Chapter 7 of 47 · 3945 words · ~20 min read

Part 7

Mühselig war die Arbeit, welche nun begann. Hätten die Anker in dem Wellsand nur Halt finden können, wäre solche in etwas uns erleichtert worden, aber alle Versuche schlugen fehl. Nach Stunden waren wir erst soweit, den »Pfeil« von den an seinen Seiten liegenden Leichtern zu befreien. Bis zum späten Nachmittag wühlten alle Mann unter dem Schiffsboden den Sand hinweg, bis schließlich ein Bett gegraben war, in welchem der Dampfer sich etwas bewegen und sich darauf, ehe noch die Dunkelheit hereinbrach, aus der schlimmen Lage befreien konnte. Trotz der herrschenden Abspannung brachte ich noch lange Leinen vom nun freiliegenden »Pfeil« bis zu den Leichtern, um ohne Aufenthalt am nächsten Morgen mit dem Abschleppen beginnen zu können.

Diese Ausführung meiner Absicht vereitelte aber nochmals der starke Strom, indem, als wir im besten Zuge, einen Leichter bereits freigeschleppt hatten, dieser das Fahrzeug so hin- und hergieren machte, daß kein Halten war und die Fahrstraße, an und für sich eng, bedingte bald ein Berühren des Grundes, so daß die Leine brach, und, ohne es verhindern zu können, der Leichter in einer noch schlechteren Lage zu liegen kam. Beim angestellten Versuche, diesen aus solcher zu befreien, gerieth auch der »Pfeil«, weil dessen Anker nicht halten wollten, mit auf Grund und die schwere Arbeit begann von Neuem.

Von der Holzstation oberhalb Schupanga, wo der »Herald« nach seiner Rückkehr von der ersten Tour Station gemacht, hatte Kapt. Robertson unsere angestellten Versuche, über die Untiefe hinwegzukommen, bemerkt, er sandte auch am anderen Tage ein Boot und ließ bedauern, uns keine Unterstützung bringen zu können, da er in Folge einer Havarie in der Stromschnelle des Ziu-Ziu seine Maschine hatte auseinandernehmen müssen.

In den Vormittagsstunden dieses Tages, als wir bereits einen Leichter wieder frei gemacht hatten, kam auf eine Nachricht hin, die vom »Herald« nach Ntoboa gesandt worden war, Dr. Bumiller mit Unterstützung an; diese frischen Kräfte, der Mannschaft auf den Fahrzeugen an Zahl noch überlegen, förderten das Werk ungemein, und ehe noch am Horizont die Sonne entschwunden, hatten wir wohlbehalten unser Lager erreicht.

Während der Dauer unserer Abwesenheit hatte sich in der Nähe des Lagers ein Vorfall ereignet, der die ganze umwohnende Bevölkerung in Aufregung gebracht hatte. Nämlich das seltene Erscheinen der Krokodile, die von unserer Seite arg verfolgt worden waren, hatte die Eingebornen ihre sonst beobachtete Vorsicht vergessen lassen und sorglos, wie diese Naturkinder sind, hatten sich wieder junge Mädchen beim Wasserholen bis in den Fluß hineingewagt. Diese Unvorsichtigkeit, der so oft schon junge Menschenleben zum Opfer gefallen, wurde hier wieder die Ursache eines Unglücks.

Die Menschenräuber, die mit zäher Ausdauer auf ihre Beute warten, wählen sich so gute Verstecke, daß selbst das scharfe Auge des Negers diese nicht entdeckt und nur dadurch, wenn ein Krokodil zum Athemholen die Nase über Wasser hält, dieses leicht bewegt oder auch ein sehr geringes Geräusch durch Lufteinholen verursacht, wird der Bewohner dieser Flußufer stutzig gemacht, er weiß dann, daß der grimme Feind in der Nähe ist und er meidet solchen Ort, wo das Verderben lauert, dem er machtlos gegenübersteht.

In diesem Falle nun war ein junges Mädchen einem solchen Unthier zur Beute gefallen; kein Jammer half von Seiten der Angehörigen. Mochten auch noch so viele Männer mit Pfeil und Bogen oder alten fast unbrauchbaren Feuerbüchsen dem Unholde auflauern, dieser blieb verschwunden, wenigstens aus dem Bereiche der für ihn eigentlich unschädlichen Waffen. Einen andern Eindruck hatte dieser Vorfall aber auf die im Lager anwesenden Europäer gemacht, fast als wäre die Parole »Tod und Verderben dem Krokodil« ausgegeben worden, so schonungslos wurden diese Thiere zusammengeschossen und namentlich von Seiten des Leutnants Bronsardt von Schellendorf manches getödtete Krokodil ins Lager gebracht.

Wie es der Zufall wollte, schoß auch der Sergeant Eben auf einer Sandbank, unterhalb Ntoboa ein gewaltiges Krokodil, das von den bei solchen Jagden nun stets anwesenden Eingebornen, die stets ein Jubelgeschrei anstimmten, wenn ein Räuber sein Leben lassen mußte, geöffnet wurde und wider Erwarten als das Thier erkannten, welches das junge Mädchen geraubt hatte. Die Beweise dafür waren leicht an den im Magen des Krokodils gefundenen Schmuckstücken, welche das unglückliche Opfer getragen, erbracht. Der glückliche Schütze, konnte sich nun den Dankesbezeugungen der Bewohner kaum entziehen, sie brachten ihm von ihrer geringen Habe alles mögliche zum Geschenk, meistens Eßwaaren, denn wenig mehr haben diese einfachen Kinder der Natur zu geben. Wenigstens wird für lange Zeit die Erinnerung an die hier rastende deutsche Expedition, die einen wahren Vernichtungskrieg gegen den furchtbaren Feind eröffnet hatte, in den Eingebornen lebendig bleiben.

Laut Bestimmung des Majors, der schon am 22. August mit dem ersten Transport, bestehend aus zwei Leichtern und den Stationsbooten, geschleppt vom »Herald« und »Mosquito«, nach dem Schirefluß aufgebrochen war, hatte ich abermals das Kommando im Lager zu übernehmen, sobald auch +Dr.+ Bumiller abgereist sein wird, was am Freitag, den 2. September mit dem von mir heraufgeführten Transport geschehen soll. Der Dampfer »Pfeil« aber unter Kommando von Eltz sollte versuchen, so gut oder schlecht es gehen wollte, der Expedition zu folgen, um später vielleicht noch im tieferen Schirefluß von Diensten sein zu können. Major von Wißmann hatte die Absicht, den vollständig zusammengesetzten Dampfer, trotz aller Schwierigkeiten noch nach einem der Seen zu bringen, nicht aufgegeben und wäre nur, was leider nicht der Fall, das Fahrzeug zerlegbar gewesen, d. h. die Platten mit Schrauben anstatt Nieten aneinander befestigt worden, so hätte diese mit Leichtigkeit ausgeführt werden können und großen Nutzen hätte uns der »Pfeil« gebracht.

Es war am 4. September, dem Geburtstage des Majors, kurz nachdem ich im Lager Apell abgehalten und meine Mannschaft auf 5 Europäer, 42 Soldaten, 21 Bacharias sowie einige Diener festgestellt hatte, als von Misongwe die Nachricht eintraf, daß der »Pfeil« nur mit der größten Schwierigkeit bis zu diesem Orte habe gebracht werden können und in Folge der schweren Anforderungen, welche an die Besatzung gestellt werden mußten, sei diese weggelaufen.

Mich überraschte diese Thatsache nicht, denn so weit ich die Eingebornen beurtheilen konnte, wurden ihnen übermäßig an sie gestellten Anforderungen leicht überdrüssig und sie ließen lieber ihren Lohn im Stich, als dem Europäer noch weiter zu folgen, der sie, ihrer Meinung nach, schlecht behandelte. Einen Ersatz aus den hier vorhandenen Bacharias sollte ich nun stellen -- zwar mußten die abgetheilten Leute dem Befehle Folge leisten und nach Misongwe marschiren, aber höchst ungern nur mochten sie gerade an Bord dieses Fahrzeuges Dienste thun.

Es ist eigentlich zu verwundern, daß trotz des in den Dörfern so massenhaft angehäuften feuergefährlichen Materials so selten große Brände entstehen, schon deshalb, da doch in jeder Hütte fast Tag und Nacht Feuer glimmen, die so leicht dazu Anlaß geben könnten. Im Lager war gerade tags zuvor durch die Unvorsichtigkeit der Köche Feuer entstanden, das durch den herrschenden Wind schnell zur wilden Gluth angefacht, die Küche, den angrenzenden Zaun und das Wohnhaus der Diener augenblicklich in Asche gelegt hatte, auch das Dach meines Wohnhauses wurde in Brand gesetzt. Es gelang aber den vereinten Anstrengungen, des Feuers noch Herr zu werden, ehe große persönliche Verluste an Eigenthum entstanden waren.

Ich will hier noch die meteorologischen Verhältnisse dieser Gegend, die gleichzeitig für das weite Zambesibecken Geltung haben können, in ein Gesammtbild zusammenfassen. Die Temperatur in den Monaten Juli bis Oktober ist eine wechselvolle, die Nächte sind empfindlich kalt und der stark fallende Thau, durch eine bedeutende Abkühlung erzeugt, trägt viel zu dieser Kälte mit bei. Bis 12° auch 7° Reaumur fiel das Thermometer, wogegen es in der Tagesgluth bis über 38° Reaumur im Schatten stieg, so daß der starke Wechsel körperlich sehr empfunden wurde und auch gesundheitlich nachtheilige Folgen hatte. Die starken Nebelgebilde steigen erst in den frühen Morgenstunden auf, hüllen alles in einen undurchsichtigen Schleier, bis die Sonnenstrahlen mächtig genug geworden sind, diese Wasserdünste aufzusaugen, dafür aber die Millionen Thautropfen, an den erfrischten Grashalmen, Blüthen und Blätter hängend, wie ebensoviele Diamanten glitzern machen.

Leichte Wolkenbildungen am Horizonte lassen auf die erwähnten Dunstgebilde zurückführen, denn ausnahmslos verschwanden sie wieder, sobald das Tagesgestirn am Himmelsgewölbe seine Strahlen mächtiger entsendete, und im tiefen Azurblau, von Licht durchfluthet, erschien die Atmosphäre. Von Anfang August stellten sich in den Nachmittagsstunden starke südwestliche Winde ein, die durch ihre Stärke, namentlich durch die mitgeführten Staub- und Aschentheile, von Savannenbränden herrührend, höchst unangenehm wurden. Oftmals nahm die Sonne durch die in der Luft schwebenden feinen Staubtheilchen eine gelbe Färbung an, die schon lange vor Untergang in eine blutrothe überging; aber bald vor bald nach dem Sinken der Sonne legte sich auch der Wind und in den ersten Abendstunden herrschte darauf eine überaus wohlthuende Ruhe in der ermatteten Natur.

Die Savannenbrände, von den Eingebornen entzündet, verursachen am Tage mächtige Rauchwolken, die zuweilen die Sonne selbst verdunkeln, am Abend aber zu einem Flammenmeer anwachsen, das Lawinen gleich seine Feuerwogen fortwälzte und für den entfernt stehenden Beobachter zu einer großartigen Erscheinung wird. Wie gewaltige Wachtfeuer ringsum lodert die Gluth, alles vernichtend, was durch die Sonnenhitze ausgedörrt oder abgestorben ist; selbst ausgedehnte Waldbestände fallen der Vernichtung anheim und was schlimmer, der junge Baumwuchs, in seiner Entwickelung gestört, geht ein, sobald nicht ganz besondere Terrainverhältnisse ihn schützen, darum sind auch die weiten Steppen so häufig mit nur verkrüppelten Bäumen hin und wieder bestanden, wo sonst die Bodenverhältnisse doch günstig genug für einen Waldbestand sind.

Auch, was höchst bedauerlich, die Bewohner in der Nähe einer baumreichen Gegend vernichten durch Feuer allmählich ganze Bestände, nur um den ertragreicheren Boden, der von der Sonnengluth noch nicht ausgedörrt worden ist, für ihre Saaten benutzen zu können.

Die so überreiche Üppigkeit der Tropenländer, gefördert durch die regengleichen Niederschläge während der Nächte, bedingt auch, daß schon nach wenig Tagen die Flächen, worüber die Feuerwogen vernichtend hingeeilt sind, in einem neuen grünen Kleid erscheinen und für die Wildheerden deckt die Natur aufs Neue den Tisch. Angelockt durch das schmackhafte junge Grün wagen sich denn auch Büffel und Antilopen in die Nähe menschlicher Wohnungen, und zu solchen Zeiten gelingt es dem Neger häufiger, mehr durch List als durch seine Waffen, der gestellten Thiere habhaft zu werden.

Die Abendstunden im Lager, wenn kühl und erfrischend die Nacht herniedersank, waren häufig der stillen Betrachtung geweiht; oftmals lauschte das Ohr dem Konzert, das die Frösche fern und nah anstimmten und erwachten in späterer Stunde die Stimmen der Natur, dann klangen die Worte des Forschers J. Thomson durch den Sinn, der im Einklang alles gebracht, was an Empfindung die Natur in der Menschenbrust geweckt hat, er sagt: Wenngleich unser Ideal von den Tropenländern in Betreff der allgemeinen Charakterbilder durch weniger glänzendere Ansichten herabgestimmt wird, so wird doch unsere Erwartung in einer Beziehung schier übertroffen. Mögen die Dichter mit Vorliebe bei dem sommerlichen Zwielicht und dem sanftdämmernden Abend der gemäßigten Klimate verweilen und mit Entzücken die wechselnden Farbentöne und die sich leise entfaltenden Reize besingen, so gebe ich doch nach Allem der Dämmerung der Tropenländer den Vorzug mit ihrer unvergleichlichen klaren Atmosphäre und ihrer überaus lieblichen und erfrischenden Kühle, deren wohlthuender Eindruck durch die brennende Hitze und den blendenden Glanz des vorausgegangenen Tages noch erhöht wird.

Das tropische Zwielicht ist allerdings kurz, aber um so reizender. Die längere Wohlthat des Zwielichts der gemäßigten Zone ist hier zusammengedrängt und verstärkt, so daß jeder Sinn entzückt wird. Zu dieser Zeit ertönt die sanfte Stimme des Tepe-Tepe aus den benachbarten Gebüschen, die dumpfe Stimme der Eule und des Frosches dringt an unser Ohr, die Cikaden blasen in ihre hellen Pfeifen zu dem nächtlichen Konzert, wozu das Johanniswürmchen und der kometenartige Leuchtkäfer die Scene erleuchten. Alles dieses fand ich bestätigt auf allen Wegen -- sieht man aber das Absterben der Natur und ihr Wiedererwachen, wenn Ströme des Regens nach sengender Gluth auf die Erde niederfließen und neues Leben wie mit einem Zauberschlage wecken, dann wird die Ueberzeugung wachgerufen, daß der jungfräuliche Boden noch für abertausend Wesen Raum und Nahrung hat und jede Arbeit mit reichem Segen lohnen wird.

4. Bis zum Lager von Port Herald.

Die Räumung des Lagers von Ntoboa ging schnell vor sich, nun am zweiten September, Sedanstag, schon der zweite Transport flußaufwärts abgegangen war, auch bestand meine Hauptaufgabe darin, alles bereits zu halten, um bei der Rückkehr des »Herald« ohne Aufenthalt die Leichter beladen zu können. Den Engländern lag nicht minder viel daran, das Lager von Ntoboa aufgebrochen zu sehen, da sie, sobald der letzte Transport bis Pinda gebracht sein würde, nach einer späteren Verfügung des Majors, dort schon zwei Leichter erhalten sollten, mit welchen sie ihre im Anfang Oktober in Chinde eintreffenden Kanonenboote für den Nyassa-See, flußaufwärts zu schaffen gedachten. Aus diesem Grunde schon beschleunigte der »Herald« seine Auf- und Niederfahrt nach Möglichkeit und, als das Schiff am 7. unerwartet zurückkam, wurde alles daran gesetzt, in einigen Tagen zur Abreise fertig zu sein. Nach einem mir gewordenen Befehl sollte ich versuchen, alles noch vorräthige Material zu expediren und das Lager aufzugeben; es sollte hierdurch den Engländern entgegengekommen werden und dieser Transport nach ihrem Wunsch der letzte sein.

Zwar versuchte ich es, Befehl und Wunsch zur Ausführung zu bringen, was bei der Tragfähigkeit der Fahrzeuge nicht schwer war, allein nahm auch der englische Kapitän die sehr tief beladenen Leichter an, so war es doch nicht rathsam, nach den gemachten Erfahrungen damit eine so weite Tour zu unternehmen; bei einem Unfall, der sehr leicht auf solchen unsicheren flachen Flüssen, wo Baumstämme und auch Steine gefährlich werden konnten, passiren konnte, würde mich die Verantwortung getroffen haben, und wäre uns ein Fahrzeug gesunken, der Verlust an Material etc. wäre kaum zu ersetzen gewesen.

Darum ging ich nicht weiter, als die Sicherheit gebot; es war besser, der »Herald« machte noch eine Fahrt, als daß wir durch Uebereilung uns schweren Schaden zufügten, den zu ersetzen die Engländer sich sicherlich nicht verpflichtet gefühlt hätten.

Am 10. früh verließen wir das Lager, wo ich zwei Europäer und zehn Soldaten zur Bewachung zurückgelassen hatte. Unter der kundigen Leitung des englischen Führers, der lange schon mit den Verhältnissen des Flusses vertraut war, erreichten wir noch gegen Abend Misongwe, nach einer mühevollen Fahrt, insofern mühevoll, als verschiedene Male, um über Untiefen hinwegzukommen, alle Mann, ca. 70, in das Wasser und Anker ausbringen mußten, mit deren und des Dampfes Hülfe dann das Hinderniß überwunden wurde.

Misongwe, als Hauptstapelplatz des unteren Zambesi, war zu dieser Zeit nur von einigen holländischen, portugiesischen, vor allem indischen Händlern bewohnt, die ausschließlich mit dem Hinterlande Handelsgeschäfte betrieben und namentlich eingetauschte Erdnüsse, etwas Elfenbein etc. als Ausfuhrartikel zur Küste beförderten; im Uebrigen verspricht dieser Platz für die Zukunft an Bedeutung zu gewinnen, als die fortschreitende Entwickelung des internationalen Handels auf dem Zambesi-Schire, Misongwe zu einem Knotenpunkt erheben wird.

Die Beschaffenheit der Ufer bis zur Mündung des Schire zeigt keine besondere Abweichung, nur daß das Flußbett durch seine Breite eine größere Anhäufung von Sandbänken gestattete und dadurch die Schifffahrt bedeutend behindert wird, auch, namentlich wo enge Fahrstraßen, besonders unter den steilen hohen Ufern, macht der starke Strom ein Vorwärtskommen recht beschwerlich. des Moramballa-Gebirgstocks näher zum Flusse heran, hingegen zur Linken verlieren die Höhenzüge sich in die Ferne, da sie vom Oberlauf des Zambesi an, dessen Ufer sie dort bilden, allmählich zurücktreten.

Der tiefere Schirefluß verursacht an seiner Mündung in den Zambesi eine Anstauung der Sandmassen, so daß es schien, ein Vordringen den Zambesi höher hinauf wäre unmöglich, und thatsächlich können auch in dieser Jahreszeit nur Boote noch die vielen schmalen Fahrrinnen zwischen den Sandbänken passiren. Sicher ist, wäre die Strömung des Schire nicht stark genug, in diesem weiten Gebiet eine Fahrstraße offen zu halten, daß wohl kaum in der regenarmen Zeit ein Dampfer bis hierher vordringen würde.

An der Mündung des Schire liegt die portugiesische Station Schamo; eigentlich nur eine Telegraphenstation und von Bedeutung insofern, als sie den Knotenpunkt zwischen der Drahtlinie Chilomo-Quilimane bildet.

Die Hoffnung, beim Eintritt in den Schire einen besseren Fahrweg zu finden, erwies sich anfänglich als irrig, vielmehr wurde durch zerstreutliegende Felsmassen im Flußbett das Fortkommen erschwert. Es wurde daher vorgezogen, lieber über eine Untiefe von Sand den Weg zu nehmen, als Gefahr zu laufen, an den harten Steinen die Böden unserer Leichter zu durchstoßen, hatten doch die englischen Dampfer gerade hier des öfteren nicht unerhebliche Leckagen erhalten. Das Hinüberwarpen über solche Untiefen verursachte mehrmals längeren Aufenthalt, und wurde es dabei nöthig, daß alle Leute in das Wasser mußten, hatte ich immer aufzupassen, damit keiner zurückblieb, denn in tieferes Wasser gerathen, hätte der starke Strom einen schlechten Schwimmer bald hinweggeführt. Die Verengung der Fahrstraße weiter hinauf bedingte auch eine größere Tiefe und am Fuße der Moramballa-Berge, die bisweilen das Ufer einfaßten, traten uns keine Hindernisse mehr entgegen.

Hier, wo der Fluß zwischen hohen Ufern sich hindurchzwängt, sein Bett rein und tief ist, ging auch die Fahrt schnell von statten; was aber nebenbei einen überaus wohlthuenden Eindruck machte, war die großartige wilde Natur in ihrer imposanten Schönheit, die zur Zeit, wenn die Regengüsse neues Leben gezaubert haben, wahrhaft erhebend wirken muß. Baum und Strauch verdeckt bis zu den Gipfeln der Berge hinauf das zerklüftete Gestein und diese, von Schlingpflanzen durchwoben, lassen schon jetzt erkennen, welch ein Reichthum an Blüthenpracht die Frühlingszeit entfalten wird, auch die tausendfältigen Glockenblumen der Lianen im hohen Ufergebüsch müssen einen herrlichen Anblick abgeben.

Das gegenüberliegende Ufer, aus hartem Sandboden bestehend, fällt streckenweise steil zum Flusse ab und an solchen Stellen haben viele hundert buntgefiederte Vögel sich tiefe Löcher gegraben zum Aufenthalt und Brutstätte. Das Geräusch, welches der herannahende Dampfer verursachte, scheuchte diese Thiere aus ihrer Ruhe auf und in großen Schwärmen umkreisten sie das Schiff, flatterten ängstlich hin und her und gaben durch kreischende Schreie zu erkennen, daß sie um ihre Heimstätten besorgt sind, namentlich, wenn wir ganz dicht unter dem Ufer liefen, machte die vermuthete Gefahr die Vögel rein blind. Weiter den Fluß hinauf, nachdem das Gebirgsterrain passirt ist, bieten die Ufer nicht mehr die gleiche Abwechslung, hingegen sahen wir häufiger die schlanken Stämme der Fächerpalmen, deren Kronen sich stolz im Winde wiegten. In der Nähe von Pinda aber krönte ein lichter Wald die hügeligen Ufer und einen herrlichen Anblick boten die schlanken hohen Stämme, als wären es lauter Säulen von einem grünen Dome überdacht.

Die Insel Pinda, Station der African-Lakes-Comp., wird durch den eigentlichen, jetzt aber wegen Mangel an Wasser unpassirbaren Schirefluß und einem Arme desselben, den sogenannten Ziu-Ziu, gebildet. Letzterer wälzt seine Wassermassen am Zusammenfluß dieser Arme über ein starkes Gefälle und erzeugt dadurch eine rasende Stromschnelle, deren Kraft, als wir die starke Strömung durchschneiden mußten, so groß war, daß sie Schiff und Leichter einfach aus dem Kurse warf und so gegen das gegenüberliegende Ufer preßte, daß es viele Mühe kostete, frei zu kommen. Beim ersten Versuche, diese Stromschnelle zu passiren, geriethen die beladenen Leichter mitsammt dem »Herald« in große Gefahr, der Wirbelstrom riß alles mit sich weg, und gegen das steinige Ufer geschleudert, verlor der »Herald« sein Boot; von einem Leichter flog einer von unseren Soldaten, durch die gewaltige Erschütterung herabgeschleudert, in die gurgelnden Wasser, die den Unglücklichen in die Tiefe zogen und nicht wieder zurückgaben.

Was bei jener ersten Durchfahrt dem »Herald« mißlungen, gelang dem »Mosquito«. So wurde denn beschlossen, daß der »Mosquito« von Pinda bis Port Herald den Transport weiter befördern sollte, hingegen der »Herald« von Ntoboa bis Pinda diese Arbeit vollende.

Nach vielen Mühen und Aufwand großer Kräfte hatte der Major es doch durchgesetzt, seine beladenen Leichter durch die wirbelnde Strömung durchzubringen. Dieses große Risiko aber mochte Herr von Eltz, der bis hierher mit dem »Pfeil« gekommen war und wegen dessen zu großen Tiefgang die Stromschnelle nicht passiren konnte, nicht übernehmen und der folgende Transport wurde, etwas oberhalb der Strömung, ausgeladen und die Lasten dann quer durch die ca. 400 Meter breite Insel nach dem Ziu-Ziu-Arm geschafft. Nach erhaltener Kenntniß dieser Vorgänge hatte ich auch keine Lust, einen Kampf mit den tückischen Wassergeistern aufzunehmen und hielt es für besser, die viel schwierigere Arbeit des Hinüberschleppens nach dem Lager ausführen zu lassen, als die Riskanz zu laufen, einen unersetzlichen Schaden zu erleiden. Demgemäß beauftragte ich den Obersteuermann, der hier das Kommando während meiner Abwesenheit führte, die Arbeiten zu leiten und kehrte schon am 13. September mit dem »Herald« und den beiden leeren Leichtern nach Ntoboa zurück.

An jener Stelle, nicht fern von der Mündung des Schire, wo Felsen und Steine den Fluß und die Passage beengten, glaubte der Führer des »Herald« mit den nur sechs Zoll tiefgehenden Fahrzeugen durchkommen zu können, er wollte die schwierige Ueberfahrt vermeiden; allein das Fahrwasser war zu eng und der dem Schiffe zur Linken befestigte Leichter wurde mit voller Wucht auf einen unter Wasser liegenden großen Felsblock getrieben und blieb unbeweglich sitzen. Zweistündiger schwerer Arbeit bedurfte es, um den Leichter wieder flott zu machen, und wenn auch der Boden etwas stark verbäult worden war, so hatte doch die Güte des Eisenmaterials einem Durchbrechen widerstanden.

Es ist übrigens keine Kleinigkeit, mit dem Strome flußabwärts zu fahren, die Geschwindigkeit wird, namentlich wo Stromschnellen sich gebildet haben, oft so groß, daß es bedeutender Umsicht und Ruhe des Führers bedarf, sein Schiff in der Gewalt zu behalten und den gefährlichen Untiefen rechtzeitig auszuweichen.

Ntoboa am 15. erreicht, ließ ich den Rest der Expedition am selben Tage noch verladen und, zur Abreise bereit, erwartete ich die Rückkehr des »Herald« von der Holzstation.

In dieser Jahreszeit, in welcher die Wasserverhältnisse des Zambesi so schlecht waren, waren auch die Fahrten der beiden Passagierdampfer der African-Lakes-Comp. eingestellt worden und als Transportmittel wurden nur offene Boote verwendet, die, zum Schutze für Europäer, im Hintertheil mit einer Holzbude versehen, allenfalls sehr beschränkten Aufenthalt boten. Aber auf einer beinahe dreiwöchentlichen Tour bis Katunga dem Reisenden eine Qual wurden insofern, als ein solcher nur in liegender Stellung darin Unterkunft finden konnte. Die Besatzung eines solchen Bootes besteht aus 12-16 Mann, die einem Capitao unterstellt ist, sie sind verpflichtet, für geringes Entgelt solche weiten Touren auszuführen, entziehen sich aber öfters durch Desertiren der vereinbarten Abmachung und lassen den Reisenden, der neben seinen schon gezahlten 400 Mark betragenden Reisegeld solche Unannehmlichkeiten mit in den Kauf nehmen muß, auf dem Trocknen sitzen.

Von solcher Mißgunst des Geschickes waren zwei Engländer betroffen worden, die, schon tagelang von ihrer Besatzung verlassen, mit Hülfe ihrer Diener das Boot hatten vorwärts gebracht, bis sie schließlich am 15. das deutsche Lager erreichten und mich dringend um Unterstützung baten. Was die erbetene Hülfe anbetraf, so konnte ich den Engländern nur in der Anwerbung neuer Leute behülflich sein; berief deshalb den Häuptling von Ntoboa in das Lager und ersuchte ihn um Stellung von Leuten, war aber über die überaus hohe Forderung erstaunt, welche der Häuptling, noch dazu zur Hälfte in Baar, sogleich ausgezahlt haben wollte. Einem solchen Ansinnen gegenüber brach ich die Unterhandlung sofort ab, den Engländern rathend, wenn sie nicht ihr Geld wollten los sein, ein gleiches zu thun; die gestellten Leute würden doch nur eine kurze Strecke das Boot flußaufwärts bringen und dann desertiren, vielleicht sie dann in einer noch schlimmeren Lage zurücklassen.

Das Natürlichste war nach einem solchen Mißerfolg, ihnen den Vorschlag zu machen, sich an Kapitän Robertson mit der Bitte um Mitnahme zu wenden, wenigstens so weit, bis ihnen Hülfe werden konnte; indes die für mich nicht überraschende Antwort war, daß solches Mühen vergeblich sein würde, aus dem Grunde, weil ein Engländer dem anderen nur selten eine große Gefälligkeit erweisen wird, das +help yourself+ (hilf dir selber), klingt aus jeder selbst höflichen Abweisung heraus, wenn nicht persönliches Interesse dem Gewährenden anderen Sinnes macht, im Allgemeinen ist der krasse Egoismus Ausschlag gebend. Einen Erfolg versprächen sie sich nur, wenn ich ihr Fürsprecher sein wollte, im anderen Falle müßte die unerhörte Forderung des Häuptlings angenommen werden.

Ich kannte Kapitän Robertson noch zu wenig, um über seine Gesinnung seinen Landsleuten gegenüber urtheilen zu können, setzte aber voraus, daß er als Offizier, sofern es seinen Instruktionen nicht zuwider, Bedrängten seine Hülfe nicht versagen würde und ich hatte mich nicht getäuscht, was mir aber auffiel, war das geringe Entgegenkommen gegen diese beiden Beamten der African-Lakes-Comp. Der Engländer ist eine schwer zugängliche Natur, von der deutschen Gutmüthigkeit besitzt er herzlich wenig, ist er aber einmal aufgethaut, kann er im Umgang wiederum auch sehr angenehm und gefällig sein.