Part 5
Zunächst nun galt es, da wir die schwere Ladung des Leichters, bestehend zum Theil aus der zerlegten Feldbahn, nicht den steilen Abhang hinauf schaffen konnten, das Ufer abzutragen und etwa 5 Fuß über der Wasserlinie eine Art Plattform herzurichten, worauf das Material gelagert werden konnte; Sachen, als Proviant und Schiffsinventar, wurden ganz hinaufgeschafft, um sie besser unter Aufsicht zu haben. Bei den sofort in Angriff genommenen Erdarbeiten stießen unsere Leute unvermuthet auf gefährliche Schlangen, die unter den Wurzeln kleiner Sträucher oder in Löchern ihren Aufenthalt hatten. Es stellte sich heraus, daß wir es mit einer Art der sehr giftigen Kreuzotter zu thun haben und mehrfach wurden 60-70 +cm+ lange Thiere getödtet; war diesen Schlangen wegen ihrer Gefährlichkeit nicht anders beizukommen, wurde dem Reptil durch einen Schrotschuß der Kopf zerschmettert. Kleinere, d. h. junge Schlangen dieser Art, fast immer in Gemeinschaft mit den Alten aufgefunden, konnten wir mit Spaten und Hacken leichter erlegen. Uebrigens war gegen den gefährlichen und nicht selten tödtlichen Biß dieser Kreuzottern große Vorsicht von Nöthen, daher ließ ich es nie zu, daß die zu Erdarbeiten kommandirten Leute mit bloßen Füßen umherliefen; die Gefahr, gebissen zu werden, war zu groß und ärztliche Hülfe unerreichbar.
Als einen sehr günstigen Umstand konnten wir die Zutraulichkeit der Eingebornen betrachten, selbst die Häuptlinge erschienen im Lager und wurden stets reichlich beschenkt entlassen. Der Vortheil lag dabei auf unserer Seite; denn wie kostspielig hätte die Heranschaffung von Proviant für so viele Leute wohl werden müssen, wenn wir nicht gegen Zeug und Perlen hätten Lebensmittel eintauschen können. Als später die ganze Expedition hier versammelt war, kamen sogar weit im Inlande ansässige Portugiesen, angelockt durch eventuellen Verdienst, um mit uns Handelsgeschäfte zu machen.
Während der beiden Tage, an welchen in rastloser Arbeit das Entlöschen der Fahrzeuge bewerkstelligt wurde, konnte an dem Ausbau des Lagers nicht gedacht werden, und, um nur Schutz zu finden, hatten die Soldaten sich, zu je zwei, aus Baumzweigen und Gras provisorische Hütten erbaut; auf beschränktem Raum vertheilt, boten diese den Anblick eines Karawanendorfes.
Die Abreise des Majors war auf Sonntag, den 24. in der Frühe, festgesetzt, indes das geplante Heben des »Pfeil« zwischen Leichter und Boot verzögerte diese bedeutend; es gelang auch den Dampfer um 6 Zoll höher zu winden, was zwar ein Passiren der Untiefe bei Schupanga möglich machte, sonst aber von keinem wesentlichen Vortheil gewesen ist.
Im Vergleich zu dem mühsamen Vordringen gegen Strom und Hindernisse, ging die Rückfahrt sehr schnell von statten, bald waren Dampfer und Boote unsern Blicken entschwunden, da die Windungen des Flußes jede Fernsicht raubten.
Zurückgekehrt zum Lager trat nun an mich die ernste Pflicht heran, nach bestem Wissen und Können, wie der mir gewordene Befehl lautete, ein Lager zu erbauen, speziell aber darauf zu achten, daß die täglichen Exerzitien, wie sie das Reglement vorschrieb, ausgeführt werden; die Handhabung strenger Disziplin ist die Garantie des Erfolges. Unter meinem Befehl waren 67 Mann und drei Europäer gestellt, eine beträchtliche Zahl, wenn diese in ihrer Gesammtheit als Arbeitskraft hätte Verwendung finden können; allein Hauptzweck waren militärische Uebungen, nach diesen kamen erst täglich einige Stunden Arbeitszeit in Frage. Und zieht man die glühend heiße Sonne in Betracht, die vom wolkenlosen Himmel sengend niederbrennt, Körper und Geist erschlafft, mußte die Zeit ausgenutzt werden, sollte das Werk gethan sein.
Die nächste Aufgabe war, Stellen, wo ich Wohn- und Wachhäuser zu bauen gedachte, von dem hohen schilfartigen Grase reinigen zu lassen, auch mußte schleunigst ein Exerzierplatz geschaffen werden, der den übenden Soldaten freie Bewegung gestattete; denn es war in der That in weitem Umkreis nichts als Baum, Busch und Gras. Diese Grasmassen übrigens auszuroden, war keine Kleinigkeit, als mir indes diese Arbeit zu langsam von statten ging, ließ ich mit Faschinenmesser große Flächen niederhauen, dann das in glühender Sonne bald getrocknete Gras in Brand setzen und die Feuersgluth vernichtete unglaublich schnell, wozu sonst viele fleißige Hände Tage lang gebraucht hätten. Oefter zwar vom Winde angefacht, waren wir nicht im Stande, der Feuersgluth eine Grenze zu setzen, trockene Halme und Laub, welches in Massen unter den Bäumen angehäuft lag, wurde ein Raub der Flammen. Soviel Vortheil hatten wir aber doch davon, hatten wir im Busch mit Messer und Axt nicht vordringen können, konnten wir es nach solchem Brande weit bequemer, und wurden auch längst abgeerntete Mtamafelder mit vernichtet, so konnten wir es leider nicht ändern; der Schaden war auf unserer Seite, insofern wir das benöthigte Rohr aus größerer Entfernung herholen mußten.
Mit dem Niederbrennen des Grases im Lager und nächster Nähe war die Arbeit nicht gethan, im Gegentheil, die Vernichtung schaffte dem jungen Nachwuchs nur Luft und überaus reichlich sproßen, namentlich nach einem Regenschauer, die neuen Keime empor. Es mußten daher die tief im Boden sitzenden Graswurzeln ausgerodet werden, um dem Wachsthum Einhalt zu thun. Da ich nun nicht die Zeit, sowie ausreichende Kräfte zur Verfügung hatte, erbat ich mir von einem Häuptling eine Anzahl Frauen, die mit ihren Feldhacken das Terrain schnell und geschickt reinigten. Wie bei den meisten afrikanischen Völkern auf den Schultern des Weibes alle schwere und unbequeme Arbeit ruht, so war auch hier keiner der in der Nähe des Lagers träge herumliegenden Eingebornen zu dieser Arbeit trotz reichlicher Bezahlung zu bewegen.
Mir lag viel daran, bis zur Rückkehr des Majors, möglichst alle nothwendigen Häuser und Schuppen fertig gestellt zu sehen, waren doch noch reichlich über 200 Soldaten, außer den hier anwesenden, unterzubringen; jedoch, überschritt ich auch zuweilen das vorgeschriebene Reglement und sandte Abtheilungen unter Aufsicht bis weit in das Land hinein, um zum Häuserbau passende Baumstämme heranzuschaffen, so war der Ertrag doch so ungenügend, daß ich mich schließlich genöthigt sah, das hier verbliebene zweite Stationsboot auszurüsten und in die Wälder oberhalb Schupangas zu senden. Ein Arm des Zambesi, in früherer Zeit, nach den Aussagen der Eingebornen zu urtheilen, der eigentliche Fluß, führte auf der gegenüberliegenden Seite weit in das Land hinein, und für Boote noch befahrbar, konnte der große Waldbestand leicht erreicht werden.
Zur Abschließung und Einfriedigung des Lagers benutzte ich das bereits erwähnte Mtamarohr; dasselbe wurde in Furchen aufrechtstehend eingegraben, durch querliegende Stengel dann verbunden, erlangte solcher Zaun genügende Festigkeit; nur einen Eingang ließ ich, der von einem Posten unter Gewehr bewacht wurde, so war eine Kontrolle der ein- und auspassirenden Leute möglich. Die nächste Umgebung des Lagers wurde, so weit es angängig, so rasirt, daß ungesehen sich schwerlich jemand dem Lager nähern konnte.
Die Aktivität der Soldaten wurde des öfteren durch nächtlichen Alarm geprüft, was hier freilich nur eine Uebung war; wie oft aber mußten sie später unter Major von Wißmanns Führung ernste, schwere Kämpfe durchmachen. Auch ein Theil der jetzt unter meinem Kommando stehenden mußten in schwerer Zeit mit mir ausharren und blutigen Kampf bestehen, namentlich die Sudanesen.
Gelang es mir auch nicht ganz, in der gedachten Weise das Lager fertig zu stellen, was einzig seine Schwierigkeit in der Heranschaffung des benöthigten Bauholzes hatte, so war doch alles zur Aufnahme und Unterbringung des nächsten Transportes bereit. Eine regelrechte Treppe zum Fluße gebaut, erleichterte den Aufstieg, in der Front am Ufer fanden Zelte und Proviantschuppen ihren Platz und im Hintergrunde lagen die langen Wohnhäuser der Soldaten. In der Mitte war ein großer freier Platz geblieben, der zunächst als Exerzierplatz Anwendung fand, bis später außerhalb des Lagers ein besserer geschaffen wurde.
Die Termitenhügel, von denen im Lager sechs vorhanden waren, hatte ich vorläufig noch unberührt gelassen, einestheils weil sich der Bau dieser kleinen Thierchen, aus einer festen, harten Thonmasse bestehend, für Hacke und Pickaxt zu fest erwiesen hatte, anderntheils weil alle Hügel, entsprechend ihrer Höhe, in der Basis den gleichen Durchmesser hatten, woraus man schließen kann, daß es angestrengter Arbeit bedurft hätte, solch einen Bau dem Erdboden gleich zu machen. Um das wunderbare Treiben dieser etwa einen Zentimeter langen Ameisen besser zu beobachten, deckte ich die Kuppe eines oder mehrerer Hügel mit Axtschlägen so ab, daß alle bis in die Spitze führenden Gänge frei lagen, während aber die Thonmasse selbst hart und fest blieb, waren die Wandungen der Gänge feucht und weich. Sobald Licht und Luft zum Bau Zutritt fanden, zogen sich die in den Gängen arbeitenden Thiere zurück; war durch das Freilegen eine Brutkammer geöffnet worden, scheuten die Arbeiter keine Gefahr, sondern waren nur darauf bedacht, die jungen Ameisen oder Eier schleunigst in Sicherheit zu bringen.
Da diese Thierchen in völliger Dunkelheit leben, so habe ich sie am Tage keine Arbeit verrichten sehen, denn die geschlagenen Oeffnungen blieben frei, sobald aber, was bei allen dieser Art der Fall, die Nacht hereinbrach, begann eine rastlose Thätigkeit und ausnahmslos war jeden Morgen auch die kleinste Oeffnung mit noch weichen Thonmassen vermauert. Am Fuße eines Hügels, wo auch die Wandungen entsprechend stärker sind, ergaben geöffnete Stellen wunderbare Gänge. Die Kommunikation war der Art, daß die fingerdicken Wandelgänge nach allen Richtungen hinführten; ein Labyrinth von Röhren, worin nur ein solches Thier, durch seinen Instinkt geleitet, sich zurecht zu finden im Stande ist. Eigenthümliche Erscheinungen waren die Zellen, eigentlich faustgroße Höhlungen, zu und von denen eine beträchtliche Anzahl Wege führten, in denen die Arbeiterameise sehr geschäftig hin und her lief. Erklärlich ist diese Regsamkeit, wenn man bedenkt, wie sorgfältig die Ameisen ihre Nachkommenschaft bewachen und erziehen, und ausschließlich gilt diese Thätigkeit den in den Zellen angehäuften Eiern, die in morschem Holzmehl gebettet liegen, gleichsam als sollte beim Eintritt in das Leben der jungen Brut durch vorwaltende Sorgfalt reichliche Nahrung geboten werden.
Wohl kaum denkbar ist es, daß diese abertausend Eier (wo immer auch der Bau geöffnet wurde, fanden sich solche in großer Menge vor) von einer Königin herstammen sollten, im Gegentheil, dazu müssen eine ganze Anzahl fortpflanzungsfähiger Thierchen existirt haben, wenn man auch zugeben kann, daß in solchem Arbeiterstaat nur einer die Königinwürde zuerkannt wird.
Die Lebensbedingung der Termiten beruht auf dem Vorhandensein von Holz, das ausschließlich ihnen zur Nahrung dient, darum, wo immer ein Hügel von diesen Thieren gebildet worden, ist vorauszusetzen, daß ein halb oder ganz abgestorbener Baum an jenem Orte gestanden hat; der umbaute Stamm und die Wurzeln dienen dann für lange Zeit als Nahrung.
Der größte in einer Ecke des Lagers befindliche Hügel von 17 Fuß Höhe, der in der Basis etwa 60 Fuß Umfang hatte, war in der erwähnten Weise um einen mächtigen zum Theil noch grünenden Baum aufgeführt worden. Es ist wohl anzunehmen, da die Erdmassen körnchenweise aus der Tiefe heraus aufgeführt worden sind, daß es eines langen Zeitraumes bedurfte, solche Hügel aufzuthürmen, und wie ausgedehnt müssen die Gänge und der Bau unter der Erdoberfläche noch sein, wenn man bedenkt, was für ein Volumen solch ein großer Hügel ausfüllt.
Bis zur Spitze dieses erwähnten Hügels ließ ich später noch eine Treppe führen und, die Kuppel etwas abflachend, einen Ruhesitz dort oben herrichten, das mächtige schattige Gezweige des Baumes bot einen angenehmen Aufenthalt, und höher im Geäst bot sich eine vorzügliche Aussicht auf die Umgebung dar.
Die Beschaffenheit der obern Erdschicht scheint für die Ansiedelung der Termiten eine Hauptbedingung zu sein, denn nirgend wo anders als im Lehm oder thonhaltigen Boden fand ich sie vertreten, dort aber auch in solcher Anzahl, daß man der vielen Bauten wegen diesen die Bezeichnung Termitendorf beilegen könnte; öfter liegen diese Hügel so nahe zusammen, daß zwei oder mehrere in eins vereinigt schienen; hatte dazu die Vegetation auf solchen Hügeln Fuß gefaßt, ließ ihre Ueppigkeit kaum noch die Einzelheit derselben hervortreten. An anderen Orten und zu anderer Zeit, wenn wir an das flüchtige Wild uns heranzupürschen suchten, boten diese Hügel in den Grasgefilden oder an der Waldlisiere gute Aussichtspunkte und Deckung.
Das Dorf Ntoboa, von unserem Lager durch einen ausgedehnten Busch getrennt, hatte ich öfter Gelegenheit zu betreten, namentlich, wenn ich die ausgesandten Soldaten bei ihrer Arbeit zu kontrolliren oder anzuweisen ging. In der weiten, das ganze Dorf umschließenden Umzäunung, waren auch die einzelnen Gehöfte, aus Häuser oder Hütten bestehend, mit einem Rohrzaun umschlossen, so daß die einzelnen Familien von einander völlig getrennt, jede ihren besonderen Besitz inne hatte. Ein Anwachsen solcher geschlossener Familien geschieht auf folgende Weise: ein sich verheirathender junger Mann hat fortan sich der Familie seines Schwiegervaters eng anzuschließen und muß seine Hütte in dessen Gehöft erbauen oder aus Mangel an Platz dicht daneben; die Interessen sind hinfort die gleichen, gemeinsames Ackerland, gemeinsame Jagd und Arbeit, soweit von letzterer bei den Männern überhaupt die Rede sein kann.
Die ungewöhnliche Erscheinung, peinliche Reinlichkeit in einem Negerdorfe vorzufinden, überraschte mich hier sehr, in der That waren die freien Plätze im Dorfe rein und sauber, wie eine Tenne fest und glatt und gereichten den Bewohnern zur besonderen Zierde. Ernst und zurückhaltend, wie die Bewohner dieses Dorfes waren, kann ich kaum behaupten, daß wir in näherer Beziehung zu ihnen getreten sind; mit weiser Bedachtsamkeit hielten sie sich von uns fern, wiesen auch den sonst unverfrorenen Suaheli in seine Schranken zurück. Traf ich aber auf meinen Gängen Faulenzer im Dorfe herumliegend an, kamen solche öfters nicht ohne handgreifliche Verwarnung weg, was äußerst nothwendig war, um das vorherrschende gute Einvernehmen der Einwohner mit uns aufrecht zu erhalten.
Erwähnenswerth sind die wenigen Häuser im Dorfe, welche von einer besonderen Kunstfertigkeit und Geschmack Zeugniß ablegen. Die Art der Herstellung erinnerte mich an die Wohnhäuser der Marschall-Insulaner im fernen stillen Ocean und sind, im Gegensatz zu den runden Hütten mit aufgesetztem Grasdach, eine besondere Erscheinung. Fast überall dort, wo Termitenhügel in der Nähe, bekleiden die Eingebornen die Wände ihrer Hütten innen und außen mit dieser vorzüglichen Thonmasse, diese gewährt hinreichenden Schutz gegen die kalte Nachtluft, die im Verhältniß zur heißen Tagesgluth recht empfindlich sein kann.
An Abwechslung, soweit es Gäste betraf, die im deutschen Lager kurze Rast hielten, fehlte es nicht, Engländer, Portugiesen, selbst ein Deutscher, Herr +Dr.+ Merensky, vom Nyassa-See zurückkehrend, nahmen die gebotene Gastfreundschaft dankend an; konnten wir doch jetzt noch, im Beginn unserer Expedition, die Gäste angemessen bewirthen. Von dem Kommen des letzteren Herrn unterrichtet, hatte schon Major von Wißmann mir den Auftrag ertheilt, denselben nicht vorüberziehen zu lassen ohne wenigstens mit ihm gewisse Punkte besprochen zu haben, sollte sich aber Herr +Dr.+ Merensky bewegen lassen, des Majors Rückkehr im Lager abzuwarten, würde er dieses als eine besondere Gefälligkeit zu schätzen wissen. Aber so gerne +Dr.+ Merensky seine lange Reise auch unterbrochen hätte, gestattete die Nothwendigkeit ihm nur einen kurzen Aufenthalt zu nehmen, und ich, meinerseits wissend, der Major könne nicht mehr allzufern sein, ersuchte ihn, auf seiner Weiterreise, wenn angängig, dem Wunsche des Majors zu entsprechen und eine Unterredung herbeizuführen.
Das Lagerleben in den Grassteppen und Waldungen Afrikas besitzt, abgesehen von gewissen Entbehrungen, einen eignen Reiz. Es lassen sich aber doch, selbst in einer so unwirthlichen Gegend, diesem angenehme Seiten abgewinnen. Das halbe Kriegerleben, das wir führten, bedingte schon, daß die Waffe unser beständiger Begleiter war, diese daher zu gebrauchen und ihrer sicher zu sein, lag in dem Bestreben aller, und ich meinerseits suchte dieses dadurch zu fördern, daß, sofern Zeit und Umstände es gestatteten, Preisschießen abgehalten wurden.
War der Gewinn, etwa eine Flasche Cognac, als Preis auch gerin, so war es mehr die Ehre, gelegentlich der beste Schütze zu sein, als daß der ausgesetzte Preis des Siegers ausschließliches Eigenthum geblieben wäre, vielmehr war eine kameradschaftliche Vertheilung allgemeiner Gebrauch. Anregender als Scheiben und Flaschen abschießen war es für uns, wenn ein Krokodil das Zielobjekt abgeben konnte.
Es muß für diese Thiere ein wonniges Behagen sein, sich von der glühenden Sonne den Körper durchwärmen zu lassen und sich dem sorglosen Schlafe hinzugeben, dazu von Vögeln, die stets am Ruheort des Thieres sich aufhalten, die Parasiten absuchen, ja selbst am Gaumen des mächtigen Rachens die Ueberreste einer Mahlzeit herauspicken zu lassen, und ob diese kleine behende weißgraue Vogelart auf dem Rücken oder Kopf des Krokodil herumläuft und Nahrung sucht, nie wird das mächtige Thier seinen gefiederten Pflegern etwas zu Leide thun; vielmehr scheint das Geschrei, welches dieser Vogel erhebt, sobald etwas Auffallendes sich zeigt, ein Warnungsruf zu sein, um seinem Freunde eine Gefahr rechtzeitig anzuzeigen.
Flußpferde sahen wir hier nur vereinzelt auf den entfernteren Sandbänken sich tummeln, selten, daß eines sich so weit vorwagte, um von unsern weittragenden Kugeln erreicht zu werden, aber das Grunzen dieser Kolosse tönte durch die Stille der Nacht und weckte im Verein mit der Hyäne, die ihr Lachen bald hier bald dort erschallen ließ, uns aus dem Schlummer.
Bemerkenswerth ist eine hier schon vorkommende Adlerart, ein schwarzbrauner, kräftiger Vogel mit scharfen großen Fängen, hoch in den Lüften kreisend, erspäht sein scharfes Auge die Beute, und sieht er sich unbeachtet, schießt er pfeilgeschwind aus der Höhe nieder, und mit den Krallen ein Huhn, Ratte oder sonstigen Abfall fassend, eilt er schnellen Fluges davon. Anfänglich hielt ich diese Vogelart für schädlich und schoß sie aus den Lüften oder von den Baumästen nieder, allein bald erkannte ich die Nützlichkeit dieser Thiere und schonte sie hinfort. Ein Beispiel davon, daß die Natur nichts Unnützes geschaffen, hatte ich in dieser Vogelart wieder vor mir; wir Menschen sehen nur leider die Schädlichkeit gewisser Thiere, nicht ihren Nutzen und führen gegen solche Geschöpfe einen ungerechten Krieg, forschen und suchen nicht zu ergründen, was die ewige Weisheit vorbedacht hat. Nicht nur, daß dieser Vogel den schlimmen Nagern, von welchen wir in der Folge viel zu leiden hatten, ein grimmiger Feind war, bewährte er sich vielmehr als eine Art Polizei, die auf Reinlichkeit äußerst bedacht war; denn alle Abfälle, welche achtlos fortgeworfen wurden, den Ratten und Mäusen ein willkommenes Futter, wurden von diesem im und außerhalb das Lagers aufgesucht, und wurde auch ein Hühnchen, das zuweilen achtlos herumlief, mit aufgegriffen, war doch der Verlust im Gegensatz zum Vortheil nur ein geringer.
Der Ricinuspflanze, die in dieser Gegend stark vertreten ist, begegneten wir überall, meistens in Form eines kleinen Bäumchens oder einer Staude mit lappigen Blättern; die Früchte rundlich, an ihrer äußeren Schale mit weichen Dornen besetzt, enthalten in den bohnengroßen Samen das so viel benutzte Oel. Die Nützlichkeit dieser Pflanze scheint den Eingebornen hier nicht sonderlich bekannt zu sein, wenigstens konnte ich solches aus meinen Erkundigungen schließen, eine Verwerthung indes mußten sie aber doch dafür haben, wenn auch nicht in dem Sinne wie wir; es ist jedoch schwer, dieses zu erfahren. Die Geheimnisse kennt der gewöhnliche Neger nicht und die klugen, also z. B. die Medizinmänner, verrathen sie nicht.
In diesem Monat Juli trat schon ein merklicher Unterschied zwischen der heißen Tagesgluth und den kühlen Nächten ein, solche Abkühlung hatte häufig dichte Nebel zur Folge, die erst am frühen Morgen der mächtiger durchdringenden Sonne zu weichen begannen. Am Abend, nach des Tages Mühe, saßen wir oft am Ufer des Zambesi und schauten auf die murmelnden Gewässer und die weite Wildniß hinaus, unter dem glänzenden Sternenhimmel in solcher Tropennacht gedachten wir der fernen Heimath, bis der Trompeter Ruhe im Lager blies und Jeder in Zelt oder Hütte den erquickenden Schlummer suchte. Nichts als der Schritt des Postens unterbrach die Stille der Nacht; nur zuweilen wurde die Hyäne der Störenfried, aber man gewöhnt sich an die Stimmen der Natur und achtet schließlich nicht mehr so sehr darauf.
3. Im Lager von Ntoboa.
Am Sonntag, den 7. August, wurde von dem zur Ausguck aufgestellten Posten in früher Stunde der zurückkehrende Transport gemeldet und nach wenigen Stunden traf Major von Wißmann im Lager ein, mit ihm die Hälfte des Expeditions-Personals. Nach kurzer Besichtigung der vollendeten Arbeiten und Inspizirung der unter Gewehr aufmarschirten Soldaten, traten bald darauf sämmtliche Mannschaften an, und das Entlöschen der Leichter wurde mit möglichster Eile ausgeführt, denn Herr von Eltz sollte schon am nächsten Morgen mit den leeren Fahrzeugen nach Chinde zurückkehren.
So groß und den Verhältnissen entsprechend ich auch das Lager angelegt hatte, war es doch bei so bedeutendem Material und der nun an Zahl beträchtlichen Mannschaften etwas beschränkt, namentlich mußte der Exerzierplatz außerhalb desselben verlegt werden, da zum Aufstapeln und Hantiren des Proviantes hinreichender Raum geschaffen werden mußte. Die Vertheilung und Zusammenstellung desselben leitete +Dr.+ Bumiller; mußte doch eine große Sorgfalt auf unsere Vorräthe angewendet werden, um nach Jahr und Tag, so gut wie im Anfang, mit allem versehen zu sein. Namentlich waren es sogenannte Wochenkisten, die aus dem Nothwendigsten zusammengestellt wurden, und die später, wenn erst die Expedition weit vertheilt sein würde, jedem Mangel vorbeugen sollten.
Was die noch auszuführenden Arbeiten anbetraf, welche der Major vor seinem Auszuge zu einer Jagd-Expedition, die er bald darauf in Begleitung des Sergeanten Bauer und einer genügenden Anzahl Soldaten unternahm, bestimmt hatte auszuführen, so leitete ich diese nach wie vor. Bedenkt man aber, mit welchem Zeitaufwand und Schwierigkeiten das Baumaterial herangeschafft werden mußte, so kann man sagen, daß rege Thätigkeit gewaltet haben mußte, um in solch kurzer Zeit, auf solchem Terrain, ein kleines Dorf, wie es unser Lager im Anblick darbot, entstehen zu lassen.
Mit dem größeren Bedarf an Lebensmitteln wuchs auch der Verkehr mit den Eingebornen, und hatten wir bisher nur die nähere Bekanntschaft der am Fluße selbst lebenden Eingebornen gemacht, so lernten wir nun auch weit im Inlande wohnende Stämme kennen. Auffällig war die vorherrschende Unreinlichkeit bei diesen Leuten, was wohl daraus zurückzuführen ist, daß vielfach Mangel an Wasser sie die Wohlthat des Waschens entbehren läßt. Bei den Frauen und Mädchen tritt diese Nachlässigkeit um so eher hervor, als namentlich ihre Kopffrisur meistens mit Asche und Sand bedeckt ist. Sie besitzen einen gewissen Stolz darin, diese nach eigenartiger Methode aufzuputzen, nämlich das kurze krause Haar wird in möglichst langen Strähnen geflochten, wozu, nebenbei gesagt, schon eine Art Kunstfertigkeit gehört, dieses fertig zu bringen, und damit diese herunter hängen bleiben, bedienen sie sich daran gehängter Gewichte, verfertigt aus der Masse, welche die Termiten aus der Erde heraufschaffen.
Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, fünfzig und mehr solcher Strähnen an den Schläfen, Vorder- und Hinterkopf herumbaumeln zu sehen, und, da solche Frisur nicht alle Tage vorgenommen werden kann, vielmehr wohl recht lange vorhalten muß, so ist es erklärlich, daß man, wie wir zu Lande sagen würden, Petersilie auf der Kopffläche säen könnte.
Jener Jagdausflug, von welchem der Major nach sechs Tagen zurückkehrte, war ein überaus ergiebiger gewesen. Die Theilnehmer berichteten von Schaaren edlen Wildes, das sich sorglos in den weiten Grassavannen und lichten Wäldern aufhält, und einem guten Schützen es leicht sei, an die Beute heranzukommen. Büffel, Kudus, Zebras, Wasser- und Riedböcke, ja selbst der Elephant wäre beschlichen worden. An Beweisen für die Eifrigkeit der Jäger fehlte es auch nicht, eine Anzahl großer Antilopen, stattlicher als unsere Hirsche, brachten sie noch mit, und so lange der Vorrath reichte, hatten wir im Lager für mehrere Tage Fleisch, vor allen war den Soldaten solche Abwechslung hoch willkommen.
Hatten wir bisher nur erst wenige Strapazen durchgemacht, welche ich als gering bezeichnen kann im Verhältniß zu denen, die unser warteten, so äußerte das Klima sich doch in der Weise, daß es allmählig die Widerstandsfähigkeit des Körpers untergrub und Fieberanfälle waren selbst unter unsern Soldaten keine seltene Erscheinung. So ergab es auch die Nothwendigkeit, daß ich, weil selbst Major von Wißmann und +Dr.+ Bumiller erkrankt waren, das Kommando im Lager für längere Zeit zu übernehmen hatte.
Wie bereits vorher erwähnt, hatten wir viel von den Nagethieren und Ameisen zu leiden, und, was Vernichtungswuth anbetrifft, muß ich den unscheinbaren Thierchen den Hauptantheil zusprechen, denn jede Kiste, jedes Stückchen Holz, das unvorsichtiger Weise auch nur für eine Nacht ohne Unterlage auf den Erdboden gestellt worden war, wurde angefressen und sie waren im Stande, dreiviertelzöllige Bretter in wenig Tagen zu zerstören. Selbst der Inhalt der Kisten, sofern Holztheile darin enthalten waren, blieb nicht verschont.