Chapter 13 of 47 · 3994 words · ~20 min read

Part 13

Spät Abends, am 24. November, traf per Eilbote, durch Leutnant Bronsart von Schellendorf von Chilomo gesandt, die Nachricht im Lager ein, daß meine Anwesenheit dort unbedingt erforderlich sei, woraufhin ich mit zwei Eingebornen in einem kleinen Kanoe die Fahrt flußaufwärts in aller Frühe des nächsten Morgens unternahm. Man muß in einem solchen schmalen ausgehöhlten Baumstamm, ohne jedwede Stützen (Ausleger), die hier nicht gebräuchlich sind, worin man nur sitzen, sonst sich nicht weiter bewegen kann, und ausgesetzt der glühenden Sonne, solche Tour unternommen haben, um annähernd beurtheilen zu können, was es heißt, elf Stunden lang in einem solchen Fahrzeug zuzubringen. Gewandt und sicher aber sind diese Fährleute, sie stehen in dem schwankenden Kanoe und bewegen bei der unausgesetzten Arbeit nur ihren Oberkörper, wodurch ein Umschlagen desselben, was bei unsicherer Hantirung unausbleiblich wäre, vermieden wird.

In Chilomo angekommen, lag wider Erwarten nichts von Bedeutung vor, nur einige desertirte Sudanesen, welche von Katunga aus mit ihren Waffen das Weite gesucht hatten, sollten verfolgt werden, wozu die Hilfe des portugiesischen Stationschefs am Ruofluß in Anspruch genommen und der Telegraph zu deren Ergreifung in Thätigkeit gesetzt wurde. Ich persönlich konnte dabei nicht viel thun, und die eilige Fahrt nach Chilomo war eigentlich eine nutzlose gewesen. Ich orientirte mich noch über den Zustand des Lagers und die Beschaffenheit des hier aufgestapelten Materials und trat schon am nächsten Tage bei guter Zeit, um noch vor Dunkelwerden das Lager wieder zu erreichen, die Rückfahrt an.

Unterwegs hatten wir über tiefes Wasser hingleitend, ein kleines Rekontre mit einem Flußpferd zu bestehen, das von mir verwundet, wüthend auf das Kanoe losging; aber da der Fluß an jener Stelle zu tief, war dasselbe nicht imstande das Kanoe umzuwerfen, sonst hätte es uns übel ergehen können. Weniger glücklich war einst Leutnant Bronsart in einem ähnlichen Falle. (Ein wüthendes Thier griff sein leichtes Kanoe an und warf es um, nur der Umstand, daß er sich, die Gefahr erkennend, ganz nahe dem Ufer gehalten hatte, verdankte er das Leben.)

Am Abend des 30. November kam Brückner mit seinem leeren Fahrzeug in Umpassa an, aber ohne genügend Leute, was ich von den tags zuvor schon eingetroffenen Bewohnern Umpassas, die bereits in Chilomo den Leichter verlassen hatten und von mir ausbezahlt worden waren, erfahren hatte. Auch von Wissemanns Leuten waren einige darunter, die sich wegen der Behandlung beklagten und wegen der rückständigen Löhnung Schwierigkeiten machten. Es wollte mir nicht recht einleuchten, daß diese Leute erst vor wenig Tagen den vermuthlich zur Zeit bei der Etappestation befindlichen Leichter verlassen haben sollten, sie waren vielmehr längst vorher desertirt und hatten sich nur nicht gemeldet, weil sie glaubten, mit den Angekommenen nun gleichen Verdienst ausbezahlt zu erhalten. Nachdem ich aber ihre Namen festgestellt hatte und ihnen vorrechnete, daß sie mir etwas weiß machen wollten, was aber hier nicht angebracht sei und sie nun dafür von Rechts wegen eigentlich nichts haben müßten, schränkten sie ihre Forderungen auf ein bescheidenes Maaß ein.

Solche Versuche, den Europäer anzuführen, sind nichts Seltenes unter dieser Menschenrace, was namentlich von solchen Leuten gilt, die längere Zeit bei einem Weißen bedienstet waren. Nie wird sich der Neger die Tugenden des Europäers aneignen, vielmehr zu seinen Untugenden dessen üble Gewohnheiten hinzufügen und diese mit Vorliebe nachzuahmen suchen, wird deshalb auch unter Seinesgleichen bald ein Muster von Geriebenheit. Mir lag daran, auf gütigem Wege mich mit dem Häuptling Tengani zu einigen, da nun doch nochmals die Verhältnisse mich zwangen, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, insofern als ich ihn abermals um Stellung von zehn Leuten ersuchen mußte.

Während der Leichter beladen wurde, leitete ich die Unterhandlung mit dem Fumo ein, ihm noch bevor ich Umpassa verlassen würde, ein Geschenk versprechend, wenn er willig, mir die benöthigten Leute geben wolle. Allein hatte er früher schon seine Abgeneigtheit gegen die Europäer deutlich genug gezeigt, machte er jetzt kein Hehl daraus und wurde unverschämt, verstieg sich sogar zu nutzlosen Drohungen. Daraufhin nun erklärte ich ihm das Ultimatum: er stelle bis zum Abend die gewünschten zehn Mann, oder ich hole ihn am nächsten Morgen mit Soldaten aus seinem eigenen Dorfe heraus und bringe ihn nach Chilomo, dies sei mein letztes Wort, Verhandlungen gebe es nun nicht mehr.

Nach den Schwierigkeiten zu urtheilen, welche der Fumo jedesmal gemacht hatte, konnte ich voraussetzen, daß er auch diesmal sich nicht gutwillig fügen werde, und wie ich es erwartet, kamen keine Leute; am nächsten Morgen aber, als ich meine Ankündigung wahr machen wollte, fand ich im Dorfe weder den Häuptling noch irgend welche Leute vor, konnte auch nicht erfahren, wohin er sich begeben hatte und erst am nächsten Tage, als ich sehr früh zum Dorfe ging, fand ich einen jungen Menschen, der mir die gewünschte Auskunft gab, auch den Weg zu des Häuptlings Schamba (Anpflanzung) mir zeigte, wohin dieser sich zurückgezogen hatte, um der angekündigten Festnahme zu entgehen.

Nach langem Marsch durch Urbusch und Gehölz fand ich denn schließlich den Fumo auf seiner Besitzung, wo er mit seiner Frau in aller Ruhe das Feld umhackte.

Zu ihm herangetreten, forderte ich ihn auf sich zu entscheiden, ob er mir die Leute geben wolle, andernfalls ich ihn jetzt abführen lasse. Seine gereizte Antwort war: er habe überhaupt keine Leute, und erging sich gegen die ausgesprochene Absicht ihn mitzunehmen, in Drohungen, in welche sein Weib durch lautes Lamentiren wacker mit einstimmte. Er sah aber doch ein, daß Widerstand nutzlos war und von den beiden Soldaten, die ich bei mir hatte, in die Mitte genommen, folgte er willig zum Lager.

Noch war es nicht Mittag geworden, als auch schon die Aeltesten des Dorfes im Lager erschienen und höchst erregt, die Freigabe ihres Häuptlings forderten, als ich ihnen die Bedingung genannt, unter welche diese jetzt nur noch geschehen könnte, zogen sie wuthentbrannt ab, sodaß ich voraussetzen mußte, sie würden irgend eine Dummheit begehen und gar wegen ihrer großen Ueberzahl Gewalt anwenden. Indes am Nachmittag kamen sie wieder und besprachen sich mit ihrem Häuptling, worauf mir denn die Zusicherung gegeben wurde, es sollten die gewünschten zehn Mann am frühen Morgen zur Stelle sein, dafür aber die Freilassung des Fumo forderten.

Das Resultat, wenn ich dieser Forderung gewillfahrt hätte, wäre gewesen, daß ich mit dem Leichter nicht hätte abfahren können und das Nachsehen gehabt hätte, denn solcher Zusage konnte ich nicht mehr vertrauen; daher bedeutete ich ihnen, ihr Fumo solle sofort frei sein, sobald mir die Leute übergeben werden. Einen Zwang hatte ich dem Häuptling nicht weiter auferlegt, er konnte sich im Lager frei bewegen, stand nur unter Aufsicht des täglich aufgestellten Postens und durfte sich nicht entfernen. Am Abend, um ein Feuer unter den Bananen gelagert, hatte der Fumo dort auch, in ihm gegebenen Decken gehüllt, sein Nachtquartier aufgeschlagen, welches sein Weib mit ihm zu theilen sich entschlossen hatte, wenigstens wollte sie nicht ihren Eheherrn in solcher Lage im Stiche lassen. -- Sein Groll schien sich mit der Zeit gelegt zu haben. Ich fand ihn in angelegentlicher Unterhaltung mit den Leuten, als ich einen mit dem Leichter angekommenen Suaheli-Bacharia, der von rheumatischen Schmerzen arg geplagt wurde, durch Elektrisiren einige Linderung zu verschaffen suchte.

Nachdem die Prozedur beendet war, fragte ich auch den Häuptling, ob er nicht anfassen wolle -- es geschähe ihm nichts dabei --; die Neugierde bewog ihn schließlich die Griffe anzunehmen, um selbst sich zu überzeugen, ob in der kleinen selbstthätigen surrenden Maschine ein böser oder guter Geist sitze, der solches Geräusch verursache. Der Strom, noch anfangs schwach, schien ihm das prickelnde Gefühl in den Händen und Armen zu behagen, als ich aber stärkeren Strom spielen ließ, so daß er die Hände nicht mehr öffnen konnte, schnitt er doch gewaltige Grimassen und sein Weib, ängstlich geworden, faßte mit beiden Händen zu, um die Griffe wegzureißen, fuhr aber entsetzt zurück, als nun auch der Strom sofort durch ihren Körper ging.

Als darauf die Maschine außer Thätigkeit gesetzt war, wollten beide doch nichts mehr damit zu thun haben, betrachteten vielmehr den unscheinbaren Kasten mit argwöhnischen Blicken und sind wohl heute noch davon überzeugt, daß es in der Macht des weißen Mannes liege, Geister zu bannen und zu beherrschen. --

Betrachtet man im Allgemeinen die Lebensweise dieses umwohnenden Volksstammes, findet man in den Bezirken, wie solchen ein jedes größere Dorf vorstellt, patriarchalische Zustände; der Häuptling, als das Oberhaupt, übt im Verein mit den Angesehensten die Gerichtsbarkeit aus und schlichtet etwa vorkommende Streitigkeiten; sonstige Angelegenheiten werden in öffentlicher Versammlung durchberathen, in welcher das Wort des Medizinmannes und dessen Ansichten meistens ausschlaggebend sind, um so mehr, je fester dieser sich in die Gunst der Dorfbewohner zu setzen verstanden hat. Uebt doch das Geheimnißvolle und Unerklärliche auf die Gemüther dieser einfachen Naturkinder, die dem Aberglauben stark verfallen sind, einen allzu großen Einfluß aus. Bei Ceremonien und anderen für sie höchst wichtigen Vorkommnissen lauschen sie achtungsvoll den Worten des weisen Mannes oder machen ihre Entscheidung über irgend eine wichtige Unternehmung von dem guten oder bösen Omen, welches der Medizinmann durch geheime Manipulationen ihnen prophezeit, abhängig.

Oefter beherrscht ein mächtiger Häuptling auch mehrere Dörfer, jedoch muß man das Gemeindewesen als mehr republikanisch bezeichnen, denn nach der fortschreitenden Macht der Europäer, die in den Augen der Eingebornen eine viel größere ist, hat der Nimbus der Häuptlinge viel verloren und ihre Alleinherrschaft, die oft zu großer Willkür und Ungerechtigkeit geführt, ist heute gebrochen; behaupten kann sich und bedeutenden Einfluß besitzt nur der noch, dessen Persönlichkeit Achtung zu erzwingen weiß und der in seinem Urtheil gerecht und maßvoll bleibt. Mag auch der weiße Mann noch immer als Eindringling betrachtet werden und der von diesem ausgeübte Druck dem freien Neger als ein nur widerwillig getragenes Joch erscheinen, so ist dieser doch für ihn die höchste Instanz, an die er sich wendet, sobald Streitigkeiten zu schlichten sind, die früher oft zu blutigen Fehden Veranlassung gaben in welchen der Stärkere auch das Recht auf seiner Seite behielt.

Das Familienleben des Eingebornen kann als ein zufriedenes angesehen werden, man findet wenigstens, daß der Hausherr sich öfters auch um die noch kleinen Kinder bekümmert und so der Frau, auf welcher alle Arbeiten des Hauses und des Feldes ruhen, in etwas unterstützt, sonst aber träge seine Tage verbringt, wenn ihn nicht die Noth oder Gewinn veranlassen für den Europäer zu arbeiten.

Mehrfach beobachtet man hier bei den Frauen die unschöne Sitte, in dem dicken Fleisch der Oberlippe einen Ring zu tragen, wodurch diese sehr entstellt wird, namentlich bei alten Frauen wird dem verfallenen Gesicht -- schon ein Urbild der Häßlichkeit -- dadurch etwas abschreckendes gegeben. In jeder Beziehung lästig muß dieses eigenthümliche Schmuckstück sein, und gehörte es nicht zum guten Ton, denn auch die schwarzen Frauen sind eitel nach ihrer Art, wie alle Evastöchter, so würde die schmerzhafte Operation und das hinderliche Anhängsel wohl bald in Fortfall kommen.

Es war am 2. Dezember 1892, als ich mich zur Abreise von Umpassa, wo ich so lange unfreiwilligen Aufenthalt gehabt hatte, rüstete. Die begehrten zehn Mann waren gestellt worden und fast alle männlichen Einwohner des Dorfes hatten sich um ihren freigegebenen und noch beschenkten Häuptling versammelt. Alle schienen zufrieden zu sein, daß nun endlich die weißen Männer sich anschickten, sie zu verlassen; von denen sie des Guten so viel hätten haben können, wenn sie der Arbeit weniger abhold und ihr Fumo verständiger gewesen wäre.

Ich trieb zur schleunigen Abfahrt, weil ich den halb zur Mitfahrt gezwungenen Eingebornen nicht recht traute, wenigstens voraussetzen konnte, daß sie anfänglich jede Gelegenheit zum Entweichen benutzen würden, was auch richtig einem der Leute trotz der scharfen Aufsicht gelungen war. Wohl ließ ich durch den als Aufseher mit vier Soldaten zurückgelassenen Handwerker Dohmann sogleich nach dem Entlaufen unter den zahlreichen Zuschauern nachforschen; dies indes nur zum Scheine, um den anderen zu bedeuten, daß sie im Auge behalten würden und ein Fluchtversuch ihnen nicht leicht werden sollte.

Die Flußfahrt ging anfänglich wegen des starken Stromes nur langsam von Statten, obwohl wir mit Einschluß der Lagerbesatzung über zwanzig Mann in dem Fahrzeug hatten, die mit langen Bambusstangen versehen, gleichmäßig und unablässig dieses vorwärts schoben. Diese nicht leichte Arbeit wird erst durch längere Gewohnheit weniger ermüdend; wo es nothwendig, griffen wir Europäer auch zu, mußten aber uns zugestehen, daß, wenn man seine ganze Kraft anwendet, nicht allzu lange aushalten kann.

Besonders Erwähnenswerthes trat uns auf dieser Fahrt nicht in den Weg. Legten wir Abends am Ufer an, vergnügten wir uns mit Fischfang, der auch ergiebig genug war; auf kurze Jagdausflüge wollte ich mich nicht einlassen, zumal die Uferumgebung immer wild und unzugänglich blieb, sodaß es doch längerer Märsche bedurft hätte, ehe am Waldesrand oder auf freieren Grasflächen Wild gefunden werden konnte. Wir hatten auch noch Fleisch genug, da Brückner auf seiner Herunterfahrt hier in der Umgegend ein großes Zebra erlegt hatte, dessen Fleisch die Leute sich an Feuer geröstet hatten, so war kein Mangel.

Der Zufall wollte, als wir in einen Creek gerathen waren, aus welchem ich einen vermuthlichen Ausweg suchte, daß ich, ohne Waffe zur Hand, im hohen Ufergebüsch die nächste Bekanntschaft mit einer Wildkatze machen mußte. Als das fauchende, schön gezeichnete Thier keinen Rückzug mehr sah, machte es ernstliche Miene den unwillkommenen Störer anzugreifen, und glaube ich, die scharfen Krallen, sowie das nicht zu verachtende Gebiß waren allem Anschein nach im Stande recht bedenkliche Wunden zu verursachen. Erst das Erscheinen eines mich begleitenden Mannes machte das Thier anderen Sinnes, es sprang durch das Blättergewirr in die Tiefe und suchte unter den Wurzeln der Sträucher über dem Wasser einen Zufluchtsort.

Vom Glück begünstigt, vorwärts getrieben durch einen starken Wind, der die Menschenkraft unnöthig machte, erreichten wir schon nach wenig Tagen Chilomo, woselbst schnell die nothwendige Erleichterung des Fahrzeuges vorgenommen und dieses nach kurzem Aufenthalt weiter expedirt wurde, um so weit als möglich von dem anhaltend günstigen Winde flußaufwärts getrieben zu werden. Unsere Umpassa-Leute zogen es vor, doch die Fahrt mitzumachen, zumal ihnen reichliche Verpflegung neben dem Verdienst zugesichert wurde, was sie in ihrem Heimathsdorf nicht hatten; auch stellte ihnen Brückner, der weiter hinauf auf große Heerden Flußpferde gestoßen war, bestimmt ein solches Thier, das er den Leuten zur Nahrung schießen werde, in Aussicht.

Uebrigens hat Brückner auf seinen Fahrten eine ganze Anzahl dieser Thiere erlegt, und mit dem überreichen Fleischvorrath spekulativ verfahrend, ließ er öfters, wenn er sich festgefahren hatte oder über eine Sandbank nicht hinweg kommen konnte, die Leute des nächsten Dorfes zusammen rufen, die dann sein Fahrzeug auch gerne gegen Ueberlassung eines halben Cibokos aus gefährdeter Lage befreiten und ihn eine Strecke weit unterstützten, bis er wieder freieres Wasser vor sich sah.

Für die Führer der deutschen Expedition war von Seiten des britischen Kommandanten der Kanonenboote Kapitän Robertson, das für diesen extra erbaute Haus in Chilomo zur Verfügung gestellt worden und war dadrinnen auch nur ein Zimmer und zwei Seitenkabinets vorhanden, so waren ein Tisch und Stühle doch ein ungewohnter Comfort, wenigstens war es etwas anderes als das Einerlei des Zeltlebens. Ich fand hier noch Leut. Bronsart von Schellendorf vor, der auf die angekündigte Auslieferung eines portugiesischerseits angehaltenen Sudanesen wartete und erst am 7. Dezember seinen Marsch nach Katunga antreten konnte.

Hier in Afrika, wo die Ameise in ungezählten Milliarden vertreten ist, tritt sie entweder als alles zerstörende Termite auf, oder siedelt sich in Häusern und Hütten an, wo dann nichts vor diesen kleinen Thierchen, was Nahrung heißt, zu schützen ist, beobachtet man nicht die Vorsicht, alles was Süßigkeiten enthält in Wasserbehälter zu stellen, so sucht sie in wahren Völkerwanderungen sich Zutritt zu verschaffen und durch die Unzahl der dabei umgekommenen Thiere wird oft die Speise, oder der Inhalt nicht gut verschlossener Konservenbüchsen ungenießbar gemacht. Ich erwähne dieses, weil im Lager die Anwesenheit der kleinen braunen Ameise zur wahren Plage geworden war, vor der absolut nichts mehr geschützt werden konnte, und die Behauptung des Obersteuermanns Gerloff, er habe schon das nutzlose Vertilgen aufgegeben und den Ekel, die Ameise gelegentlich mit den Speisen verzehren zu müssen, überwunden, konnte ich glaubhaft genug finden, nachdem es mir bei längerem Aufenthalt nicht besser erging.

Nebenbei zeigte sich noch eine etwa drei Fuß lange Eidechsenart, die insofern für uns lästig wurde, als sie unseren freilaufenden Hühnern nachstellte und diese dadurch so scheu wurden, daß sie Nachts nur auf einem im Lager befindlichen hohen Baum ihr Nachtquartier aufschlugen. Wohl lauerten wir solcher Eidechse auf, aber es wollte nicht gelingen das vorsichtige und höchst gewandte Thier habhaft zu werden oder zu erlegen.

Einen freundlichen Anblick gewährten die hier in den Sträuchern sich aufhaltenden Chamäleons; tagsüber saßen sie ruhig auf einem Ast und schnellten gelegentlich die klebrige Zunge aus, um ein Insekt zu erhaschen, dabei boten sie dem stillen Beobachter ein wechselvolles Farbenspiel dar. Gewöhnlich grün oder oder blaugrau, wechselte die Farbe ihres Körpers im Sonnenstrahl allmählich und ging in bronzefarbener Schattirung untermischt mit goldgrün über; erregt oder gestört wechselten die Farben schneller, sodaß man versucht war anzunehmen, das Chamäleon könne je nach Belieben die verschiedensten Farbentöne annehmen, von grün, blau, bronze in grau, selbst schwarz und weiß. Verfolgt man das sonst träge Thier, muß dieses selbst genau im Auge behalten werden, denn im Blättergewirr, wo es die gleiche Farbe annimmt, entgeht es sonst unfehlbar. Sieht es sich irgendwie bedrängt, zischt es seinen Gegner an und versucht mit seinen unförmlichen großen Kinnladen zu beißen, weicht aber doch immer wieder zurück, dabei geschickt solche Schlupfwinkel wählend, die ihm einen Ausweg gestatten, bis man ermüdet die Nutzlosigkeit das Thier zu erfassen einsieht, und will man das harmlose Thier nicht gerade tödten, von der Verfolgung abstehen muß.

In der hohen steilen Uferwand, die hier an der Mündung des Ruoflusses in den Schire, gebildet ist, haben sich tausende hochrothe langgeschwänzte Vögel tief in das Erdreich ihre Nester gegraben und wenn diese in Schaaren über Land oder Wasser eilig hinfliegen, in wirren Massen sich in den Lüften zusammenhaltend wie die Tauben, dann lassen sich diese mit einer Wolke vergleichen. Mir blieb leider nicht die Zeit, diese interessante Vogelart eingehender zu studiren, über ihr Leben und Treiben Näheres zu erfahren, aber immer boten sie ein anziehendes Bild, wenn sie geschäftig mit Futter im Schnabel zu ihren Nestern zurückkehrten, um schnell wieder über das Wasser hinzuschweben und unermüdlich dem Nahrungsfang oblagen. Unter den ungezählten Erdlöchern, die alle von ganz gleicher Form und Größe, findet jeder Vogel ohne Weiteres seine Wohnstätte, ein Drängen und kreischendes Schreien habe ich nur bemerkt, wenn eine größere Anzahl zu den Nestern sich herandrängte und alle an die Uferwand sich klammernd nicht sogleich Einlaß fanden, welcher aber seinen Eingang gewonnen hatte, vertheidigte diesen sofort gegen einen vermutheten Eindringling.

Chilomo als bedeutender Ansiedelungsort bietet vorläufig nur wenig Anziehendes, wiewohl es am ganzen Zambesi und Schire der einzige Platz ist, wo man mit einem regelmäßigen Aufbau vorgegangen ist und geht man längs der einzigen Häuserreihe die an der Ruoseite erbaut ist, gaben die zur Linken abgesteckten Straßen und Quadrate einen Anhaltspunkt, in welcher Weise sich der spätere Ort entwickeln soll.

Häufig genug hatte ich hier Gelegenheit, in diesem einzig größeren Settlement der Engländer am unteren Schire mit diesen zusammen zu kommen und wie ich schon früher mich bemüht habe auszuführen, zeigt der Egoismus der englischen Nation hier in ihren Vertretern kein sehr anmuthendes Bild, indem nichts Gleichberechtigtes an die Beherrscherin der Meere und Völker gleichen Anspruch erheben darf; allgewaltig herrschend, will es scheinen, als gehöre mit Fug und Recht die Erde nur ihr und der Schwächere muß weichen, will er nicht den Zorn des mächtigen Albion auf sich lenken, um schließlich zu unterliegen; dem gefährlichen Gegner ist im Konkurrenzkampf schwerlich eine andere Nation auf diesem Gebiete gewachsen! --

Das schwache Portugal, heute ohnmächtig, sieht durch das eigennützige aber zielbewußte Vorgehen der Engländer sich hart bedrängt, es fand nicht die Kraft dem Andringenden einen Damm entgegen zu setzen, und man könnte sagen: giebst du ihm die Hand, nimmt er dir den Schopf; aber die große Schuld liegt darin, daß die Portugiesen in diesem jahrhunderte langem Besitz sich nicht über die Bevölkerung empor geschwungen und sie mit sich gezogen haben, um das reiche Erbtheil zur Blüthe zu führen, sondern was sich in dieser Kolonie als lebenskräftig bewährt hat, ist zu ihr hinabgestiegen, das Interesse für das Mutterland ging unter in dem Bestreben der Selbstsucht zu fröhnen.

Eine melkende Kuh ist der weite Besitz geblieben, dessen Hilfsquellen nun nahezu erschöpft sind und kein Versuch wurde gemacht, dessen verborgene Reichthümer zu erschließen, durch Arbeit das Land reich und durch ihr seine Völker frei zu machen; Druck und geduldete Knechtschaft führten Zustände herbei, die heute diesen großen Besitz als eine Illusion erscheinen lassen und dem Kolonisationstalent der portugiesischen Nation, (dies als Resultat betrachtet) kein gutes Zeugniß ausstellt.

Zu spät, nachdem andere Nationen im thatkräftigen Aufschwung durch die Macht geistiger Größe die Saat auszustreuen beginnen und die Früchte ihrer Arbeit zu ernten sich anschicken, sieht Portugal sein Eigenthum gefährdet, aber schon zu tief in Lethargie versunken findet es nicht mehr die Kraft einen neuen Anlauf zu nehmen und mit den Konkurrenten in den Wettkampf einzutreten. Was Wunder also, wenn die Herren Engländer für die unfähigen Portugiesen nur Verachtung übrig haben, die auch unverhohlen zum Ausdruck kommt, weil der kleine schwache Gegner, den der mächtige zertreten möchte, einen Rückhalt an anderen Nationen findet, die der zügellosen Ländergier Englands ein: bis hierher und nicht weiter zurufen! Es spielt sich hier allmählich ein Vorgang ab, der zu einem Abwirthschaften der Portugiesen führen muß und Deutschlands Kolonialpolitik, die mit junger frischer Kraft in den Kampf eingetreten ist, sollte gerade auf diesem Gebiete, wo der verschlagene rücksichtslose Engländer der einzige Gegner ist, mit der Autorität des deutschen Namens der verhängnißvollen Umschließung durch die Engländer entgegentreten. Zu Englands Ungunsten wirft der Portugiese seinen Haß gegen dieses in die Wagschale -- und kommt einst die Entscheidung, sollten wir vorbereitet sein, eine Umarmung England durch Besitznahme der portugiesischen Kolonie zur Unmöglichkeit zu machen! --

Acht Tage war ich in Chilomo anwesend, als am 8. Dezbr. Abends von Eltz unerwartet mit dem Leichter Wissemanns eintraf, mit der Nachricht, daß über den Aufbau des Dampfers die endgültige Entscheidung getroffen sei und dieser nun an den Ufern des Nyassa-Sees erbaut werden sollte; zu diesem Zwecke sollte ich nun unverzüglich mich aufmachen und den Major, ehe er seine Weiterfahrt nach diesem See antrete, noch in Mpimbi am oberen Schire zu erreichen suchen.

Auf diesen Befehl hin rüstete ich mich, nach Uebergabe des Kommandos, zur eiligen Abfahrt nach Katunga, nachdem das benöthigte Handwerkszeug noch zusammengestellt und der Zimmermann Ottlich als mein Begleiter ausgewählt worden war. Am 10. schon konnten wir mit einem gecharterten Boote der Afr. Lakes-Co., wie solche zur Beförderung von Reisenden und Lasten benutzt wurden, flußaufwärts abfahren. Beim Abschied von Chilomo ließ sich das freudige Gefühl, daß nun die Zeit thatkräftigen Handelns ist, nicht unterdrücken. Zwar was im Schooße der Zukunft verborgen -- wäre das uns zu schauen vergönnt gewesen -- hätte das düstere Bild voll Gefahren und Entbehren wohl die Freude, nun gehe es endlich vorwärts, dämpfen können; obgleich ich wohl wußte, welche ungeheuren Anforderungen noch an den persönlichen Muth und an die Thatkraft jedes Einzelnen gestellt werden würden! Aber es ist der höchsten Weisheit Vorbedacht, daß selbst die nächste Stunde in Dunkel gehüllt vor uns liegt und wir nicht Herr unseres Geschickes sind.

Den Windungen des Flusses folgend, zwischen den vielen Sandbänken uns den Weg suchend, bot nach mehrstündiger Fahrt schon die Scenerie einen ganz anderen Anblick, insofern, als Wald und Busch zurücktrat und zu beiden Seiten und so weit das Auge sehen konnte nur hohes Elephantengras untermischt mit Rohr sichtbar blieb. Am ersten Abend schon, am Rande der Graswüste angelangt, die wie der Moramballamarsch, hier den Namen Elephantenmarsch führt, geriethen wir in Verlegenheit wegen Feuerholz; es war nicht genügend Bedacht darauf genommen worden, weil bisher fast überall solches noch aufzufinden gewesen war, hier aber nun gänzlicher Mangel eintrat, sodaß wir uns mit mühselig zusammengesuchtem Rohr behelfen mußten um nothdürftig einen Topf Kaffee zu unserer frugalen Mahlzeit bereiten zu können.

Mit Recht führte diese Gegend ihren Namen, in der ungeheuren Ebene sind nicht allein Heerden von Elephanten, sondern der ganze Thierpark Central-Afrika in allen Gattungen vertreten. Daß hier Wild im Ueberfluß, wie so viele Augenzeugen bestätigt und kühne Jäger erfahren, ließ sich wohl nach der Gegend zu urtheilen, voraussetzen, aber trotzdem war es nicht verlockend, in diese Grasebene einzudringen, worin absolut nichts zu sehen war und nur die Wildpfade, die zum Wasser führten, ein Fortkommen gestattet hätten.