Chapter 3 of 47 · 3912 words · ~20 min read

Part 3

Der Besitzer nun, nachdem er seine Reverenz durch einen tiefen Bückling und Kratzfuß gemacht hatte (diese äußere Ergebenheit haben die Portugiesen den Eingebornen beigebracht, viel mehr nicht), erklärte, daß er keines seiner Lieblinge verkaufen wolle, es seien die einzigen im Orte und er will sie zur Zucht groß ziehen. Ich gab mir Mühe, seinen etwaigen Irrthum, er könnte bei dem Handel zu kurz kommen und darum nicht zuschlagen wolle, zu zerstreuen, ließ auch einen Dolmetscher rufen und ihm einen verlockenden Preis bieten, Zeug oder Geld, gleichviel; aber der Kunde blieb fest, obwohl er kaum jemals soviel Geld sein eigen genannt hat, als ich ihm für den Handel bot.

Die Schweinchen mußten ihm wirklich ans Herz gewachsen sein, sonst ist der Neger nicht so hartnäckig, wenn er auch lange feilscht, giebt er schließlich für einen guten Preis doch sein Eigenthum fort. Genug, ich war um einen saftigen Braten gekommen, den ich so gerne mit den Gefährten getheilt hätte.

Bis 1-1/2 Uhr Nachmittags rasteten wir an der Einfahrt zum Zambesi und versuchten darauf aufs Neue den zwar noch starken aber nicht mehr so reißenden Strom zu passiren, was uns auch nach vieler Mühe gelang. Nun zogen wir durch die schmutzig gelben Fluthen des breiten Stromes hin und sahen hinter uns für kurze Zeit noch einmal den unbegrenzten Horizont, von ferne klang es wie Wogenrauschen an unser Ohr, ein letztes Grüßen vom ewigen Meer!

Bald traten die Ufer weiter zurück; namentlich zur Linken schienen sie sich kaum merklich von der gelben Wasserfläche abzuheben und nur Schilf und mächtige Rohrgebüsche bezeichneten die Grenze. Sandbänke, die wie Inseln zerstreut lagen, engten die Fahrstraße ein, was zur Folge hatte, daß wir zeitweise gegen starken Strom und Strudel ankämpfen mußten. Es erforderte eine besondere Kenntniß, zwischen den Untiefen hindurch den richtigen Weg zu finden, war doch auf der weiten Wasserfläche nichts, was einen Anhalt gab, und meinte man, wo schnell fließender Strom sei auch genügende Tiefe zu finden, war das Gegentheil der Fall. So lange wir den Anweisungen unseres Lootsen folgten, hatten wir nur einige Male uns durch Rückwärtsgehen von Wellsand frei zu machen oder mit voller Dampfkraft hindurch zu arbeiten; indeß als einmal ein größerer Umweg erspart werden sollte, den der Lootse für rathsam hielt doch zu machen, hatten wir unser Besserwissen fast theuer zu zahlen.

Wir hatten nämlich den Leichter dicht hinter dem »Pfeil« an zwei Leinen so befestigt, daß dieser nicht ausgieren, aber auch nicht ausweichen konnte, als nun der Dampfer mit voller Kraft auf eine Untiefe auffuhr, schossen alle Boote so aufeinander, daß das Vordertheil des Leichters in das Heck des Dampfers fuhr und eine starke Verbiegung die Folge war, das große Stahlboot dagegen dem Leichter ins Hintertheil lief und diesem eine nicht geringe Beschädigung beibrachte. Zum Glück waren die Eisenplatten so elastisch und die Verschraubung so gut, daß unter der Wasserlinie keine Leckage entstanden war und wir nach halbstündiger Arbeit unsern Weg fortzusetzen vermochten. Je weiter wir vordrangen, je belebter wurde ringsum die Wasserfläche; auf stromabwärts treibenden Sträuchern oder Grasflächen saßen weiße und schwarze Fischreiher verborgen, die mit scharfem Auge nach Beute spähten. Fast nie von Menschen gejagt oder belästigt, kennen diese Thiere keine Furcht, kaum daß der Knall des Gewehres sie aus ihrer Ruhe aufscheuchte.

Fast auf jeder Sandbank, möglichst nahe dem Wasser, konnten wir vereinzelte Krokodile in träger Ruhe liegen sehen, die bei der Annäherung unserer Boote langsam in das nasse Element verschwanden. Auffällig aber war, daß diese Thiere, wenn sie sich in der Mitte einer Sandbank befanden, vorsichtig zum Wasser krochen, um, sobald sie Gefahr witterten, oder eine Kugel in ihrer Nähe einschlug, sich mit der Kraft ihres Schwanzes in das Wasser zu schleudern; und stets entgeht das Thier dem Jäger, sofern es nicht zum Tode getroffen auf dem Flecke liegen bleibt.

Nicht minder suchen die kolossalen Flußpferde die trockenen Stellen im Strombette auf, um sich im heißen Sande der süßen ungestörten Ruhe zu überlassen, bis die Nacht herniedersinkt und sie die Wanderung in die weiten Grasgefilde antreten, wo sie große Massen des saftigen Grüns verzehren. Sehr gesellig, lieben es die Flußpferde sich in größerer Zahl, meistens in Familien getheilt, bei einander aufzuhalten. Mit großer Sorgfalt hegt auch die Mutter das Junge, auf deren Rücken dieses seinen ständigen Aufenthalt hat; ob im Wasser schwimmend oder in der Nacht zur Weide trabend, immer wird das Kleine mit den verhältnißmäßig sehr kurzen und plumpen Beinen am Halse der Mutter sitzen, die ihr Junges stets gegen jeden Feind mit großem Muth vertheidigt. Ernste Renkontre mit den Flußpferden haben mich die Eigenart dieser Thiergattung kennen gelehrt, und im Laufe der Erzählung werde ich verschiedentlich darauf zurückkommen.

Zuweilen führte uns unser Weg nahe dem Ufer zur linken Seite; und hatten wir hin und wieder schon einzelne Schaaren großer Vögel passirt, so nahmen solche an Orten, wo das Ufer ganz flach auch zum Theil mit Wasser ganz bedeckt war, beträchtlich zu. Man könnte sagen, wie aufmarschirte Bataillone standen langbeinige Reiher, weiß und schwarz, rosa Flamingos, Kranicharten, unbeweglich am Rande des tieferen Wassers und warteten mit stoischer Ruhe auf ihre Beute. Näherten wir uns den Schaaren, stimmen diese ein lebhaftes Konzert an, und die meisten der Thiere erhoben die gewaltigen Flügel, um solche durch Flattern mit Luft zu füllen. Aber erst einschlagende Kugeln zwangen sie, sich in die Lüfte zu erheben und einer schwarzen Wolke gleich, flatterten die Hunderte mächtiger Vögel empor. Jede Art für sich, kreisten sie dann kurze Zeit, um sich am selben Orte, oder, wenn das Ufer ober- und unterhalb gleich günstig war, in kurzer Entfernung wieder nieder zu lassen.

Mit Schrot waren der zu großen Entfernung halber die eßbaren Vogelarten, als Gänse, Enten nicht erreichbar; eine Kugel in solche Schaaren geschossen, meist zwecklos; wollten wir aber, wenn sich eine günstige Gelegenheit bot, den Thieren nahe genug kommen, um einige zu erlegen, so hätte es größeren Aufenthalt erfordert, wozu uns die eigenartige Beschaffenheit des Flusses, dem wir unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden mußten, keine Zeit ließ. Ist hinter Berg und Wald der letzte Strahl der scheidenden Sonne entschwunden, kommt in den Tropen schnell die Nacht herauf, daher hatten wir auch bei Zeiten uns nach einer günstigen Anlegestelle umzusehen, und an einer öden Grasfläche des niedrigeren Ufers zu unserer Rechten gelang es, die Boote anzulegen.

Nach gethaner Arbeit entfaltete sich darauf am Ufer ein bunt bewegtes Leben; Zelte wurden aufgerichtet, Grasflächen mit Faschinenmesser niedergemäht, alles Nothwendige für die Nacht aus den Booten herbeigeschafft, und nicht eher hatte das Hin- und Herrennen ein Ende, als bis die Lagerfeuer angezündet und jeder mit der Zubereitung des frugalen Abendessens beschäftigt war.

Meistens, um den unvermeidlichen Trubel zu entgehen, zog der Major späterhin es vor, sofort nach erfolgter Landung eine Jagdstreife zu unternehmen; kehrte er zurück, mußte inzwischen das Lager für die Nacht hergerichtet, Posten ausgestellt und das Abendessen bereitet sein.

Der Umstand, daß hier noch starke Ebbe und Fluth bemerkbar war, erforderte in dieser Nacht strenge Aufsicht bei dem Leichter und den Booten, damit diese sich nicht bei fallendem Wasser auf dem abschüssigen Grunde auffingen. Aber so klar und deutlich auch die Posten instruirt worden waren, so saßen die Boote gegen Mitternacht doch alle fest, und was bei geringer Achtsamkeit mit wenigen Leuten hätte ausgeführt werden können, durch Abschieben vom Ufer mittelst Stangen die Fahrzeuge frei zu halten, erforderte nun, nachdem ich mich bei einem Rundgange von der Unachtsamkeit überzeugt hatte, die Anstrengung aller unserer Bacharias. Die Leute mußten schließlich in das Wasser und so, gegen Grund und Bord sich stemmend, die Boote wieder flott machen.

Das rapide ablaufende Wasser machte es nöthig, daß während des Restes dieser Nacht Europäer die Wache übernahmen und auf ein fortwährendes Abbäumen vom Ufer acht geben mußten.

Die frühe Morgenstunde, als die Trompete zum Aufbruch rief, fand fast alle müde und ermattet; nach solcher Nacht war es kein Wunder, daß wir uns abgespannt und marode fühlten, konnte doch keiner sagen von denen, die im Freien hatten wachen müssen, ihm wäre behaglich zu Muthe gewesen. Empfindlicher noch war das Entbehrenmüssen des warmen Kaffees, der wenigstens die Lebensgeister etwas aufgefrischt hätte, aber Gras und Holz vom starken Regen durchnäßt, wollten absolut nicht brennen und Zeit zu neuen Versuchen hatten unsere Diener nicht, denn sobald das Zelt des Majors zusammengelegt worden war, mußte auch alles zur Abfahrt bereit sein.

Die schlechten Wasserverhältnisse auf dem Zambesi hatten uns gelehrt, vorsichtig zu sein, und um nicht wieder durch plötzliches Aufgrundfahren unsere Boote zu gefährden, wurden sie nun dicht am Hintertheil des »Pfeil« befestigt; ebenso um ein Zusammengieren der Fahrzeuge zu verhindern, wurden sie mittelst starker Ruder in einem bestimmten Abstand von einander gehalten.

Auf dem Flusse lagerten anfänglich leichte Nebel, die zwar nicht dicht genug, um uns an der Weiterfahrt zu hindern, aber doch die Fernsicht beschränkten, und mit größerer Vorsicht suchten wir zwischen Sandbänken oder längs dem Ufer uns den Weg. Mühselig war das Vordringen; bald saß der »Pfeil« auf einer Bank fest und arbeitete sich Volldampf rück- oder vorwärts darüber hinweg, bald fuhr er dicht unter dem steilen Ufer gegen eine starke Strömung mit seiner Last, und unausgesetzt war die größte Achtsamkeit erforderlich. Die hohen Ufer boten in ihrer Eintönigkeit nichts besonderes dar, nur hohes Rohr und Gras, seltener Baum und Strauch unterbrachen das Einerlei der öden Landstrecken, dafür aber war diese Oede desto belebter durch die verschiedensten Thierarten, und je weiter wir vordrangen, desto mannigfaltiger entfaltete sich die überreiche Fauna Central-Afrikas.

Es war um die Mittagsstunde des 16. Juli, als wir von ferne auf einer größeren Sandbank im Flusse eine beträchtliche Anzahl Flußpferde erblickten, die trotz unserer Annäherung keine Anstalten trafen, ihren bequemen Ruheplatz zu verlassen, ebenso lagerten große Krokodile in friedlicher Gemeinschaft mit diesen Kolossen am Rande des Wassers und schienen ebensowenig Lust zu haben, den wohlthuenden heißen Sonnenstrahl mit dem kälteren Wasser zu vertauschen.

Die Ruhe dieser Thiere bewog den Major, in der Nähe der Sandbank halten zu lassen und eine Art Kesseltreiben zu veranstalten; denn soweit vorauszusehen war, konnten wenigstens die Flußpferde nur über flacheres Wasser entkommen und waren vorerst den sicheren Kugeln preisgegeben. Mit dem kleinen Stahlboot landete der Major und begann ein wirkungsvolles Feuer auf jedes der Thiere, das seinen Kopf, vor Wuth brüllend, über dem Wasser erhob.

Allein die Klugheit dieser Flußpferde hatten wir doch unterschätzt; einen tieferen, wenn auch nur schmalen Ausgang hatten sie sich zum Entkommen freigehalten, und unter dem Boote weg, entzogen sie sich der Verfolgung. Zwar war der Major überzeugt, daß mindestens eins der Thiere nach kurzer Zeit eingehen würde, dann aber hätten wir im leichten Boot der Heerde flußabwärts folgen und drei Stunden warten müssen, um des nach dieser Zeit an die Oberfläche kommende Flußpferd habhaft zu werden.

Die Hoffnung, durch Erlangung eines der Kolosse, dem gänzlichen Mangel an Fleisch, namentlich zu Gunsten unserer Leute, abzuhelfen, war eine irrige gewesen, selbst wir Europäer würden schwerlich ein saftiges Stück verschmäht haben. Solch ein Kiboko ist für den Neger eine besondere Delikatesse, und würden in Gegenden, wo diese Flußpferde für die Ansiedelungen der Einwohner eine große Plage sind, den Eingebornen gute Waffen zur Verfügung stehen, die Verminderung dieser Thiergattung würde schnell vor sich gehen.

Sehr gerne würden die Soldaten mit einem »Mamba« (Krokodil) vorlieb genommen haben, wenn sie ein solches am Lagerfeuer unter sich hätten vertheilen können, und wo immer die Möglichkeit vorlag, eines dieser Unholde zur Strecke zu bringen, wurde dem geäußerten Wunsche der Leute entsprochen, allein es wollte nicht gelingen, selbst durch vortreffliche Kopfschüsse diese gewaltigen Thiere auf der Stelle zu tödten. Uebrigens ist dem Krokodil von der Vorsehung auch ein bestimmter Posten angewiesen worden, nämlich insofern, als es als Revierpolizei die Flüsse von allem Unrath reinigt; seine Gefräßigkeit ist derart, daß es mit allem vorlieb nimmt, todtes oder lebendes Gethier, namentlich den Fischen ist es ein gefährlicher Gegner und man kann stets auf Fischreichthum schließen, wo das Krokodil in größerer Anzahl sich aufhält.

Suchte das oft 5 bis 6 Meter große Thier seine Nahrung nur in den Flüssen, würde es nicht so gefürchtet sein; es weiß indeß mit Arglist das harmlose zur Tränke kommende Wild, sowie sehr häufig den Menschen zu beschleichen. Häufig, wenn das Krokodil seine Beute nicht mit den Zähnen fassen kann, was der Fall ist, wenn das Wasser am Ufer zu tief, so daß es mit den Füßen keinen Stützpunkt finden kann, schlägt es unerwartet mit dem Schwanze Mensch oder Thier vom Ufer und verschwindet mit ihm in die Tiefe. Welch ein Kampf um solche Beute dann zwischen den Räubern vor sich geht, kann man wohl kaum ahnen.

Noch hatten wir zwar keine trüben Erfahrungen gemacht, jedoch sollten uns solche im Laufe der Zeit auch nicht erspart bleiben; Ursache genug, diesem gefährlichen Räuber nach Möglichkeit den Krieg zu erklären, hatten wir, ohne auch daß ein direkter Verlust uns betroffen hätte. Wer einmal das Jammergeschrei der Eingebornen, denen der Unhold ein Kind oder Angehörige weggeraubt, mit angehört hat, legt mit besonderer Genugthuung die Büchse an, um einem solchen das Lebenslicht auszublasen.

Die Wahrnehmung, daß wir aus dem Bereich der Ebbe und Fluth gekommen waren, ließ uns der nächsten Nacht zufriedener entgegensehen und, als wir bis Nachmittag 4-1/2 Uhr, nach manchem unliebsamen Aufenthalt, gedampft, legten wir oberhalb vom Orte Inhamcombe (wie der Lootse diese Gegend bezeichnete) an. Bisher hatten wir nur öde von der heißen Sonne ausgedörrte Gras- und Rohrflächen passirt, nun aber schien es, als sollten wir bald wieder Dörfer und Menschen ansichtig werden; wenigstens sicherte uns der kundige Lootse die Erlangung von frischem Proviant zu, wenn er zum Einkauf ausgesandten Leuten als Führer dienen würde.

Recht wohlthuend und allen willkommen war die erste angenehme Nachtruhe, welche uns seit der Abreise von Chinde beschieden war, desto mehr nutzte sie ein Jeder aus, hatten doch alle bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß wir die Fahrt auf dem Zambesi auch fernerhin nicht als eine Lusttour würden betrachten können, sondern ernste Arbeit, die viel Geduld und Aufopferung erforderte, unser beständiges Loos sein würde.

Fraglos war die feste Energie unseres Führers, der nur ein Vorwärts kannte, der beste Stützpunkt, lehrte er uns doch im Kampfe mit den Widerwärtigkeiten und Hindernissen durch sein Beispiel fest auf die eigene Kraft zu vertrauen; Besonnenheit und schneller Entschluß im Handeln wurden die Triebfeder zur großen That.

Ehe noch am frühen Sonntagsmorgen die goldene Sonne über dem Horizont emporgestiegen war, leichte Nebel über den unabsehbaren Grasflächen noch gespenstig hin und her wogten, hatte der Ruf der Trompete, deren Klang schmetternd in die Weite getragen wurde, die Schläfer aus süßer Ruh' geweckt; Früh auf war die Parole und Vorwärts das Kommando. Auf der Weiterfahrt näherten sich die Ufer des Zambesi zuweilen bis auf 200 Meter, dann aber waren sie steil und hoch, zwischen denen der Strom mit tieferem Wasser mächtig dahinschoß; schwer kämpfte der »Pfeil« mit seiner Last gegen die wirbelnden Fluthen, und ehe solche Verengung des Flußbettes durchfahren war, vergingen Stunden. Traten die Ufer aber wieder zurück und verflachten, begann aufs Neue das mühselige Hindurchwinden zwischen Sandbänken und Untiefen.

An diesem Tage sahen wir zuerst wieder zwischen kleinen Bananenwäldchen verdeckt liegende Hütten der Eingebornen; neugierig lugten die schwarzbraunen Gesichter durch das schützende Grün, bis sie zu Haufen eilend, mit Rufen und Händeklatschen uns ihren Gruß entboten. Fremd war ihnen die Flagge, welche von den Masten unserer Boote wehte, fremd das Schauspiel, soviel uniformirte Soldaten zu sehen, deren Sprache sie nicht verstanden, und waren wir in Rufweite forderten sie Aufklärung von ihrem Landsmann, dem Lootsen; was dieser ihnen aber auch in wenig Worten erklären mochte, das Verständniß fehlte ihnen doch dafür. Zur Aufmunterung ließ der Major zuweilen Hornist und Trommler eingeübte einfache Weisen spielen; mehr noch als uns schien die Musik die Eingebornen zu erfreuen und weit stromaufwärts folgten die jungen Leute solchen nie gehörten Klängen, während altersschwache Greise und junge Kinder sehnsüchtigen Blickes den Fremdlingen nachschauten, bis die Klänge verhallt oder die Flottille ihren Augen durch eine Krümmung im Flusse entschwunden war.

Wie erwähnt, hatten wir uns zur Vorsorge in Chinde reichlich mit Brennholz für den »Pfeil« versehen, allein damals ahnten wir nicht, wie groß die Hindernisse und mit welchen Mühen ein Vordringen auf dem Zambesi verbunden sein würde, nun der Mangel eintrat (wir aber noch fern von der Station Schupanga), waren wir gezwungen, nach neuem Brennmaterial Umschau zu halten. In früher Nachmittagsstunde legten wir daher an einer Stelle des hier flacheren, aber mit Baumwuchs reichlicher bestandenen Ufers fest und sofort, mit Aexten und Beilen versehen, zogen die Soldaten truppweise unter Führung ihrer Schauchs (Unteroffiziere) aus, um nach Möglichkeit Holz herbeizuschaffen. Nach der Quantität war der Ertrag ein guter, allein die Qualität ließ viel zu wünschen übrig; indeß konnten wir noch zufrieden sein, wenigstens die Aussicht auf ein Vorwärtskommen nicht eingeschränkt zu sehen.

Es war bisher jeden Abend eine Musterung unserer Leute vorgenommen worden, theils zum Zweck, ob auch alle vorhanden, theils ob sich nicht Gebrechen oder Krankheiten unter den Leuten entwickelt hätten; war doch eine Befürchtung, daß die Pockenepidemie abermals zum Ausbruch kommen könnte nicht unbegründet, daher wurde auf den Gesundheitszustand besonders acht gegeben. Ueberrascht und mehr noch erschreckt wurden wir, als an diesem Abend es sich herausstellte, daß einige Suaheli, die nicht zur Arbeit angetreten waren, sich auch der Beachtung entzogen hatten, im Leichter krank am Fieber darnieder lagen. Eine sofort angestellte Untersuchung ergab, daß vier Mann bereits schwer an den Pocken erkrankt waren. Sofort wurde von Seiten des Majors eine große Reinigung angeordnet, das Zeug der Kranken verbrannt und diese selbst nach Möglichkeit von allen ihren Kameraden isolirt.

Empfänglich für die verheerende Krankheit waren vor allen die Sansibariten, und als ein besonderes Glück konnten wir es betrachten, diese Seuche keine weitere Ausbreitung annehmen zu sehen, als nur unter den Suaheli. Der Grund dafür war wohl in der strengen Abgeschiedenheit zu suchen, welche die Somali, Sudanesen, Abessinier untereinander beobachteten, die namentlich keine gemeinsamen Mahlzeiten und Lagerstätten theilten. Die Gefahr war indeß nicht zu unterschätzen, vielmehr konnte der schlimmen Seuche, trotz großer Vorsicht, eine größere Verbreitung zugemuthet werden, was aber menschliches Können unter solchen Verhältnissen vollbringen konnte, geschah, um nach Möglichkeit der Verbreitung entgegen zu treten.

Eine Aussetzung der Erkrankten, welche unter diesen Umständen das Richtigste gewesen wäre, lag leider nicht im Bereich des Möglichen, denn unzweifelhaft wären sie mit der umwohnenden Bevölkerung doch in Verbindung getreten, die Folgen dann aber unabsehbar, hätte die Epidemie zahllose Opfer gefordert und wer konnte die Betroffenen retten! waren wir doch selbst machtlos dagegen.

Regenschwere Wolken verhüllten uns am nächsten Morgen des Himmels Angesicht, ein trüber regnerischer Tag mit all dem Unangenehmen, welches ein solcher im Gefolge hat, lag vor uns, naß und kalt, konnten wir fast unsere Stimmung mit dem höchst unfreundlichen Wetter vergleichen. Nach einer nicht minder schwierigen Weiterfahrt, voll Hemmungen und Widerwärtigkeiten, legten wir schließlich, als der Tag zur Neige ging, an einer öden Uferstelle fest; vergeblich hatten wir nach Bäumen Umschau gehalten, und da unser Holzvorrath längst verbrannt, war ein Vorwärtskommen nur noch mit unserm kleinen Kohlenbestand möglich gewesen.

So glücklich wie am Tage vorher waren wir nicht; nur die trockenen Blätter der Fächerpalmen schleppten die Leute herbei, welche zur Suche in die weite Grasebene ausgesandt worden waren. Zwar geben die Blätter einen vorzüglichen Brennstoff und entwickelten eine große Hitze, jedoch wie bedeutend auch der Vorrath, in dem glühenden Feuerschlund des Dampfkessels zehrte die Flamme diesen nur zu gierig auf.

So unfreundlich wie der Tag, so ungemüthlich war die Nacht, aber nicht bloß der Mensch allein empfand die Unbill der Witterung und fühlte sich unbehaglich, auch den wilden Thieren, welche nächtlicher Weile ihrer Beute nachgehen, schien das vom Regen triefende Gras nicht sonderlich zu behagen. Stimmen, die wir bisher nicht gehört, hallten durch die Stille, das Lachen der Hyäne nahe und deutlich vernehmbar, gab uns die Gewißheit, daß dieser unheimliche Gast das Lager umkreise, hingegen das dumpfe Bellen in der Ferne ließ uns die Anwesenheit des gefährlicheren Leoparden vermuthen.

Indeß der etwas freundlicher anbrechende Tag machte uns bald das schlechte Quartier vergessen und froher gestimmt begann in aller Frühe das Tagewerk. Wir hofften, heute, am 19. Juli, die Station Vicente noch erreichen zu können, sofern unser gesammeltes Brennmaterial und unsere wenigen Kohlen ausreichen sollten; wir fuhren durchschnittlich mit 10 bis 12 Atmosphären Druck, welch' hohe Dampfspannung oftmals nöthig wurde, um den »Pfeil« mit seiner Last durch die reißende Strömung hindurch zu bringen.

Wie immer, bot sich auch heute günstige Gelegenheit, den träge auf den Sandbänken liegenden Flußpferden und Krokodilen wohlgezielte Kugeln zuzusenden, allein der Jagdeifer hatte sich durch die bisherige Erfolglosigkeit gewaltig abgekühlt, und verlockte nicht ein zu sorgloses Thier, das in nächster Nähe neugierig den Kopf über Wasser hob, den Major einen Schuß zu wagen, unterblieb das Feuern meistens ganz. Erst als der Major mit einem Kleinkalibergewehr, dem Sergeanten Bauer gehörig, ein großes Krokodil aufs Korn genommen hatte, blieb das Thier unter Feuer liegen. Das Rückgrad durchschossen, hatte das Thier nicht mehr die Kraft, seinen schweren Körper zum schützenden Wasser zu schleppen, nur mit dem Schwanze peitschte es den Sand und riß den gewaltigen Rachen weit auf.

Ein Jubelschrei ertönte aus vielen Kehlen, als endlich die Aussicht vorhanden war, frisches Fleisch zu erhalten; schneller wie gewöhnlich, war das kleine Stahlboot längsseit, bemannt, und fort ging es die willkommene Beute zu sichern. Drei wohlgezielte Kopfschüsse waren indeß noch nöthig, ehe das mächtige Thier sein zähes Leben endete, das alsdann in das Boot geschleift wurde. Nun konnten wir uns den gefährlichen Räuber aus nächster Nähe betrachten, dessen furchtbares Gebiß namentlich allen Respekt einflößte. Und zieht man den Muskelbau des festumpanzerten Thieres in Betracht, kann man wohl voraussetzen, daß solche Kinnladen, mit über vier Centimeter langen Zähnen bewaffnet, alles zermalmen was dazwischen geräth.

Es mochte etwa drei Uhr Nachmittags geworden sein, als wir in einem rechts abbiegenden Flußarm die Station Vicente vor uns liegen sahen. Der kleine Häuserkomplex, der diesen Namen trug, bestand nur aus zwei nach afrikanischer Art errichteten Wohnhäusern und mehreren aus Thon und Gras erbauten Nebengebäuden, sonst ließe sich eher auf das nebenliegende Dorf dieser Name anwenden, obwohl in diesem unkultivirten Lande jede Niederlassung eines Europäers die Bezeichnung Station zu tragen pflegt.

Wie so häufig, hatte auch hier der Zambesi-Fluß, wenn in der Regenzeit seine Fluthen kein Hinderniß kennen, sich vor längerer Zeit ein neues Bette gegraben und dadurch eine Insel gebildet, an derem steilen Ufer, nahe der Mündung des alten Fahrwassers, wir eine Anlegestelle suchten. Die Station, an dem alten jetzt nicht schiffbaren Strombette gelegen, war nur mittelst Boote zu erreichen. Deshalb holten wir die Fahrzeuge möglichst in stilleres Wasser, und zwar an eine Stelle, wo die 15 Fuß hohe Uferbank nicht allzu senkrecht abfiel, auch ein Erklimmen derselben noch möglich war.

Der Umstand, daß nun gänzlicher Mangel an Brennmaterial eingetreten war, machte es schon zur Nothwendigkeit, hier wenigstens einen Tag Rast zu halten, weil eine schnelle Ergänzung wohl nicht gut angängig sein würde. Einen Tag der Ruhe konnten wir aber als eine willkommene Gunst betrachten, nöthig that es sehr mal wieder gründliche Reinlichkeit und Ordnung auf den Booten herzustellen, um so mehr, da der Major die Absicht hatte, so weit wie möglich vorzudringen; wenigstens den Wunsch äußerte, die in der Ferne gesehenen Moramballa-Berge im Schirefluß, noch zu erreichen, ehe ein Hauptlager und Depot errichtet würde.

Sein Befehl lautete denn auch dahin, ehe er den in Vicente ansässigen Portugiesen seinen Besuch machte, daß das Lager für einen längeren Aufenthalt hergerichtet würde. Und als der nächste im Kommando, schaffte ich im Leichter, der speziell unter meiner Aufsicht stand, in welchem auch alle Soldaten Unterkunft gefunden, gründliche Ordnung. Wie an jedem Tage, wenn wir Rast gemacht hatten, so war es auch hier nöthig, erst mit dem Faschinenmesser das hohe Gras nieder zu hauen, um Platz für die Zelte zu schaffen, die auch mit einer kleinen Furche im Erdboden umgeben werden mußten, damit bei etwaigem Regen das Wasser am Eindringen verhindert werde.