Chapter 30 of 47 · 3940 words · ~20 min read

Part 30

Alle Wagen bis auf zwei, seinerzeit in Hamburg hergestellt, waren mit ihrer eisernen Unterlage so eingerichtet, daß bequem darauf die Schiffsplatten befestigt werden konnten, die zwei mit geraden Achsen, aber ohne Unterlage und 6 Fuß hohen Rädern, sollten die unhandlichsten Theile des Schiffes, als Hintersteven und Ruder befördern. Es wäre jetzt ohne diese Karren ein furchtbares Stück Arbeit gewesen, die Schiffsplatten, Cylinder und andere Maschinentheile über das hohe Gebirge zu schaffen; an Trägerkräften hätte solcher Transport eine enorm größere Zahl bedurft, da schon jede Platte mit weniger als 8 Mann, die sich auf so weitem Wege abwechseln konnten, nicht gut hätte befördert werden können.

In den späteren Nachmittagstunden des vierten März vernahmen wir auf der Werft laut tönenden Gesang vieler Menschen und konnten bald das Halloh der heranziehenden Atonga unterscheiden. Eine Wagenkarawane von 10 Karren, schwer beladen mit Platten, Kesseltheilen etc., begleitet von Soldaten und geführt von zwei Handwerkern, Eikershoff und Dohmann, kam darauf durch das Dorf gezogen, zu der sich eine große Schaar Eingeborener gesellt hatte und einschwenkend zur Werft fuhren sie mit wildem Gesang in Reihen auf. Sobald der letzte Wagen zum Stillstehen gekommen war, schaarten sich die Atonga zusammen und stimmten einen dreimaligen Ruf an, daß einem die Ohren gellen wurden, dann erst begann die Begrüßung und die auf der Werft arbeitenden Stammesgenossen hatten einen wahren Sturm auszuhalten, so drängten sich alle heran und bekundeten ihre Freude ob des Wiedersehns.

Nur ein armer Teufel lag auf einem der Wagen, zur Sicherheit noch festgebunden, dieser allein konnte nicht an der Freude aller theilnehmen, denn mit zerquetschten Beinen war er unfähig sich zu rühren. Wie mir die Europäer mittheilten, war er von einem der schweren Wagen überfahren worden; und sobald die Atonga sahen, daß ich mich dem Verletzten zuwandte, erklärten sehr viele, mit solchen ungeschickten Dingern, die von selber laufen, wollten sie nicht mehr nach Katunga zurückkehren, lieber die schweren Eisentheile tragen. Jedoch besänftigte ich sie bald, indem ich ihnen ein Poscho versprach, wofür sie sich Mais kaufen sollten, und stellte alle zufrieden, als mein Diener einige Faden Zeug unter die Kapitaos vertheilte; bald konnte ich sie danach zum Lager absenden, wo sie Verpflegung und einen Ruhetag nach so großer Anstrengung finden sollten.

Für die Bewohner Inner-Afrikas ist ein Wagen auf welchem man mit Leichtigkeit Lasten transportiren kann, die sonst keine 40 Mann tragen würden, ein kurioses Ding; überaus viel Spaß macht es ihnen anfangs damit herum zu fahren und ausgelassen wie Kinder haben sie ihre helle Freude daran. Nur wie mit allem womit der Europäer sie beglückt, außer Waffen, verlieren sie, wenn die Sache ihnen über den Spaß geht, sehr leicht die Lust daran und der Gegenstand wird ihnen gleichgültig, sobald sie sich ihr Urtheil gebildet haben, das meistens sehr oberflächlich ist und bei unverständlichen Dingen auf die geheimen Kräfte, die der Europäer ihrer Meinung nach besitzen muß, zurückgeführt wird. So lange auf ebenen glatten Wegen mit einer Last von durchschnittlich 12 Zentnern gefahren wurde, waren auch die Atonga frohen Muthes, da von den je 16 bis 24 Mann, die jedem Wagen zugetheilt waren die Hälfte gemüthlich nebenher gehen konnte; anders aber kam es sobald sie auf den ausgewaschenen Gebirgswegen alle Kräfte anspannen mußten um die Wagen in die Höhe zu bringen und den Führern des Transportes glaubte ich es gerne, daß sie an steilen tiefen Abgründen ihre ganze Kraft zusammen nehmen mußten, um einen Absturz zu verhindern; namentlich, wo an gefährlichen Stellen der Weg etwas abfiel und die Wagen durch ihre Last von selbst in Bewegung gesetzt sehr leicht abweichen konnten, da die Leute es nicht begreifen wollten wie ein solcher durch Gegenstemmen gehemmt werden kann. Konnte ein Wagen auch nicht, wegen der vielen Bäume und Sträucher in einen Abgrund stürzen, wäre solcher doch sicherlich mit seiner Last zerschellt, wie es mit einem geschah, der mit den langen schweren Schiffsmasten beladen, auf scharfen Krümmungen des Weges nicht zu halten gewesen war und abstürzte; die Masten mußten liegen bleiben, den zerbrochenen Wagen aber brachten sie mit. Von Blantyre bergabwärts, hatten sie den Weg über Matope genommen, der recht beträchtliches Gefälle hat, hier aber wußten die Atonga sich nicht zu helfen, anstatt zu halten ließen sie die Wagen laufen und wer dann, wenn an ein Aufhalten nicht mehr zu denken, nicht flink genug beiseite sprang, der Wagen ihm auf den Fersen saß, konnte schweren Schaden erleiden. Keine Tour ist ohne Unfall vorüber gegangen, bei der zweiten sogar wurde ein Atonga todtgefahren. Ich weiß aus Erfahrung, welche Mühe es dem Europäer kostet den Leuten es beizubringen, damit sie vorsichtig handeln, denn als ich später 40 Zentner schwere Balken steile Abhänge hinabfahren mußte war meine Gegenwart unerläßlich, um nur ein Unglück zu verhüten.

15. Der Aufbau des Dampfers »Hermann v. Wißmann«.

Wieder im Besitze unseres Stahlbootes gelangt, das die Engländer nicht mehr zum Provianttransport benöthigten, beschloß ich nun mit der ganzen verfügbaren Mannschaft aufzubrechen, und vorerst querüber der Werft einen Weg durch das Dickicht zu hauen, der, wenn es möglich wäre, in gerader Richtung bis zu einem Hügelplateau führen sollte, nach welchem ich zuerst die Balken aus dem Urdickicht heraus, hinzuschaffen gedachte.

Mit 60 Mann, 2 Europäern und vorläufig einem Wagen, setzte ich über den Fluß und suchte, da es unmöglich war, direkt durch das Gebüsch vorzudringen, längs dem Ufer im hohen Schilf und Rohr einen Weg zu bahnen. Aber ob auch mit langen Buschmessern alles niedergemäht wurde, war es in der immer heißer brennenden Sonne doch eine beschwerliche Arbeit; dazu kam das messerscharfe Schilfgras, das die nackten Leute an den Beinen und am Körper verletzte, auch traten sich viele die scharfen Dornen dazwischen wuchernder Sträucher in das Sohlleder ihrer Füße ein und erst nach Stunden angestrengter Mühe waren wir etwa 100 Meter vorwärts gekommen. Daß es so nicht weiter gehen konnte, wenn das Dickicht so überaus dicht bleiben würde, sah ich bald ein und gab es daher auf, einen breiten Weg zu schlagen, der uns als Straße dienen sollte. Einzeln, Mann hinter Mann ließ ich die Leute Bahn brechen und auf diesem schmalen Pfade dann den Wagen mit Gewalt hinterher ziehen, höchstens räumten wir noch Hindernisse weg, wo es absolut nicht anders gehen wollte.

Schließlich auf freies Feld gekommen, das mit unzähligen Erdhaufen und Löchern bedeckt war, sah ich erst recht ein, daß wir niemals im Stande sein würden, über diese brachliegende Fläche einen schwerbeladenen Wagen zu schaffen. Die Nothwendigkeit, die Felder uneben zu machen, bedingt darauf gepflanzter Mais und Mtama, weil diese mächtigen Stauden zur Zeit der Blüthe gehäuft werden müssen, nach Art, wie in Europa die Kartoffel etc. und da jede Staude 5-6 Pflanzen zusammenfaßt, die mehrere Fuß voneinander entfernt sind, nach Belieben hier und da gesät, wird zur angegebenen Zeit mit der denkbar primitivsten Hacke so hoch als möglich gehäuft, was äußerst praktisch ist, weil dann das Regenwasser nirgends abfließen kann, auch sehr leicht die Wurzeln der Pflanzen erreicht und diese trotz der glühenden Sonne frisch und fruchtbar macht.

In der Weise, wie wir unsere Spargel, werden auch die Bataten gepflanzt. Die oft 1-1/2-2 Fuß langen Wurzeln erhalten so nur genügend Feuchtigkeit zum Gedeihen. Verliert der Erdboden, der niemals gedüngt oder umgearbeitet wird, schließlich seine Kraft, dann sucht sich der Neger ein neues Feld, das Feuer und Hacke urbar macht und läßt das verlassene einige Jahre unbebaut liegen, bis Gras und Gebüsch, sowie verwesende Pflanzen den Boden neugestärkt haben. Ein solches war es, worauf wir jetzt hinschritten, stolperten und fielen, weil hohes Gras und Strauch alle Unebenheiten verdeckten. Bemüht, nicht zu weit aus der Richtung zu kommen, mußten wir bald rechts bald links kleinere Schambas ausweichen, doch sah ich mich schließlich genöthigt, die weit ausgedehnten vor uns liegenden Maisfelder zu durchqueren, wenn ich nicht einen gewaltigen Umweg machen und in glühender Sonne längs denselben vordringen wollte. Um nun nicht viele Pflanzen mit dem Wagen zu knicken und nieder zu brechen, ließ ich diesen auseinander nehmen und hindurch tragen; auch um den Eingebornen keinen Anlaß zur Klage zu geben, wenn, was nicht zu vermeiden war, doch einzelne Beschädigungen vorkommen sollten, fertigte ich einen Boten zum Häuptling ab, der diesem die Mittheilung machen sollte, daß ich mit vielen Leuten nur dies eine Mal durch die Schambas ziehe.

Erfrischend ist der Aufenthalt in solchem grünen Hain, kühlen Schatten spendet das Blättermeer, das über einem wie ein Baldachin ausgebreitet ist und seltsame Melodien hervorbringt, wenn leise der Wind hinüberweht, die schlanken biegsamen Rohre niederbeugt, sonst aber ist das Wandern des unebenen Bodens wegen ein äußerst mühevolles. Als endlich die weite Grassavanne wieder vor uns lag, suchte ich links ab, Rohr und Busch so viel als möglich meidend, den bekannten Fußpfad zu erreichen, auf welchem wir ungehinderter vorwärts kommen konnten; war es im Grunde genommen auch eigentlich eine Thorheit gewesen, einen neuen Weg mit so großer Mühe zu suchen und theilweise zu schlagen, da mir der bequeme Weg durch das Dorf offen gestanden hat und eigentlich die Leute nutzlos angestrengt worden waren, so hatte ich mich doch orientirt und wußte nun, welche Schwierigkeiten überwunden werden mußten und welche Richtung ich einzuschlagen hatte, um eine möglichst gerade Straße bis zum Schirefluß durchzubrechen, die oberhalb an den Maispflanzungen vorbei, an dem Ufer des Flusses ausmündete.

Sobald die Hütte erreicht war, die Ottlich sich am Rande des Urdickicht, worin die mächtigen Bäume gefällt und zu Balken behauen lagen, sich errichtet hatte, traf ich erst die nöthigen Vorkehrungen zum Lagerplatz, nach der Vertheilung der Posten aber sorgte ich dafür, daß genügend Proviant, Mais, Mehl und Bataten für die Leute in dem weiter landeinwärts liegenden Wangoni-Dorfe aufgekauft wurde, denn jeden Tag zur Werft zurückmarschiren und dann mit abgespannten Leuten an die schwierige Arbeit zu gehen, das wäre zwecklos gewesen. Ich wollte auch nicht eher wieder aufbrechen, als bis die Balken aus dem tiefen Gelände und aus dem Dickicht, das wie eine lebende Mauer jedes Eindringen wehrte, zur freieren Höhe, wo wir rasteten, geschafft worden wären.

Das nächste war, die bereits im Dickicht geschlagenen direkten Pfade nun zu breiten Wegen zu erweitern und zwar zunächst bis zum ersten Balken, unter dessen Last die Räder alles zermalmen sollten, was die Menschenhand verschont hatte. Wo nun ein Baumriese gefällt lag, hatte dieser im Sturze alles mit sich gerissen, Baum, Busch und Rohr mit seiner Wucht zerschmettert und so den Zimmerleuten viel Arbeit erspart, da sie nur aufräumen brauchten und nicht genöthigt wurden, sich erst Platz zu schaffen, um den Riesenleib zu zersägen und mit Aexten zu bearbeiten.

Glaubte ich genügende Kräfte zu haben, die über 30 Fuß langen Balken hantiren und heben zu können, sah ich mich denn doch getäuscht; das Holz war so fest und schwer, wie das unserer Eichen, dazu bei weitem noch nicht so behauen, wie es hätte sein müssen. Deshalb kostete es sehr großer Anstrengung, solchen Balken auf sehr beschränktem Raum erst handgerecht hinzubringen, ehe er auf den Wagen gehoben und an Achse und Deichsel befestigt werden konnte um ihn dann bergaufwärts zu ziehen, auf einem Grund, worin die Räder unter der schweren Last tief einsanken; das war in der sengenden Sonnengluth über 45° +R.+ eine Arbeit, wie solche selten wohl ausgeführt worden ist. Nimmermehr hätten wir solches vollbringen können, wenn wir nicht unsere vorzüglichen Karren gehabt hätten, nicht hundert Leute wären im Stande gewesen, auf solchen Wegen diese Balken zu transportiren; freilich, dann hätte ich mich auch nie an solche Arbeit wagen dürfen! Wenn auch noch viel schwierigere Aufgaben vor uns lagen, so sah ich bei dieser schon ein, daß nur unbeugsame Energie das Werk vollenden konnte. Die Anforderungen, welche ich an meine Leute stellen mußte, waren große, den sinkenden Muth suchte ich aber stets durch das eigene Vorgehen aufzurichten.

Nur vier lange Balken waren es, die wir aus dem Dickicht herauszuschaffen hatten, aber je weiter wir in dieses hineindrangen und Bahn brachen, desto schwieriger gestaltete sich der Transport derselben. Nach Mühen und schwerer Tagesarbeit geschah es oft genug, daß wir kaum halb gesättigt und allem Comforts bar, in der luftigen offenen Grashütte uns zum Schlummern niederlegten, geplagt von den blutdürstigen Mosquitos, wachgehalten von dem Lachen der umherschleichenden Hyäne, dem lauten Knurren der Panther und dem Brüllen des Löwen, dessen Stimme grollend durch die Stille der Nacht herübertönte und Ruhe gebietend, in seinem Reiche die nächtlichen Räuber zum Schweigen brachte.

Zwei Tage genügten diese schwere Arbeit in der glühenden Sonne zu vollenden, dann aber galt es durch die Grassavanne, durch Dorngebüsch und Busch, durch Niederungen mit mächtigem Sumpfrohr bestanden, über ein welliges Terrain, aufs Neue in solchem Urgebüsch einen Weg zu finden und zu bahnen. Die ganze Kolonne von 60 Mann theilte ich deshalb so, daß, wo nicht Aexte und Buschmesser voraus, mußten die Soldaten mit breitgelegten Gewehren Rohr und Gras Schritt für Schritt niederdrücken, das hinter denselben möglichst niedergehauen und von den schwerbeladenen Karren, unter Aufsicht von zwei Europäern, Ottlich und Knuth, niedergefahren wurde. Kilometer weit sahen wir uns von solcher Wand umgeben, die nur einen Ausblick zum Himmel gestattete, der im bläulich weißen blendenden Glanze strahlte so, daß das den Aether durchfluthende Licht die Augen schmerzen machte.

Manchmal ging uns der Athem aus bei solcher Arbeit -- nur auf gut Glück drang ich vor, gefolgt von den Soldaten und sah, als das erste mächtige Rohrfeld durchbrochen war, außer diesen keinen Weißen noch Schwarzen mehr, alle lagen am Wege im Schatten oder schleppten sich mühsam fort. Es war eine heiße übermenschliche Arbeit, aber vorwärts mußten wir; das Einzige was ich thun konnte, wollte ich bis zum Abend den Fluß erreichen, war, daß ich die Wagen im Dickicht verlassen stehen ließ und mit abwechselnder Mannschaft, wo die Hindernisse zu groß waren, vorging. Oft traten Verzögerungen dadurch ein, daß streckenweise die Dornengesträuche überreich wucherten, die dann für die nackten Beine und Füße der Leute eine Qual wurden; 5-10 Mann hockten sich oft mit einem Male hin und ließen sich die eingetretenen Dornen von ihren Kameraden aus den harten Fußsohlen herausziehen, ging dies nicht, wurde mit einem scharfen Stückchen Rohr, das mit den Zähnen schnell spitz gebissen war, so lange die harte Haut erweitert bis der schmerzende Gegenstand entfernt war.

Schmachtend nach Wasser, wir Europäer nicht minder, als unsere mit Blümchenkaffee gefüllte Feldflaschen längst leer geworden, konnte ich den bewunderungswürdigen Instinkt der Atonga daran erkennen, daß sie selbst in dieser Wildniß in solchem Urgebüsch die Wildpfade der Antilopen entdeckten und diesen nachgehend auch Wassertümpel fanden, woraus wir alle unsern brennenden Durst löschten, obwohl das labende Naß nichts weniger als rein war oder gar angenehm schmeckte. So bahnten wir uns die Straße zum Schirefluß, und wenn auch todtmüde und matt hatte ich doch auf fast geradem Wege, noch ehe um 6 Uhr die Sonne hinter den fernen Bergen zur Rüste ging, das Ufer erreicht. Querüber dem Lager, nur wenig oberhalb, waren wir herausgekommen gerade wie ich es gewünscht hatte und so konnte die Mannschaft mit herbeigerufenen Kanoes übergesetzt werden, während ich mit wenigen Leuten nochmals den Kampf mit dem Urgebüsch aufnahm und am rechten Ufer flußabwärts vordrang um mich zu überzeugen, ob es möglich sein werde eventuell die Wagen solchen Weg zu führen, damit die Balken bis gegenüber der Werft geschafft würden. Aber nie wieder habe ich solchen Weg in der Dämmerung unternommen, Wassergräben und Tümpel, Morast und Sumpf, Gestrüpp mit zolllangen Dornen, die Kleider und Haut zerrissen, mußten übersprungen und durchwatet werden, bis schließlich die Körperkraft versagte und mir nichts anderes übrig blieb, als landeinwärts zu dringen. Endlich das Boot und endlich die Werft erreicht, weckte mich in dieser Nacht kein Ngnomaschlag, noch Gesang -- Körper und Geist nach solchen Strapazen aufs Aeßerste ermattet, fand ich auf hartem Lager im festen, tiefen Schlaf die stärkende Ruhe. --

Für den nächsten Morgen hatte ich die Bestimmung getroffen, daß alle Leute direkt vom Lager über den Fluß gesetzt würden und auf dem neuen Wege die verlassenen Wagen erreichen sollten, während ich mit der Werft-Mannschaft durch die Pflanzungen den Ort erreichen wollte. Bei meiner Ankunft fand ich aber niemanden vor, konnte mir solche Verzögerung auch nicht zu erklären, bis ein Bote die Nachricht brachte, daß während der Nacht sämmtliche Kanoes von den Eingeborenen weggenommen wären und nur mit einem kleinen, das nur wenige Mann zur Zeit zu fassen vermochte, die Uebersetzung ausgeführt würde. Es war mir nichts Neues zu hören, es haben die Bewohner jener Dörfer, die im Aufstand zerstört worden waren, die ihnen einst abgenommenen Fahrzeuge sich heimlich wiedergeholt; waren sie doch so dreist gewesen, selbst von der Werft ein solches sich anzueignen. Erklärlich ist es ja, daß die früheren Eigenthümer bestrebt waren durch List die für sie ungemein werthvollen Kanoes wieder zu erhalten, denn abgesehen von dem Nutzen hat solch ein ausgehöhlter Baumstamm einen sehr hohen Werth, erstens, als die Verfertigung nur vorgenommen werden kann an Orten, wo ein passender Waldbestand vorhanden ist, und zweitens, wenn man bedenkt, welche Mühe es macht, mit dem primitivsten selbstgefertigten Handwerkszeug Riesenbäume zu fällen und deren Stämme dann so gut auszuhöhlen, daß die Wandung 1-1/2-2 Zoll nur beträgt; freilich ist bei solcher Arbeit das Feuer der beste Helfer, allein es erfordert doch Geschick und unermüdliche Ausdauer.

Da der Morgen kalt war und wallende Nebel noch über die Wildniß gebreitet lagen -- Gras und Strauch war vom Thau der Nacht getränkt und erfrischt, daß jede Berührung einem die Kleider durchnäßte -- war das unthätige Warten höchst unangenehm und kalte Schauer durchrieselten den Körper, bis die Gluth der Sonne erwärmend durchdrang. Nach Ankunft der Mannschaften wurde mit frischer Kraft die am Nachmittage vorher unterbrochene Arbeit wieder ausgenommen; die Wagen wurden so geführt, daß sie alles niederfahren mußten, was uns an Rohr und Strauch entgegenstand. Auf diese Weise bahnten wir uns einen breiten Weg, der zwar alles zu wünschen übrig ließ, indes wenigstens passirbar war. Am Ufer des Schire angelangt, wurden die Balken abgeladen, dann kehrte ich den etwa 12 Kilometer langen Weg sofort zurück, um die beiden schwersten Hölzer noch so weit zu führen, bis ich den Pfad, den ich am Morgen gekommen war, wieder erreicht hatte und erst dann ließ ich die Handwerker von hier aus den Transport weiter führen, da ich nothgedrungen zur Werft zurück mußte.

Die Ausgrabungen waren nämlich so weit vorgeschritten daß die genaue Planierung des Bodens vorgenommen werden mußte, sollte nicht die Arbeit ins Stocken gerathen, auch wollte ich bestimmt am 9. März 1893 den Kiel des Schiffes legen lassen. Uebereiltes Hasten war nicht der Grund dafür, vielmehr der Umstand, die Arbeiten außerhalb so viel als möglich zu beschleunigen, da die Handwerker schon mißmuthig geworden waren, weil sie der glühenden Sonne und dem empfindlichen Regen, der fast jeden Nachmittag für kurze Zeit aus schweren Gewitterwolken niederströmte, schutzlos ausgesetzt gewesen und über Fieberanfälle klagten.

Mühselig und langsam, auf dem primitivsten aller Wege, ging die Fortschaffung der schweren Hölzer vor sich; zu jedem der weit zerstreut liegenden Baumstämme mußten neue Wege gebahnt werden. Und nicht immer war es die heiße Sonne, welche uns die Arbeit so erschwerte, auch die in dieser Jahreszeit häufiger auftretenden Gewitterstürme thaten das ihre. Urplötzlich wälzten sich schwarze Wolkenmassen am Horizont herauf, die, erst von der graugelben Dunstmasse, welche der Sturm vor sich herfegt, verdeckt, sich über das ganze Himmelsgewölbe mit unglaublicher Geschwindigkeit ausdehnen. Schlangen gleich zuckten die Blitze aus den tiefhängenden Massen hernieder. Als schaute man in eine Gluth von zuckendem Feuer, so erhellt erschienen momentan die Wolken und mit einer Gewalt rollte der Donner durch die Lüfte, wie wenn das Firmament zerspringen sollte. Nur die Tropenwelt erzeugt solchen Aufruhr in der Natur, den man im fernen Norden kaum zu beurtheilen vermag. Kurz darauf strömt dann eine Regenmasse hernieder, als würden in der That Eimer Wasser auf die Erde ausgegossen, die alle Wege in Bäche verwandeln, Ebenen in große Wasserteiche.

Empfindlich kalt ist die Nässe, im Gegensatz zu der kurz vorher glühenden Luft und vor ihr sucht alles Schutz und Deckung, wenn es irgend möglich ist. Von solchen Ungewittern wurden wir mehrmals in der freien Wildniß überrascht und waren aller Unbill schutzlos preisgegeben; ich versuchte zwar anfänglich, da es doch nutzlos war, unthätig die Kälte auf sich einwirken zu lassen, die Leute zu einer energischen Thätigkeit anzuspornen, jedoch mein »Vorwärts, Atonga« hatte bei den frierenden Leuten wenig Erfolg. Es ist mit dem Neger, wenn er naß und kalt geworden ist, namentlich im Regen absolut nichts anzufangen; kann er keinen Schutz finden, dann löst er sein Lendentuch, wenn er eins besitzt, hängt es über Kopf und Schultern und wartet vor Kälte zitternd, bis die warme Sonne wieder hervorbricht und ihn trocknet und erwärmt; ist er nackend, kreuzt er die Arme über der Brust, sodaß die Hände auf den Schultern ruhen, hockt sich nieder und den Kopf zwischen die Knie gesenkt, ergiebt er sich in das Unvermeidliche.

Schlimmer war es für uns Europäer, so durchnäßt und kalt unthätig zu warten, da jedes Mal ein Fieber hiernach zum Ausbruch kam; wenn solches auch durch Chinin beschränkt werden konnte, so war es doch höchst unangenehm, denn es bricht gar zu leicht die Willenskraft und Energie, wie ich es so oft bei den Handwerkern Gelegenheit gehabt habe zu beobachten. Zweimal ließ ich, als keine Aussicht vorhanden war, daß der Regen schnell vorübergehen würde, die Wagen auf dem Wege verlassen stehen, und kaum war der Befehl zum Aufbruch gegeben, als gleich gehetztem Wilde die Leute davon eilten, um unter irgend einem dichten Strauch oder Baum einigermaßen Schutz zu suchen, zum Theil aber auch mit wildem Halloh zum Flusse liefen.

Als die Balken alle zum Fluß geschafft worden waren, mußte ich an der Abladestelle das Ufer vom dichten Gebüsch erst säubern lassen, auch die hindernden Wasserpflanzen möglichst entfernen, ehe das Boot nahe genug herankommen konnte. In der Meinung, die Hölzer würden sicherlich im Wasser schwimmen, ließ ich eines der längsten vom steilen Ufer abrollen und ohne Befestigung in die Strömung fallen; aber der Balken rollte wie ein Stein in die Tiefe und hätte nicht Wurzelwerk diesen aufgehalten, der starke Strom würde ihn aus unserem Bereiche bald entführt haben; so aber gelang es doch noch nach vieler Mühe ihn wieder aus zehn Fuß Wassertiefe empor zu bringen.

Mit je zwei Balken, die an den Seiten befestigt wurden, trieb ich dann stromabwärts und hatte, bei der Werft angekommen, nur aufzupassen, daß der Strom das nun ungelenke Boot nicht vorbeiriß; mit aller Kraft strebten die Ruderer um die vorstehende Schilfwand herum zu kommen und das Ufer zu gewinnen, wo mit bereit gehaltenen Leinen die Werftleute aufzupassen hatten. Einmal nur schlug der Versuch fehl; Boot und Balken vom Strom breitseits gefaßt, trieben wirbelnd vorbei, kein Mann war fähig, so weit sie auch am Ufer mitliefen und Taue zu werfen versuchten, wegen des hohen Ufergebüsches das Boot zu erreichen, bis ich mich mit aller Anstrengung unter Land gearbeitet hatte und einen guten Schwimmer aufforderte, eine Leine zwischen die Zähne zu nehmen und solche an irgend einem Strauch zu befestigen. Gefährlich war das Unternehmen schon der Krokodile wegen, doch der muthige Atonga schwamm aus Leibeskräften und brachte das Boot zum Stehen. Stundenlang in heißer Mittagsgluth, fast betäubt von der furchtbaren Hitze, arbeiteten wir uns mühsam wieder aufwärts; es gelang aber erst vollständig, als ich die Ordre zur Werft geschickt hatte, es solle irgendwo ein Kanoe aufgetrieben und solches mit langen Leinen abgeschickt werden. Ich hätte um keinen Preis die werthvollen Balken mögen fahren lassen, die dann unfehlbar verloren gewesen wären; hatte es doch wochenlanger Mühen bedurft, vieler Arbeit und Entbehrung, um solche fertig zu stellen.

Am 8. März hatte ich endlich alles glücklich ohne besonderen Schaden zur Werft geschafft, höchstens ein oder zwei der schweren Klötze waren verloren gegangen, die nun eiligst von den Zimmerleuten aus noch im Urbusch liegenden Stämmen ersetzt werden mußten; schlimmer war, daß mir Ottlich als einziger Zimmermann abging, weil ihn und Knuth das Fieber gepackt hatte und ich nun gezwungen war, mit den Blantyre-Leuten die noch rückständigen Holzarbeiten allein anzufertigen. Der Schiffszimmermann Riemer war längst schon krankheitshalber nach Europa zurückgesandt worden und die beste Kraft zum Aufbau der Schlipp etc. war durch ihn verloren.