Chapter 32 of 47 · 3922 words · ~20 min read

Part 32

Von unsern vier Transportleichtern hatten schon im September 1892 die Engländer zwei davon als eine Art Abschlagszahlung für die der deutschen Expedition geleisteten Dienste erhalten, über die uns verbliebenen zwei sollte laut Bestimmung des Majors von Wißmann, nach Beendigung des ganzen Transportes, so verfügt werden, daß einer auf dem unteren Schire verblieb, der andere aber zerlegt über das Gebirge geschafft und in Mpimbi wieder zusammengesetzt werde. Demgemäß trafen dann auch nach und nach die Leichtertheile auf der Werft ein und mir fiel auch die Aufgabe zu, die Zusammensetzung derselben in die Wege zu leiten. Die Hauptfrage aber war, wo einen Platz zum Aufbau finden; das zehn Fuß hohe steil zum Fluß abfallende Ufer nochmals an einer anderen Stelle abtragen zu lassen, war schier unmöglich; querüber dem Lager, wo das Ufer flach, eine provisorische Schlipp herzustellen, war deshalb ungünstig, weil eine solche so weit von der Werft entfernt und auch in der Grasebene ohne jeglichen Schutz gelegen sein würde. Schließlich fand ich etwa 100 Meter oberhalb der Werft einen vollständig mit Gebüsch und Bäumen ausgefüllten Graben, der vor langer Zeit den Dorfbewohnern als Vertheidigungslinie gedient hatte, geschützt durch einen vorgelagerten Erdwall. Lange bevor die Europäer sich in diese Gegenden festgesetzt hatten und naturgemäß die Volksstämme zu schützen suchten, mit denen sie in Verbindung getreten waren, ist hier oft hart und heiß gekämpft worden; die Wangoni, ein mächtiges Volk, suchten sich der Ufer des Schire zu bemächtigen, hatten auch schon durch ihre Ueberzahl manches Dorf genommen; ehe sie aber in jahrelangen Kämpfen Herr des weiten Gebietes werden konnten wurden sie mit europäischer Hilfe und Waffen zurückgetrieben, sodaß sie heute nicht mehr wagen, den ungleichen Kampf zu eröffnen. Man kann sich jetzt von dem wilden Leben keine Vorstellung mehr machen; plötzliche Ueberfälle, gegenseitiges Rauben, Zerstören der Felder und Dörfer, war viele Jahre lang der Ruin der Eingeborenen, und ihre Zahl schmolz sichtlich zusammen, mehr durch die Zahl derer, die geraubt und in die Sklaverei geführt, als durch die, die im Kampfe erschlagen wurden. Die heutige Generation wächst in Frieden heran, es kann von einem Kampfe nur noch die Rede sein, wenn die Häuptlinge sich nicht fügen und im Vertrauen auf ihre Macht gegen die immer zahlreicher eindringenden Europäer die Waffen erheben, wie es der kürzlich niedergeschlagene Aufstand gezeigt hat. -- So recht für meine Zwecke passend, war dieser Graben angelegt worden, da ich ihn nur zum Theil vom Gebüsch reinigen, ebenen und etwas erweitern lassen brauchte. Hätte ich von dessen Vorhandensein im Anfang unserer Arbeit Kenntniß gehabt, würde ich entschieden hier die Werft angelegt haben und mit Benutzung mancher natürlichen Vortheile mir viel Arbeit erspart haben können.

Nach Einverständniß mit den Dorfältesten, Tschikusi selbst ließ sich nicht sehen, nahm ich unverzüglich die Arbeit in Angriff und in Ermangelung geeigneter Vorkehrungen, auf welchen der Aufbau des Leichters sich hätte bewerkstelligen lassen, hatte ich mich aufs Erfinden zu verlegen, insofern, als eine erhöhte Stellage hergestellt werden mußte, damit man unter dem Boden des Fahrzeuges auch arbeiten konnte, denn der ganze Leichter in seinen einzelnen Theilen nur mit Schrauben verbunden, mußte vor allem darauf Bedacht genommen werden, daß dieselben auch fest und wasserdicht eingesetzt würden. Der Mensch muß sich zu helfen wissen, heißt es, und in diesem Falle machte ich es so: eine ganze Anzahl parallel sich gegenüberstehende Hölzer, oben mit Gabeln versehen und in gleicher Höhe fest in die Erde gesetzt, sollten mit starken Winkeleisen, welche in Reserve für das Schiff mitgeführt waren, verbunden und so auf diesen eisernen Balken der Boden des Fahrzeuges zusammengesetzt werden. Zum späteren Ablaufen hatte ich die beiden langen Schiffsmasten inmitten der Stellage legen lassen; der Leichter nach seiner Vollendung darauf niedergeführt, konnte somit leicht auf Rollen ablaufen.

Diese Arbeit ging natürlich nicht leicht von Statten, da der Werft selbst kein Abbruch an Kräften gethan wurde, und ich nur solche Leute, namentlich Suaheli, hier anstellte, die sonst zu anderem wenig nützlich waren; gleicherweise konnte der Aufbau auch erst dann begonnen werden, sobald Brückner sich wieder so weit hergestellt fühlte, daß er, vertraut mit dem Bau der Leichter, die Aufsicht übernehmen konnte.

Zurückgreifend auf jene Zeit, als die deutsche Seen-Expedition ins Werk gesetzt wurde, haben auch die Engländer, eifersüchtig auf das deutsche Unternehmen und besorgt, ihre Weltherrschaft in Central-Afrika könne gefährdet werden, sogleich den Plan gefaßt, in derselben Weise vorzugehen und dem deutschen Machtobjekt ein Aequivalent zur Seite zu stellen, und zwar nicht blos mit einem, sondern gleich mit zwei Kanonenbooten und einem Flußdampfer. Ihr Streben ging dahin, wenn irgend angängig, ihre Schiffe mit den deutschen zu gleicher Zeit in Dienst zu stellen, und sie setzten demnach alles daran, mit uns Schritt zu halten. Allein war der Transport ihres Schiffsmaterials gegen dem unsrigen auch ein Kinderspiel zu nennen, als alles so fein und dünn, z. B. die Platten nur 1-1/4 +mm+ stark, so konnten sie den Transport über das Gebirge doch nicht eher unternehmen, d. h. der schwereren Schiffs- und Maschinentheile, bis ihnen unsere Wagen zur Verfügung gestellt wurden. Ebenso große Verlegenheit bereitete ihnen die Wahl eines praktischen Bauplatzes, und nichts konnte dem Leiter dieser englischen Expedition, Kapt. Robertson, willkommener sein, als die Ueberlassung jenes Werftplatzes, den ich für den Bau unseres Leichters hatte herrichten lassen und der für den Aufbau der kleinen englischen Schiffe wie geschaffen war.

16. Im Urwald.

Die tägliche Arbeit auf der Werft, die meine ganze Zeit und Kraft in Anspruch nahm, nicht nur soweit die Aufsicht und Leitung des Ganzen es erforderte, sondern auch das Mithandanlegen ans Werk, war es schwer, mich einige Tage freizumachen, um endlich die nunmehr anfangs April unaufschiebbare Expedition ins Innere des Wangoni-Landes vorzunehmen, denn zur Herstellung der noch benöthigten Balken und anderer Hölzer konnte ich mindestens zwei Monate rechnen. Leicht würde es nicht sein, passende Bäume zu finden, das hatten von mir unternommene Streifereien in die Wildniß schon erkennen lassen, und recht verlangende Blicke warf ich jedesmal nach jenem herrlichen Waldbestand, der von den Eingeborenen zum Begräbnißplatz auserwählt war und der dadurch für uns unnahbar geworden, als ich strikte die eingegangene Verpflichtung, den Ruheplatz ihrer Todten nicht zu betreten, einhalten mußte; folglicherweise hieß es die Hände davon lassen! So war ich denn darauf angewiesen aufs Neue in der weg- und steglosen Wildniß vorzudringen, und vielleicht viele Meilen weit zu wandern, ehe ein Terrain gefunden, worauf die Jahrhunderte alten Waldriesen in genügender Anzahl vorhanden waren.

Zur Genüge bekannt mit dem Leben und den Mühsalen in der afrikanischen Wildniß, mußte ich auch darauf bedacht sein, daß nunmehr die Leute viele Wochen lang, abgeschlossen von allem Verkehr in einer Gegend leben sollten, wohin sich keines Menschen Fuß je verirrt hatte. Darum entschlossen, auf keinen Fall zwecklos zurückzukehren und vor keinem Hinderniß zurückzuschrecken, ließ ich gleich die nöthigen Vorbereitungen treffen, allenfalls Tage lang abwesend sein und meine Begleiter zurücklassen zu können. Der Mannschaft, bestehend aus 10 Atonga und Ottlich, hatte ich, um sie auf dem höchst wahrscheinlich sehr beschwerlichen Marsche zu entlasten, den auf der Werft vorhandenen Wagen, worauf das nöthige Handwerkszeug geladen werden sollte, mitgegeben, und zur frühen Morgenstunde uns einschiffend, wollte ich auf den früher von uns geschlagenen Wegen vordringen. Langsam zwar, aber durch nichts behindert, erreichten wir jenes mir noch unbekannte Wangonidorf mit dessen Häuptling sich Ottlich schon bekannt gemacht, als er noch vor dem Aufstand die Aufsicht über die im Urbusch gefällten Bäume führte.

Heiß und glühend brannte die Sonne auf die weite baumlose Grassavanne nieder und herzlich froh war jeder, als wir nach dreistündigem, gewiß nicht einen Spaziergang zu nennenden Marsch, im Schatten des gewaltigen Baobabbaumes in mitten des kleinen Dorfes ausruhen konnten. Idyllisch im Urbusch versteckt, umgeben von kleinen Schambas mit Mais, Mtama und Bataten bepflanzt, lagen hier etwa 15 elende Hütten; rauchgeschwärzt, vom Wetter zerzaust, paßten sie so recht zu dieser wilden Umgebung. Gewiß hatte sich bis hierher selten der Fuß eines Europäers verirrt, und neugierig, halb furchtsam, lugten Frauen und Kinder aus den niedrigen Eingängen ihrer Hütten, während die Männer um ihren Häuptling, einem weißköpfigen Greise, versammelt, aufmerksam den Verhandlungen folgten, welche ich mit diesem angeknüpft hatte. Bald wurden auch die Kinder zutraulicher, aus respektvoller Entfernung starrten sie die ihnen fremden Erscheinungen an, und was sie am meisten, namentlich an meine Person, bewunderten, war der lange blonde Vollbart, wenigstens war aus den Zeichen, die sie sich machten zu entnehmen, daß sie Vergleiche zwischen mir und Ottlich anstellten, der einen solchen in den Tropen lästigen Gesichtschmuck nicht besaß.

Erwähnenswerth ist der Haarschmuck der Wangoni, es kann dieser als besonderes Merkzeichen des ganzen Volksstammes betrachtet werden; ein leichtes Unterscheidungsmal jedenfalls, nämlich: sie tragen auf dem Kopfe 4-6 festgewickelte, gerade abstehende Strähnen; die 3-4 +cm+ lang am Ende mit einem kleinen erbsgroßen Erdkügelchen abschließen. Die krausen Haare werden so um ein kleines Stäbchen oder Stückchen Rohr festgewickelt und durch die klebrige Thonkugel am Ende festgehalten, daß sie in dieser Lage bleiben müssen, und dienen wie erwähnt als besonderer Schmuck und Kennzeichen. Ob solche Haarfrisur für lange Zeit nicht erneuert wird, kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen, denn ich habe nur sehr selten Gelegenheit gehabt solcher Toilette beizuwohnen und kann nur so viel behaupten, daß, nach dem schmutzigen Aussehen des Kopfhaares zu urtheilen, höchst selten eine neue Frisirung vorgenommen wird. Ihre primitive Kleidung, die meistens nur aus einem 3-4zölligen Zeugstreifen besteht, dient noch dazu ihre Habseligkeiten, eine Schnupftabakdose und ein kleines selbstgefertigtes Messer zu bergen, indem diese Gegenstände an einem Ende dieses Bekleidungsstückes eingewickelt werden und handgerecht vorne am Bauch herunterhängen, jedoch wird letzteres auch am linken Oberarm in einer aus Ziegenhaut gefertigten Scheide getragen, dieses Messer, eine äußerst rohe Zusammensetzung aus Eisenstücken, ist ihnen so handgerechter.

Ein sorgloseres Leben, wie es diese Eingeborenen führen, ist kaum denkbar, keine Pflicht, keine Arbeit rüttelt sie aus ihrer trägen Ruhe auf, und während meines Aufenthalts hier konnte ich beobachten, wie sie sich die Zeit vertrieben. Mit Vorliebe dem Spiel und Tanz ergeben, hat der Neger eine besondere Zuneigung zu den bunten Karten gefaßt, und kann er sie von den Europäern erlangen, wird er meistens nach seiner Kombination ein Spiel veranstalten; hat er aber die Glücksblätter und ihre Bedeutung noch nicht kennen gelernt, behilft er sich mit anderen Methoden. In diesem Falle lernte ich eine Art Spiel kennen, das nach meiner Auffassung dem Damspiel zu vergleichen ist, und zwar: der flache Erdboden als Brett benutzt, stellten kleine Löcher dicht an dicht die Felder vor, nur daß das provisorische Brett hier kein Quadrat, sondern ein großes Parallellogramm war; eine Anzahl kleiner Steine ersetzten den Spielenden das nöthige Zubehör. Klug bin ich nicht daraus geworden, da kein geeigneter Erklärer zur Hand war, fand es aber doch interessant genug und konnte es mir erklären, daß solche Spieltische eigenartiger Konstruktion vor Beschädigung bewahrt wurden; als nämlich das Hühnervolk mit Eifer nach Beendigung des Spiels die zahlreichen gleichmäßigen Löcher aus- und durcheinander zu kratzen begann, wurde ein Wachtposten in Gestalt eines kleinen Jungen dabeigestellt, der mit perfekter Sicherheit jedes vorwitzige Huhn ein Steinchen zusandte, das dieses zur eiligen Flucht veranlaßte.

Die Unterhandlung mit dem alten Häuptling betreffs einiger Führer hatte dahin geführt, daß er willig mir solche stellen wollte und auch sich erbot die gesammten männlichen Dorfbewohner mir zu überlassen, wenn sie beim Fällen der Bäume benöthigt würden; kleine Geschenke nämlich hatten seine Begierde nach mehr gereizt, und mit kluger Berechnung sah er voraus, daß kaum jemals wieder eine solch günstige Gelegenheit sich bieten würde, so leicht und bequem sich zu bereichern, er war daher auch, als ich seinen Antrag, der mir höchst willkommen, annahm, von ganz besonderer Liebenswürdigkeit und plapperte mir so viel vor, als ich nur mit anhören wollte, obgleich ich selbst mit Hilfe eines Dolmetschers schwer daraus klug werden konnte.

Daraus, daß die bestellten beiden Führer durch eine tüchtige Mahlzeit sich erst stärkten, konnte ich schon entnehmen, der Weg würde lang und beschwerlich sein, was sich auch bestätigte, als wir nach halbstündiger Rast das hinter dem Dorfe ansteigende Gelände betraten und mühsam die schmalen Fußpfade verfolgten. Bald ging es über durch wildrasende Waldbäche zerrissenes Terrain, auf- und abwärts durch Schluchten und über Hügel, bis schließlich in der wegelosen Wildniß unser Wagen durch die immer dichter zusammenstehenden Sträucher und Bäume nicht mehr fortzubringen war. Proviant und Handwerkszeug mußte vertheilt werden und ich bedauerte nur, aus dem Dorfe nicht mehr Leute mitgenommen zu haben, die die ziemlich stark belasteten Atonga, von denen 6 den zerlegten Wagen theilweise zu tragen hatten, hätten erleichtern können, aber zu spät und schon zu weit entfernt, mußte es eben so gut als möglich vorwärts gehen. Reich an Widerwärtigkeiten war der Weg, bald durch dichtes Gebüsch, bald an steilen Abhängen hinziehend, zerstachen und zerrissen Dornhecken uns die Haut und unsere dünnen Kleider; die nackten Menschen nicht imstande, sich gegen die scharfen Dornen zu schützen, krochen oftmals mehr als sie aufrecht gingen hindurch. Die Wege, welche die Führer verfolgten waren nur Wildpfade und ganz angethan darnach, daß diese der Löwe und Panther, wie mir die Wangoni versicherten, zur nächtlichen Streife benutzten; war doch die ganze zerklüftete Umgegend so recht geeignet den gefährlichsten Raubthieren als sicherer Zufluchtsort zu dienen. Dazu kamen wir durch Dickichte, in welchen eine bienengroße Fliege förmlich Attacke auf unsere unbedeckten Körpertheile machte, deren Stich so empfindlich und schmerzhaft war, daß wir vorwärts eilten, so gut und schlecht es gehen wollte, um nur diesen Quälergeistern zu entgehen.

Nach mühevollem Wandern am Fuße eines steilen Hügels angelangt, wo das Terrain wieder in eine Art Lichtung überging, hieß ich den Wagen hier zusammensetzen, und nun die Mannschaft davor, suchten wir den bewaldeten Höhenkamm zu erreichen. Oben angelangt und im Schatten knorriger aber breitästiger Bäume stehend, eröffnete sich vor unsern Augen eine wilde, doch in ihrer Eigenart herrliche Gegend. Rechts strebten die Hügel immer höher an, bis zu den fernen Bergen mit Wald und Busch bestanden. Vor uns in der Tiefe lag eine Grassavanne ausgebreitet, unterbrochen mit größeren Weideplätzen, auf denen ungestört in kleineren Trupps verschiedene Antilopenarten, selbst das Kudu, weideten, und weiter, an deren Grenze, mächtiges Rohrgebüsch, das den Uferrand des uns schon bekannten Flusses einfaßte. Links von uns aber, fiel das Terrain in sanfter Wellenlinie ab; es breitete sich ein Waldidyll vor uns aus, wie ich solches in der afrikanischen Wildniß noch nie erblickt hatte. Schlank und hoch, gleich einem herrlichen Dom, unter dessen Schatten grüne Grasmatten ausgebreitet lagen, hoben Baumfarren und Kaktusbäume ihre stolzen Kronen in die Lüfte und als wir in diesem lichten prächtigen Wald wandernd, die ganze Herrlichkeit der jungfräulichen Natur um uns bewundern konnten, war der Wunsch in uns lebendig, an solcher Stätte verweilen und ruhen zu dürfen.

Von jener Höhe, von der ich herniederschaute auf diese sonnenbeglänzten Gefilde, erschien die weite Ferne näher gerückt, aber es war nur ein Trugbild der Reflexion, denn stundenweit dehnte sich das Waldgefilde aus, ehe wir dieses durchzogen, wieder in die Grassavanne hinaustraten und in der vollen Sonnengluth durch das mannshohe Gras vorwärts strebten, die steilen Ufer eines jetzt nur wenig bewässerten Baches hinab und hinauf, standen wir vor einer undurchdringlichen Mauer jener Rohrmassen, wie solche hier allerwärts die sumpfigen Niederungen an den Flüssen ausfüllten; dem Urbusch gleich, verwoben mit Schling- und Dorngesträuch, war nur das plumpe Flußpferd und das Warzenschwein fähig, hier hindurch sich Bahn zu brechen; auch die scheue Antilope folgt in nächtlicher Stunde diesen Spuren, um zum frischen, klaren Wasser zu gelangen, das sie während der heißen Tagesgluth vielfach entbehren muß.

Ehe ich mich nun entschloß, aufs Geradewohl den dunklen Gängen, deren mehrere in nächster Umgebung hier ausmündeten, zu folgen, fragte ich die Führer, welche selbst nicht mehr wußten, wohin sie uns den Weg zeigen sollten, (da ich solche Bäume, die sie für dick und hoch bezeichnet hatten, für unbrauchbar erklärte,) ob nicht an dieser Seite des Flusses irgendwo noch stärkere und geradere Stämme zu finden seien. Dieses verneinend, wiesen sie in die Ferne nach den Bergen hin und meinten, dorthin allein könnte es möglich sein, zu finden was wir suchten. Nun solch einen weiten Weg durch die offene Grassavanne auf gut Glück in glühender Sonne zu machen, das hielt ich denn doch für zwecklos, und wie hätten wir wohl allenfalls dort gefundene Bäume auf solchen Wegen, wie wir sie anfänglich durch Dickicht und Busch uns gebahnt, zum Schire schaffen sollen? Also vorwärts -- der Wagen zerlegt, die Leute, wie schon einmal, mit den Lasten bepackt, ging es in einem der dunklen Gänge hinein. Kühl und feucht, selbst modrig war die Luft da drinnen, und unwillkürlich schärften sich die Sinne bei dem Gedanken, daß nächtlicher Weile der König der Wildniß und der blutgierige Panther hier auch hindurch schlichen, um die wehrlose Antilope, wenn sie vom Durst geplagt, zum Wasser eilte, nach Katzenart zu beschleichen. Es war ja nicht das erste Mal, daß ich in solche Reviere eindrang, wo unumschränkt die Gewaltigen der Thierwelt herrschten, und an die Einsamkeit sowohl, wie an die Schrecken der Wildniß gewöhnt, war die Beklemmung, die selbst den Muthigsten erfaßt, wenn er auf solchen Pfaden geht, längst geschwunden, obgleich man doch das Herz klopfen fühlt, sobald in der Dämmerung solcher Gänge das lauschende Ohr irgend ein unerklärliches Geräusch vernimmt.

Nach halbstündigem Hindurchwinden, wobei es mit den Wagentheilen recht mühsam vorwärts ging, traten wir wieder hinaus in hellen Sonnenschein und silberglänzend lag der Fluß vor uns. Wissend, daß überall, wo Flußpferde ihre Ausgänge im Uferdickicht gebrochen haben, sich tiefes Wasser befindet, wollte ich hier gleich, da eine Messung nur Mannstiefe ergab, den Uebergang versuchen, dagegen aber erhoben die Führer Protest, indem sie erklärten nicht folgen zu wollen und dadurch auch die Atonga zaudern machten. Es seien, wie sie behaupteten, an solchen Stellen in diesem sonst seichten Flußbett immer Krokodile gefährlichster Art vorhanden. Ich konnte mich hiervon auch bald überzeugen, denn nach kurzer Umschau hatten die Leute drei mächtige Thiere entdeckt, die nur mit dem Oberkörper über Wasser, halb im Ufergebüsch verborgen lagen. Gleichzeitig feuernd, störten wir sie aus ihrer behaglichen Ruhe auf, sahen auch dann, wie durch das Echo der Schüsse erschreckt, eine ganze Anzahl im Wasser verschwand; selbst wie ein Flußpferd weiter unterhalb den Kopf neugierig über Wasser hob und dumpf grunzend sein Mißbehagen ausdrückte. Es blieb also nichts anderes übrig, als nun längs dem Ufer vorzudringen, bis wir das Ende des tiefen Beckens erreicht, eine seichte Stelle fanden, wo mit Ausnahme einer tieferen Rinne der Uebergang leicht bewerkstelligt werden konnte.

Hier im Waldesschatten, dessen tiefes Dunkel sich endlos vor uns auszudehnen schien, veranlaßte mich die überstandene Anstrengung kurze Rast zu halten, und nun drängte sich mir der Zweifel auf, ob ein weiteres Vordringen von Nutzen sei, da auch die Führer erklärten, sie wüßten in dieser Wildniß sich nicht weiter zurecht zu finden; rings um uns sei undurchdringlicher Urwald -- einen anderen Weg zurück wären sie nicht imstande anzugeben. Doch bald entschied ich mich zum Vorwärtsgehen, die Nothwendigkeit war ein Zwang, der alle Bedenken beseitigte. Und weiter wanderten wir in der Walddämmernng westwärts durch Urdickicht und lichteren Urwald, bis wir in später Nachmittagstunde uns schließlich von undurchdringlichem Busch umgeben fanden.

Wildromantisch war die nächste Umgebung, die dichte lebende Wand, von Luftwurzeln und Lianen gebildet, die tausendfältig durcheinander gewoben, jedes Eindringen gewehrt hätten, erschien wie eine Mauer, durch die hindurch noch nie eines Menschen Hand Bahn gebrochen hat. Und wo niemals vorher der müde Fuß eines Europäers Rast gehalten, schleichend nur der Panther auf Beute ging, die Hyäne das sterbende Wild zu finden weiß, das in tiefster Waldeinsamkeit sein letztes Lager bettet, der Ruf der Nachteule die Stille unterbricht, rasteten wir, um nach einem langen ermüdenden Marsche auszuruhen.

Recht lang schon wurden die Schatten der Bäume, wenn die scheidenden Sonnenstrahlen vereinzelt durch das dichte Laub zu dringen vermochten, als wir längs diesem Dickicht nach einer Stelle suchten, wo es weniger schwierig war, durchzukommen, und die westliche Richtung wieder eingeschlagen werden konnte. Nicht möglich war es, auch nur auf kurze Distanz etwas genau zu unterscheiden, bis es zwischen den Bäumen nach längerer Zeit plötzlich heller wurde, und eine Lichtung sich vor uns aufthat, die zu einem ehemaligen breiten, jetzt aber trockenen Flußbett führte. In diesem der Richtung folgend, wohin einst die Wassermassen geflossen sein mußten, verengte sich das Bett mehr und mehr, bis wir vor einer wildverwachsenen Schlucht weiteres Vordringen aufzugeben gezwungen waren. Erst als wir links über die einstigen hohen Ufer einen Weg uns suchten, kamen wir unverhofft zum Laufe eines kleinen Flusses mit kaltem kristallhellem Wasser, und hier sahen wir zu unserer Freude über den etwas niederen Urwald die Kronen riesenhafter Bäume hoch in die Lüfte emporragen.

Zu spät, um mich noch von der Beschaffenheit jener Waldriesen zu überzeugen, da mit der scheidenden Sonne zugleich sich tiefe Dunkelheit über diesen endlosen Urwald lagerte, beschloß ich hier Halt zu machen und auf einem freien Platze für die Nacht Lager zu schlagen, d. h., wir hatten nämlich nichts weiter zu thun, als das gesammelte Holz zu entzünden und im Scheine der Feuer zu lagern, denn ohne jeden anderen Schutz, als die Gipfel der Bäume über uns, mußten wir uns eben damit begnügen. Nach einem über fünfzehn englische Meilen langen Weg, auf einem Terrain, wie es schwieriger kaum gedacht werden konnte, sehnten wir uns alle nach Ruhe, und bis auf den Posten, der die leuchtenden Feuer der wilden Thiere wegen zu unterhalten hatte, lagen bald alle nach einer frugalen Mahlzeit im tiefen Schlafe. Schlummernd in süßer Ruh auf harter Erde, entrückt der Wirklichkeit, hallte plötzlich die leise Stimme des Postens, der, mich rüttelnd, die Worte zurief: +bwana, simba+ (Herr, ein Löwe), mir wie ein Donnerwort ins Ohr! Die Waffe ergreifen und aufspringen, konnte ich kaum, vom Frost geschüttelt, die Frage »wo ist er« hervorbringen und fast athemlos starrte ich in die tiefe Finsterniß hinein. Erst nach einigen Minuten war in der angegebenen Richtung wirklich ein dumpfes Brummen, mehr grollendes Knurren, zu vernehmen, jedoch entfernt genug, um noch eine böse Absicht des hier herumschleichenden Panthers, denn solch ein Raubthier war es, nur voraussetzen zu können, obgleich ich der Versicherung des Postens wohl Glauben schenken konnte, daß er das Thier ganz nahe gehört habe.

Eine angenehme Ueberraschung hatte mir der Mann gerade nicht bereitet, dennoch war ich zufrieden, daß er mich aus tiefem Schlaf geweckt hatte, da ich, naß vom nächtlichen Thau, der gleich Regentropfen auf der dünnen Kleidung lag, bei längerem Liegen auf der jetzt kalten und nassen Erde, sicherlich mir ein schweres Fieber zugezogen hätte. Längst ermuntert, kauerten nun auch die schwarzbraunen nackten Gestalten, zitternd wie Espenlaub, um die halberloschenen Feuer. Die Kälte der Nacht, dazu ein befürchtetes Renkontre mit solcher gefährlichen Katze, hatte alle aus der Ruhe aufgeschreckt, und ich glaube, wäre das Raubthier kühn genug gewesen, einen der Schläfer zu überfallen, mit seiner Beute wäre es wahrscheinlich im Dunkel des Waldes entkommen; die aufs Geradewohl abgegebenen Schüsse hätten den Panther schwerlich daran gehindert.

Als nun zunächst die Feuer wieder angefacht worden, war über deren Schein hinaus nichts zu unterscheiden, gelblich hell nur schimmerte es im Kreise, und feuchtkalt wehte es vom Flusse herüber; ein weißer, dichter Nebelschleier hatte sich über die weiten Gefilde ausgebreitet, der selbst, als nach wenigen Stunden der junge Morgen anbrach, uns verhinderte, unsere nächste Umgebung zu erkennen.

Erst als wieder goldenes Sonnenlicht durch das Dunkel des Waldes brach, die wärmenden Strahlen die Nebel hob und zugleich den Körper neu belebte, machte ich mich trotz des nassen Grases auf, um die nächste Umgebung zu besichtigen. Ueber den Fluß hinweg, der in den am Tage vorher durchschrittenen Nebenfluß des Schire münden sollte, erkannte ich auf einige Kilometer Entfernung ebenfalls hohe, passende Bäume in genügender Zahl, aber bis dorthin vorzudringen, da das tiefer liegende Terrain ein einziger dichter Rohrbusch war, hätte enorme Anstrengung gekostet; auch wollte ich höchst ungern den Fluß wieder verlassen, da wir hier so bequem das benöthigte Wasser zur Hand hatten. Aus diesem Grunde schon zog ich es vor, am rechten Ufer des Flusses zu bleiben, selbst wenn sich hier noch größere Schwierigkeiten uns entgegenstellen sollten.