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Part 42

Major von Wißmann folgte der Einladung Jumbes und stattete diesem einen Besuch in dessen Barasa (Behausung) ab, eigentlich nur um sich dieses Nest Kota-Kota mal näher anzusehen. Jumbe aber, der diese Ehre zu schätzen wußte, hatte seine gesammte Kriegsmacht aufgeboten, an die 3000 Mann, und ließ die beliebten Kriegstänze aufführen. Ein wilder Tumult ist es gewesen, den die durch den Tanz halb unsinnig gewordene Menge verursachte, fortwährendes Schießen mit alten Donnerbüchsen, wildes Geheul, Ngomaschlagen etc.; es konnte einem Zuschauer der Appetit vergehen, namentlich, wenn Hunderte zugleich mit gesenkten Speeren einherstürmten und erst wie eine wilde Fluth plötzlich standen und zurückwallten, wenn die Speere fast den Zuschauer berührten. Kaltes Blut, ein fester Blick und keine Furcht bei solchem eigenartigen Spiel ist es, was den Kriegern an dem Fremden imponirt, der desto höher in ihrer Achtung steigt je ruhiger er dem unvermeidlichen Tod entgegen sieht, wenn das Spiel mit solchen gefährlichen Waffen ernst gemeint wäre. Gut thut man auch, solchen Schauspielen bald den Rücken zu kehren, ist der Gast auch sicher und würde ihm kein Haar gekrümmt werden, so kann man doch der unberechenbaren Leidenschaft solcher Krieger nicht vertrauen.

Eine fruchtbare gut bewässerte Ebene ist es, die hinter Kota-Kota zwischen den Flüssen Chamimbe, Chukapulu und Chiningola bis zum hohen Gebirge sich ausbreitet, gut bebaute Schamben, Reisfelder etc. bestätigen dies, auch heiße Schwefelquellen südlich von Kota-Kota entquellen dem Boden, deren Werth keiner zu schätzen weiß. An der flachen Küste nach Bandawe zu, muß ich einen Ort in der Marenga-Sanga-Bucht erwähnen, den ich später öfter, um dort Holz zu kaufen, anlief. Ein felsiger Bergkegel, mit zerstreuten Rocks umgeben, hebt sich am sandigen Rande der Ebene, zerklüftet und zersprengt, gleich einem Wartthurm von seiner Umgebung ab, hinter diesem auf flachem Grund, getrennt durch einen Wasserarm, befindet sich erst das Dorf des Häuptlings Mbiwis. Einen ungesunderen, schmutzigeren Ort als dieses Dorf habe ich kaum je angetroffen, schon das morastige Wasser, schwarz und übelriechend, über welches ich mit einem elenden Kanoe gesetzt wurde, verpestet die Luft. Zur Berathungshütte gekommen, fand ich um diese eine ganze Zahl mit allerlei Gebrechen behaftete Kranke auch Krüppel vor; da ich dies nicht erwartet hatte, weil ich eigentlich etwas anderes erforschen wollte, wurde mir auf meine Frage, was diese wollen, gesagt, der weiße Mann habe Dhaua (gute Medizin) die jedem helfen würde und ich möchte ihnen doch helfen und solche geben.

Ich sah mir auch die mit scheußlichen Wunden Behafteten an, fand bei einigen Elephantiasis und vollständig vertrocknete Gliedmaßen vor -- doch was konnte ich dagegen thun? Absolut nichts. -- Die offenen Wunden waren meistens durch irgend eine Verletzung entstanden, durch Unreinlichkeit und namentlich durch die schrecklichen Fliegen entzündet und sehr schlimm geworden, so daß bei den meisten schon Knochenfraß eingetreten war. Um nun aber doch nicht achselzuckend mich abzuwenden, weil jede Hilfe unmöglich war, ließ ich diesen Unglücklichen wenigstens sagen, was sie thun sollten. Durch den Dolmetscher rieth ich ihnen, die Wunden jeden Abend und Morgen mit warmen Wasser auszuwaschen und solche immer mit dem Zeuge, das ich geben werde, gut verbunden zu halten. Keine Fliege noch Schmutz darf hineinkommen, wenn sie dieses thun, werden die Schmerzen abnehmen. Ich zeigte ihnen darauf, wie sie es zu machen hatten und ließ die Elendsten sogleich von deren Angehörigen reinigen, mit herbeigeschafften Carbolwasser die Wunden auswaschen und dann verband ich sie. Auch wies ich sie an, zu den weißen Männern nach Bandawe zu gehen, das von hier nicht so weit entfernt ist, dort finden sie Hilfe, wenn sie thäten was der Msungu ihnen sagt. Dr. Elmslie, dem ich den Zustand in diesem Dorfe gelegentlich mittheilte, war aber mit mir auch der Ansicht, daß sie erst die Hilfe des Europäers suchen werden, wenn ihre Medizinmänner durch Beschwören und anderen Hokus-Pokus sie nicht mehr helfen können, überhaupt jede Hilfe zu spät ist -- auch werden sie keinen Rath genau befolgen und darum meistens elend zu Grunde gehen.

Tintatsche, etwa eine Stunde oberhalb Bandawe gelegen, ist das Hauptdorf der Atonga und ist der Ort, wo wir unsere Arbeiter sowohl, als auch die von der englischen Administration gewünschten, anwarben; auch an anderen Orten, wenn sich welche meldeten, nahm ich solche mit, die gewillt waren einen halbjährlichen Kontrakt einzugehen, denn zu Zeiten war der Arbeitermangel im Schirehochland sehr fühlbar und daher jeder Mann den Engländern willkommen, die gerne die Passage und Unkosten bezahlten. Jedesmal, wenn ich vor Tintatsche vor Anker ging, war der Andrang der Atonga groß und ein sehr bewegtes Leben entfaltete sich bei solcher Anwerbung auf und um dem Schiffe, eine Flottille von Kanoes fuhr beständig ab und zu und brachte immer neue Bewerber, namentlich halbwüchsige Jungens priesen sich in großer Zahl an, die aber zurückgewiesen werden mußten. Ergötzliche Scenen spielten sich auch ab, wenn im Gedränge mehrere dieser leichten Fahrzeuge kenterten; aber ob im Wasser oder im schwankenden Kanoe, blieb diesen lustigen Naturkindern einerlei.

Ein Höllenspektakel ist natürlich dabei unausbleiblich, auch werden die Leute leicht zudringlich; einmal machten sie mir den Spaß denn doch zu bunt, und die dumpfheulende Dampfpfeife ertönen lassend, hatte der laute Schall einen wunderbaren Effekt, wo sie auch standen, hoch oder niedrig, im Nu waren sie über Bord gesprungen und suchten das Weite.

Die Küstenstrecke von Kap Chirombo bis Mschewere, etwa 90 englische Meilen, ist nun wieder eine steil anstrebende, gewaltige Bergmasse, unterbrochen von tiefen Schluchten, als der Uziza-Bucht, Neu-Helgoland gegenüber, der Benzantze-Bai 11° 7´ S. Br., der Pankanja-Bucht und Deep-Bai, letztere ein gewaltiger NN.-W. in das Land eindringender tiefer Busen. Hier speziell sind die Gebirgsmassen getrennt, als habe ein verheerender Strom die Felsen weggefegt und vernichtet, so erscheint vom Hochlande her ein geebnetes Bett herunter gegraben zu sein, nur langgestreckte, runde Hügelkuppen erheben sich in demselben, gleich starren mächtigen Wogen. Ueberreste sind der Pankanga-Kegel und Trümmermassen als die Mtawale-Insel und weit vom Lande abliegende Rocks. Keinen Schutz bietet die nach Süden offene tiefe Bai, ganz dicht unter Land ist erst Ankergrund zu finden, auch wird es für ein Schiff unmöglich, sich gegen die zu Zeiten einlaufende schwere See dort zu halten. Geeigneter ist die nur wenige Meilen nördlicher, der Amelia-Bai gegenüberliegende Pankanga-Bucht, die nördlichste englische Militärstation; wenigstens ein guter Ankergrund ist in dieser zu finden, und brandet auch oft die See vom heftigen Ostwind hineingetrieben über die Steine und Felsen, die überall umhergestreut liegen, sodaß ein Landen fast unmöglich ist, liegt ein Schiff doch weit genug vom Lande und mit guten Ankern sicher genug. Eine besonders auffallende Form zeigt der Mont Waller, Peri oder Mjonce genannt, der das Kap Nikuru 10° 43´ S. Br. bildet, und an den hohen Gebirgsstock sich anlehnt; nahezu 3000´ hoch, scheint derselbe terrassenförmig aufgethürmt worden zu sein, wenigstens liegt dazu die Vermuthung nahe, als derselbe nicht mit den massiven Felsenmassen eng verbunden ist und eine andere Zusammensetzung des Gesteins aufweist.

Nach der werthvollen Steinkohle ist schon vielfach in den Nyassa-Ländern geforscht worden, bis jetzt aber vergeblich und fragt es sich, ob nicht Mont Waller solchen Schatz bergen sollte. Mir sind vom Agenten der Station Pankanga Mr. Crawshay große auf der Oberfläche des Berges gefundene Stücke gezeigt worden, wonach anzunehmen wäre, wenn, wie es den Anschein hatte, diese Stücke wirkliche Kohle war, ein Abbau möchte vielleicht lohnend sein, indes schon die ganze Bildung der Gesteinmassen läßt die Annahme, daß möglicher Weise compacte Kohlenlager gefunden werden könnten, unwahrscheinlich erscheinen, als unter den Granitmassen der mächtigen Gebirge alles andere nur nicht Kohle zu vermuthen ist, und müßte Mont Waller in Form und Bildung so verschieden eine Ausnahme machen. Abzuwarten bleibt, ob an Ort und Stelle, wenn erst ernstlich an eine genaue Untersuchung herangegangen wird, bessere Kohle, als die mit Gestein stark durchsetzten Beweisstücke ergaben, gefunden wird, welchen Versuch man aber wohl erst dann unternehmen wird, wenn das Brennholz für die Schiffe schwerer zu erlangen ist; vorläufig, so lange die Höhen dicht mit Baum und Busch bestanden sind, ist Mangel an Holz ausgeschlossen.

Als wir am 15. Oktober nach Langenburg zurückgekehrt waren, hatte Major von Wißmann erwartet, die Herren Wyncken und Lieutenant Prince, die auf eine Expedition nach dem Sultan Marara schon längere Zeit abwesend waren, bestimmt anzutreffen, da er die Station an das Reich übergeben und seine Heimreise baldmöglichst anzutreten gedachte. Wider Erwarten war dies nicht der Fall und erst 5 Tage später traf die Abtheilung in Langenburg ein, aufgehalten am Wege durch die nothwendige Erstürmung einer Boma, die ein den Deutschen und Marara feindlich gesinnter Häuptling besetzt hielt.

In den Morgenstunden unter Kanonensalut von Fort und Schiff, der aufmarschirten, präsentirenden Sudanesenkompagnie wurde die deutsche Reichsflagge im Fort gehißt, und weithin hallte das Hoch auf den deutschen Kaiser. Darauf lichtete H. v. Wißmann sofort die Anker und der Kanonendonner von Fort Langenburg grüßte zum letzten Male den scheidenden Führer, der seine schwere Aufgabe und sein Werk so glänzend beendet hatte.

Einen großen, kühnen Plan, der leider nicht in Erfüllung gehen sollte, hatte Major von Wißmann gehegt, nämlich: den Rachezug gegen die Wahehe, die bisher ungestraft sich ihres Ueberfalls und der Vernichtung der Zelewkischen Expedition noch immer rühmen konnten, wollte der Major von hier aus mit seiner kampfgeübten Truppe ins Werk setzen. Die zahlreichen Stämme auf dem Livingstone-Gebirge, vor allem die Wagwangwara sollten südwärts in das feindliche Gebiet einfallen, auch Marara, unser Aliirte und früherer Sultan der mächtigen Wahehe, war bereit, mit tausenden seiner Krieger vorzugehen, und die deutsche Besatzung Taboras von Norden heranziehend, erübrigte es nur noch, das ebenfalls von der Küste aus über Mpwapwa und Kilwa starke Kolonnen zum Angriff vorgingen und das schönste Kesseltreiben wäre fertig gewesen -- dieser großartige Plan aber, der unter Führung des Majors zur vollständigen Unterwerfung der Wahehe geführt hätte, kam jedoch nicht zur Ausführung. Auch andere Vortheile wären uns aus solchem gemeinsamen Vorstoß erwachsen, z. B. würde das Ansehen der deutschen Macht mit einem Schlage gehoben worden sein; die Völker hätten nicht nur unsere überlegenen Waffen, sondern auch die zielbewußte Führung gesehen und selbst als unsere Bundesgenossen uns fürchten gelernt. Die voraussichtlich kommenden Kämpfe, wenn die Gebirgstämme sich gegen die Autorität der deutschen Macht später auflehnen werden, würden unterbleiben und minder heftig sein, die Folge wird sein, daß sie nun erst an sich selbst erfahren, wie Widerstand und Rebellion gestraft wird. Zwar hat Seine Excellenz Freiherr v. Schele den Wahehe später eine exemplarische Lektion ertheilt, ihre stärkste Veste gestürmt und zerstört, allein sie werden sich schwerlich fügen lernen und uns noch viel zu schaffen machen. Ueber Karonga südwärts laufend, ankerten wir am Abend des 23. Oktober zwischen den Felsenroks unterhalb Panganga, vor der Insel Mtawale; hier aber dem heftigen Ostwind und der schweren See ausgesetzt, war es eine schlimme Nacht, die wir verbringen mußten. Am nächsten Morgen wurden wir durch die breitseits anrollenden Wogen, die das Schiff überspülten, gezwungen, den Kurs zu ändern um unter der Ostküste Schutz zu suchen, und so erreichten wir über Likoma, Msumba, Monkey-Bai am 29. Port Maguire.

Da die neue Station am Schire nun bald beendet war, befahl der Major, Fort Maguire zu demoliren, und schon nach zwei Tagen war der Ort, der so lange uns Schutz und Aufenthalt gegeben, nur noch ein Trümmerhaufen. Am 31. Oktober 1893, nachdem nun auch der »H. v. Wißmann« dem Reiche übergeben und die Flagge gewechselt worden war, verließ Major v. Wißmann unter dem Salut der Schiffsgeschütze den deutschen Boden, das Hurrah der Besatzung war den Scheidenden der letzte Gruß!

So hatten denn nun auch die letzten Theilnehmer der großen Expedition Abschied genommen, der Major, Dr. Bumiller, de la Fremoire und Franke -- die Schaar der schwarzen Kämpfer war gelichtet und mancher brave Soldat vom Feinde oder dem tückischen Fieber hingerafft, ruhte in fremder Erde, und doch sollte schon nach wenigen Tagen einer der Bravsten, der tollkühn oft im Kampfe den feindlichen Kugeln sich preisgegeben und unerschrocken dem Tode so oft ins Auge geschaut hatte, rasch und unerwartet hingerafft werden. Der Vetter des Majors von Wißmann, de la Fremoire, gesund und hoffnungsfroh, lag, ehe noch Matope erreicht worden war, sterbend darnieder. Schnell erlöste ihn der Tod und er fand die Ruhe und ein einsam Grab am Waldesrand hinter Matope -- sein Andenken wird aber in allen denen fortleben, die ihn lange Jahre als einen tapfern, lieben Kameraden gekannt und schätzen gelernt haben.

In nun neue Verhältnisse und mit dem Schiffe in Reichsdienst übergetreten, machte ich mit dem H. v. Wißmann noch manche Reise, den Nyassa-See kreuz und quer durchziehend; viel Interessantes fand ich an manchen Orten und widmete meine Aufmerksamkeit namentlich der Beschaffenheit des Sees und seiner umwohnenden Bevölkerung. Ueber letztere will ich, so weit meine Erkundigungen und Nachfragen vornehmlich bei den Missionaren genau genug sind, einiges über deren Sitten und Gebräuchen sagen, vorher aber bemerken, daß das, was ich in kurzer Schilderung erwähne, nur ein Bruchtheil dessen ist, was eigentlich über die Völker der Nyassa-Länder gesagt und geschrieben werden könnte, auch ziehe ich es vor, nur das anzuführen, was ich aus eigener Erfahrung und Urtheil kennen gelernt habe, sowie was mir von Männern verbürgt worden ist, die inmitten dieser Völker schon lang leben und gewiß sich ein maßgebendes Urtheil angeeignet haben.

Zulustämme im eigentlichen Sinne, wie verschieden auch ihre Namen, sind heute vorwiegend die Bewohner der Nyassa-Länder; an Zahl groß und gleich allen Zulus kriegerischen Sinnes, haben sie die Urbevölkerung verdrängt oder vernichtet und sich in den reichen Gebieten des Gebirgslandes festgesetzt. Natürlich hat die allmählige Eroberung und Besitznahme nicht damit ihren Abschluß gefunden, vielmehr nachdrängende Stämme vertrieben die ersten wieder oder solche besiegt, gingen in den stärkeren schließlich auf. Ein periodisches Wandern, Verdrängen und beständiges Kämpfen um den Besitz ist auch heute noch Gebrauch und aus Erzählungen älterer Eingeborenen kann man entnehmen, wie hart und heiß von vielen Häuptlingen um einen beneideten Besitz gestritten wurde, ehe z. B. die Ngoni sich das ganze westliche Land erobert hatten.

Was Gebräuche und Sitten anbetrifft, worauf ich speziell eingehen werde, so ist für diese ein gleicher Ursprung anzunehmen, als fast alle Stämme des Nyassa-Hochlandes gemeinsamer Abstammung sind. Das Familienleben vor allem, bei zivilisirten Völkern die stärkste Stütze eines Staates, weicht hier weit von der christlichen Auffassung über solches ab und namentlich die Ehe wird bei diesen Völkern ganz anders beurtheilt, nicht in dem Sinne wie wir sie aufzufassen gewohnt sind. Leicht löslich von Seiten des Mannes, ist die Ehe meistens nur ein Uebereinkommen, oft ohne eine besondere Zuneigung von Seiten der Frau, was der Fall, wenn der Mann ein Polygamist ist und schon mehrere Frauen hat. Die Vielweiberei ist jedem gestattet, der imstande ist, der erwählten Schwiegermutter, vor allem deren Bruder, das eigentliche Haupt einer Familie (der Vater hat kein Verfügungsrecht über seine Töchter), das übliche Brautgeschenk, bestehend in Zeug, Ziegen etc., zu machen, auch sich verpflichtet, von Zeit zu Zeit bei der Ernte oder einem Hausbau zu helfen. Polygamie wird in dem Sinne als zu Recht bestehend angesehen, als dadurch der Mann zurückgehalten wird, Ehebruch zu begehen, der hingegen für eine überführte Frau meistens verhängnißvoll ausfällt. Nach der Verheirathung mit einer dritten oder vierten Frau lebt der Mann zunächst mit dieser längere Zeit, dann aber verläßt er sie, um bei einer andern zu wohnen und ist er dieser auch überdrüssig, kehrt er zurück, oder geht die Reihe herum, so daß außer der einen, bei welcher er sich aufhält, die anderen angewiesen sind, sich von ihren Blutsverwandten unterhalten zu lassen. Die nun so allein und unbewachten Frauen erliegen sehr oft der Versuchung sich schadlos zu halten und schenken einem Verführer nur zu willig Gehör, obwohl sie wissen, daß eine Entdeckung für beide Theile schlimme Folgen haben kann. Nur zu oft, und das ist das Verwerflichste bei solcher Polygamie, beschuldigt mit und ohne Grund der nach langer Abwesenheit zu einer seiner Frauen zurückkehrende Mann diese des Ehebruchs. Selten wird die Frau, außer wenn sie überführt ist, eingestehen, sich vergangen zu haben; doch auf bloße Verdachtsgründe hin steht dem Ehemann das Recht zu (wir würden es einfach als vorsätzlichen Mord bezeichnen) seine Frau zu zwingen, »pande« Gift zu trinken. Giebt sie es wieder von sich und bleibt am Leben, wird sie als unschuldig angesehen, stirbt sie aber und ihre Unschuld wird nachgewiesen, tritt häufig von seiten ihrer Verwandten die Wiedervergeltung ein, die dann für den Mann gewöhnlich von schlimmen Folgen begleitet ist.

Fällt bei solcher Beschuldigung der brutale Zwang fort und handelt der Mann in Uebereinstimmung mit den Verwandten seiner Frau, wird einem Hunde oder Huhn »pande« gegeben. Bricht solches Thier das Gift wieder aus, wird die Anklage als falsch angesehen, stirbt es aber, bekennt die Frau ihre Schuld und nennt auch vielleicht den Verführer, ob sie aber wirklich schuldig ist oder nicht, gegen das Ergebniß eines solchen Urtheils giebt es keinen Widerspruch. In solchem Falle, wenn durch Vergiftung ein Thier stirbt, also die Schuld erwiesen ist, beansprucht noch der Mann eine Entschädigung, welche die Verwandten seiner Frau aufzubringen haben -- er erhält meistens das Brautgeschenk zurück -- was dann gleichbedeutend mit einer Scheidung ist; wird hingegen solche nicht gegeben oder verlangt, erhält die Frau eine schwere körperliche Züchtigung.

Um eine Scheidung herbeizuführen bedarf es aber nicht immer so triftiger, oft gewiß frivoler Gründe, es genügt auch, wenn der Mann erklärt, daß dies oder jenes Weib ihm überdrüssig ist; auch machen sich die betroffenen Frauen nicht viel Kopfzerbrechen darüber, welche Gründe den Mann veranlaßt haben, sie verlassen zu wollen, vielmehr ist ihnen eine Veränderung häufig willkommen, da gemeinhin einer geschiedenen Frau die Wiederverheirathung gestattet ist; nur in Fällen, wenn sie fürchten müssen, begangene Untreue könnte nachgewiesen werden und sie würden, solche leugnend, gezwungen »pande« zu trinken, nehmen sie die Sache durchaus nicht so leicht. Von gegenseitiger Zuneigung kann daher, weil die Sitte der Polygamie kein rechtes Familienleben möglich macht, keine Rede sein oder doch nur in den seltensten Fällen. Hingegen auf solche Art verlassene Häuptlingsfrauen, denen das Recht der Wiederverheirathung genommen ist, zeigen sich viel erregter und untröstlicher. Ein großes soziales Uebel ist die Polygamie wohl bei allen afrikanischen Völkern und hindert wesentlich die Verbreitung des Christenthums, weil dieses der eingewurzelten Unsitte entgegen treten muß.

Der verbrecherischen Sitte, den Gifttrank, den im Verdacht der Untreue stehenden Weibern, aufzuzwingen, kann leider nicht entgegen getreten werden, aus dem Grunde schon, weil noch die Macht der Europäer in diesem ganzen großen Gebiete so gut wie belanglos ist und bekannt gewordene Fälle der strafenden Gerechtigkeit unerreichbar sind. Auf den Inseln Likoma und Kissimulu allein, wo englische Gerichtsbarkeit eingreifen konnte, wurden zwei Uebelthäter erfaßt. In dem einem Falle war ein Mädchen gezwungen worden »pande« zu trinken und, da es als unschuldig befunden wurde, zahlte der Ankläger die übliche Strafe, in dem anderen wurde das Gift einem Hunde eingegeben. Beide Anstifter hatten aber ihre That mit mehrmonatlicher harter Gefängnißstrafe zu büßen, was, da die Strafe solchen unbegründeten Anschuldigungen auf dem Fuße folgte bei der Bevölkerung einen nachhaltigen Eindruck machte.

Obgleich diese Volksstämme in moralischer Hinsicht auf eine tiefe Stufe stehen, ist doch in ihnen das Bewußtsein lebendig, daß Unmoralität Uebels im Gefolge haben kann, z. B. ist die Ansicht bei den meisten Stämmen, als Angoni, Atonga, Tumbuka, Chewa und andere vorherrschend, daß je nachdem in einem Dorfe mehr oder weniger Ehebrecher wohnen, die Bewohner, im Falle einer ausgebrochenen Pockenepedemie, auch demgemäß von der Seuche befallen und weggerafft werden. Ein Dorf von dem gesagt wird, es ist »ufudumele« (warm) hat einen schlechten Ruf d. h. alle die erkranken sterben auch, »umakaza« (kalt) aber ist ein solches, in welchem die Seuche wenige Opfer fordert. Nach dem Glauben der Angoni hassen sich Ehebruch und Pocken und wer solches Vergehen begangen hat stirbt durch die Pocken oder andere für ihn. Betritt ein Ehebrecher eine Hütte in welcher Erkrankte liegen, müssen diese sterben; es wird gesagt, derselbe ist mit Feuer eingetreten. Zutritt zu einem Pocken-Kranken haben nur dessen nächste Anverwandte, versucht hingegen ein mit solchem Vergehen Beschuldigter diesem dennoch nahe zu kommen, wird angenommen er habe es absichtlich gethan und der Eintritt wird ihm eventuell mit Gewalt verweigert. Erkranken in einer Familie mehrere, werden die noch Gesunden beschuldigt, sich vergangen zu haben, denn der Glaube, für andere leiden und sterben zu müssen, ist zu tief eingewurzelt, als daß er erschüttert werden könnte.

Die in Europa mit vollem Recht verpönte Sklaverei, die zu unterdrücken die zivilisirten Völker sich verbunden haben, ist den meisten Laien doch nur als ein verabscheuungswürdiger Handel bekannt, unternommen von arabischen Händlern, deren Horden, vornehmlich durch plötzlichen Ueberfall, wehrlose Stämme und Dörfer vernichten und die eingefangenen Menschen gleich dem Vieh zur oft fernen Küste treiben. Weniger bekannt sind die Ursachen, um welcher willen häufig Eltern ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen, Freie und Häuptlinge bestrebt sind sich durch den Menschenhandel zu bereichern. Weit verbreitet über Afrika ist diese Unsitte, speziell aber will ich hier anführen wie sich die Völkerstämme des Nyassa-Hochlandes hierzu verhalten!

Der friedlichen Arbeit, dem ehrlichen Handel abhold, sind es namentlich die Jav's und Wagwangwara an der Ostküste des Nyassa-Sees, die den Menschenhandel mit Vorliebe betreiben und denen jedes Mittel recht ist, wenn sie nur Sklaven erlangen und erwerben können. Schutz- und rechtlos ist in diesen Ländern der Schwächere und der Willkür des Stärkeren preisgegeben, so z. B. gelüstet es oft einem Häuptling auf Menschenraub auszugehen, ein fremdes Dorf im nächtlichen Ueberfall auszurauben oder sich der arglos auf den Feldern arbeitenden Bewohner zu bemächtigen. Gelingt der Ueberfall oder Raub, werden die Gefangenen schleunigst hinweggeführt, und ehe vielleicht Hilfe nahen könnte sind sie aus dem Bereich ihrer Freunde. Wohl wissend, das die Ueberfallenen zu schwach sind, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, lassen sich die Räuber mitunter später auf Unterhandlungen ein und geben die Gefangenen gegen ein entsprechendes Lösegeld, Ochsen oder Ziegen, wieder frei; war es jedoch auf Sklaven abgesehen, weisen sie dieses zurück und dann bleibt nichts anderes übrig als die gefangenen Männer durch Knaben auszulösen. Die betroffenen Familien müssen zunächst einen der Ihrigen zu veranlassen suchen für den Vater, Onkel etc. in die Sklaverei zu gehen.

Gewöhnlich trifft das Loos solche, die eine Sklavin zur Mutter haben, trotzdem sie ebenso gut Blutsverwandte der Geraubten sind, wie die Kinder einer freien Frau, einer aber muß gehen und die bittere Nothwendigkeit zwingt die unfreie Mutter ihr Kind zuerst wegzugeben. Ist eine Familie aber nicht imstande solches Opfer zu bringen, findet sich meistens doch jemand der für ein Stück Rind etc. einen Sklaven hergiebt; unerläßlich jedoch wird solch Lösegeld, wenn es gilt einen Häuptling oder sonst Angesehenen des Stammes wieder zu befreien. Gewiß wird man in solcher Handlungsweise große Herzlosigkeit sehen können, aber die Familienbande durch Polygamie, durch die überall zu Recht bestehenden Sklaverei gelockert, werden solche Opfer nicht allzuhoch veranschlagt und vorherrschend ist die Anschauung, daß es besser ist große Opfer zu bringen, als sich der erwachsenen Männer berauben zu lassen. Solche Räubereien, so häufig sie auch vorkommen, geben den Ueberfallenen wenigstens Gelegenheit sich ihrer Haut zu wehren und werden einzelne auch hinweggeführt leiden dadurch doch nicht alle; andere Fälle aber sind ernster, und schlimm steht es erst, wenn heimtückische Feinde vor der Ernte die Felder zerstören oder verwüsten und die Bewohner eines Dorfes verhindern sich Nahrung zu suchen; unerbittlich zieht dann der Hunger ein und überliefert die Einwohner auf Gnade oder Ungnade ihren Feinden. Solches Treiben mächtigerer Stämme bringt über ganze Distrikte häufig genug Noth und Elend; schlimmer aber noch ist es, wenn eine allgemeine Hungersnoth eintritt, dann wandern wankende Gestalten viele Meilen, um nach den Masukafrüchten zu suchen, die neben oft giftigen Wurzeln und anderen Pflanzen die einzige Nahrung bilden. Von solchem harten Loos werden häufiger die Stämme an den Ufern des Nyassa-See's heimgesucht, weniger die im Hochland wohnenden, und wenn dann die Noth am höchsten gestiegen ist, kommen, um nur ein Beispiel anzuführen, die Yao's zur Küste mit Waffen und geringem Vorrath und geben namentlich den hungernden Kindern ein wenig zu essen, verlangen aber, wenn solches Almosen angenommen wird, sofortige Bezahlung dafür und, da die Halbverhungerten absolut nichts zu geben haben, führen sie solche mit sich in die Sklaverei.