Part 19
Endlich rückte der Zeiger der Zeit auf die letzte Viertelstunde; die letzte Minute des entschwundenen Jahres fand alle vor dem Zelt des Majors versammelt, und als die Zeitsekunde der Uhr hinübersprang ins neue Jahr, erscholl durch die Stille der Nacht aus deutschen Kehlen ein fröhliches »Prosit Neujahr« -- im selben Moment flammten die Windlichter auf und zischend fuhr eine Rakete hoch in die Lüfte, ein buntstrahlender Kugelregen senkte sich zur Erde nieder. Ehe ich aber eine zweite entzünden konnte, war der Befehl zum Aufhören gegeben. Der Major wollte nicht, daß die Bevölkerung durch solche ihnen unbekannte Erscheinung in Aufregung versetzt würde, was nicht so unwahrscheinlich, wenigstens hätten wir bald genug Zuschauer gehabt -- so hatte denn das Feuerwerk mit dieser einen Rakete ihr Bewenden. Nicht lange währte es, dann war auch der letzte Tropfen ausgetrunken, eine fröhliche Stimmung aber wollte nicht zum Durchbruch kommen -- als lastete etwas drückendes auf Jedem. Keiner wußte den rechten Ton anzuschlagen. -- Darum herrschte auch kurz darauf die frühere Stille wieder und nur, als ich auf meinem harten Lager auf kalter Erde gebettet, den Schlummer suchte, hörte ich den gleichmäßigen Schritt der Wachtposten noch, bis der Traumgott auch mir die müden Augen schloß. Ein tiefer Schlaf mußte mich doch umfangen gehalten haben, denn ich war durch den niederstürzenden schweren Regen, sowie von dem Geräusch, welches Franke im Kampfe mit den Ameisen im Zelt verursachte, nicht erwacht, auch davon, daß die kleinen gereizten Thiere ihn in das Freie und zur Flucht getrieben hatten, war mir nichts bewußt; umso überraschter aber war ich, als am Morgen, vom Trompetensignal ermuntert, der Boden um mich von schwarzen, einen Centimeter langen Ameisen wimmelte, die nach allen Richtungen hin und wieder liefen und in Schaaren aus einem dicht an der Wand errichteten kleinen Erdhügel aus- und einströmten. Ich kannte diese Sorte zu gut, darum vorsichtig die über mich hinwegwandernden Züge eine andere Richtung zu geben suchend, wollte ich mich erst nothdürftig ankleiden und dann die Decken aufraffen und ins Freie zu kommen versuchen.
Allein, schon meine Bewegungen hatten die Thierchen stutzig gemacht -- wild durcheinander im Kreise herum liefen sie und schienen eine Gefahr zu fürchten, als wollten sie dieser Uebermacht entgegentreten, kamen tausende aus dem Bau wie auf Kommando hervor .... Sehr beeilen mußte ich mich, wollte ich nicht meine Sachen von den nun wüthenden Thieren überlaufen sehen, daher erst halb bekleidet, trat ich entschlossen mitten hinein, raffte alles auf und warf das große Bündel aus dem Zelt; war mein Thun aber auch mit Gedankenschnelle vollführt, hatten doch die Ameisen Zeit gefunden, am Körper hochzulaufen, wovon eine Anzahl den Weg zur blossen Haut gefunden, die nun, als ich mich durch schnelle Flucht den Schaaren entzogen und im Freien sie abzusuchen begann, ein solch höllisches Kneifen auf dem ganzen Körper unternahmen, daß ich umhersprang als würden mir hundert glühende Nadeln zugleich in die Haut getrieben; wäre es angängig gewesen, hätte ich mich am liebsten in den nahen Fluß gestürzt, um diese Quälgeister loszuwerden. Es war eine entsetzliche Tortur und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich von den festgebissenen Thieren befreien konnte, d. h. jedes Stückchen Zeug mußte ich ausziehen und die Ameisen aus dem Wollstoff absuchen oder tödten.
Uebrigens erging es mehreren Herren, die ihre Zelte ganz in der Nähe aufgeschlagen hatten, nicht besser; noch nie war ein solch Hasten und Jagen vorgekommen -- der Europäer tanzte und schimpfte, die schwarzen Diener sprangen wie besessen umher und alle suchten die Boote zu erreichen. Das Beste aber kam, als die zum Zelteaufrollen abkommandirten Soldaten diese niederlegten -- zu Hunderten liefen die Ameisen an den nackten Beinen und Armen hinauf, plagten und bissen die Leute fürchterlich; grotesk waren die Sprünge, welche die armen Kerle aufführten, um nur aus dem Bereich der wüthenden Thiere zu kommen. Obgleich nicht minder geplagt gewesen, konnte man sich doch bei solchem Anblick nicht des Lachens erwehren, es war wirklich über die Maßen possirlich, welche Stellungen die Leute einnahmen, wenn die scharfen Zangen der kleinen Missethäter allerwärts die Haut zwickten und sie sich, gleich wie bei ihren Feinden, darin festbissen. Wenn Volk gegen Volk zum Kampfe auszieht, vieltausend Soldaten im Nahkampf gegen einander wüthen, dann muß solche Ameisenschlacht, sofern die Thiere empfindliche Gliedmaßen besitzen, etwas furchtbares sein, denn die Natur hat sie mit Waffen ausgestattet, vor welchen selbst der Mensch die Flucht ergreift! Was nun die Anwesenheit dieser ungezählten Ameisen in den Zelten anbetrifft, so liegt die einzige Erklärung dafür darin, daß die Thiere während der Nacht, als der starke Regen sie aus den Bauten heraustrieb, auswanderten und natürlicher Weise Schutz suchten, wo sie ihn fanden. Kennt man die Regsamkeit der Ameise, nimmt es kein Wunder, daß bereits am Morgen, also nach wenigen Stunden, ein neuer provisorischer Bau hergestellt war und das erwähnte Umherwandern im Zelte nur den Zweck hatte, Material herbeizuschaffen, um die in Eile geretteten Eier und Jungen wieder in warmen Zellen unterzubringen.
Die eigentliche Ursache dazu hatten wir natürlich gegeben, indem durch das Säubern von Gras und Busch die Hügel der Ameisenhaufen blosgelegt wurden und, wo solche hinderlich, dem Erdboden gleich gemacht wurden; selbstverständlich unternahmen die in ihren Bauten verborgenen Thiere nichts, solange es Tag war, zur Nachtzeit aber suchten sie den Schaden wieder zu repariren, wobei nun der heftige Regen, der ungehindert in Gänge und Zellen eindringen konnte, die Arbeiten unterbrach. Aus der drohenden Ueberschwemmung galt es nun zu retten, was noch zu retten war, und so ist es erklärlich, daß die klugen Thierchen den nächstliegenden Schutz wählten, wo die gerettete Nachkommenschaft, der in solchen Fällen all ihre Sorgfalt zugewendet wird, eine sichere Unterkunft fand. Dieser Ameise gleich, die wüthend den Störer ihrer Ruhe anfällt und Mensch und Thier zum Abzug zwingt, ist die in den Urwäldern hausende Biene, die nur insofern schlimmer ist als man sich der verfolgenden Schaaren nicht entziehen kann und in kurzer Zeit furchtbar zugerichtet wird, wenn es nicht gelingt, durch rasch entzündete Feuerbündel diese Insekten fern zuhalten.
Nicht immer ist es gesagt, daß die Bienen nur angreifen, wenn man versucht, ihnen den aufgespeicherten Honig zu nehmen! Ein starkes Geräusch, z. B. ein Schuß genügt, um sie zur äußersten Wuth zu reizen und wehe dann dem Menschenkinde, das wehrlos ihren Stacheln preisgegeben ist, -- sie sind im Stande, es vor Schmerzen wahnsinnig zu machen, selbst es dem Tode zu überliefern --! Will der Eingeborene einen entdeckten Bienenstock ausrauben, nähert er sich so vermummt als möglich dem Baume in welchem der süße Schatz verborgen, setzt ein fortwährend schwelendes Feuer daran nach der üblichen Methode[A] und zwingt die Bienen dadurch zum Verlassen des Stockes; nach Tagen vielleicht erst, wenn keine Gefahr mehr vorhanden ist, kann er sich ungehindert der Arbeit unterziehen und häufig wird seine Mühe durch eine reiche Ausbeute belohnt.
A: Siehe bei Umpassa.
Erwähnenswerth während unseres kurzen Aufenthalts in Lionde wäre noch der Besuch des hier ansässigen Arabers Baccari ben Umari; dieser Vertreter des Islams, der dienstwillig dem Major seine Aufwartung machte, konnte, sofern er für unsere Sache gewonnen wurde, uns große Dienste leisten, und wäre es auch nur dadurch, daß er hauptsächlich die Verproviantirung des bei Mpimbi errichteten Lagers übernahm.
In dieser Voraussetzung wohl, und um zunächst nähere Erkundigungen von dem wohlunterrichteten Manne einzuziehen, empfing der Major diesen Araber freundlich; derselbe, ein unabhängiger Handelsmann, der, wie sich später auswies, nichts besseres als ein Sclavenhändler war, ließ sich auch gewinnen und mit der Unterwürfigkeit der Araber, welche zur Schau getragen wird, wenn sie einem mächtigen einflußreichen Manne gegenüberstehen, wußte auch Baccari den Major für sich einzunehmen, sodaß selbst unser mit den arabischen Schlichen wohlvertraute Führer über dessen wahren Charakter im Zweifel blieb.
Von nun an, nachdem in früher Morgenstunde die Reise flußaufwärts, am 1. Januar 1893 wieder angetreten worden war, sollte es schneller vorwärts gehen, und nicht mehr wie öfter geschehen, schon frühzeitig Lager geschlagen werden, sondern nach kurzer Mittagsrast die Fahrt wieder aufgenommen und möglichst bis zum Abend ausgedehnt werden; waren doch die Ruderer nun eingeübt, -- auch versprach der umspringende Wind uns die Arbeit zu erleichtern. Um Mittag dieses Tages, als wir am rechten Ufer im dichten schattigen Busch zur kurzen Rast uns gelagert und nach alter Gewohnheit unsere Mahlzeit eingenommen hatten, wurden wir vom anderen Ufer aus angerufen; ein Boot darauf hinübergesandt, um die Ankömmlinge abzuholen, hatten wir die Freude, Baccari ben Umari wieder bei uns zu sehen. Bei der später dann erfolgten Vorstellung, als ich Gelegenheit hatte, diesem alten Araber ins Auge zu sehen, konnte ich mir einer Antipathie gegen denselben nicht erwehren und die Zusicherung, welche er abgab, mir immer, wenn ich erst wieder in Mpimbi eingetroffen sein werde, Naturprodukte und Vieh, nach Bedarf senden zu wollen, worüber der Major ein festes Abkommen mit ihm getroffen, wollte mir als eine Heuchelei erscheinen. Das schlummernde Vorurtheil gegen diese Menschenrace war es gewiß nicht, was mein Urtheil beeinflußte! Indeß, die Zukunft mußte es ja ausweisen, -- vorläufig empfing der Heuchler reiche Geschenke, als einen arabischen Kaftan etc. und nahm Abschied mit der Würde eines Mannes, dem sein gegebenes Versprechen unter allen Umständen heilig ist; man hätte meinen können, daß dieser Mohamendaner dem Giaur (Ungläubigen) gegenüber wirklich sich verpflichtet fühlte, das gegebene Wort einzulösen!
Das abwechselnd bald weite, bald eingeengte Flußbett, zeigte sich von nun an je nachdem flach oder tief; die Ufer namentlich das Linke, waren flacher und niedriger und ließen den Blick über weite Grassavannen, mit nur vereinzelten Fächerpalmen oder anderen Bäumen bestanden, darüber hinschweifen, seltener waren Bananen-Anpflanzungen; wo sich aber solche zeigten, war immer ein kleines oder größeres Dorf dahinter erbaut. Hingegen das rechte Ufer, meistens hoch und steil, bot ein Bild üppigster Vegetation, oft war daher von einem verdeckt liegenden Dorfe nicht eher was zu sehen, als bis wir querab waren, oder die neugierigen Eingebornen sich am Ufer zeigten.
Die Gefahr auf Sandbänke oder verdeckte Untiefen zu laufen verminderte sich ebenfalls, und zeitweise mit leichtem günstigen Wind, der unsere Segel schwellte, kamen wir ungehindert vorwärts. Am Abend dieses ersten Januars lagerten wir am linken Ufer in der Nähe eines kleinen Dorfes; kaum jedoch hatten wir notdürftig unsere Zelte aufgeschlagen, als ein ausbrechendes Gewitter eine solche Regenfluth auf uns niedersandte, daß in kurzer Zeit alles unter Wasser gesetzt wurde, und wir uns aus dieser Ueberschwemmung nur zu retten wußten, indem schnell Abzugsgräben aufgeworfen wurden, in welchen das Wasser ablaufen konnte. Eigentlich hatten wir das Lager auf einem verfallenen Kirchhof aufgeschlagen, denn obwohl umgeben von Hütten, zeigten sich beim Niederschlagen des hohen Grases doch vereinzelte Gräber; auffällig aber war, daß wir hier ein arabisches Grabmal fanden, dessen flache gemauerte Platte mit erhöhten Seitenrändern, am Kopf und Fußende hochgewölbt, noch ziemlich gut erhalten schien. Solche Nachbarschaft kümmerte uns indes wenig, ein Jeder war nur zufrieden es sich in seinem Zelte für die Nacht so bequem als möglich zu machen.
Hatten wir bisher auch nur vereinzelte Crocodile bemerken können, weil diese im dichten Ufergebüsch verborgen lagen, so zeigte es sich am nächsten Tage, daß sie doch zahlreich hier vertreten waren. Wie wenig Scheu die Thiere vor den Menschen haben bewies der Umstand, daß wir sie häufig kaum zwanzig Meter vom Ufer entfernt, einem Dorfe gegenüber, in aller Ruhe liegen sahen und gemüthlich in heißer Sonnengluth dem Schlafe sich überließen. Was will der Eingeborne dagegen thun! er muß die Unholde, die ihm Weiber und Kinder gelegentlich wegrauben, ruhig gewähren lassen; seine Waffen, welche er besitzt, schaden dem Thiere absolut nichts, auf der Panzerhaut prallt jeder Pfeil machtlos ab, selbst sein Speer, wenn er es damit erreichen könnte, wäre nur ein Objekt mit dem er es verscheuchen würde, dieser ist ihm aber ein zu werthvoller Gegenstand, als daß er solchen aufs Ungewisse verwerfen sollte. Den einzigen Schutz, wie wir von nun an häufiger bemerken konnten, hat er sich gegen die Räuber dadurch geschaffen, daß er ein mehr oder weniger festes Gehege aus eingerammten Stützen, verbunden mit Rohr oder dünnen Zweigen, hergestellt hat, durch welches es dem Thiere nicht leicht wird, hineinzukommen.
Solche abgegrenzte kleine Wasserfläche dient dann als Badeplatz etc. und verhältnißmäßig sicher kann sich der Eingeborne dem Wasser nähern und nach Belieben schöpfen, baden und spielen; ihre Sorglosigkeit aber geht zuweilen doch soweit, daß sie nicht darauf achten, ob auch nach langer Zeit das Geflecht unter Wasser noch immer fest und sicher ist, und es dem wachsamen Crocodil nicht doch möglich gewesen ist hineinzukommen, -- bis unerwartet Einer der Ihrigen verschwindet auf Nimmerwiedersehn, -- dann ist das Lamentiren groß und dann erst bequemen sie sich den Schaden auszubessern.
Ein Mittel, wie mir mitgetheilt wurde, giebt es selbst in höchster Noth noch dem Rachen des Crocodils zu entfliehen, wenn nämlich der Erfaßte tief im Wasser noch Geistesgegenwart genug besitzt, es anzuwenden, was bei gefaßten Frauen und Kindern indes ausgeschlossen ist; da in den meisten Fällen der Räuber sein Opfer an den Beinen wegzureißen oder auch bei gebückter Stellung einen Arm zu fassen sucht, so kann namentlich im letzten Falle, wenn dem Verunglückten nicht vor Schreck die Besinnung verläßt, es diesem gelingen mit der noch freien Hand die Augen des Unthieres zu suchen, und fest die Finger in eines derselben hineinbohrend, wird das Crocodil vom Schmerz geplagt den Rachen öffnen und sein Opfer freigeben. Jedoch nur in den seltensten Fällen wird dem Kühnen seine Verzweiflungsthat das Leben retten, es sei denn, daß es ihm gelingt, den Räuber auf beiden Augen zu blenden; aber ob auch dies einzige Mittel den Eingebornen bekannt ist, habe ich doch nirgendwo gehört, daß einem Unglücklichen es gelungen sei, auf diese Weise dem furchtbaren Crocodil zu entrinnen.
Eine Lust war es, im kühlen Schatten des hohen Ufergebüsches und unter den weit über das Wasser hinwegragenden Zweigen dichtbelaubter Bäume hinziehen zu können, dazu der günstige Wind, der unsere Segel füllte und gleichfalls erfrischende Kühle spendete, sodaß wir, da die Sonnengluth weniger lästig, dies herrliche Bild einer wilden Natur in seiner ganzen Schönheit aufzufassen vermochten, umsomehr, als die Aufmerksamkeit nicht durch vorausliegende Untiefen oder anderen Hindernissen abgelenkt wurde und man den Zauber dieser wilden Urnatur ganz auf sich einwirken lassen konnte. Herrliche Uferpartien, dicht verschlungene Gebüsche und Bäume, die wie ein Netz ihre Luftwurzeln zur Erde senkten, die Maschen von blühenden Lianen gewoben und bis in die Kronen hinauf gleich lebenden Fäden alles umwunden, zogen vorüber; selbst idyllische Waldpartien, über die sie umwogende Grasmassen hoch emporragend, boten viel Anziehendes, sodaß man ungern den Blick davon abwendete.
Aber bei näherer Anschauung oder einem Versuch durch diese Wildniß vordringen zu wollen, würde sich die Poesie des schönen Bildes bald verlieren, die Anstrengungen und Mühen, welche solch Unternehmen kosten, würden sehr bald dieses des äußeren Reizes entkleiden und die anfängliche Begeisterung in das Gegentheil umwandeln. Dieses zu erfahren hatten wir Gelegenheit, als eine kleine Heerde stattlicher Antilopen (Kudus) zwischen den Waldlichtungen sichtbar wurde, der nahe zu kommen alle Theilnehmer, des vom Major sofort eröffneten Jagdzuges, sich vergeblich bemühten; Sümpfe und undurchdringlicher Busch verhinderten, der sich langsam zurückziehenden Heerde zu folgen; auch eine von de la Fremoire und anderen unternommene Umgehung erwies sich als nutzlos; zerrissenes Zeug, voll Wasser gefüllte Stiefel war das ganze Ergebniß des kurzen aber anstrengenden Jagens.
Ueber die zurückgelegte Distanz im Ungewissen, erwarteten wir bei jeder Biegung des Flusses die weite Wasserfläche des Malombwe-Sees vor uns liegen zu sehen, aber ob auch der Eine oder Andere die Masten hinauf kletterte um Umschau zu halten, wollte doch nicht das gesteckte Ziel dieses Tages in Sicht kommen, selbst nach der im schattigen Buschwald verbrachten Mittagspause verging Stunde um Stunde, bis endlich gegen Abend die Ufer weit zurücktraten, die niedrig und mit hohem Schilf bewachsen, das bis weit in das Wasser hineinreichend sumpfige Niederungen vor diesen vermuthen und ein Landen schier unmöglich erscheinen ließ. Die Station Werra hatten wir schon passirt -- nun noch eine kleine Flußbiegung und vor uns lag die ruhige Fläche des Malombwe-Sees! Da aber seine Ausdehnung zu groß ist, um die Ufer erkennen zu können, so schienen die fast den ganzen See umschließenden Bergketten direkt aus dem Wasser emporzustreben, deren vielfach gestalteten Kuppeln auf eine ununterbrochene Felsenmasse angethürmt, erst in weiter Ferne, wo sie sich senkte, vermuthen ließ, das der Schire dort vielleicht seine Fortsetzung haben werde.
Eine Landung an dem Orte zu versuchen, an welchem wir uns befanden war ausgeschlossen, daher ohne einen Versuch zu machen, wurde der Befehl zur Umkehr gegeben und an der sandigen Uferstelle vor der Station Werra gelandet, die etwas landeinwärts auf einem erhöhten Punkte, bestanden mit mächtigen breitästigen Tamarindenbäumen, angelegt ist. Ihren Namen soll diese von dem eine Strecke flußabwärts liegenden großen Dorfe Werra erhalten haben; sie ist nur von einigen schwarzen Soldaten und deren Familien bewohnt und hauptsächlich als eine Uebergangsstation zu betrachten, denn die kleinen Erdwälle und Gräben ohne jegliches Verständniß hin und wieder aufgeworfen, verfallen und zur Vertheidigung ungeeignet, würden einem zahlreichen Feinde schwerlich am Vordringen abhalten. Eigentlich, wie mir mitgetheilt wurde, ist diese Station neutrales Gebiet, auf welchem vorkommende Zwistigkeiten zwischen den umwohnenden Häuptlingen von dem Verwalter der Station Fort Hohnston geschlichtet werden und die Besatzung vornehmlich die Aufgabe zufällt, die ausgeschriebenen Kopfsteuern in Landesprodukten einzutreiben.
Den Umständen gemäß hatten wir hier ein bequemes Nachtlager gefunden, was um so schätzenswerther war, als der nächste Tag voraussichtlich viel Arbeit bringen würde, da wahrscheinlich kein Landen eher möglich sein würde, als bis wir den am Nordende des Sees einmündenden Fluß wieder erreicht hätten, und was das Ungemüthlichste, schwerlich vor dieser Zeit etwas würden genießen können.
Früher als gewöhnlich blies am Morgen des 3. Januar der Trompeter die Reveille. Ein Jeder, darauf bedacht, vor der Abfahrt noch einen Becher voll Kakao oder Kaffee zu erhalten, beeilte sich desto mehr fertig zu werden, denn Rücksicht wurde auf Keinen genommen. Jeder mußte, sobald die Musterung der Soldaten vorüber, das Signal zur Abfahrt gegeben, bereit sein, seinen bestimmten Platz einzunehmen. Laut einer Verfügung des Majors hatte Leutnant v. Bronsardt, der auf dem Landwege früher in Fort Johnston eintreffen konnte als wir, von dort nach Werra einige mit dem Malombwe-See bekannte Leute zu senden, die auch, da selbe sich sehr beeilt hatten, tagszuvor eingetroffen waren, und nun auf den Booten als Führer vertheilt, wurden nach ihrer Anweisung die Fahrzeuge dirigiert. Je näher wir dem See kamen, desto weiter dehnte sich der Fluß aus und fast gewann es den Anschein, als ergieße sich derselbe hier in den See -- von einer Strömung war bei der großen Breite und Tiefe nichts mehr zu bemerken und daher kamen wir auch ziemlich schnell vorwärts. Eine ganze Strecke bei sich gleichbleibender Tiefe, waren wir in den spiegelglatten See hineingefahren -- zur Linken, wo das Land im Halbkreis den See umschließt blieb das Wasser klar und behielt seinen grünlichen Schimmer, dagegen zur Rechten und Voraus nahm es eine graue Färbung an aus einem Grunde, der uns noch unbekannt war, bald aber als ein Hinderniß auftreten sollte, das zu überwinden wir gewaltige Anstrengungen machen mußten.
Immer dieselbe Richtung nordwärts einhaltend, glaubte ich anfänglich, daß wir in gleicher Weise quer durch den See hinfahren könnten, allein, sobald die genaue Färbung des Wassers als darunterliegender Schlamm erkannt wurde, mußte der Kurs ostwärts, mit dem rechten Ufer gleichlaufend, geändert werden, in welcher Richtung, nach Angabe unserer Lootsen, noch das tiefste Wasser zu finden sei. Der Kiel des Bootes, da die Wassertiefe nur noch zwei und einen halben Fuß betrug, wühlte die leicht-bewegliche Masse auf, so, daß in der Kiellinie ein schmutzig gelber Streifen hinter uns verblieb, der mithin sichtbar den Weg erkennen ließ, welchen wir genommen. Ebenso wurden mit jedem Ruderschlage die Schlammmassen aufgewühlt, in denen durch das klatschende Geräusch erschreckt, fortwährend eine beträchtliche Anzahl großer und kleinerer Fische vor dem Bug des Bootes hin- und herschossen; konnten diese nicht ausweichen, weil ihre Bewegungen ziemlich langsam waren, dann vergruben sie sich plötzlich in die weiche Masse und entzogen sich dadurch dem vermeintlichen Verfolger. Ausnahmlos war es eine Art Sumpffisch, ähnlich unserem Wells oder auch dem sogenannten Katfisch; ein flacher breiter Kopf, die Kinnladen mit Bartfasern besetzt, der Körper langgestreckt von heller gelblicher Färbung, konnte man diese zu derselben Gattung zählen, welche ich früher schon im untern Schire oder später im Nyassa-See zu fangen Gelegenheit gehabt habe. Höchst verwundert über eine solche Versumpfung des ganzen Malombwe Sees, äußerte sich Major von Wißmann dahin, daß eine solche erst im Verlaufe der letzten zehn Jahre allmählich eingetreten sein kann, denn er habe vor dieser Zeit, als er von der Westküste kommend und den Kontinent durchquert hatte, diesen See tief und klar gefunden, und diese Angaben bestätigten sich auch, indem wir überall eine durchschnittliche Tiefe von zehn Fuß fanden. Es war nämlich leicht genug eine Bambusstange bis auf den Grund durch den Schlamm hindurchzustoßen, nur das zurückziehen wurde schwerer, weil die bindende Masse in der Tiefe durch den Druck der oberen Schichten fester und zäher geworden war. Uebrigens erwies sie sich als eine Thonablagerung und es liegt die Vermuthung nahe, daß dieselbe in ihrem Fortbestand im Laufe der Zeiten diesen großen See schließlich zum größten Theil in festes Land umwandeln muß, durch welches der Schirefluß sich eine Straße offen halten wird.
Auf die Ursache dieser ungewöhnlichen Erscheinung werde ich später bei der Beschreibung des Nyassa Sees eingehend zurückkommen, vorläufig nur sei erwähnt, daß dieses Material von den zahlreichen Gebirgsbächen und einiger größerer Flüsse, welche in den Nyassa münden, in diesen hineingeführt wird und durch Strömungen, zum Abschluß des ungeheuren Sees, dem Schirefluß, geleitet, hier im ausgedehnten flachen Bette des Malombwe durch wohl unerklärliche Umstände, jedenfalls durch eine zu schwache Strömung in diesem See in letzter Zeit abgelagert wurde.
Man hätte meinen sollen, die weiche Masse unter uns könne die Boote am Fortkommen nicht sonderlich hindern, indes, als wir nach einiger Zeit nur noch zwei Fuß Wasser fanden, mußten wir die Erfahrung machen, daß dieselbe sich am Boden festsetzte, sodaß durch Rudern oder Schieben nicht mehr weiter zukommen war. Stundenlang arbeiteten wir in heißer Sonnengluth mit aller Anstrengung um hindurchzukommen, aber es wollte nicht gehen, auch der Wind, der in diesem Fall unser bester Verbündeter hätte sein können, wehte, als er endlich aufsprang, aus der entgegengesetzten Richtung und, als schließlich um ein Uhr Nachmittags an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken war, beorderte der Major die kleineren Boote längsseit, um eine Erleichterung des großen Fahrzeuges vornehmen zu lassen.
Auch dieses Mittel erwies sich als nutzlos, konnten doch die schon schwerbeladenen Boote nur noch wenig aufnehmen, selbst das Kanoe wurde mit Mehlsäcken beladen, um sein Theil zur Erleichterung beizutragen, -- aber trotzdem blieb ein erneuerter Versuch eine vergebliche Mühe. Nun erhielten unter meiner Führung die kleineren Boote den Auftrag, nach allen Seiten hin die Wassertiefe zu untersuchen, ob nicht doch noch ein Ausweg zu finden sei; die Behauptung der Lootsen, daß es zu beiden Seiten noch viel flacher wäre, wollte uns nicht recht einleuchten, -- doch alles Suchen war Zeitverschwendung, es gab nur die eine Fahrstraße und diese erwies sich für das große Boot als zu flach!
Thatenlos nach so großer Anstrengung hier mitten im See sitzen zu bleiben und vielleicht auf günstigen Wind zu warten, der allein im Stande war, uns aus diesem Dilemna zu befreien, war des Majors Absicht nicht, auch solches geduldige Abwarten seiner Natur entgegen, darum, nun einmal nicht weiter zu kommen war, beschloß er, das große Boot unter Aufsicht von Dr. Bummiller und +de la Fremoire+ sitzen zu lassen und mit den drei kleineren den Versuch zu wagen, ob nicht Land zu erreichen sein werde. Schwer war dieses Unternehmen nicht; sobald einmal der Schlammgürtel hinter uns lag, hatten wir freies Wasser, auch betrug die Distanz bis zum nächsten Ufer höchstens sechs englische Meilen, aber der Umstand, daß wir am östlichen Ufer überhaupt nicht landen durften, war das Mißliche unserer Lage. Die feindlich gesinnte Bevölkerung dieser Gegend, welche sich bisher unter die Botmäßigkeit der Engländer nicht hat stellen wollen, verwehrte jeden Durchzug durch ihr Gebiet und wehrte mit Waffengewalt jedes Unternehmen der Art, sodaß der Malombwe-See nur an der westlichen Seite von Fußgängern umgangen werden konnte. Gewiß waren wir stark genug, einen Angriff abzuschlagen und eine verweigerte Landung zu erzwingen, -- doch nur eine zwingende Nothlage hätte einen Kampf, wie solcher wahrscheinlich unausbleiblich gewesen wäre, in den Augen der Herrn Engländer rechtfertigen können; sie hätten sicherlich die Alarmtrommel gerührt und das anmaßende Benehmen der Deutschen, auf ihrem Gebiet Kämpfe zu führen, mit echt englischer Unverfrorenheit gegeißelt.