Part 16
Nothgedrungen that ich dasselbe und nachdem erst die glimmenden Holzscheite in den Regen geworfen worden waren, war der Aufenthalt in der Hütte wenigstens einigermaßen erträglich. Solche Hütten sind meistens kreisförmig gebaut, die Wände bestehen aus eingegrabenen Pfählen zwischen denen Gras und Rohr geflochten wird, sie werden innen und außen mit einer Thonschicht belegt, um Wind und Regen am Eindringen zu hindern; auch fast überall findet man eine Art Thonpflasterung, mit welcher der Boden um und in der Hütte erhöht ist, zum Zwecke, daß häufig bei schweren Regenfällen aufgestaute Wasser aufzuhalten. Das Dach ist mit einem bienenkorbartigen Geflecht zu vergleichen, auf welchem übereinander gelegte Grasschichten befestigt sind, es wird auf den Pfählen wie eine ausgeweitete Tüte aufgesetzt und reicht über die Wände noch weit hinaus. Gleich einer runden Pyramide geformt, widersteht solches Dach dem stärksten Regen; kann aber der Wassertropfen auch nicht von außen durchdringen, der Rauch und Qualm innerhalb muß sich durch das dichte Geflecht doch einen Ausweg suchen, und geben häufig die feinen Rauchgebilde, die überall durchdringen den Anschein, als schwele das Gras.
So absolut gar nichts begehrend, als nur die nothwendige Nahrung, höchstens ein Lappen Zeug um die Scham zu bedecken, haben die sorglosen Bewohner auch keinen Sinn, ihre Heimstätte zu schmücken oder auch nur irgend welche Bequemlichkeit darin anzubringen. Ihr Bett ist der nackte Erdboden, ihr Kopfkissen, wenn sie sich solchen Luxus gestatten, ein Holzscheit, und sieht man die schwarzen Gestalten in den Morgenstunden ihre Behausung verlassen, läßt das schmutziggraue Aussehen derselben darauf schließen, daß sie sich während der Nacht in der warmen Asche herumgewälzt haben; namentlich die Kinder machen den Eindruck, als scheuten sie das Wasser, und in der That kommt es nicht oft vor, daß sie sich aus eigenem Antriebe einer gründlichen Reinigung unterziehen. -- Länger als ich erwartet hatte und mir lieb war, hielt mich der Regen in diesem Thale zurück, und dann, nachdem die Wolkenmassen die Regenfluth ausgeschüttet, sich erleichtert zur Höhe gehoben und getheilt hatten, die Sonne schon mit wärmendem Strahl hindurchbrach, mußte ich doch noch eine Zeit lang warten, bis sich die Wasser auf den Wegen etwas verlaufen hatten. Als ich endlich die Leute zum Aufbruch rufen konnte, die sich in den Hütten vertheilt und es sich an wärmenden Feuern bequem gemacht hatten, bezeugten diese wenig Lust den unterbrochenen Marsch wieder aufzunehmen, der, wollten wir noch Blantyre erreichen und nicht während der Nacht am Wege kampieren, ein sehr beschleunigter sein mußte.
Das langgestreckte Thal nun durcheilend und gleichmäßig auf schmalem Pfade bergan steigend, wurde meine Aufmerksamkeit durch die triefenden Grashalme und regenschweren Blätter der Gebüsche, unter welche der Weg hinführte, die bei jeder Berührung einen wahren Schauer von Tropfen herabschütteten und abermals die Kleider durchnäßten, von der Umgebung abgelenkt, aber wo der schlüpfrige Weg weniger Achtsamkeit erforderte, ließ ich doch rückwärts oder in die Tiefe schauend die Blicke umherschweifen, um ein Bild festzuhalten, wie es nur die wilde Gebirgsnatur, nachdem die tobenden Wetter sich verzogen, aufweisen kann. Fast verlockend, als wäre zwischen Busch und Wald ein Idyll hingezaubert, lag an der mächtigen Bergwand, vom flüchtigen warmen Sonnenstrahl überfluthet, der blendende Reflexe über das Blättermeer hinstreute, das große Dorf, von welchem das Krähen der Hähne laut herüberschallte, dieses in dieser wilden Einsamkeit als einen Ort des tiefsten Friedens erscheinen ließ. Mehr und mehr flogen die wogenden Schatten vor dem allgewaltig siegenden Licht, und wie die ganze Natur vor den grollenden Elementen eine Zeit lang erzittert, selbst die alten Felsen gebebt, Donnerwogen wie Posaunenstöße des jüngsten Gerichts von den Gipfeln der Berge zu Thale rollten -- so erhaben fluthete auf die athmende Natur das segenspendende Licht aus dem reinen Aether hernieder. Wie Silberschlangen durch das Grün der Büsche leuchtend, sprangen von den Berghöhen lustige Bächlein zu Thal, wie kleine Kobolde über Stein und Abhang hüpfend, um am Rendevousplatz, tief in der Bergschlucht, das übermüthige Spiel als wildbrausender Sturzbach fortzusetzen. Der Raubvogel, wie auch der kleine Sänger, ersterer die breiten Schwingen entfaltet über die Tiefe schwebend, badeten ihr Gefieder in der goldenen Lichtfluth und, als erwache nach heftigem Kampfe aufs Neue die Natur, stimmte der Wesen endlose Zahl aufjauchzend mit ein in das Triumphlied, hinausgeschmettert in die Weite aus der kleinen Brust des gefiederten Sängers.
Aufwärts strebend, folgten wir den Schlangenwindungen des Bergpfades an steiler Felswand und erreichten vom scharfen Marsche ermattet den Hauptweg wieder, der jetzt ohne viel Steigung gleichmäßig fortlaufend, von nun an ein schnelleres Fortschreiten gestattete. Nur einmal noch, die Sonne senkte sich bereits bedenklich dem Westen zu und übergoß von hoher Bergkuppe gesehen diese eigenartige Gebirgswelt mit ihrem goldenen Licht, hatten wir, den Weg uns dadurch kürzend, einen beschwerlichen Aufstieg zu überwinden. Dann aber schritten wir thalwärts und bald erschienen in der Ferne einzelne Dörfer und bebautes Ackerland, dessen weicher Boden die große Fruchtbarkeit dieser Gebirgsgegend schon verrieth. Nachdem eine zeitlang noch ein scharfer Abstieg verfolgt worden, standen wir plötzlich an dem Bette eines donnernd und tosend über zerklüftetes Gestein springenden Wildbaches, der durch die Regengüsse hochgeschwollen mit wilder Kraft seine Fluthen im Felsenbett fortwälzte.
Zwei mächtige Tamarindenbäume, die hart am Uferrand standen, fast von den gurgelnden Wassern bespült, gaben einer aus Baumstämmen geschlagenen Brücke zweifelhaften Halt, sodaß es eines beherzten Sinnes bedurfte und sicheren Fußes, um über die glatten ohne jede Verbindung von Ufer zu Ufer liegenden krummen Stämme den Uebergang zu wagen. Ein Fehltritt führte unzweifelhaft den Sturz in die Tiefe herbei, der, abgesehen von dem kalten Wasserbad, noch Schlimmeres im Gefolge haben könnte, da das Felsenbett in der Tiefe kein sanftes Lager wurde. Der Sicherheit halber, um die Lasten nicht zu gefährden, ließ ich eine Fähre aufsuchen, wo die Leute sich einander unterstützend, den Uebergang wagen konnten, der auch an einer eingeengten Stelle, wo die Wasser wirbelnd zwischen mächtigen Steinen hindurchschossen, glücklich vollbracht wurde; ein Jeder mußte aber, bis an den Hals in kaltem Wasser, einige Schritte machen, ehe er die ausgestreckte helfende Hand eines Anderen erreichen und das felsige Ufer erklimmen konnte. Ich indes, vom eiligen Marschiren sehr warm geworden, zog es vor ein kaltes Bad lieber zu vermeiden und über einen der drei Brückenstämme den Uebergang zu versuchen, was ich schließlich, da ein Aufrechtgehen zu unsicher, vermittelst des sogenannten »Hinüberreitens« vollbrachte.
Nach kurzem Ausruhen wieder auf dem breiten im Gestein gehauenen Weg bergan steigend, fand ich an den Abhängen wunderschöne Gebirgsblumen, deren einfache Pracht jedem Botaniker entzückt hätte; ich hatte solche zwar schon vorher, aber nicht in so unmittelbarer Nähe gesehen und machte dabei die Beobachtung, daß diese Arten nur auf der gelbrothen Thonerde, die in mächtigen Schichten vielfach auf dem Gebirge abgelagert war, zu finden sei. Trotz der Eile nahm ich mir doch die Zeit, diese duftenden Kinder der Natur, erblüht auf einem gesegneten Fleckchen Erde, näher zu betrachten und nahm manche Blume von dieser luftigen Höhe mit mir auf die weite Wanderschaft, als eine bleibende Erinnerung an die Flora des Schire-Hochlandes.
Auf der freiliegenden Ebene, an den Abhängen der Berge, überall zogen sich wohlbestellte Felder hin, und das Auge erfreute sich an dem saftigen Grün, das in vielfachen Schattierungen, oft scharf begrenzt, unter den Strahlen der scheidenden Sonne einen herrlichen Anblick darbot. Nachdem nun noch eine Art Hohlweg als letzte Strecke durchschritten war, der aus einer Bergsenkung wieder zu freier Höhe führte, dehnte sich das weite Thal, von langgestreckten glatten Hügeln durchzogen, wie ein Phantasiegemälde vor uns aus. Aus dem saftigen Grün blickten hunderte ringsum zerstreut liegende Hütten hervor, die aus der Ferne gesehen wie Vogelnester an den Abhängen hingen und in Massen oder vereinzelt sich von dem dunklen Hintergrund abhoben; zwischendurch nur vereinzelte größere Bauten, welche europäische Wohnstätten vermuthen ließen und sich aus dem Gewirr der Hütten deutlich hervorthaten.
Der letzte Gruß der scheidenden Sonne vergoldete noch die Bergspitzen, Purpurgluth lag über die Abhänge gebreitet, mit ihrem strahlenden Schimmer die Bergkonturen in scharfer Deutlichkeit zeigend, während schon aus der Tiefe dunkle Schatten emporwallten, die mit mächtigen Armen das erhebende Bild zu verwischen trachteten und höher strebend, mit dem Lichte rangen, das seine ganze Schönheit in diesem Abschiedskuß, über die Gebirgswelt ausgegossen hatte. Das Ziel, welchem wir zugestrebt, lag vor uns, ob das Bild aber der Wirklichkeit entsprach, welches in so überraschenden Formen dem staunenden Auge sich gezeigt, das sollte nun bald die eigene Anschauung lehren!
9. Von Blantyre nach Mpimbi.
Meinen Weg thalwärts fortsetzend, fand ich, entgegen der Vermuthung, das Terrain ziemlich schwierig zu begehen, denn die kurzen Abhänge, auf deren Sohle meistens ein Wildbach seine hochgeschwollenen Gewässer hinrauschen ließ, sowie der unbequeme Aufstieg wiederum, waren recht ermüdend. Hätte das Felsenbett der Bäche nicht vom Gegentheil den Beweis geliefert, so würde man versucht gewesen sein zu glauben, daß die Formation der Hügel nicht festes Gestein, sondern reiche hochgelagerte Humuserde sei, denn nirgendwo ließen sich sonst Steine oder Felsen entdecken.
Auf dem platten Rücken des nächsten Hügels, hart am Wege, lag eine große vom Zahn der Zeit zerklüftete Felsenmasse, die allen Schmuckes bar, wohl 30 bis 40 Fuß hoch, ihre kahlen Glieder in die Höhe reckte, und unwillkürlich drängte sich die Frage auf: wie kam diese hierher an einem Orte, wo doch die ganze weite Umgebung im Schmucke des frischen Grün und einer blühenden Vegetation am allerwenigsten solche absorbirte Granitmasse vermuthen ließ. Zu fern lagen die bewaldeten hohen Bergkegel, durch Thal und Hügel getrennt, als daß dieser gewaltige Felsblock von einer Höhe abgestürzt, hier schließlich seinen wilden Lauf beendet hätte, viel eher würde er in seinem verderblichen Sturze gehemmt, am Fuße eines der Bergriesen liegen geblieben sein. Es mußte also eine Gigantenkraft in grauer Vorzeit ihr Spiel damit getrieben haben, und ist seit undenklichen Zeiten diese einst viel höhere kompactere Masse als ein Ueberrest zurückgeblieben, während ringsum die allgewaltige Zeit die Spuren einstigen Kampfes übermächtiger Elemente verwischt hat. Aber welche Mächte auch um dieses einsame Felsenstück einst getobt, es hat dem Ansturm getrotzt, bis es, der einwirkenden Luft und dem Sonnenschein fortdauernd ausgesetzt, wie von Keilen gespalten seine abstürzenden Trümmer umhergestreut hat, zwischen denen, an fester Wand gelehnt, heute der Bewohner dieses Landes seine leichte Hütte erbaut.
Beim letzten Schimmer des scheidenden Tages erreichte ich endlich, auf dem höchsten der Hügel gelegen, unser Lager, wo ich nach einem so anstrengenden Marsche die benöthigte Ruhe zu finden hoffte. Wider Erwarten fand ich nur eine elende Steinhütte, worin nur für den hier die Aufsicht führenden Kesselschmied Wedler, der nach seiner schweren Verletzung wieder ziemlich genesen war, Platz genug vorhanden. Selbst nicht soviel Vorrath an Zeug fand ich vor, um die Träger abbezahlen zu können, die absolut nicht weiter mitgehen wollten, trotzdem ich ihnen erhöhte Zahlung versprach, da ich auf einen vom Major hinterlassenen Befehl unverzüglich weitermarschiren sollte, und mit meinem Diener Mzee allein diesen ausführen mußte, wenn, wie es meine Erkundigung ergab, wirklich nicht ein einziger Träger zu erhalten sein sollte.
Dem einen Mangel war schnell abgeholfen, indem der deutschen Expedition Kredit genug gewährt wurde, die Trägerfrage aber hoffte ich dadurch zu lösen, daß ich den Mr. Johns aufsuchte, welchen ich einst, als er im Lager von Ntoloa in großer Verlegenheit zu mir kam, ihm und seinen Begleiter bei Kapitän Robertson eine freie Mitfahrt bis Port Herald verschafft hatte, und durch seinen Einfluß vielleicht erreichte, die benöthigten Träger zu erhalten. Vorerst jedoch, aller Eile ungeachtet, mußte dem knurrenden Magen sein Recht werden, um so eher, als die verlockende Aussicht, frische Kartoffeln, Salat und Gurken hier erhalten zu können, eine zu verführerische war. Verdiente dieses gesegnete Hochland nicht schon in anderer Weise seinen guten Ruf, die Erzeugung dieser Genußmittel würde solchen ihm bei Allen eingetragen haben, die an Entbehrungen gewöhnt, hier zu Gast sich einfinden.
Neben dem erwähnten kleinen Häuschen stand zwar noch das aufgeschlagene Zelt unseres Expeditionsarztes Dr. Röver, und hätte ich hierin für die Nacht wohl nothgedrungen eine Unterkunft finden können, allein in diesem mit Medizinkisten und ärztlichen Utensilien vollgepackten Zelte erst Raum zu schaffen und vielleicht Unordnung anzurichten, zog ich es doch vor, bei der Firma Scharre & Co., dessen Chef mir wohlbekannt, den Mr. Johns aufzusuchen, wo ich jedenfalls eine Freistätte hätte finden können. Ohne noch einen in dieser Hinsicht gehegten Wunsch aussprechen zu brauchen, wurde mir nicht allein ein Zimmer angeboten, sondern auch, was mir viel werthvoller, ohne weiteres die Unterstützung zugesagt, Träger für mich besorgen zu wollen, sofern ich mich einen Tag nur gedulden könne. Es schien mir unter diesen Verhältnissen natürlich geboten, das gemachte Anerbieten dankend anzunehmen, und dies um so eher, als mit völliger Bestimmtheit die Ankunft von einigen zwanzig Trägern, worunter acht Maschilla-Leute, gegen Abend des nächsten Tages erwartet wurde.
Diesen Tag der Ruhe nun benutzte ich, um in diesem vielgepriesenen Blantyre flüchtige Umschau zu halten, und das Nächstliegende war, der Aufforderung meines freundlichen Wirthes, des Mr. Scharre, eines Deutschen, Folge zu leisten, um sein großartiges Etablissement in Augenschein zu nehmen. Vor allen war es, neben den mit europäischen Erzeugnissen wohlgefüllten Häusern, dessen stattliche Viehherde, die ganz besondere Aufmerksamkeit verdiente, insofern als schon die Herbeischaffung lebenden Viehs mit sehr großer Schwierigkeit verbunden war, weil im ganzen weiten Umkreis der bewaldeten Höhen die Zetsefliege hauste, deren Stich für Rindvieh, Pferde und Esel fast immer tödtlich ist. Daher verdient die aufgewendete Mühe und angewandte Sorgfalt, die Zucht in diesem von dem gefährlichen Insekt freien Distrikt zu fördern, auch besondere Anerkennung, und neben der schottischen Mission, deren Gründung hier Blantyre sein anfängliches Aufblühen verdankt, ist es ein löbliches Bemühen die Kultur dieses vielversprechenden Hochlandes nach Möglichkeit zu heben.
Besonders interessant war für mich noch die Anlage verschiedener Sägewerke, nach dem System eingerichtet, wie man noch in Europa durch Menschenhände Balken zu Bretter etc. verarbeitet, nur mit dem Unterschiede, daß hier nicht auf hohen Böcken das Zerschneiden vorgenommen wurde, sondern die Balken über tiefe Gräben gelegt, von schwarzen Zimmerleuten zertrennt wurden.
Wie mir indes versichert worden, ist das Herbeischaffen der eigentlich kurzen aber recht schweren Balken die Hauptarbeit mit, da man sich wegen des zerklüfteten Terrains keiner Handwagen bedienen kann und diese nur durch Menschenkraft herbeigeschleift werden müssen. Das rothbraune feste Holz, von großem Nutzwerth, dient zur Herstellung aller möglichen Utensilien, und neben Hausgeräth wird solches auch zu Bootsplanken etc. verwendet.
Gleicherweise hatte der Besitzer neben seinem stattlichen Wohnhause auf einem kleinen Bergabhang eine Versuchsstation für Kaffee angelegt, die vorzüglich gedeiht, was die beträchtliche Anzahl Bohnen an den erst drei- bis vierjährigen Pflanzen zur Genüge bewies; übrigens ist das Klima und der vortreffliche Boden dieses Gebirgslandes vornehmlich geeignet, das Wachsthum der Kaffee- und Tabakspflanzen zu fördern, und sehr ausgedehnte Anlagen mit Millionen dieser so werthvollen Pflanzen bestanden, sind heute schon unter Kultur. Ein Kaffeefeld mit gleichjährigen Bäumchen, deren tiefdunkle grüne Blätter einen eigenartigen Anblick gewähren, bleibt immer eine imposante Erscheinung; man wird stets ein solches mit besonderem Vergnügen betrachten können, zumal, wenn die angewandte Mühe und besondere Pflege, welche die jungen Pflanzen beanspruchen, in Betracht gezogen wird.
Die hohen Bergkegel, die Blantyre wie ein Kranz umschließen, fordern auch ganz besonders die Aufmerksamkeit heraus, und würde man sich auf die Spitze eines dieser trotzigen Bergriesen versetzt denken, den Blick ungehindert in die Weite schweifen lassend, müßte es von solcher luftigen Höhe ein herrlicher Ausblick in die weiten Lande sein -- von dort auswärts schauend, lägen Thal und Hügel wie ein grüner Teppich weithin ausgebreitet. Die höchsten der Berge, in ungleicher Entfernung von einander, dem Beobachter aber erscheinend, als verliefe das Fundament, auf welchem sie aufgethürmt, in einer Kreislinie, sind folgende: Pingwe, Bangwe, Malavi, Fotje, der hohe Bergrücken Durandi und Mathiro.
Von dem Wunsche begleitet, nun auch noch die Dörfer in der nächsten Umgebung in Augenschein zu nehmen, fand ich, was aus der Ferne gesehen wie ein Idyll erschienen, doch nichts Besonderes vor; wie überall, lagen auch hier die Hütten bunt durcheinander und verirrte man sich zwischen denselben, hatte man Mühe, aus dem Wirrwar der Wege sich wieder zurechtzufinden. Ganz besondere Aufmerksamkeit schenkten nur die unansehnlichen Hunde einem Fremden, sodaß man zufrieden war, das Gekläffe der Meute hinter sich zu haben. -- Die Sitte, ihre Todten in den Hütten zu begraben und diese dann über das Grab einzureißen, üben die Eingeborenen auch hier aus, einem Häuptling hingegen bereitet man die Grabstätte an dem Orte, wo dieser seinen Reichthum, Ziegen, Schafe etc. zu stehen gehabt, also an einer Stelle, welche gerade nicht als sehr ehrenvoll bezeichnet werden könnte -- indes kann ich dieses nicht verbürgen, obgleich es nicht unwahrscheinlich ist, da ich verschiedene Begräbnißmethoden gesehen habe, die auf krassen Aberglauben zurückzuführen und je nach der religiösen Anschauung der einzelnen Volksstämme auch verschieden sind.
Beim Durchstreifen eines Dorfes, dem Schlage der Ngoma folgend, fand ich mich plötzlich einer zahlreichen Gesellschaft gegenüber, die um einen mit bunten Bändern (Zeugstreifen) geschmückten Grabhügel eine Art Todtenfest feierten, und die grotesken Aufführungen des Medizinmannes mit Gesang, Händeklatschen und der unerlässigen Ngoma begleiteten. Sämmtliche Theilnehmer waren schon in das Stadium völliger Trunkenheit eingetreten, trotzdem aber tanzten und sprangen die taumelnden Gestalten noch um das Grab und leierten mit widerlichen Stimmen die eintönigen Gesänge her, einige schwankten auch, als ich vorüberging, auf mich zu und vertraten mir den Weg, dabei wie Blödsinnige mich anstierend, und soviel ich aus den lallenden Stimmen entnehmen konnte, waren die mir unverständlichen Worte wohl keine Schmeichelei gewesen.
Solche Sitten und Gewohnheiten sind an der Stätte, wo das Christentum Verbreitung gefunden immer noch eine Erscheinung, gegen die Aufklärung und christlicher Glaubensmuth geduldig ankämpfen müssen, und hat die Kirche auch hier eine reiche Saat ausgestreut, widersteht im Einzelnen das Phlegma des Negers doch ihrer edlen Bestrebung, diesen leicht für die neue Glaubenslehre gewinnen zu können. Es liegt wahrlich nicht an dem Bestreben opfermütiger Männer und Frauen, die ihrem Beruf mit ganzer Liebe zugethan sind, daß unter der erwachsenen Bevölkerung nur verhältnismäßig geringe Erfolge zu verzeichnen sind, sondern der ungebundene Sinn des Negers fügt sich zu schwer, vor allem, da er jedem Zwange abhold, einen solchen in dem Bekenntnisse sehen wird, sich in der Gemeinschaft der Christenheit aufnehmen zu lassen. Dahingegen ist das kindliche Gemüth empfänglicher für das Evangelium, wenn von früh auf Geist und Sinn darauf hingewiesen werden kann, und die großen Erfolge der Mission bauen sich auf die erzogene Jugend auf, die mit Geduld und von treuer Sorgfalt behütet, zu nützlichen Menschen herangebildet wird.
Mag es nun aber sein, daß die Beständigkeit des Negers von äußern Eindrücken untergraben wird und er leicht der Anfechtung, wenn er selbstständig und auf eigenen Füßen gestellt, unterliegt. Thatsache ist, daß an einer ganzen Anzahl jahrelange Mühe, viel Geduld und Liebe verschwendet worden ist und diese zuletzt als räudige Schafe aus der Heerde ausgestoßen werden müssen, weil sie, man möchte sagen zum Aergerniß geworden sind, und ihr Lebenswandel der Erziehung nicht entspricht. Solche, zum Glück nicht viele, entfalten dann die ganze Verschlagenheit der Negernatur, und auf dem Standpunkt stehend, durch ihr bischen mangelhaftes Wissen und Können, dem Europäer nun nahezu gleichgestellt zu sein, werden diese Kreaturen, wenn ihnen für ihren Eigendünkel empfindliche Strafe trifft, arge Hetzer. Gegner des Missionswesens, die eine Aufklärung der Bevölkerung, als ein unzeitiges Uebel betrachten, führen diese Erscheinungen darauf zurück, daß dem Neger, dessen Erziehung als vollendet gilt, gelehrt wird, er stehe, nachdem derselbe in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen ist, dem weißen Manne völlig gleich; sie wollen darin eine Entwürdigung sehen, da bei weitem der Neger noch nicht reif genug, und eine absolute Gleichstellung bei so unselbstständigen Charakteren ein Irrthum ist.
Solche Gleichstellung würde aber doch nur in religiösem Sinne aufzufassen sein. Ein Fehler der Erziehung wäre es, würde man die Zöglinge darauf hinweisen wollen, sie ständen im späteren Leben gleichberechtigt da, das möchte der Kulturaufgabe, welche sich die Missionare vornehmlich unterziehen, doch nicht entsprechen, und ist auch nicht der Fall! Freilich übereifrige Glaubensapostel giebt es wohl genug, die ganz in ihrem schweren Berufe aufgehend, der eigenen Würde als Belehrender nicht genug Beachtung schenken und als verirrten Bruder jedes Menschenkind ansehen, das halb willig, halb neugierig der nie vernommenen Botschaft sein Ohr leiht, ohne dabei genugsam zu bedenken wie eine Hinweisung auf Gleichberechtigung gar leicht eine falsche Auffassung in solchen unklaren Köpfen hervorbringt. Mir sind im Gebiet des oberen Schire und Nyassa-See verschiedene Male später solche Existenzen entgegengetreten, die zunächst auf ihre geringe Schreibkunst pochend, (als sie nicht die gebührende Beachtung fanden, ungezogen wurden) die Dreistigkeit besaßen mir zu erklären »sie sind ganz dasselbe wie der weiße Mann«! Nun das sind wie überall auf dem Missionsgebiete Schattenseiten, die das hochherzige Streben der Gesammtheit nicht beeinträchtigen können, nur das darf nicht unerwähnt bleiben, daß das Festhalten an Anschauungen in der auszuübenden Lehre, hier zwischen der herwachsenden christlichen Bevölkerung, nicht zu Spaltungen führen muß, die, wenn das Heidenthum den Kampf aufnehmen wird, die kleine Schaar getrennt findet und den endlichen Sieg der Christenheit dadurch sehr erschwert! Auf die Erziehungsmethoden der am Nyassa-See ansessigen Missionsstationen werde ich später zurückkommen und deren Thätigkeit eingehender veranschaulichen.
Neben der Entwickelung, welche das Gemeinwesen in Blantyre genommen und dank der vorzüglichen Lage, der aufblühenden Kultur, sich in ungeahnter Weise entfaltet, wurde es zur Nothwendigkeit, die benöthigten europäischen und ausländischen Handelsartikel auf eine bequemere Art auf und über das Gebirge zu schaffen, zumal schwere Lasten einen großen Aufwand an Menschenkraft erforderten und die auch nur zu Zeiten ausreichend zur Verfügung steht. Darum unternahm das englische Gouvernement die Herstellung des bereits früher erwähnten Weges, mit der Absicht, darauf große Lastwagen mit Ochsengespann zu befördern, wie es in Transvaal und Südafrika geschieht, wo sich diese Art der Beförderung namentlich im gebirgigen Terrain, als die einzig mögliche erwiesen hat.
Mit großen Kosten und nach jahrelanger schwerer Arbeit ist eine Straße nun hergestellt, die in der trockenen Jahreszeit nicht viel zu wünschen übrig läßt, allein, da die Existenz der Zugochsen in gewissen Distrikten durch die Zetsefliege sehr gefährdet ist, und die Ochsen durch diese getödtet wurden, mußte davon Abstand genommen werden. Nach wie vor wandern nun tausende Wangoni-Träger thalwärts und schleppen auf ihren Köpfen die Lasten zur Höhe, wodurch sie sich einen beträchtlichen Verdienst erwerben, da meistens Zeug oder Perlen bevorzugt, in ihrer fernen Heimath beträchtlich noch im Werthe steigen. Obwohl mir bekannt war, daß die erwarteten Träger meine Sachen nur bis Lomba bringen würden, gab ich mich doch der Hoffnung hin dieselben allenfalls durch eine Lohnzugabe bewegen zu können, den besseren und auch kürzeren Weg über Matope, direkt nach Mpimbi zu nehmen; fand mich aber, als nach deren Ankunft darüber verhandelt wurde, getäuscht. Es machte sogar noch Mühe, die Leute zu einem frühen Abmarsch zu bereden, da sie wenig Lust zeigten, den sonst üblichen Ruhetag aufzugeben. Wie mir Mr. Scharre versicherte, sollten die Leute mich zu seiner bei Zomba angelegten großen Kaffeeplantage bringen, wo der Pflanzer Mr. White für neue Träger Sorge tragen würde, und von wo ich auch Mpimbi in etwa 7 Stunden würde erreichen können.
Froh nur, daß mein Wunsch, noch am Weihnachts-Heiligabend das deutsche Lager zu erreichen, sich erfüllen sollte, beeilte ich mich auch am nächsten Morgen meine Sachen zu denen, da Träger genug vorhanden, einige vom Major zurückgelassene Munitionskisten hinzugefügt wurden, nach meinem Absteigequartier hinüberzuschaffen.
In der Voraussicht, daß die Leute trotz ihrer Zusage sich nicht eingestellt haben würden, um am 23. Dezember früh wieder abzumarschieren, hatte man die Auszahlung ihres verdienten Lohnes bis auf diese Morgenstunde verschoben, auch jedem schon seine Last wieder zugetheilt.
Alles ging gut, bei der Auszahlung empfing ein jeder stillschweigend sein abgemessenes Stück Zeug, als es aber hieß die Lasten aufnehmen, weigerten sich die meisten und behaupteten sie hätten mehr zu erhalten, ihnen wäre der übliche Lohn verkürzt worden. Nun sollte den Hauptschreiern das Zeug wieder abgenommen werden, damit es ihnen nochmals vorgemessen und ihre Ungebührlichkeit, die an Unverschämtheit grenzte, bewiesen werde, gleicherzeit wurde dem anwesenden Hauspersonal, etwa zehn Dienern, auch die Anweisung gegeben einen Fluchtversuch der Träger zu verhindern; indes kaum merkten diese, daß die Sache für sie schief ablaufen würde, jagte fast die ganze Gesellschaft davon, mit einer Geschwindigkeit, die einem Schnellläufer Ehre gemacht hätte, hinter sich her wie weiße und bunte Fahnen ihr einige Meter langes Zeug mitschleppend. Vergeblich war der Wettlauf der Diener, es gelang keinen der Ausreißer wieder zurückzubringen, nur diejenigen, welche wir Europäer den Weg vertreten und zurückgehalten hatten, mußten bleiben.