: Lajosch, hast du noch eine Mutter? Er antwortete auf ungarisch. Hast du Heimweh? Was ist dir, Lajosch? Er brummte etwas und wendete sich ab. Gerne hätte ich ihm noch wegen einer unglücklichen Liebe auf den Zahn gefühlt, denn nach meiner Überzeugung konnte es nur die Liebe sein. Mein Gott, vielleicht wäre dem Braven zu helfen. Warum sollte er sein Magyarenmädchen nicht an den Hof bringen? Es ist gewiß sehr hübsch. Ich liebe Naturkinder und brauche ein Kammermädchen. Aber es war nichts herauszukriegen vom armen Lajosch. Wieder einmal hörte man eine Klage über die drei Tage in der Woche. Dann versank er ganz in eine stumme Schwermut. Der König sagte, er würde den Lajosch weggeben müssen, der Arme müsse krank sein. Dem Arzt, der ihn konsultieren wollte, rief er ein ungarisches Fluchwort zu. Dann ging er auf sein Zimmer und zertrümmerte den Toilettespiegel. Nun dachten wir allen Ernstes an eine Geisteskrankheit. Der arme junge Mensch! Es war furchtbar traurig. Dabei war eine so weiche, ich möchte sagen, um Hilfe flehende Melancholie in ihm, daß uns allen betrübt zu Mute ward und wir uns entschlossen, doch noch eine Weile mit dem Burschen Geduld zu haben und recht gütig mit ihm zu sein. Wäre es irgend ein Anliegen gewesen, gewiß -- hatten wir gedacht -- ließe es sich erfüllen. Aber eine solche Krankheit -- das ist schrecklich. Auch weinen soll man ihn einmal gesehen haben, und bei sich jammern, daß es ein Unglück sei, wenn er einen solchen Posten verlassen müsse. Aber es sei gräßlich, es sei zu gräßlich, das zu ertragen! Die Kammerfrau glaubte nicht an Krankheit. Sie meinte, da sei ein Geheimnis dahinter. Mein Himmel, ein dunkles, wenn nicht gar blutiges Geheimnis! Ich habe ihn gar nicht mehr sehen können, ohne daß mich Grauen anwandelte. Die Entlassung wird notwendig werden. Doch habe ich mir vorgenommen, ihn erst noch einmal ernstlich zur Rede zu stellen. Da findet sich eines Tages unter den eingelaufenen Bittschriften auch ein Gesuch von unserem Kammerdiener Lajosch. -- Ich merke, die Herrschaften werden aufmerksam,« unterbrach sich die Königin. »Sehen Sie, das war ganz mein Fall. Neugierde kann man es nicht mehr nennen. Ein Taumel höchster Spannung, unter dem ich die unbehilfliche Schrift entzifferte, die schlechte Behandlung der Landessprache nicht achtete, um das Geheimnis endlich zu enthüllen. -- Ich könnte die Herren nun raten lassen. Doch abgesehen davon, daß Sie es kaum erraten würden, ist es nicht danach. Ich habe ja gesagt, daß es eine tragische Geschichte ist, vielleicht eine tragisch komische -- ich finde es geradezu packend und das Herz seiner Exzellenz wird am Ende doch noch engagiert --«
Denn der General lehnte nachlässig und ziemlich teilnahmslos in seinem Fauteuil und drehte seine Schnurrbartspitze.
»Wir brennen, Majestät!« sagte der Graf.
»Meine Herren, nur Geduld! Es wird episch erzählt,« entgegnete die Königin. »Man sollte das Schriftstück ja eigentlich vorlesen. Aber es ist besser, ich ziehe bloß den Inhalt heraus. Es ist zu rührend. Lajosch dankt für die Auszeichnung, ins Schloß aufgenommen worden zu sein. Er sagt, so gut wie jetzt ihm, sei es in seinem Heimatskomitat noch keinem Menschen ergangen, seit die Welt steht. Nur ein Anliegen trage er, es sei vielleicht dumm, aber er könne sonst nicht leben. Beim Militär sei er es so arg gewohnt worden und bei ihm zu Hause sei ein Mannsbild gar nicht anders denkbar. Gut und Blut wolle er mit Freuden opfern für den König, nur um die eine Gnade bitte er; wenn er schon bei Hof bleiben dürfe, so bitte er um einen Schnurrbart. Daß er nicht wöchentlich dreimal unter das schreckliche Messer kommen müsse, daß er einen Schnurrbart tragen dürfe, das sei sein untertäniges Bitten.«
»Einen Schnurrbart?!« Die Gesellschaft brach in ein unbändiges Gelächter aus.
Die Königin machte eine Gebärde des Mißmutes: »Ich wußte ja, daß Sie lachen würden. Mir war nun aber gar nicht ums Lachen. Der arme Bursche bittet ja um gar nichts anderes, als um seine Persönlichkeit, um das Selbstbestimmungsrecht über sich selbst. Kann man in unserer Zeit der Freiheit und der Menschenrechte um weniger bitten? Kann man um etwas Selbstverständlicheres bitten, als um sich selber? Um seinen Schnurrbart bittet er, der aus seiner eigenen Haut hervorwächst -- und siehe, ~ich kann ihm den Schnurrbart nicht bewilligen~. Ich bin Königin und habe nicht einmal die Macht, zu sagen: Ja, mein Junge, deinen Schnurrbart sollst du haben. Ist das nicht tragisch? Ist es nicht lächerlich tragisch? Wir regieren die Völker, und den Sitten unseres Hauses gegenüber sind wir ohnmächtig. Hofetikette! Die Diener haben stets in vorgeschriebener Livree und glatt rasiert zu erscheinen -- punktum. Welche Palastrevolution, wenn der König entschieden hätte: Lajosch, dir ist gestattet, den Schnurrbart zu tragen! Nach einem Monat prangten alle Diener in Schnurr-, Backen-, Spitz- und weiß der Himmel was für Bärten. Was bliebe dem König übrig, als sich den Bart -- rasieren zu lassen! Es ist ja ein Unding und man kann's nicht ändern, man kann nicht. Wahrlich, diese Bartgeschichte des armen Lajosch hat mich sehr demütig gemacht. Wir, die sogenannten Mächtigen, in welchen Fesseln wir liegen! Spinnengewebe und doch unzerreißbar, so lange wir der Vorurteile nicht Herr werden können.«
»Wenn ich mir eine Bemerkung gestatten dürfte,« sagte mit einer Verneigung der Professor.
»Die kann ich nicht zulassen!« rief halb ernsthaft, halb humoristisch erregt die Königin. »Um höfische Torheiten zu schützen, muß ich die Zensur verhängen. Denn ich weiß, was sie sagen wollen, Professor. Sie wollen sagen, der König habe gottlob doch noch andere Eigenschaften, um sich von den Lakaien zu unterscheiden, so daß er für sich wie für jeden andern die Bartfreiheit unbedenklich gestatten könnte. Dem Könige eines freien Staates gezieme es, von freien Männern umgeben zu sein, selbst in seinem eigenen Hause, so daß das Volk sehe: im persönlichen Dienste des Königs zu stehen sei Rittersart, aber nicht Lakaienart. Das wollten Sie sagen!«
»Ei doch nein, Majestät, so weit hätte ich mich nicht erdreistet --«
»Ich bitte Sie, Professor, Sie sind zufällig glücklicher Besitzer Ihres Schnurrbartes -- behalten Sie ihn oben und gestehen Sie offen Ihre Meinung.«
»Nun allerdings, wenn auch nicht ganz so geradeweg, ungefähr allerdings hatte ich mir so gedacht. Mir fällt nur noch ein, daß man -- anstatt den Schnurrbart bis auf das »Es ist erreicht« aufzustrammen -- auch sagen könnte: Wenn einer, so sollte der König bartlos gehen, weil er der erste -- Diener des Staates ist.«
»Das nenne ich Schnurrbart!« lachte die Königin.
Die Königin-Mutter hatte diesem Gespräche anfangs mit freundlichem Kopfnicken, nun aber mit einiger Unbehaglichkeit zugehört. Sie war auf Besuch im Schlosse und der freie Ton, der hier herrschte, war ihr neu und befremdlich. Sie warf nun die ablenkende Frage ein, ob der arme Lajosch sich getröstet habe.
»Nein, teuere Mama,« antwortete die Königin, »der hat sich nicht getröstet. Wir haben uns trösten müssen. Als er merkte, daß sein Bittgesuch unberücksichtigt bleibe, hat er kurz und höflich den Dienst gekündigt. Noch nie habe ich einen Diener so ungern ziehen sehen als diesen, der seine Existenz dem Schnurrbart opferte.«
»Dem Manne kann geholfen werden,« sagte nun der General. »Ich rekrutiere ihn neuerdings zum Heere. Dort muß der Mann -- sozusagen -- zwar auch manchmal Haare lassen, doch der Schnurrbart bleibt ihm stehen.«
»Ich wußte es ja, General, daß Ihr Herz engagiert wird. Und Sie werden ihn doch gleich wenigstens beim Hauptmann anfangen lassen?«
»Das allerdings, Majestät, dürfte sich schwer machen lassen. Es rückt alles nach der Rangordnung.«
»Auch im Fall, daß einmal Verdienst und Tüchtigkeit --?«
»Alles stets nach der Rangordnung, Majestät.« --
Als der Zerkle aufgehoben war, die Gäste vor der Königin ihre gebührende Reverenz gemacht hatten und davongegangen waren, trällerte der Professor, auf der Straße dahinschlendernd: »Trallala, trallala! Rangordnung! Stehen die Haare vorne, so heißen sie Schnurrbart, stehen sie hinten, so heißen sie Zopf -- trallala, trallala!«
Daß nun der General die Allerhöchste Protektion unberücksichtigt ließ, das hielt er für Schnurrbart, war in diesem Falle aber -- Zopf.
Die Einsiedler.
Vom alten Hofe des Plattenbauer auf der Hohe steigt ein junges Frauenzimmer talwärts gegen die Grazerstadt. 's ist ihr schon seit etlichen Jahren vorgegangen, sie müßt' ins Kloster gehen. 's ist nichts, weltlicher Weise, 's freut sie nichts mehr, so lustig sie früher einmal ist gewesen. Bauernweis' ist allerweil arbeiten, aber der Mensch kann nicht genug beten. Immer ist ihr auch nicht so zu Mut gewesen. Aber -- die lieben Leut' laufen davon oder sterben ab.
Abgestorben ist ihr Vater vor zwölf Wochen und jetzt hat sich's herausgestellt, daß sie ihrem Wunsch kann nachgehen. Zweihundert Gulden und noch was dazu hat sie Erbschaft. Jetzt hindert sie nichts mehr daran, sie kann in's Kloster gehen. Aber wie fängt man das lauter nur an? In der Grazerstadt gibt's ja Klöster genug, um den ganzen Schloßberg herum. Doch sie sagen, der Kaiser wollt' sie abstiften. 's wird nicht wahr sein, so grob wird er doch nicht sein. Wer schon einmal drin ist, wird ja sitzen bleiben dürfen. Aber wie hineinkommen? Halt aufnehmen werden sie niemand mehr wollen. Frauenkloster natürlich! Einen Bekannten wüßt' sie wohl, der sie könnt' weisen und der's gewiß auch gerne tät, weil er selber auch ist in die Buß' gegangen. Aber mein Eid, wo wird dieser Mensch zu finden sein. In einer Schloßberghöhle, hört man, soll er Einsiedler sein. Aber Schloßberghöhlen gibt's viele und in etlichen, sagen sie, täten Räuber hausen. Da kann ein schwach Weibsbild doch nicht gehen suchen. Daheim die Knechte haben eh schon g'lacht. Daß man's nit tät wissen, ob der Markel ein Einsiedler sei worden oder ein Räuberhauptmann. 's ist nur G'spött, weiß doch jeder, daß es dem Markel um den Himmel geht und nit um die Höll. Wenn er die Höll' hätt' wollen, hätt' er auch in Rinneg verbleiben können und ich hätt' leicht Ursach' sein können; nein, vor dem hätt' ih mich nit lang mögen derwehren. Aber jetzo, wenn er in der haarenen Kutten steckt -- und die Raben werden ihm mit dem täglichen Brot auch nit gar zu ratlich (reichlich) sein -- da wird er schon frumm Lampel worden sein. Der kunnt mir freilich raten, der Markel. Wills halt doch probieren, ob ich ihn find.
Das waren der Maid trautsame Gedanken, als sie herabstieg von der Plattenhöhe. Ein gesund Bröckel Weibsbild war's: wie alt, wie schön, das weiß man nicht genau. Sie hatte einen Stecken bei sich und um die Faust, in der sie ihn hielt, einen Rosenkranz gewunden, da war sie doch wehrhaft genug. Im Mariagrünerwald sah sie einen Hasen; er war vor ihr über den Weg gelaufen -- von links nach rechts. Das hat was zu bedeuten. Bei den Elisabetherinnen wird sie aufgenommen -- sicherlich. Lauf' nur, lauf' Has', daß dich der Jäger nit derwischt! Um dich wär's schad. Oder gar bei den Ursulinerinnen! Wenn sie fromm ist und zweihundert Gulden mitbringt! Aber sie kennt sich nit aus in der großen Herrenleutstadt. Ein einzigesmal ist sie drinnen gewest mit Milch. Hat ihr einer's Geld herausgelogen. Seitdem nimmermehr. Ganz schlechte Leut und ganz gute Leut sind bei einand in so einer Stadt. Achtgeben muß man.
Ein Obersteirer begegnet ihr, oder wer er ist. Just so gewandet mit der ledernen Kniehose und dem grünen Hut. Der lange schwarze Backenbart dazu, der steht nit gut. Da tät ehenter ein Schnurrbartel gehören. -- Wie er vorbei ist, wendet die Maid sich um und schaut ihm nach. Der, wenn er nit so ein Bauerngewand tät anhaben. Den möcht' eins für den Mariagrüner Waldbruder halten -- so ähnlich ist er ihm. Den kunnt sie eigentlich auch aufsuchen, den Waldbruder. Nein, da geht sie doch lieber zum Markel, mit dem ist sie besser bekannt. Lachen wird er schon, der, daß sie jetzt auch so was Heiliges will werden.