Part 41
Ueberall an der Küste, wo wir gelandet und mit der Bevölkerung in Verbindung getreten sind, waren wir bestrebt Holzstationen errichten zu lassen, indem wir den Eingebornen für ihre Mühe guten Verdienst in Aussicht stellten, allein wirklichen Erfolg hatte ich später nur hier auf Neu-Helgoland wo, nachdem die Inselbewohner ihre Scheu vor uns verloren hatten und ihren Vortheil erkannten, wir immer unsern Bedarf decken konnten. Soweit ich konnte unterstützte ich auch diese Wakissi, namentlich, um es ihnen anfänglich zu ermöglichen auf dem Festlande sich freier zu bewegen, gab ich dem Häuptling auf dessen wiederholtes Bitten etwas Pulver, damit er im Nothfalle seine beiden uralten Steinschloßbüchsen auch laden konnte; zwar waren diese kaum als Schreckmittel gut genug, für den alten Mann aber immer noch ein großer Schatz. Meine Weigerung ihm nicht eher Pulver zu geben, als bis er mir gesagt, wofür er solches verwenden wolle, beantwortete er die Frage stets damit, daß er dann auch kein Holz beschaffen könne, die Wagwangwara würden seine Leute hindern solches zu schlagen -- schließlich kam er aber doch mit den beiden Donnerbüchsen zum Vorschein.
Woher diese stammten und wofür er solche erhalten blieb mir unbekannt, sehr fehl aber geht man wohl nicht mit der Annahme, daß solche von Sklavenhändlern für lebende Waare einst gezahlt worden sind. Die Gewißheit, daß auch hier der Sklavenhandel immer noch in Blüthe steht, da es an den Küsten dieses Sees vorläufig unmöglich ist mit den wenigen Schiffen solche streng zu bewachen, ließ mich einst, als ich unerwartet Neu-Helgoland anlief und hier ein großes vom Westufer des Sees, also 36 Seemeilen, von Uziza herübergekommenes Kanoe vorfand, strenge Nachforschung halten und erst auf die Versicherungen des Häuptlings und der Kanoebesatzung, die einen plausiblen Grund anzugeben vermochten, gab ich es wieder frei. Obwohl mir es nicht recht einleuchten wollte, daß die Leute solche gefährliche Fahrt in einer Nußschale quer über den See nur unternommen haben sollten, um hier Proviant einzutauschen, konnte ich doch absolut nichts Verdächtiges finden und keine Handhabe war mir gegeben diese Seefahrer und ihr Fahrzeug mitzunehmen. Bemerkenswerth war auch, daß unter der Bevölkerung sich Männer und Knaben befinden, deren Ohrlappen mit einem Speer durchlöchert sind, ein Zeichen, daß sie früher geraubt und als Sklaven bei den Wagwangwara gelebt haben, die auf verschiedene Art ihre Freiheit wiedergewonnen und den Weg zur heimathlichen Insel zurückgefunden hatten. Die Bekleidung beider Geschlechter ist auch hier die denkbar primitivste, ein Stück von einem Ziegenfell oder ein Grasbündel die einzige Bekleidung; bei jüngeren und Kindern das Naturkostüm. Muscheln und Perlen ist der einzige Schmuck, wenn solcher erreichbar ist, den sie sich gestatten können, erst als der Holzhandel eine gewisse Quelle des Reichthums für sie geworden war, kleideten sich die Bewohner auch etwas anständiger.
Zu eingehenden Nachforschungen veranlaßten mich die hier an der Nordseite der Insel, wo das Wasser fast immer ganz ruhig ist, auf den am Lande freiliegenden Felsblöcken gefundenen Wasserzeichen. Scharf abgegrenzt gaben diese an, wie hoch der See zu verschiedenen Zeitperioden gewesen sein mußte -- waren die über Wasser gebliebenen Theile des Gesteins rauh und verwittert von grauschwarzer Färbung, sind die damit bedeckt gewesenen noch weiß und rein. Ein ganz unregelmäßiges und zwar immer plötzliches Zurücktreten des Sees hat stattgefunden und die Höhe dieser wie mit einem Lineal so scharf gezogenen Linien ergab, daß das Niveau des Sees 12-15 Fuß höher gelegen hat; auch der alte Häuptling versicherte mir, der doch lange zurückdenken konnte, sie hätten früher mit ihren Kanoes viel weiter heranfahren können als heute. Untrügliche Merkzeichen, wogegen kein Einwand erhoben werden kann, gaben mir diese viel zu denken, zumal ich auch an weitentfernten Orten z. B. Monkey-Bai gleiche gefunden hatte -- ich werde bei der Beschreibung und muthmaßlichen Entstehung des Nyassa-Sees später darauf zurückkommen und zu beweisen suchen, was wohl zu solcher auffallenden Erscheinung die Ursache gewesen sein kann.
Da der Wasserweg zwischen Festland und Insel tief genug war, dem »H. v. Wißmann« die Durchfahrt zu gestatten, so sahen wir hier, an der Südseite der Insel, wie zerrissen und umhergestreut die Felsenmassen im und über Wasser lagen und wie tiefe Höhlungen an der Südwestseite die See ausgespült hatte. Die flache Küste ist weithin förmlich mit 100´ hohen Felsblöcken eingefaßt, Rocks- und Steininseln nebeneinander gethürmt, bieten ein wüstes Trümmerfeld. Ebenso lassen weit vom Lande abliegende Rocks- und Steinmassen vermuthen, daß der Zahn der Zeit allmählich diese Granitfelsen zerstört hat; nur zwei mächtige Massen zersplittert und zersprengt, ragen noch zusammenliegend aus bedeutender Tiefe steil empor. Diese mehrere Meilen lange Strecke, mit Felsen unter und über Wasser besät, hat Major von Wißmann die Prager-Insel, Rock und Riff benannt; weiter südlich, einige Felsen als der Schloßstein und die Mehlsäcke, runde Granitkegel mit Guano bedeckt, erhielten ihrer Form wegen diese Namen, den Abschluß dieser eigenartigen Felsenbildungen und Steinmassen macht erst die zwei Seemeilen vom Lande entfernt liegende Insel Lundo. Zwar bewohnt, wie auch die Prager-Insel, und auch mit sehr spärlicher Vegetation bestanden, sind beide ein öder Steinhaufen nur; der eine halbe Quadratmeile große Flächenraum dieser Insel erscheint wie ein hoher von Felsblöcken aufgethürmter Granithügel. Von hier bis zur weiten Mbampa-Bucht, 4 Seemeilen südlicher faßt ein hoher isolirter Bergrücken die Küste wieder ein, der steil abbrechend in getrennter Hügelform die Bai umschließt. Isolirt aber und steil aus dem See aufragend, hebt sich der über 1000´ hohe Mbampa-Berg, der die Bucht im Süden abschließt, von seiner Umgebung ab; eine massiv und festgefügte Granitmasse. Läuft man in diese Bai ein, glaubt man einen prächtigen, gesicherten Hafen vor sich zu haben, aber auch hier täuscht die spiegelglatte, tiefblaue Fluth, und am steil aus großer Tiefe aufsteigenden Ufer erst findet sich unsicherer Ankergrund; wenigstens hatte es seine Schwierigkeit den »H. v. Wißmann« auf genügenden Abstand vom Lande fest zu verankern. Auf den getrennten, schwer zugänglichen Rocks an der Einfahrt zur Bai unter dem Mbampa-Berg, haben sich die Eingeborenen zurückgezogen, nachdem auch hier die ehemaligen Pfahlbauten von ihnen verlassen worden waren, sie schufen sich eine feste Position hinter den aufgethürmten Steinmassen, wo sie leicht genug ihr bischen Eigenthum vor der Raublust der Wagwangwara schützen können. Uebereinstimmend mit den Wakissi, haben die hier und südlicher lebenden Wampotto die unzugänglichsten Orte an der Küste sich als letzte Zufluchtsstätte ausgesucht, und wohl wäre deutscherseits es als eine ernste Pflicht aufzufassen den Raubzügen der Wagwangwara energisch Einhalt zu gebieten und den in steter Furcht lebenden Stämmen ein starker Schutz zu sein, damit sie wieder aufathmen und ihres Lebens froh werden könnten. Sicherlich fügen sich die mächtigen Wagwangwara nicht gutwillig und Strafexpeditionen werden nothwendig sein, aber je eher sie wissen, daß ihr verwerfliches Treiben Ahndung und Vergeltung findet, desto besser ist es. Sehr furchtsam und ängstlich zeigten sich diese Wampotto, die kaum jemals in näherer Berührung mit Europäern gekommen waren, und viel später erst wurden sie vertrauter; kamen sie auch längsseits des Schiffes mit ihren Kanoes, währte es doch lange, ehe sie es wagten dasselbe zu betreten. Als Beweis dafür diene folgender Vorfall. Drei Meilen von Land in etwa südwestlicher Richtung hatten wir als letzten Ausläufer eines unterbrochenen Felsenriffs einen hohen Granitblock gesehen dessen Umgebung der Major näher zu besichtigen wünschte. Das Riff sowohl, als auch der Felsen ragten aus tiefem Wasser auf, zwischen denen es möglich war überall mit dem Schiffe durchzufahren, so waren wir bis auf 100 Fuß dem Felsen nahe gekommen, als zwischen dem nächstliegenden Felsenriff zwei Kanoes, die zum Fischen ausgezogen waren, in Sicht kamen. Nothgedrungen, um wieder freies Wasser zu gewinnen, mußten wir den Kurs des Schiffes auf diese richten, kaum aber sahen die Fischer das Schiff näher kommen und sich eine übertriebene Vorstellung von solchem Seeungeheuer wohl machend, das ohne Segel und Menschenkraft so schnell herannahte, ließen sie ihr Netz im Stich und paddelten aus Leibeskräften der etwa eine deutsche Meile entfernten großen Insel Nuangwe zu. Diese unbekannte Insel war aber auch unser Ziel und wieder im freien Wasser, mußten wir bald genug die Kanoes überholen. Als die Fischerleute einsahen, daß sie vor dem schnelllaufenden Schiffe nicht fliehen konnten, legten sie die Kanoes Seite an Seite, besetzten die eine Nußschale die andere gaben sie preis, und mit 8 Mann aufrechtstehend, jagten sie über das stille Gewässer dahin. Aber auch diese Mühe war vergeblich, das Schiff, in dessen Kurs sie unbegreiflicher Weise verblieben, kam ihnen näher und näher; schließlich als ihre Anstrengungen vergeblich waren, warteten sie, zu viele in der Nußschale um sich setzen zu können, in Ruhe ihr vermeintliches Schicksal ab; wir aber wichen dem Kanoe aus und zogen an ihnen vorüber. Beim ersten Anruf indes sauste das Kanoe wieder durch die Fluthen und die geängstigten Menschen gaben die Flucht nicht eher auf, bis wir weit von ihnen entfernt waren.
Vermuthlich hatten die Leute uns Weiße als Araber und Sklavenjäger angesehen und unnöthige Furcht hatte sie kopflos gemacht; uns aber hatten sie gezeigt, mit welcher Gewandtheit sie ihre Kanoes zu handhaben verstehen. Aufrechtstehend und mit aller Kraft paddeln, in einem kaum acht Fuß langen ausgehöhlten schmalen Baumstamm, der durch die geringste unregelmäßige Bewegung zum Kentern gebracht werden mußte, war es nur das taktmäßige Arbeiten Aller, durch das das leichte Fahrzeug im Gleichgewicht gehalten werden konnte. Mit der Zeit werden sie sich wohl an den Anblick eines großen Schiffes gewöhnen, namentlich wenn sie eingesehen haben werden, daß ihnen kein Leid geschieht und die Furcht vor dem weißen Mann unnöthig war.
Für die auffallende Erscheinung der plötzlich abbrechenden und wieder zum See herantretenden isolirten oder kompakten Gebirgsmassen, während landeinwärts an beiden Seiten des Sees, ununterbrochene zusammenhängende Gebirge hunderte Meilen Süd und Nord sich hinziehen, werde ich versuchen, eine Erklärung zu finden und namentlich auf die Bildung der Inseln, ohne Ausnahme öde Steinmassen, hinweisen.
Im Gegensatz zu den Gebirgen, die zum Theil terrassenförmig ansteigen, mit fruchtbaren Thälern, Bergen und Abhängen, wo mit Vorliebe die Gebirgsstämme sich angebaut haben, sind einzelne Ebenen öde und unbewohnt; obwohl mit dichtem Buschwald und Gras bestanden, scheint der Mangel an genügender Bewässerung hierfür die Ursache zu sein. Solchen Anblick gewährt das hinter Mbampa-Berg südwärts sich hinziehende Gelände, in der Regenzeit grün und blühend, in der Trockenperiode von der Sonnengluth verbrannt, trübe und einsam. Nur wenige elende Wampotto-Dörfer, meistens an Stellen erbaut, wo Felsenreste aufgethürmt liegen, zeigten sich hier am Ufer des Sees, aber Versuche, mit den Bewohnern in Verbindung zu treten, waren völlig nutzlos, da unbegreifliche Furcht sie vertrieb.
Im Gebirge, das hier 10 bis 12 Kilometer vom See zurückliegt, öffnet sich eine weite Schlucht in Südost-Richtung an deren Ende bis zum See verlängert gedacht, da sonst kein auffallendes Objekt vorhanden war, bestimmte Major von Wißmann einen zum Strande heranreichenden Hügel, auf 11° 29´ S. Br. und 34° 46´ O. Lg., als das Grenzkap; von diesem, die gedachte Linie durch die Schlucht fortgesetzt, sollte diese die deutsche Grenze ergeben. Von hier, wo nun die portugiesische Küste beginnt, treten die Gebirgsmassen von 11° 37´ S. Br. bis 11° 56´ S. Br. wieder zum See heran und bilden von 11° 56´ S. Br. in weitem Bogen zurückfallend, hier die zweitgrößte Bucht im Nyassa-See, so daß, wenn man von Norden kommt und sich dicht unter dieser steilen Felswand befindet, erst nur die 14 Seemeilen von der Küste abliegende Insel Kissimulu, 12° S. Br. und 34° 35´ O. Lg., ein hoher abgerundeter Felskegel mit nach Süden verflachendem Lande, gesehen werden kann, ehe die größte aller Inseln, Likoma, vier Minuten südlicher in Sicht kommt.
Die Bevölkerung dieser Inseln, der Küste und des Hochlandes, sind hier die Anyanja, unter denen es den Missionaren gelungen ist, die Worte des Heils zu verkünden, und in vielen Dörfern schon hebt sich aus dem Wirrwarr der Hütten, das Dach einer Kirche, weithin erkennbar, hervor. Unter den Orten Bakobon, Njafua, Kango, Utonga, habe ich die beiden letzteren nur besucht, namentlich Utonga mehrmals, das an den Ufern des gleichnamigen Flusses gelegen, in einer furchtbaren Wildniß sozusagen verborgen liegt. Perlen und Salz waren hier die eigentlichen Tauschartikel für Holz, Hühner und Eier aber solcher Handel war meistens ein langweiliges Geschäft, da meine Leute oft mit den Weibern nicht handelseinig werden konnten.
Ueberaus weit würde es führen, wollte ich in gleicher Weise, wie bisher das deutsche Gebiet, auch die Länder und Völker am ganzen Nyassa-See beschreiben. So interessant und wissenswerth es auch ist, was die Natur hier geschaffen und aufgebaut hat, wie auch das Leben und Treiben der Völker, so muß ich mich doch darauf beschränken, nur in großen Zügen das Wichtigste anzuführen.
Von Kap Mala 12° 12´ S. Br. verläuft das Gebirge in ununterbrochener Linie längs der Küste südwärts, wenn auch nicht in so kompakten Massen wie das Livingstonegebirge, und dieses ganze portugiesische Gebiet ist gut bevölkert, vornehmlich von den Anyanja- und Yao-Stämmen. Während aber Deutsche und Engländer bestrebt waren, ihre Macht auf dem See und in ihren Gebieten zu festigen und zu entfalten, thut der Portugiese absolut nichts; eine Küstenstrecke von über 120 englischen Meilen, 11° 29´ S. Br. bis 13° 30´ S. Br., mit dem weiten ungeheuren Hinterland, ist für ihn vollständig ein terra incognita. Anzuführen wären als die bedeutendsten Orte noch die Pango-Bucht 12° 25´ S. Br., die Msumba-Bai 12° 35´ S. Br. und der Mtengula-Hafen 12° 46´ S. Br.
Msumba, neben Kota-Kota und Makangilas Sitz der größte Ort am See, (es wird gesagt 30000 Anyanja sollen hier leben, wenigstens so weit ich mich orientirt habe, kann diese Zahl annähernd richtig sein, denn das mächtige Dorf ist ein unentwirrbarer Knäuel von Hütten), kann mit der Rambira-Landzunge verglichen werden, nur ist diese weiter und ausgedehnter. Mächtige Bergkegel von 1000-3000 Fuß ragen landeinwärts gleich steilen Wänden auf, bis zum Gipfel mit Wald bedeckt. Das fruchtbare Land wird von hunderte Weiber und Männer, die täglich zur Saat- oder Erntezeit in die Berge ziehen, bestellt, Heerden von Ziegen, Schafen, selbst noch Rinder weiden an den Abhängen. Geschützt vor den heftigen Südwinden, auf gutem Ankergrund, liegt hier ein Schiff sicher; alle Bedürfnisse, Ziegen, Hühner, Eier, selbst Honig, 3 Pfund etwa für 1/4 Meter Zeug, vor allem Brennholz sind erhältlich, deshalb war Msumba für uns meistens Haltestation. Die ersten Male, als ich hier zum Holzkauf anlief, erhielten wir für unser Zeug auch gut gestapeltes Brennholz, später jedoch, gleichwie in Monkey-Bai, verlangten die Verkäufer schon für die Hälfte denselben Preis und als ich diesen ihnen zu geben mich weigerte und nördlicher in der Pango-Bucht den Bedarf deckte, wurden sie unverschämt.
Einmal auch, meine Leute sollten Eier und Mehl am Strande aufkaufen, wiesen diese viele angefaulte zurück; ich kam gerade dazu, als die Leute mit den Weibern schon in Streit gerathen waren, weil diese absolut für ihre faulen Eier, gleich denen, die gute gebracht hatten, auch ein Stückchen Zeug haben wollten. Sofort ließ ich den Einkauf abbrechen, und während ich mich noch mit dem schwarzen Missionslehrer über den Ankauf einiger Perlhühner verständigte, umgeben von einer großen Zahl aus Gewohnheit mit Speer und Bogen bewaffneter Männer, drängte sich einer zu mir heran und hielt mir mit der Frage: Sind diese nicht gut? drei Eier vors Gesicht. Etwas erstaunt über solche Dreistigkeit prüfte ich dennoch ein Ei, fand aber, daß es schlecht war, und alle zurückweisend hieß ich den Burschen seiner Wege gehen -- indessen hielt er mir aber wieder andere unter die Augen und nun, in solcher Handlungsweise eine Provozierung sehend, schlug ich ihm die Eier aus der Hand und eine schallende Ohrfeige hinterher. Schon eng umschlossen und auch waffenlos, drängte nun die Menge auf mich ein, während der Gezüchtigte wie ein Rohrsperling schimpfte. Hätte der Missionslehrer mir nicht den Rücken gedeckt, wäre es nun wohl zu einem ernsten Konflikt gekommen -- ehe aber noch ein thätlicher Angriff erfolgte, rief der Kapitao Kambajalika: Fast den weißen Mann nicht an, es sind mehr Wasungus (Europäer) auf unserm Schiff, die viele Gewehre haben, sonst geht es euch sehr schlecht. Diese Worte thaten ihre Wirkung und die Leute, noch nicht sehr gereizt, auch zurückgehalten von dem Lehrer, öffneten den Kreis und ich konnte ungehindert ruhig mein Boot erreichen. Die Bewohner Msumbas sind zu oft mit Europäern, den Missionaren, in Verbindung getreten, die Ausschreitungen wohl rügten aber nie straften, deshalb wagte ein übermüthiger Bursche nun mal, die wahre Natur des Negers herauszukehren und den Versuch zu machen, ob denn jeder Europäer nur freundliche Worte selbst für Ungezogenheiten habe.
Weiter südlich liegt der tiefe felsige Hafen von Mtengula, 12° 45´ S. Br.; eigentlich durch eine Thalöffnung von einer gebirgigen Halbinsel gebildet, er bietet, nach +SSW+ offen, zwar nur wenig Schutz, dafür aber einen wildromantischen Anblick durch die steilen, fast senkrecht aufsteigenden Felswände und der üppig wuchernden Vegetation. Mluluka 12° 57´ S., ein Sklavenhafen, wie schon erwähnt, gegenüber Kota-Kota gelegen, wird durch das vorgelagerte Danger-Riff schwer zugänglich und verdient als Wohnsitz des mächtigen Häuptlings Kalanje, dem Aliirten des Häuptlings Jumbe, keiner besonderen Erwähnung. Von hier weit landeinwärts haben, wie nördlich von Mluluka, die englischen Missionare auf dem Berge Unangu eine Station errichtet und sind die einzigen Europäer, die es gewagt haben, sich in des Löwen Höhle niederzulassen. Gewiß gefahrvoll ist das Unternehmen, da die Yao's gedroht haben, jeden Weißen zu tödten, wenn ihnen, wie angekündigt, ihre Sklavendhaus genommen werden; sie begreifen nicht, warum ihnen der einträgliche Handel zerstört werden soll und werden blutige Rache üben, wenn es geschieht.
Der Portugiese scheint ohne Bedenken das allmählige Vordringen der Engländer auf seinem Gebiet zu gestatten und fürchtet scheinbar deren wachsenden Einfluß nicht, ich meinestheils aber betrachte neben der unverkennbar segensreichen Thätigkeit dieser Missionare und ihrem hohen edlen Streben solche Stationen doch gewissermaßen als politische Fühlhörner, denen bald der Handelsmann folgt und englische Macht und Kapital dann schnell überwiegenden Einfluß gewinnt; das moralische Uebergewicht wird aber im Nothfall durch einige Kanonen schnell in ein positives umgewandelt werden. Die Erfahrung hat es gelehrt, daß der Sohn Albions sich wenig an das Eigenthumsrecht anderer Nationen kehrt und schwerlich das wieder freigiebt, worauf er seine Hand bereits gelegt hat. Das arme Portugal sieht den mächtigen, rücksichtslosen Gegner in seinem Gebiete vordringen und kann in seiner Ohnmacht es nicht hindern! --
Einen unverkennbaren Einfluß, welche Macht das Kapital besitzt, kann man auch in Central-Afrika bemerken, denn heute sind durch die englischen Kanonenboote alle Sklavendhaus weggenommen oder zerstört und doch haben die Yao's ihre Drohung nicht wahrgemacht, selbst Yumbe's Reich ist konfiszirt worden, deshalb mag man sich fragen -- welches Equivalent haben die klugen Engländer den Häuptlingen geboten für den erträglichen Sklavenhandel, den sie zerstört haben! einfach genug, der Handelsmann dringt vor mit seinen Waaren und ebnet die Wege! -- Geld ist Macht. -- Trotz alledem aber ist die englische Macht dennoch in diesem ungeheuren Gebiet viel zu schwach, dem Unwesen ganz zu steuern, die feindliche Bevölkerung leistet demselben allen nur erdenklichen Vorschub; feindlich gesinnte Häuptlinge, als Kassembe etc., in unzugänglichen Bergen, schüren das Feuer der Empörung und ist auch der Sklavenhandel über den See hinweg fast unmöglich, werden die arabischen Händler nun südwärts ziehen und im Gebiet Mpondas den Schirefluß zu überschreiten suchen, so portugiesisches Territorium gewinnend, wo sie vorläufig noch ihre Waare an den Mann bringen können.
Längs der steilen Felsenküste südwärts am Kap Malambe vorbei, bogen wir in die Zirambo-Bai ein und fanden hinter Losefa vor Pandimba eine Dhau Makangilas liegen. Ein leichtes wäre es gewesen, uns dieses Fahrzeuges zu bemächtigen, aber hier, schon auf englischem Gebiet, hätte ein Eingriff nur zu unliebsamen Erörterungen führen müssen, als dann unsere liebenswürdigen Vettern den Mund wieder mal recht voll genommen hätten. Da uns auch bekannt war, daß in Kürze mit Makangila abgerechnet werden sollte, so hatten wir keine Veranlassung, den Kriegsruhm der Engländer zu schmälern, obgleich die am Strande versammelte Menge in nicht wiederzugebender Weise höhnend die Waffen schwang. Unser Zweck nur war, die niedrige, durch Sandbänke und Untiefen schlecht zugängliche Küste kennen zu lernen, deshalb dampften wir ohne Aufenthalt vorbei und weiter über Monkey-Bai nach unserer Station Port Maguira, wo wir am 6. Oktober anlangten.
20. Der Nyassa-See.
Da Port Maguira sowohl zu Lande als auch zu Wasser eine beträchtliche Strecke von Fort Johnston entfernt liegt und gänzlich isolirt ist, hätte in diesem, um es zu schützen, eine genügende Besatzung zurückbleiben müssen, deshalb war Major von Wißmann mit der Anlage einer neuen Station oberhalb Fort Johnston, wo Herr von Eltz sich ein Stück Land, direkt am Schire gelegen, von den Engländern ausbedungen hatte, einverstanden; und da nun diese Station aufgegeben werden sollte, erfolgte daraufhin die Einschiffung der gesammten Bestände. Zurück blieben nur, unter Befehl von Zander, diejenigen Soldaten, welche nach erfolgter Uebergabe des Schiffes und der Station Langenburg an das Reich mit dem Major zur Küste zurückkehren sollten.
Am 10. Oktober schon traten wir die Reise nordwärts wieder an und jetzt, unter der Westküste des Sees entlang laufend, ankerten wir zunächst in der Papendula-Bucht; dann, über Kap Maklair hinaus, unter der felsigen Elephanteninsel, die nach Aussage der Eingeborenen mit Elephanten bewohnt gewesen sein soll, entlang, untersuchten wir südlich von Leopard-Bai, zwischen den Inseln Marenje und Mankowa den See und die Küste eingehend.
Der um diese Zeit frische Südwind, anstatt erst gegen 9-10 Uhr Morgens, wie es sonst der Fall, plötzlich aufzuspringen, um mit Sonnenuntergang wieder still zu werden, wehte mit zunehmender Stärke auch des Nachts, und fast kann ich sagen, den schwersten Sturm, den ich während meines langen Aufenthalts am Nyassa-See durchgemacht habe, war der vom 12. bis 14. Oktober 1893. Mit vollen Backen blies der entfesselte Sturm über die beiden niedrigen Inseln der Bentje-Gruppe, unter denen wir Ankergrund und Schutz gefunden hatten, mit einer Gewalt, daß ich besorgte das Schiff könnte von dem ziemlich steil abfallenden Grund abgetrieben werden. Auch Major von Wißmann, der diese Nacht am Lande im Zelt verbrachte, fand es am Fuße des hohen Bergkegels im höchsten Grade ungemüthlich. Wären wir gezwungen gewesen, am nächsten Morgen gegen die wilde See andampfen zu müssen, würden wir wohl schwerlich vorwärts gekommen sein, so aber liefen wir vor derselben und dem Sturme, mit einer Geschwindigkeit von über 11 Knoten die Stunde durch die schäumenden Fluthen. Trotz dieser Geschwindigkeit überlief uns dennoch die See und Wasserberge brüllten an den Seiten des schwerrollenden Schiffes auf, ihre Schaumkronen über das Hinterdeck ergießend, die zuweilen die hochgehißten Boote gefährdeten. Der Aufruhr der Elemente, wie man es hier kaum vermuthet hätte, bot ein grausig-schönes Bild, man konnte sich versetzt denken in den Ozean, wo die langrollenden Wogen fast weniger gefährlich sind wie hier, weil das süße, und darum leichtere Wasser des Sees schneller und wilder aufgewühlt wird und die kurzlaufenden Seen deshalb auch gefährlicher werden.
Hinter den Bänken vor Kota-Kota fanden wir erst wieder Schutz und ruhig Wasser. Kaum hatte Jumbe aber die Ankunft des Majors erfahren, als er selber an Bord kam und dem ihm wohlbekannten »+bwana mkuba+« begrüßte, auch bat er den Major ihm gegen einen seiner abtrünnigen Häuptlinge zu helfen, der sich mit seinem Anhang in einer Boma innerhalb Kota-Kota fest verschanzt hatte und die Jumbe trotz seiner zahlreichen Krieger nicht zu stürmen imstande war; namentlich wollte er, daß vom Schiffe aus die Boma bombardirt werden sollte. Diese Bitte mußte ihm natürlich rundweg abgeschlagen werden, da es Sache der Engländer war, ihren Schützling und Alliirten aus der Klemme zu befreien und nichts weiter konnte geschehen als daß wir ihn auf der Rückreise abholen und nach Fort Johnston bringen konnten, wo er sich bei seinen Freunden Hilfe und Assistenz erbitten könnte. Es geschah auch, und sobald die Kanonenboote »Pionier« und »Adventurer« fertig gestellt waren, war ihre erste Aktion die Feinde Jumbes zu vertreiben.