Part 46
Seine Anwesenheit im Nyassa-See hatte der Gouverneur dazu benutzt, sich eingehend über die Beschaffenheit der Konde-Ebene zu orientiren, auch die deutschen Missionsstationen zu besuchen, wollte aber nun auch noch die deutsche Grenze, den Songwe-Fluß besichtigen, sowie sich die Lage der englischen Station Karonga ansehen. Demnach dampften wir in der Frühe des 4. Februar hinüber zur Westseite des Sees und, da eine Exkursion den Songwe hinauf geplant worden, wurde solche mit zwei Schiffsbooten unternommen, und eine in jeder Beziehung angenehme Fahrt in diesem reichen Gebiet war es für die Theilnehmer.
Die Einschiffung der Maulthiere, Esel, Geschütze und des gewaltigen Gepäcks begann am 5. früh, dazu war mit 27 Europäern und 380 Mannschaften der »H. v. Wißmann« recht schwer belastet. 200 Mann wurden im großen Stahlboot, der Rest in der Dhau untergebracht und gegen 11 Uhr Vormittags konnte die Abfahrt vor sich gehen. Frei von Rambira, war das Unangenehmste, die über Nacht aufgekommene südliche Schwell, gegen welche nun mit halber Maschinenkraft angedampft werden mußte, zu überwinden, oftmals mußte langsam gefahren werden, brach doch die See zeitweilig in das schwer beladene offene Boot hinein, sodaß unablässig eingeschlagenes Wasser ausgeschöpft werden mußte. Besser hielt sich die Dhau im Schlepptau, allein durch das lange Liegen am Strande leck geworden, nur nothdürftig von den Arabern abgedichtet, glaubte ich manchmal, sie würde sich nicht über Wasser halten können, wenigstens für die Mannschaft in derselben war es keine beneidenswerthe Arbeit, unablässig zu schöpfen, um nur des eindringenden Wassers Herr zu werden.
Es war nicht gut möglich die Nacht hindurch zu dampfen wegen der unbeständigen Witterung, daher wurde auch die Kayser-Bucht als das Endziel festgesetzt.
Gegen Abend erreichten wir denn auch die Bucht und zur Sicherheit, um nicht dem Strande zu nahe zu kommen, hatte ich schon den Anker auf 20 Faden = 120 Fuß fallen lassen, damit, wenn wie häufig Nachts westlicher Wind und See aufspringen sollte, der Hintersteven nicht auf Grund stoßen könnte; allein als um Mitternacht wirklich der Wind mit einer starken Regenboe einsetzte, gab das Anker an der steil zur großen Tiefen abfallenden Felswand nach und bald erschütterten heftige Stöße das Schiff. Es blieb hierbei nichts anderes übrig, als Kette einzuhieven, vielleicht daß der Anker auf geringer Tiefe wieder Halt fände, was auch zum Glück der Fall, und nur froh war ich, als gegen Morgen die See abnahm und der neue Tag heraufdämmerte.
Da der See am Morgen, wenigstens dicht unter der Felsenwand, ziemlich ruhig war, konnte früh schon die Reise fortgesetzt werden und ohne besondere Schwierigkeit erreichten wir gegen Mittag des 6. Februar die Mündung des Buhobu-Flusses, südlich von Amelia-Bai. Die Ausschiffung, da hier dem Lande nicht recht nahe geankert werden konnte, währte bis zum Abend, namentlich machten die Maulthiere und Esel uns recht viel Mühe.
Der Abmarsch der Expedition war auf den nächsten Morgen festgesetzt, deshalb entfaltete sich an dem Ufer des Flusses im provisorischen Lager ein recht reges Leben bis alles geordnet war, Soldaten und Träger vertheilt, und nach deutscher Art alles klappte. Zur Weiterfahrt mit dem Dampfer wurde nur Leutnant Fromm kommandirt, der die Verhältnisse auf dem Schire und Zambese erkunden und gleicherzeit den Transport eines erkrankten Unteroffiziers leiten sollte, sowie Doktor Lieder, der mit einer kleinen Zahl von Trägern von Mbampa-Bai quer durchs Land zur Küste marschiren und geologische Untersuchungen im südlichsten Theil des unbekannten deutschen Gebietes anstellen wollte.
Gleichzeitig am 7. früh, als die Trompete zum Aufbruch rief und die langen Kolonnen der Expedition sich in Bewegung setzten, lichtete auch der »H. v. Wißmann« die Anker und über Neu-Helgoland trafen wir noch selbigen Tages in der Mbampa-Bai ein. Hier landeten wir noch Dr. Lieder mit seinen Lasten und Leuten, der sein kleines Lager etwa 100 Meter vom Schiff entfernt am öden Strande aufschlug.
Tiefe Ruhe lag über Land und See ausgebreitet, selbst die Stimmen der Nacht tönten nur schwach aus der weiten Ebene herüber und nichts deutete darauf hin, daß der König der Thiere uns einen Besuch abstatten würde. In tiefster Ruhe und vermeintlicher Sicherheit lagen um das Zelt des Dr. Lieder dessen Leute, nach Negerart mit dem Lendentuche bedeckt, um sich so gegen die Stiche der Mosquito zu schützen, und schliefen fest auf dem kühlen Sande, dem Wachposten es überlassend, für ihre Sicherheit zu sorgen.
Plötzlich, es mochte zwei Uhr Morgens geworden sein, hallte ein wilder Schrei durch die Stille der Nacht, der, mit dem zugleich eröffneten Gewehrfeuer, alle Schläfer an Land sowohl wie auch an Bord jählings aufschreckte. Lauter aber als das Stimmengewirr und der Schmerzensschrei eines Mannes, tönte die gewaltige Stimme des Löwen, der grollend abzog, da ihm seine Beute, die er mit der Tatze geschlagen, entgangen war.
Schulter und Brust des überfallenen Mannes hatte der Löwe mit seinen scharfen Krallen aufgerissen, nur der Schmerzensschrei wilder Angst hatte den Menschenräuber stutzig gemacht, und ehe er seine Beute sicher gefaßt hatte, feuerte schon der Posten. Dr. Lieder hielt es für geboten, da der Löwe sich nicht gescheut hatte, bis in den Kreis der schlafenden Leute einzudringen, jetzt doppelte Posten der Sicherheit halber aufzustellen; war es auch ausgeschlossen, daß der Räuber einen neuen Versuch wagen würde, so gebot doch die Vorsicht, fortan achtsamer zu sein.
Bald hatte sich die Aufregung gelegt und tiefe Ruhe war wieder eingetreten, als plötzlich, noch mochten kaum 2 Stunden seit dem ersten Angriff verflossen gewesen sein, heftiges Gewehrfeuer die Nacht durchschallte. Wild brüllend, seinen Groll über den abermaligen Mißerfolg kundgebend, zog der Löwe ab. Die Posten, die jetzt wachsamer gewesen waren, hatten den schleichenden Löwen, der, geschützt durch die Dunkelheit, wieder ganz nahe gekommen war, rechtzeitig bemerkt, und ehe er zum zweiten Male, dann wohl mit besserem Erfolge, einen der Schläfer fassen konnte, scheuchten ihn die Stimmen und die Schüsse fort.
Man kann sagen, es war ein Glück, daß dem zum Sprunge bereiten Löwen keine der ersten Kugeln getroffen hatte, das Thier, jedenfalls von heftigem Hunger geplagt, hätte dann sicher, nur verwundet, wüthend angegriffen und außer denen, die er mit den Tatzen niedergeschlagen, würde er mit einem Unglücklichen doch entkommen sein.
Nun war es vorbei mit der Ruhe und als der junge Morgen anbrach, rüstete sich die kleine Schaar, um den ungastlichen Strand zu verlassen, wir aber wünschten dem kühnen Forscher, der sicher mancher Gefahr entgegen ging, eine glückliche Reise durch unbekanntes, unerforschtes Gebiet. Mehrfach habe ich der wilden Thiere Erwähnung gethan und namentlich auf die zahlreichen Leoparden und Panther, die uns überall am meisten belästigt hatten, hingewiesen, den Löwen aber als weniger gefährlich bezeichnet, weil dieser auf unserem Wege nicht in so großer Zahl aufgetreten ist.
Wohl ist das richtig, da der Löwe sich nicht so bemerkbar macht, auch nicht gleich dem Panther sich auf feigen Raub einläßt, vielmehr seine Stärke an ebenbürtigeren Gegnern, als Büffel etc., erprobt, und nicht der wehrlosen Ziege und dem Schafe nachstellt. Mit Stolz verschmäht der König der Thiere es, wenn seine markigen Glieder noch elastisch genug sind, die friedlichen Heerden zu gefährden, thut er es aber und treibt ihn der Hunger dazu, wählt er sich den starken Bullen aus und bringt ihn zu Fall, gefährlich nur wird er, wenn das Alter ihn drückt, die sehnigen Glieder erschlafft sind und er dem flüchtigen Wilde nicht mehr folgen kann, den Büffel nicht mehr im tödtlichen Kampfe angreifen darf; dann erst sucht er die Wohnstätten der Menschen auf, raubt in den Heerden und wird ein gefährlicher Menschenräuber, sobald er erst einmal Menschenfleisch geschmeckt hat.
Niemals, noch im Vollbesitz seiner Kraft, wird der Löwe, sofern ihn nicht wilder Hunger plagt oder er aufgestört und verwundet worden ist, sich aus Blutgier auf den Menschen stürzen. Wie alle Thiere, meidet auch der Löwe den Menschen, wenn er kann, wird aber der gefährlichste Gegner, wenn er gereizt zum Angriff übergeht.
In einzelnen Distrikten des Seengebietes ist der Löwe, der nie hier gejagt wurde, für die Bewohner eine Plage geworden, selbst Auswanderungen und das Aufgeben einzelner Ortschaften haben stattgefunden, nur weil zu häufig die Heerden gefährdet und Menschen geraubt worden sind, steht doch der Eingeborene dem Löwen fast machtlos gegenüber.
Die Eingeborenen wehren sich selbstverständlich nach ihrer Art und suchen durch vergiftete Pfeile, Fallgruben oder Gift sich des gefährlichen Feindes zu entledigen, was ihnen jedoch seltener gelingt; haben sie aber, schließlich zur Verzweiflung getrieben, den Zufluchtsort eines Löwen, der ihnen unaufhörlich Schaden zugefügt, erkundet, umstellen sie das dann meistens vom Raube übersättigte Thier, stören es auf, und suchen es zu tödten, oft freilich unter schweren Verlusten ihrerseits.
Die Engländer, als bekannte Sportsleute, haben sich, namentlich Offiziere der Kanonenboote, auf die gefährliche Löwenjagd gelegt, und meistens in dem hügeligen Terrain hinter der Pankanga-Bucht ist es Einzelnen gelungen dem Löwen nahe zu kommen.
Doktor M'ckay und Mister Crawshay hatten auch das Glück, einige zu erlegen, was mir aber letzterer bestätigte, ist, daß ein angeschossener Löwe nie direkt den Jäger angenommen hat, sondern, wenn auch langsam, stets entfloh. War der Schütze sicher, daß seine Kugel gut getroffen hatte, wurde erst nach Tagen eine allgemeine Treibjagd mit Hilfe der Eingeborenen unternommen, um das verendete oder dem Verenden nahe Thier im dichten Gebüsch aufzusuchen. Einst auch hatte Mister Crawshay eine große Löwin angeschossen und diese nach Tagen suchend, stieß einer seiner Leute unerwartet auf das sterbende Thier, das aber noch so viel Kraft besaß, den im ersten Augenblick höchst erschrockenen Mann anzufallen und mit den Zähnen und Tatzen an den Beinen arg zuzurichten, ehe dessen Rufe gehört und eine Kugel ihn aus den Krallen der wüthenden Katze befreite.
Schlimmer erging es Doktor M'ckay, derzeit an Bord des Kanonenbootes »Pionier«, auch einst in Port Herald mein freundlicher Arzt. Er hatte gehört, im Gebiete Jumbes, in der Nähe des »Livlezi-Flusses« sei eine Elephanten-Herde gesehen worden und machte sich auf, diese zu jagen; schon weit den Spuren gefolgt, traf er am 22. Oktober 1894 aber mit Löwen zusammen, und als ein kühner Jäger, der schon zweimal mit Erfolg dem König der Thiere entgegengetreten war, nahm er die gefährliche Jagd auf. Es gelang ihm auch, einen der Löwen zu verwunden und verfolgte das Thier, bis er nahe gekommen war, um es den Gnadenschuß zu geben.
In dem Augenblick, als der Löwe sich seinem Verfolger zugewendet hatte, feuerte Dr. M'ckay; das Thier war aber nicht tödtlich getroffen, es sprang, ehe er einen zweiten Schuß abzugeben im Stande war, vor Schmerz brüllend, auf ihn, riß ihn, seinen linken Arm zerbrechend, zu Boden und grub die Tatzen tief in die Schultern des Gefallenen ein.
Nach Aussage der Begleiter, die außer einem Diener, »Musa« mit Namen, auf Bäumen geklettert waren, hat nun ein furchtbarer Kampf stattgefunden; der Löwe, von Blutverlust schon sehr geschwächt, versuchte die Kehle des Doktors zu fassen, was dieser mit dem rechten Arm und Hand abzuwehren suchte, dabei rufend, daß Musa feuern solle.
Die kurzen Augenblicke, die vergangen waren, ehe der Diener zum Schießen kam, hatten aber hingereicht, daß der Löwe den Unglücklichen gräßlich zurichten konnte, und erst, als die Kugel das Thier getroffen, ließ dieses von dem Doktor ab und wandte sich dem neuen Gegner zu, brach aber bei diesem Versuche zusammen. Sobald der Doktor mit Hilfe des Dieners hochgerichtet war, sah er wenige Schritte entfernt den gewaltigen Löwen liegen, und obgleich er fühlte, daß dieser ihm die Todeswunde beigebracht hatte, wollte er doch Sieger bleiben. Er hieß den Diener vor ihm niederknien, faßte mit der schwer verletzten Rechten seine ihm entfallene Waffe und diese auf der Schulter des treuen unerschrockenen Schwarzen ruhen lassend, gab er dem sterbenden Löwen den Gnadenschuß, der dem zähen Leben der mächtigen Katze ein Ende machte.
Jetzt der grimme Feind besiegt und todt, verließen auch dem kühnen Jäger die letzten Kräfte; schrecklich von den Tatzen des Löwen zugerichtet, schwand diesem das Bewußtsein, eine Wohlthat, die die brennenden Schmerzen auf dem beschwerlichen 15 englische Meilen langen Wege bis zum provisorischen Lager an der Küste linderte. Von seinen Leuten behutsam getragen, konnte dort dem Doktor nur die Hilfe zu Theil werden, welche der Sikhsposten zu leisten im Stande war, und so starb er nach zwei Tagen, ein Opfer seiner Kühnheit, betrauert von allen, die ihn gekannt haben. Seine Ruhe aber fand er auf dem Missionskirchhof der Insel Likoma, wohin ihn der Tags darauf zurückkehrende »Pionier« gebracht hatte.
Nun kam auch bald für mich die Stunde, Abschied zu nehmen, das große Werk war vollendet, in rastloser Arbeit das Mögliche erstrebt; zwei Jahre waren wieder hingegangen in Kampf und Streit, in Mühen und Gefahren, und so konnte auch ich mit dem Bewußtsein, die ganze Kraft und Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt zu haben, zufrieden von der Stätte der Arbeit scheiden und die Schritte heimwärts lenken. Nachdem unsere Ablösung in Fort Johnston gegen Ende März eingetroffen war, fuhr ich mit Spenker in einem Missionsboote flußabwärts nach Matope und als das Schiregebirge überschritten war, setzten wir die Fahrt auf dem Schirefluß unterhalb der Katarakte stromabwärts nach Chilomo fort, wo wir uns auf einem Flußdampfer einschifften und mit solchem Chinde und den Ozean wieder erreichten. Was ich aber auf diesem langen Wege (einen Monat gebrauchten wir bis zur Küste vom Nyassa-See) an Elend und Verderben gesehen, welches die Heuschrecken über das ganze Land gebracht hatten, will ich zusammenfassen, indem ich dem Empfinden Ausdruck gebe, mit welchem ich aus eigener Anschauung die Vernichtung gesehen.
Der Hunger, der grausamste Feind der Menschheit, zieht vernichtend, schlimmer als der unerbittliche Krieg, durch ungeheure Gefilde Afrikas, deren Bewohner, abgeschlossen von allen Mitteln, -- die niedrige Kulturstufe, auf der sie stehen, hat solche ihnen noch zu wenig an die Hand gegeben -- dem bleichen Tod in das Angesicht schauen und unter Qualen, wie sie die lebhaftigste Phantasie nicht zu ersinnen vermag, dahinsterben. Hohlwangig bis zu Skeletten abgezehrt, vom bittersten Schmerz, wie ihn nur der Hunger bereiten kann, gefoltert, schleichen die wankenden Gestalten über die von der Sonnengluth ausgedörrte Erde hin, oder in rauchgeschwärzten Hütten liegend, ergeben sie sich in das unvermeidliche Schicksal.
Kein Grashalm, keine Erdfrucht, die sonst in Zeiten der Noth den Hunger gewehrt, bis die nächste Ernte Ueberfluß an Allem gebracht, ist mehr zu finden, um den furchtbaren Schmerz in den Eingeweiden zu lindern; überall Vernichtung, soweit das Auge schweift, nur öde, harte Grasstengel, selbst für den Urheber all' dieser unsäglichen Qual unverdaulich, absolut nichts hat die gierige Heuschrecke, zu Millionen einfallend, verschont, jedes keimende Pflänzchen an Mais, Mtama oder Erdfrucht ist vernichtet, und die Ernte, die einzige Lebensbedingung, die der Neger kennt und wofür er noch arbeitet, ist zerstört.
Der Vernichtung ist alles Pflanzenleben und mit diesem auch des Menschen Existenz preisgegeben. Heben sich auch Abertausende dieser unersättlichen Nager von einem vernichteten Distrikt hinweg, um anderen blühenden Gefilden dasselbe Loos zu bereiten, so lassen sie doch die junge Brut zurück, die das Werk vollenden und durch Hunger schließlich der eigenen Vernichtung anheimfallen. Unsäglich traurig ist der Anblick einst blühender Anpflanzungen, leer sind längst die Vorrathskammern, die der Ueberfluß einst gefüllt hatte, und der bittere Hunger treibt die Eingeborenen hinweg, um vielleicht unbarmherzigen Feinden in die Hände zu fallen, die alle Bande trennend den Aermsten das Sklavenloos bereiten, aber bitterweh thut der Hunger -- selbst das herbste Loos scheint dem Menschen leicht, wenn er dadurch nur dem grimmen Feinde wehren kann!
Zwar erklärt der Eingeborene den Heuschrecken nicht minder den Krieg, und in solchen Fällen kennt die Noth kein Gebot, in Massen werden sie über Feuer geröstet, verzehrt, aber ohnmächtig steht er doch schließlich dem schrecklichen Feinde gegenüber, der selbst, wenn er alles zerstört hat, auch den Menschen nicht mehr als Nahrung dienen kann.
Auf dem hochgeschwollenen Schireflusse, der pfeilgeschwind seine schmutzig grauen Fluthen über dem starken Gefälle dahinwirbelte, suchte ich an vielen Stellen für meine Leute Nahrung, aber wenig konnten die Uferbewohner nur geben, denn am Zerstörungswerke arbeiteten auch hier die Heuschrecken, die Hungersnoth mußte kommen, keine Menschenmacht konnte hier mehr Einhalt gebieten.
In Chilomo an der Mündung des Ruo-Flusses bot sich mir ein abschreckendes Bild furchtbarer Zerstörung dar, die Gräben waren thatsächlich fußhoch mit todten Heuschrecken angefüllt, auf deren Leibern die junge Brut wimmelte, und jeder Fußtritt des Menschen in dem abgenagten Gestrüpp scheuchte Tausende auf, die, unfähig zu fliegen, sich an die kahlen Stengeln klammerten und noch gierig nach Nahrung suchten, die Luft war verpestet, und selbst der Mensch floh vor dem Würger Tod; so sind weite Strecken von dieser furchtbaren Plage heimgesucht und sie forderte ungezählte Opfer!
Der Schirefluß ist während der Regenzeit unberechenbar, er hatte im Februar 1894 schon eine abnorme Höhe erreicht und war hier bei Chilomo 19 Fuß hoch so plötzlich gestiegen, daß die große Handelsniederlassung gefährdet wurde, ebenso schnell fiel er auch, sonst wäre wohl der durch die fessellosen Fluthen entstandene Schaden sehr groß geworden. Die Stromschnelle bei Ziu-Ziu, die wir 1892 mit so vieler Mühe passiren mußten, war jetzt ganz verschwunden, die Insel Pinda überschwemmt, und jenes versandete Flußbett, worin der »Pfeil« lange Zeit festgelegen hatte, durch die starke Strömung wieder schiffbar geworden; überhaupt waren die Ufer des Schire streckenweise ganz verändert und mir bekannte Punkte, wo wir einst mit der Expedition gerastet hatten, unkenntlich geworden. Auffällig aber war es, welchen großen Aufschwung der Handel und Verkehr in kaum zwei Jahren auf dem Zambesi und Schire genommen hatte. Schon in Katunga sah ich, daß die dort lagernden Güter, zum Theil nach dem Nyassa- und Tanganjika-See bestimmt, nicht bewältigt werden konnten, in Chilomo überzeugte ich mich, daß hier das Gleiche der Fall war, Häuser und Schuppen waren mit Waaren überfüllt.
Zwischen hier und dem aufblühenden Misongwe waren allein 4 neue Stationen errichtet, und trotz der an Zahl mehr als das Doppelte zugenommenen Flußdampfer, der vielen Leichter, war der Waarenandrang nicht zu bewältigen. Zwar war durch Konkurrenz das Privilegium der einstigen African-Lakes-Comp. durchbrochen worden, die Handel und Verkehr allein in Händen gehabt, dennoch, durch die Macht des englischen Kapitals, erkennend, welche hohe Bedeutung die Wasserstraße Zambesi-Schire gewinnen werde, nahm dieselbe Gesellschaft, nur unter neuem Namen, den Kampf erfolgreich auf.
Ein thunlichst gehütetes Geheimniß von englischer und zum Theil von portugiesischer Seite war einst die Schiffbarkeit des Chinde-Armes zum Zambesi, erst die Wißmann-Expedition brachte allgemeine Kenntniß hierüber und dieser namentlich ist der ungeahnte Aufschwung des Handels zu verdanken. Die Engländer, die Portugals Besitz sozusagen sich dienstbar gemacht haben und die deutsche Konkurrenz fürchten, warfen ihr allgewaltiges Kapital auf dieses Gebiet und eroberten es mit der bekannten Rücksichtslosigkeit.
Der Ort Chinde, zur Zeit, als wir mit der deutschen Expedition dort lange gerastet, bestand fast nur aus wenigen Negerhütten; zurückgekehrt fand ich eine Stadt vor, die sich mit Hilfe des englischen Kapitals unglaublich schnell entwickelt hatte; vom Tanganjika-See bis zur Chinde-Mündung hat der Engländer alles an sich gerissen, die Konkurrenz, die ihm entstanden, fürchtet er nicht mehr.
Hat sich doch leider das vorzügliche deutsche Transportmaterial, Dampfer und Leichter, auf dem Zambesi-Schire, weil das deutsche Kapital zu bedächtig, zögernd vorging, den Engländern auch noch zur Verfügung gestellt, womit, wenn entschlossener der deutsche Handel hier vorgegangen und der mächtigen Expedition unmittelbar gefolgt wäre, nicht blos ein ebenbürtiger Konkurrent dem Engländer erwachsen wäre, sondern auf der internationalen Wasserstraße hätte deutscher Einfluß sich schnell ein ertragreiches Feld erobert, was um so dringender geboten war, als der mit so enormen Kosten und Mühen am Nyassa-See erbaute Dampfer »H. v. Wißmann« dann nicht blos ein Machtobjekt, sondern dem deutschen Handel auch eine starke Stütze geworden wäre.
Mit der schnellen Entwicklung des Landes steigt der Verkehr und Bedarf, immer mehr erschließen sich die reichen Quellen, die Wohlstand und sichern Gewinn versprechen. Selbst Portugal, den Reichthum seiner Kolonie nicht ahnend, durch seinen schlimmsten Gegner, den Engländer, der es überall abzudrängen sucht, erst darauf aufmerksam gemacht, rafft sich auf; Zuckerplantagen, die ölhaltige Erdnuß etc. werden am Zambesi und Schire angelegt und angebaut. Die Morambala-Berge kultivirt, versprechen wie das Schire-Hochland für Kaffee etc. ein ergiebiges Feld, und namentlich ist es hier ein Deutscher, Herr Wiese, der für Portugal gewaltige Anstrengungen macht.
Liegt es auch im Interesse der Deutschen Ostafrikanischen Kolonie möglichst unabhängig vorzugehen auf eigenem Gebiet, und direkte Handelswege mit den großen Seeen herzustellen, so war doch das Natürlichste, vorerst den gewiesenen Weg zu gehen und in doppelter Beziehung für den deutschen Kaufmann geboten, hier festen Fuß zu fassen und den friedlichen Konkurrenzkampf aufzunehmen, als erstens, wo England reiche Früchte erhofft, blühen uns solche nicht minder für die Zukunft, und zweitens, unter der Aegide des deutschen Schutzes wäre das deutsche Kapital eine Macht geworden, das, wenn über kurz oder lang der Fall eintritt, daß Portugal seine Kolonie aufgeben muß, den englischen Uebergriffen Halt gebieten konnte. Nichts liegt im Interesse der deutschen Kolonie näher, als zu verhindern, daß einst der Rowumafluß deutsch-englische Grenze wird. Noch ist es an der Zeit, das reiche und fruchtbare portugiesisch Ostafrika für uns zu sichern, ehe englische Handelspolitik uns den Weg verlegt und wir einen geschulten Gegner finden, der rücksichtslos vorwärts schreitet.
Es ist eine dringende Pflicht, und jede Verzögerung bringt Gefahr, auch hier mit aller Kraft das Feld zu behaupten, schnelles Entschließen und rasches Handeln ist erforderlich, denn mit Riesenschritten schreitet die Entwicklung fort und Deutschland sollte gewonnenen Einfluß nicht gefährden dadurch, daß dem englischen Kapital auf streitigem Gebiet der Vorrang gelassen wird, was wir versäumen, wird voraussichtlich für immer uns verloren sein.
Sehr oft schon ist von manchem berufenen Kenner unserer afrikanischen Besitzung ein warmer Apell an das deutsche Volk und dessen Vertreter gerichtet worden; mit felsenfester Ueberzeugung wurde für die Rentabilität der deutschen Kolonien eingetreten und gefordert, schneller und energischer vorzugehen. Die Eigenart und Bedächtigkeit der deutschen Natur aber folgte den lockenden Rufen nicht; vor allen jene Kreise, die durch überseeische Handelsbeziehungen und Erfahrung die Berufensten gewesen wären, zögerten, dem freien Kaufmanne schien die Entwickelung seiner Handelsprinzipien nicht sonderlich förderlich unter der strengen Aufsicht eines bureaukratischen Systems, das mit dem Militarismus Hand in Hand gedeihliche Zustände zu schaffen sich bemühte. Bedenkt man aber, daß beide Kategorien nur so positiv dauerndes schaffen können -- wie es der Aufbau des preußischen und deutschen Staates auf solcher Grundlage bewiesen -- wird sich auch in den deutschen Kolonien, langsam zwar aber sicher, System auf System aufbauen und der rechte Weg gefunden werden; die Zugehörigkeit zum Mutterlande wird eine dauernd bindende dadurch werden, und nicht wie im Kolonialreich England sich nach erfolgtem Aufblühen, der Wunsch nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit frühzeitig regen.
Obwohl, und das sei ausdrücklich betont, der deutsche Kaufmann, der im Auslande einen freien unbefangenen Ueberblick für sein Streben gewonnen, sich durch ein gewisses Vorurtheil noch beengt fühlt, wird doch, sobald sich auf Grund gemachter Erfahrungen ein bestimmtes Kolonialsystem herausgebildet hat, wozu mit der Ernennung des Herrn Majors von Wißmann zum Gouverneur von Deutsch-Ostafrika glücklicherweise der Anfang gemacht ist, schließlich sich damit befreunden und seine Erfahrung und Kapital, woran es bisher so vielfach gemangelt hat, in die deutschen Kolonien hineinwerfen. Die Nothwendigkeit, eine beschleunigte Erschließung des deutschen Gebietes durch zeitgemäße Verkehrswege in die Wege zu leiten, tritt immer zwingender hervor, durch sie aber wird auch das reiche Seeengebiet, wo dem deutschen Geist und der deutschen Arbeit ein weites Feld sich öffnet, schnell erschlossen werden.
Der Deutsche, durch seine Beständigkeit und Fleiß, ist der beste und geeignete Kulturarbeiter der Erde, was er ja schon tausendfach bewiesen hat und unter dem Schutze des mächtigen Vaterlandes, unter dem Schutze einer seebeherrschenden, wehrkräftigen und starken Marine wird er auch die deutschen Kolonien, das größere Deutschland über See, zur hohen Blüthe bringen; hoffen wir solches für die Zukunft, und möge das Werk, wofür die deutschen Pioniere, vor allem Major von Wißmann, gerungen und gestrebt haben, dem Vaterlande und dem deutschen Volke zum dauernden Segen gereichen! --
~Ende.~
Druckfehler-Verzeichniß.
Seite 65, Zeile 8 lies: Unsere Fahrt flußaufwärts ging dennoch gut von Statten, auch änderte sich die Scenerie, als nicht wie bisher blos Grassteppen, von Busch und Wald unterbrochen, die einzigen Objekte blieben, sondern neben den weithin sichtbaren Moramballa-Bergen, bei klarem Wetter auch die Sasuni-Hügel und Schimvara- Berge zu sehen waren. Zu unserer Rechten treten schon die Ausläufer etc.
" 84, " 43 " Mädchen statt Männer.
" 91, " 20 " flußabwärts statt flußaufwärts.
" 106, " 18 " Wissemann statt Wißmann.
" 151, " 20 " abwärts statt auswärts.
" 163, " 40 " nicht statt der.
" 164, " 12 " ich war nicht.
" 166, " 26 " wahren statt waren.
" 215, " 6 " genährt statt gewährt.
" 217, " 31 " von statt nach.
" 372, " 21 " Kayser-Bucht statt Kroyser-Bucht.