Chapter 28 of 47 · 3972 words · ~20 min read

Part 28

Sobald die Atonga nun abgetheilt waren, von denen ich 30 als beständige Werftarbeiter behielt, wurde die ganze Schaar möglichst schnell nach Katunga geführt, um von dort mittelst der Karren unsere schwersten Lasten über das Gebirge nach Mpimbi zu schaffen; und schwerlich hätten wir für diese mühselige und zum Theil auf den in der Regenzeit sehr schlechten Gebirgswegen bessere und willigere Leute finden können wie es diese Atonga waren. Der übliche Lohn für jeden Arbeiter beträgt hier zu Lande monatlich 6 Faden gleich 36 Fuß Calico (weißes Zeug) geringerer Qualität, im Werthe von 4 Mk. 80 Pf. Ortspreis, dazu wöchentlich zur Verpflegung noch 3 Fuß Zeug gleich 40 Pf. mithin würde der Monatslohn für einen guten Arbeiter 6 Mk. 40 Pf. betragen. Bedenkt man, daß den englischen Firmen die Yard gleich 3 Fuß, direkt von Bombay bezogen, mit Fracht und Trägerkosten, selbst Schädigung eingerechnet, auf 18-20 Pf. zu stehen kommt, wird man zugeben müssen, daß die Arbeit doch noch recht billig ist. Die Träger, sofern sie nicht im Monatslohn stehen, erhalten zwar mehr z. B. für die Tour von Katunga-Blantyre einen Faden, Katunga-Mpimbi zwei Faden Zeug, gemeinhin dann aber keine Poscho, d. h. Verpflegung. In Fort Johnston stellt sich der Preis einer Yard auf 6 Pence, etwas mehr als 50 Pfg., aber im Norden des Nyassa-Sees schon auf 8 Pence gleich 80 Pf., am Tanganjika-See auf einen Schilling gleich 1 Mk. Diese Vertheuerung des gangbarsten Artikels hat seinen Grund darin, daß die African-Lakes-Comp. das Privilegium des ganzen Transportes bis in letzter Zeit ausschließlich in Händen gehabt hat und für jede Tonne Güter gleich 20 Centner, von Chinde bis Blantyre 20 Lstr. gleich 400 Mk. forderte; den gleichen Preis für einen Reisenden und dessen Handgepäck. Im Jahre 1892 noch kostete jedem Reisenden, der kein Abkommen mit der Compagnie getroffen hatte, eine Tour Chinde-Karonga (Nordende des Nyassa-Sees) etwa 1200 Mk. Jetzt jedoch zahlt man nur etwa noch die Hälfte dieser Summe, weil die Konkurrenz der Gesellschaft das Monopol durchbrochen hat. Alle andern Artikel wie bunte Zeuge, Seife, Taschentücher etc. stehen entsprechend der Grundtaxe dann auch in einem viel höheren Preise und nimmt ein Arbeiter nach sechsmonatlicher Dienstzeit seinen Verdienst in diesen verschiedenen Artikeln, kann er bequem die Auszahlung unterm Arm nehmen und den Heimweg antreten.

In Gegenden, wo die Europäer sich festgesetzt haben, ist es nur naturgemäß, daß auch der Neger seine Produkte vertheuert, er merkt es sich sehr schnell, wenn ihn jemand besser bezahlt und wird den erhaltenen Preis alsbald am zweiten Orte fordern und erhält er ihn nicht, seine Hühner, Ziegen, Bataten, etc. ruhig wieder mit nach Hause nehmen; es sind also die Europäer sich nicht einig, sie vertheuern sich selbst die täglichen Bedürfnisse. Gewöhnlich zahlte ich in Mpimbi für eine ausgewachsene Ziege oder Schaaf an Zeugwerth Mark 3.20 bis 4.80, für ein großes Huhn 20 bis 30 Pfennige. Ziegen und Hühner sind das einzige Fleisch was man erhalten kann, Wild wird je weiter man vordringt an den Ufern des Schire immer seltener, am Nyassa schon eine Delikatesse, weil natürliche Hindernisse es zu schwer machen an die sonst zahlreichen Thiere heranzukommen.

Mein Wunsch war es nach Uebergabe des Lagers sobald als möglich gänzlich zur Werft überzusiedeln und mit den mir vorläufig zur Verfügung stehenden Leuten 30 Atonga, 14 Bacharias (Suaheli) und 12 Sudanesen, letztere als Posten, die Arbeiten zu fördern. Nöthig war es vor allem, mein Wohnhaus zuerst zu beenden, das ich gleicherzeit als Bureau benutzen wollte und deshalb ein Schlaf- und ein Vorzimmer herstellen ließ. Als Beispiel für alle weiteren Bauten, die nur für die Zeit unseres Aufenthalts und unserer Arbeit berechnet waren, will ich hier den Aufbau eines Hauses beschreiben. Je nach der Länge des Gebäudes wurden 4 oder mehr Mittelträger von 14 bis 16 Fuß Länge, jeder oben mit einer Astgabel versehen, etwa 2 Fuß tief in die Erde gesetzt, die Träger für die Seitenwände aus ebensolchen Stämmen bestehend, aber nur 7 bis 8 Fuß über dem Erdboden, und je nach der geplanten Breite des Hauses etwa 6 bis 8 Fuß von den großen Stämmen entfernt, wurden gewöhnlich in einem Abstand von 6 Fuß von einander aufgestellt. Die Zwischenräume dann ringsum mit schlankem Rohr ausgefüllt, das im Erdboden dicht an dicht eingegraben und zwischen den Pfeilern, um solcher Wand Halt und Festigkeit zu geben, durch querliegende Rohrsparren verbunden wurde, ergab eine genügend feste und luftige Einfassung. Auf den Gabeln der Mittel- und Seitenpfeiler ruhten passend lange Stämme, die mit Bambusrohr als Dachsparren verbunden auf diesen wieder querliegende Streifen gespaltenen Rohrs festgemacht, vervollständigten das Dach; die Bedachung selbst bestand aus langem Gras, das in Bündeln, von unten angefangen, schichtweise aufeinander gelegt und an den Sparren mit auf diesem gelegten Flußrohr befestigt wurde. Oben am Giebel wurden über dem Längsbalken feste Graskappen gelegt, die über die an diesem heranreichende Grasschicht so über faßte, daß kein Wasser hindurch dringen konnte.

Die Schräge des Daches gestattet dem Regenwasser schnellen Abfluß und solch ein gut gearbeitetes Dach widersteht lange Zeit d. h. hat solch ein Dach zwei Regenperioden überdauert, legt man um eine weitere Verwitterung vorzubeugen, wieder eine neue Grasschicht oben auf bis es nach Jahr und Tag schließlich nöthig wird die Bedachung gänzlich zu erneuern. Als Bindemittel diente uns der Bast verschiedener Baumarten und gewöhnlich brachten schon die Leute solche Stämme aus den Bergen herunter, deren zähe Borke das gewünschte Mittel abgaben; war solches aber schwerer zu erhalten, dann sandte ich einige Leute aus, um die Blätter der astlosen hohen Fächerpalme herbeizuschaffen, diese für eine Nacht in Wasser gelegt und dann gespalten wurden, ersetzten uns den Bindfaden.

Der vorläufig abgeschlossene Waffenstillstand, der auch zum Frieden führte, sowie die Niederwerfung der Aufständigen, hatte auch die Gemüther der um Mpimbi wohnenden Eingeborenen etwas beruhigt, deshalb konnte ich es wagen die im Urbusch aufgegebene Arbeit, das Fällen und Behauen der Baumstämme, wieder fortsetzen zu lassen. Der Sicherheit halber ging ich selbst mit einer starken Bedeckung hinaus, um mich von allem erst persönlich zu überzeugen und die nöthigen Anordnungen zu treffen, namentlich wie für die nächste Zeit die Aufstellung der Posten gehandhabt werden sollte, da es nicht ausgeschlossen war, daß die von Lionde bis hierher geflohene Bevölkerung doch wider Erwarten einen Ueberfall ins Werk setzen konnte; deshalb schon war es meine Pflicht, die im unzugänglichen Gebüsch Arbeitenden vor einer Ueberrumpelung nach Möglichkeit zu schützen. Daraufhin überzeugt, es sei keine direkte Gefahr vorhanden, ließ ich denn auch die Zimmerleute unter anfänglich starker Bedeckung ihre Arbeiten wieder aufnehmen und sie täglich in den Urbusch und Wald hinauswandern. Auf der Werft, wo inzwischen mit allen verfügbaren Kräften an die Ausschachtung des langen Grabens herangegangen wurde, gelang es mir neben den Atonga und Suaheli auch andere Arbeiter aus dem Dorfe heranzuziehen, wenn auch vorerst nur Weiber und größere Kinder, und rüstig konnte die Abgrabung der Erdmassen, die flüchtig geschätzt, viele tausend Centner betrugen, gefördert werden. Vom Ufer ab, wo eine Wand von 8 Fuß Höhe abzutragen war, die auf 120 Fuß Länge bis auf 4 Fuß abnahm, bei einer Grundbreite von 20 Fuß, sollte diese so gebildete schräge Fläche der Schlipp als feste Lage dienen, zu welcher bereits im Urbusch die Balken behauen wurden.

Ausgerüstet mit reichlichem Handwerkzeug, als Spaten und Pickaxten, nebenbei war der schwere Boden sehr fest und lehmhaltig, war es verhältnißmäßig noch ein leichtes Arbeiten und nur das Wegschaffen der Erde vermittelst flacher Körbe war schwieriger, zumal diese etwas unterhalb der Werft am hohen Uferabhang ausgeschüttet werden mußte. Neben dieser Arbeit konnten indes andere aber auch nicht vernachläßigt werden, namentlich war die Vollendung des schon vor dem Aufstand begonnenen Zaunes, der im ganzen Umkreis über 320 Fuß lang war, dringend geboten; ebenso ein Wachhaus für die Posten am Haupteingang und ein großes geräumiges Magazin.

Hunderte Hände hätte ich anstellen können, um nur genügend Baumaterial aus den Bergen und der Ebene herbeizuschaffen und dann wäre doch noch alles langsam fortgeschritten, das aber lag daran, daß der Weg bis zu den Bergen so weit war und konnte höchstens zweimal am Tage eine Tour dorthin gemacht werden; sollte aber Bambusrohr geholt werden, kehrten die Leute fast immer erst am späten Nachmittage wieder zurück. Anstatt nun aber die Arbeitskräfte zu haben, die zu einer schnellen Förderung nöthig gewesen wären, hatte ich nur die aus dem Lager zur Arbeit auf der Werft abkommandirten Soldaten, deren Zahl nie 20 überstieg, und was die Abessinier anbelangte, dazu eine faule Gesellschaft.

Im Lager, das Dr. Röver nach den Entwürfen unseres Artisten, Herrn Franke, ausbauen ließ, hatte man mit der Zeit auch eine beträchtliche Zahl Arbeiter angestellt, die Häuser und Pavillons aufführten, daß es eine Lust war; zu solcher bequemen Arbeit ließen sich die Bewohner Mpimpis herbei, auf der Werft aber mit schweren Eisenstücken zu hantiren, davor scheuten sie zurück.

Das rege Leben auf der Werft entfaltete sich mehr und mehr -- die Erde schleppenden Frauen und Kinder, die mit Spaten und Äxten hantirenden Männer, die Gras- und Rohrbündel, sowie Baumstämme herbeischleppenden Soldaten, dazu von Katunga ankommende Träger der Wangoni, die Handwerkzeug, Feldschmieden, den Kiel des Schiffes und die eisernen Rippen desselben auf Kopf und Schultern über das Gebirge getragen, gaben ein buntbewegtes Bild. Jeder Europäer fand reichliche Beschäftigung, der eine beaufsichtigte den Häuserbau, der andere die Ausschachtung, ein dritter sollte beim Lager nochmals einen Hochofen aufstellen etc., denn ehe noch nicht der Kiel des Schiffes gelegt und ein Mittel gefunden worden war, auf welche Art wir schnell Kohlen brennen konnten, war es zwecklos, die wenigen bisher eingetroffenen Spanten mit den drei Handwerkern zusammenzunieten.

Aus Katunga, wohin der Transportführer Herr von Eltz gleich nach Abmarsch der Atonga zurückgekehrt war und von wo der Transport des gewaltigen Materials über das Gebirge geleitet wurde, trafen immer zuerst nur solche Sachen ein, die auf der Werft nach meinen Angaben benöthigt wurden, und dort von Sachverständigen, als der Schiffbauer Zander und Maschinist Engelke, zusammengestellt wurden; hingegen verpackte der erste Steuermann Gerloff mit anderen wieder die kleineren Sachen, da sich die Träger entschieden weigerten, das Material in der ursprünglichen Verpackung anzunehmen. In Blantyre, als Zwischenstation, leitete erst Wedler, später der zweite Steuermann Wissemann, die Beförderung und diese wurde mit solcher Genauigkeit ausgeführt, daß ich jeder Zeit darüber orientirt war, welche Gegenstände auf der Werft eingetroffen und welche noch unterwegs waren. Kein Kapitao der Träger, wie es doch mehrmals vorgekommen, erhielt seine Bescheinigung von mir eher, als bis die ihm anvertraut gewesene Stückzahl zur Stelle war. Diese strenge Aufsicht war nöthig, einestheils, weil ein verlorenes Stück schwerlich zu ersetzen wäre, anderntheils, weil die englische African Lakes Comp., die 2000 Lasten zur Beförderung übernommen hatte, nicht für Verluste hätte haftbar gemacht werden können.

Hatte ich geglaubt, daß wir, so lange noch unser Stahlboot von den Engländern nicht zurückgegeben worden war, unbehelligt die Canoefähre unterhalb Mpimbi würden benutzen können und der Häuptling die getroffenen Abmachungen respektieren würde, so sollte ich eines schönen Tages nun eines anderen belehrt werden. Schon um das Uebersetzen zu ermöglichen, mußte den Fuhrleuten ein Gratisgeschenk verabfolgt werden, welches in einem Stückchen bunten Zeug bestand und zu geringfügigen Werth hatte, um dieserhalb die Leute widerwillig zu machen; aber der Neger, sobald er sieht, seine Forderungen werden durch eine gewisse Nachgiebigkeit erfüllt, wird er diese bald derart hoch schrauben, daß sein Benehmen an Unverschämtheit grenzt. Verschiedentlich waren schon Verzögerungen eingetreten und, wenn ich die Zimmerleute längst schon am anderen Ufer wähnte, saßen sie noch wohlgemuth auf der linken Flußseite und warteten geduldig, bis es den Fährleuten gefällig war, sie überzusetzen; kam ich dann selbst, von Ottlich benachrichtigt, zeigten diese noch ein unwilliges Nachgeben und kehrten sich an die Vorhaltungen durchaus nicht.

Wenige Tage später kehrte des Morgens die ganze Abtheilung zurück mit der Nachricht, ihr sei der Durchgang durch das Dorf von mit Speeren und Flinten Bewaffneten verlegt und sie ernstlich bedroht worden, als der führende Europäer ohne weiteres sich nicht fügen wollte. Klug war es von Ottlich gehandelt, in solcher Lage scheinbar nachzugeben, denn ein Konflikt von unabsehbaren Folgen wäre durch irgend eine Gewaltthat sofort heraufbeschworen worden und dadurch zum Mindesten unsere Arbeit in jenem Gebiet für lange Zeit in Frage gestellt gewesen. Die Eingeborenen sympathisierten nur zu sehr mit ihren im Aufstand unterlegenen Freunden, von denen sehr viele in diesen vom Schauplatz entfernt gelegenen Dörfern Schutz und Zuflucht gefunden hatten, und fühlten sich scheinbar stark genug, dem einzelnen Europäer gegenüberzutreten.

Auf solche ernste Nachricht hin mußte etwas Entscheidendes geschehen und zwar bald, denn nur zu leicht giebt sich der Neger einem momentanen Erfolge hin und triumphiert, läßt sich dadurch verleiten, oft Thorheiten zu begehen, deren Folgen er nicht im Entferntesten zu beurtheilen vermag.

Schnell entschlossen brach ich daher mit wenigen Soldaten und einem Dolmetscher auf, um nun allen Ernstes mit dem Häuptling ein Wort deutsch zu reden, nicht etwa, daß ich Gewalt anzuwenden gedachte, was doch nur zu sehr unliebsamen Verwickelungen geführt hätte, so lange noch irgend eine Aussicht zu einem gütigen Ausgleich vorhanden war, sondern vielmehr sollte er mir die Motive erklären, die ihn und seine Leute bewogen hätten, eine friedliche Kolonne aufzuhalten, der laut früherer Abmachungen freier Durchzug durch sein Dorf zu gewähren sei.

Zur Fähre gekommen, fand ich am diesseitigen Ufer mehrere Abgesandte des Häuptlings im Hause des Herrn Scharrer versammelt, die dessen angezeigte Ankunft abwarten und demselben ihre Beschwerden verschiedener Art vorlegen sollten. Dieser Umstand bewog mich, nun auch meinerseits zu warten und erst die Ansicht des mit den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen wohlvertrauten Herrn anzuhören, ehe ich kurzer Hand den Häuptling selbst zur Rede stellte. Eine schnelle friedliche Lösung konnte durch die Vermittelung dieses Herrn, der als Besitzer weiter Länderstrecken in diesem Gebiet allen wohlbekannt und vielfach als Schiedsrichter angerufen wurde, viel eher herbeigeführt werden, als wie ich es durch lange Schauris und Geschenke hätte fertig bringen können, um so mehr, als ich sicher war, daß mir ein solcher Gefallen sehr gerne erwiesen werden würde, da gegenseitige Gefälligkeiten schon früher uns einander gut bekannt gemacht hatten.

Bald nach erfolgter Ankunft desselben und der allseitigen Begrüßung wurde nach dem Begehren der am Boden hockenden Abgesandten, meistens ältere Männer, die ihre Vorderlader zwischen die nackten Beine gestemmt, in stoischer Ruhe auf eine Anrede warteten, gefragt. Unwesentliche Beschwerden, bei welchen es mehr darauf ankam, die Meinung des weißen Mannes zu hören, als der Wunsch, diese durch denselben beseitigt zu sehen, waren es nur, welche der Sprecher vorzubringen hatte und fanden nach vielem Hin und Her ihre Erledigung. Hierauf ließ ich die Abgesandten fragen, welche Gründe den Häuptling bewogen hätten, die Verträge zu brechen und in so drohender Weise gegen eine von mir abgesandte Arbeitskolonne aufzutreten, hätte ich doch für die Benutzung der Fähre und für die Freigabe der Wege durch ihr Dorf reichlich Zahlung geleistet.

Nie indes wird der Neger zu bewegen sein, eine direkte Frage kurz und bündig zu beantworten, so lange ihm noch ein Ausweg offen bleibt, und weitschweifig, indem er immer neue Argumente hervorsucht, antwortet er stets ausweichend. Dadurch erfordern die Schauri von Seiten eines Europäers auch eine gute Portion Geduld und nur zu oft muß er sich in die Weitschweifigkeiten einer Verhandlung fügen, will er seine Absicht nicht vereitelt sehen, namentlich wenn keine Macht ihm zur Seite steht, die von vornherein seinen Wünschen Nachdruck giebt.

In diesem Falle wich der Sprecher auch den direkten Fragen gewandt aus, sodaß es Herrn Scharre schließlich überdrüssig wurde, noch länger mit diesen Querköpfen zu verhandeln, die dadurch nach ihrer Meinung dem Europäer zu imponiren glauben, wenn sie ihre fade Weisheit in recht viele nichtssagende Worte kleiden oder in Vergleichen und halben Räthseln stundenlang sprechen. Es wurde ihnen noch nahegelegt, das Benehmen der Dorfbevölkerung den Europäern gegenüber könne schlimme Folgen haben und solches möchten sie ihrem Fumo mittheilen, wenn derselbe es nicht vorziehen sollte, sich mit mir ins Einvernehmen zu setzen. Auf jeden Fall aber würden sie klug thun, am folgenden Tage eine entscheidende Antwort mir zu überbringen, wenn sie unangenehmen Folgen wollten aus dem Wege gehen; ich aber befolgte den Rath, geduldig die Entscheidung des Häuptlings abzuwarten, ehe ich weitere Schritte in dieser Angelegenheit unternahm.

Am folgenden Morgen hatte ich denn auch das Vergnügen dieselben Abgesandten mit dem dazu gehörigen Gefolge, alle der Würdigkeit der Sendung gemäß geschmückt und ein etwas feierliches Gepräge zur Schau tragend, auf der Werft zu begrüßen. Ich eröffnete hierauf das Schauri mit der kurzen Frage, welches die Gründe sind, um derenwillen sie plötzlich eine so feindliche Stellung meinen Leuten gegenüber eingenommen hätten, sogar mit Waffengewalt gedroht wurde, wenn die Abtheilung nicht freiwillig das Feld geräumt hätte. Eine lange Rede des Wortführers war die Antwort, aus der mein Dolmetscher sich nur so viel zusammen reimen konnte, daß das Ergebniß Unsinn, der Sinn Widerspruch sei. Ich forderte sie nach einer Stunde unnützen Parlierens auf, mir eine bestimmte Antwort endlich zu geben, und legte die Fragen so klar und kurz, daß es unmöglich schien, anders als ein Ja oder Nein darauf zu erhalten; aber konnten oder wollten sie mir nicht Rede stehen, ich erreichte nichts und ließ ihnen, als meine Geduld zu Ende ging, erklären, daß, wenn ein gütiges Verhandeln zwecklos wäre, ich Soldaten genug habe und viel mehr Gewehre wie sie, um nöthigenfalls der Gewalt Gewalt entgegenzusetzen; ich würde morgen früh selbst die Truppe führen und jeden Widerstand zu beseitigen wissen.

Solcher Bescheid war entschieden nicht nach ihrem Sinn und zögernd schickten sie sich an, die Werft zu verlassen, nachdem ich jedes weitere Verhandeln abgebrochen hatte, sie konnten sicherlich nicht den weißen Mann begreifen, der so würdige Abgesandte nicht mal mit dem üblichen Geschenk bedachte. Hätte ich mich dazu herbeilassen wollen, würde ich das gewünschte Resultat wohl erzielt haben, aber ich sah nicht ein, warum ich noch eine Art »Hongo« (Zoll) zahlen und die schwarze Gesellschaft erst ködern sollte, wenn ich schon mehr als genug gegeben hatte und nur darauf bestand, daß die früheren Abmachungen zu Recht bestehen blieben.

Nach reiflicher Ueberlegung aber beschloß ich doch meinen am ersten Tage gefaßten Vorsatz, den Häuptling persönlich aufzusuchen, zur Ausführung zu bringen, erstens erschien es mir gerathener auf friedlichem Wege diese Schwierigkeit zu lösen, zweitens mit Bewaffneten hätte man mich nicht über den Fluß gesetzt und solche Wichtigkeit legte ich der Sache noch nicht bei, um weitgehendere Maßregeln zu treffen. Daher nur in Begleitung von zwei Mann und ohne jegliche Waffen, ging ich am nächsten Morgen zur Fähre, darauf rechnend, der Fährmann würde keinen Anstand nehmen uns überzusetzen. Allein vergeblich wartete ich, kein Fährmann folgte der Aufforderung überzusetzen und ebensowenig ließ sich etwas von dem im dichten Ufergebüsch versteckten Kanoe entdecken. Erst nach geraumer Zeit bequemten sich ein paar junge Leute das Fahrzeug aus dem Uferschilf herauszuschaffen und uns, nachdem sie den Zweck meines Kommens erfahren hatten, der durch Boten wahrscheinlich erst ihrem Fumo mitgetheilt wurde, mit vielem Geschick durch die reißende Strömung am anderen Ufer abzusetzen.

Vertraut mit den Irrgängen eines Negerdorfes, dessen schmale Pfade labyrinthartig zwischen Hütten, hohem Gras, durch Busch und Unrat führen, war ich, gefolgt von nur wenigen Bewohnern, durch das Gras zu dem großen freien Platze gelangt, der als Versammlungsort diente und wo unter dem Schatten eines gewaltigen Baumes die Berathungen abgehalten werden. Einer Tenne gleich so fest und meistens sauber ist der Boden um solchen Baum, eigentlich auch nur der einzige Ort von dem man sagen kann er werde reinlich gehalten; heute aber und fast zu jeder Tageszeit befanden sich hier nur Mais und Matama stampfende Weiber, umgeben von einer Schaar Kinder, die beim Erblicken des weißen Mannes theils schreiend zu ihren Müttern liefen, theils in den naheliegenden Hütten verschwanden.

Die Prozedur des Mais- und Matamastampfens wird nur von den Frauen vorgenommen, die Geräthe sind ein Holzgefäß und zwei Stampfer, ersteres ist aus einem etwas über zwei Fuß hohem Holzklotz gefertigt, dessen Aushöhlung oben weit nach unten zu aber spitz zu läuft, der Stampfer ist ein einfacher Pfahl von hartem Holz an beiden Enden zugespitzt. Ist ein Quantum des Getreides in ein solches Gefäß geschüttet, wird dieses dann meistens von zwei Frauen derart bearbeitet, daß, indem sie die Stampfer abwechselnd in rascher Folge mit aller Kraft hineinstoßen, die Körner auf diese Weise zermalmt werden. Es erfordert eine gewisse Ausdauer stundenlang solche Arbeit zu verrichten, und sehr häufig sieht man, daß die Mütter ihre Säuglinge auf den Rücken gebunden haben, die mit jedem Stoß in eine hüpfende Bewegung gerathen und mit den Köpfen gegen den Körper schlagen. Aber der Negerschädel ist fester gebaut, die Kinder finden in solcher Lage Schlaf und Ruhe, selbst den unbedeckten kleinen Köpfen schadet nicht mal der glühende Strahl der Sonne.

Sind die Körner fein genug gestampft, und bestimmt zu Mehl verrieben zu werden, kommen sie unter die Mühle d. h. sie werden in kleineren Mengen zwischen zwei Steinen gerieben, von denen der größere auf einer reinen Matte gelegt wird, der kleinere mit den Händen gefaßt, durch Hin- und Herschieben das Mehl herstellt. Zur Bereitung des Pombe (Bier) genügt schon das Stampfen; auf ein Quantum zermalmter Körner wird kochendes Wasser gegossen, dann abgekühlt, geht die Masse in Gährung über und nach einigen Tagen noch mehrmals aufgekocht, giebt sie ein braunes ziemlich dickes Gebräu, das, wenn gut und reinlich zubereitet, auch von Europäern gern getrunken wird und selbstverständlich viel Nährstoff enthält.

Zerstreute Körner, welche durch die Wucht, mit welcher die Stampfer aus und eingetrieben werden, herausfallen, dienen der gackernden Schaar von Hühnern und Tauben, die gierig jedes zur Erde fallende Körnchen aufpickten, zur Nahrung. Diese Thiere lassen sich nicht verscheuchen noch zeigen sie irgend welche Scheu vor den herumlaufenden Kindern. Eigentliche Verschläge für das Federvieh giebt es nicht, Bäume, Sträucher und Dächer der Hütten dienen diesem zum nächtlichen Aufenthalt; besser ist es auch, die Thiere sind frei, denn in schlecht gebauten Ställen gelingt es der Pantherkatze gar leicht einzubrechen und richtet diese dann gewöhnlich eine starke Verheerung unter den eingeschlossenen Thieren an; ich habe es zweimal erfahren, wie unersättlich solche Katze morden kann.

Da der Weg zur Behausung des Häuptlings vom Berathungsplatze mir unbekannt war, suchte ich diesen bei den Frauen zu erkundigen, indes aus Furcht oder Scheu gaben sie keine Antwort auf meine Fragen, bis sich ein kleiner kouragirter Bursche meldete, der sich erbot uns den Weg zu weisen. Weiter nun zwischen Hütten und Gras, durch Busch und über Gräben, vorbei an Maisfeldern, näherten wir uns der Behausung des Fumo, die in sich selbst abgegrenzt, außerhalb des Dorfes gelegen war. Eine ausgedehnte Rohrumzäunung umfaßte sowohl das Wohnhaus des Häuptlings, als auch eine Anzahl Hütten in denen die nächsten Angehörigen desselben wohnten. Und zwar leben die nächsten Verwandten immer zusammen, weil es Sitte ist, daß der Schwiegersohn sich stets an der Hütte oder im Gehöft seines Schwiegervaters ansiedeln muß, dessen Arbeitskraft und Besitz fortan der ganzen Familie zugehört. Die Nachfolge in der Häuptlingswürde ist auch hier keine direkte, nicht der Sohn sondern der Neffe, also dem Schwester- oder Tochtersohn fällt die Würde zu; es ist auch gleichgültig ob der Mann einer Häuptlingstochter im gleichen Range steht oder nicht, durch Heirath wird dieser zu dem Stande der Frau erhoben; auch für die Rangstufe eines Kindes aus solcher Verbindung entscheidet nur die Abstammung der Mutter. Weil die Erbfolge eine weibliche ist, haben die Frauen einen gewissen Einfluß, aber auch nur in dieser Hinsicht, sonst im Uebrigen ist ihre Stellung eine wenig beneideswerthe.

Den Eingang zum großen Vorhofe hatten wir bald gefunden, und hatte ich erst die Absicht selbst zum Hause des Häuptlings zu gehen, um nicht zu lange den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt zu sein, allein auf dem ganzen Platze waren so viele große und kleine Pombetöpfe zerstreut umgeworfen, daß man Mühe hatte hindurchzukommen, wollte man nicht mit solchen jetzt schmutzigen Gefäßen in näherer Berührung treten. Zwar gewohnt, die Umgebung einer Negerhütte schmutzig zu finden, zum mindesten für einen Europäer nicht einladend, war dieser Platz doch geradezu zu unsauber, dazu der widerlich saure Geruch, der den Töpfen entströmte, machte ein Verweilen in dessen Nähe unmöglich. Ein großes Gelage war hier abends vorher gefeiert worden -- die Ngomatrommel hatte ich bis spät in die Nacht hinein auf der Werft hören können -- dafür gaben die vielen zum Theil noch mit Bierresten versehenen Thongefäße beredtes Zeugniß, und dieser üblen Sitte, sich in Unmassen Pombe zu berauschen, opfern die Eingeborenen oft den besten Theil ihrer Ernten.