Chapter 35 of 47 · 3888 words · ~19 min read

Part 35

Die Fallreep aufenternd, gefolgt nur von wenigen Atonga, die den Anker zu bedienen hatten, gab ich den Befehl zum Laufen -- rasselnd fielen die Ketten, die das Schiff gehalten, zitternd rückte es durch den schweren Körper, als die starken Schrauben angedreht wurden und langsam, wie wenn es sich zum Anlauf rüsten wollte, glitt es wenige Fuß auf der glatten Bahn herunter, aber ehe es im Laufen kam, scholl mein Kommando »hol Atonga« und an beiden Seiten legten sich wohl 50 Mann mit aller Kraft in die am Schlitten befestigten Taue. Schnell und schneller die steile Bahn hinab, das Heck tief in das aufschäumende Element drückend, das brausend um die Seiten des Schiffes aufwallte, glitt der »Hermann v. Wißmann« hinab, umbraust von dem Hurrah viel hunderter Kehlen. Rasselnd fiel der Anker in die Tiefe und auf den Strom schwingend, lag das Schiff nahe dem Ufer vor seinem ersten festen Halt.

Der kritische Moment bei dieser rapiden Fahrt abwärts war, als der Hintersteven des Schiffes im Sande der angeschwemmten Bank sich durchwühlte, mehr noch, als der mit Ketten am Schiffe aufgefangene Schlitten den Grund berührte und mit Krachen die Ketten entzwei sprangen. Aber zu gewaltig war der Andrang des schweren Körpers, um durch diesen Widerstand aufgehalten werden zu können; nur so viel geschah, die schwere am Grunde liegende Holzmasse hemmte den starken Rücklauf des Schiffes und brachte es, mit dem Vordersteven keine 15 Fuß vom Ufer entfernt, zum Stehen, der Anker fiel zwischen die Hölzer des gesunkenen Schlittens, sonst, von den schweren Hölzern befreit, hätte das Schiff weit in den Fluß hinein laufen müssen.

Sekunden nur waren es, doch dünkten mir solche lang, und erst mein Kommando, »fallen Anker« löste die spannnende Erwartung! In diesem Augenblick, als der Stapellauf nun so glücklich beendet war, wollte mir alles Kommende nichtig und gering erscheinen gegenüber dem was hinter mir lag, was auch die Zukunft bringen mochte an Mühen und Arbeit, die Krönung des Werkes sah ich mit diesem glücklichen Ausgang als vollendet an. -- --

Schon bald nach dem Osterfeste hatten die Engländer, mit aller Kraft den Bau ihrer kleinen Schiffe fördernd, mit der Aufstellung des Flußdampfers »Dove« begonnen, der auch zu dieser Zeit soweit fertiggestellt worden war, daß die Probefahrt abgehalten werden konnte; der Bau eines ihrer Kanonenboote war auf unserer Leichterwerft erst soweit vorgeschritten, daß sie uns nicht gut mehr überholen würden, obgleich ihre Arbeiten im Vergleich zu unseren eine Kleinigkeit genannt werden konnte.

Die nicht zur Ausführung gekommene Absicht des Majors von Wißmann, sein Schiff, am Tanganjika-See zu erbauen, ließ dem Leiter des englischen Unternehmens, Kapt. Robertson, nun seinerseits den Entschluß fassen, mit dem zweiten Kanonenboote dieses Projekt zur Ausführung zu bringen, welches, wenn es vonseiten der englischen Regierung genehmigt worden wäre, für die an diesem See längst eröffneten Handelsbeziehungen Englands ein starker Stützpunkt sein mußte, und der zu dieser Zeit schon stark in Vorbereitung befindliche Plan, den englischen Einfluß in der Längsaxe Afrikas zu entfalten, würde durch die Stationirung eines solchen Machtobjekts auf dem Tanganjika-See nur gefördert worden sein. Aber aus politischen Gründen wohl wurde die Ausführung dieses Planes vereitelt und es mußte auch das zweite Fahrzeug in Mpimbi erbaut werden.

Die Beziehungen zu einander, welche von Eltz und Kapitän Robertson verbanden, waren überaus herzliche, und schon in Anbetracht unserer den Engländern so vielfach geleisteten Dienste, war es wohl kein zu großes Entgegenkommen, wenn, um uns viel Zeit und Arbeit zu sparen, der Raddampfer »Dove« unser Schiff bis nach Fort Johnston schleppte. Zur Abfahrt wurde der 14. Juni festgesetzt; die Zwischenzeit aber benutzen wir, um mit vieler Mühe den auf Grund liegenden Schlitten wieder herauszuholen, weniger des Holzes, das immerhin gewissen Werth besaß, als der eisernen Bolzen und Klammern wegen, die verwendet worden waren; denn der Werth dieses Metalles wächst je weniger davon vorhanden ist. Unsere beiden Dampfkessel, der eine noch nicht ganz vollendet, mußten, da sie durch ihre Schwere das Schiff zu sehr belasten würden, zurückbleiben und sollten von dem kurz vor dem Stapellauf noch Port Maguire abgegangenen Leichter später nach Fort Johnston, wo deren Einsetzen stattfinden sollte, übergeführt werden.

Wesentlich nur leichte Sachen, als vorräthig gebrannte Kohlen etc. wurden an Bord genommen. Ich war mehr darauf bedacht das leere Schiff, das hinten 3 Fuß 4 Zoll, vorne 2 Fuß Tiefgang hatte, auf ebenen Kiel zu bringen, und erreichte dieses auch, weniger durch Anhäufen vorläufig unnöthiger Gegenstände, als durch eine Anzahl Leute, diese waren wenigstens eine nach Willkür bewegliche Masse, und auch nöthig, weil wir über die Stromschnellen nicht mit leichter Mühe würden hinwegkommen können.

Die Fahrt flußaufwärts, dank des geringen Tiefgangs unseres Schiffes, ging gut von Statten, erst die Stromschnelle bei Perisi wurde ein Hinderniß über das hinweg wir nach schwerer Arbeit das leere Schiff zu schaffen vermochten; wieder in tiefes Wasser gelangt, war die Kraft der »Dove« nicht ausreichend, den wirbelnden Strom der nächsten Stromschnelle zu überwinden, und von den Strudeln gefaßt, wurden beide Schiffe auf die Sandbänke geworfen. Mit Warp- und Buganker die Schiffe wieder abgeholt, erforderte es am nächsten Morgen die äußerste Anstrengung mit Dampf und Menschenkraft vorwärts zu kommen, namentlich lag beim Mißglücken die Gefahr vor, auf die unter Wasser liegenden Felsblöcke getrieben zu werden, und um nicht Gewonnenes zu verlieren, mußten mittelst Anker und langen Leinen die gefährlichsten Stellen passirt werden.

An Lionde vorbei, das von den einst an beiden Ufern des Flußes liegenden großen Dörfern, nichts mehr aufwies, als nur zerstreute Hütten, mitten darin die beiden englischen Forts, bot dieses nur den Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Ungehindert, da auch der Wind zu unseren Gunsten war, erreichten wir Werra. Am dritten Tage aber im Malombwe-See, führte Kapitän Robertson, meinend, es müsse eine gerade Durchfahrt geben, sein Schiff so in den Schlick hinein, daß es Stunden währte, bis der flachgehende Dampfer wieder frei war, unser Schiff aber mußte rückwärts aus der zähen Masse geschleppt werden. Am Nordende des Sees, wo wir einst, durch die vorgelagerten Sandbänke behindert, mit den Booten der Vorexpedition viel Scherereien gehabt hatten, gelang die Durchfahrt besser, als ich gedacht. Als wir aber den Schirefluß wieder erreicht hatten, gaben die Engländer aus Mangel an Feuerholz es auf, uns weiter zu schleppen, und den ganzen vierten Tag gebrauchte ich mit unsern langen Bambusstangen das Schiff bis in die Nähe von Fort Johnston zu bringen.

Weit unterhalb des Forts, an sumpfigen Wiesen hatten wir eine Anlegestelle angewiesen erhalten, und meine erste Arbeit war es neben der Herstellung eines Dammes, für Europäer und Schwarze eine Unterkunft am Lande zu beschaffen. Aber wie schon früher erwähnt, war es nicht rathsam sich aus dem Bereich des Fort zu entfernen, da die feindlich gesinnte Bevölkerung in den nicht allzufernen Bergen Gelegenheit suchte und fand kleinere Trupps zu zerstreuen und abzufangen. Holz in der weiten Umgegend war nicht erhältlich, so war ich gezwungen unsern Bedarf vom Fuße der Berge holen zu lassen und die zu diesem Zwecke ausziehenden Leute zu bewaffnen oder denselben zum Schutz eine starke Eskorte mitzugeben. Als der Damm dann auf sumpfigen Wiesengrund fertiggestellt worden war, wurde es noch nöthig, auch für den aus unsern Masten später aufzurichtenden Bock, mit dem die schweren Dampfkessel eingesetzt werden sollen, festen Halt und Untergrund zu schaffen, mußte doch diese schwere Arbeit hier vorgenommen werden, weil das Seeufer bei unserer Station zu flach war. Schon waren etwa 14 Tage verflossen und noch immer nicht war der Leichter, der zunächst die Kessel und Schiffsmasten bringen sollte, eingetroffen. Sonst brauchte Brückner von Mpimbi bis zum See nur 7 bis 8 Tage und jetzt mußte der heftig wehende Süd-Ost-Passat um so mehr die Reise fördern, als er auf der ganzen Strecke fast den Gebrauch der Segel gestattete. Um so auffälliger war es, daß der Leichter, längst nun fällig, nicht ankam, statt dessen aber traf Ottlich mit einigen Leuten am 16. Tage ein und brachte die Nachricht, das Fahrzeug sei vorne im Malombwe-See festgerathen, aber schon, als er mit einem vorüberfahrenden Boote seine Kameraden verlassen habe, hätten sie es frei gehabt, in spätestens zwei Tagen müßten sie ankommen. Die Zeit aber verrann und kein Leichter kam -- am zwanzigsten Tage von Besorgniß nun erfüllt, daß irgend etwas passirt sein mußte, da auch in den letzten Tagen ein äußerst stürmischer Wind geweht hatte, machte ich mich mit unseren Booten auf und fuhr zum Malombwe-See. In heißer Mittagsgluth, um welcher Zeit ich den See erreichte, brütete eine Dunstmasse über die weite spiegelglatte Fläche, und daher konnte ich, so weit ich auch mit scharfen Gläsern die sichtbaren Ufer absuchte, nichts entdecken. Am späten Nachmittag nach Fort Johnston zurückgekehrt, beschloß ich, mit genügend Proviant versehen, am nächsten Morgen, wenn es nothwendig werden sollte, selbst bis zur Station Werra zurückzufahren, um dort Erkundigungen einzuziehen, denn nun hegte ich nur noch wenig Hoffnung, das Fahrzeug unversehrt auffinden zu können. Desto überraschender war es für mich, am nächsten Tage -- noch hatte ich nicht den Malombwe-See erreicht -- den Leichter vom starken Winde getrieben, herankommen zu sehen und auf demselben alles in guter Ordnung und alle wohl und munter zu finden.

Als Grund der Verzögerung und des langen Ausbleibens erfuhr ich nun Folgendes: Nochmals inmitten des Sees festgekommen, hatte die Besatzung mit hereinbrechender Nacht die Versuche, das Fahrzeug wieder aus dem Schlick herauszubringen, aufgeben müssen; eine Sturmböe von langer Dauer habe den Leichter dann in der Dunkelheit abgetrieben und, machtlos gegen die Gewalt des Windes, wären sie immer weiter, dem südöstlichen Ufer zu, fortgedrängt worden und hätten am nächsten Morgen nicht mehr gewußt, wo sie sich eigentlich befanden. Nun, gänzlich vom Schlammmeer umgeben, war selbst der starke günstige Wind nicht im Stande, den Leichter fortzubringen, und was das Schlimmste, auf solche unliebsame Verzögerung nicht rechnend, wäre ihnen der schon knappe Proviant ausgegangen. Um nun die beträchtliche Zahl der Soldaten und der Besatzung bei Kräften zu erhalten, hatten sie sich aus den Schiffsmasten, den Deckplanken etc. ein Floß herstellen müssen und damit versucht, das nicht allzuferne Land zu erreichen. Nach gelungener Landung sei dann eine Zahl Bewaffneter aufgebrochen und habe, von der Noth getrieben, in der weiten Wildniß nach menschlichen Wohnstätten gesucht, und in einem am Fuß der östlichen Berge aufgefundenen Dorfe zum Glück reichlichen Proviant aufkaufen können.

Nach der Rückkehr der Ausgesandten hatten sie dann soviel Lasten als das Floß zu tragen fähig gewesen auf dieses geschafft, um ihr Fahrzeug zu erleichtern, und am Abend vorher erst, nach vieler Mühe, sei es gelungen, tiefes Wasser aufzufinden; dann die Nacht hindurch, mit günstigem Winde segelnd, hätten sie alles daran gesetzt, um nur vorwärts zu kommen. Zufrieden, daß meine Besorgniß, der Leichter könne mit seiner werthvollen Ladung eventuell verloren gegangen sein, unbegründet gewesen war, sandte ich sofort nach unserer Ankunft einen Eilboten zum Lager, der die Anzeige zu machen hatte, der Leichter sei angekommen, denn dessen langes Ausbleiben hatte auch dort bei allen schon Besorgniß erregt.

Die Aufrichtung und Auftakelung des aus den beiden Masten hergestellten Bockes, mit dem die schweren Kessel nun eingesetzt werden sollten, erforderte große Umsicht, da an diesem ein Gewicht von über 80 Centner mit starken Flaschenzügen (Taljen) hochgezogen und in das Schiff niedergeführt werden mußte. In nahezu senkrechter Stellung mußte dem Bock ein starker Stützpunkt vom Lande aus gegeben werden und, da nichts in der Nähe war, woran die Drahttaue befestigt werden konnten, sah ich mich genöthigt, den gewünschten Halt durch einen vergrabenen Anker herzustellen. Da das Schiff nicht nahe genug an das Ufer heranzubringen war, mußte ich, wenn erst ein Kessel aufgehißt sein würde, dem Bocke eine beträchtliche Neigung geben können, wodurch aber auch eine sehr straffe Anspannung der nach dem Lande führenden Taue verursacht wurde, und es lag die Gefahr vor, der Anker könne in dem losen Wellsand, der hinter dem sumpfigen Uferstreifen angehäuft lag, nachgeben. Dies zu verhüten, ließ ich so tief graben, bis fester Grund gefunden war und hier durch Einrammen von Pfählen eine Art Verhau herstellen, hinter welchem der schwerste Buganker einen starken Halt finden konnte.

Mit großer Vorsicht und dem vorhandenen Material, wie ich solches seinerzeit zu diesem besonderen Zweck beordert hatte, wurde die Arbeit beendet; das Einsetzen der Kessel begann und war nach zwei Tagen, verzögert nur durch die ungünstige Lage des Schiffes, glücklich, ohne besondere Zwischenfälle, ausgeführt.

Donnerstag, den 6. Juli, nachdem unser kleines Lager bei Fort Johnston aufgegeben war, brach ich ganz früh mit dem Schiffe auf, um es zum Südufer des Nyassa-Sees, nach unserer Station Port Maguire überzuführen. Das Fort passirt, streckte sich zur Rechten das mächtige Dorf Mponda längs dem hier höher gelegenen Ufer aus, zur Linken hingegen nur sumpfige Niederung mit Schilf, Busch und Rohr bestanden, die landeinwärts bis zum Fuße der Berge zu einem mächtigen Dickicht überging über das hinweg nur zahlreiche Fächerpalmen ihre stolzen Kronen in den Lüften wiegten. Bald lag die letzte Krümmung des Schire hinter uns, und noch ehe wir die Barre erreicht, öffnete sich schon ein Ausblick auf den See. Ein Bild voll Schönheit und Eigenart lag vor unseren Augen ausgebreitet; erhebend wirkte die weite, nach Norden zu unbegrenzte Wasserfläche. Als sähe man den Spiegel eines gewaltigen Meerbusens im Sonnenglanz und tiefster Ruhe vor sich liegen, eingefaßt von gewaltigen Bergmassen, die in weiter Ferne verschwindend, wie Inseln auf den Fluthen des Sees erschienen. So weit das Auge reicht, sieht man noch die Ufer an beiden Seiten; die hohen Bergketten, höher und höher anstrebend, treten scheinbar zurück, und am Horizont, wie Punkte verschwindend, scheint ein Meer ohne Grenzen ausgedehnt zu liegen.

Und in der That, hunderte englische Meilen weit erstreckt sich diese Wassermasse -- den Wunsch, auf diesen Fluthen gewiegt unbekannten Fernen zuzustreben, erweckt der Anblick jener gewaltigen Bergformen, wie die Natur sie hier aufgebaut hat -- unabsehbar verschmelzen Land und Wasser, und lassen ahnen, daß dieses +terra incognita+ für uns noch Schönheiten aufzuweisen hat, die bei weitem das übertreffen, was hier vor unseren Augen ausgebreitet liegt.

Am Ausfluß des Sees fand ich die vorgelagerte Barre flach und schwer passirbar, daher mußten sämmtliche Leute in das Wasser, theils um das Schiff zu erleichtern, theils um es mit Leinen an aufgefundenen tieferen Stellen durchzubringen. Nach viel Mühen und stundenlanger Arbeit gelang auch dies, und darauf längs dem Seeufer hinziehend, erreichten wir am selben Tage die deutsche Station.

Unsere Station Port Maguire in 14° 24´ 26´´ S. Br. und 35° 23´ 30´´ Östl. Länge, dicht am Südufer des Sees gelegen, macht, wenn man die Verhältnisse, unter denen sie erbaut worden, in Betracht zieht, einen guten Eindruck; entschieden besser als das Fort der Engländer, Fort Johnston. Die nach Norden gelegene hohe Bastion, die tiefen Gräben, welche zum Schutz aufgeworfen und deren Ränder dichte Dorngebüsche einschließen, sowie der hohe künstlich aufgeführte Wachtthurm sind ganz imposant. Ein hoher breitästiger Tamarindenbaum mitten im Fort, in dessen Schatten Zelte und Hütten aufgebaut sind, trägt auch viel dazu bei, das Fort einladend zu machen. Ringsum, namentlich landeinwärts, ist der dichte Busch niedergehauen, selbst lange Wege in diesem gelichtet, um freie Aussicht zu haben. Da die Fächerpalme hier in bedeutenden Mengen vorhanden ist, deren schlanker astloser Stamm (eigentlich nur ein dichtes Zellengewebe, umgeben von harter Rinde) sich besonders zu den Bauten eignet, so wurden solche für die Bastionen so verwendet, daß Stamm an Stamm aufgerichtet einer Mauer glich, hinter welcher die Sandmassen angeschüttet und mit Dornhecken gekrönt wurden und selbst dem verwegensten Feinde das Eindringen verwehrt hätten; denn die scharfen Stacheln halten fest was sie gefaßt und zerreißen dem die Haut der hindurchzudringen wagt, wofür die nackten Eingeborenen natürlicherweise berechtigte Scheu haben.

Es sollen nach Aussage, als Doktor Röver dieses Fort anzulegen begann, anfänglich von den feindlich gesinnten Bergbewohnern, mehrere Versuche unternommen worden sein, den Anbau hier zu verhindern. In größeren Trupps zum Angriff vorgegangen, gelang es ihnen auch, einige der angeworbenen Arbeiter abzufangen, natürlich um solche armen Teufel als Sklaven zu verkaufen; sonst aber war die anwesende Militairmacht stark genug sie immer zurückzuschlagen, bis sie durch Verluste klug gemacht weitere Belästigungen aufgaben und sich in ihre Gebirgsheimath zurückzogen, wohin ihnen zu folgen bis jetzt noch kein Europäer gewagt hat und vorzudringen vermochte. Es wäre auch wohl nicht rathsam gewesen, ohne eine starke Macht hinter sich zu haben, die kriegerischen Stämme anzugreifen. Die Engländer nach der Besitzergreifung dieses weiten Gebiets haben es unternommen, sind aber gründlich mit Verlust von einem Geschütz und Waffen zurückgeschlagen worden; selbst einige Europäer sind zeitweilig gefallen und seither alle weiteren Versuche, die Gebirgsstämme unter Botmäßigkeit zu stellen, aufgegeben worden, wenigstens so lange, bis die Engländer kräftig genug sein werden, die Feinde zu Paaren zu treiben und ihre Macht zu brechen. Für jetzt ist Fort Johnston der einzige Stützpunkt, über dessen Umkreis hinaus die englische Macht aber illusorisch.

Zur Sicherheit, solange die Besatzung noch schwach war, hielt Dr. Röver seine kleine Macht im Fort, um aber in dieser entlegenen wilden Gegend nicht gänzlich des Amüsements zu entbehren, hatte er und Herr Franke sich mit einheimischen Hausthieren umgeben, als Hühner, Ziegen, Tauben und Hunden, sowie verschiedene Arten zahmer Affen. Alle diese Thiere im Fort in Freiheit gesetzt, waren es die Affen, die immer die unglaublichsten Dinge ausführten, und durch ihre Possirlichkeiten eine ganze Gesellschaft unterhalten konnten. Spielten die Hunde zusammen, waren auch bald die Affen dazwischen, sie entrissen flink und gewand, diesen ihre Spielsachen, als Stücke Zeug oder Papier, um dann damit von den Hunden verfolgt, auf einen erhöhten Gegenstand zu springen, wohin diese ihnen nicht folgen konnten. Aus dem Bereich der bellenden Hunde gekommen, kehrten die Affen diesen ihr Hintertheil zu und kratzten sich, sprangen aber sofort, sobald die Hunde sich abwandten, auf deren Rücken und die Balgerei ging von Neuem los; lief einer der Hunde, hing sich ein Affe an dessen Schwanz und ließ sich mitschleppen, bis der Hund wüthend gemacht den Affen zu fassen versuchte, aber gewand sprang dieser über und unter dem Hunde und spottete dessen Bemühen.

Wollten die Hunde sich nicht zum Spielball der unbegreiflichen Affenlaunen hergeben, begnügten die Affen sich mit den Hühnern; ganz leise heranschleichend, faßten sie die Schwanzfedern derselben und ließen sie erst los, wenn die Hühner Zeter schrien. Auch die Tauben, die auf dem Baume nisteten und sich gerne zwischen den Hühnern aufhielten, verschonten sie nicht.

Aber nicht genug damit, war niemand in der Nähe, holten die Affen sich von unserm im Freien unter dem Baume aufgeschlagenem Tische alles mögliche herab oder rissen gar das Tischtuch sammt allem was darauf war in den Sand. Wurden kleine Flaschen, Saucen, oder Pickels vermißt, konnten wir sicher sein, daß einer der Affen diese irgend wohin verschleppt hatte. Unangenehmer aber noch war es, wenn es einem der Affen einfiel in einem Zelt oder Behausung Unordnung zu schaffen; nichts war vor ihrer Neugierde sicher, und hatte ein Affe Zeit und Muße gehabt, sich mit den Habseligkeiten eines Europäers vertraut zu machen, dann ade Gemüthlichkeit, der Betroffene war zum Mindesten fuchswild und schwor dem Uebelthäter das Genick zu brechen, wenn er ihn nur hätte bekommen können!

Höchst possirlich und zum Lachen reizend, waren die Vorstellungen, häufig aber doch die Dreistigkeit der Affen lästig, stand z. B. jemand vom Stuhle auf, so lag derselbe entweder im nächsten Moment umgeworfen im Sande oder der Sitz der Feldstühle war verzerrt. An Strafen und Greifen war kaum zu denken, die Thiere sind zu gewand und schnell, sie lesen auch im Auge des Menschen was dieser für Absicht hat; kein Schmeicheln, kein Locken hilft, sobald der Affe etwas merkt, was ihm nicht geheuer scheint, und keinem gelang es, eines der Thiere zu fassen, wenn die Absicht vorlag, für ausgeführte Streiche ihnen das Fell zu gerben.

Die Arbeiten am Schiffe wurden nach der Ueberführung sogleich wieder aufgenommen und sobald die Aufrichtung der Verschanzung beendet war, konnte ich mit dem Einlegen des Decks beginnen, während Maschinenmeister Spenker mit seiner Kolonne ausschließlich die Maschine und Kessel montirte. Wochen harter rastloser Arbeit waren es, bis alles soweit vollendet, daß ich mit dem Einsetzen der Masten anfangen konnte, und ohne jegliche seemännische Unterstützung auch die Auftakelung beendete, wobei nur ein ehemaliger schwarzer Matrose mir nennenswerthe Hilfe zu leisten im Stande war.

Der Auf- und Ausbau der Kajüten, die vielen hundert Theile, die zur Ausrüstung eines Schiffes gehören, dies alles an seinen Platz gebracht, nahm auch viel Zeit in Anspruch; doch einer Arbeit, das Abdichten des Deckes, wurden wir durch die Gefälligkeit von Kapitän Robertson, der seine schwarzen Zimmerleute uns zur Verfügung stellte, überhoben. Die Ausführung aller dieser Arbeiten nach Gebühr zu beurtheilen vermag nur ein Fachmann und kann ich es füglich unterlassen in Details näher einzugehen, da hier nicht mehr wie es in Mpimbi der Fall war, große Nebenarbeiten auszuführen waren, obwohl auch diese nicht minder Besonnenheit erforderten und an Mühen gewiß kein Mangel war. Die Temperatur während der Monate Juli, August am Lande glühend heiß, wurde auf dem See theils durch das Wasser, theils durch zeitweilig abwechselnde Winde in etwas abgekühlt, namentlich wenn die frische Brise von den Bergen herabwehte. Aber auch sehr heftige Böen, die plötzlich über die sonst ruhige Wasserfläche hinfegten, wirbelten die Fluthen auf und an Deck des Schiffes, wo die Feldschmieden in Thätigkeit waren, fegte der Wind die glühenden Holzkohlen herab und versetzten die nackten Arbeiter in nicht geringer Aufregung, sobald die heißen Kohlentheilchen ihnen auf der Haut brannten.

Die Luftströmung, (Passatwinde) die vom indischen Ocean herüberwehte, wurde hier schon durch die fast parallel laufenden hohen Gebirgszüge, die den großen Nyassa-See einfassen, abgedrängt und nahm schließlich eine Süd-Nord-Richtung an, so daß die zu Zeiten sehr heftigen Winde, längs dem ganzen See fegten und die Fluthen gleich Meereswogen aufwühlten. Seltener nur in dieser Zeit, wenn für ein oder zwei Tage heftiger Nord-Ostwind geweht hatte, trat gegen die Regel, nachts keine Stille ein, sondern der Wind sprang nach Norden über, der dann die Wassermassen gegen das südliche Ufer warf, und langrollende weißköpfige Wogen brausten heran. Hätte jemals der Nordwind solche Stärke erreicht wie aus süd- und nordöstlicher Richtung, alle unsere vom Ufer bis zum Fort errichteten Bauten würden unter Wasser gesetzt und vernichtet worden sein. Schon gegen die im Verhältniß doch nur schwachen Wellen waren wir nicht imstande unsere mit Mühe hergestellte Werft, die bis zum tieferen Wasser hinausgebaut worden war, zu schützen; in den drei eingetretenen Fällen wurde diese jedesmal theils ganz oder theilweise zerstört d. h. die Sandmassen zwischen den eingerammten Pfählen wurden weggewaschen. Gleich beim ersten Auftreten dieser ungewöhnlichen Winde, mußte das Schiff weiter vom Lande verankert werden, da es durch die Wellen gehoben, den Grund berührte.

Jedesmal beim Wechsel des Mondes, Voll- oder Neumond, traten in der Atmosphäre Veränderungen ein, und zwar wehte der Passatwind, der vorher von Windstillen unterbrochen gewesen, zu diesen Zeiten stets sehr heftig auf, oder wurde durch ebenso starken Gegenwind aufgehoben. Die Wissenschaft hat in Abrede gestellt, daß auf noch so großen Binnengewässern die Erscheinung von Ebbe und Fluth möglich sei, ich kann aber auf meinen Beobachtungen fußend, die positive Behauptung aufstellen, der Nyassa-See weist zu den angeführten Perioden Fluth und Ebbe auf! Die Fluthwelle stieg und fiel während 2 bis 3 Tagen regelmäßig, das Niveau des Sees am Südufer hob und senkte sich 6 Zoll in 12 Stunden, es trat die Fluth stets um 3/4 Stunden später ein, und zwar in dem Verhältniß später, als der Mond um diesen Zeitunterschied später im Zenith eintrat; nur das Auffallende war bei dieser Erscheinung, daß, wenn der Zeitpunkt des direkten Zusammenwirkens von Sonne und Mond gekommen, erst genau sechs Stunden später Hochwasser war, also eine Verspätung eintrat, die ihre Erklärung darin finden würde, daß die bekannte Einwirkung der Sonne und namentlich die des Mondes auf der Erdoberfläche, die Wassermassen des unergründeten Sees in der Mitte, wo derselbe die größte Breite hat, aufhielte und deren Zurückfluthen dann, namentlich am Südende, die Fluthwelle erzeugte, um wiederum nach Verlauf von 6 Stunden Ebbe eintreten zu lassen.