Part 36
Ich war bei dem ersten beobachteten Auftreten dieser Erscheinung geneigt, den stark wehenden südlichen Winden solche Einwirkung zuzuschreiben, da diese naturgemäß die Wassermassen nordwärts treiben mußten und eine Zurückfluthung derselben erst nach eingetretener Windstille, also mit Sonnenuntergang, gestatteten. Längeres Beobachten aber, und nicht immer zu diesen Zeiten mitwirkende Winde zeigte, daß diese Vermuthung falsch war; und sofern noch nicht bekannte Ursachen diese auffällige Erscheinung einer Ebbe und Fluth hervorbringen, muß der Einwirkung der Sonne und des Mondes diese zugeschrieben werden, als sich schlechterdings keine andere Erklärung dafür finden läßt, so auffällig es auch ist und mit der Annahme, daß ein Binnengewässer von beschränkter Ausdehnung keine Flutherscheinungen haben kann, in Widerspruch steht. Einmal aufmerksam darauf geworden, sind von englischer Seite an verschiedenen Punkten die gleichen Beobachtungen gemacht und wenn später die englischen Kanonenboote wegen ungenügender Wassertiefe auf der Barre ein Einlaufen in den Schire unmöglich fanden, wurde der Eintritt des Voll- oder Neumondes abgewartet, dann machte die für zwei, selbst drei Tage zu bestimmter Zeit auftretende Fluthwelle erst ein Passiren möglich.
Wie sich übrigens bei der Beschreibung des Sees ergeben wird, zeigt dieser in seiner ursprünglichen Bildung sowohl, wie auch noch in seiner heutigen Beschaffenheit soviel Auffälliges, daß er jedem ernsten Beobachter zu tiefem Nachdenken Veranlassung geben muß.
Das Lagerleben, wie solches nur natürlich war, bot auf die Dauer herzlich wenig Abwechslung und jeder, dem eine ernste zweckmäßige Thätigkeit zugewiesen war, konnte sich glücklich schätzen; denn die Langeweile, ohne geistige Anregung, wie es hier der Fall, mußte zu einer Plage werden. Auch lag eine Beschränkung gewissermaßen darin, daß dem Jagdsport, es waren Elephantenspuren und Antilopen gesehen worden, nicht nachdrücklich gehuldigt werden konnte, da die feindlich gesinnte Bergbevölkerung dem einzelnen Jäger eine Annäherung zu den nicht fernen Wildständen unmöglich machte. Nur Sonntags, wenn das einzige Boot, das wir zur Verfügung hatten, frei war, konnten Jagdausflüge unternommen werden, wobei es einmal Herrn Wyneken gelang, ein mächtiges weibliches Flußpferd zu erlegen, das auch, wie gewöhnlich nach drei Stunden an die Wasseroberfläche gekommen, von den Leuten zur Station bugsirt wurde, und hier, als selbst mit langen Tauen der Fleischkoloß nicht aufgeschleppt werden konnte, sämmtliche Atonga und Soldaten bei Feuerschein und Laternen das Thier langsam strandaufwärts kugelten. Der Ueberfluß an Fleisch, das in Streifen geschnitten am Feuer oder in der glühenden Sonne getrocknet wurde, diente, trotzdem über hundertfünfzig Mann sich in das Thier getheilt, noch als Tauschartikel und die im Lager verkehrenden Mpondaleute schleppten mächtige Erdtöpfe voll Pombe, Mehl und andere Erzeugnisse heran, um sich gleichfalls an der selten gebotenen Delikatesse gütlich thun zu können.
Die Krokodile, die hier in den größten Exemplaren vertreten sind und niemals gestört werden, waren auf den fischreichen Gründen in beträchtlicher Zahl vorhanden, und zogen die Eingebornen mit ihren aus Baumbast gefertigten Netzen zum Fischen aus, mieden sie wohlweislich Stellen, wo die gepanzerten Unthiere zu vermuthen waren. Nie gejagt und verfolgt, waren diese Thiere anfänglich sehr dreist, erst als sie vom Schiffe aus mit heißem Blei recht unangenehme Bekanntschaft gemacht hatten, hielten sie sich von diesem und dem Ufer etwas fern.
Der See, der überhaupt an seinen Ufern äußerst fischreich ist, namentlich im Süden beherbergt er neben dem stark vertretenen Pelikan auch eine ganze Anzahl Fischreiherarten, ebenfalls bemerkten wir mehrmals am Ausfluß des Sees die äußerst vorsichtige Fischotter; es gelang, jede Thierart, wenn wir es ernstlich wollten, zu erlegen, nur das kostbare Fell dieser großen Otternart haben wir nie zu erlangen vermocht.
Gelegentlich habe ich früher erwähnt, daß unsere Soldatentruppe aus verschiedenen Völkerstämmen zusammengesetzt war unter denen in gewisser Beziehung eine strenge Absonderung sich bemerkbar machte, was namentlich in Bezug auf den Glauben, soweit bei einigen überhaupt von Religion die Rede sein kann, der Fall war. Abessinier als Christen, Egypter, Sudanesen und Somali als strenggläubige Mohamedaner, Suaheli auch zu solchen gerechnet, nur mit dem Unterschied, daß sie die Lehren ihres Propheten weniger streng beachteten und +last not least+ Angehörige einiger Stämme Inner-Afrikas, die dem Ahnenkultus zugethan waren. Selbstverständlich mußten unter so verschiedenen Typen Gegensätze zu Tage treten, die nur durch strenge Handhabung der Disziplin in etwas ausgeglichen werden konnten, was auch immer gelang, nur in einem Falle waren Strenge und selbst Strafen zwecklos. Bedacht darauf, daß die Umgebung eines Lagers, oder wie hier unser Fort, durch die Exkremente so vieler Menschen nicht verunreinigt würde, was an und für sich schon unangenehm, mehr aber noch Krankheitsstoffe hervorbringen konnte, wurden stets zur allgemeinen Benutzung Latrinen erbaut. Indes wie sehr den Leuten auch die Nothwendigkeit derselben nahegelegt wurde, sie umgingen doch das strenge Gebot. Da durch Zwang nun keine allgemeine Benutzung einzuführen war, weil der strenggläubige Mohamedaner nicht denselben Ort besuchen wollte zusammen mit dem Giaur, so wurde für jeden Stamm eine besondere Latrine erbaut; diese aber wurden doch nur so lange benutzt, als scharfe Aufsicht ein Umgehen unmöglich machte.
Hier in der Umgebung des Forts nun, wo gleichwohl solche Vorkehrungen getroffen wurden, war es für die Leute leicht sich dem Zwange zu entziehen, da dichter Busch eine strenge Aufsicht vereitelte, und die Folge wäre eine Verpestung der Luft gewesen, wenn nicht ein kleiner Käfer sich der schnellen Beseitigung der Exkremente unterzogen hätte. Diese äußerst zahlreich hier vertretene Käferart, wühlte nämlich unter jedem Abfall den Boden fort, sodaß derselbe in eine Höhlung versank, die wieder mit Erde verschlossen, nun den Thieren als Brutstätte diente. Aber wie sehr am Lande hierdurch auch einer Verseuchung vorgebeugt wurde, gegen die Verunreinigung des Wassers war schwerer anzukämpfen. Ich kann die in den letzten Wochen unseres Aufenthalts vorgekommenen Fälle schwerer Dyssentrie, die mehrere Europäer, darunter auch mich befallen, bei einigen Schwarzen sogar tödlich verliefen, nicht direkt darauf zurückzuführen, als sofort beim Auftreten dieser gefährlichen Krankheit alle Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden, indes die Keime mußten doch in dem benutzten Wasser, welches wir nur aus dem See selbst schöpfen konnten, gelegen haben, und wie nöthig eine strenge Aufsicht war, erhellt daraus, daß unsere Diener und Köche aus Faulheit und Bequemlichkeit dicht am Strande Wasser schöpften, sobald sie sich unbeobachtet glaubten, wurden sie ertappt und es gab für solche grobe Nachlässigkeit gelegentlich Strafe, kam es ihnen noch sonderbar vor, daß der weiße Mann sie zwang, möglichst weit vom Ufer entfernt reines Wasser zu schöpfen. Jedenfalls war es unablässig nothwendig bei der Zubereitung unserer Speisen den schwarzen Köchen und ihren Gehülfen scharf auf die Finger zu sehen.
Mittlerweile war unser Dampfer soweit fertiggestellt, daß wir an die zu unternehmende Probefahrt denken konnten, die gleich bis Monkey-Bai am Nordende der Halbinsel Livingstonia gelegen, nebenbei der sicherste Hafen im ganzen Nyassa-See, ausgedehnt werden sollte. Ich stimmte diesem Plane auch zu, namentlich weil schon wenige Tage später der größte Theil unserer Handwerker, die doch auch gerne vorher noch eine kleine Fahrt mit dem Schiffe machen mochten, an dessen Herstellung sie mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft so brav gearbeitet hatten, zur Entlassung kommen sollten.
Ein Aufschieben war also nicht gut mehr möglich und am 10. August, einem gerade sehr unfreundlichen Morgen, als mit Sonnenaufgang schon ein äußerst heftiger Nord-Ostwind eingesetzt hatte, lichteten wir die Anker. So lange wir noch im Schutze der Ufer uns befanden, wo der starke, halb von vorne wehende Wind die Fluthen des Sees noch nicht aufzuwühlen im Stande war, ging es auch einige Meilen mit halber Dampfkraft gut vorwärts, aber als wir erst freies Wasser gewonnen und uns den felsigen Boazuru-Inseln genähert hatten, rollten die Wogen so mächtig gegen den Bug und die Seite des Schiffes, daß das Wasser gleich Sprühregen über die hohe Kommandobrücke gefegt und dieses, so leicht wie es noch war, ein Spiel der Wellen wurde. Es rollte und stampfte in die aufgeregte See, daß Jeden, der nicht ganz taktfest war, die Seekrankheit heimsuchte. Die anfänglich fröhlichen Gesichter der meisten wurden blaß und bleich und Gott Neptun forderte unerbittlich den ihm schuldigen Tribut. Hätte nur mit dem schlechten Feuerholz eine größere Dampfspannung erreicht werden können, Wind und Wellen hätten uns nicht abgehalten, doch noch Monkey-Bai zu erreichen; aber je weiter wir kamen, desto schwerer wurde die See und hemmte die an und für sich nur mittelmäßige Geschwindigkeit des Schiffes so, daß, wollten wir die 36 Meilen lange Distanz zurücklegen, wir bei solchem Wetter erst am späten Nachmittag den Hafen hätten erreichen können.
Ungünstig zwar, unter solchen Witterungsverhältnissen, und keineswegs zufriedenstellend war, als wir gegen 2 Uhr Nachmittags die Station wieder erreicht, die Probefahrt verlaufen; ein jeder aber war doch davon überzeugt, daß der Nyassa-See, wenn der Sturm seine Fluthen aufgewühlt hat, kein ganz ungefährliches Gewässer sein müsse. Nach dem zu urtheilen, was er uns in dem langgestreckten Golf gezeigt, mußte inmitten des Sees selbst, bei südlichem Sturm, eine wilde gefährliche See laufen. Die englischen Kanonenboote haben denn auch, da sie nur darauf berechnet waren, auf wenig bewegtem Wasser zu laufen, nie sich hinauswagen dürfen, um mit Wind und Wellen den Kampf aufzunehmen; in der Periode der heftigen Winde, die vor und nach der großen Regenzeit auftreten, mußten sie immer erst ruhiges Wetter abwarten, ehe sie eine Fahrt unternehmen konnten, denn in bewegter See rollten sie so heftig, daß es nicht rathsam war, mit ihnen irgend welches Risiko zu unternehmen; war doch selbst der »H. v. Wißmann« oft nicht im Stande, gegen die hohe See anzudampfen.
18. Die Fahrten auf dem See und die Ankunft in Langenburg.
Auf dem Nyassa-See nun, bereit dessen weitgezogene Grenzen zu erforschen, stark und bewehrt jedem Feind zu trotzen und den Kampf aufzunehmen mit den Elementen, lag das schöne Schiff und harrte der Stunde, wo es die Fluthen durcheilen und die entfaltete deutsche Flagge zu fernen Küsten und zu unbekannten Volksstämmen tragen sollte. Das große Werk, unternommen und vollbracht von einer kleinen Schaar deutscher Männer, die keine Gefahren und Entbehrungen scheuend, ihr ganzes Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt, war vollendet. Das größte Schiff auf den Binnengewässern des gewaltigen Kontinents lag im Sonnenglanz auf der silberglänzenden Fluth und stolz wehte im Sturm, wie im Hauch des Zephyr-Windes, von seinen Masten nun die stolze deutsche Flagge, die unüberwunden vor keinem Feinde je sich senken möge!
Auf den Fluthen des in trügerischer Ruhe schlummernden Sees, dessen Grenzen in unabsehbare Ferne gerückt erscheinen, wiegt sich das schöne Schiff, bestimmt, ein Schrecken zu sein dem gewissenlosen Sklavenräuber, den unter dem harten Joche aber seufzenden Völkern ein starker Schirm und Schutz; es soll die Fesseln zerreißen, in die Willkür und Despotenmacht der Araber die wehrlosen Stämme zum Hohn und Schmach der Menschheit geschmiedet haben. Ein Träger der Zivilisation, soll es den in tiefster Lethargie versunkenen Völkern eine neue Aera und einen Morgen goldener Freiheit verkünden! Groß zwar werden auch hier noch die Opfer sein und gewaltig der Kampf, aber auch die Zeit wird kommen, wo in den fruchtbaren Thälern der mächtigen Gebirge und an den sanften Abhängen bewaldeter Höhen friedlich und ohne Furcht auf saftigen Gründen der schwarze Hirte sein Vieh wird weiden können, nicht mehr sorgend, daß er einem heimtückischen Ueberfall erliegen kann und Weib und Kind dem harten Sklavenloos verfallen weiß.
Alle Europäer nun, zu deren beschleunigten Abreise zur Heimat eilige Vorbereitungen getroffen wurden und die am 13. August mit unserem Leichter abreisen sollten, waren bitter enttäuscht, als mit der am 11. eingelaufenen »Domira« Major von Wißmann nicht ankam. Die meisten hatten ihren Führer seit Beginn der Expedition nicht wieder gesehen und gewiß verständlich war es, daß jeder gerne für sein Streben und seine Mühen ein Wort der Anerkennung mit auf den Weg genommen hätte; manches wäre geklärt und manch bitteres Empfinden wäre zerstreut worden. Nach den Nachrichten zu urtheilen, die vom Norden des Sees, wo Leutnant Bronsart von Schellendorf als derzeitiger Chef der Station Langenbuch fungirte, sollte Major von Wißmann sich auf dem Rückmarsch vom Tanganjika-See befinden; laut einer schriftlichen Ordre hatte der Major auch die bestimmte Absicht, selbst zu kommen, denn der Befehl, keine Fahrt mit dem Schiffe zu unternehmen, bevor er nicht eingetroffen sein würde, bestätigte dies.
Die Abreise der Steuerleute und der Handwerker, sowie einige unserer Soldaten, die gleichfalls mit entlassen wurden, erfolgte am bestimmten Tage unter Leitung von Dr. Röver, der den Transport übernommen und gleichfalls die Heimreise angetreten hatte. Zurückgeblieben und in Gouvernementsdiensten übergetreten waren von Eltz, als Stationschef, die beiden Maschinisten Spenker und Engelke, ebenso Zander und ich als Führer des »H. v. Wißmann«. Also aufs Aeußerste eingeschränkt und nur das absolut nothwendige Personal zurückbehalten, war nach der Abreise der Herren Wyncken und Prince mit der »Domira«, die entschlossen waren auf der Steavenson-road, die Straße zum Tanganjika-See, dem Major entgegen zu gehen, unser Fort »Port Maguire«, im Gegensatz zu der früher vorherrschenden Lebendigkeit, todt und still, vor allem, als ich erst mit der Schiffsbesatzung mich an Bord heimisch eingerichtet hatte.
Eine wenige Tage später unternommene zweite Probefahrt, ergab ein ganz anderes Resultat, als die erste, unter ungünstigen Verhältnissen ausgeführte. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Schiffes betrug 9 Seemeilen die Stunde, keines der englischen Schiffe hat diese Fahrt erreicht, sodaß der »H. v. Wißmann« nicht nur der größte, sondern auch an Schnelligkeit unerreicht geblieben ist. Der Befehl des Majors, der Dampfer habe seine Ankunft abzuwarten und soll keine Fahrt vorher unternommen werden, gab mir nach so langer schwerer Arbeit nun Muße, das Schiff erst recht in Stand zu setzen, vor allem strebte Spenker dahin, unsere elektrische Maschine in Betrieb zu bringen und alle Räume mit Glühlampen zu versehen.
Auch unsere Atonga, soweit sie noch in einer Stärke von annähernd 100 Mann im Fort beschäftigt worden waren, drängten nun, da ihre Zeit abgelaufen war, immer entschiedener in ihre Heimath zurückbefördert zu werden, was eines Theils nicht möglich, als ich keine Fahrt machen durfte, anderen Theils weil für ihre Abbezahlung nicht genügend Zeug und andere Stoffe vorhanden waren und damit erst begonnen werden konnte, nachdem von Blantyre das Bestellte eingetroffen war. Die Leute, die nun schon ein halbes Jahr lang brav für uns gearbeitet hatten, nun noch länger zu halten, dafür lag kein Grund vor, und so wurde beschlossen, die 500 Mark Passagegeld, die eine Beförderung der Leute mit der »Domira« gekostet hätte, unser Schiff verdienen zu lassen.
Am 29. August lichteten wir die Anker, um die erste längere Tour bis zur Mitte des Nyassa-Sees anzutreten. Erst nachdem die niedrigen, eng aneinander liegenden Felsenmassen der Boazuru-Inseln passirt waren, die, kahl und unfruchtbar, nur Seevögeln und zeitweilig Fischern zum Aufenthalt dienten, war es möglich, einen Ueberblick über die zum Theil dicht an den See herantretenden Bergmassen zu gewinnen. Die vorspringenden Bergkegel, als Satobe, Mwmama, im Norden von Livingstonia, die nur durch sehr enge Passagen vom Festlande getrennten Inseln Mbibue, Domwe, 2000 Fuß hoch, fallen besonders auf. Das Innere der Halbinsel, von Höhenzügen durchzogen, die vielfach durchbrochen sind und dadurch den Anschein erwecken, als wären es verschiedene Bergketten, zeigt von der Tiefe der langgestreckten Thäler bis zu den Höhen der höchsten Berge überall eine üppige, wilde Vegetation, selbst die Niederungen am See, als die ausgedehnte Malabwe-Bai etc, umschließen dichter Urbusch. Rechts erscheinen die Ufer flacher, sind aber in ihrer ganzen Länge von ansteigenden Hügelketten eingefaßt, die landeinwärts höher und höher aufstreben, bis sie als mächtiger Gebirgskamm sich dem Ufer des Sees allmählich wieder nähern.
Näher zur Nordspitze von Livingstonia gekommen, erscheinen hier die steil aus dem See aufstrebenden Felsenmassen eng zusammengedrängt ein kompaktes Ganzes zu bilden von 1500 bis über 2000 Fuß Höhe, selbst die vorgelagerten Felseninseln, 200 bis 300 Fuß hoch, scheinen auf geringe Entfernung noch mit den waldgekrönten Höhen verbunden zu sein, so dicht liegen diese unter Land. Die Wassertiefe inmitten des Golfs ist eine beträchtliche und nimmt von den Boazuru-Inseln, wo diese 60 bis 100 Fuß beträgt, schnell zu, schon an der Nordspitze der Domwe-Insel ist sie 150 bis 200 und über Kap Maclair hinaus 300 bis 600 Fuß.
Wie ein ausgesprengter schmaler Durchstich, der die hohen Bergmassen von einander trennt, in welchem Felstrümmer umhergestreut liegen, erscheint die tiefe Einfahrt zur Monkey-Bai; sie öffnet sich erst sobald man die vorgelagerte Insel Pundsi querab peilt und man sich inmitten der etwa 150 +m+ breiten Oeffnung befindet. Die Kursänderung von West nach Süden läßt dann das Schiff in der etwa 60 +m+ breiten Einfahrt zwischen Land und der Insel Pundsi gelangen, und die vielleicht 600 +m+ tiefe Bai, rechts von einer 1500 Fuß hohen steilen Bergwand eingefaßt, liegt wie ein herrliches Bassin vor dem erstaunten Auge offen da. Die Wassertiefe von 60 Fuß vermindert sich erst, wenn man dicht unter dem flacheren Strand, der nach Süden zu den Ausblick auf eine sich ausbreitende dicht mit Baum und Busch bestandene Ebene freigiebt, angelangt ist, der Anker fällt dann auf eine Tiefe von 24-30 Fuß.
Ein stillerer abgeschlossener Ankerplatz, wie diese kleine Bai läßt sich kaum denken. Umschlossen von Felsen, ist fast allen Winden der Zutritt verwährt, höchstens bei starkem Südwind fegt derselbe stoßweise von den Bergen herab und kräuselt die sonst immer ruhige Fluth. Am aufsteigenden Strande und zum Theil dicht unter die kahlen Felsmassen liegen die zerstreuten Hütten der Eingebornen, die um nichts besser oder schlechter wie alle anderen Behausungen der Einwohner dieses Landes sind, trotzdem hier die Bewohner als reich gelten müssen. Sie haben, seitdem überhaupt die Schifffahrt auf dem Nyassa-See eröffnet und als Feuerungsmaterial Holz benöthigt wurde, hier eine Holzstation errichtet und betreiben den Verkauf der aufgestapelten Holzmassen an die einlaufenden Schiffe; nebenbei sind sie noch gute Seeleute und jedes Schiff, das eingeborene Besatzung braucht, rekrutirt solche in dieser Bai.
Das Erscheinen eines so großen neuen Schiffes rief nicht geringe Verwunderung bei den Eingebornen hervor. Ein förmlicher Ansturm erfolgte aber, als ich den von hier stammenden Kapitao Kambajalika mit dem Auftrage an Land sandte, er solle einige tüchtige Leute, namentlich Heizer (Leute die schon mit der »Domira« gefahren hätten) aussuchen und an Bord bringen. Viele nun, zum größten Theil aus Neugierde, wollten sich anwerben lassen und immer mehr kamen, so viel ihrer auch abgewiesen wurden. Die zwei vorhandenen Kanoes reichten nicht aus, die Stellung suchenden zwischen Land und Schiff hin- und herzubefördern, und mehrere, kurz entschlossen, schwammen einfach an Bord; namentlich 8-10jährige Jungens, wenn sie mit Mühe das hohe Schiff erklommen hatten, präsentirten sich, pudelnaß und die scharzbraune Haut von Wasser triefend, in Adamskostüm und baten darum als Boy (Diener) angenommen zu werden, und nicht eher gab sich die kleine Gesellschaft zufrieden, bis sie Gelegenheit fanden ihr Anliegen mir vorzubringen, erst wenn ich ihnen gesagt, ich brauche keinen Boy, waren sie befriedigt und verschwanden.
Ich war einzig zu dem Zwecke nur in Monkey-Bai angelaufen, um für die Reise Brennholz anzukaufen, fand aber wider Erwarten nicht genügend Holz am Strande vor und mußte mir an sieben Bootsladungen, für die ich 70 Yard Zeug bezahlte, genügen lassen. Es ist nur ein Tauschhandel, der Besitzer eines Holzstapels erhält stets so viel Zeug als dieser Stapel lang ist, und von Rechtswegen muß das Holz so hoch aufgeschichtet sein, als das Zeug breit ist. Der Bequemlichkeit halber hatte ich den Atongas erlaubt, für die Nacht an Land zu logiren. Um uns nun am Abend das Treiben am Strande etwas näher zu besehen, ließ ich ganz plötzlich den elektrischen Scheinwerfer auf die zerstreut umherliegenden Gruppen richten. Das helle Licht, das blitzschnell erstrahlte, erleuchtete die dunklen Hütten, aus denen Weiber aufkreischten und Kinder schrien, selbst die Ziegen und Hühner vom blendenden Strahl getroffen, schreckten aus ihrer Ruhe auf. Furcht war das erste Empfinden, das diese noch nie gesehene Erscheinung auf Mensch und Thier hervorbrachte, und hätten die Atonga die Einwohner nicht beruhigt, diese hätten der Ursache dieses Lichtes irgend welche dämonischen Kräfte zugeschrieben; so aber bald aufgeklärt darüber, daß nur der weiße Mann solches Licht erzeuge, blieb wohl nicht ein Bewohner in den Hütten; mit staunender Bewunderung sahen sie sich vom Licht umstrahlt, das im nächsten Moment wieder einen anderen Gegenstand taghell erleuchtete. Das Licht vom Dorfe fort zu den Berghöhen geleitet, wo jeder Baum zu unterscheiden war, über Wasser und an den Ufern lang huschend, und wieder blitzschnell über die erstaunten Gesichter fliegend, machte auf diese unwissenden Naturkinder einen nachhaltigen Eindruck.
Unser nächstes Ziel, welches ich am anderen Tage zu erreichen hoffte, war Kota-Kota, wo einige Polizeisoldaten des englischen Gouvernement abgesetzt werden sollten, die die Eintreibung der fälligen Steuern bis zu meiner Rückkehr vorzunehmen hatten. Da nämlich das weit ausgedehnte Gebiet des mächtigen Häuptlings Jumbe unter englischen Protektorat gestellt ist, war auch hier schon eine Art Abgabe eingeführt worden, die wie überall nicht gutwillig gezahlt wurde, sondern erst eingetrieben werden mußte, deshalb hatte die Bevölkerung als Kopfsteuer, ein gewisses Quantum Reis, der in den sumpfigen Niederungen am Fuße der Berge in vorzüglicher Qualität kultivirt wurde, zu entrichten.
Monkey-Bai (14° 4´ S. Br., 35° 4´ 0´´ Öst. Länge) verließ ich am nächsten Morgen und dicht unter den steil aus dem Wasser aufstrebenden Felsmassen hinfahrend, erweiterte sich bald, als Kap Maclair passirt war, der mächtige See und der Livingstonia-Golf mit den vereinzelt umhergestreuten Inseln, als Elephanten-Island, Tumbi, Malere, Mamkowa-Inseln, lag vor uns offen. Von hier setzten wir den Kurs auf den weithin erkennbaren Berg Risu, ein vereinzelter Bergkegel, der scheinbar wie abgetrennt von der kompaktem Gebirgsmasse, am See lagerte und erreichten jenen Ort, wo Major v. Wißmann seiner Zeit die Verfolgung einer Dhau aufgenommen hatte, welche durch ihre Besatzung in dem Augenblick zum Kentern gebracht, als ein Warnungsschuß die Fliehenden zum Streichen des Segels aufforderte. Kap Rifu, so kann ich den Felsvorsprung nennen, lag bald hinter uns und direkt auf die Bentje-Inseln steuernd, sahen wir plötzlich im klaren Wasser Grund unter dem Kiel; die Tiefe von 90-24 Fuß abnehmend, zeigte es sich, daß die weit zurückliegende Kuturu-Bai sehr schnell abflachte. Ich hätte mich zu einer näheren Untersuchung wohl nicht sogleich eingelassen, wenn nicht weit in die Bucht hinein eine Dhau in Sicht gekommen wäre, die offenbar mit dem leichten Winde das Ufer zu erreichen suchte und zu entkommen strebte. Leider unbekannt mit den Tiefenverhältnissen, mußte ich, als immer flacheres Wasser gelothet wurde, vorsichtshalber die Fahrt des Schiffes mindern und sah mich schließlich genöthigt, da ich mit dem Geschütz die Dhau noch nicht erreichen konnte, die Verfolgung aufzugeben. Das Fahrzeug, unzweifelhaft mit einer lebenden Fracht nach Losefa, dem Sklavenhafen am gegenüberliegenden Seeufer, bestimmt, entkam und lag wohlgeborgen in einem der sumpfigen Creeks, ehe ich mich mit langsamer Fahrt dem Ufer beträchtlich genähert hatte. Zwischen Kuturu und Losefa befindet sich eine bekannte Araberfähre; vom ersteren Ort werden die weit aus dem Innern herbeigeschleppten Sklaven nach Losefa übergeführt und von dort durch portugiesisches Territorium weiter bis zur Küste.
Mit schlauer Berechnung sind auch hier im Nyassa-See von den Arabern die flachsten verborgensten Winkel ausgesucht, um das schmähliche Gewerbe ungehindert betreiben zu können; die Schleichwege über die Untiefen hinweg sind nur den Führern der Sklavendhaus bekannt, und gelingt es nicht, auf freiem Wasser die Menschenräuber zu überraschen, entkommen sie unbelästigt.
Ich sah die Unmöglichkeit ein, mit dem großen Schiffe dem Ufer näher zu kommen, deshalb suchte ich mir den Weg ins tiefe Wasser zurück und den felsigen Bentje-Inseln näher gekommen, nahm die eigenthümliche Beschaffenheit derselben meine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch.
Die Hauptinsel, ein runder 500 Fuß hoher, vollständig kahler Kegel, scheint nach allen Seiten hin wie abrasirt; am Fuße nur befindet sich ringsum ein Kranz verkrüppelter Bäume und Sträucher und zeigt wie wenig die Vegetation hier hat Fuß fassen können. Auch die nach Südost abliegenden zwei niederen kaum 100 Fuß hohen Massen bilden, getrennt von einander durch schmale Passagen, ein Conglomerat von übereinander gethürmten Felsmassen. Was aber das Eigenthümlichste ist, diese niedrigeren Inseln erscheinen auf jeder Entfernung wie mit Schnee bedeckt, und Baum und Strauch spärlich vertreten, bieten das Bild einer eintönigen Winterlandschaft dar. Der Grund dafür ist der, jedes Felsstück, jeder Baum ist mit einer Guanoschicht überdeckt und infolgedessen erscheint alles weiß. Tausende Vögel, als Cormorane, Pelikane, Fischadler, Gänse und Enten etc. haben hier ihren Aufenthalt und Brutstätte. Keines Menschen Fuß betritt diese Inseln, kein Geräusch, als die nur oft wild gegen die steilen Felsen anstürmenden Wogen des Sees, stört die Thiere hier; da Nahrung in Ueberfluß vorhanden ist, so konnten sich die friedlich bei einander hausenden Vogelarten keinen gelegeneren Ort auswählen. Aus großer Tiefe aufstrebend, sind diese Felsen eine starre todte Masse und es war dicht unter Land kein Ankergrund zu finden; erst später als Forschungsreisen gemacht wurden, gelang es mir an der Nordseite, geschützt gegen den südlichen Wind, einen sicheren Zufluchtsort zu finden.