Chapter 39 of 47 · 3991 words · ~20 min read

Part 39

In Verbindung mit den nach wenigen Tagen schon aufgenommenen Entdeckungsfahrten längs der ganzen Küste des deutschen Gebietes, will ich versuchen alles zusammenzufassen, was mir über Land und Völker bekannt geworden und was ich aus eigener Erfahrung während der Zeit kennen gelernt und beobachtet habe, während welcher ich den »H. v. Wißmann« auf dem Nyassa-See führte. Die gewaltige, großartige Natur, hier in hehrer Majestät entfaltet, birgt soviel des Unbekannten, daß man mit vollem Interesse den Schöpfungen einer vorweltlichen Periode nachzuforschen bestrebt ist; nicht die unerforschten Tiefen des mächtigen Sees, die noch kein Senkblei ergründete, in dessen klarem Gewässer sich das Azurblau des wolkenlosen Tropenhimmels widerspiegelt, nicht die senkrecht aufstrebenden Felsenwände, die gigantisch in kolossalen Massen aufgethürmt, sich in die weite Ferne verlieren, allein sind es, welche Bewunderung und Staunen hervorrufen, vielmehr, da viele Jahrtausende noch nicht die Spuren einer einst gewaltigen Umwälzung, wie wir solche wohl ahnen, aber nicht erfassen können, verwischt haben, bieten sich dem Auge des Beobachters Räthsel auf Räthsel dar, zu deren Lösung darum die rechte Handhabe fehlt, weil alle Behauptungen auf ungewisse Vermuthungen aufgebaut sind und mit Recht kann in wissenschaftlicher Beziehung Afrika noch immer als der dunkle Erdtheil bezeichnet werden. Ehe ich mich aber auf das Feld ungewisser und unbewiesener Thatsachen begebe, eine bloße Theorie aufstelle, will ich vorerst die Wirklichkeit zu schildern suchen.

In südwestlicher Richtung von Langenburg in 10° 0´ S. Br. liegt am Westufer des Sees der Haupt-Handels- und Stapelplatz Karonga; eine einfache Niederlassung, wie alle in das Innere Afrikas vorgeschobene Posten, von gewöhnlich nur zwei Europäern ohne sonstigen militärischen Schutz besetzt. Am Strande erbaut, ist die Anlage und Wahl des Ortes keine glückliche zu nennen, schon deshalb nicht, weil die Annäherung zu Wasser für Schiffe und Boote eine schwierige und zu Zeiten unmögliche ist; weitabliegende Riffe, mit nur wenigen Ausläufern, auf denen ein Schiff ankern kann, findet es nirgends vor der von heftigen Süd- und Südost-Winden aufgewühlten gefährlichen See hier Schutz, und das Sicherste ist es, wenn keine zwingende Nothwendigkeit vorliegt, in der Periode der Passatwinde lieber die offene See während einer stürmischen Nacht zu halten, als vor Anker einen plötzlich auftretenden Sturm auszureiten. Zweimal war ich gezwungen es thun zu müssen, solche Situation ist aber in dunkler Nacht, wenn die schwere See über das Schiff hinwegbrüllt, die Ankerketten aufs Aeußerste durch den Anprall der Wogen straff gespannt werden und der Bug des Schiffes in die schäumenden Wellen unablässig eintaucht, keine angenehme.

Der »Domira« erging es hier einst bei heftigem Südwind sehr schlecht; nachdem die Ankerketten gebrochen waren, wurde das Schiff aufs Riff geworfen und wochenlanger Arbeit mit hunderten von Schwarzen bedurfte es, das gänzlich leere Schiff, zum Glück nicht schwer beschädigt, wieder abzubringen. Die ganze nördliche Küste des Sees, von der Pankanga-Bucht bis herum nach Langenburg bietet gegen die einzig zu fürchtenden Südwinde keinen Schutz. Die Wogen des tiefen, über 325 Seemeilen von Nord nach Süd sich erstreckenden Sees, brüllen, vom Sturme aufgewühlt, mit furchtbarer Gewalt gegen das nördliche Ufer und schützten nicht hohe natürliche Dämme die weite mit dem Niveau des Sees gleichliegende Konde-Ebene, die Wellen müßten sich über das fruchtbare Land ergießen. Cap Mshewere, 10° 30´ S. Br., der letzte nördliche Felsvorsprung des Angoni-Hochlandes, das oberhalb Pankanga-Bucht steil aus dem See aufstrebt, bildet den Abschluß der am See vorgelagerten Felskette dieses Gebirgsstocks. Nördlich von diesem Cap tritt es weiter und weiter zurück und vom Ufer des Sees bis zum Fuße der Berge erstreckt sich eine wellenförmige hügelige mit dichtem Busch bestandene Ebene. Gleichwie überall an der Westküste des Sees, wo die Gebirgsmassen zurückliegen, die verflachenden Ufer eine Annäherung nur auf 2 bis 500 Meter gestatten, so sind auch hier von der oberhalb Cap Mshewere liegenden Mdoka-Bucht nordwärts bis zum Kiwira-Fluß, auf dieser Küstenstrecke mehr oder weniger Sandanhäufungen vorgelagert, entstanden und gebildet durch das Material, welches die Flüsse und Bäche aus den Bergen herabschwemmen. Die bedeutendsten befinden sich bei Kaiguni, Karonga und an der Mündung des Saisi-Flusses. Das landschaftliche Bild dieser wilden, pitoresken Gegend, von den armen Wakamanga bewohnt, deren Dörfer vereinzelt am Seeufer oder im dichten Busch versteckt liegen, bietet als Urwildniß nichts erfreuliches für das Auge, zumal von einer Kultur noch keine Rede sein kann, wiewohl die ziemlich gut bewässerte Ebene und die Abhänge der Berge einen ertragreichen Boden vermuthen lassen.

Erst unterhalb Karonga, einige Kilometer von der englischen Station, finden sich von Arabern angelegte Schambas, namentlich eine ausgedehnte Pflanzung dem uns befreundeten Araber Mirambo gehörend, von welcher wir, wenn Zeit und Umstände es gestatteten, unsern Bedarf an Zwiebeln, Salat etc. deckten. Major von Wißmann hatte Mirambo als Dolmetscher und Führer in seine Dienste genommen und soweit ich diesen Araber beurtheilen kann, konnte ein begrenztes Vertrauen in dessen Gesinnung uns Deutschen gegenüber gesetzt werden, besonders da er den Major schon früher und nicht nur von Hören-Sagen kennen gelernt hatte. Uebrigens sind die Araber seit Jahrzehnten hier ansässig und haben sich etwa 8 Kilometer hinter Karonga einen festen Stützpunkt errichtet, der im Jahre 1880-81 von den vordringenden Engländern vergeblich berannt wurde; war auch nach dem Friedensschluß die Macht derselben gebrochen und die Sklavenausfuhr von dem westlichen Ufer, von Pankanga aus nach Amelia-Bai unterbrochen, so leiteten sie nun die Karawanen doch ungehindert durchs Gebiet der Wakonde, am Fuße des Livingstone-Gebirges entlang, dann im Rambirathal aufwärtssteigend, gewannen sie portugiesisches Territorium, in welchem sie eine noch heute mit ihnen sympathisirende Bevölkerung und Schutz und Beistand bis zur fernen Küste am indischen Ocean finden. Die Engländer, ohnmächtig dem schändlichen Gewerbe zu wehren, auch als Händler nur darauf bedacht ihre Stationen soweit als möglich nordwärts den Tanganjika hinauf vorzuschieben, um den Elfenbeinhandel möglichst nach Karonga abzulenken, haben erst vor Kurzem, seitdem ihre Kanonenboote den Nyassa-See befahren, mit der unbequemen Nachbarschaft hinter Karonga aufgeräumt und den Arabern wenigstens den Sklavenhandel auf dem See selbst verleidet.

Wie ertragreich und lohnend der Handel mit Elfenbein ist, der neben anderen Produkten meistens am Westufer des Tanganjika-Sees, ja selbst von der Ostseite aus deutschem Gebiet, von den vereinzelt auf der weiten Strecke vertheilten Händlern eingetauscht wird, erhellt daraus, daß ich selbst 1893 theils in Karonga, theils in Fort Johnston, nach meiner Schätzung 15 Tons = 300 Centner prachtvoller Elfenbeinzähne habe zur Verschiffung gelangen sehen und kann nicht umhin darauf hinzuweisen, mit welchem Vortheil das englische Kapital auch in den entlegentsten Theilen Afrikas zu arbeiten versteht. Es ist die deutsche Bedächtigkeit, die ein langsames aber sicheres Vorgehen empfiehlt, und man will nicht erkennen, daß, wo andere Nationen mit Riesenschritten vorwärts dringen, wir auch gleichberechtigt eintreten können und theilnehmen müßten an den Früchten, die jene ernten. Wie ganz anders, mit wie viel großartigerem Erfolge würde die koloniale Bestrebung, die Länder im Innern Afrikas uns zu erschließen, gefördert worden sein, wenn der geniale Gedanke des Majors von Wißmann, auf den gewaltigen Binnenseen Afrikas die deutsche Macht durch starke Schiffe vertreten zu sehen, die allmählich dem aufblühenden Handel bahnbrechen und schirmen sollten, nicht durch zagende Bedächtigkeit fast illusorisch geworden wäre; die Wege hat er wohl gewiesen und gezeigt, daß es vollbracht werden kann. Da der deutsche Besitz ein werthvolles Objekt ist, worauf so oft und leider so vergeblich die besten Kenner Afrikas hingewiesen haben, so ist es gewiß an der Zeit uns der Erkenntniß, das Versäumte doppelt eifrig nachzuholen, nicht mehr zu verschließen. Durch bedächtige Zögerung finden wir auf allen Wegen erstarkte Gegner vor, die sich das Errungene nicht leicht streitig machen lassen; aber vielleicht ist dieses erst nöthig, um für die deutsche Energie ein Sporn zu sein auch hier thatkräftig einzutreten in den Kampf mit der Konkurrenz, und es erkannt wird, daß sich auch hier im Ringen und Streben für des deutschen Volkes Wohl ein weites Feld eröffnet.

Die Thatsache, daß ein deutsches Schiff auf den Seen Inner-Afrikas vielen nur als ein geringes Werthobjekt bis jetzt erscheint, da wir leider unsere Handelsbeziehungen mit den Völkern des inneren Afrika noch nicht eröffnet haben sondern anstandslos den Engländern freies Feld lassen, Handel und Macht ihrerseits immer weiter auszudehnen, so ist es wenigstens ein Machtobjekt, das schirmen und schützen kann, was wir besitzen, und würdig die Flagge des deutschen Reiches, die über weite ausgedehnte Gebiete entfaltet ist, repräsentirt. Bezeugt die deutsche Energie aber auch hier einst, wie sie es im Dienste fremder Völker und Nationen so oft glänzend bewiesen, daß der befähigste Kulturmensch der Deutsche ist, dann, und die Zeit liegt nicht so fern, wird das Hochplateau des Central-Afrikas, die Gebirge, Thäler und Höhen, dem deutschen Fleiße ihre Schätze erschließen, eine Kultur entfalten, wie wir solche uns nicht haben träumen lassen.

Die Steavenson-road, die alte vom Nyassa- bis zum Tanganjika-See führende 225 englische Meilen lange Karawanenstraße, windet sich, etwa 5 Meilen hinter Karonga, auf heute bequemeren Pfaden zum Hochplateau, das zwischen diesen Seen gelagert liegt, hinan, und soll der einzige gangbare Weg sein, da vom deutschen Gebiete aus, durch die am Fuße des Gebirgsstocks zerstreut liegenden Felsentrümmer, kein geeigneter Pfad zur Höhe führt. Indes es würde sich wohl doch von der Konde-Ebene aus ein Weg finden lassen, längs den, von demselben Plateau entspringenden Flüssen Songwe, Saisi und Kiwira, die sich durch die Felsenmassen einen Weg gebahnt haben. Es kommen vorläufig nur Träger in Frage -- also ein deutsches Handelsunternehmen würde unabhängig von den Engländern und wahrscheinlich unter viel besseren Bedingungen ins Leben treten können, wenn, was die erste Vorbedingung ist, eine sichere Straße vom Nyassa-See bis zur Küste am indischen Ozean eröffnet sein wird. Die gut bewässerte Ebene oberhalb Karonga, welche von den Flüssen Kukuru, Lufira, Kaporra durchzogen wird, zeigt schon bei flüchtiger Beobachtung eine äußerst reiche Vegetation, welche einestheils auf den fruchtbaren Boden zurückzuführen ist, anderntheils darauf, daß hier die Unsitte, Grasflächen durch Feuer zu zerstören, wie es sonst überall üblich und wodurch weite Waldbestände mit vernichtet werden, nicht gebräuchlich ist.

Die englische Missionsstation Njerenya, auf einem dem weit zurückliegenden Gebirge vorgelagerten hohen Hügelrücken erbaut, zeugt als Kulturstation auch in agrikultureller Hinsicht von der bedeutenden Ertragfähigkeit des Bodens, und ohne Frage eignen sich die Gebirgsabhänge zur Anlage von tropischen Pflanzungen und Plantagen, zumal auch auf den Höhen ein für den Europäer leidlich gutes Klima gefunden wird. Eine Gebirgswelt voll wilder Schönheit ist es, die der Fluß Songwe, der als deutsche Grenze festgesetzt ist, durchzieht; durch die granitenen mit Feldspat stark durchsetzten Felsenmassen sich hindurchwindend, ist er gleichfalls eine Scheidegrenze der hier in der Ebene vorhandenen Volksstämme. Während die an seinen Ufern zahlreiche Bevölkerung durch den Ansturm der verwüstenden Araberhorden auf beständige Abwehr bedacht sein mußte, ist diese in den Gebieten der heutigen Häuptlinge Makirime, Makjembe, Makinsa weniger der völkervernichtenden Plage ausgesetzt gewesen. Auch haben die eingewanderten kriegerischen Zulustämme nach allmählicher Eroberung des Nyassa-Hochlandes vor dieser Barriere Halt gemacht, und die Urbevölkerung, ein muskelöser schlanker Volksstamm von dunklerer Hautfarbe als die Zulu, hat die reiche Ebene behaupten können und ist nicht durch scheußliche Sklavenjagden dezimirt worden.

Was im Allgemeinen von den Wakonde gesagt werden kann, so haben sie neben der markanten kriegerischen Eigenschaft einen hervorragenden Sinn für Ackerbau; der fruchtbare Boden lohnt hundertfach die geringe Mühe und Arbeit, welche seine Bearbeitung erfordert. Die Gärten in schöner Gleichmäßigkeit angelegt, zeugen von Kunstsinn und Fleiß, der darauf verwendet ist. So auch sind die Hütten, eigentlich kleine, bunt bemalte Häuser, von angenehmen Aeußern und peinlicher Reinlichkeit im Innern, was man sonst in den Negerhütten nirgendswo findet. Mit Vorliebe in einem Bananenwald erbaut, bieten die Häuschen ein idyllisches Bild und dort wo die Bevölkerung eine dichtere, an den Ufern der Flüsse, reiht sich Haus an Haus zu beiden Seiten, und auffällig ist die Symmetrie, die in der Anlage langer Straßen vorherrscht. Das Weib steht auch bei den Wakonde auf einer höheren Stufe, es ist nicht wie bei den übrigen Volksstämmen die Sklavin und Arbeiterin des Mannes, sondern nimmt hier einen gleichberechtigten Platz ein und theilt die meisten legalen Rechte des Mannes, vor Allem steht die Frau eines herrschenden Häuptlings, »Mwehe« genannt, in hohem Ansehn und besitzt einen beträchtlich ausgedehnten Einfluß.

Auf Grund solcher gesitteten Anschauungen fällt dem männlichen Theil denn auch eine beträchtliche Arbeit zu; als besondere Spezialität mag die Verfertigung von Waffen erwähnt werden, die, neben anderen hervorragenden Eigenschaften dieses Volkes, von künstlerischer Fertigkeit Zeugniß geben. Die Nkonde-Speere sind berühmt und mehr als 20 verschiedene Arten von auffallend schöner Arbeit in Gebrauch. Schon bei flüchtiger Untersuchung findet man, daß die Gebirgsmassen sehr eisenhaltig sind, es liegt so zu sagen auf der Oberfläche und mit leichter Mühe sammeln es die Bewohner, denn eisenhaltige Steine, wie ich mich selbst habe überzeugen können, liegen in großer Zahl an den Abhängen des Livingstone-Gebirges zerstreut umher. Einfache Hochöfen sind es, die zur Gewinnung von reinem Eisen zur Anwendung kommen. Aus Thon fest aufgeführte Röhren, die mit einem starken Mantel umgeben sind, werden solche zum Theil mit zerkleinertem Eisenstein, zum Theil mit Holzkohle angefüllt; am Boden befinden sich meistens drei Feueröffnungen, die die Luftzirkulation ermöglichen. Die in Gluth gerathene Kohle entwickelt solche enorme Hitze, daß in verhältnißmäßig kurzer Zeit das flüssig gewordene Eisen abfließt. Erkaltet, muß der Ofen meistens niedergebrochen werden; die Ausbeute an Eisen aber, wenn auch nicht groß, verlohnt doch die gehabte Mühe.

So primitiv wie diese Prozedur, ist auch die Bearbeitung des Eisens; zum Schmiedehammer dient ein Stein, zum Ambos ebenfalls, der Blasebalg aber ist ein Ziegenfell. Einer getödteten Ziege wird das ganze Fell so abgezogen, daß nur die Hals- und Beinöffnungen vorhanden sind; in eine der letzteren wird dann ein kurzes Bambusrohr befestigt und damit dieses an der Feuergluth nicht so leicht verbrennt mit Eisen umgeben, alle anderen aber werden fest zugebunden. Die Halsöffnung nimmt der Bläser so in die Hand, daß er die Luft nach Belieben eintreten lassen kann und zwar, wenn geschmiedet wird, drückt er mit Knie und Armen den Balg zusammen, wodurch die Luft schnell durch das Bambusrohr austritt und das Feuer schnell anfacht. Geschick und Uebung mit Ausdauer, machen es möglich das zähe Material selbst auf so einfache Weise zu bearbeiten. Man sollte meinen ein aus weichem Eisen hergestellter Gegenstand, Speer oder Messer, könne keine scharfe Schneide erhalten, jedoch durch das unausgesetzte Hämmern der so kleinen aneinander geschweißten Eisentheilchen wird doch eine beträchtliche Härte erzielt, obschon die Methode, auf einfachere Art Eisen zu härten, den Bewohnern dieser Gegend noch unbekannt ist.

Weiter nördlich, in das Gebiet des Kiwira und Mbaka-Flusses steigt die tiefliegende Konde-Ebene allmählich an und man gelangt in die Region der Krater, die amphitheatralisch sich über die ganze weite Strecke von der Felsenwand des Livingstone-Gebirges bis zu den genannten Flüssen erstrecken; hier hat die zersetzte Lava einen überaus ertragfähigen Boden hinterlassen und die denkbar reichste Vegetation blüht auf dem Trümmerfeld erloschener Vulkane. Zudem fördert reichlicher Regen selbst in der eigentlichen Trockenperiode das Wachsthum der Flora ungemein, Bananen, Palmen (Fächerpalme), Bamboo, Schlingpflanzen etc. bedecken überall den Boden. Durchfurcht von langgestreckten Thälern, die sich zum Nyassa-See erweitern, hebt sich zu einer Höhe von 4000´, vielfach in Kegelform und umgeben von zerklüfteten Massen, das vulkanische Plateau über die Konde-Ebene empor; Lavaströme, Aschenfelder, heiße in Thätigkeit befindliche Schwefelquellen geben der ganzen, im Schmucke überreicher Vegetation erscheinenden Gegend einen ausgesprochenen plutonischen Charakter.

Im Innern der erloschenen Krater, deren weite ausgedehnte Oeffnungen heute mit Wasser ausgefüllt sind, haben sich mehr oder weniger umfangreiche Seen gebildet, belebt mit Fischen, wilden Enten etc., sogar auch Flußpferde haben sich in diese abgelegene in wilder Schönheit prangende Einsamkeit zurückgezogen. Die bedeutendsten dieser Seen sind der Kiangururu, Itende, Kisiwa, neben einer ganzen Anzahl kleinerer von unbedeutender Ausdehnung, die jedoch nach Lage der einzelnen Kraterkegel über das weite vulkanische Gebiet zerstreut liegen. Gleich Zwergen aber, müssen diese einst Feuer und Flammen speienden Berge, gegenüber den Vulkanen Rungwe und Kieyo, erscheinen die heute wie alle anderen todt und erloschen, ihre mächtigen bis zum Gipfel dicht mit Bamboo und anderen Pflanzen bewachsenen 9000´ hohen Häupter, als isolirte Bergkegel, über ihre weite Umgebung empor heben, und versetzt man sich zurück in die graue Vergangenheit, müssen hier plutonische Kräfte in ausgedehntestem Maße gewirkt haben.

Wie erwähnt bewohnen die weite Ebene die Wakonde und zu diesen gehörig die Awanzakuisa und Wundale, näher dem Livingstone-Gebirge die Wa-Tukwa, in deren Gebiet die deutsche Missionsstation Wangemannshöhe erbaut ist.

Sitten und Gebräuche dieser hier lebenden Volksstämme weichen von einander wenig ab und was ich anführen will, gilt im Allgemeinen für alle. Bemerkt wurde schon, daß die Bevölkerung ein schlanker, muskulöser Menschenschlag ist, in ihrer Weise der harten Arbeit zugethan, dabei treu und offenherzig; freimüthig geben sie Versprechen ohne sich bewußt zu sein, daß solche gehalten werden müssen. Dem Gaste, der Einkehr hält, bringt der Wirth ein Bananenbündel, das er zur Sättigung herbeiholt. Zum Abhacken der oft recht schweren Fruchtbündel bedienen sie sich eines eigenartig geformten Handmessers, dessen praktische Anwendung jeder Europäer zugestehen muß. Verstümmlungen an Armen, Beinen, Ohren oder Lippen, wie solche barbarische Strafen bei fast allen afrikanischen Völkern in Gebrauch sind, findet man unter diesen Stämmen kaum, obgleich sie auch nicht gänzlich von diesen Gebräuchen frei zu sprechen sind. Vorgekommen soll es sein, und wahrscheinlich wohl öfter, daß beim Tode eines großen Häuptlings mit diesem Leute lebendig begraben worden sind, jedoch ist diese Unsitte zumeist auf den verhängnißvollen Einfluß ihrer Zauberer zurückzuführen, die neben den Priestern (Waputi) unbeschränkte Macht besitzen.

So zum Beispiel üben an einigen Orten alte Zauberer eine extraordinäre Gewalt über die Bevölkerung aus; ihr Thun und Treiben im Dunkeln gehüllt, sprechen sie in Versammlungen nur des Nachts, zu denen allein die Ersten des Stammes Zutritt haben. Während einer solchen, vorher bestimmten Zusammenkunft müssen alle anderen Stimmen schweigen und jedes Feuer ausgelöscht sein. In Wundale glaubt die Bevölkerung, daß ein Zauberer sogar die Macht besitzt, Löwen als Boten des Uebels auszusenden, wohin es ihm beliebt. Haben Streitigkeiten stattgefunden und eine Partei verweigert eine gütliche Beilegung, so sendet er die Löwen, die nach dem Glauben in dem hohen Grase, welches die Behausung des Zauberers umgiebt, gleich Hunden leben sollen, aus und läßt den Viehstand der Unfolgsamen zerreißen. Natürlich ist dies nur eine berechnete Spekulation des unnahbaren Weisen, der mit seinen Helfershelfern in Löwenfelle gekleidet, Uebels zu thun imstande ist, zumal der krasse Aberglaube der Eingebornen ihm kein Hinderniß in den Weg legt. Uebrigens bedienen sich auch die Zauberer bei anderen Stämmen mit Vorliebe des Hyänenfelles und führen nächtlicher Weile in solcher Verkleidung ungehindert ihre meist bösen Absichten aus.

Die alten Begräbnißstätten »Isyeta« genannt, dichte und undurchdringliche Waldreviere, deren Dickicht kein Sonnenstrahl zu durchdringen vermag, sind geheiligte Orte, wo ihre Voreltern begraben liegen sollen; diese werden nur von den Waputi (Priestern) betreten, um dort in Zeiten der Bedrängniß zu den Geistern der Vorfahren zu beten. Antwort bringen ihnen die Awa-raghusi (Propheten), denen, wenn Krieg oder Seuche den Stamm heimgesucht hat, von den Priestern das Blut und der Kopf eines Bullen geopfert wird.

Eine eigenthümliche Art, sich über den Tod eines ihrer Angehörigen Gewißheit zu verschaffen, ist bei allen Stämmen im Norden des Nyassa-Sees Sitte, mit Ausnahme der im Kriege Gefallenen, nämlich: ist jemand verstorben, wird von einem schon älteren Angehörigen des Todten diesem sogleich mit einem scharfen Bamboohölzchen der Leib soweit aufgeritzt, daß die Eingeweide hervortreten, dann nach einer eingehenden Inspiezirung derselben wird der Verstorbene sofort vor dem Hause in sitzender Stellung vergraben. Selbstverständlich weichen dabei die Zeremonien von denen anderer Volksstämme wenig ab. Treten Seuchen auf, namentlich die gefürchteten Pocken, werden die Todten bei größerer Sterblichkeit außerhalb der Dörfer an entlegenen Orten begraben, aber schon nach Verlauf eines Jahres werden die Gräber von den betreffenden Angehörigen wieder in einer gewissen Nacht geöffnet und die Gebeine in dichten Gebüschen zu Haufen umher gestreut, sodaß hauptsächlich in Wundale, überall die Gebüsche mit bleichenden Menschenknochen voll sind.

Haben diese Stämme, vor allen die Wakonde, ihre Geschicklichkeit in der Bearbeitung von Eisen bewiesen, so sind sie doch nie darauf verfallen ihre Kleidung zu verbessern, sofern überhaupt von solcher die Rede sein kann, da die Frauen allein nur im bescheidensten Maaße des Feigenblattes sich bedienen, wenn auch nicht gerade dieses, weil es nicht erhältlich, so doch mit feinen Geweben, welche die Fächerpalme und auch Bananenstämme ihnen liefern, und die ganze Bekleidung ausmachen.

Besonderer Erwähnung verdient noch die Aufführung eines Hochzeitsreigen bei den Wakonde. Die Braut wird von den jungen Mädchen und Frauen am Hochzeitsmorgen am Bache, nachdem ihr die Haare abgeschoren worden, was mit so primitiven Werkzeugen als ihre Messer es sind, eine ziemlich schmerzhafte und umständliche Prozedur ist, gebadet und mit Oel eingerieben. Der einzige Schmuck, da von einem Brautgewand aus Mangel an einem solchen Abstand genommen werden muß, die Braut sich also fast in Eva-Kostüm präsentirt, ist ein Kranz von rothen Blumen um den Kopf gewunden. Darauf hält aus dem Kreise der Frauen eine würdige Matrone an die Braut eine Ansprache, die dieser die ihrer wartenden Pflichten aufzählt; dann rangiren sich die Brautjungfern, meistens zehn an der Zahl, vor und hinter der Braut, nachdem dieser vorher ein Körbchen mit Korn, in welchem ein kleineres, ebenso gefüllt und auf dieses wieder ein Topf mit Erde steht, überreicht und auf deren Kopf gesetzt worden ist. Alle legen die Hände auf die Schultern der Vorstehenden, und so umgeben von Palmenblätter tragenden Frauen setzt sich der Zug im Gänsemarsch nach dem Dorfe in Bewegung. Ein leiser Gesang, nach dessem Rhythmus marschirt wird, wobei die Körper in taktmäßiger Bewegung sich hin und her wiegen, ertönt; die mitziehenden Weiber aber suchen rechts und links umher um die Braut und den Zug vor einem vermeintlichen Feind zu schützen.

Zum Dorfe gelangt, geht der leise Gesang in ein anhaltendes ohrbetäubendes Geschrei über, bis aus dem Dorfe eine Schaar bewaffneter junger Männer auf die Gruppe einstürmt, die, geführt von dem Bruder der Braut, sich zu derem Schutze, die Speere schwingend, bereitstellt. Eine andere Schaar, geführt von dem Bräutigam, stürmt nun auf erstere ein mit der Absicht durchzubrechen und sich der Braut zu bemächtigen; ein unblutiger Kampf mit wildem Kriegsgeschrei beginnt nun, alle wehren den Bräutigam ab, bis die Weiber die Braut in Sicherheit gebracht haben, dann erst stellt ihr Bruder den umhersuchenden jungen Mann mit den Worten: Wen suchst du? -- Meine Braut! ist die Antwort. -- Wenn du sie findest, willst du mit ihrem Volke leben und ernten? -- Der Bräutigam antwortet: Laß mich suchen meine Braut und finde ich sie, will ich mit ihrem Volke leben, ich will kämpfen vereint mit diesem und als Beweis gebe ich dir meine Waffen. Die beiden Führer tauschen die Speere, heben sie über ihre Köpfe und brechen sie entzwei, die Stücke in das Gras werfend. Nun verbinden sich beide Parteien und ein endloses Suchen nach der Braut, die von den Weibern gut verborgen gehalten wird, beginnt, das oftmals bis in die sinkende Nacht fortgesetzt wird; bei Tanz und Gelage feiern sie dann die Nacht hindurch. Am anderen Morgen aber gehen die jungen Mädchen von Haus zu Haus und sammeln Geschenke für das junge Paar ein.

Was ich Näheres über die große Konde-Ebene gesagt, der Beschaffenheit und Fruchtbarkeit des Landes, so ist diese für uns ein nicht zu unterschätzender Besitz; reich an Erzeugnissen afrikanischer Kultur, kann man solche als eine Vorrathskammer betrachten. Die Ackerbau treibenden fleißigen Stämme daselbst haben auch, was für viele andere der Untergang gewesen, bisher die Sklaverei von sich fernzuhalten gewußt, selbst die Araber gewannen keinen bedeutenden Einfluß, auch nicht mit Waffengewalt, und heute unter deutschem Schutz verspricht das Kondeland für die Zukunft, nach friedlicher Entwicklung der gesegneten Fluren, in Wahrheit eine Perle unserer Besitzungen zu werden.

Nicht nur an Naturerzeugnissen reich, als mehrere Arten Bananen, Erbsen, Bohnen, Bataten und Gartenfrüchten, war früher, ehe die durch Afrika ziehende furchtbare Viehseuche den Viehbestand mit Einschluß der gewaltigen Büffelheerden fast vernichtet hatte, in der Konde-Ebene der Reichthum an Rinder ein sehr großer; mächtige Heerden weideten an den Abhängen der Gebirge, wo heute fast nur Ziegen und Schafe zu sehen sind. Eine geraume Zeit wird es währen, bis durch sorgsame Nachzucht der Viehbestand sich wieder gehoben hat; sonst war ein Stück Rind den Bewohnern von sehr geringem Werthe, für ein wenig Kupfer- oder Messingdraht schon erhältlich, jetzt aber sind einem glücklichen Besitzer seine Rinder nicht mehr wohlfeil.

Wie eine von mir mit Sorgsamkeit aufgenommene Karte zeigt, erheben sich die Sanddünen, ein Schutzwall für die dahinter tiefliegende Ebene, erst in der eigentlichen Wißmann-Bay aber so hoch, daß, vom Mastkorb des »H. v. Wißmann« aus, diese nicht zu überblicken waren, höchstens sind die Dächer der in grünen Bananenhainen zerstreut liegenden Häuser und Hütten und die Kronen gewaltiger uralter Baobobbäume zu erkennen.