Part 23
Das deutsche Lager, das etwa vier Minuten vom Flusse entfernt war, hatte eine so versteckte Lage, daß es, von zwei Seiten, links und geradezu, von dichtem Wald umgeben, in der Front und rechts, lichter Busch, erst bemerkt werden konnte, wenn man vor der aufgethürmten Dornhecke stand. Als ein trockener und vorzüglicher Lagerplatz hätte in ruhigen Zeiten dieser geschützte Ort nicht besser gewählt werden können. Aber wie es sich in Folge der Ereignisse auswies, die nicht erwartet und nicht vorhergesehen werden konnten, war die Wahl dieses Ortes in Bezug auf Vertheidigung keine glückliche gewesen, obgleich de la Fremoire und Illich, die den Auftrag zur Auswahl gehabt, den besten und einzigen Ort gewählt hatten, der nahe Mpimbi überhaupt gefunden werden konnte.
Betreffs des Platzes, welcher zur Anlage der Werft in Aussicht genommen war, hatte bereits Herr von Eltz von Katunga aus sich mit dem Kommissar Mr. Johnston in Zomba in Verbindung gesetzt, um dessen Genehmigung zum Aufbau einer solchen zu erhalten; ich erfuhr aber von einem Deutsch-Engländer, Mr. Berenger, der, als Manager die Plantage unterhalb des Dorfes Mpimbi, für die Firma Scharrer & Co. verwaltete, daß die ganze Uferstrecke einschließlich dieses Dorfes dem in Blantyre ansässigen Herrn Scharrer gehöre und diesem allein das Verfügungsrecht über dieses Terrain zustehe, und würde blos die Genehmigung des Häuptlings Tschikusi darüber einzuholen sein, ob wir auch sein Dorf ungehindert passiren könnten.
Hatte ich mir damals auch noch keine rechte Vorstellung machen können wie die Verhältnisse in Mpimbi lagen, so war mir jetzt die Erklärung dieses Vertreters -- es würde kein Anstand genommen werden, uns den Platz für die Zeit des Schiffsbaus unentgeltlich zu überlassen -- eine hochwillkommene, auch Schwierigkeiten, die der Häuptling allenfalls machen könnte, würden von dieser Seite beigelegt werden; ich hätte nur die Eitelkeit des Fumo durch einige Geschenke zu schmeicheln und der sofortigen Inangriffnahme des Werftbaues stände nichts mehr im Wege.
Unterrichtet nun, in welcher Weise ich mit dem Häuptling Tschikusi zu verfahren hatte, schickte ich zu diesem einige Abgesandte mit dem Ersuchen, bald möglichst zu mir ins Lager zu kommen und, da dessen Willfährigkeit von dem Werthe des überbrachten Geschenkes abhängig war, so hatte ich ein ganzes Stück weißes Zeug als vorläufige Gabe überreichen lassen. Etwas erstaunt und verlegen war ich aber doch, als mir die Boten die Meldung brachten, daß der Fumo sie mit dem Geschenke zurückgewiesen, mit dem Bemerken, weißes Zeug sei für einen großen Häuptling keine würdige Gabe, verlegen insofern, als mein Vorrath überhaupt nur sehr gering war, denn bunte Tücher und Taschentücher wollte ich eigentlich erst nach dem Schauri herausrücken. Ein Nichtwillfahren hieß jede Verhandlung abbrechen und die Konsequenzen tragen, die in endlosen Weitläufigkeiten und Hinderung meiner Absichten bestehen würden, darum meinen ganzen Reichthum überschlagend, wählte ich ein halbes Stück blaues Zeug, einige bunte große Tücher, eine Decke und eine Anzahl recht grell gefärbte zusammenhängende Taschentücher und sandte die Boten sofort zurück mit der Anweisung, dem Häuptling verstehen zu geben, er würde noch ein ähnliches Geschenk erhalten, wenn er zugestehen würde, was ich von ihm wünsche. Diese ganze Gabe, deren Werth in Europa nur gering, muß hier, wo dieselbe einige hundert Prozent mehr gilt, doch als eine recht werthvolle angesehen werden, zumal in den Augen des Schwarzen das Bunte immer den Vorzug erhält; die Güte der Waare kommt dabei weniger in Betracht, obwohl er auch hier schon durch die herrschende Konkurrenz gewitzigt, einen kleinen Unterschied zu machen weiß.
Nun dieses Mal hatte ich mit den Geschenken Erfolg, und die überbrachte Botschaft, der Fumo würde am nächsten Morgen zur Verhandlung in das Lager kommen, ließ mich wenigstens einen günstigen Ausgang erhoffen; weniger angenehm war die Mittheilung für mich, daß Tschikusi wieder vollständig betrunken sei und seine Umgebung eigentlich die Zustimmung gegeben habe! Daher sah ich denn auch dessen Ankunft mit begreiflicher Spannung entgegen, namentlich in welcher Verfassung der Fumo sich präsentiren würde! --
Am 14. Januar im Laufe des Vormittags meldete der Wachposten die Ankunft einer Anzahl Kanoes, und bald darauf, die Insassen seien Tschikusi und sein Gefolge, vom hochgelegenen Lager den Weg zum Flusse überschauend. Nicht wenig erstaunt war ich, eine ganze Kalwakade bedächtigen Schrittes sich nähern zu sehen, mehr noch, als fast ebensoviel Weiber folgten, von denen jedes bis auf eine, vor der her ein Ziegenbock getrieben wurde, eine große Schale voll Mehl, Bataten, Bananen oder Tomaten auf dem Kopfe trug. Solch einen Aufzug, dessen Bedeutung mir zwar nicht fremd, als damit eine besondere Ehre erzeigt werden sollte, hatte ich doch nicht erwartet und bekannt mit dem üblichen Gebrauch, daß keine Person leer ausgehen durfte, überschlug ich in Gedanken was mir diese zum größten Theil unnöthige Gesellschaft kosten würde. Nachdem die allseitige Begrüßung vorüber war, während welcher die Frauen im Halbkreise sich auf den Erdboden niederhockten, die vornehmste in Front, die Ziege zur Seite, geleitete ich den Häuptling, für den ein Sprecher alles nöthige sagte, in meine Behausung, wo derselbe sich ohne weiteres in eine Ecke niederhockte und stumm wie ein Fisch seinem Gefolge alles weitere überließ. Die Verhandlung von meiner Seite sodann durch einen Dollmetscher eröffnend, wurde mir erst, ehe irgend eine Erwiderung erfolgte, bekannt gegeben, daß unter den nun vor dem Eingang meines Hauses wieder im Halbkreis sitzenden Frauen die Gattin des Häuptlings sich befinde, die als besonderes Geschenk für mich die mitgebrachte Ziege überreichen wolle. Natürlich erforderte es nun die Höflichkeit, diese schwarze Dame auch zu begrüßen und die Gabe von derselben in Empfang zu nehmen, auch die nun angebotenen Naturalien des Gefolges durften ebensowenig zurückgewiesen werden. Daraufhin bestimmte ich die auszutheilenden Gegengeschenke und ließ durch Knuth einer jeden ein ganz gleiches Stück Zeug verabfolgen, einerlei, ob das Ueberbrachte gering oder werthvoller war, nur mit der Häuptlingsfrau machte ich eine Ausnahme, indem ich den Werth der Ziege mit sechs Faden weißes Zeug und einem größeren bunten Tuch bezahlte.
Diese gleiche Vertheilung der Gegengeschenke schien alle zu befriedigen, und soweit ich die Ausdrücke der zuschauenden Männer beurtheilen konnte, auch diese mit Genugthuung zu erfüllen; sah doch ein Jeder, daß keiner unter ihnen zu kurz kommen würde, wenn die Frauen das erhaltene ihnen wieder abgeben würden. Als die Frauen und Fräulein, halb in Evakostüm, abgefertigt waren, wandte ich mich dem stupide dreinblickenden Häuptling wieder zu und legte der still zuhörenden Versammlung meine Wünsche vor. Es schien, daß über das Für und Wieder meines Anliegens der Sprecher nichts zu erwähnen habe und der Häuptling stillschweigend zu allem seine Zustimmung gebe, nur als ich noch um Stellung einer Anzahl Arbeitskräfte antrug, wurde mir dieses mit dem Bemerken abgeschlagen, die Männer und Frauen sind jetzt in den Matama- und Maisfeldern beschäftigt.
Das absolute Stillschweigen Tschikusis zu allem Gesagten, der übrigens keinen besonders imponirenden Eindruck machte und dessen Kopf vom letzten Rausche noch bedenklich schwer erschien, indem er sein würdevolles Haupt zeitweilig tief sinken ließ, wollte mir nicht gefallen und ob auch der Sprecher die Zusicherung gab, der Fumo ist mit allem einverstanden, so wollte ich doch auch aus diesem schwarzbärtigen Munde selbst die Bestätigung hören, vorausgesetzt, daß er überhaupt sprechen wollte, was wie ich gehört, zeitweise ganz vernehmlich und nachdrücklich geschehen könne. Daher kehrte ich mich nicht weiter an das plappernde Faktotum sondern rückte Tschikusi direkt zu Leibe, und siehe da, die stummen Lippen öffneten sich und ich hörte die Zusage von diesem gefürchteten Häuptling selber -- das genügte mir. --
Eigentlich wider Erwarten rasch war diese Angelegenheit von den Betheiligten erledigt worden, nur meinerseits hatte ich den bekundeten guten Willen noch dadurch zu belohnen, daß ich jedem der Männer nun gleichfalls ein Geschenk überreichen ließ; des Häuptlings und seines Ministers selbstverständlich ganz besonders gedenkend. Immerhin waren diese gering anzuschlagen gegenüber der Thatsache, daß hierdurch vielen Scherereien aus dem Wege gegangen war.
Am andern Morgen, als ich zum zehn Minuten vom Lager entfernten Bauplatze mit Handwerkzeug und einigen Suaheli auszog, kamen wir den unter den hohen Bäumen dort Matama stampfenden Weibern etwas ungelegen, denn widerwillig schienen sie nur weichen zu wollen und uns den Platz, worauf sie so lange unbeschränkt ihren häuslichen Verrichtungen hatten nachgehen können, zu überlassen. Unangenehmer noch war es ihnen, von der so bequem gelegenen Wasserstelle ablassen zu sollen, die unter dem Schatten zweier mächtiger Bäume an der hier seichten Uferstelle sich befand; sonst fiel das Ufer überall steil ab und bot sich in der Nähe kein Zugang weiter zum Flusse.
Als Schöpfapparat bedienen sich die Frauen des weitverbreiteten Flaschenkürbis, dessen Form und feste Schale sich ganz besonders dazu eignet; wagen sie es nicht der Krokodile wegen hiermit Wasser zu schöpfen, so wird in dem ebenfalls hohlen Stengel eine Stange eingeschoben und sie können nun damit nach Belieben und mit Sicherheit klares Wasser erlangen; ihre Wasserbehälter sind aus Thon gebrannte Töpfe und werden stets mit Geschick auf den Köpfen getragen.
Ehe ich nun die Reinigung des Platzes vornehmen ließ, der übrigens zum größten Theil mit hohem Grase bestanden war, hatte ich die Grenzen desselben abzustecken, wobei ich, um Raum zu gewinnen die Linie so dicht an einzelnen vorstehenden Hütten entlangführte, daß der projektirte Zaun diese berühren mußte. Zur Linken, dem Flusse zugekehrt, hätte ich wohl Terrain gewinnen können, da hier die Hütten weit genug zurück lagen, aber meine Absicht, soviel zu nehmen als nur möglich, wurde durch den Widerspruch der Dorfbewohner vereitelt, indem sie eine eingerissene Hütte worunter ein Todter begraben lag, nicht in der geplanten Umzäunung eingeschlossen wissen wollten. Auch die Entfernung einiger Hütten, die mir landeinwärts äußerst hinderlich, konnte ich aus diesem Grunde nicht durchsetzen; sie wollten absolut nichts davon wissen, obgleich ich strenge Schonung der Grabstätten zusagte, wenn diese in unserem Bereich verblieben.
Die Länge des Platzes, etwa 150 Fuß hätte mir genügt, nur die Breite von 85´ nicht, denn die tiefe Rinne welche ich graben lassen mußte würde 110´ landeinwärts betragen. Vorläufig jedoch ließ ich mir daran genügen, um Verwickelungen aus dem Wege zu gehen, die sehr leicht durch ein schroffes Auftreten entstehen konnten, zumal es mir nicht unbekannt geblieben, daß auch hier die Gesinnung der Bevölkerung gegen die Engländer keine günstige war, gewährt und hervorgerufen durch die zwangsweise Eintreibung der ausgeschriebenen Kopfsteuer.
Um die Arbeiten nun nach Möglichkeit zu fördern, namentlich die Umzäunung vorzunehmen, suchte ich die Dorfbewohner dazu heranzuziehen in der Weise, daß, wenn sie sich nicht in Tagelohn (d. h. per Woche bekam hier der Arbeiter zwei Faden = 12 Fuß Zeug) annehmen lassen wollten, sie mir alltäglich auf ihrem Rückwege von den Feldern Rohrbündel mitbringen sollten, die ich ihnen à zwanzig Stück, mit einem Faden Zeug bezahlen wollte; aber aus der beträchtlichen Zahl Männer und Frauen fanden sich nur wenige, die auf dieses Anerbieten eingingen, und das Herbeischaffen von Rohr ganz unterließen, als ihnen der ausbedungene Preis nicht schon bei acht oder zehn Bündel voll ausgezahlt wurde. In sumpfiger Niederung oder am Flußufer wächst dieses Rohr in so großer Anzahl, daß es wirklich den Leuten keine Mühe machte es zu schneiden und mitzubringen, allein, jede unnöthige Arbeit hassen sie und machten sich daher nichts aus dem Verdienst; ihre Ansprüche so äußerst gering, -- fühlen sie nicht das Bedürfniß nach mehr.
Eifrig bestrebt nach Möglichkeit die angefangenen Arbeiten zu fördern, zog ich mit wenigen Leuten öfter in den das Lager umgebenden Wald, um in diesem passende Hölzer zum Bau der Häuser auszusuchen und zu fällen, hauptsächlich weil das Herbeischaffen der benöthigten Baumstämme von den Bergen für meine paar Leute sehr zeitraubend und schwierig war, konnte ich doch nur des Morgens eine Abtheilung hinaussenden, die um Mittag zurückgekehrt, dann Ruhe haben mußten, damit die Leute Nachts den Postendienst versehen konnten. Der das Lager umgebende Wald, bestand meistens aus hohen Bäumen, jedoch das Untergebüsch war so wild und dicht, daß man nur mit der Axt einen Weg hindurch bahnen konnte und fast kein Sonnenstrahl durch die hohen dichten Kronen der Bäume und diesem Blättermeer zu dringen vermochte, -- die vorherrschende Dämmerung, die tiefe Einsamkeit in diesem erweckten das Gefühl, als wäre man entrückt und fern aller menschlichen Wohnstätten, oder befände sich auf einem Kirchhof, auf welchem die gestürzten modernen Waldriesen der Natur den Tribut zahlten. Hier war auch die Behausung der Panther und Hyänen, die nächtlicher Weile das Lager umschlichen; solche die zwar vor den Menschen flohen und nur selten sich blicken ließen, dagegen in der Dunkelheit ohne Scheu die hindernden Dornhecken des Lagers übersprangen um nach Beute Umschau zu halten. Viel Schaden haben uns die Räuber dadurch zugefügt, daß sie trotz der wachsamen Posten uns manche Ziege raubten, oder die Wildkatze in den Hühnerstall eindrang und Verheerungen anrichtete.
Einen Fall von der Kühnheit eines Panthers will ich hier anführen: Im Lager, das von Dr. Röver später bedeutend ausgebaut wurde, verblieben die Soldatenwohnungen an der Waldliesère, wie ich sie hatte aufführen lassen bestehen. Diese langgestreckten Hütten nach der Innernseite zu fast ganz offen, im Hintergrund so niedrig aber, daß das Dach fast den Erdboden berührte, waren für jede Abtheilung in besondere Räume getheilt und mit den provisorischen Schlafstätten der Soldaten, selbsterrichtete Kitandas so angefüllt, daß in der That nur schmale Gänge übrigblieben. So gezwungen immer auf den Kitandas zu sitzen oder zu liegen, wurden im Vordergrund meistens kleinere Feuer unterhalten, die während der meisten Nachtstunden, so lange die Leute noch munter oder sich unterhaltend umherlagen, das dunklere Innere etwas erhellen sollten. Eines Abends also, alles hatte sich zur Ruhe gelegt, wurden die mitten im Lager angebundenen Ziegen unruhig und ein Posten, der es bemerkt, verscheuchte durch seine Annäherung das Raubthier; der auf dasselbe abgegebene Schuß aber alarmirte sofort das ganze Lager. Es war ein Panther, der nun, da er nicht im Stande war, den Ausweg zu ereichen, sich in eine der Soldatenhütten einschlich und unter eine Kitanda verkroch. Der betreffende Schläfer durch den Alarm ermuntert, bemerkte, daß unter seiner Schlafstelle etwas nicht in der Ordnung sein mußte und sich niederbückend, sah er beim Scheine des in der Nähe glimmenden Feuers vor sich die glühenden Augen des gefährlichen Raubthiers. Er folgte dem ersten Impulse das Thier zu verscheuchen, erfaßte einen glimmenden Holzscheit und schlug nach den funkelnden Katzenaugen.
Der Panther, von dem plötzlich entstandenen Lärm nun wohl schon ängstlich gemacht, wich dem Schlage aber aus, und die dünne Graswand durchbrechend, gewann er das Freie. Ein junger Teckel, der einzige den wir noch besaßen, hatte sich zu nahe gewagt und wurde von dem Panther erfaßt, während dieser den Gang zwischen Häuser und Hütten durchlief, hier über die Dornhecke setzte und im Walde verschwand, aus welchem das ängstliche Geheul des Hundes noch vernehmbar, allen anzeigte, welchen Weg der Räuber mit seiner auf der Flucht erfaßten Beute eingeschlagen hatte.
Sehr oft haben auf diese Weise die kühnen Panther uns die Nachtruhe gestört und meistens immer ein Zicklein oder größere Ziege erbeutet; weite Streifzüge sind unternommen worden oder den Räubern Hinterhalte gelegt, nie aber gelang es eines der gewandten Thiere bei der herrschenden Dunkelheit zu erlegen, höchstens wurde ihnen, die durch einen Schlag mit der mächtigen Tatze getödtete Ziege wieder abgejagt.
Den Wald, den ich wie gesagt nach passenden Baumstämmen absuchte, lernte ich auf diesen Streifzügen genügend kennen ohne jedoch reichliches Material an jungen schlankgewachsenen Stämmen vorzufinden, im Gegentheil die Ausbeute war nur gering zu nennen, auch fand ich nur brauchbares Material an den hohen Ufern des jetzt trockenen Wildbaches vor, der diesen Wald durchschnitt und in der Regenzeit die Bergwasser dem Schireflusse zuführte.
Im tiefsten Walddunkel, wo das Unterholz weniger dicht und nur Farne unter den hohen Bäumen wucherten, fand ich auch unvermuthet eine Grabstätte, etwa fünfzig Gräber dicht an dicht gereiht. Kein Fuß eines Eingeborenen verirrte sich je hierher -- selbst meine Leute vermieden diese Stätte zu betreten, wenn ich den einen oder anderen der kürzeren Entfernung wegen von dem Wildbache aus zum Lager sandte, und machten lieber einen Umweg. Einladendes hatte diese Grabesstille gerade nicht, so versteckt lag der Ort und so düster war die ganze Umgebung; jedes Grab war mit Topfscherben übersät, die den einzigen Schmuck der Hügel bildeten, soweit solche noch zwischen Gras und Kräuter erkennbar waren, sonst zeigte nichts an wer wohl unter einem der Hügel die Ruhe gefunden hatte. Genöthigt beständig zwei Leute, die der Sprache der Eingeborenen mächtig waren, zum Einkauf von Proviant auszusenden, -- den Einkauf besorgte der Suaheli Hamissi, -- sandte ich diese vorerst immer nach Perisi in welchem Dorfe mir die Zusage gegeben worden war meinen Boten Proviant verkaufen zu wollen. Durch diese Leute nun, die meistens auf solcher Tour zwei Tage ausblieben und Gelegenheit hatten Verschiedenes zu hören und zu sehen war ich einigermaßen von der Gesinnung der Bevölkerung unterrichtet und konnte aus den gemachten Mittheilungen entnehmen, daß die überall verbreitete Unzufriedenheit einen schlimmen Ausgang nehmen würde.
Am 21. Januar wieder nach Perisi zurückgekehrt, berichtete Hamissi, er sei durch zugezogene Leute im Dorfe während der Nacht überfallen worden und hätte nur dadurch die Angreifer von sich abgehalten, weil er gedroht habe zu schießen, am Morgen hätte er dann eiligst den Rückmarsch antreten müssen und von den eingekauften Vorräthen wenig mitnehmen können. Dieser Vorfall war um so bedenklicher, als die beste Quelle, woher ich Lebensmittel erhalten konnte, fortan für uns verschlossen war; es blieb mir daher nichts anderes übrig, als die Leute nun in die flußabwärts liegenden Dörfer zu senden, die weit zerstreut und wenig bevölkert, nur in geringem Maaße Naturalien abzugeben vermochten. Im Dorfe Mpimbi selbst war nichts zu erhalten waren auch Ziegen, Schafe und Hühner reichlich vorhanden, so weigerten sich die Bewohner doch, uns das Geringste abzulassen.
Die im Umlauf befindlichen Gerüchte ließen auf eine immer mehr wachsende Erregung schließen, nur wußte man nicht, woher solche kamen, auch fehlte dafür ein bestimmter Anhaltspunkt; so hatte ich auch persönlich das Gefühl, wenn ich auf dem Wege zur Werft oder im Dorf einem Trupp Männer begegnete, daß die schwarzen Gestalten sicher nichts Gutes im Schilde führten und diesen gegenüber Vorsicht geboten wäre.
Etwas freie Hand bekam ich erst durch die Ankunft eines Transportes von Katunga, der mir unter Führung des Maschinenmeisters Spenker und des Zimmermanns Ottlich Schiffsmaterial brachte, allein auch die Sorge für die Verpflegung erhöhte, denn ich hatte eine Verstärkung der Besatzung nicht gewünscht, schon aus dem Grunde nicht, weil es so schwierig war, genügende Lebensmittel zu erhalten; das nur war mir lieb, einen Vertreter jetzt im Lager zu haben, denn nun konnte ich daran denken, am anderen Schireufer eine Exkursion zu unternehmen, um im dichten Urbusch einige Bäume auszusuchen, die gefällt, zu Balken behauen werden mußten.
Auf dem linken Ufer fand ich solche hohen und geraden Bäume die dem Zweck entsprochen hätten nicht, waren doch zur Kielunterlage 200 Fuß Balken nöthig, welche das Gewicht des eisernen Körpers zu tragen hatten, auch mußte jeder Balken möglichst lang sein, um ein Einsinken in dem theils vom Flußwasser, theils vom Regen aufgeweichten Grund zu verhindern. Lange Wochen würde diese Arbeit in Anspruch nehmen und hatte ich mir deren Beendigung mit der Fertigstellung der Ausgrabung auf der Werft zusammenfallend gedacht, sofern das drohende Unwetter sich verziehen würde und ich in Ruhe meinen Plan zur Ausführung bringen könnte, der darin bestand, mit allen verfügbaren Kräften vorzugehen, sobald die nothwendigsten Arbeiten im Lager beendet sein würden. Es sollte freilich ganz anders kommen. --
Ich hatte den Abmarsch zum anderen Ufer nun einmal geplant, deshalb führte ich diesen am Morgen des 24. mit einer kleinen wohlausgerüsteten Truppe auch aus. Hätte mir ein Boot oder Kanoe zur Verfügung gestanden, würde der Marsch sehr verkürzt worden sein, indem ich dann direkt über den Fluß gesetzt wäre und versucht haben würde, durch das hohe Ufergebüsch einen Weg in das hinterliegende Terrain zu bahnen, so aber waren wir gezwungen, weit unterhalb Mpimbi die einzige Kanoefähre zu benutzen, welche von dem der Station Scharrer gegenüberliegenden Dorfe unterhalten wurde. Gegen eine Bezahlung in Zeug setzte uns auch der schwarze Fährmann mit seiner Nußschale hier über den stark strömenden Fluß, dann durch die Irrwege dieses ausgedehnten Dorfes, angekläfft von den höchst unansehnlichen Hunden, folgten wir einer bestimmten Richtung, bis wir schließlich, weithin sich erstreckende Maisfelder hinter uns lassend, an das hohe Ufer eines Nebenflusses des Schire gelangten und hier auf einem schmalen Fußpfad, durch Büsche und hohes Gras, vordrangen.
Rasch marschirend, hatten wir bald ein welliges Terrain erreicht und konnten von freier gelegenen Punkten bessere Umschau halten, jedoch vergeblich suchten wir auf der weiten Fläche nach passenden Bäumen. Nur zur Linken, wo das tieferliegende Gelände weithin mit undurchdringlichem Gebüsch und Rohr längs dem ganzen Flußufer bedeckt war, ragten die Kronen hundertjähriger Baumriesen empor, deren Stämme schlank in die Lüfte strebten.
Vereinzelt freilich standen diese Bäume inmitten einer Wildniß, wie solche nicht großartiger gedacht werden kann; ein fester Wall, eine lebende Mauer schien hier aufgethürmt zu sein, die sich kein Menschenkind unterfangen konnte zu durchbrechen. Meilenweit schon hatten wir den einzigen Pfad verfolgt, der zu einer bewohnten Stätte führen mußte, aber auch vergeblich versucht, links durch das Dickicht zu dringen, immer wieder mußten wir zurückweichen. Endlich, in einer Senkung sahen wir eine Lücke, wo das Dickicht zurücktretend, einer ausgedehnten saftigen Wiese Raum gelassen hatte und hier gelang es erst einem der mächtigen Bäume nahezukommen. In 50 Fuß Höhe begannen die fast wagerechten Aeste sich erst auszubreiten, die Krone des Baumes war gewaltig, der Stamm wohl zwölf Fuß im Umfang und fast wollte es mir als zu schwer erscheinen, aus solchem Riesen einen passenden Balken zu behauen, aber waren alle anderen im dichten Gebüsch nur annähernd so, dann blieb nichts anderes übrig, als rüstig an die Arbeit zu gehen.
Beim weiteren Suchen fanden wir auch einen Flußpferdpfad, und da dieser sicherlich zum Wasser führt, bot sich die einzige Möglichkeit in das Dickicht vorzudringen; schnell entschlossen folgte ich diesem, hoffend, jenen Bäumen näher zu kommen, die für uns sonst unreichbar waren. Auf ausgetretenem schlammigen Grund, den die Füße der mächtigen Thiere zerstampft hatten, schritten wir fort, über uns Strauch, Busch und Rohr, gleich einer festverbundenen Decke und im Gange selbst tiefe Dämmerung, nur zuweilen brach ein schwacher Lichtstrahl durch die grüne Wölbung. Ueber Wurzeln und wie Hanftaue starke Schlingpflanzen zu stolpern, war kein angenehmes Wandern, Zweige, die einem Kiboko nicht hinderten, sperrten uns den Weg und mancher empfindliche Schlag traf dazu das Gesicht. Indes nach längerem Vordringen kamen auch freiere Stellen, wo man sich besser bewegen konnte und weniger dichtes Gebüsch eine Umschau gestattete. Es gelang auch mit Buschmessern eine Bahn zu hauen und zu mehreren Bäumen heranzukommen, jedoch wider Erwarten waren deren Stämme zu krumm, oder ihr Umfang zu gewaltig und nur zwei hätte ich als brauchbar bezeichnen können.
Da nun der Zweck erreicht war, so folgten wir den Spuren der Flußpferde, nur um unsern Durst am frischen Wasser zu löschen und standen endlich nach vielen Mühen am Ufer des Flusses, den wir am frühen Morgen nahe seiner Einmündung in den Schire bereits gesehen hatten. Das Flußbett schien an dieser Stelle eine Strecke auf- und abwärts tief zu sein, was in mir den Wunsch erweckte, dasselbe genauer zu untersuchen, denn vielleicht wäre es möglich, die Balken später flußabwärts zu flößen, das einfachste und bequemste Mittel, uns die schwere Arbeit zu erleichtern. Gesagt, gethan -- an der Uferböschung entlang ging es vorwärts, nicht achtend der spitzen Stacheln, des messerscharfen Schilfgrases und der Stiche blutdürstiger Insekten und möglichst mit dem Flusse Fühlung haltend, bemerkten wir bald flacheres Wasser und indem wir nun den strapaziösen Weg im Gebüsch aufgaben, schritten wir auf dem Flußgrunde und über freiliegende Sandbänke fort.
Der Ausdehnung nach zu urtheilen, welche das größtentheils jetzt trockene Flußbett hatte, mußten hier zeitweise gewaltige Wassermassen dem Schire zugeführt werden und wo wir jetzt trockenen Fußes gingen, sich wilde Wogen wälzen, was aus dem starken Gefälle zu schließen war. Ich hatte mich auch bald überzeugt, daß es eine Unmöglichkeit war, zur Zeit diesen Fluß zu benutzen, selbst sein seichtes Bette bot nicht mal einen bequemeren Weg; darum, sobald das dichte Ufergebüsch hinter uns lag, kletterten wir die steilen Uferwände wieder hinauf und setzten unsern Weg quer landeinwärts fort.