Part 12
So sah ich mich denn genöthigt nochmals den Häuptling Tengani dringend um Unterstützung zu ersuchen, obgleich ich voraussetzen mußte, daß im Nothfalle erst Zwangsmittel in Anwendung kommen würden, ehe er sich dazu verstehen würde; ich bekam aber im Dorfe solchen Bescheid, wie ich ihn nicht erwartet hatte. Kurzweg abgewiesen, ließ mir der Fumo sagen: sind die Leute, welche er mir bereits gegeben erst wieder in ihrem Dorfe angelangt, und nicht wie er vermuthe, gezwungen worden weiter zu gehen, dann wolle er wieder mit dem weißen Manne verhandeln. Eine gewisse Berechtigung hatten die vorgebrachten Gründe, als ich selbst voraussetzen mußte, die zehn Mann seien mit Brückner weiter gegangen, daß dieses indes freiwillig geschehen, wußte ich ebenso gut. Ich hatte nämlich Anweisung gegeben, die Leute wegen ihrer Ablöhnung zu mir zu schicken, auch hätte es diesen jederzeit frei gestanden zu gehen, wenn sie gewollt hätten.
Auf gütige Einigung war also nach einer solchen Abweisung nicht mehr zu rechnen; daher wandte ich mich nothgedrungen an den englischen Administrator in Chilomo und bat nach Klarlegung der Verhältnisse, dem Fumo Tengani die Anweisung zu geben, mir die benöthigte Anzahl Leute zu stellen, denn der nebenbei gemachte Vorwand, die Bewohner müssen jetzt ihre Aecker bestellen, war nichtig, insofern, als die Frauen diese Arbeit verrichteten und die Männer nur höchst selten zu einer Handreichung sich bequemten.
Die wenige Tage später eingetroffene Antwort, von zwei Askaris (Soldaten) überbracht, informirte mich dahin, daß die als Polizei fungirenden Leute sich mit dem Häuptling in Verbindung zu setzen haben und diesen verlassen werden, da er als widersetzlich bekannt war, aus seinem oder den nächstliegenden Dörfern mir Leute zu geben, andernfalls haben die Soldaten Auftrag, den Fumo mit nach Chilomo zu führen, was er aber umsomehr vermeiden wird, als es ihm bekannt ist, daß er dann nicht straflos ausgeht. Ich glaubte daraufhin nun ein leichtes Spiel zu haben, da ich durch die englisch sprechenden Leute meine Wünsche übermitteln lassen, also kein Mißverständniß entstehen konnte.
Es war indes mit dem alten Fuchs nichts anzufangen; er sagte wohl nach langem nichtssagenden Verhandeln zu, Leute zu bringen, sandte auch einige Mann in das Lager, wurde aber dann darauf gedrungen, die bestimmte Anzahl endlich zu senden, machte er allerlei Einwendungen und Ausflüchte, so daß es wirklich eine Geduldsprobe war, diese mit anzuhören, und wollte man sich nicht selber schädigen, indem durch seine Abführung jede weitere Verhandlung aufhörte, mußte gewartet werden. Am zweiten Tage, Sonntag den 20 Nov., der Leichter war zur Abfahrt bereit, ging ich gegen 9 Uhr Morgens in das Dorf mit dem festen Vorsatz der Sache nun ein Ende zu machen, entweder der Häuptling gab die versprochenen Leute oder die Soldaten sollten ihn ohne weiteres nach Chilomo bringen. Von nichts unterrichtet, (die Askaris hatten mir nur die Mittheilung gemacht, es seien die Eingebornen zu einem großen Schauri versammelt) fand ich im Dorfe eine unerwartet große Anzahl Männer vor, zusammengerufen von dem Fumo, die wie aus dem Verlauf der Verhandlung ersichtlich wurde, sich zu einem großen Protest gegen das Vorgehen der Europäer hier eingefunden hatten. In die Mitte der Männer tretend, die alle im weiten Kreise am Boden hockten, wandte ich mich der Berathungshütte und den Aeltesten zu, dabei wollte es mir scheinen, als würden unter dem lauten Gemurmel so vieler Stimmen drohende Zurufe ausgestoßen, das erst auf das Geheiß der an meine Seite getretenen bewaffneten Askaris verstummte. Mir that es fast leid allein und waffenlos gekommen zu sein, durfte nun aber durchaus nicht zeigen, daß ich irgend welche Besorgniß hegte, mußte vielmehr dem Kommenden furchtlos entgegentreten, um Herr der Situation zu bleiben.
Eingeleitet wurde sodann das Schauri mit der Verlesung jener Verfügung, die Bezug hatte auf die Stellung von Leuten, und im Weigerungsfalle auf die Abführung des Fumo. Darauf ließ ich erklären, daß keiner glauben solle, er müsse umsonst arbeiten oder werde gezwungen weiter mitzugehen als er sich verpflichtet habe; ein Jeder erhalte den ausbedungenen Lohn, sobald er zurückkehre. Nachdem nun noch lange hin und her gesprochen worden war, wovon ich so gut wie nichts verstand, nur den Sinn des langen Geredes durch die verhandelnden Askaris erfahren konnte, erhob sich plötzlich aus der Mitte der Vornehmen und Häuptlinge ein mir bereits bekannter Sprecher und legte mit lauter Stimme seine Ansichten dar; doch schließlich hatte er sich so in Extase geredet, daß sein Sprechen nur noch ein Schreien war, erst als er sich beruhigte, erfuhr ich, um was es sich eigentlich gehandelt hatte. Solche Redner, meistens Medizinmänner, üben einen großen Einfluß aus, deren Rathschläge gewöhnlich befolgt werden und manche unheilvolle That wird daraufhin ausgeführt. Sie versetzen ihre Zuhörer in Wuth der Begeisterung, die dann den Worten unmittelbar die That folgen lassen, ob diese verhängnißvoll ist oder nicht; Ueberlegung kennt der Neger in solchen Momenten nicht mehr.
Gutes war es sicherlich nicht, was dieser Medizinmann seinen aufmerksamen Zuhörern verkündigte, und wer hätte die Folgen absehen können, wenn sein Einfluß die volle Wirkung erlangt hätte! Es war für mich vielleicht ein Glück, daß die Askaris den Ausführungen des wüthenden Redners energisch Einhalt geboten hatten, sogar die Waffen erhoben, als er nicht Folge leistete, woraus ich schließen konnte, die Situation sei schon recht bedenklich geworden. Als er aber zur Ruhe gewiesen wurde, erhob sich ringsum ein drohendes Gemurre, welches die Soldaten anfänglich Mühe hatten zu beschwichtigen.
Darauf erfuhr ich in kurzen Worten den Sinn der langen Rede, nämlich: die weißen Männer kommen in das Land und nehmen was ihnen beliebt, führen große Kriegsschiffe und Boote auf den Fluß, haben viele schwere Lasten, welche die Bewohner müssen transportiren helfen; dazu wird der schwarze Mann dann noch gezwungen sein Dorf zu verlassen und weit mit dem Europäer zu gehen, der ihn noch obenein schlecht bezahlt und behandelt!
Es ist nicht schwer sich hierzu die weiteren Ausführungen des erregten Mannes, der seine Erfahrung aus dem Vorgehen der Portugiesen und Engländer geschöpft, auch nicht so Unrecht hatte, denken zu können, wie immer aber, so war es auch hier der Fall, der Bewohner dieses Landes kann sich keine Vorstellung davon machen, daß die wenigen in sein Land gekommenen Weißen verschiedenen Nationen angehören sollten; sieht er doch bei allen das gleiche Bestreben, daß diese auf seine Kosten sich Vortheile verschaffen, ihm seinen ungeheuren Besitz nehmen und in seiner Freiheit beschränken. Er dehnt also seinen Haß und Abneigung auf alles aus was fremd heißt, indem er es nicht begreift und versteht, wie eine Handvoll weißer Männer verschiedenen Völkern angehören kann, da jeder Portugiese und Engländer, gleichviel, ihm klar zu machen sucht, daß hinter jedem ein mächtiges Volk steht, in dessen Namen er Besitz ergreift und das ihn schützt.
Sogleich ließ ich der Versammlung durch den Dolmetscher erklären, daß wir Deutsche nicht mit unsern Lasten hierher gekommen sind, um ein Schiff zu bauen oder gar hier im Lande zu bleiben, sondern wir gingen weit von hier zu dem großen Nyassa-See und kommen nie mehr zurück, alle aber wüßten auch, daß wir viele und schwere Lasten haben, welche wir nicht tragen können, darum sollen sie uns nur kurze Zeit helfen um von hier fortzukommen, und wer es thut, wird gut bezahlt.
Nach dieser Verkündigung herrschte momentan tiefes Schweigen -- dann aber erhoben sich wieder viele Stimmen, die im wirren Durcheinander das Gehörte diskutirten. Mir indes wurde die Sache schließlich zu bunt, und so erklärte ich dem Häuptling rundweg, wenn er mir bis die Sonne am höchsten stehe keine Leute gegeben habe, gehe er unbarmherzig nach Chilomo. Dieser gab denn auch, nachdem er den Ernst dieser Erklärung und jede fernere Weigerung als nutzlos eingesehen hatte, eine bestimmte Zusage; ich aber verließ unbehelligt die Versammlung, um im Lager das Weitere abzuwarten.
Um 3 Uhr Nachmittags kam der Fumo mit 9 Mann und versicherte, daß am Wege nach Chilomo weitere acht zu diesen stoßen würden; er gab auch den Soldaten genau Anweisung an welchem Orte dies geschehen würde. Nachdem ich noch die Askaris für ihre Mühe belohnt hatte, versprachen sie die Kolonne sicher im Lager von Chilomo abzuliefern.
Die Veranlassung zur Uebergabe des Kommandos an mich war dadurch gegeben, daß von Eltz nach Blantyre zum Major gerufen wurde. Der Grund dazu war, eine endgültige Entscheidung über die hochwichtige Frage zu treffen, ob es noch möglich sein würde die Expedition, wie vorerst geplant, noch nach dem Tanganjika-See zu führen, oder den Nyassa-See als Endziel zu betrachten; hatten sich doch bisher uns solche Schwierigkeiten in den Weg gestellt, daß zu befürchten war, das Schiffsmaterial, namentlich die werthvollen Maschinentheile, würden einen vermuthlich noch über ein Jahr währenden Transport nicht mehr aushalten, wenigstens durch den Einfluß der Witterung, die Eisen in den Tropen rasch angreift, beträchtlich geschädigt werden. Ein Gutachten hierüber und über die Möglichkeit eines längeren Transportes von mir eingefordert, konnte ich dieses nach bestem Wissen nur dahin beantworten, daß es, nach der Beschaffenheit des Materials zu urtheilen, wünschenswerth erscheine, den Dampfer schon am Nyassa-See zu erbauen; ein Durchführen der Expedition aber bis zum Tanganjika schließlich das Ergebniß haben könnte, aus stark mitgenommenen Beständen das Schiff erbauen zu müssen.
Bedenkt man, mit welchen Schwierigkeiten wir bisher schon zu kämpfen gehabt hatten, wie überaus gegen alle Erwartung langsam die Expedition hatte vordringen können, so mußte die Voraussetzung, die Hindernisse könnten noch viel größer werden, volle Berechtigung finden, und nach dem Vergangenen zu urtheilen, das Endziel, der Tanganjika, in weiter Ferne gerückt erscheinen.
Es scheint, daß Major von Wißmann seinen anfänglichen Plan die Expedition über die Schirefälle zu führen nach näherer Erkundigung über den Weg, den einst Livingstone genommen, hat aufgeben müssen und den vielleicht schwierigeren über das Gebirge deshalb gewählt hat, weil die Trägerfrage in dieser Zeit eine heikle geworden war. Blantyre freilich war ein starker Stützpunkt, als Uebergangstation gedacht, allein eine gewisse Abhängigkeit von den Engländern damit auch verbunden, insofern als das Trägermaterial zum großen Theil ihnen zur Verfügung stand, wodurch den Unterhändlern ein großer materieller Vortheil erwachsen mußte.
Aus unserer Verlegenheit Nutzen zu ziehen, waren die Herren Engländer gern bereit, hatten doch schon vorher ein Portugiese und auch ein einflußreicher Händler in Chilomo sich erboten, hunderte von Leute zu stellen, aber die überaus hochgeschraubten Bedingungen waren für die Kasse der Expedition denn doch ein wenig zu weit gegriffen. --
7. Im Lager von Umpassa bis Katunga.
Die geschilderten Vorgänge brachten in der Einförmigkeit des Lagerleben immerhin eine, wenn auch nicht gerade angenehme Abwechslung, die in gewisser Beziehung etwas anregend wirkte, zumal das lange Warten auf die Leichter, welche uns von hier erlösen sollten, auf die Dauer doch langweilig wurde. Für eine tägliche Beschäftigung sorgte ich zwar schon aus dem Grunde, damit die Unthätigkeit nicht eine üble Angewohnheit würde, zu welcher die menschliche Natur in dieser heißen Gegend große Neigung zeigte; die große Hitze bedingt schon an und für sich eine körperliche und geistige Erschlaffung, gegen welche das Muß ein vorzügliches Radikalmittel ist.
Nach des Tages Gluth waren die kühleren Abendstunden eine wahre Erholung, gewöhnlich saßen wir am Ufer unter den breitblättrigen Bananen und schauten in die vorüber rauschenden Fluthen des Schire oder sahen dem Leben und Treiben der Negerkinder zu, die entweder Fische fingen oder mit wildem Geschrei sich auf flacheren Stellen im Wasser tummelten, gerade als wäre bei solchem übermüthigem Spiel durchaus keine Gefahr vorhanden. Verschiedentlich hatte ich die kleine Gesellschaft schon fortgewiesen, auch die älteren auf die mögliche Anwesenheit eines +mamba+ (Krokodils) aufmerksam gemacht, indes, dann suchten sie sich einen anderen Tummelplatz in der Nähe aus, um bald wieder, wenn die Luft rein war, zurückzukehren.
Wir hatten während der ganzen Zeit unsers Hierseins selten nur ein vorüberschwimmendes Krokodil bemerkt, und zeigte sich mal eins schußgerecht, wurde dem Thier das Wiederkommen verleidet; doch ausgeschlossen war es nicht, daß sich solch' ein Räuber im Schilfgrase verborgen hielt, um eine günstige Gelegenheit mit Geduld abzuwarten, und mit einer köstlichen Beute das Weite zu suchen.
Am Abend des 17. November, ich war von einem kurzen Jagdausflug zurückgekehrt, suchte ich wie gewöhnlich unter den Bananenbäumen einen Ruheplatz und sah von hier dem lustigen Treiben der schwarzen Kinderschaar ein Weilchen zu, die ausgelassen sich im Wasser herumbalgten, Knaben und Mädchen durcheinander. Plötzlich ertönte aus dem Munde eines kleinen Mädchens ein verzweiflungsvoller Schrei, welcher alle anderen Kinder entsetzt auseinanderfahren und zum Ufer fliehen ließ. Sofort aufspringend sah ich noch, wie die in die Höhe geworfenen Arme des Kindes unter dem Wasser verschwanden. Wieder also war durch Unvorsichtigkeit dem tückischen Feinde ein junges Leben zum Opfer gefallen, der, am Strande des Schilfes wohlgeborgen, die Annäherung seiner Beute abgewartet hatte und schnell mit derselben in die Tiefe verschwand.
Das Gerücht, ein Krokodil habe ein Kind geraubt, verbreitete sich unglaublich schnell bis zum Dorfe, von wo sofort lautklagende Weiber und Männer mit Speeren, auch alten Donnerbüchsen bewaffnet, zum Flusse eilten, die dann schreiend und wehklagend am Ufer lange Zeit hin und her wanderten, bis die dunkle Nacht solchem Beginnen ein Ziel setzte. Das Klagen und Weinen konnte man später vom Dorfe her durch die Stille herüberschallen hören, als sollte des Jammerns kein Ende sein.
Am nächsten Morgen wanderten der Vater des geraubten Kindes mit einer alten Feuerschloßbüchse bewaffnet, ebenso die Mutter, die einen Speer mit Leine, ein Wassergefäß, sowie einen grünen Bananenbündel auf dem Kopfe trug, am Ufer auf und ab. Soviel sie aber auch lamentiren und bitten mochten, ihr Kind kam doch nicht wieder, auch der Räuber ließ sich nicht wieder sehen. Uebrigens wird das Unthier nach solcher Beute immer lüsterner, ihm auch durch die Unvorsichtigkeit der Eingebornen der Fang sehr erleichtert, bis die sichere Kugel eines Europäers diesem Räuberleben endlich ein Ende macht.
Zwei Tage lang währte dieser Aufzug. Am dritten versammelten sich alle Weiber des Dorfes am Ufer und stimmten ein unglaubliches Klagegeschrei an, das anfänglich noch in Bitten und Anerbietungen bestand, als alles aber vergeblich war, gaben sie dem Krokodil unter Verwünschungen die denkbar schlechtesten Namen, welche ihre Sprache besitzt und, dann heiser und müde genug vom anhaltenden Schreien kehrten sie in ihr Dorf zurück; den Eltern des Kindes es überlassend, sich so gut es geht über den Verlust zu trösten. Solche Auftritte kommen zu häufig vor, als daß man sie als einen Ausnahmefall betrachten könnte, die Sorglosigkeit der Eingebornen, sowie die Schlauheit der Krokodile führen nur zu oft diese immer wieder herbei.
Jetzt wo allmählich die Regenzeit herannahte, kamen fast alle 8 Tage schwere Gewitter heraufgezogen, die um so heftiger sind, als die Atmosphäre mit Elektrizität geschwängert ist; furchtbar rollt der Donner durch die tiefhängenden schweren Wolkenmassen, der Blitz, gleich glühenden Schlangen, durcheilt das Himmelsgewölbe, einer flammenden Lohe gleich sind ringsum die zuckenden Feuergarben. Die Elemente, welche hier mit furchtbarer Gewalt zum Ausbruch kommen, werden meistens nach kurzer Zeit durch einen heranbrausenden Wirbelsturm, der die gleicherzeit niederströmenden Wassermassen vor sich her über die durstige Erde peitscht, zerstreut. Schnell bilden sich Seen und Teiche an tieferliegenden Orten, auch im ausgetrockneten Flußbett geben schon die fluthenden Wasser eine kleine Idee von dem, was sie sein werden, wenn erst die Regenzeit eintritt und die Schleusen des Himmels sich öffnen.
Mensch und Thier sucht Schutz vor diesen plötzlich hereinbrechenden Gewalten, wo immer ein Zufluchtsort sich bieten mag, und eigenthümlich, im Aufruhr der Elemente zeigen sonst scheue und furchtsame Thiere wenig Furcht vor den Menschen, suchen instinktmäßig vielmehr dessen Nähe. So machte ich jedesmal bei solcher Gelegenheit, abgesehen von anderen Thieren, in meinem Zelte die Bekanntschaft äußerst gefährlicher Schlangen, die das heraufziehende Wetter ahnend, aus dem hohen Grase flüchteten, um im Zelte sich einen sichern Platz aufzusuchen. Das erste Mal, vom Regen überrascht, suchte ich bei den Leuten ein Unterkommen, doch das Wasser strömte in solchen Massen vom Himmel, daß ich befürchtete der Boden im Zelt würde überfluthet werden; ich eilte durch den Regen hin und fand meine Annahme auch bestätigt. Um nun zunächst dem Wasser einen Abfluß zu schaffen, grub ich mit einer Säbelschneide kleine Furchen im Erdboden und ohne meiner näheren Umgebung weitere Beachtung zu schenken, setzte ich mich in aller Gemüthsruhe auf das Feldbett um Schuhe und andere Sachen, die unter dem Bette lagen, auf dasselbe niederzulegen. Ich war gerade im Begriff eine Patronentasche noch darauf hinzuwerfen, als dabei mein Blick auf das Kopfende des Bettes fiel und hier sah ich aufgeringelt eine etwa einen Meter lange ganz grüne Schlange liegen, deren Kopf etwas erhoben, sich hin und her bewegte, wobei die schmale spitze Zunge aus dem geschlossenen Rachen schnell aus- und einfuhr.
Das Thier zeigte scheinbar keine Gereiztheit, war höchstens durch die unwillkommene Störung nur etwas aufgebracht; sonst im Vertheidigungszustand hätte es eine drohendere Haltung angenommen. Ich überlegte nicht lange was thun -- ließ langsam die Tasche zur Erde gleiten und die Bewegung der Schlange fest im Auge behaltend, ergriff ich einen neben mir an der Zeltwand lehnenden Stock, aus der Haut des Flußpferdes gefertigt, dann hob ich leise diese gefährliche Waffe und ließ sie plötzlich mit aller Wucht auf dies drei Fuß von mir entfernt liegende Reptil niedersausen.
Jedoch schneller als ich, war die Schlange; die Gefahr wohl ahnend, zischte sie im Augenblick, als die Waffe niederfiel blitzschnell auf und entging dem tödtlichen Streich, den ich auf ihren Kopf gerichtet hatte, dafür aber traf ich den aufgeringelten Körper so, daß das Rückgrat an verschiedenen Stellen gebrochen wurde und dem Thiere die Kraft genommen war noch aufzuschnellen und den beabsichtigten tödtlichen Biß mir beizubringen.
Sofort sprang ich auf, führte schnell den zweiten Schlag, der nun unterhalb des Kopfes traf und das Thier wehrlos zusammenbrechen ließ. Vorläufig mich mit dieser Schlange begnügend, verließ ich vorsichtshalber doch das Zelt, denn hatte ich recht gehört, befand sich noch eine darin, deren Aufenthalt zu entdecken ich keine Lust verspürte, da mit solchen erregten Thieren kein Spaßen mehr ist. --
Sobald das Unwetter vorübergezogen war, die Sonne wieder mit gedämpfter Gluth aus dem blauen Aether herniederschien und die durstige Erde die gespendete Wasserfluth aufgesogen hatte, machten wir uns daran, die Seitenwände des Zeltes zu lösen, dann alle Leute im Kreise um dieses aufgestellt, sollte verhindert werden, daß nichts ungesehen hindurch kommen konnte. Bei der darauf erfolgten Durchsuchung kamen noch zwei dieser giftigen Reptile zum Vorschein, die gewandt und flink aus dem Kreise zu entweichen suchten, sie wurden aber von Europäern, welche mit hohen Stiefeln an den Füßen einen etwaigen Biß nicht sehr zu fürchten brauchten, schnell getödtet. In Folge waren wir vorsichtiger, zumal schon am nächsten Tage in den Blättern eines Bananenbaumes eine ebensolche Schlange entdeckt wurde, die aufgeschreckt, zu entkommen suchte, wobei sie sich an den Blüthenkolben der Bananenfrucht mit dem Schwanze hängend, von dort zur Erde gleiten lassen wollte; schnell umstellt, wagte sie wohl nicht den Sprung, konnte auch scheinbar sich nicht wieder in die Höhe rollen, sodaß es mir dadurch möglich wurde, dem hin und her sich schwingenden Reptil durch einen tüchtigen Hieb den Kopf zu zerschlagen und es gänzlich zu tödten.
Auch in den trockenen Blättern am Fuße der Bananenbäume wurden öfters Schlangen bemerkt; wußten wir eine solche darin verborgen, ließ ich den Baum umstellen und die Blätter in Brand setzen, woraus denn bald das Thier aufschnellte und vernichtet werden konnte.
Oft war es im Zelte wegen der brütenden Hitze in den ersten Nachmittagsstunden nicht auszuhalten, deshalb suchte ich gewöhnlich unter den breiten Bananenblättern, auf einem Feldbett liegend, den kühleren Schatten auf. Hierbei passirte es mir ebenfalls, daß über meine fast unbedeckte Brust eine Schlange derselben Art sich hinwegschnellte, die ich, sofort aufspringend, noch im nahen Grase verschwinden sah. Ein eigenes Gefühl durchzuckt einem bei solcher unerwarteten Berührung, und der Gedanke, an solchem Ort einer Gefahr eigener Art ausgesetzt gewesen zu sein, verleidet den Aufenthalt an dem einzigen schattigen Platz den wir hatten.
Jetzt, wo im Lager wenig zu thun war, ich stündlich auf einen Leichter wartete, der mich von hier nach Chilomo bringen sollte, suche ich die freie Zeit, wenn nicht mit astronomischen Beobachtungen, mit der Erforschung der mich umgebenden Natur auszunutzen, wobei ich das Nützliche mit dem Angenehmen verband und gelegentlich der Jagd obliege, da die Waffe in diesem Lande des Europäers stetiger Begleiter sein muß.
In früher Morgenstunde, wenn noch glitzernder Thau an Gräsern und Büschen hängt, der die erschlaffte Natur während der Nacht erquickt hat, folge ich meistens dem ausgetrockneten Flußbett, um wie ehedem ein Verirren im Urwald zu vermeiden. Oft sah ich auch Affen und Wildkatzen über den Weg springen, die gewandt die steilen Uferwände hinaufeilten und im dichten Gebüsch verschwunden waren, ehe noch die Büchse zum tödtlichen Schuß in Anschlag gebracht werden kann.
Weiter hinauf, zwischen hügeligem Terrain, haben sich Wildbäche von den Port Herald-Bergen kommend, ihr enges Bette gegraben und geht man auf dem sandigen oft steinigen Grund entlang, sieht man erst, mit wie gewaltiger Kraft die schäumenden Fluthen hier zur Regenzeit gewüthet haben müssen! Baumriesen, deren Halt im Erdreich unterwaschen und herabgestürzt sind, liegen von den Fluthen festgekeilt in das enge Bett und über den Stamm des Baumes oder durch sein Gezweig führt nur der Weg weiter. Solche Hemmnisse zwingen die tosenden Fluthen seitwärts einen Ausweg zu suchen, wodurch das Erdreich höhlenartig unterspült und zum Einsturz gebracht wird. Die Wurzeln vieler dieser Waldriesen, welche die hohe Böschung krönen, sind freigelegt und es bedarf keines sehr heftigen Windes, um sie niederzulegen; auch die kommende Regenzeit, wenn die gurgelnden Wasser die Arbeit wieder beginnen, wird manchen Baum zum Stürzen bringen, der anfänglich noch von Ufer zu Ufer eine Brücke bildet, später dann im trockenen Bette unter den glühenden Sonnenstrahlen bleichen muß. --
Ausnahmslos sind beide Ufer mit dichtem Busch und Bäumen bestanden, das dazwischen wuchernde Gebüsch ist fast undurchdringlich, vor allem, Sträucher mit vielen scharfen Stacheln, sind ein großes Hinderniß und will oder muß man absolut hindurch, kann man darauf rechnen, Haut und Kleider lassen zu müssen. Die Großartigkeit dieser Urnatur, die erhabene Einsamkeit in dieser Wildniß, hinterlassen bei dem aufmerksamen Beobachter einen nachhaltigen Eindruck, der unauslöschlich bleiben muß, wenn man dazu die vielartige Thierwelt in goldener Freiheit gesehen hat. Ein reiner Gottesodem weht durch diese lichtumflutheten Waldgefilde, Herz und Sinn erfreuend, ganz anders als in jener kalten emfindungslosen Menschenwelt, aus der die Freiheit verdrängt und nur die Selbstsucht herrschen mag. Am unentweihten Altar der Natur fallen die selbstgeschmiedeten Fesseln unfreien Geisteslebens, das Große, Wahre, ein versöhnender Geist, tritt heran, vor dessen reiner Lichtgestalt sich tief die empfindende Seele neigt. --
Schon jetzt, nachdem mehrfach recht reichlicher Regen gefallen, treibt die Vegetation, aufs Neue geweckt, überall frische Triebe; Stellen am Ufer oder im Walde, die man längere Zeit nicht gesehen, erkennt man kaum wieder. In wenigen Tagen hat die Natur fast ein neues Kleid angezogen -- bald kommt das Blühen und Sprießen allerwegen, vom goldenen Sonnenstrahl geweckt -- und der Frühling naht. Viele Stauden mit goldgelben Doldenblüthen, ähnlich unserer Moosblume, sowie eine Epheuart mit Blüthen wie Rittersporn, blaßblau und schön gezeichnet, haben frühzeitig den Schlaf abgeschüttelt und mit den immer blühenden Lianen am Flußufer sich vermischend, stellen sie ein wundervolles Blumengewinde dar.
Auch die kegelförmige Blüthenkrone, der über fünf Fuß hohen Tabakspflanze, die an geeigneten Stellen von den Eingeborenen gepflanzt worden, vollendet das harmonisch Ganze. Den Mangel an rauchbarem Kraut mußte uns diese ersetzen, indem die rothbraunen trockenen Blätter gesammelt und zerschnitten wurden. Ueberhaupt ist der Tabaksbau für einige Völkerschaften hier ein lohnendes Geschäft; das Produkt wird vielfach als Tauschartikel benutzt, worauf ich später eingehender zurückkommen werde, nachdem ich die Art der Zubereitung von den Völkern am Nyassa-See hatte kennen gelernt.
Besondere Methoden haben die Einwohner, sich auf primitivem Wege ihre Pfeifen herzustellen; z. B., das Horn einer Gabelantilope wird unten mit Holz oder auch Thon verschlossen, seitwärts in dem hohlen Theil dann eine Oeffnung für den Mund und im rechten Winkel hierzu noch eine für den Pfeifenkopf gebohrt, der meistens, wenn nicht aus Holz, aus einem kleinen Kirbis besteht, dessen unteres Ende durch ein kurzes Rohr mit dem Horn verbunden ist. Man könnte sich berathende Indianer im großen Kreise um ihre Feuer sitzend und die Friedenspfeife kreisen lassend vorstellen, in derselben Weise geht dies Unikum von Pfeife auch bei den Bewohnern dieses Landes von Hand zu Hand und Mund zu Mund, ein Jeder thut ein oder zwei tüchtige Züge, dann giebt er sie weiter.
Uebrigens habe ich auch bei anderen Stämmen kunstvoll gearbeitete Pfeifen gesehen, die mühsam geschnitzt, große Geduld und Ausdauer erfordert haben, dafür dann auch als ein Schmuckstück betrachtet werden, das dem Verfertiger nicht feil ist, wenigstens verlangt er für solch' ein Stückchen Holz einen erheblichen Preis.