Part 38
Leopard-Bai hat der Forscher diese kleine Bucht benannt und mit Recht, denn in dieser Steineinöde, in den labyrinthartigen Gängen giebt es für das gefährliche Raubtier keinen besseren und sicheren Zufluchtsort. Die Ebene zwischen Rifu und Tsenga, von allerlei Wild belebt, das diesen einzigen Zugang zum See offen hat, um nächtlicher Weile zur Tränke zu kommen, ist für den Leoparden und Panther ein ergiebiges Jagdgebiet. Dumpf hallte in mancher Nacht das zornige Knurren dieser großen Katzen an der Felswand wieder, und habe ich auch nur einmal hier am Tage den schleichenden Räuber gesehen, so vernahm ich zu Zeiten, wenn ich hier vor Anker lag, in den stillen Stunden der Nacht doch immer jene, vom Echo über das Wasser getragenen Laute.
Nach längerem Suchen fanden wir in genügender Zahl trockene Bäume, nur Schwierigkeit machte es, das Holz von der Höhe herab und zwischen die Steinmassen hindurch zum Strande zu schaffen, aber viele Hände machen der Arbeit bald ein Ende -- so war auch bis zum Abend unser Bedarf reichlich gedeckt.
Die Methode der Atonga, im freien Wasser Fische zu fangen, lernte ich hier auch kennen; erblickten sie einen Schwarm abertausend kleiner Fische im flachen Wasser, die vor dem Boote herflohen, sprangen sie, wenn zahlreich genug, in das Wasser und sich schnell im Halbkreis vertheilend, trieben sie solche vor sich her, indem sie gleicherzeit ihre Lendentücher als eine Art Netz benutzten, sie fingen auf diese Weise eine beträchtliche Zahl fingerlanger Fische. Primitiv, oder gar nicht gereinigt, wurden die getödteten Thiere dann auf dünnen Stäben aufgespießt und meistens sofort an Feuern geröstet. Die Eingeborenen sind stets sehr begierig nach Zündhölzern, die ihnen die Mühe ersparen, auf ihre Weise Feuer zu machen, darum bieten sie auch für eine Schachtel einen beträchtlichen Gegenwerth; haben sie aber keine Zündhölzer, wird auf einem weichen Stückchen Holz ein zugespitzter Stab von hartem Holz senkrecht aufgesetzt und dieser dann zwischen den flachen Händen schnell gequirlt, es erzeugt die rasche Reibung Rauch und Feuer auf dem weichen Holz und eine Hand voll trockenes Gras ist schnell in Flammen gesetzt. Auf dem Marsche haben sie meist immer einen glimmenden Holzscheit, der zum Bedarf mitgeführt, die Mühe des Feuermachens ihnen erspart, droht die schwache Gluth zu erlöschen, schwingt der Träger das Holz durch die Luft und facht es so von neuem an.
Da unsere Expedition von Kolonialfreunden mit manchem Gegenstand bedacht worden war, worunter auch große Fischnetze, so habe ich später solche häufig benutzt, um, wo es angängig, prachtvolle Fische uns zu fangen. Karpfen, Bleie und andere, unsern besten Fischen in der Heimath zu vergleichen, wählten wir am liebsten aus der großen Zahl aus, was nicht verzehrt werden konnte wurde geräuchert; nur darauf mußten wir achten, ehe jede Art uns bekannt war, daß wir keine giftigen Fische wählten. Waren es auch nur wenige Arten, so war es doch rathsam bei der Auswahl jedesmal einen Eingeborenen hinzuzuziehen. Einst vom Norden des Sees zurückkommend, hatte ich fast 200 Eingeborne verschiedener Stämme an Bord, für die ich nirgends genügend Proviant hatte aufkaufen können, auch wider Erwarten durch Wind und Seegang aufgehalten, erreichte ich erst Leopard-Bai, als ich mit dem Schiffe schon vor Port Maguire sein sollte. Da die Leute hungrig waren (seit zwei Tagen hatten sie nichts mehr zu essen gehabt) äußerten sie den Wunsch an Land gehen zu dürfen, sie wollten versuchen sich Fische zu fangen. Ich hatte kaum Zeit und Gelegenheit gehabt, in dieser Bai fischen zu können, daher glaubte ich, ein Versuch würde nicht schaden und mit 26 Mann im Boot begann ich unser Netz im weiten Bogen auszustellen. Darauf wurden alle Leute ins Wasser geschickt, damit sie an den Flügeln des Netzes aufgeschlossen, dieses an Leinen strandaufwärts ziehen sollten, und bald sah ich, daß eine Unmasse Fische gefangen waren.
Eitel Jubel und Freude war es, solch einen Reichthum durch einen einzigen Zug erhalten zu haben; bei der Vertheilung an Bord ergab eine flüchtige Zählung 530 Fische, die zum größten Theil noch am selben Abend verzehrt wurden.
Nachdem Monkey-Bai am nächsten Tage erreicht worden war, wurde dort so viel Feuerholz als möglich aufgekauft, auch überzeugte ich mich auf welche Weise die Eingebornen so viel trockenes Holz gewinnen können, da in so wenig Tagen eine beträchtliche Masse herangeschafft worden war. Ihre Methode ist einfach genug. Sie wissen nämlich, daß grünes Holz ihnen nicht abgenommen wird, deshalb lösen sie die Borke von vielhundert Bäumen und lassen diese absterben und dann erst, wenn die Stämme ausgetrocknet sind, werden sie gefällt. Zurückgekehrt nach Port Maguire, warteten wir unthätig auf die Ankunft des Majors von Wißmann, der nach den letzten Nachrichten bestimmt mit der Domira eintreffen wollte. Indes als am 15. September die Domira zurückkam war der Major nicht an Bord, vielmehr nur der Befehl, der »H. v. Wißmann« sollte so viel als möglich von den Beständen des Lagers an Bord nehmen und dann die Reise nordwärts nach der Station Langenburg antreten.
Zwei Tage später, am 17. September, mit mehreren Passagieren an Bord, unter denen ein deutscher Missionar, Herr Wolf, der für die Missionsstation Wangemannshöhe bestimmt war, verließ ich die Station und über Monkey-Bai direkt weiter, fuhr ich unter der hohen steilen Felsenküste an der Ostseite des Sees entlang, der größten Insel im Nyassa-See Likoma zu. Die ganze Küstenstrecke von Malambe Point 13° 25´ S. Br. bis Cap Mala 12° 12´ S. Br. erscheint, wenn man geraden Weges, ohne den Einbuchtungen zu folgen, auf einige Meilen Abstand vorbeifährt, als eine mächtige Gebirgskette, die immer höher nach dem Innern zu ansteigt, bis solche zu dem 6-7000 Fuß hohen Plateau übergeht.
Einen reizvollen Anblick gewährt es im hellen Sonnenlicht über die tiefblaue unergründete Fluth hinsegeln zu können; der See, vom frischen Ostwinde leicht bewegt, der die schneeweißen Segel des Schiffes straff aufbläht, war es gewiß nicht zu verwundern, wenn, wo immer wir dem Lande nahe kamen, die Eingebornen in hellen Haufen herbeiströmten, um dieses noch nie gesehene Schauspiel näher zu betrachten. Auch auf den Beobachter macht die wechselvolle großartige Scenerie einen erhebenden Eindruck; gleich einem gewaltigen Meerbusen liegt der See ausgebreitet da, Nord und Süd eine unbegrenzte Wasserfläche und nur nach Westen heben sich die Bergmassen des Angoni-Hochlandes in schwarzblauer Färbung über dem Horizont empor.
Da auch ich noch ebenso unbekannt war mit der ganzen Küste wie der Kapitao Kambajalika, der mir nur den Hafen von Likoma 12° 7´ S. Br. und 34° 45´ O. Lg. näher zu bezeichnen wußte, so mußte ich in der Dunkelheit, 6-1/2 Uhr Abends über Cap Mala hinaus weiter dampfen und versuchen, die von diesem Punkte aus erst sichtbare Insel Likoma noch zu erreichen. Tiefe Nacht war es, als das Schiff zwischen Rocks und vorliegende Felseninseln hindurch langsam in die ziemlich offene Bai einfuhr, und erst dicht unter Land fiel der Anker auf 30 Fuß Wassertiefe.
Im Sonnenlichte des neuen Morgens aber zeigte sich dem erstaunten Blick ein neues Bild voll eigenartiger Gestaltung; nicht hohe aber desto zerrissenere Felsmassen, bestreut mit bröckelndem Gestein, kegelförmige Hügel, deren Kronen abgerundet, die alle ein gleichmäßiges Aussehen hatten, ließen die Inseln fern und nah wie ein großes Trümmerfeld erscheinen. Jahrtausende haben hier wenig Einfluß geübt, als auf den kahlen Felsen nur eine kümmerliche Vegetation Fuß gefaßt und ein spärlicher Baumwuchs seine Wurzeln im harten Gestein geschlagen hat. Auffällig waren nur nahe dem Strande einige mächtige Baobab-Bäume, Zeugen grauer Vorzeit, die ihre viele Jahrhunderte alten Kronen in den Lüften wiegten.
Vom Ufer aufwärts führte ein primitiver Weg zu der nach Norden von hohen Felsen geschützten Mission »Universities Mission«. Der flache große Platz ist von einer Felssteinmauer umgeben; hin und wieder nur einige Büsche und niedrige Bäume, bietet er dennoch dem Besucher einen überraschenden Anblick dar, ganz anders als wie man sich die Anlage einer großen langjährigen Missionsstation denken würde. Vollständig unregelmäßig, ohne jeglichen Plan oder Symmetrie, liegen die aus Baumstämmen mit Rohrwänden und Grasdächern kunstvoll errichteten Häuser der Missionare zerstreut umher, jedes Haus, mit Absicht getrennt, für sich allein, ebenso das Schulhaus, die Zimmer- und Schmiedewerkstatt, die Druckerei und ganz zurück die große, aus Steinen aufgeführte Kirche mit einem mächtigen Grasdach über die starken, aber primitiven Mauern. Die ganze Anlage wird auf Jeden anfänglich einen unschönen Eindruck machen, aber bedenkt man, daß auf der Insel kein anderes Material vorhanden ist, vor allem, wie in Bandawe kein Lehm- und Thonlager, so muß man doch zugeben, es ist mit großem Geschick und Benutzung der gebotenen Mittel viel gethan worden. Seit Begründung der Mission im Jahre 1876 war die Lage der Häuser von vornherein eine andere gewesen, aber seitdem im Jahre 1892 eine Feuersbrunst die ganze Station, einschließlich der Kirche bis auf den Grund zerstört hatte, hat namentlich der Archdiakon Mapple eine möglichst getrennte Lage aller Bauten eingeführt, um so dem verheerenden Element nicht wie früher ein schnelles Umsichgreifen zu ermöglichen. Jeder Tropfen Wasser muß durch die weiblichen Zöglinge vom See heraufgeholt werden, die mit Gefäßen auf den Köpfen, das köstliche Naß, wie es klarer und reiner kein Brunnen liefern könnte, aus der Fluth schöpfen, und so ist es wohl erklärlich, daß aus Mangel an Wasser ein einmal ausgebrochenes Feuer nicht mehr eingedämmt werden kann.
Aufs Freundlichste jetzt und zu jeder Zeit, so oft auch der »H. v. Wißmann« in Likoma zu Anker lag, von den Missionaren begrüßt, war es mir ein um so lieber Aufenthalt, als eine gewisse Herzlichkeit und gegenseitiges Wohlwollen uns Deutsche mit den englischen Missionaren verband. Wochenlang haben später der Bischof Hornby, Dr. Robinson und andere mit dem deutschen Schiffe Erholungsreisen auf dem See gemacht, und dem uneigennützigen Streben, der für das Christenthum hier in so weltentlegener ferner Gegend wirkenden Männer kann man nur alle Hochachtung zollen.
Wie schon beim ersten Anblick Felsen und Felstrümmer ins Auge fallen, so bleibt diese Erscheinung auf der ganzen großen Insel sich überall gleich. Der wenig fruchtbare Boden verspricht nur einen mäßigen Ertrag, und etwas erstaunt war ich, zu hören, daß diese doch über 2500 Einwohner zählt; freilich, ein großer Theil der Bedürfnisse wird mittelst Canoes von dem 6 Seemeilen entfernten Festlande herübergebracht und zu Zeiten, wenn die Ernte kümmerlich ausgefallen ist, soll sich ein enger Handelsverkehr zwischen Insel und Land entwickeln. Auch mächtige Häuptlinge am Festlande üben eine gewisse Oberhoheit noch über die Bevölkerung aus und öfter haben die Missionare unerhörte Ansprüche derselben ernstlich zurückzuweisen. Schlimm für die Bewohner der Insel ist es, daß eine Unmenge giftiger Schlangen, denen im Felsgestein nicht beizukommen ist, hier sich aufhalten, und keine Woche soll vergehen, in welcher nicht mehrere gebissen werden. Das Gift der Schlangen ist unbedingt tödtlich, dennoch werden viele von den Missionaren gerettet, wenn sie sich sofort zur Mission bringen lassen; vernachlässigte Fälle ziehen manchen, sobald sie zu spät einsehen, daß die Kunst ihrer Zauberer sie nicht retten kann, ein langes Siechthum zu. Zum Beispiel, wenn Giftzähne in der Wunde geblieben, versucht der Medizinmann solche auf folgende Weise zu entfernen: zuerst nimmt er von vier verschiedenen Wurzelarten kleine Stückchen, kaut diese mit etwas Holzkohle und Salz zu einem Brei und saugt dann, die Mischung im Munde behaltend, so lange an der bezeichneten Stelle, wo die Giftzähne sitzen sollen, bis durch Beißen und Quetschen mit den Zähnen diese herausgedrückt sind. Die Giftzähne hebt der Medizinmann sorgsam auf, um sie mit irgend einer Daua (Medizin) zu vermischen, die als ein Mittel gegen den Schlangenbiß betrachtet wird. Die Thätigkeit der Missionare beschränkt sich nicht auf Likoma allein, vielmehr an der portugiesischen Küste, den Orten Kaango, Utonga, Umba, Panzo, Pachia, Msomba und andere sind Kirchen und Schulen errichtet, wo Zöglinge als Lehrer und Prediger schon fungiren. Die nothwendige Verbindung mit der Hauptstation unterhält der kleine Missionsdampfer »Charles Janson«, ein flinkes Fahrzeug, mit dem der Prediger, Mr. Johnson, immerwährend von Station zu Station unterwegs ist.
Mit der ganzen Küste weiter nordwärts völlig unbekannt, konnten mir auch die Missionare keine nähere Auskunft geben, als nur den Rath, da ihres Wissens nirgendwo Feuerholz zu erlangen sei, das Schiff mit solchem genügend zu versehen. Den mir in Vorschlag gemachten Plan, lieber einen Tag zu versäumen und nach dem Festlande, dem Orte Kaango hinüber zu laufen (12° 5´ S. Br. 34° 51´ 45´´ O. Lg.) und dort gegen Salz und Perlen Holz einzutauschen, acceptirte ich um so lieber, als dort der Bedarf reichlich gedeckt werden würde und wir dem aus dem Wege gingen, vielleicht irgendwo an der Küste Holz suchen zu müssen.
Am 20. früh setzten wir die Reise fort und fuhren unter der hohen steilen Felsenküste auf einen Abstand von etwa 5 Meilen entlang, möglichst direkt von Cap zu Cap, wie ich die vorspringenden Bergmassen bezeichnen kann. Einen schönen Anblick gewährten die Conturen der über 7000 Fuß hohen Gebirge, tiefe Schluchten und Thäler öffneten sich, von steilen Felswänden stürzten aus gewaltiger Höhe Wasserfälle herab, die im Sonnenlichte gleich Silberfäden erglänzten, durch den Sturz in die Tiefe aber Wasserdämpfe erzeugten, in denen sich die Farben des Regenbogens in reinster Klarheit spiegelten. Zwar Berg und Höhen mit dichtem Busch und Baumwuchs bestanden, zeugte dennoch die Oberfläche der Felsen von der gewaltigen Zerstörung der Wassermassen; die reißenden Sturzbäche, die im wilden Laufe alles mit sich nehmen, haben tiefe Furchen in die ursprünglichen Formen gegraben und nur die Spitzen der Granitmassen zeigen noch die uralte Formation. Bis zum Abend hatten wir 90 Seemeilen zurückgelegt und auf 10° 50´ S. Br. angelangt, suchte ich an verschiedenen Stellen, wo eine kleine oder größere Bucht einigen Schutz versprach, einen Ankerplatz, allein meistens auf ein bis zwei Schiffslängen dem Ufer nahe gekommen, lotheten wir noch 25, 20, 15 Faden Wassertiefe (1 Faden = 6 Fuß) und völlige Dunkelheit war eingetreten, ehe an einem ungeschützten Platz weniger Wasser gefunden wurde. Wo immer das Schiff so nahe dem Ufer kam, liefen die Eingebornen, die furchtsamen Wampotto, mit ihrem geringen Hab und Gut in die Berge und verbargen sich hinter Felsblöcke; sie haben wohl noch nie einen weißen Mann, noch nie vorher ein Schiff gekannt, das gleich einem grauen Ungethüm so schnell daher kam, darum scheuchte der erste Anruf auch die waffenführenden Männer hinweg und alles Winken und Rufen war vergeblich. Von Furcht und Schrecken aber wurden sie erst erfaßt, als ich einsehend, alle Liebesmüh sei vergeblich, die dumpfheulende Dampfpeife zog, deren mächtiger Ton ein hundertfaches Echo an den Felsen weckte. Auch aus dem Dorfe, vor welchem wir schließlich Ankergrund gefunden hatten, flohen die Bewohner.
Hier zuerst zogen die Pfahlbauten, von denen viele Ueberreste im nördlichen Theil des Sees noch vorhanden sind, die Aufmerksamkeit auf sich; viele im Wasser eingebohrte lange Pfähle dienten früher dazu, die Hütten der Eingebornen zu tragen, die dicht aneinander gedrängt, ein ganzes Dorf ausmachten. Ein solches war für die von ihren Feinden hart bedrängten Küstenbewohner dann eine sichere Zufluchtsstätte, da der herankommende Gegner im Wasser ungeschützt, den Pfeilen und Speeren der Vertheidiger ausgesetzt, sich nicht weiter vorwagen durfte und sich mit dem aufgegriffenen Vieh, einigen Gefangenen, die in die Sklaverei geschleppt wurden, begnügen mußte.
Seit der Zeit, daß die mächtigen Wagwangwara, die armen Wakissi und Wampotto tributpflichtig gemacht haben, sind die Pfahlbauten in Verfall gekommen, wenigstens selten nur findet man noch eine Hütte auf solchen erbaut. Um die aberhundert Pfähle, die zu einem Dorf benöthigt wurden, im harten Grunde fest einzubohren, bedienten sich die Eingebornen folgender Methode: der oft nicht gerade Baumstamm wurde nach unten zu angeschärft, dann fest aufgesetzt und mit primitiv an diesem befestigten Hebeln fortwährend gedreht, bis der Pfahl fest und sicher stand.
In der Voraussetzung, daß der nächste Tag uns bei guter Zeit nach der Rambira-Bai, Station Langenburg bringen würde, die Distanz von annähernd 70 Seemeilen glaubte ich bequem zurücklegen zu können, eilte ich am nächsten Morgen nicht zu sehr, sondern, nicht allzu weit von Amelia Bai, heute Wiedhafen, suchte ich, vorsichtiger unter Land laufend, die große Bai und ihre Umgebung näher in Augenschein zu nehmen, zumal ich ohne Karten, ohne jeglichen Anhalt mich vorläufig auf flüchtig, im Vorüberfahren aufgenommene Skizzen zu orientiren suchen mußte. Von Cap Bango tritt das hohe Livingstone Gebirge unmittelbar zum See heran und von hier in ununterbrochener Linie heben sich die 2 bis 3000 Fuß hohen Felsmassen steil und direkt aus dem See empor. Manche Bucht und mancher Felsvorsprung unterbricht die Küstenlinie, aber nirgends findet sich ein geschützter Punkt, außer in der Kaiser Bai, wo ein Schiff mit Sicherheit ankern könnte, wenn die Wassertiefe unter Land nicht zu groß wäre.
In reicher Abwechslung zogen die Berg- und Gebirgsformationen vorüber, vom Fuß bis zum Gipfel mit Busch und Baum bestanden; an Stellen, wo tiefe Bergschluchten sich aufthaten, aus welchen donnernd die Sturzbäche in Cascaden ihre Wasser über Fels und Stein springen ließen, konnten wir im Schutze mächtiger Baobab- und Tamarindenbäume auch Hütten Eingeborner bemerken, die idyllisch am Fuße majestätischer Bergriesen in einer großartigen erhabenen Natur hingestreut lagen. Schon war der Nachmittag weit vorgerückt und noch immer wollte die Station Langenburg nicht in Sicht kommen, bis endlich, als ich noch im Zweifel war, ob es nicht besser sei mit dem Schiffe weit von Land abzulaufen und die Nacht auf dem See zu verbringen, öffnete sich, als wir eine Strecke weiter gelaufen waren, plötzlich eine weite Thalschlucht; die Gebirgsmassen schienen wie durchgespalten, und mit Recht vermuthete ich, daß die vorausliegende Landzunge die Mündung des Rambira-Flusses verdecken könne. Immer weiter öffnete sich das Thal, ein Wald von mächtigen Bäumen bedeckte die niedrige Landmasse und bald darauf erblickten wir am Ende derselben das starke Fort Langenburg. Dicht unter Land auf die jetzt auch offene Mündung des Rambira-Flusses zusteuernd, fand ich, als überall das Loth keinen Grund erreichte, daß an der südlichen Seite ein Ankern unmöglich sei und erst als die Sandspitze passirt war öffnete sich die eigentliche Bai. Dem Fort gegenüber, das hier dicht am Ufer aufgebaut ist, vermeinte ich, müsse sich hier auch Ankergrund vorfinden, allein nur noch 120 Fuß vom Strande entfernt, fand ich noch 100 Fuß Wassertiefe vor, so sah ich mich genöthigt, hier das Anker fallen zu lassen. Dieses konnte natürlich an dem steilen, gleich dem Abhang eines Berges, abschüssigen Grund keinen festen Halt finden, und sollte nicht jeder Wind außer dem Nord-West-Wind das Schiff abtreiben können, mußte es mit starken Leinen vom Heck aus am Lande festgehalten werden, zu welchem Zwecke auch schon festeingerammte Pfähle vorhanden waren. Solche Lage, das Schiff hatte hinten 2 Fuß, vorne 65 Fuß Wasser unter dem Kiel, war nicht angenehm, und manche schlimme Nacht, wenn aus dem Rambira-Thal stürmische Ostwinde von den Höhen niederbrausten, oder der Nord-West-Wind das Schiff auf den Strand drängte und dieses in der aufgewühlten See stampfte, habe ich hier mit der Mannschaft in Sturm und Unwetter durchgemacht. Die Behauptung, die gewaltigen Binnenseen Inner-Afrikas seien flach, wenigstens die Annäherung für Schiffe meistens unmöglich, ist hier auf dem Nyassa-See völlig unbegründet.
Bald darauf kam auch der derzeitige Kommandant des Fort, der Sergeant Bauer, an Bord, in dem wir einen Gefährten begrüßen konnten, der über ein Jahr von uns getrennt, in blutigen Kämpfen am Tanganjika-See und anderen Orten mit dem Major weite Gebiete durchzogen hatte. Er benachrichtete mich auch, der Major und sein Adjutant, Dr. Bumiller, seien nicht allzufern, vielleicht in der neu angelegten deutschen Missionsstation Ikombi oder in deren Nähe, darum wurde sofort ein Bote abgesandt, der den Herren die Ankunft des Schiffes melden sollte. Die Veste Langenburg ist eine Staketenpalisade, ein umfangreiches Viereck besetzt mit dreifach hintereinander im Boden eingesetzten 20 Fuß langen Pfählen, von denen 7000 Stück verwendet worden sind. An den ausliegenden Bastionen, bewehrt mit Schnellfeuer- und Maximgeschützen, den vielen natürlichen und angebrachten Schießscharten, würde es jedem Feinde schwer fallen, heranzukommen. Was übrigens die Sicherheit der Station anbetrifft, so ist, wie ich mich später überzeugen konnte, bei der geringsten Vorsicht ein Ueberfall ausgeschlossen, die zu der Landzunge führenden Pässe im Rambira-Thal sind im Nothfalle schon mit wenigen zuverlässigen Leuten bequem zu halten; ein Angriff auf die Station selbst, wie sie von Major von Wißmann erbaut worden, würde mit einer kleinen entschlossenen Schaar stets zurückgewiesen werden können. Auch liegt eine Gefahr vor den im Gebirge und am See wohnenden Wakinga und Wakissi nicht vor, viel zu armselig und nicht sehr zahlreich sind diese kleinen Stämme, als daß sie je an einen ernstlichen Widerstand denken könnten.
Eine prächtige Lage hat die Station auch in sofern, als zwei mächtige breitästige Tamarindenbäume sehr viel Schatten spenden durch deren dichtes Gezweig die glühenden Pfeile der Sonne nicht hindurchdringen; in der Messe oder im Hause des Majors war immer ein kühler und angenehmer Aufenthalt. Uebrigens sind nach der Methode der Wakonde alle Häuser erbaut, die Wände bestehen nicht aus Gras oder Rohr, sondern zwischen horizontal gelegtes Bambusrohr, sind breite Bananenblätter eingezogen wodurch dem Aeußeren der Bauten ein gefälliges Aussehen gegeben wird. Auffällig war, alle Soldaten mit verbundenen Füßen umhergehen zu sehen, und erfuhr ich durch Nachfrage bald, daß hier der gefährliche Sandfloh stark vertreten sei, dessen Eindringen in die Haut nur durch eine dichte Umhüllung verhindert werden kann. Kein Schuhzeug sei dicht genug; das mit bloßem Auge nicht sichtbare Thier, setze sich mit Vorliebe unter den Zehen fest, und wird nach Eintreten des anfangs geringen Schmerzes dieses nicht sofort entfernt, vermehrt sich unter der Haut das Thierchen derartig schnell, daß häufig der Verlust eines Zehen, selbst des Fusses die Folge der Vernachlässigung ist. Ohne Ausnahme, trotz großer Vorsicht und Reinlichkeit, haben wir Europäer alle daran zu leiden gehabt; mit Sicherheit konnte man nur über den Sand gehen, wenn derselbe naß oder feucht war, und jeden Morgen wurde im Fort gesprengt. Ein schöner Anblick war es, die stattliche Heerde Kühe, Ziegen und Schaafe aus den Bergen herabkommen zu sehen, zum großen Theile Geschenke der Wakonde Häuptlinge an den Major. Frische Milch, die reichlich vorhanden, war ein köstlicher Labetrunk, der nach so langer Zeit uns gespendet wurde.
Um Mittag des nächsten Tages den 22. September 1893 traf Major von Wißmann auf der Station ein und sah hier zum ersten Male sein Schiff, das nach Jahr und Tag nun doch vollendet, nach so vielen Widerwärtigkeiten und Hindernissen sich stolz auf den Fluthen des Nyassa-Sees wiegte. Die Hauptaufgabe der großen Expedition war glänzend gelöst, eiserner Wille und und unermüdliche Thatkraft bezeugten an diesem Werk wiederum mit wie weitschauendem Blick der beste Kenner Afrikas die Aufgaben einer nationalen Kolonialpolitik aufzufassen und auszuführen verstand! Mit berechtigtem Stolze konnte unser Führer auf den Abschluß seines großen Unternehmens schauen und, um seiner Freude den würdigsten Ausdruck zu geben, befahl er das Schiff im Schmucke seiner Flaggen und in duftiges Grün zu kleiden, die glückliche Vollendung und die Ankunft des H. v. Wißmann sollte gebührend gefeiert werden.
Die Masten und Raaen mit Grün geschmückt, darüber im Sonnenlichte die Flaggen, Deck und Kommandobrücke ein einziger Laubwald, nahm sich das Schiff in solchem Schmucke ungemein prächtig aus. Lichtkronen aus Laub gewunden erhellten die auf der Brücke errichtete Tafel und was an Vorräthen noch vorhanden war wurde herbeigeschafft, selbst die Restbestände an Cognac und Wein wurden nicht geschont und davon eine duftende Annanasbowle gebraut. Eine kleine Zahl aus den Mitgliedern der Expedition war es nur, die sich hier um ihren Führer versammeln konnte, eine kleine Schaar Deutscher lauschte im Sternenschimmer der Tropennacht den Worten und dem Dank, welchen Major v. Wißmann allen, die treu in jeder Lage ihm zur Seite gestanden, aussprach, er schloß mit einem Hoch auf den Schutz- und Schirmherrn der Deutschen im In- und Auslande und jubelnd hallte unter dem Hurrah, der Donner der Geschütze, das Hoch auf den deutschen Kaiser an den Felsenwänden des Livingstone-Gebirges wieder, ein mächtiges Echo weckend, wie solches über die Fluthen des Nyassa-Sees noch nie zuvor gebraust! --
14. Die Küste und das deutsche Gebiet am Nyassa-See.