Part 40
Steil zur großen Tiefe fallen die Ufer ab, und es kann schon an den Mündungen des Mbaka- und Lufirio-Flusses kein Ankergrund mehr gefunden werden, auch unter den mit ganz schmalem Vorland fast senkrecht aufstrebenden Felsenmassen des Livingstone-Gebirges ist es möglich, auf nur ganz geringem Abstand vom Lande mit dem Schiffe entlang zu laufen. Ueberall aber auf dem verwitterten Gestein zeigt sich eine reiche Vegetation, vor allem an den Ausflüssen einiger Sturzbäche, die sich aus gewaltigen Felsenschluchten in den See ergießen; entsprungen dem höchsten Felsengebiet, stürzen sich die Wasser die steilen Granitwände herab und bilden auf Terrassen kleine Seen und Strudel, in welchen Fische und andere Thierarten zahlreich leben. Vornehmlich die Felsschlucht, vor welcher die deutsche Missionsstation Ikombe im Schatten mächtiger Tamarinden- und Baobobbäume erbaut ist, bietet einen wildromantischen Anblick; herausgerissen, abgesprengt, gleichsam als hätten Gletschermassen in grauer Vorzeit hier ihre Kraft erprobt, thürmt sich Fels auf Fels, die Schlucht verengend, in welcher das kalte kristallklare Wasser eines Baches brausend hinfließt.
Neben dieser ist oberhalb Langenburg, 3/4 Stunden von der Station entfernt, eine ähnliche Schlucht, tief und weit ragen die Felsen in mächtiger Form empor, Giganten, an deren Fuß abgestürzte Blöcke zerstreut liegen. Eine Exkursion mit dem Major hierher einst unternommen, zum Zwecke, in dem hohen Waldbestand, der die steilen Höhen krönt, einen schönen schlanken Flaggenmast für die Station auszusuchen, trat uns hier so recht die erhabene, großartige Natur vor Augen. Die Felsenwand in der Nähe von Langenburg geht mehr zur abgerundeten Bergform über; durchschnitten vom Rambirathal, erheben sich die Granitmassen keine tausend Fuß von der Station entfernt, fast senkrecht bis zu einer bedeutenden Höhe, dicht bestanden mit Bäumen, zwischen denen grüne Matten sich leuchtend hervorheben, saftige Weidegründe für das Vieh. Ein grausig-schönes Bild aber ist es, in der Rambiraschlucht aufwärtssteigend, tief unter sich die braunen Fluthen des Flusses wilddonnernd von den Bergwänden herabstürzen zu sehen; mit rapider Schnelligkeit wirbeln sie dahin und färben zur Regenzeit weit hinaus in den See dessen klare Wasser, daß der meinen könnte, auf eine Sandbank laufen zu müssen, welchem die Ursache dieser Erscheinung unbekannt ist.
Die ausgedehnte Landzunge, von der Felswand bis zur äußersten Spitze ist 1500´ lang und etwa 600´ breit, querdurch bis zum Flusse, ist sie einzig nur gebildet durch das Material, welches der Fluß aus dem Gebirge zugeführt und abgelagert hat; es haben Lehm und Thonschichten, vermengt mit Granitgeröll, allmählich dieses Vorland entstehen lassen. Die Frage, wieviel Jahrtausende hat wohl der Rambirafluß gebraucht, diese Erdmassen hier abzusetzen, muß unbeantwortet bleiben, da solche einen Zeitraum umspannen würden, der für die für die Ewigkeit erbauten Felsenmassen ein Nichts, für das Fassungsvermögen des Menschen aber ein ungeheurer sein muß!
Die ganze Fläche, die 6 bis 8 Fuß über dem Niveau des Sees liegt, bedecken verschiedenartige Bäume und Sträucher, wovon einzelne, Tamarinde etc. für die Bewohner willkommene Früchte bieten. Der kleine Bananenwald aber, am Ufer des Flusses auf sehr fruchtbarem Erdreich angelegt, thut das Seine dazu, das schöne Bild, wie es hier die Urnatur geschaffen, zu vervollständigen.
Am Strande und weit aufs Land haben Wind und Wogen Sandflächen gebildet, wo spärlich dürftige Kräuter und Gras nur fortkommen können; jedoch der Untergrund muß ein kompakter sein, was aus dem hinter der Station aufgefundenen thon- und lehmhaltigen Erdreich zu schließen ist. Diese Funde, wovon heute Ziegel gebrannt werden, um die Station und Wohnungen aus Stein zu erbauen, sind von vorzüglicher Qualität und vor langer Zeit, als der Fluß noch eine nordwestliche anstatt wie jetzt südwestliche Richtung gehabt, abgelagert worden.
Die Verbindung mit der sehr reichen Konde-Ebene, die meistens mit den Booten oder Kanoes hergestellt wurde, hat es bis jetzt noch nicht nothwendig erscheinen lassen, nur auf den Ertrag des Landes angewiesen zu sein, gleichwohl sind bereits Anpflanzungen und Gärten angelegt worden, doch an eine Ernte ist wegen der alles zerstörenden Heuschreckenschwärme, die das ganze Central-Afrika überfluthet haben, in diesem Jahre (1894) nicht zu denken, nur die wenigen auf Rambira ansässigen Wakissi gewinnen ihre geringen Bedürfnisse dem zum Theil spärlichen Boden ab. Ich hatte hier auch Gelegenheit, die Geschicklichkeit der Wakissi-Frauen zu beobachten, wie sie kunstgerecht aus freier Hand ihre großen Vorrathtöpfe aus Thon formen, und nach dem dazu verwendeten Material zu urtheilen, mußten ihnen Thonlager von überaus guter Qualität bekannt sein, die sie uns aber weder zeigen, noch deren Lage angeben wollten. Obgleich die Station Langenburg zwar geschützt gelegen ist, haben doch die Winde freien Zutritt, ihr kühlerer Hauch lindert die erdrückende Hitze und während der Nächte weht häufig ein kalter Luftstrom von den hohen Bergen herab, zuweilen brechen auch sturmartige Böen aus dem Rambirathal hervor. Das Klima ist als ein mittelmäßig gutes zu betrachten, obwohl Fiebererscheinungen nicht ausgeschlossen sind; zwar starben hier in 1-1/2 Jahren zwei Mitglieder der Expedition, Eben und Zander, beide aber nur infolge geschwächter Gesundheit und weil sie den ärztlichen Rath, Afrika zu verlassen, nicht befolgt hatten. Die günstige Lage der Station, am Fuße des Gebirges, würde es gesundheitlich sehr empfehlenswerth erscheinen lassen, wenn auf den hohen Bergabhängen, wegen der freieren und frischen Luft dort oben, Wohnstätten für Europäer errichtet würden; ist das Felsenterrain auch sehr zerrissen und schwierig zu begehen, so sind die Vortheile doch nicht zu unterschätzen! --
Bald nach unserer Rückkehr von der ersten Forschungstour beabsichtigte Major von Wißmann mit dem Schiffe eine Reise südwärts anzutreten, und so lichteten wir am 26. September die Anker.
Von Rambira südwärts, heben sich die Felsenwände wieder steil aus dem See empor und man kann auf einen Abstand von weniger als hundert Fuß ungehindert mit jedem Schiffe längs der Küste entlang fahren; nur an Stellen, wo Sturzbäche, Kies und Erde im Laufe der Zeiten angesammelt oder kleinere Schluchten solchen freieren Spielraum zur Ablagerung dieses Materials gelassen haben, wird durch das so gebildete Vorland ein größerer Abstand nöthig. An solchen Orten hat aber auch die Vegetation zur freien Entwicklung genügend Raum gefunden und hauptsächlich an solchen Stellen haben sich Wakissi ihre Wohnstätten errichtet. Schutz- und rechtlos, bisher von ihren Feinden hart bedrängt, lebt dieser Volksstamm zum großen Theil nur von Fischfang; sie bestellen aber auch an lohnenden Orten, wo sich die Felsabhänge zur Anlage eignen ihre Felder, in denen als eine Art Wachtposten immer einzelne Hütten errichtet sind, zum Schutz gegen die räuberischen Wagwangwara, die das Hochplateau und die Thäler des Gebirges bewohnen. Häufig genug nehmen diese den armen Wakissi ihre Ernte weg, dazu zerstören Schaaren großer Affen, welche wir häufig genug auf den Höhen und am Strande zu sehen bekamen, gelegentlich die Felder. Ueberall an der Küste, wo abgelagertes Vorland die Anlage größerer und kleinerer Dörfer gestattet, sowie in zurückliegenden Buchten, haben sich die Wakissi niedergelassen, sie treten einzig nur mit ihren Nachbarn, den höher im Gebirge wohnenden Wakinga und Wagogo in Verkehr, die sich zur Sicherheit und Schutz meistens an isolirt stehende Bergkegel angebaut haben, um im Fall der Noth auf schwer zugängliche Abhänge sich zurückzuziehen, sobald die raublustigen Wagwangwara sie heimsuchen, gegen die sie machtlos sind. Wohl zahlreich genug, sammeln sie sich doch zur Abwehr der Feinde nur selten, auch meistens erst, wenn den Wegelagerern ein Ueberfall gelungen ist und solche mit ihrer Beute längst entkommen sind.
Als die hauptsächlichsten Ortschaften der Wakissi wären Mbimbi, Waboja, Bifungo (Busse-Hafen), Pamboeja und Bopingo (Kroyser-Bucht) zu erwähnen, letztere ein tiefer Landeinschnitt von bedeutender Ausdehnung. Die mächtigen Felsenmassen erscheinen hier getrennt und weit ins Land erst, über abgerundete hohe Hügel hinweg, steigt das Gebirge wieder in massiven Massen auf. Eine ruhige stille Bucht, offen nur gegen westlichen Wind, würde hier ein guter Hafen sein, wenn nicht die Wassertiefe, 950 Fuß und mehr, bis dicht unter Land 40 bis 50 Meter vom Ufer, so enorm wäre; steil gleich den Felsenwänden fällt das Ufer ab und ein Anker findet nirgends festen Halt; die Nächte, welche ich in dieser Bucht gezwungen war zu verbringen, kann ich mit zu den ungemüthlichsten rechnen.
Erwähnenswerthe Abwechselungen bietet weiter südlich die steile Küste nicht, außer der wechselvollen Scenerie der Bergformationen, Zeugen einer vieltausend Jahre zurückliegenden Zeitperiode, der zersetzenden Kraft der Wasser, die das harte Gestein allmählig tief durchfurcht haben, wäre nur noch der in Felsschluchten und an den Abhängen wild und üppig sprießenden Vegetation Erwähnung zu thun. Mit Kap Bango auf 10° 27´ S. Br. als letzten Felsenpfeiler, schließt die kompakte Gebirgsmasse des Livingstone-Gebirges plötzlich ab; von hier auf eine Strecke von 37 Seemeilen südwärts, sind dem (Amelia-Bai Windhafen) wieder zurückfallendem Hochgebirge, das seine Ausläufer auf 11° 3´ S. Br. erst zum See vorschiebt, zerrissene Hügelketten und Flachland vorgelagert.
Man muß, wie ich im nächsten Kapitel zeigen werde, auf die Vermuthung kommen, daß dieses plötzliche Abbrechen der soliden Granitmassen nicht auf ursprüngliche Bildung zurückzuführen ist, vielmehr ein Ausgleich zerstörender Kräfte stattgefunden hat, da auch das gegenüberliegende Kap Mschewere -- der See ist hier am schmalsten, nur 22 Seemeilen breit -- ebenso abbricht; während von diesem Kap nordwärts Hügel und flaches Land das Ufer des Sees bilden, ist solches von Kap Bango südwärts der Fall.
Am Morgen des 28. September, mit dem Schiffe dicht unter die massiven steilen Felsen hinziehend, das Wasser des Sees hier tiefblau und ruhig, konnten wir weitab von der Küste die vom heftigen Ostwinde stark aufgewühlten Fluthen beobachten, während am Kap Bango selbst aus der tiefen Amelia-Bai ein stürmischer Wind herausfegte, sodaß, als wir auf keine hundert Fuß Abstand um dieses herumsteuerten, wir plötzlich von der Gewalt des Windes erfaßt, mit Mühe nur unsere Sonnensegel zu bergen imstande waren. Stoßweise mit furchtbarer Gewalt gleich Wirbelböen faßte der Wind das Schiff und erst weit in die tiefe Bucht hinein wurden die Windstöße minder heftig.
Zur Linken die starren Felsenmassen, lag vor uns ein öder Sandstrand, der aus zermalmten Granit, Gneis und Feldspat bestand, während halb zur Rechten, einen Vorsprung in die Bai bildend, hohe abgerundete, isolirt liegende Bergkegel vorgeschoben waren, die im Gegensatz zu den zerrissenen Felsenthürmen des Gebirges die Vermuthung erwecken können, als wären sie hier aufgethürmt worden, oder ihre solide Granitmasse habe den Ansturm einer verheerenden Gewalt, welcher minderhartes Gestein hat weichen müssen, erfolgreich widerstanden.
Als wir uns dem Sandstrand näherten, wollte es scheinen, als erstrecke sich von diesem in die Bai hinein ein flacherer Grund, der auf genügendem Abstand vom Lande dem Schiffe guten Ankergrund bieten würde, allein näher und näher gekommen berührte das Loth erst ganz nahe dem Lande auf 120 Fuß Tiefe den Grund; dicht am Strande noch 6 Fuß Wasser, fiel auch hier das Ufer wie überall bisher, gleich einer steilen Bergwand ab. Wohl ankerten wir hier, da Major v. Wißmann mit der Bevölkerung sich in Verbindung setzen wollte, aber nur durch ein am Strande eingesetztes Warpanker war es möglich das Schiff vor dem Abtreiben zu bewahren; hätte ein anderer als der starke östliche Wind geweht, wäre es unmöglich gewesen hier zu verbleiben. So Schutz verheißend und ruhig die weite Bai auch erschien, nirgendswo in derselben fanden wir, außer in gefährlicher Nähe des Landes, Ankergrund und es für rathsam haltend lieber nochmals einen Versuch zu machen, ob nicht unter dem flach und weit in den See sich erstreckenden Südufer solcher zu finden sei, lichteten wir nach mehrstündigen Aufenthalt wieder Anker d. h. nachdem der Halt am Lande dem Schiffe genommen war, trieb dieses mit 100 Fuß Kette, einfach ab, da das Anker ohne zu fassen abrutschte.
Günstiger gestaltete sich die Lage unter dem flacher verlaufenden Südufer der Bai insofern, als Tiefen von 18-45 Fuß auf eine Entfernung von 100 Meter vom Strande gefunden wurden und darüber hinaus erst das Loth kein Grund mehr fand, indes für diesmal und später war es nöthig ein Anker auf flacherem, das andere auf tieferem Wasser fallen zu lassen, um sowohl gegen südlichen als nordwestlichen Wind gesichert zu liegen.
Der große Luhobu-Fluß, der in weit größerer Ausdehnung als der Rambira sich aus einer Felsschlucht des Gebirges herauswältzt, hat ebenso wie letzterer im Laufe der Zeiten dieses ausgedehnte Vorland gebildet; Thon, Lehm und Granitgeröll, durch viele Bäche von den Bergen in dessen Bett geschwemmt, lagerte sich dieses Material immerwährend an der Mündung des Flusses ab und von keiner Strömung hinweggeführt, konnte sich solche Landzunge auch hier bilden. Von den starken Südwinden zusammengeweht, gleich niedrigen Dünen, liegt der leichte Sand am Ufer der Bai aufgethürmt eine weite Strecke bedeckend, während das Gebiet, welches der Fluß in der von ihm gebildeten Ebene durchfließt, viel niedriger ist, hier aber auch die Thon- und Lehmschichten unbedeckt sind. Wanderungen durch diese mit spärlichem Baumwuchs, desto reicherem Busch und Gras bestandene Anschwemmung längs dem Ufer des Luhobu, ließen es mir wegen der von der Sonnengluth zerrissenen harten Morastschicht als wahrscheinlich erscheinen, daß der Fluß in der Regenzeit seine Ufer weit überschwemme und dadurch auch die Ablagerung der zugeführten Thon- und Granitmassen begünstigt werde. Reich bebautes Land fand ich nur an der Mündung des Luhobu, wo eine Ortschaft Mikamira von armseligen Wakissi angelegt ist; diese sind den Wagwangwara tributpflichtig, was aber diese armen Menschen eigentlich zahlen blieb mir ein Räthsel. In der Bai selbst fand ich noch 3 Pfahldörfer, verfallen und abgerissen, und habe ich später, um Feuerholz hier zu erhalten, die über Wasser stehenden Pfähle abschlagen lassen. Die Wakissi haben also aus den früher schon angeführten Gründen auch hier ihre Zufluchtsstätten auf dem Wasser gänzlich aufgegeben.
Amelia-Bai, einst der Stapelplatz für die Sklaveneinfuhr, welche, als die gegenüberliegende Deep-Bai und Pankanga-Bucht noch nicht den arabischen Händlern verschlossen war, hier in voller Blüthe stand, eignet sich durch die Verbindungswege mit der Küste nach Liudi, Mikindani wohl am besten zum Ein- und Ausfuhrhafen, wenn die zwingende Nothwendigkeit an uns herantritt einen Verkehrsweg zum Nyassa-See eröffnen zu müssen. Die Route würde uns unabhängig von der englischen Konkurrenz hinstellen, was freilich erst denkbar, wenn das deutsche Kapital weniger zurückhaltend, thatkräftig von der Regierung unterstützt, sich hier ein lohnendes Feld seiner Thätigkeit sucht. Wohl ist es heute noch schwierig die gedachte Route zu eröffnen, als feindliche Volksstämme ein großes Hinderniß sind, dennoch, wenn gleich wie an der Küste des indischen Ozeans, im Hochland am Nyassa-See starke Positionen diese schützten, würde bald durch die Entfaltung des deutschen Ansehens dieses beseitigt sein. Empfehlenswerther noch wäre der Wasserweg im reichen Gebiet des Rowuma-Flusses, dessen Quellen zum Theil im Gebiet der Wagwangwara liegen. Zwar ist dieser Fluß nicht allzuweit von seiner Mündung aufwärts schiffbar, auch sind Katarakte unüberwindliche Hindernisse, die umgangen werden müßten, indes eine eingehende Untersuchung würde wohl ein besseres Resultat ergeben als bisher angenommen worden ist, denn kann der Rowuma auch mit dem Zambesi und Schire nicht gleich gestellt werden, so muß er doch zu Zeiten, wenn seine Wasser hochgeschwollen sind auf weite Strecken schiffbar sein -- ruht doch selbst auf dem Zambesi und Schire in der trockenen Jahreszeit die Schifffahrt fast gänzlich und nur Boote halten den Verkehr aufrecht -- in welcher Ausdehnung und Großartigkeit aber blüht auf diesen Flüssen der Verkehr und Handel schon empor! --
Arm an Wasserstraßen ist Deutsch-Ostafrika wohl, die vorhandenen aber werden und müssen der vordringenden Kultur als Verbindungswege dienen, da naturgemäß in der Zukunft an diesen zuerst der Aufbau lohnender Niederlassungen sich vollziehen wird. Sind erst die Bewohner des centralen Afrika zur Kulturarbeit bekehrt, werden und müssen reiche Gebiete sich erschließen lassen und neben dem jetzt bevorzugten Hochland von Usambara, Usagara etc. wird sich sowohl im Gebiete der großen Seen, wie in den Flußgebieten ein reicher, ertragfähiger Handel entwickeln.
Wie insgesammt alle das Nyassa-Hochland bewohnenden Volksstämme, Ngoni, Yao, Atonga etc. kein enggefügtes Staatswesen bilden, sondern in Settlements zusammen gezogen patriarchalisch regiert werden, den mächtigsten der Häuptlinge, dessen Macht nach seiner Gefolgschaft beurtheilt wird, als Oberhaupt des Stammes anerkennen, so ist ein Gleiches im deutschen Gebiet bei den Wagwangwara der Fall. Als kriegerische Zulustämme, haben sie die Urbevölkerung vertrieben und vernichtet, oder sie durch das Sklavensystem in sich aufgehen lassen, die heutigen Ueberreste sind Wakissi und Wampotto, armselige, durch beständige Furcht verkommene Existenzen. Schnell genug haben die erobernden Zulu, angelockt durch reichen Verdienst, den gewissenlosen arabischen Sklavenhändlern Gehör geschenkt und dadurch in gewissem Sinne weite Strecken entvölkert. Was aber mehr, stark mit Negerblut vermischte Abkömmlinge der Araber und auch der Ausschuß der intelligenteren Küstenbevölkerung, als Suaheli und Makua, haben sich großen Einfluß auf die angestammten Häuptlinge zu erringen gewußt, eigentlich zu Herren gemacht, als jeder Häuptling zum größten Theil die Rathschläge seiner verschlagenen Rathgeber befolgt, seinen Stamm und Volk also der Willkür solcher Fremden dadurch preisgiebt.
Was thun wir jetzt, wo der mächtige weiße Mann den Sklavenhandel uns zerstört! Die Folge aber ist, daß die schlecht berathenen Stämme sich auflehnen werden gegen die Herrschaft der Europäer, bis sie zu ihrem Schaden erkannt haben, daß der weiße Mann doch der mächtigere ist. Ganz Central-Afrika ist dem Einfluß der Araber unterworfen gewesen, die ihre Herrschaft mit Geschick gefestigt hatten, sie sind auch heute noch, wo der Arm des Europäers sie noch nicht erreicht hat, in Wahrheit die Herren und von den Eingebornen weit mehr gefürchtet wie dieser, dessen Kommen sie nur als ein Eindringen auffassen und eben nicht begreifen, mit welchem Rechte der weiße Mann ihren ihnen liebgewordenen Erwerb durch Sklavenraub zu zerstören kommt. Der echte Araber, wo er seine Herrschaft bedroht und seinen Einfluß gefährdet sieht, wird, wenn er sonst nichts zu fürchten hat, sich diese durch Nachgiebigkeit dem Europäer gegenüber zu erhalten bestrebt sein; es ist weniger die Existenzfrage, die ihm sich dem Mächtigeren beugen heißt, vielmehr befürchtet er den Boden unter seinen Füßen zu verlieren, wenn er die eng durch Jahrhunderte verknüpften Bande mit der Bevölkerung freiwillig aufgiebt. Mit Recht muß er fürchten, wenn ihm nicht ein Schein ehemaliger Macht mehr verbleibt, vogelfrei zu werden, sobald die so lange geknechteten Völker das Joch abschütteln und zum Bewußtsein ihrer Menschenwürde erwachen. Gerieben und schlau, an Intelligenz dem Europäer nicht nachstehend, begnügt er sich mit der Hoffnung, die alte verderbliche Macht wiedergewinnen zu können, da er, doch nicht mit den Machtverhältnissen der europäischen Nationen so vertraut, diesen von allen Seiten andringenden Sturm auf seine Herrschaft nicht für dauernd hält.
Unbewußt macht er den Werdeprozeß, die ihm die fortschreitende europäische Kultur aufzwingt mit durch, und klug genug, beugt er sich, gebietet doch die politische Klugheit schon, mit ihm ein Bindeglied sich zu erhalten, das an Macht und Einfluß beschränkt, durch sein Ansehen leichter die Kulturaufgaben lösen hilft, bis die Organisation durchgeführt, der kulturfeindliche Mohamedanismus weichen und verschwinden muß.
An den vorwiegenden Hauptpunkten der Karawanenstraßen haben die Araber sich festgesetzt, so auch an der Route Lindi-Amelia-Bai und als mächtigster Häuptling der Wagwangwara kann der Araber Raschid bezeichnet werden. Sklavenhändler im eigentlichen Sinne, gewann er mit seinen Anhängern doch die Herrschaft und hat vielfach zum Verdruß unabhängiger Häuptlinge seinen Einfluß geltend zu machen gesucht. Er war Eigenthümer jener Sklavendhau, die Major von Wißmann in Amelia-Bai unerwartet weggenommen hatte und zu deren Wiedererlangung er alles Mögliche aufstellte, was aber, so lange der Major am Nyassa-See weilte, vergeblich war. Erst später, um dessen Gesinnung gegen uns Deutsche zu ändern, wurde ihm solche von anderer Seite zurückgegeben. Die Wegnahme seiner Zeit hatte folgende Bewandniß: Major von Wißmann, in Amelia-Bai gelandet, ging, da ihm hier mitgetheilt wurde, daß Schaaren großer Affen die Felder der Eingebornen an den Bergabhängen zerstören, was auch auf Wahrheit beruhte, auf Jagd. Während seiner Abwesenheit wollte die Besatzung einer im Fluß verborgenen Dhau diese in Sicherheit bringen, was auch gelungen, wenn sie nicht gesehen worden wäre und Hornsignale den Major schnell zurückgerufen hätten, der sofort mit einem Boote die Verfolgung aufnahm und die Dhau mit sich nach Langenburg führte. Ich habe sie dort später noch aufgeriggt, was aber wohl unterblieben wäre, wenn der Major das Fahrzeug wieder hätte zurückgeben wollen.
Das Gebirge fällt hinter Amelia-Bai etwa 15 +km+ zurück, es umschließt im weiten Bogen die vom Seeufer ansteigenden Hügelketten, zwischen denen ausgedehnte Busch- und Grassavannen sich hinziehen. Erst unter dem 11. Breitengrade treten die Felsen wieder zum See heran, sind aber eine steile zerbröckelte Masse, insofern als am Fuße dieser nur wenige Seemeilen langen Felswand, Felsentrümmer mit Sandstein abwechseln und hat Major von Wißmann dies das »Zwölf-Hafenkap« benannt. Hier war es, wo dem Major die schnell vom südlichen Wind aufgewühlte See sein großes, schwerbeladenes Stahlboot auseinanderbrach, als er nach Gründung der Station Langenburg, und bevor er seinen an kriegerischen Erfolgen reichen Marsch zum Tanganjika-See antrat, die erste Entdeckungstour längs der deutschen Küste unternommen hatte. Zum Glück dicht unter Land, konnte das sinkende Boot, an dem die Verbindungsschrauben einer Sektion mit lautem Knall zum Theil gesprungen waren, noch zwischen die Felsenrocks auf den Strand gesetzt werden. Da die Soldaten und die Mannschaft zu schwach waren, das schwere, 50´ lange Fahrzeug aufzuziehen, so kann man sich denken, daß an der unwirthlichen Küste die Situation keine angenehme gewesen ist, dazu boten die zersprengten Steinmassen gegen die See auch nur geringen Schutz. Der Major mußte die Fahrt südwärts hier abbrechen und war nur zufrieden, mit dem beschädigten Boote die Station Langenburg wieder erreichen zu können.
Gleich, wie hinter Kap Bango die große Amelia sich öffnet, so wird auch hier hinter dem letzten abgerundeten Felskegel dieses Gebirgsausläufers eine weite Bucht frei, und nur weiter südwärts faßt die flache Küste mächtige Felsentrümmer ein. Es war am späten Nachmittage des 29. September als wir dieses Zwölf-Hafenkap passirten, schon hatten wir auf dem in südsüdöstlicher Richtung wieder vorspringendem Lande den Kurs gerichtet, als sich die dem niederigen Lande vorgelagerten Felsen als Inseln erwiesen, und zur näheren Orientirung steuerten wir nun in die Bucht hinein.
Meinem Vorschlage, die Hauptinsel Neu-Helgoland zu benennen, stimmte der Major auch zu, und ob auch nicht in Form und Ausdehnung dem so theuer erkauften Eilande im deutschen Meere (Nordsee) entfernt ähnlich, wird die Felsenmasse im Nyassa-See dieses doch weit überdauern, da ihr massiver Granitbau der Zeit und den Fluthen widerstehen wird. Was kaum zu erwarten war, nach den Erfahrungen, die wir an der ganzen Küste gemacht hatten, fanden wir hier unter dieser Insel einen prächtigen geschützten Ankerplatz, zu dem nur westlicher Wind und See Zutritt haben, die aber nie so stark auftreten, daß sie hier ein Schiff gefährden würden; ich kann neben Monkey-Bai diesen Ankerplatz als den besten im ganzen See bezeichnen. Die Insel wird durch einen etwa 50´ hohen Hügelrücken aus massive Granit gebildet, neben dem mächtige ungezählte Steintrümmer umhergestreut liegen, an der Süd- und Ostseite sind sogar vorzügliche Bootshmäfen durch Steinbarrieren entstanden.
Der Name dieser Insel, die etwa 1/4 deutsche Quadratmeile groß ist, soll, wie ich später erfahren habe, Mpuulu sein, wahrscheinlicher aber ist sie unbenannt, als solche Benennung sich mehr auf den Häuptling oder den Volksstamm bezieht. Auf den Felsen und zwischen den Steinmassen eingezwängt, liegen die Hütten der kaum einige Hundert zählende Bewohner; ein umgestülpter Trichter, auf kurzen Pfählen ruhend, sind solche die denkbar primitivste Behausung und mehr einer dunklen rauchgeschwärzten Höhle, denn menschlichen Wohnungen ähnlich, in deren Innern man hinein kriechen muß, so niedrig ist der Eingang. In beständiger Furcht vor den Wagwangwara, wagen sich die Bewohner nur auf das Festland, wenn die Luft rein ist oder sie ihre dort befindlichen Felder bestellen müssen; aber nur die Weiber, von mit Speer und Bogen bewaffneten Männern beschützt, führen diese Arbeit aus. Ihr einziger Reichthum ist eine zahlreiche Ziegenheerde, früher auch Rindvieh, die lustig auf den Felsen und Steinblöcken umherspringt; bei jedesmaliger Annäherung unseres Schiffes aber aus übertriebener Furcht schnell zusammengetrieben und mit Kanoes über den tiefen die Insel vom Festlande trennenden 200 Fuß breiten Wasserarm gebracht wurde, bis die Einwohner schließlich einsahen, daß sie von uns für ihre Habe nichts befürchten brauchten.
Der Häuptling, ein alter weißhaariger Greis, klagte uns oft seine Noth; ihre Feinde nehmen ihnen die Ernte weg und schutzlos wie sie seien, könnten sie sich nur auf ihre Insel flüchten und den Räubern den Uebergang, hinter Steinen gedeckt, verwehren. Die einzige Vegetation, außer spärlichem Gras, die auf dem steinigen Grund hat Fuß fassen können, sind die Papaya-Bäume. In ziemlich beträchtlicher Anzahl aus den Felsenspalten, wo sich mit der Zeit eine Humusschicht gebildet hat, herausgewachsen, heben sich ihre schlanken Stämme bis 6 Meter hoch, mit der palmenähnlichen Krone über die spitzen Hüttendächer empor. Zwar geben diese Bäume nicht viel Schatten dafür aber eine wohlschmeckende große melonenartige Frucht, deren saftiges Fleisch mit Vorliebe von uns Weißen gegessen wurde.