Chapter 14 of 47 · 3991 words · ~20 min read

Part 14

Auf Abrathen unserer Bootsleute wurde ein beabsichtigter Ausflug aufgegeben, so sehr allen auch ein Stück Wild willkommen gewesen wäre, indes die feste Behauptung, der Löwe hause zahlreich in diesem weiten Revier, machte es bedenklich, vielleicht dem König der Thiere auf so ungünstigem Terrain gegenüber treten zu müssen. Wir sollten auch nicht lange im Zweifel darüber sein, denn als die Nacht herabgesunken und die Stimmen der Natur in dieser tagsüber fast feierlichen Stille erwachten, einstimmend in den Accord, den der quakende Frosch und die zirpende Grille angestimmt, dröhnte, wenn auch ferne, das Brüllen des Löwen zu uns herüber.

Während der zwei Tage, die wir in dieser öden sich immer gleich bleibenden Wildniß zubrachten, hatte ich gehofft gelegentlich mehr Wild zu sehen und schußgerecht zu bekommen, allein entgegen der Gewißheit, daß ringsum zahlreiche Thierarten sich aufhalten müßten, zeigte sich sehr wenig am Ufer, dafür aber am Abend des zweiten Tages eine gefährlichere Art, die uns wider unseren Willen zur ernsten Vertheidigung zwang. Wir waren zu den Stellen gekommen, wo nach Brückners Mittheilung ganze Heerden gewaltiger Flußpferde den Fluß versperren sollten und wo es ihm verschiedentlich gelungen war, einige zu tödten; es aber auch gefährlich sei, mit einem Kanoe (hier wurde Bronsart v. Schellendorf mit einem solchen umgeworfen) oder kleinen Boot durchzukommen.

Es war am Rande der Grassavanne, der Fluß schmal und tief, die Ufer wieder mit Busch und Baum bestanden, das Hinterland reicher an saftigem Grün, als in einer schmalen Biegung des Flußbettes eine Heerde von etwa 50 Cibokos beim Erblicken des Bootes wuthschnaubend im Wasser auf- und niedertauchten, was auf eine große Erregtheit dieser Thiere, die hier schon oft Wunden empfangen hatten, und dadurch bösartig geworden waren, schließen ließ. Wir hielten uns beim Anblick einer so großen Zahl auch vorsichtshalber unter dem linken Ufer im tiefen Wasser und suchten so etwaigen Angriffen auszuweichen. Um die Thiere fern zu halten, damit sie nicht unter das Boot kommen und einen Versuch zum Umwerfen desselben machten, gaben wir wenige, aber wohlgezielte Schüsse auf die nur eben über Wasser auftauchenden Köpfe ab, es war dies die einzige Möglichkeit, die wuthschnaubenden Thiere von einem verhängnißvollen Angriff abzuhalten.

Zwei der kühnsten Bullen, mittlerweile verwundet, konnten wir nur durch schnelles Vorwärtsrudern deren Absicht, das Boot zu kentern, entgehen; den neben uns auftauchenden Thieren sandten wir zwar aus nächster Nähe Kugeln zu, aber auf ihrer Panzerhaut haben sich die Bleigeschosse wohl breit geschlagen ohne durchzudringen. Ehe darauf die Thiere einen neuen Versuch machen konnten, war das Boot in den Strom gelenkt und auf flacheres Wasser in Sicherheit.

Geräth das Flußpferd in Wuth, wird sein weitschallendes Grunzen zum dumpfen Gebrüll und aus den Nasenlöchern spritzt es das Wasser fontänenartig in die Luft; ist Gefahr vorhanden, hebt es den Kopf nur so weit über Wasser, daß es mit den Augen frei Umschau halten kann, um sofort wieder untertauchend, dann unvermuthet an einer näheren oder entfernteren Stelle wieder hochzukommen.

Dem Anschein nach hatten in diesem entlegenen Flußgebiet die Flußpferde hier ihr Domizil aufgeschlagen, wo sie bisher kaum gestört, ein beschauliches Leben haben führen können; eine geeignete Gegend haben sie sich aber auch ausgesucht, denn wildromantischeres habe ich an den Ufern des unteren Schire kaum gefunden. Durch das Gebüsch zu dringen, war nur auf solchen Gängen möglich, die das Flußpferd sich darin gebrochen hatte, wenn es nächtlicher Weile weit landeinwärts sein Futter sucht. Hatte man sich auf diesen tunnelartigen Wegen durch Busch und Dorn gewunden, fand man auf ansteigendem Terrain Gras- und Waldflächen, die wohl kaum je von eines Europäers Fuß betreten worden sind, denn einladend ist diese Wildniß nicht, auch nicht eines Jeden Sache, auf schlüpfrigen Pfaden vorzudringen, um die Großartigkeit einer jungfräulichen unberührten Natur zu bewundern und in solcher Abgeschlossenheit das Werden und Sein, das Sterben und Vergehen zu betrachten.

Eine solche Exkursion am anderen Tage, Morgens in aller Frühe unternommen, führte mich schließlich zu einem Nebenfluß des Schire, der aber zur Zeit so flach war, daß vielfach Wassertümpel gebildet waren, die nur Zu- und Abfluß hatten durch schmale Wasserrinnen; aber ansehnliche flachgebaute Fische waren in beträchtlicher Anzahl doch in diesem klaren Gewässer und bedauernd, daß ich diese nicht erlangen konnte, verfiel ich darauf sie von den Leuten nach dem Ausfluß jagen zu lassen, und wenn sie auf Grund geriethen, mit Schrotschüssen zu tödten; alle die getroffen waren kamen hoch und nach zwei Schüssen hatten wir eine reichliche Mahlzeit.

Unter der Beachtung aller Vorsicht, suchten wir an diesem Morgen einer zweiten Heerde Flußpferde, die sich an einer Stelle, wo der Fluß zwei auffällige rechte Winkel gebildet hatte aufhielten, zu entgehen. Alles Geräusch vermeidend, schlichen wir mit dem Boote unter die Ufergebüsche entlang und ob manches Thier auch keine fünfzehn Meter entfernt auftauchte, griff es doch nicht an, wir vermieden aber kluger Weise durch Schüsse die Kolosse erst zu reizen, dazu war das Wasser nicht tief genug, um unnütz sich der Gefahr auszusetzen, umgeworfen zu werden und alles zu verlieren.

So unbehelligt aber sollten wir doch nicht wegkommen. Es mochte gegen Mittag sein, als an der Mündung eines Nebenflusses, wo durch angeschwemmte Sandbänke das Flußbett sehr verengt worden war und nur eine zwanzig Meter breite Rinne der stark strömenden Fluth offen blieb, eine große Heerde, nach Schätzung über hundert Thiere, thatsächlich die Durchfahrt sperrten. Sie ließen auch beim Erblicken des Bootes uns keinen Zweifel, daß sie gesonnen wären uns nicht so ohne Weiteres passiren zu lassen, denn brüllend gingen die Bullen zum Angriff auf uns über ohne daß sie von uns gereizt waren, während die Weibchen sich weiter zurückzogen und mit den auf ihren Rücken hockenden Jungen außer Schußweite blieben.

Das Wasser war klar genug, um die auf dem Grunde laufenden unförmlichen Massen erkennen zu können, wir bemerkten auch einige Male einen schwachen Ruck, bis wir wohl auf eine flachere Stelle gerathen, plötzlich hochgehoben wurden und wäre das Boot nicht so schwer beladen gewesen, unfehlbar hätte der mächtige Bulle, der den Angriff unternommen hatte, uns ein gefährliches Wasserbad bereitet. Schlimmer als dieses wäre in der starken Strömung der Verlust aller Sachen gewesen und wiewohl das Boot ganz nahe dem Ufer, mehr als das Leben hätten wir nicht retten können.

Selbstverständlich gaben wir nun Feuer und geriethen im Eifer mitten in diese große Heerde hinein, kamen aber nicht hindurch, sondern waren gezwungen zu landen und uns durch Gestrüpp und Gras einen Weg zu bahnen, um oberhalb der Heerde zu gelangen. Hier auf die Weibchen feuernd, von denen bald zwei tödtlich getroffen sich im Flusse hin und her wälzten erreichten wir, daß die Bullen die Passage frei gaben und nach einstündigem Schießen, in welcher Zeit noch eine ganze Anzahl verwundet worden war, hatten sich die Thiere in einen tiefen Seitenarm verzogen.

Mit äußerster Anstrengung suchten wir nun das andere Ufer zu erreichen und hatten bald die Heerde hinter uns, die, als das Boot ihnen entgangen war, wüthend hinterher stürmte; brüllend den Oberleib über Wasser hebend, rissen einzelne den gewaltigen blutrothen Rachen auf, dessen Kinnladen wohl alles zu zermalmen imstande wären, wenn die Natur das Thier nicht zum Wiederkäuer, sondern zum Raubthier bestimmt hätte. Einige zugeschickte Kugeln, welche einigen wohl noch recht schmerzhafte Zahnschmerzen verursacht haben mögen bewirkten, daß das Schauspiel ein Ende hatte, worauf wir unsere Reise unbelästigt fortsetzen konnten.

Kurz darauf überholten wir ein anderes Boot mit zwei englischen Gouvernementsbeamten, mit denen wir fortan gemeinschaftlich die Fahrt fortsetzten, auch der Einfachheit halber, gemeinschaftliche Küche machten; in solcher Wildniß findet man sich schnell zu einander, theilt auch gerne und macht sich solche Reise so angenehm wie es die Umstände eben gestatten. Unter anderem erfuhr ich, daß diese beiden jungen Leute am selben Morgen auch ein Renkontre mit jener Flußpferdheerde gehabt und mehrere Thiere verwundet hätten, sonst aber direkt nicht angegriffen worden wären; so erklärte es sich, daß die Cibokos noch höchst gereizt und wüthend, sich ohne Weiteres auf das nächste Boot warfen, mit der ernsten Absicht Revanche zu nehmen für die Schmerzen und der gestörten Ruhe.

Ich habe mich zwar später in noch schlechteren Situationen befunden, aber nie wieder wie hier solche Masse von diesen Colossen beisammen gesehen, die sich in dem Bestreben einig waren, ihren schlimmen Feinden den Untergang zu bereiten. Es ist auch nur zu erklärlich; das beständige Jagen macht die Thiere, die sonst friedlich und nur für die Eingebornen oft eine große Plage sind, bösartig und gefährlich, ihre Vernichtung wird dann eine Art Nothwendigkeit, und mit der fortschreitenden Civilisation verschwindet mehr und mehr das Flußpferd, das in der Urwildniß bisher seine ungestörte Heimath gehabt hat. Je höher flußaufwärts wir kamen, desto wechselvoller und vielgestaltiger wurden die Ufer des Schire, bald hoch, bald niedrig mit starkem, dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsen, zwischen denen hindurch die Dörfer der Eingebornen versteckt hingestreut lagen und aus deren zunehmender Zahl auf eine ziemlich zahlreiche Bevölkerung zu schließen war.

Der Fluß selbst ist zuweilen eng und tief, bald breit und dann flach, sodaß es schwer hält mit dem Boote fortzukommen; viele Flußarme bilden größere und kleinere Inseln; man sieht aber wie verheerend der starke Strom bei hohem Wasserstand sein muß, wenn er große Erdmassen abspült oder gewaltige Bäume mit sich stromabwärts führt.

Auf hochgelegenem Terrain, dort wo der Fluß eine Hügelkette durchbrochen hat, fanden wir am linken Ufer einige europäische Ansiedelungen, wo Versuche mit dem Kaffeebau vorgenommen waren und mühselig ein kleines Terrain dem höchst fruchtbaren Waldgrund abgewonnen war; freilich ist alles der Natur und den Mitteln die zu Gebote stehen angepaßt und daher auch nur primitiv, aber die Arbeit findet doch ihren Lohn, indem der dankbare Boden die aufgewendete Mühe reichlich vergilt.

Die Gastfreundschaft ist hier allgemein in Gebrauch, darum fällt es nicht weiter auf, wenn ein von dem abwesenden Besitzer verlassenes Haus von dem Reisenden für eine Nachtruhe in Beschlag genommen wird, selbst die schwarzen Diener desselben erheben dem Europäer gegenüber keinen Einspruch und so ist es eine wohlübliche Einrichtung, daß jedem müden Unbekannten, der viele Tage durch die Wildniß gezogen, am gastlichen Herd die hochwillkommene Ruhe gestattet wird.

Kurze Rast hielten wir noch vorübergehend bei der Etappestation wo der Proviantmeister von Liebermann mit wenigen Soldaten als Aufseher eingesetzt war, mit der Anweisung ein freundliches Verhältniß mit den umwohnenden Häuptlingen anzubahnen, um durch deren Willfährigkeit den großen Mangel an Trägern in etwas abzuhelfen. Weiter hinauf nahm die Gegend schon einen entschiedenen gebirgigen Charakter an, die Felsenmassen rückten immer näher zum Flusse, auch an dem starken Gefälle der zuweilen wirbelnden Strömung, gegen die nur mit aller Kraft anzukämpfen war, konnte man voraussetzen, daß die Murchison (Schire)-fälle nicht mehr allzu ferne seien.

Am 14. Dezember, Mittags, nach achttägiger Fahrt, passirten wir Katunga, Station der African Lakes Co., um etwa zwanzig Minuten oberhalb derselben in Chukwakwa, der englischen Gouvernementsstation, neben der das deutsche Lager erbaut war, zu landen.

8. Von Katunga bis Blantyre.

Die deutsche Station, unmittelbar am Ufer des Schire gelegen und etwa einen Kilometer vom Fuße der steilansteigenden Gebirgskette entfernt, bestand aus zwei Wohnhäusern für Europäer, den Soldatenhütten und einem Proviantschuppen; während den ganzen Lagerplatz eine undurchdringliche Dornhecke umschloß. Was aber das Vortheilhafteste, es waren mehrere gewaltige Tamarindenbäume im Lager, deren weites dichtbelaubtes Geäst gegen die heiße Sonnengluth kühlen Schatten spendete, auch dadurch den Aufenthalt in den Häusern, während der heißen Tagesstunden, angenehmer machte.

Landschaftlich war es ein ganz anderes Bild, welches den Beobachter hier umgab; umschlossen zur Rechten, wenn man den Blick flußaufwärts nach den Schirefällen richtete, von immer höher ansteigenden Bergmassen, die in dunkler Bläue sich verloren und vom Fuße bis zu den höchsten Kuppen von einem zusammenhängenden Gebirgswald bestanden sind, hob sich das Terrain zur Linken mehr hügelförmig aus der Flußniederung aufwärts, um in der Ferne zur Gebirgsform übergehend, das Flußbett wie ein weites tiefliegendes Thal erscheinen zu lassen. Und trägt die Gesammtheit auch den Charakter einer ungebundenen freien Wildniß, ist dieses wechselvolle Bild der Gebirgsnatur im Gegensatz zur undurchdringlichen Wildniß der Urwälder in der Tiefebene, ein erhebendes. Selbst unter der Gluth der sengenden Sonnenstrahlen weht hier ein frischerer Odem und freier athmet die Brust, fast scheint es als wäre das Gefühl eines auf ihr lastenden Druckes weggenommen, auch die physische Kraft erstarkt, belebt den sinkenden Muth und die Thatkraft und Schaffensfreudigkeit kehrt wieder.

Mein Aufenthalt im Lager sollte nur von kurzer Dauer sein, da ich laut erhaltener Ordre, so schnell als möglich vorwärts gehen und den Major vor seiner Abreise nach dem Nyassa-See noch erreichen mußte; ich setzte mich deshalb auch unverzüglich mit dem englischen Beamten Mr. Bowhill in Verbindung, um mit dessen Unterstützung die benöthigten Träger, etwa 40 Mann, zu erhalten, und dies aus dem Grunde, weil mir der die Aufsicht im Lager führende Maschinist Engelke mitgetheilt hatte, daß ohne Genehmigung des englischen Beamten kaum Träger zu erhalten sein werden. Was nun das persönliche Entgegenkommen des Mr. Bowhill betraf, konnte ich als Unterstützungsuchender mich nicht beklagen, aber die entgegengebrachte Freundlichkeit hatte doch etwas Gezwungenes und, als er mir sein Herz ausgeschüttet, Klage über Klage gegen das eigenmächtige Vorgehen der Deutschen angehört hatte, die darauf hinausliefen, daß man seine gute Absicht und Hilfsbereitschaft so wenig gewürdigt, schließlich ihn zurückgewiesen habe, war es mir bald klar, er wolle nur gegen Jemand, der ihn vollständig verstehen konnte, sich reinwaschen, wenigstens stellte er noch an mich die Zumuthung, da er deutscherseits wegen seiner Handlungsweise höheren Orts angeklagt worden war und die Folgen fürchtete, für ihn, wenn sich die Gelegenheit bieten würde, in Blantyre einzutreten, in dem Sinne, daß er entschieden verkannt worden sei. Anstatt der Zusicherung, mein Ersuchen um Leute nach Kräften zu unterstützen, wäre es mir lieber gewesen, er hätte rundweg erklärt, er wolle oder könne nicht helfen, denn dann hätte ich mir selber helfen müssen und nicht einen Augenblick gezögert mit anderen wegen Träger in Unterhandlung zu treten.

Den Glauben an die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung bemühte er sich aber schnell zu zerstören, indem er am nächsten Abend mit zwei Anliegen zu mir kam, die schwere Beschuldigungen gegen unsere wenigen im Lager anwesenden Leute enthielten. Darnach sei ihm von dem Häuptling eines in der Umgegend liegenden Dorfes folgende Beschwerde zugegangen: es seien in der vergangenen Nacht drei Leute aus dem deutschen Lager in dem Dorfe gewesen und hätten nach dem Fumo verlangt, als dieser aber vor Furcht sich verkrochen hätte, soll einer der Bewaffneten einen Schuß abgegeben haben und schließlich nach Verübung allerlei Unfugs hätten die Ruhestörer sich entfernt.

So unwahrscheinlich mir diese Anklage auch erschien, fühlte ich mich doch verpflichtet, eine strenge Untersuchung anzuordnen; wie ich aber voraussetzen konnte, war unter unsern sechs Leuten keiner, dem ein solches Vergehen nachzuweisen gewesen wäre, denn die von uns Europäern stets ausgeführten nächtlichen Rundgänge hatten ergeben, daß jeder der Leute im Lager anwesend gewesen war. Auch der Sudanesenposten konnte keine Angaben machen, was sicherlich geschehen wäre, wenn ein Suaheli sich entfernt hätte, da der pflichtgetreue Soldat mit dem etwas leichtsinnigen Suaheli nichts zu thun haben mag, und so konnte ich nur annehmen, daß die Beschuldigung auf eine Verleumdung hinauslaufen müsse.

Der zweite Fall, wonach am selben Abend zwei von der Etappestation zurückgekehrte Sudanesen in ein Zuckerrohrfeld Verwüstungen angerichtet haben sollten, war ernster. Eine Anzahl Eingeborner war sofort nach dieser Entdeckung zu dem Gouvernementsbeamten gekommen und hatten bittere Beschwerde geführt, der die Zeugen auch mitgebracht hatte und die aus den aufgestellten Soldaten einen Schauß (Sudanesen-Unteroffizier) dieses Vergehens beschuldigten. Der schwarze Unteroffizier, den ich selbst als einen unserer tüchtigsten Soldaten kannte, leugnete entschieden und bezeichnete die Aussagen der Natives als Lügen; die Ankläger nun ins Verhör genommen, stellte es sich heraus, daß sie wohl zwei Soldaten gesehen hätten auf dem Wege zwischen den Feldern, auch annähmen, diese hätten das Zuckerrohr geraubt, sonst aber nicht beweisen konnten, gerade diese beiden hätten es gethan! --

Solcher Nichtswürdigkeit, die einen schlimmen Verdacht auf unbescholtene Leute warf, war ich daraufhin entschlossen mit aller Energie auf den Grund zu gehen; konnte ich auch eine Bestrafung der Ankläger nicht herbeiführen, wenigstens sollte dann der englische Beamte einsehen, daß er als bestellter Anwalt der Eingebornen, nicht so obenhin diesen glauben und vielleicht durch ungerechte Beschuldigung Unschuldige in Verdacht und harte Strafe bringen könne. Zur Aufklärung der Sache bestand ich nun entschieden darauf, daß die Ankläger nicht entlassen, sondern bis zum nächsten Morgen unter irgend einem Vorwand in Gewahrsam gehalten würden, dann sollten, geführt von einem Europäer die beiden Soldaten zum Thatort geführt werden und aus den Fußspuren, die im weichen Boden nicht verwischt sein würden, festgestellt werden, ob diese Anschuldigungen grundlos seien oder nicht, was sehr leicht bewiesen werden konnte, da unsere Soldaten auf allen Märschen und überhaupt stets Stiefel an den Füßen trugen.

Eine Einwendung von Seiten des Mr. Bowhill, diesen Fall nicht auf die Spitze zu treiben, da wenige Kupfermünzen die Geschädigten schon zufrieden stellen würden, konnte mich nicht bestimmen das Gesagte zurückzunehmen, auch die Prophezeihung, wir Deutsche schädigen uns nur durch solches Vorgehen gegen die Eingebornen, da diese uns boykotieren könnten und hinfort kein Proviant mehr verkaufen möchten, wir also in Noth gerathen würden, war nutzlos, und wohl oder übel, sollten nicht die Folgen auf ihn selbst zurückfallen, mußte er sich fügen.

Als der Morgen kam sandte ich den Zimmermann Ottlich und den Schiffsbauer Zander unter militärischer Bedeckung mit genauer Instruktion versehen zu den weit entfernt liegenden Zuckerrohrfeldern, um an Ort und Stelle die eingehendsten Nachforschungen anzustellen; wie das Ergebniß aber auch ausfallen möge, die Hauptankläger sollten unter allen Umständen wieder zurückgebracht werden. Mit begreiflicher Spannung sah ich der Rückkehr der Abgesandten entgegen und hatte mich auf eine harte Auseinandersetzung mit dem englischen Beamten gefaßt gemacht, indem ich nicht gesonnen war, wenn die Unschuld der Beschuldigten erwiesen würde, die mir unterstellten Leute von nichtsnutzigen Eingebornen beleidigen zu lassen.

Am Nachmittage kamen denn auch alle nach einem ermüdenden Marsch in das Lager zurück, mit dem Bericht, daß sie von den Anklägern kreuz und quer geführt worden seien und schließlich an verschiedenen Punkten nur je eine abgebrochene Zuckerrohrstaude gefunden hätten; ferner sei nur die Fußspur eines Natives bemerkt worden, von Stiefelabdrücken im weichen Boden oder gar einer muthwilligen Zerstörung war überhaupt keine Rede. Nach einer solchen offenbar schimpflichen Handlungsweise, als welche diese grundlose Anschuldigung sich herausgestellt, hatte ich nicht übel Lust, zwei der Hauptankläger solch' einen Denkzettel zuzudiktiren, daß ihnen für die Folge ähnliche Handlungen verleidet würden, jedoch war dieses nicht rathsam und auch nicht möglich, da meine Befugniß nicht so weit ging eigenmächtige Entscheidungen zu treffen und diese dem die Gerichtsbarkeit ausführenden englischen Beamten nur zustanden, der aber auf meine Frage, was er nun zu thun gedenke, die Uebelthäter nur mit einem strengen Verweis bedachte und sie dann laufen ließ. Mir mußte es genügen, daß er mit Beschämung einsah, wie unüberlegt er eine ungerechte Sache zu vertreten sich bemüht hatte und die Nachgiebigkeit seinerseits diesen Vorfall als beendet zu betrachten, ließ mich um des Friedens Willen berechtigte Vorwürfe zurückhalten.

Die Erkenntniß, von dem guten Willen des Gouvernementsbeamten abhängig zu sein und die Thatsache, daß derselbe täglich eine Anzahl Träger über das Gebirge sandte, für mich aber nicht so viel Leute beschaffen konnte oder wollte, als ich für meine nothwendigsten Lasten gebrauchte, ließ mich erkennen, nutzloses Warten sei verschwendete Zeit, und zunächst darauf die englischen Händler in Katunga, dann einige Häuptlinge um Ueberlassung einiger Mannschaften ersuchend -- mußte ich doch bald mich davon überzeugen, wie nutzlos meine Bemühungen waren -- die Zeit drängte zwar und doch war ich machtlos den Verhältnissen gegenüber! --

Eifrig damit beschäftigt aus den hier lagernden geringen Beständen meine Lasten zu vervollständigen, mußte ich die Entdeckung machen, daß der Inhalt mehrerer Kisten, die Hobeln, Beile und anderes Handwerkszeug enthielten, durch die weiße Ameise zum Theil zerstört und unbrauchbar geworden waren. Solches Ueberhandnehmen der kleinen unscheinbaren Thiere konnte aber nur durch die Unachtsamkeit einzelner Europäer entstehen, die nicht durch zeitgemäßes Umpacken der Kisten der enormen Beschädigung vorzubeugen gesucht hatten, sondern an verschiedenen Orten mehrere Wochen lang die Kisten ohne Unterlage auf dem Erdboden stehen ließen und dadurch den kleinen Nagern Zeit gaben, ihre Erdgänge in das Innere aufzubauen, somit in aller Ruhe ihre Zerstörungswuth ausführen konnten.

Uebrigens wimmelte es geradezu von großen und kleinen Ameisen im Lager zu Chukwakwa, in einer Weise, daß man sich gegen die lästigen Thierchen nicht zu schützen imstande war. Saß man bei brennender Kerze Abends in der einsamen Hütte, ein Kistenbrett als Tisch, ein Koffer als Stuhl und versuchte die Gedanken zu sammeln, um einen längst schuldigen Brief für die Angehörigen endlich zu beendigen, da sobald eine Mußestunde nicht wieder kommen würde, dann dauerte es nicht lange, bis eine Anzahl schwarzer Ameisen durch die Kleider ihren Weg bis zur bloßen Haut gefunden hatten und an den Beinen hinauf oder im Genick ihren Spaziergang unternahmen.

So lange nun das eigentliche Prickeln und Krabbeln nicht überlästig wurde und man Ausdauer genug besaß, die Ameisen nicht zu stören, verhielten sich die kleinen Quälgeister auch einigermaßen anständig, aber fuhr man wüthend nach einer Stelle hin mit der Hand, wo ein Schalk, aus Aerger vielleicht weil ihm auf seinem Wege ein Hinderniß entgegenstand, die scharfen Kneifzangen in die Haut eingegraben hatte, um diesen zu tödten, faßten, durch die Bewegung erschreckt, gleich eine ganze Anzahl Zangen die empfindliche Haut und kniffen, als würden an jeder Stelle glühende Nadeln eingeführt. Sprang man aber auf, war es für alle anderen am Körper befindlichen Ameisen das Signal, herzhaft zuzufassen, suchte man dann vielleicht an den Beinen die Thierchen abzusuchen, zwickten andere tief im Genick, wo man nicht hinreichen konnte, oder im Ohr etc., bis man sich mit starker Willenskraft den Plagegeistern übergab und geduldig den Schmerz ertrug oder genöthigt war, sich auszuziehen um dann den Ameisen beizukommen suchte.

Weniger belästigend, aber auch höchst unangenehm wurden Tausende kleiner Insekten, die nach dem Lichte zustrebten und durch die Flamme verbrannt bald den provisorischen Tisch mit ihren zuckenden kleinen Körpern bedeckten, vom Papier mußten sie fortwährend abgeschüttelt oder weggepustet werden -- es war geradezu ein Wettfliegen um den Tod. Ich glaube manch' unbekanntes Insekt, Fliege, Motte und auch Käfer wäre aus der großen Anzahl herausgefunden worden, wenn ein Spezialist der Insektenlehre an Ort und Stelle solchen Vorrath an Nachtschwärmern hätte untersuchen können. Die Gesellschaft vollzählig zu machen, huschten lautlosen Fluges, nur zuweilen einen gespenstigen Schatten auf die erleuchtete Wand werfend, beutejagende Fledermäuse vorüber, sich an der menschlichen Gestalt nicht kehrend, die den Kopf in die Hand gestützt, eilige Buchstaben auf das Papier niederkritzelte, oder unbeweglich eine Zeitlang nachdenkend, dem Hasten und Jagen der Insekten zusah, welche sich nicht eilig genug ihre zarten Flügel verbrennen konnten.

Durch die herrschende Ruhe im halbdunklen Raume kühn gemacht, raschelte auch vorsichtig eine Ratte in der Rohrwand, um nach und nach auf dem Boden der Koffer einen Entdeckungszug nach Genießbarem zu unternehmen, bis sie einem plötzlich mit Wucht zugeschleuderten Schuh oder anderem Gegenstand auszuweichen suchte und mit Schrecken einsah, daß zum nächtlichen Rekognosziren die Zeit noch nicht gekommen sei. Dies sind neben sonstigen Annehmlichkeiten eines Lagerlebens mehr oder weniger unliebsame Zugaben, die aber sofort vergessen sind, sobald die kühle Nachtluft im Freien die heiße Stirne kühlt und das Auge sich in die wundervolle Sternenwelt des tropischen Himmelsgewölbes versenkt, oder dem phosphorartigen elektrischen Lichte des kleinen Leuchtkäfers zuschaut, der sich auf der Stiefelspitze oder den Kleidern zum Ausruhen hingesetzt hat, während hunderte Seinesgleichen in Busch und Gras umherfliegen, sich selbst und anderen den Weg erleuchtend -- unergründliche Wunderwelt der Schöpfung, wer ermißt die strahlende Flammengluth jener unendlich fernen Welten im ungemessenen Aether, oder ergründet die Leuchtkraft, welche die fürsorgliche Natur diesen kleinen Lebewesen auf ihren kurzen Lebensweg mitgegeben! Der Mensch mit seinem stolzen Wissen und Können muß vor dem Erhabensten und dem Geringsten in der Natur bekennen, daß alles Stückwerk ist, er im kühnen Wissensdrang wohl in die Geheimnisse der Natur einzudringen sucht, aber Räthsel auf Räthsel sein ernstes Forschen hemmt, die er nicht zu lösen vermag; indes wo nur ein leiser Schimmer der Erkenntniß das Dunkel des Geheimnißvollen erhellt, da muß der forschende Geist das urewige Walten der Gottheit anerkennen.

Drei Tage nutzlosen Bemühens für meinen Weitermarsch Träger zu erhalten, waren hingegangen und am Sonntag den 18. Dezember hatte ich mich schon gerüstet am anderen Schireufer in weit landeinwärts liegenden Dörfern mein Heil zu versuchen, als in den Morgenstunden dieses Tages der nunmehrige Chef der Transportexpedition, von Eltz, von Chilomo per Boot im Lager eintraf um fortan hier, wo voraussichtlich erst nach Monaten die Arbeiten beginnen und Träger zu bekommen waren, sein Domizil aufzuschlagen.