Chapter 10 of 47 · 3971 words · ~20 min read

Part 10

Den Fumo, der von der Anwesenheit eines Weißen in seinem Dorfe unterrichtet worden war, traf ich, beim Betreten seiner Hütte, damit beschäftigt, eiligst Ordnung im Vorraume zu schaffen, mit der löblichen Absicht dem einkehrenden Gaste einen freundlicheren Anblick zu gewähren. So eigenartig wie die Umgebung, so auffällig war auch die Persönlichkeit, die mir entgegentrat. Stark und kräftig gebaut, mit energischen Zügen und schwarzem Vollbart, war diese Erscheinung ganz darnach angethan einen kleinen Herrscher vorzustellen, und so auffallend selbstbewußt ist mir selten ein schwarzer Mann entgegengetreten.

Nach kurzem Austausch über das Woher und Wohin ersuchte ich den Fumo mir gegen gute Bezahlung (etwa +à+ Mann zwei Ellen Zeug) vier seiner Leute stellen zu wollen, denn meine Lasten seien zu schwer, weshalb ich einige Leute bis Chilomo bedürfe. -- Unverzüglich traten auf Befehl des Fumo vier kräftige junge Männer an und als ich deren Namen aufgeschrieben hatte, was in ihren Augen ein bindender Akt ist, erkundigte ich mich noch beim Häuptling über Naturalien, Mais und Mtamamehl etc.; erfuhr ferner auch, daß die Festlichkeit im Dorfe eine Hochzeitsfeier sei, wobei er die Bezeichnung machte, es seien alle Theilnehmer berauscht und viel Pombe getrunken worden; lachend gab ich ihm die Hand und Kehrt, Marsch ging es aus dem Dorfe hinaus in das Waldesdunkel hinein.

Nach den unklaren Angaben zu urtheilen, welche die Träger über die Länge des Weges machten, schien es fast möglich zu sein noch an diesem Tage Chilomo erreichen zu können, wenn auch gewiß nicht vor anbrechender Nacht. Indes die Anforderungen, welche an die Träger gestellt werden mußten, würden große sein, deshalb das Gewisse dem Ungewissen vorziehend, ließ ich in nicht so eiliger Hast die letzten 25 Kilometer zurücklegen und gemächlicher marschiren, fand daher auch mehr Zeit und Muße die wilde Natur um mich beobachten zu können.

Neben den schillernden Schmetterlingen und im Sonnenstrahl goldglänzenden Käfern, sah ich häufig eine ganz kleine Vogelart, deren Gefieder unauffälliger war als das des schillernden Kolibris, sonst waren die Thierchen ebenso flink und gewandt, nur nicht mit so überreicher Farbenpracht ausgestattet, wie die gütige Natur den kleinsten ihrer gefiederten Geschöpfe bedacht hat. Eine Art Wiedehopf mit schönem grauen Kleid, sowie Spechte, die geschwind an den hohen Baumstämmen auf und nieder kletterten, wilde Tauben, deren Gurren durch die Waldstille klang, Feld- und Perlhühner, führten in dieser Einsamkeit ein ungestörtes Leben.

Oft senkte ich das tödtliche Rohr, um nicht diesen Waldfrieden durch ein weitschallendes Echo zu stören, mehr aber, um die friedlichen Geschöpfe, die so harmlos und ohne jede Furcht ahnungslos den Tod empfangen hätten, zu verschonen. Manche schöne, seltene Blume blüht auch im Gebüsch oder Schatten des lichten Waldes -- aus ihren Kelchen trinken summende Bienen in Gemeinschaft mit Käfern, denen der tief im Innern des Kelches verborgene Tautropfen ein Wonnetrank ist; ebenso würden vielfältige Strauch- und Baumarten einem Botaniker zum Studium dienen können. Auch eine Kactusart, die nur lange stachlige Blätter aufwies, fand ich an den Wegen vor, eigentlich an Orten, wo die Sonnenstrahlen im Walddickicht freieren Zutritt hatten. In Rissen oder anderen durch das eigenartige Gebilde dieser Pflanze ausgewachsenen Vertiefungen fanden sich immer kleine von nächtlichem Thau gefüllte Wasserbehälter vor, und Insekten sowie kleinere Vögel suchten hier stets ihren kühlen Morgentrunk, von vorsorgender Hand bereitet, zu erlangen.

Am nächsten Morgen, während wir über Nacht nochmals die Gastfreundschaft eines Dorfhäuptlings in Anspruch genommen hatten, kamen wir nach einstündigem Marsche in ein zerrissenes Terrain, wo unzweifelhaft an den Abhängen des Waldgebiets die Fluthen des Schireflusses einst vorbeigerauscht sind und ihre Kraft erprobt haben; denn deutlich war das alte Ufer noch zu erkennen, das steil und hoch sich gegen die weite tiefliegende Grasebene abhob. Quer durch diese weite Grassavanne, die recht geeignet ist dem Wilde als Tummelplatz zu dienen, das sich bei Tage in den Schatten der Wälder zurückzieht und nur in den Abendstunden oder am frühen Morgen zur Aesung und Tränke geht, schritten wir hin und suchten uns anfänglich aufs Geradewohl einen Weg, nur die Richtung hielten wir ein nach welcher hin das Lager von Chilomo liegen mußte. Erst als befürchtet werden konnte, daß einige Nachzügler irre gehen würden theilten wir die Leute in drei Abtheilungen ein, sodaß jeder Europäer einen Zug führte. Darauf hielten wir uns so, daß möglichst in gleicher Höhe jeder für sich durch das Grasmeer, in dem nichts als der Himmel über uns zu sehen war, vorzudringen suchte. Ein Abweichen oder Verirren wurde durch beständigen Zuruf und Antwort vermieden. Diese Art des Marschirens wählte ich deshalb, weil es für den Europäer leichter ist die dichtaufgeschlossen gehenden Träger zu kontrolliren, indem er dann nur wenige Mann zu überblicken brauchte, soweit dieses in dem wogenden Gras überhaupt möglich war. Gingen wir hingegen in langer Linie vor, würde bald der eine oder andere der Träger durch das scharfe Gras oder durch einen eingetretenen Dorn verletzt aus der Reihe seitwärts treten und zurückbleiben, während das Gros vorwärts geht und ist man schließlich aus dem Grase heraus, hat freieres Terrain gewonnen, dann heißt es auf die Nachzügler lange warten; oft sind auch noch Leute wieder zurückzusenden, die durch Rufen die im Grase Irrenden den rechten Weg weisen. Es war gut, daß ich Tags zuvor nicht durch einen forzirten Marsch das Lager zu erreichen gesucht hatte, denn in der Dunkelheit, wenn bereits die Grasebene erreicht worden wäre, menschliche Wohnungen welche weit hinter uns gelegen und wir vorwärts hätten gehen müssen, würde es uns wohl unendlich schwer geworden sein, in solchem Grase den rechten Weg zu finden.

Wollte ich nun ein Urtheil über den zurückgelegten Weg abgeben, so kann ich behaupten, daß derselbe für unsere Feldbahn befahrbar ist, da nicht sonderlich große Hindernisse wegzuräumen sind, allerdings würde sich der Zug an der Waldlisière halten, auch einige Waldpartien durchschnitten werden müssen, um nicht zu große Umwege zu machen, ebenso würden hin und wieder Bäume zu fällen sein; diese Arbeit wäre indes von geringerer Bedeutung, eher wäre zu befürchten, daß Mangel an Trinkwasser uns zwingen wird, dem Flußufer nahe zu bleiben. Trifft dieses zu, dann sind wir den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt und die Arbeit muß uns doppelt schwer werden. Der letzte Theil des Weges, der weniger eben, mehr wellenförmig ist, würde etwas schwieriger zu befahren sein, indes glaube ich, daß dieses hügelige Terrain sich umgehen ließe, wo nicht, bietet der Rand der Grasfläche immer noch ein passables Fortkommen.

Sollte es übrigens Wirklichkeit werden und die Feldbahn in Anwendung kommen, auch die erwartete Hilfe in Chilomo eintreffen, würden die Unebenheiten des zu nehmenden Weges mit so großer Anzahl Menschen leicht zu überwinden sein, um so eher als für das Legen des Schienengeleises kein geebneter Boden erforderlich ist.

Im Lager angekommen, das an einer flachliegenden Stelle dicht am Flusse angelegt worden war und insofern ungünstig lag, als bei starkem Regenfall dasselbe unter Wasser stand, fand ich mich in der Erwartung, die angekündigten Leute hier anzutreffen, getäuscht, auffälliger noch fand ich es, daß von einem Anmarsch der 500 Mann keinem etwas bekannt geworden war. Somit hatte ich bis zum Eintreffen weiterer Ordre hier geduldig zu warten, und trat zunächst, um einen anderen Auftrag zu erledigen, mit dem englischen Gouvernementsbeamten Mr. Hiller in Verbindung. Es handelte sich nämlich um die Verlegung unseres Lagers nach der anderen Flußseite, wo das Ufer hoch und steil war, demnach auch ein besserer und trockenerer Platz gefunden werden konnte. Die Wohnhäuser und Schuppen lagen hier etwa 100 Meter zurück und würden durch die Aufstapelung unserer Lasten nicht behindert werden, sollte es aber wirklich den Engländern nicht genehm sein, die deutsche Expedition in unmittelbarer Nähe zu haben, war immer noch die von der Mündung des Rnoflusses und dem Schire gebildete Landspitze frei, wo reichlicher Platz vorhanden. Nur insoweit war die Lage ungünstig, als hier am senkrecht steilen Ufer ein Aus- und Einladen unserer schweren Eisentheile äußerst schwierig wurde. Ich fand nun zwar nach eingehender Erörterung ein williges Gehör und ein Entgegenkommen insoweit, als ich zwischen der erwähnten Landspitze und eines weiter flußaufwärts liegenden Platzes, der aber fast schlechter war als der alte Lagerplatz, zu wählen hatte. Meine Entgegnung, daß der erste überhaupt nur in Frage kommen könne und dann für uns auch nur von Werth sein würde, wenn ich die Erlaubniß erhielte, einen Einschnitt in das hohe Ufer machen zu dürfen, wo hinauf wir, gleich wie an anderen Anlegestellen, unsere Lasten bringen könnten, wurde mit der Erwiderung zurückgewiesen -- solche Demolirung des Flusses werde nicht gestattet! Alles, was ich daraufhin noch erlangte, war, daß ich an dem Orte, wo Major von Wißmann schon Militär-Effekten und Proviant gelagert hatte, noch mehr Lasten hinschaffen lassen konnte. Mit dieser Arbeit ließ ich denn auch sofort beginnen und mittelst unseres hier befindlichen kleinen Stahlbootes und einiger Canoes gefährdete Sachen zum anderen Ufer, wo der erste Maschinist Spenker die Aufsicht führte, hinüberschaffen.

Am dritten Tage traf ein flußaufwärts kommender Leichter in Chilomo ein, der so weit vorgedrungen war, als es die Wasserverhältnisse irgend gestattet hatten und, wenn auch Katunga nicht erreicht worden war, nochmals eine Zwischenstation hatte errichtet werden müssen, so war ein Theil des Transportes wenigstens eine beträchtliche Strecke weiter vorgeschoben worden. Kurz darauf traf auch der zweite Leichter, von Port Herald kommend, hier ein, so daß ich beide noch nach schnellem Um- und Beladen flußaufwärts nach der Etappen-Station expediren konnte, ehe ich mich zur Abreise fertig machte, um den laut Nachricht bereits aufgebrochenen Eisenbahntransport aufzusuchen. Ein längeres Warten auf die Ankunft der 500 Leute oder auf bestimmte Nachricht war zwecklos, allem Anschein nach auch vergeblich, sofern bei Katunga die Arbeiterverhältnisse nicht ganz entgegengesetzte wären wie hier, wo nicht mal Leute aufzutreiben waren, um die Besatzung der Leichter zu vervollständigen.

Gleichzeitig sei hier erwähnt, daß die Führung der Leichter auf dem Schireflusse keine Kleinigkeit war und dies um so mehr, als häufig unzureichende Kräfte vorhanden gewesen sind, um solch großes Fahrzeug zu ent- und beladen. Die größte Kunst aber lag darin, einmal angeworbene Leute auch festhalten zu können, die, eingearbeitet, von großem Nutzen sein konnten, wohingegen eine stets nach jeder Tour wechselnde Mannschaft dem Europäer die Arbeit gewiß nicht erleichterte.

Alles lag an die Behandlung der Leute. Ausnahmsweise gut verstand der Schmidt »Brückner« die Eingeborenen zu nehmen, gerecht und gütig gegen dieselben, konnte er Erfolge aufweisen, die ich mit meiner Erfahrung ihm schwerlich hätte nachgemacht; lag es auch zum Theil daran, daß er ein guter Schütze war und möglichst für Fleisch für seine Leute sorgte, so war doch die Aufmunterung und verständige Behandlung die Hauptsache dabei.

Engelke und Riemer, die mit mir den Marsch nach Chilomo gemacht hatten, wurden auch weiter nach Katunga und Etappe kommandirt, um auf diesen Stationen die Aufsicht zu führen.

Am nächsten Tage traf de la Fremoire, von Katunga kommend, in Chilomo ein mit der halb schon vermutheten Nachricht, daß nicht ein Mann zur Unterstützung der Transportexpedition hat gesandt werden können, der Major sei vielmehr gezwungen, mit seinen Soldaten die in Stücke zerlegte Sektionsboote über das Schiregebirge schaffen zu lassen, da auch dort keine Träger zu bekommen seien. de la Fremoire, mit Ordre für von Eltz versehen, mußte schnell weiter und, da doch nun das kleine Stahlboot benutzt werden mußte, so beschloß ich, die Fahrt mitzumachen.

In kühler Abendstunde auf den ruhigen Fluthen der Schire hinziehend, war es eine Wohlthat, die frischen Lüfte einathmen zu können, die aus den Grassavannen und Wäldern herüberwehten und den Körper ungemein erfrischten; bis in die Nacht hinein glitten wir auf den schimmernden Wassern hin -- dem eintönigen Gesang der Ruderer lauschend, die im gleichmäßigen Takt ihre Paddel gebrauchten und das Boot schnell vorwärts trieben. Erst als das Bedürfniß nach Leibesnahrung sich fühlbar machte, dachten wir daran, einen Anlegeplatz aufzusuchen, wo an schnell entzündeten Feuern einige Eier gekocht werden konnten, die wir im Lager noch erhandelt hatten und jetzt mit einem Stückchen Hartbrot verzehrten.

In Decken gehüllt, der Sternenhimmel unser Zelt, legten wir uns bald unter die aufgestellten Mosquitonetze nieder, um von den blutdürstigen Mücken, die im Gebüsch zahlreich vertreten waren, verschont zu bleiben. Nur der einsame Posten, Gewehr im Arm, hatte über die Schläfer zu wachen und die Feuer zu unterhalten, deren beißender Qualm die summenden Mosquito fern halten sollte.

Auf der Weiterfahrt am nächsten Morgen, im Schatten der überhängenden Gebüsche, die mit Lianen undurchdringlich verwoben waren, hatten wir besondere Gelegenheit, die zersetzende Kraft der Wasser zu beobachten, wie diese langsam das Erdreich abspülten und mit unfehlbarer Sicherheit jeden am Ufer stehenden Baum zum Fallen bringen mußten. Als wir vor den Gluthen der Mittagssonne Schutz im kühlen Baumschatten suchten, bemerkten wir am nicht fernen Waldessaum ruhig äsende Wasserböcke; es gelang auch Fremoire, diese anzupirschen und ein stattliches Thier zu erlegen.

Nach kurzer Rast ging es wieder flußabwärts; erst gegen Abend hörten wir von Eingeborenen, daß die Feldbahn landeinwärts vorüberziehe, und schnell einen Anlegeplatz suchend, erreichten wir dieselbe nach kurzer Zeit.

6. Der Eisenbahn-Transport. Das Lager bei Umpassa.

Nur zwei Tage später, nachdem ich Port Herald verlassen hatte, am 26. Oktober, war von Eltz mit dem Transportzug aufgebrochen, und obgleich nur 198 Mann gestellt worden waren, ging es auf dem geebneten Wege zwar langsam aber stetig vorwärts, so daß 13 Schienenlängen +à+ 400 Meter, mithin über fünf Kilometer am ersten Tag zurückgelegt wurden. Diese Leistung kann nur auf den guten Willen der Leute, auf welche das Neue einen großen Reiz ausübte, zurückgeführt werden; denn bedenkt man, da je zwei Mann ein Schienenjoch trugen, alle Leute mindestens zwei Mal einen Weg von 400 Meter zu machen hatten, ehe das Geleise hinter den Wagen abgebrochen und vorne wieder angelegt war, dann noch auf nicht gerade plattem Boden die Wagen vorschieben mußten, so wird es erklärlich, wie anstrengend solche ununterbrochene Arbeit für Menschen, die noch nie dergleichen gethan hatten, sein mußte. Auch trug der Umstand, daß während der ersten Tage der Weg durch lichten Wald genommen werden konnte, viel dazu bei, die Kräfte zu erhalten; im kühlen Schatten war die Arbeit eine wesentlich andere, als wenn solche in der glühenden Sonne hätte vollbracht werden müssen.

Indessen, als ich am 31. Oktober Abends die festgefahrenen Wagen noch entladen ließ, um diese wieder auf die Schienen heben zu können und das zerrissene Geleise wieder herstellte, fiel mir schon eine bedenkliche Muthlosigkeit auf, wenigstens von einem Eifer für die Sache war nicht viel zu bemerken. Diese Abspannung und Unlust bedingte auch, daß das Resultat der Arbeit jeden Tag geringer geworden war, bis schließlich jeden Tag während 8 Arbeitsstunden nur etwas über drei Kilometer zurückgelegt wurden. Ein Antreiben der Leute zur größeren Thätigkeit hatte nur zur Folge, daß durch Deserteure die Zahl vermindert wurde und den Bleibenden die Arbeit so viel schwerer fiel.

Leider waren wir schon am nächsten Tage gezwungen, den schattigen Wald zu verlassen und näher dem Flusse, in die Grasebene hinaus, den Zug zu leiten, da auf eine weite Strecke das Waldterrain nun zurücktrat. Wir hätten auch beim Verfolgen des alten Weges nicht Wasser gefunden und mußten somit der Nothwendigkeit gehorchen und dem Flusse nahe bleiben. Ich hatte seiner Zeit für den Victoria-Nyanza-Transport tragbare Fässer anfertigen lassen, die nun für uns von großem Nutzen wurden, indem für die beträchtliche Anzahl Menschen wenigstens für einen halben Tag Wasser mitgeführt werden konnte. Blies aber die Trompete Mittags oder Abends »das Ganze Halt«, dann war auch für die Leute kein Halten mehr, ob der Schire-Fluß weit oder nahe, hin mußten sie; daß sie aber freiwillig die leeren Fässer mitnahmen und füllten, daran dachten sie nicht, jedes Mal mußten erst welche dazu kommandirt werden.

So lange die feuchtkalten Morgennebel noch über die Ebene wallten, wurde eine größere Regsamkeit bei allen Leuten Bedürfniß; war man doch ohne jeglichen Schutz, höchstens daß über dem Feldbett ein wasserdichter Plan ausgebreitet wurde, der kalten Nachtluft ausgesetzt worden.

Stets an der Tete, wies ich der Bahn den Weg, und hatte besonders auf das Legen des Schienengeleises zu achten; war das letzte Joch gelegt worden, kehrte ich den Weg zurück und ließ die Wagen vorschieben. Der vorderste Wagen, der die Kurven und sonstigen Geräthe enthielt, wurde immer von dazu angestellten Suaheli, gleichzeitig mit den vorausgelegten Schienen vorgeschoben, um alles Benöthigte gleich zur Hand zu haben. Im Uebrigen waren die Europäer, unser 6 Mann, so vertheilt, daß zwei hinten das Aufnehmen des Geleises beaufsichtigten, zwei bei den Wagen als Bremser fungirten, während ein Proviantmeister, der mit Hülfe der Diener und Köche für das leibliche Wohl zu sorgen hatte, sich am Transport nicht zu betheiligen brauchte.

Im Vorgehen das übermannshohe Gras noch niederzuschlagen, dazu fehlte es an Leute, darum, wo es nicht unbedingt nothwendig war, den Weg zu ebnen, ließ ich die Schienen einfach weiterlegen -- durch die Last der Wagen wurde dann dasselbe schon genügend niedergebrochen. Nur unsere armen Kerle mit ihren nackten Beinen litten sehr darunter, fortwährend hockten einige nieder und zogen sich gegenseitig die eingetretenen Stacheln und Dornen aus dem Sohlleder ihrer Füße; das schilfartige Gras wurde höchst lästig für uns. Ebenso wurden bei dieser schweren Arbeit die Strahlen der niederglühenden Sonne oft unerträglich, und um dieser Gluth zu entgehen, legte man sich in den Ruhepausen gerne unter die Wagen, nur um ein wenig Schatten zu finden. Kein Wunder war es daher, daß uns die Leute erschlafften -- nach Negerart sich von der Arbeit zu drücken suchten und uns wenigen Europäern es sauer machten; sie mußten fortwährend aufgetrieben und zur Arbeit angehalten werden.

Jeden Morgen, sobald die Aussicht frei, d. h. die wallenden Nebel von den Sonnenstrahlen zerstreut waren, sahen wir an der Waldlisiere oder an erhöhten Punkten in der Ebene einige Busch- oder Wasserböcke, die zu uns herüberäugten, und meistens war es von Eltz, der schon früh zur Jagd aufbrach und sich an das Wild heranpürschte, auch fast immer 1 bis 2 Stück mitbrachte; indessen ich mit der Bahn weiterzog und während der kühlen Morgenstunden auch vorwärts kam.

Am dritten Tage endlich näherten wir uns wieder dem Walde und wo derselbe an seiner Kante licht genug war, so daß wir uns mit der Bahn zwischen Baum und Buschwerk durchschlängeln konnten, wurde derselbe schon des Schattens wegen aufgesucht; lagerten wir aber nach des Tages harter Arbeit im Walde, dann horchte man auf das Lied manches gefiederten Sängers, der in der erfrischenden Abendkühle jetzt erst sein Danklied schmetterte; dazu die girrende Taube, das lockende Perlhuhn -- wären nur die Mosquito barmherziger gewesen, solch ein Waldkonzert hätte man ungestörter genießen können.

Näherten wir uns hügeligem oder unübersichtlichem Terrain, so war die Einrichtung getroffen worden, den zu nehmenden Weg durch eine vorausgehende Kolonne mittelst weißer Fähnchen, welche an langen Bambusstangen befestigt waren, bezeichnen zu lassen, denn vorspringende Waldkanten behinderten des öfteren die Fernsicht, auch konnten wir nicht wissen, ob das wegelose Gebiet vor uns nicht unerwartete Hindernisse ausweisen würde.

Im Allgemeinen war das Fortschreiten mit der Bahn noch immer ein befriedigendes zu nennen; auch gab ich mir Mühe begangene Fehler dadurch auszugleichen, daß ich die Leute nicht mit überstürzender Hast arbeiten ließ, mehr im Guten sie aufforderte ihre Pflicht zu thun und ihnen zeigte wie sie sich die Arbeit erleichtern konnten, anstatt sie durch harte Worte und gar Drohungen abzuschrecken. Ich konnte daher auch gerne den einen oder anderen, wenn sie sich widerwillig zeigten, mit der Hand einen Klapps auf das nackte Fell geben, das schadete nichts, so lange sie nur wußten, daß es nicht ernst gemeint war, und ich fand die Leute immer willig meinen Anweisungen Folge zu leisten. Dennoch fehlten jeden Abend, wenn die Leute flüchtig nachgezählt wurden, einige und in 10 Tagen waren uns 63 Mann desertirt.

Dieses Resultat fanden wir, als wir uns dem Dorfe Umpassa genähert hatten (also annähernd ein Weg von 30 Kilometer zurückgelegt war) und hier durch Herrn von Eltz ein Namensaufruf der gesammten Mannschaft vorgenommen wurde. Nun zeigte es sich erst wie bald wir mit der Möglichkeit zu rechnen haben würden die Bahn nicht mehr fortbringen zu können, wenn in gleicher Weise die Leute uns verließen; darum der Sache herzlich überdrüssig, mit der Ueberzeugung, daß wir doch nicht Chilomo erreichen würden, wollte Herr von Eltz schon am nächsten Morgen den Transport verlassen und ich sollte denselben so gut oder schlecht weiter führen, als es mir möglich wäre. Das Ende aber war näher als wir dachten.

Die folgenden Thatsachen in Erwägung ziehend, kann ich nicht umhin zu erwähnen wie leicht abergläubische Furcht den Sinn des Negers verwirren kann, nämlich die Aufrufung aller Namen machte schon auf die Leute einen peinlichen Eindruck, um so mehr, als die betreffenden Capitaos für das Weglaufen der ihnen unterstellten Leute verantwortlich gemacht und für ihre Achtlosigkeit mit Strafe bedroht wurden, wiewohl diese, wenn ihr Einfluß nicht groß genug war, keinen der weglaufen wollte, hätten halten können, ebensowenig wie wir Europäer es im Stande gewesen wären. Ferner kam dazu, daß am Abend dieses 4. Novembers die noch Tags vorher im hellen Glanz erscheinende Mondscheibe nicht sichtbar wurde, sondern bald nach Sonnenuntergang sich tiefe Dunkelheit über die Erde ausbreitete, und erst später, als der Mond schon einen beträchtlichen Bogen über den Horizont zurückgelegt hatte, kam allmählich seine Scheibe wieder zum Vorschein; es war eine totale Mondfinsterniß eingetreten. Solchen Phänomina legt der Eingeborene nun eine weittragende Bedeutung bei, aus dem Grunde, weil er sich das Auftreten derselben nicht erklären kann und schreibt diesen einen großen Einfluß auf seine Handlungen zu, je nachdem er sie als gutes oder böses Omen zu betrachten geneigt ist. Mit dem Gesagten wollte ich nur andeuten, daß diese Vorgänge nicht ganz ohne Einfluß auf die Absicht der Leute, uns im Stiche zu lassen, geblieben sind und die nur eines Anlasses bedurfte, um zur Ausführung zu kommen.

Im Uebrigen war dieses Naturereigniß für einen aufmerksamen Beobachter ein fesselndes Bild. Die klare Atmosphäre durch kein Wölkchen getrübt, leuchtete der wundervolle Sternenhimmel in hehrster Pracht -- von welchem herab die fernen Welten ihr Licht in das Weltall hinaussendeten und dem Menschen auf der kleinen Erde verkündeten, daß in unendlicher Ferne Millionen Körper um Sonnen kreisen, die viel gewaltigere Dimensionen haben müssen als die, welche Licht und Leben spendend unsere Sonne heißt -- dazu die weite Wildniß, unabsehbare Grasebene und landeinwärts tiefdunkler Wald! Entlang der Wagenreihe lodern die Wachtfeuer zum nächtlichen Himmel empor, von denen her dumpfes Gemurmel vieler Menschenstimmen, die sonst herrschende Stille unterbrach. Im fernen Osten wird nun ein schmaler Streifen goldenen Lichtes in Form einer Sichel sichtbar -- breiter und breiter wird der glänzende Rand, man sieht wie sich scheinbar ein dunkler Körper an der Mondscheibe vorüberschiebt, bald fluthet magisches Licht wieder durch den Weltenraum auf die dunkle Erde hernieder und bleicht den Glanz der goldenen Sterne; bis nach Verlauf einer guten Stunde der Vollmond, von dem schwarzen Schatten der Erde befreit, wieder sein volles Licht über die wilde Scenerie und den weiten Fluren Afrikas ergießt.

Die ausgesprochene Absicht des Führers, den Transport zu verlassen, führte noch am selben Abend zu Unterhandlungen mit dem mir bereits bekannten Häuptling Tengani, der eine Anzahl Träger und Maschillaleute stellen sollte. Letztere, gewöhnlich 12 bis 16 Mann stark, tragen den Reisenden in einer Art Hängematte, die mit ihren beiden Enden an einer starken Bambusstange befestigt ist, schnell vorwärts, indem sich die Leute fortwährend abwechseln und im kurzen Laufschritt imstande sind, in einem Tage eine weite Strecke Weges zurückzulegen.

Es ist dieses zeitweise ein angenehmes Reisen, insofern man nicht auf schlechten Wegen mühselig wandern braucht, und jeder Europäer benutzt eine Maschilla, wenn ihm die Mittel dazu zur Verfügung stehen; man hat aber auch darauf zu achten, daß die Leute sicher und zuverlässig sind, denn es ist nicht so ganz ungefährlich, da das Ausgleiten oder Stürzen eines Mannes für den Getragenen schlimme Folgen haben kann, wenn er ebenfalls mit der ganzen Wucht des Körpers auf den Erdboden oder gar Gestein aufschlägt. Mehrmals habe ich später das Pech gehabt, durch Ausgleiten eines Mannes auf schlüpfrigem Boden, Bekanntschaft mit diesem oder einer Wasserpfütze machen zu müssen.

Der Fumo Tengani indes war nicht sonderlich erbaut davon, Träger und Maschillaleute stellen zu sollen, und die leere Ausflucht, er habe keine Leute, oder werde erst nach solchen senden, hieß so viel: den ihm mißliebigen Europäer nicht unterstützen zu wollen. Auch am nächsten Morgen, als wir mit der Bahn mitten durch sein Dorf hindurchzogen, blieben erneute Verhandlungen erfolglos, sodaß anzunehmen war, er wolle nicht helfen, trotzdem ihm ein Geschenk und hohe Bezahlung zugesichert wurde.